101. Kapitel – Liebeskummer zu Weihnachten

Elie ist seit gestern nicht mehr ansprechbar. Was sich seit einigen Wochen bereits abgezeichnet hatte, ist nun offiziel: Anna und Angelo sind ein Paar. Und Elie weiss nicht, wohin mit seinem Liebeskummer.

Kluge Sprüche wie „Es gibt doch so viele andere nette Dino-Mädchen!“ sparen Anatol und ich uns. Helfen kann Elie im Moment gar nichts – und schon gar kein gutes Zureden. Schließlich hatte Elie jeden freien Moment mit Anna verbracht, und auch bereits die kommenden Weihnachtstage heimlich verplant, um mit ihr zusammen zu sein. Für Elie ist das seine gesamte Zukunft – und dementsprechend groß ist seine Verzweiflung.

„Ich backe jetzt eine Cornish Pasty.“ kündigt Anatol an. „Du brauchst jetzt was richtig Kräftiges, um Dich wieder auf die Beine zu bringen, Elie.“  Elie schüttelt den Kopf. „Ich esse nichts.“

„Wir werden ja sehen. Ich backe jetzt. Irgendetwas musst Du schließlich essen.“ Und zu mir gewandt „Nimm ihm die Ingeborg Bachmann Gedichte weg. Das kann ihm jetzt nicht gut tun.“

Ich trete näher an Elies Versteck heran und sehe mit Bestürzung, dass Elie sich ein regelrechtes literarisches Liebeskummer-Arsenal angelegt hat: „Die gestundete Zeit“ und „Die Anrufung des Großen Bären“ von Ingeborg Bachmann, Gedichte von Erich Fried, Anna Achmatowa … Goethes „Werther“. Als ich darauf hinweise, dass dies kein Schriftgut sei, das Elie jetzt aufbauen werde, ernte ich als einzige Antwort ein wütendes Knurren.

‚Wer sich noch wehren kann, hat sich nicht aufgegeben‘, sage ich mir, und lasse Elie in seiner Melancholie versinken. Es gibt, Momente, in denen das sein muss. Dennoch nehme ich mir vor, besonders die Lektüre des „Werther“ genau zu überwachen.

IMG_3296Anatol hat sich währenddessen in der Küche an den Backutensilien zu schaffen gemacht. Der Teig für die Cornish Pasty ist fast fertig – Anatol hat eine vegane Variante der englischen Delikatesse entwickelt. Das Rezept stammt urspünglich von der gestrengen „Cornish Pasty Association„; diese wacht darüber, dass die Cornish Pasty in ihrer originären Form erhalten bleibt und keiner modernen Geschmacksverirrung zum Opfer fällt.

Der Teig der Pasty wird aus Brotmehl (Anatol nimmt recht dunkles Dinkel-Vollkornmehl), Margarine, Salz und Wasser hergestellt und gut geknetet. Dann kommt er für mehrere Stunden in den Kühlschrank, wo er ruhen muss. Diese Etappe sparen wir uns heute, da nicht genügend Zeit dafür ist. Normalerweise sollte der Teig aber etwa 3 Stunden im Kühlschrank bleiben.

Nun schneidet Anatol einen Kohlrabi, eine große Kartoffel und eine Schalotte in winzige Würfelchen, und salzt und pfeffert das Gemisch großzügig. Dann rollt er den Pasty-Teig aus und gibt das Gemüse sowie etwas Sojajoghurt darauf.

Plötzlich schlägt sich der Butler mit der flachen Hand gegen die Stirn. „Ich Esel!“ ruft er ungehalten. Und an mich gerichtet: „Oder vielmehr – DU Esel! Warum hast Du die Pastinake vergessen? Die wollte ich in die Pasty tun, um zu probieren, ob wir damit das Rindfleisch ersetzen können!“ Ich gehe auf die Provokation nicht ein und bemerke nur ruhig „Dann müssen wir die Pastinake eben nächstes Mal versuchen, Anatol“.

Der Butler zischt „Ja, das müssen wir wohl.“ Zum Glück lässt er es dabei bewenden. In die Cornish Pasty kommt traditionell gewürfeltes Rindfleisch – aber für uns als Vegetarierer bzw. Veganer ist das natürlich ein No Go.

Der nächste Schritt besteht darin, den Teig „umzuklappen“ und eine Art Pastete daraus zu formen. Dies ist ein heikler Moment, da der Teig nicht einreissen darf. Anatol gelingt dies heute glücklicherweise ohne Probleme.

IMG_3297Danach wird ein hübscher Rand um die Pasty geknetet und die Pasty so ganz geschlossen. Zum Schluss piekst Anatol ein kleines Loch oben in die Pasty, damit beim Backen der Dampf entweichen kann – sonst platzt die Pasty an einer ungünstigen Stelle auf, was natürlich nicht gewünscht ist.

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Anatol hat den Backofen bereits auf 210°C vorgeheizt. In diesen wird die Pasty nun geschoben – um dort eine ganze Stunde zu backen.

Wir sind gespannt auf das Ergebnis.

Eine Stunde später klingelt der Backofen – die Pasty ist fertig. Anatol ist stolz auf sein Werk.

IMG_3299IMG_3300IMG_3301Die Pasty ist köstlich. Wir hoffen, dass wir Elie werden überreden können, zumindest ein kleines Stückchen zu probieren.

100. Kapitel – Weihnachts-vorbereitungen

Leise fluchend rumort Anatol in der Küche – er durchwühlt den Küchenschrank. Irgendetwas ist nicht nach dem Geschmack des Butlers, und ich gehe davon aus, dass er es mir bald mitteilen wird.

„Wir haben keinerlei Weihnachtsgewürze mehr! NICHTS ist mehr da – dabei solltest Du letzte Woche doch Gewürze bei Ewert bestellen! Wie soll ich nun die Weihnachtsplätzchen backen?“ schimpft der Saurier. „Du hast das vergessen – gibs zu!“

Betreten sehe ich zu Boden. Wie soll ich es erklären? Ich habe die Bestellung bei Ewert nicht vergessen – ich habe sie absichtlich nicht getätigt. Eine Gewürzbestellung bedeutet Plätzchen backen, und Plätzchen backen heisst Plätzchen essen. Dies wiederum ist gleichbedeutend mit dem häßlichen Wort „Kilogramm“.

Ich hatte mich daher heimlich entschlossen, dieses Jahr keine Gewürze zu ordern. Ohne Gewürze keine Plätzchen – und das ist gut so. Im Büro und bei Freunden wird man ja sowieso mit Weihnachtsgebäck versorgt … wozu muss dann die Versuchung auch noch daheim zugegen sein – dort, wo man ihr am hilflosesten ausgeliefert ist?

Der Butler ist außer sich vor Zorn. „Weil DU dich bei den Plätzchen nicht ein klein wenig zurückhalten kannst, sollen wir nun alle keine bekommen? Das schlägt dem Fass den Boden aus!“ zetert das Untier.

Unerwarteterweise bekomme ich Unterstützung von Elie. „Anatol, wir essen doch sowieso schon den ganzen Tag über Weihnachtssüßigkeiten. Anna backt die leckeren Bredele, und von Angelo kriegen wir diesen tollen Pannetone, den seine Eltern immer in Mailand bestellen. Meine Hose zwickt schon, und ich würde ehrlich gesagt gern wieder etwas abnehmen …“

Beleidigt knallt Anatol die Tür des Küchenschranks zu. „Dann gibt es eben dieses Jahr keine selbstgebackenen Plätzchen! Wenn die Euch sowieso nur fett machen!“ Der letzte Satz geht in einem Schluchzen unter – Anatol beginnt zu weinen. Offenbar hat ihn unsere Plätzchen-Diät tiefer getroffen, als ich das für möglich gehalten hätte.

Elie ist bestürzt. „Anatol, Deine Plätzchen sind einsame Spitzenklasse! Sie sind so gut, dass wir nicht mehr aufhören können, zu essen, wenn sie erst einmal dastehen … Wenn sie uns nicht so gut schmecken würden, müssten wir uns wohl nicht fürchten, davon zuzunehmen…“ beeilt er sich, zu erklären.

Ich pflichte Elie bei. „Die Plätzchen waren letztes Jahr unglaublich lecker. Eigentlich ist es eine Schande, darauf zu verzichten … am liebsten mag ich die Anisplätzchen – die Springerle!“

Anatol weint laut. „Die Springerle gelingen mir doch nie. Also, sie bleiben immer in der Form kleben, und gehen dann kaputt. Letztes Jahr waren sie schon wieder nur Krümelkram. Ich hatte mich so gefreut, sie dieses Jahr vielleicht mal ordentlich hinzubekommen!“

Meine Zwangsdiät hat für eine Familientragödie gesorgt. Ich möchte mich am liebsten ohrfeigen. Für eine Bestellung bei Ewert ist es nun zu spät. Oder doch nicht? Heimlich nehme ich mir vor, nachher bei Ewert anzurufen und um eine Expressbestellung zu bitten – soweit das möglich ist.

Den Butler muss ich nun irgendwie besänftigen. „Anatol, möchtest Du nachher mit nach Kehl kommen? Ich muss doch die Geschenke zur Post bringen. Wir könnten sogar bei Dreher Mittag essen – Dreher magst Du doch so gern!“

Anatol schnieft. Ich merke, dass er auf den unerwarteten Ausflug Lust hat, es aber nicht so schnell zugeben mag. Ich lasse dem Butler daher etwas Zeit. „Ich fahre um 12 Uhr los. Wenn Du magst, komm einfach mit.“

Elie ist heute mittag bei Freunden eingeladen – er wird die nächsten beiden Stunden damit verbringen, sein „Outfit“ zu perfektionieren: Anna ist ebenfalls eingeladen.

Um kurz vor 12 hüpft Anatol wortlos in meine Tasche. Er möchte also mitkommen – ein gutes Zeichen. Die Laune scheint sich deutlich aufgehellt zu haben: der Butler kann sich sogar schon wieder über Elie lustigmachen. „Vielleicht solltest Du noch etwas Eau de Cologne auflegen, Elie. Deins bemerkt man überhaupt nicht!“

Anatol spielt auf die dichte Parfumwolke an, in die Elie sich gehüllt hat – offenbar, um Anna zu beeindrucken. Ein Hausschuh verfehlt meinen Kopf nur knapp (Anatol – das Ziel des Geschosses – sitzt in meiner Handtasche, die ich bereits geschultert hatte) … schnell schlage die Haustür hinter uns zu. Unser Ausflug kann beginnen.

Nach einem kurzen Zwischenstopp bei DM kehren wir wie geplant bei Dreher ein. Und zwar gehen wir nicht in die Filiale im neuen Einkaufszentrum „City Center“ – nein, wir begeben uns in die schöne, altmodische Konditorei mitten in der Stadt. Dort lieben wir es, an der Theke in der Nähe der Backstube zu sitzen, Tee zu trinken, und den großen Salon zu beobachten, in dem unablässig Köstlichkeiten von zahllosen Serviererinnen kredenzt werden.

IMG_3292Heute können wir jedoch keine Zeit damit vergeuden, den Teesalon zu begaffen: heisst es doch, die gesamte Weihnachtspost (oder jedenfalls einen großen Teil davon) zu verfassen, in Kuverts zu stecken und zu adressieren – um sie dann zur Post zu bringen.

Da es mir zu Hause nicht gelingt, Weihnachtskarten zu schreiben, muss dies bei Dreher stattfinden.

Eine Karte nach der anderen fülle ich, während Anatol mir elegant formulierte Sätze diktiert. So fließt uns die Weihnachtspost ganz leicht aus der Feder. IMG_3295

Nachdem alle Weihnachtskarten geschrieben sind, packe ich das große Klebeband aus. Die Päckchen müssen nun befüllt werden – zu jeder Weihnachtskarte das richtige Geschenk. Anatol überwacht diesen Vorgang mit Argusaugen, denn was wäre peinlicher, als das falsche Geschenk zur falschen Weihnachtskarte zu stecken – und an den falschen Empfänger zu versenden.

Nachdem alles im hoffentlich korrekten Päckchen sicher verpackt ist, kommen wir zum Höhepunkt des heutigen Tages: der Bestellung des Mittagessens.

Anatol sucht einen überbackenen Toast aus, der mit frischem Salat serviert wird und den ich eigentlich gar nicht essen dürfte. Da meine Diätvorstellungen aber heute bereits einmal zu Verwerfungen geführt haben, sage ich lieber nichts.

Das Festmahl wird gebracht. Anatol scheint mir die Plätzchenaffäre glücklicherweise nicht mehr übel zu nehmen – IMG_3294jedenfalls beteiligt er sich gebührend an den Toasts, die in Rekordzeit verschwinden.

Unsere Parkzeit ist abgelaufen. Eilig verlassen wir den gastlichen Ort, um noch vor dem Auge des Gesetzes am Auto einzutreffen, was auch gelingt.

Die Paketaufgabe bei der Post verläuft reibungslos, nachdem wir die neue Post in der Blumenstraße gefunden haben. Das alte, große Postgebäude ist vor kurzem abgerissen worden. Die neue Filiale ist allerdings deutlich angenehmer als die frühere Hauptpost.

Wir treffen einen freundlichen Kollegen aus dem Büro, der ebenfalls heute seine Weihnachtspäckchen verschickt. Nach einem kurzen Plausch treten wir die Heimreise an.

Müde, aber glücklich betreten wir die Wohnung. Anatol nuschelt etwas von „Mittagsschlaf“ und will in seinem Nestchen verschwinden, da vernehmen wir ein leises Wimmern.

Elie ist schon wieder zu Hause. Wollte er nicht den Nachmittag mit Anna und den Schulkameraden verbringen?

„Was ist denn los, Elie …“ frage ich bang.

„Sie will nichts von mir“ schluchzt Elie. „Sie hat es mir gesagt. Sie mag mich einfach so – „als Freund“. In Wirklichkeit ist sie immer noch in Angelo verliebt!“ Elies Stimme versagt.

Offenbar müssen sich Anna und Elie ausgesprochen haben – und dies war nicht im Sinne von Elie verlaufen. Die Geschichte zwischen den beiden war nie ganz klar gewesen … schon im letzten Sommer hatte es sich indessen abgezeichnet, dass Anna sich für den „Bad Boy“ – den schillernden, undurchschaubaren Angelo – entscheiden würde. Elie war immer schon ihr bester Freund gewesen. Dass dies viel mehr bedeutet und dass eine solche Freundschaft Jahrzehnte, ja ein ganzes Leben überdauert, kann Elie heute jedoch nicht trösten.

„Sie wird Weihnachten bei Angelo feiern!“ weint Elie. „Dabei habe ich doch so ein schönes Geschenk für sie, das ich ihr selbst überreichen wollte – und da soll Angelo NICHT dabei sein!“

Einen Trost habe ich für Elie nicht. Nur eins kann ich ihm ans Herz legen: Zeit vergehen lassen … und ein neues Kapitel seines Lebens schreiben.

99. Kapitel – Der Sturm

Heute ist Freitag, der 12. Dezember – und mein letzter Arbeitstag vor den Weihnachtsferien. Mit Mühe habe ich es geschafft, vor Weihnachten einige Urlaubstage zu erkämpfen – möchte ich doch wenigsten ein paar Weihnachtsgeschenke erstehen, verpacken und dann noch rechtzeitig zum Fest versenden. Unser Weihnachtspäckchen, welches letztes Jahr erst nach Neujahr bei den Beschenkten eintraf und für Belustigung sorgte, ist den Sauriern und mir in peinlicher Erinnerung.

Dieses Jahr soll alles anders werden, haben die Butler beschlossen. Weihnachten soll mit Muße und vor allem Freude und Harmonie vorbereitet werden – der etwas ordinäre Ausdruck für die Stimmung, die uns vorschwebt, ist: „unstressig“.

Ob dies gelingt, ist indessen unsicher. Mein letzter Tag im Büro – Freitag – stellt sich im Grunde als das Äquivalent von drei vollen Arbeitstagen heraus. Er beginnt – verspätet – um 7 Uhr 30. Mehrere gigantische Projekte müssen – wie könnte es anders sein – ausgerechnet heute zuende gebracht werden, darunter insbesondere ein Verlagsprojekt, welches mir schon seit Wochen auf der Seele liegt. Zudem soll ein lang geplantes Weihnachtsessen mit einem Vertragspartner heute stattfinden – allein dies wird mindestens drei Stunden in Anspruch nehmen.

Freundliche Kollegen bringen alle Vorgänge, die sie noch vor Weihnachten abschließen möchten, in mein Büro, mit der ernsten Anweisung „Aber bitte alles bis spätestens heute abend – es ist sehr eilig damit!“

Um 20 Uhr bin ich immer noch mitten in einer telephonischen Vertragsverhandlung … Das Handy klingelt. Ich entschuldige mich bei den Kollegen und nehme den Anruf an. Es ist Anatol – heimtückisch mit unterdrückter Rufnummer ! – und er ist außerordentlich aufgebracht. „WO BLEIBST DU?“ brüllt er in den Hörer. Ich zucke zusammen.

„Anatol, es wird noch etwas über eine Stunde hier dauern. Bitte kümmert Euch um die Katzen und räumt die Wohnung auf. Ich werde heute abend nicht mehr dazu kommen.“ Die Antwort lässt nicht auf sich warten: unter Gegrummel hängt Anatol ein. Bevor die Leitung weg ist, höre ich ihn noch zu Elie sagen: „Ich glaub, es wird Ärger geben… sie weiss das mit der Wohnung noch gar nicht…“ Die Aussage bleibt nebulös, verheisst jedoch nichts Gutes.

„War das Ihr Ehemann…?“ fragt einer der Kollegen ängstlich. Ich verneine und kläre den Herrn auf „Es handelte sich bei der aufgebrachten Erscheinung in meinem Handy um meine … Haushaltshilfe.“ Und mit autoritärer Stimme, die den Kollegen suggerieren soll, dass ich meine Butler im Griff habe, füge ich hinzu „Ich werde das später mit ihm klären.“

Die Verhandlung kann nun fortgesetzt werden.

Deutlich nach 21 Uhr trete ich den Heimweg an. Seit mittags wütet ein schwerer Sturm – Äste liegen auf der Straße, Fahrräder sind umgestürzt. Ich schaffe es mit Mühe und Not bis nach Hause, stelle das Fahrrad in den Unterstand und steige bang die vier Etagen bis zu unserer Wohnung hinauf. Hier werde ich von den Katzen freudig begrüßt – von den Butlern fehlt jede Spur.

An der Tür prangt ein sichtlich in Eile bekritzelter Zettel: „Sind im Park. Die Burg ist eingestürzt und sie haben Strolchi entführt! A + E“

Bevor ich mich darüber aufregen kann, dass die Saurier um 21 Uhr 30 immer noch im dunklen Park umherstreifen (in der Tat hatte man in den letzten Tagen mehrmals  eine „selbstgebaute Burg im Park“ erwähnt), fällt mein Blick in die Küche. Ich muss mich setzen.

Die Küchenablage mitsamt der Spüle kann nur noch als „Abraumhalde“ bezeichnet werden. IMG_3262

Darunter quillt die Spülmaschine von schmutzigem Geschirr über – offenbar war es den Butlern nicht in den Sinn gekommen, sie anzustellen.

Das Äußerste stellt indessen der Küchenboden dar. IMG_3261Auf diesem hatten die Katzen ihr biologisch artgerechtes Rohfutter (BARF) nicht nur zu sich genommen, sondern offenbar mit Begeisterung großzügig an Wände, Küchenschränke und Polstermöbel gekleistert.

Neues Katzenfutter muss demnächst hergestellt werden (ich hatte auf Unterstützung durch die Butler gehofft!); um das auftauende Fleisch scharwenzeln die Katzen mit unschuldiger Miene und deutlichem Appetit bereits herum.

Grauen erfasst mich. Die Saurier haben sichtlich seit Tagen nichts mehr im Haushalt getan. Ich selbst nutze die Wohnung seit längerem – wegen des extrem gestiegenen Arbeitsanfalls – nur noch zum Schlafen … der verheerende Zustand gerade der Küche war mir nicht aufgefallen.

Wutschnaubend greife ich zum Telephon. Die Butler haben nun SOFORT zurückzukommen. Und wer ist überhaupt dieser entführte „Strolchi“, von dem auf dem Zettel die Rede ist?

Das Telephongespräch wird sehr knapp. Die Saurier sind glücklicherweise kleinlaut und behaupten, sowieso bereits auf dem Rückweg zu sein.

Ich mache mich an die Entkernungsarbeiten in der Küche, werfe Unrat weg, schrubbe Möbeloberflächen. Kurze Zeit später kommen zwei zerknischte Dinos herein und beginnen still, den Küchenboden zu wischen. Um 23 Uhr 30 sieht die Küche endlich annehmbar aus.

IMG_3264Die Spülmaschine läuft, der Boden ist sauber und die Katzenfutterherstellung, die am morgigen Tag stattfinden wird, ist vorbereitet. Ich beginne, mich in meiner eigenen Wohnung wieder wohl zu fühlen.

Nun erzählen die Butler. In den letzten Tagen sei es ihnen ganz unmöglich gewesen, den Haushalt zu führen. Mit den Dino-Kumpels habe man im Park eine richtig tolle Burg gebaut, aus Backsteinen, die dort „so herumgelegen“ hätten. Ich vermute, dass es Steine waren, die für das neue Pflaster der Wege in den Schillerwiesen verwendet werden sollen … diese sind nun von den Dinos weggeschleppt und zum Aufbau der „Burg“ genutzt worden. Ich verdrehe die Augen. Auch hier wird Ärger auf uns zukommen – wenn dem Baudezernat der Stadt klar wird, dass meine Saurier Backsteine entwendet haben.

Die Dinobande um Anatol und Elie sei dann von einer fremden Bande angegriffen worden, die ihnen die Steine geneidet hätte! Die „Anderen“ seien zu fünft oder sechst gewesen, hätten die Burg eingerissen und die Steine weggeschleppt. Das Schlimmste sei aber gewesen, dass sie auch den kleinen weissen Dackelmischling „Strolchi“, den Angelo von seinen Eltern bekommen hatte und der nun sein Ein und Alles war, gefangen hätten und in ihrer eigenen Burg nun als Geisel hielten!

So sei es unumgänglich gewesen, die feindliche Burg zu stürmen. Nach einer eiligen Mobilmachung aller Kumpels – Angelo sei vor Sorge um seinen Strolchi nicht mehr ansprechbar gewesen, daher habe man Verstärkung geholt – habe man das feindliche Lager von zwei Seiten in die Zange genommen, die Wände umgeworfen, Strolchi aus der Gewalt seiner Entführer befreit und ihn zu Angelo zurückgebracht, der weinend in den Trümmern der eigenen Burg gesessen habe.

So waren nun beide Burgen geschleift, aber Strolchi war zurück bei einem seligen Angelo.

Die Antwort der Feinde habe nicht auf sich warten lassen. In großer Überzahl seien sie unter Gebrüll über die ohnehin in Trümmern liegenden Burg unserer Dinos hergefallen. Ein eiliger taktischer Rückzug – insbesondere zum Schutze von Strolchi – sei nun unvermeidbar gewesen. Gezwungenermaßen habe man den Trümmerberg zunächst den Feinden überlassen, sei aber, als letzterere zum Abendessen hätten heimkehren müssen, zurückgeschlichen und habe alle Backsteine zum Wiederaufbau der eigenen Burg von den Feinden entwendet – ja im Grunde nur das rechtmäßig unseren Dinos zustehende Baumaterial zurückgeholt.

Zu diesem Zeitpunkt sei es schon 20 Uhr gewesen. Man habe dann gehofft, mich zuhause bei der Vorbereitung des Abendessens anzutreffen, da die kriegerischen Handlungen, Anstürme und Rückzüge, vor allem aber das ständige Hin- und Herschleppen der Steine, die mindestens 4 mal den Besitzer gewechselt hatten, für Hunger gesorgt hätten. Daher auch der ungehaltene Anruf auf meinem Handy.

Man habe sich dann mit dem letzten noch sauberen Messer nur flugs ein Brot geschmiert und sei schnell zur Burg zurückgekehrt, die sogar zur Zeit noch stehe. Angelo habe Strolchi in Sicherheit gebracht und den Kumpels versprochen, bald eine riesige Party für sie zu geben, da sie Strolchi gerettet hätten.

Die Feinde hingegen werde man in Zukunft engmaschig überwachen – sei doch zu befürchten, dass sie die Burg erneut angreifen könnten.

Ich dämpfe den kriegerischen Ehrgeiz der beiden Haudegen, indem ich sie ins Dino-Nestchen verfrachte und unter die Decke stecke, wo sie augenblicklich einschlafen.

Die Ferien können beginnen.

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Göttingen, in den Schillerwiesen, 1978

98. Kapitel – Anatol auf dem Weihnachtsmarkt

Heute habe ich dem Gequengel endlich nachgegeben: Anatol will seit Tagen auf den Weihnachtsmarkt. Nicht für Geld und gute Worte ist er davon abzubringen – nein: der Weihnachtsmarkt muss besucht werden, findet Anatol.

Dabei hatte ich gewichtige Argumente gegen diese Veranstaltung vorgebracht, nämlich:

  • Es ist dort so voll, dass man die Stände nicht einmal sehen kann
  • In Strasbourg gibt es kein Weihnachtskarussell
  • Alles auf dem Weihnachtsmarkt ist überteuert
  • Es ist kalt
  • Der Weihnachtsmarkt dient (fast) nur dem Kommerz.

Elie hatte mir beigepflichtet. Er wolle nicht auf den Weihnachtsmarkt mit uns, hatte er schon vor der Eröffnung erklärt – weshalb, verstanden wir gestern: Anna, Elies beste Freundin (und heimliche Geliebte) hat auf dem Weihnachtsmarkt einen kleinen Stand, an dem sie für ein Kinderhilfswerk Plätzchen verkauft. An diesem Stand verbringt Elie nun jede freie Minute – da kann er natürlich nicht mit uns über den Weihnachtsmarkt schlendern.

Anatol hatte meine Argumente mit einer Handbewegung hinweggewischt. „Papperlapapp! Wenn wir recht spät am Abend hingehen, sind die meisten Leute schon weg. Ich möchte so gern wieder mal einen Glühwein (ohne Alkohol versteht sich) trinken… und dann gibt es da die leckeren Bredele … Strasbourg ist schließlich DIE Weihnachststadt. Das will ich mir nicht entgehen lassen!“

Schweren Herzens hatte ich mich daher bereiterklärt, am heutigen Sonntagabend mit Anatol und einer lieben Freundin den Strasbourger Weihnachtsmarkt zu besuchen.

Um 18 Uhr ist es soweit: Anatol und ich betreten die Innenstadt. Menschenmassen ungeahnten Ausmaßes strömen aus der Stadt heraus und wälzen sich durch die engen Straßen. Ich schlucke. „Anatol, Du hattest gesagt, ab 18 Uhr sei es hier ganz menschenleer!“

Ungehalten brummelt Anatol, dass in 10 Minuten sicher viel weniger Leute unterwegs wären. Ich solle mich „gefälligst nicht so anstellen.“ Nach diesem wenig freundlichen Hinweis versuche ich, bis zum Hauseingang unserer Freundin vorzudringen, was glücklicherweise auch gelingt.

Etwas später lassen wir uns zu dritt von der Menschenmenge in Richtung Weihnachtsbaum am Place Kleber schieben. Hier schaffen wir es leider nicht, bis zur Krippe vorzustoßen – immerhin glückt es uns, ein Photo von Anatol unter dem großen Strasbourger Weihnachtsbaum zu schießen.IMG_3247

Da Anatol doch etwas Angst bekommen hat wegen der vielen Menschen um uns herum, lässt er sich lieber von uns festhalten.

Wir beratschlagen. In der Nähe des Weihnachtsbaums ist nicht nur kein Fortkommen – die Geräuschkulisse ist auch ganz unerträglich. Attraktion des Weihnachtsmarkts ist nämlich unter anderem ein Lichtspiel, welches mit lautstarker Musikuntermalung mehr an ein Science-Fiction-Kinoerlebnis erinnert als an eine Weihnachtsvorstellung.

Ein kleiner Platz in der Nähe beherbergt auch einige Weihnachtsstände – dort hoffen wir eine etwas entspanntere und vor allem geräuschärmere Umgebung vorzufinden.

Der Saurier ist begeistert – und unverfroren: Kaum sind wir am Ziel angekommen, entwischt er aus meiner Handtasche und versucht, einen der Weihnachtsstände zu erklimmen! IMG_3253Im letzten Moment bekommt meine Freundin ihn am Schwanzzipfel zu fassen und kann das Biest festhalten – die hübschen Christbaumkugeln hatten es ihm offenbar sehr angetan.

Der Butler gelobt nun Mäßigung – allerdings erst nach einer gebührenden Maßregelung. Nicht auszudenken, was passieren könnte, wenn der Saurier auf dem überfüllten Weihnachtsmarkt verloren ginge!

Wir besuchen einen Stand mit Weihnachtsfigürchen, Anatol ist hier glücklicherweise brav und lässt sich ohne weiteres photographieren. IMG_3254

Nun verlangt das Tier allerdings etwas zu essen. Man könne nicht auf einen Weihnachtsmarkt gehen, ohne Weihnachtsgebäck zu sich zu nehmen!

Hier wartet die nächste Enttäuschung auf uns. Die Stände, an denen Bredele und Glühwein verkauft werden, sind so beliebt, dass sich endlose Schlangen davor gebildet haben. Da ich keine Viertelstunde auf ein paar Bredele und etwas warmen Orangensaft mit Gewürzen warte, spreche ich ein Machtwort: Es gibt heute weder Bredele noch Glühwein, sondern – mangels Warteschlange vor dem entsprechenden Stand – etwas, was wir früher ohne Hintergedanken, politisch jedoch gänzlich unkorrekt „Negerkuss“ genannt hätten und was hier auf dem Weihnachtsmarkt in den köstlichsten Varianten dargeboten wird: Rum-Rosine, Zimt, Mokka, weisse Schokolade … einen solchen spendiere ich Anatol.

Noch bevor ich ein Photo machen kann, hat der Saurier die Süßigkeit vertilgt. Ich bin enttäuscht – wollte ich doch die Szene der Nachwelt erhalten.

„Dann müssen wir wohl noch mal herkommen, wenn Du davon unbedingt ein Photo willst!“ feixt das Untier frech. Ich bin sprachlos ob dieser Unverschämtheit!

Nun ist es auch Anatol kalt geworden. Wir knipsen ein letztes Photo vor einem wunderschön dekorierten Uhrengeschäft und machen uns auf den Rückweg. IMG_3255

Bis zu Annas Stand sind wir nicht durchgedrungen. Vermutlich müssen wir als tatsächlich noch einmal auf den Weihnachtsmarkt.

Ob ich mich wirklich darauf freue, weiss ich heute Abend allerdings noch nicht.

97. Kapitel – Migräne mit der „Grünen Suppe“ bekämpfen!

Heute morgen hat Anatol ein sehr leckeres Rezept in Violettas Blog entdeckt! Es stammt von Viviane – Anatol wird es bald nachkochen :

Das Migräne Projekt

IMG_1950_2Also, eigentlich heißt die Suppe bei uns „Froschsuppe“. Keine Angst, sie ist rein vegetarisch und eben weil sie so schön grün ist, heisst sie bei mir „Froschsuppe“.

Die Zutaten sind vor allem entzündungshemmend und antihistaminisch.

Da ich in den USA lebe, habe ich mir angewöhnt Mengen nicht nach Gewicht, sondern nach Volumen zu messen. Das bedeutet, dass ich von „cup“ spreche, wenn ich die Kräutermenge angebe. 1/4 cup entspricht etwa 1/4 Becher (bzw. große Tasse), 1/2 cup etwa 1/2 Becher (große Tasse).

Zutaten:

  • Froschsuppe_ Zutaten5 Zucchini, in Scheiben oder Würfel geschnitten
  • 1 Kopf Brokkoli, zerkleinert
  • 1 Fenchel Knolle, in Scheiben
  • 2 -3 mittelgroße Schalotten, zerkleinert
  • 4 Knoblauchzehen, gepresst oder zerkleinert
  • 1/4 cup frischer Thymian (Vorsicht: machen Quellen raten von Thymian bei HIT ab)
  • 1/2 cup frische Petersilie (ich nehme gern glatte)
  • 1/2 cup frischer Koriander
  • 1/2 cup frische Minze
  • 2  EL Rosmarin
  • 1- 2 cm frischer Turmeric (Kurkuma bzw. Gelbwurz)
  • 1-2…

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96. Kapitel – Der Rotkohl

Seit mehreren Wochen liegt mir Anatol mit dem Rotkohl in den Ohren.

„Wir müssen unbedingt Rotkohl kaufen! Jetzt ist der richtige Zeitpunkt. Den dürfen wir nicht verpassen!“

Ich für meinen Teil habe es mit dem Rotkohl nicht so eilig. Der Kohlkopf ist schwer und unhandlich. Das Kleinschneiden ist mühsam – und meine Aufgabe, da der Butler dafür zu klein ist. Davor schrecke ich etwas zurück. Allerdings hat Anatol mit einem Recht: gut zubereiteter Rotkohl ist eine Delikatesse.

Daher habe ich mich am Samstag breitschlagen lassen und Anatol erlaubt, einen riesigen Rotkohl vom Markt mitzubringen.IMG_3218 Der mittlere Topf ist damit überfordert: Anatol klaubt ganz hinten aus dem Küchenschrank den riesigen Kochtopf hervor. In diesen wird der Kohl hoffentlich hineinpassen.

Auf die Waage bringt der stattliche Kohlkopf ganze 3 kg.

Anatol trägt mir nun auf, das Kohlmonstrum in vier Teile zu schneiden, zu waschen und dann in feinste Streifchen zu hobeln – diese Arbeit sei selbstverständlich unter seiner Würde.

Während ich den Kohl schneide, brät Anatol in dem Topf Äpfelchen und Zwiebelchen mit etwas Olivenöl und viel Zucker an.

Wir lassen uns von dem Rezept unserer Omi aus Pommern inspirieren – original hätte dazu noch Gänseschmalz gegeben werden müssen, aber Anatol kocht ja rein vegan. Daher wird der Rotkohl mit ein wenig Olivenöl zubereitet.

Der Kohl ist nun so fein gehobelt, wie mir das nur möglich ist. Dennoch ernte ich üble Beschimpfungen des Butler, der mich anbrüllt:

„Was ? Das soll feingeschnitten sein ? Noch grober konntest Du es wohl nicht schnippeln ? Höchstens 2mm dick dürfen die Kohlstreifen sein! Mit diesem groben Kram kann ich nichts anfangen! Ich sag es immer wieder: in der Küche bist Du mir ein Klotz am Bein!“

Ich packe das unverschämte Biest und halte es drohend über den Kochtopf. Dies beruhigt den selbsternannten Küchentyrannen etwas.

„Ist ja schon gut – ich werde versuchen, doch noch etwas aus diesen groben „Abschnitten“ zu zaubern. Aber sogar ich kann da nichts versprechen“ fügt er herablassend hinzu.

IMG_3219Auf die gedünsteten, leicht angebratenen Zwiebeln und Äpfel darf ich nun den Kohl geben.

Sogleich träufelt Anatol Essig über den Kohl – so bekomme dieser seine schöne lila, ins tiefblaue gehende Farbe, sagt der Saurier.

Anschließend wird der Kohl gezuckert, und es kommen Gewürznelken, ein paar Pfefferkörner und Salz hinzu.

Der Kohl muss nun – zunächst ohne Deckel – vor sich hinköcheln. Ab und zu rührt Anatol um.

Der Topf ist bis an die Oberkante voller Kohl. Wir hoffen, dass nichts überkochen wird.IMG_3220 Schließlich kann der Topf mit dem Deckel geschlossen werden, und der Kohl muss nun mehrere Stunden schmoren.

Ab und zu schmeckt Anatol ab: unter Gefauche und Geschimpfe – da die Kohlstreifen zu grob geraten sind – werde ich zurechtgewiesen, dass ich den Kohl verhunzt habe. Dass so grob geschnittener Kohl gar nicht schmecken könne – aller Kochkünste zum Trotz, deren Anatol fähig sei.

Ich ziehe mich zu Elie aufs Sofa zurück, schlage ein Buch auf und überlasse Anatol die Küche. Zeternd und mit Küchenutensilien klappernd macht sich der Butler daran, die Kartoffeln aufzusetzen, die zum Kohl serviert werden sollen. Die Kohlaffäre scheint für den Saurier eine rechte Haupt- und Staatsaktion zu sein.

Kohl und Kartoffeln köcheln nun fleißig vor sich hin. IMG_3224Anatol baut indessen das Bügelbrett auf und beginnt, die Bügelwäsche zu bearbeiten – nicht ohne Elie und mich mit scharfem Unterton darauf hingewiesen zu haben, dass in diesem Haushalt nichts funktionieren würde, wenn er, Anatol, sich nicht um alles kümmerte.

Ob wir Anatol in Zukunft wohl noch duzen dürften, fragen Elie und ich spitzbübisch – oder ob Seine Herrlichkeit nun fordere, dass man sie im Pluralis Majestatis anspreche?

Darauf erleidet unser Haustyrann einen Wutanfall. Blindwütig stampft er mit der Plüschtatze auf den Boden, dass es nur so knallt. Elie springt vor Schreck vom Sofa auf.

„Ab jetzt streike ich!“ brüllt Anatol. „Alles bleibt an mir hängen! Ihr sitzt wie die Ölgötzen auf dem Sofa, und ich darf arbeiten!“

Ich lasse mich von dem Tobsuchtsanfall des Butlers nicht beeindrucken. Das Biest ist ein hervorragender Schauspieler.

„Anatol, ich habe Dir in der Küche geholfen, bis Du mich als „Klotz am Bein“ bezeichnet und wüst beschimpft hast. Gib es zu: Du hast nur Angst, dass Dir der Kohl nicht gelingt – und suchst nun einen Schuldigen!“

Elie fügt leise hinzu „Also ich esse den Kohl auch, wenn er nicht zu 100% gelungen ist… “

Schlagartig verfliegt der Zornausbruch. Zerknirscht gibt Anatol zu, dass irgendwas mit dem Kohl „nicht stimme“. Aber was das nun sei – ob es an dem groben Zuschnitt, den Äpfeln oder der Nelke läge oder am Olivenöl, das wisse er noch nicht.

Ich probiere den Kohl. Er ist nur nicht ausreichend durchgezogen. Zudem fehlt etwas Salz. Ansonsten ist der Kohl jedoch perfekt – wenn auch etwas zu grob geschnitten, das muss ich zugeben.

IMG_3229Stunden später serviert uns der Butler bester Laune einen köstlichen, wunderbar durchgegarten, süß-säuerlichen Rotkohl mit Salzkartoffeln.

Ich nehme mir dreimal nach, Elie und Anatol viermal.

Unser Starkoch ist selig.

95. Kapitel – Post aus Göttingen

Heute früh liegt ein dicker Umschlag im Briefkasten. Es handelt sich um den Tee- und Gewürzkatalog von Ewert, den wir vor ein paar Tagen bestellt haben.

IMG_3198Ehrfürchtig betrachten wir die beeindruckende Anzahl von Köstlichkeiten, aus der wir nun eine Auswahl treffen müssen.

Anatol flüstert: „Das kostet hier in Frankreich alles ein Vielfaches!“ Ich nicke stumm. Die Preise von Ewert müsste man mindestens mit 5 multiplizieren, um auf (moderate) französische Preise zu kommen.

Frankreich ist ein teures Pflaster, das fällt uns immer wieder auf.

Elie ruft fröhlich: „Wenn das so ist, dann können wir doch von allem etwas bestellen!“

Ich dämpfe den Tatendrang der Saurier und verfüge, dass je ein schwarzer, ein grüner und ein parfümierter Tee gekauft werden dürfen. Mehr sei vorerst nicht vonnöten. Gewürze, meint Anatol, solle man sowieso nicht im gleichen Paket versenden, sondern mit getrennter Post kommen lassen. Sonst könne der empfindliche Tee die Gewürzaromen annehmen. Dennoch werde er jetzt schon eine Liste mit Gewürzen aufstellen, die er später bei Ewert erstehen wolle. Das Sortiment sei einfach überragend.

Elie, der nur grünen Tee trinkt, möchte den Jade-Tee aus Taiwan probieren. Anatol ist gespannt auf Ewerts Five o’clock Blattmischung aus Ceylon- und Assamsorten. Und ich – in einem Anfall von Regression – schlage einen Sahne-Tee vor („schwarzer Tee mit Sahne-Aroma“ – wie damals zu Schulzeiten).

Wir werden bei der Bestellung den weissen Klüntjes nicht vergessen – und vielleicht noch einer Empfehlung von Ewert folgen … am Montag werden wir anrufen.

Wir sind sehr gespannt.

94. Kapitel – Die Teezeremonie

Das kalte, neblig-regnerische Wetter hat sie mir in Erinnerung gerufen – die täglich geübte, mit Hingabe zelebrierte Teezeremonie meiner Eltern. Sie begann allnachmittäglich gegen 16 Uhr nach einem ausgedehnten Mittagsschlaf und war so unumstößlich wie ein Naturereignis. Nichts und niemand hätte „den Tee“ verhindern können.

Der Ablauf der Zeremonie war immer gleichbleibend der folgende: Mein Vater setzte das Teewasser in dem kupfernen Teekessel auf und stellte das blau-weisse Porzellangeschirr zurecht. Die Zubereitung des Tees hingegen war Aufgabe meiner Mutter: nur sie verstand es, die unterschiedlichen Sorten Tee (meist Assamsorten und Darjeeling) so zu mischen und zu dosieren, dass das unverwechselbare Teearoma entstand, welches allein der Teezeremonie würdig ist.

Schließlich wird der Tee im Wohnzimmer, welches zugleich das Arbeitszimmer meines Vaters ist, am runden Herrenzimmertisch meiner Großmutter serviert. Die ganze Familie – Großmutter, Mutter, Vater, Kinder, Hund – ist versammelt, während der Tee auf seinem Messingstövchen, welches gefährlich kippelnd auf der Heizung Platz gefunden hat, noch ziehen muss.

Indessen bereitet jeder nach seinem Geschmack seine Teetasse vor. Mein Vater befüllt seine Tasse zur Hälfte mit weissen Klüntjes – meine Mutter gießt sich etwas Milch ein und gibt einen Klüntje hinzu. Ich selbst bin in einer rebellischen Phase und lehne sowohl Milch als auch Klüntjes ab. Der Tee – nun tiefschwarz und kräftig – kann eingegossen werden. Knisternd füllt sich die Tasse meines Vaters. Meine Schwester findet den Tee zu stark; sie mildert ihn mit viel Milch ab. Ich meutere, denn der Tee ist in der Tat von umwerfender Stärke und Bitterkeit. Meine Mutter bietet mir Klüntjes und Milch an – ich entscheide mich schließlich mich für den Kandis. Omi spricht dem Dresdner Stollen zu – dazu passt auch der stärkste Tee.

Bis etwa halb sechs werden wir zusammensitzen und Tee trinken. Mutter und Großmutter erörtern ihre Lieblingsartikel aus der ZEIT und der FAZ, während mein Vater sich mit uns ein wenig lustig darüber macht. Der Hund schnarcht leise und zufrieden, dicht an die warme Heizung angeschmiegt und immer nah bei meiner Mutter, von der er keinen Zentimeter abweicht…

Bis hierhin haben mir Anatol und Elie stumm zugehört. Nun können sie ihre Verwunderung nicht mehr zurückhalten.

Jeden Tag habt Ihr so gemeinsam Tee getrunken?“ ruft Elie erstaunt. „Mussten Deine Eltern denn gar nicht arbeiten?“

Eine berechtigte Frage. Meine Eltern hatten Berufe, die es ihnen ermöglichten, zu fast jeder Tages- und Nachtzeit zu arbeiten – oder auch nicht. Sie waren im Grunde nur Vormittags nicht zu Hause; die restliche Tageszeit konnte frei eingeteilt werden. So war es möglich, eine ausgedehnte Teezeit abzuhalten, die meist ohne weitere Zäsur in die Vorbereitung des Abendessens und schließlich in selbiges einmündete.

„Das klingt so gemütlich!“ findet Elie. Anatol nickt.

Ich schweige. Nicht immer war unser Familienleben so idyllisch, wie es sich nun – 30 Jahre später – anhört. Dennoch denke ich, da mir unsere Teezeit in Erinnerung kommt, sogar mit etwas Wehmut an damals zurück.

Vielleicht ist nun der Moment gekommen, an etwas Positives aus der Vergangenheit anzuknüpfen?

Anatol möchte wissen, was meine Mutter für Teesorten verwendete. Er meint, mit etwas Übung könne er den Tee meiner Mutter ganz sicher nachahmen, wenn nicht gar ihn genauso zubereiten wie sie. Ich weiss, dass Anatol bei so etwas sehr geschickt sein kann.

Mir fällt ein, dass bereits der Tee-Einkauf und seine Auswahl keinesfalls dem Zufall überlassen wurden. Der Tee wurde nur bei Alfred Ewert Tee & Gewürze eingekauft, von meinen Eltern kurz „Ewert“ genannt. Das geheimnisvolle Ladenlokal in der Weender Straße beherbergte unzählige Gewürzdosen, Teebüchsen und Spezialitäten aus aller Welt. Omi nannte es gern einen „Kolonialwarenladen“ – diese Bezeichnung war allerdings schon damals überaltert.

„Warum kaufen wir nicht bei Ewert auch so einen schönen Tee?“ bettelt Elie.

„Elie, solch ein starker, bitterer Tee würde Dir überhaupt nicht schmecken“ gebe ich zu bedenken. „Anatol und Du, Ihr trinkt doch fast nur grünen Tee.“

„Ja eben!“ jammert Elie. „Ich will endlich mal was anderes ausprobieren!“

Anatol hat indessen das Internet bemüht. „Guck mal!“ ruft er ganz aufgeregt. „Ich habe die Adresse gefunden! Ewert ist immer noch in Göttingen! Vielleicht können wir etwas dort bestellen?“

Nach einigem Zögern lasse ich mich breitschlagen und rufe bei Ewert an.  Eine sehr freundliche Verkäuferin, der ich unser Anliegen schildere, bestätigt, dass ein Versand problemlos möglich sei. Sie schlägt mir zunächst die Zusendung des Katalogs vor, in dem wir uns dann alles Gewünschte aussuchen können.

Sprachlos – und sehr erfreut – lege ich auf. Vielleicht werden wir schon bald einen echten Ostfriesentee kochen können?

„Du musst dann aber auch Klüntjes da kaufen!“ kräht Elie fröhlich.

„Sonst ist der Tee ja viel zu bitter!“

Von unserer Bestellung bei Ewert werden wir berichten.

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Teatime mit den Dinos

93. Kapitel – Halloween

Heute ist Sonntag. Die Sonne scheint, und es ist so warm, dass man sich fast noch im Sommer wähnt. Die Katzen dösen faul auf dem Bett, aber die Butler finden keine Ruhe.

„Seit Wochen versprichst Du uns, dass wir einen Ausflug machen!“ quengelt Elie. Anatol pflichtet ihm bei. „Wir sehen Dich kaum noch. Ich kann mich nicht mal mehr daran erinnern, wann wir das letzte Mal etwas zusammen unternommen haben.“

Leider haben sich meine Arbeitszeiten seit mehreren Monaten derart ausgeweitet, dass ich in der Tat nun noch zum Schlafen zu Hause bin.

„Wie wäre es, wenn wir heute morgen ins Café Brant gehen?“ frage ich. „Dort gibt es ein großartiges Frühstück, auf Wunsch mit frischgepresstem Orangensaft! Danach könnten wir sogar einen Ausflug mit dem Fahrrad machen.“

Die Butler – heute kann man mit so einem Vorschlag keinen Saurier mehr beeindrucken – beraten sich. Frühstücken im Café Brant ist „irgendwie out“. Wer unter den Sauriern „hip“ ist, geht am Samstag kurz vor Mitternacht zum Abhängen ins „Aviateurs“. Gegen 6 Uhr früh gibt es einen doppelten Espresso am Tresen, und dann bekommt man den „It-Saurier“ vor 17 Uhr nicht mehr zu Gesicht. Frühstücken ist für Rentner.

Da somit heute früh um 11 Uhr keinerlei Gefahr besteht, von einem der vielbewunderten It-Saurier im Café Brant gesehen zu werden, sind die Butler einverstanden. Elie ist später mit Anna verabredet – die beiden treffen sich heute mit ihrer Amnesty-Gruppe. Daher werden Anatol und ich unseren Fahrradausflug wohl alleine unternehmen.

Auf dem Weg zum Café fallen uns die heute etwas überholt wirkenden Kürbisse und künstlichen Spinnweben in verschiedenen Vitrinen auf. Ein versprengter Halloween-Fan huscht, in sein Kostüm gehüllt, in einen Hauseingang. „Nicht einmal eine Halloween-Deko hatten wir dieses Jahr!“ sagt Elie vorwurfsvoll.

Ich sehe ihn bestürzt an. „Das ist nicht Dein Ernst, Elie? Was sollen wir denn mit einer Halloween-Deko bei uns zu Hause !?“

„Ja was wohl? Vielleicht eine Halloween-Party geben wie die anderen?“ schreit Elie wütend. „Eventuell mal etwas feiern, mit Freunden!? Aber das geht ja alles immer nicht mit Dir und den Katzen!“

Mir fehlen die Worte. Anatol kommt mir zur Hilfe. „Elie, Halloween ist doch nur Marketing. Bei sowas muss man nicht mitmachen. Du bist sonst auch immer so kritisch bei allem, mit Amnesty und Sea Shepherd und Deinen sonstigen Aktivitäten. Dieses Halloween-Gedöns solltest Du da eigentlich nicht gut finden …“

Elie ist entrüstet. „Nur weil ich mich für Amnesty und Sea Shepherd engagiere, soll ich kein Halloween mehr feiern dürfen?“ zetert er. „Ich feiere, was und wann ich will! Und Ihr seid doof!“

Meine Traumvorstellung – ein gepflegtes, friedliches Sonntagsfrühstück im Kreise meiner Lieben im Café Brant – zerschlägt sich gerade. Ein handfester Familienkrach droht. Schon setzt Anatol zu einer spitzen Bemerkung an, während Elie rot vor Wut wird – da kommt mir ein rettender Gedanke.

„Ich habe vorhin bei Wortman – in dem Blog, der uns so gut gefällt! – eine Halloween-Blogparade gefunden. Da geht es nur um Halloween. Man kann dort einen Halloween-Fragebogen ausfüllen, auch wenn man Halloween gar nicht mag. Jeder kann dazu sagen, was er will. Wollen wir das machen? Also – im Café, während wir frühstücken?“

Und ich füge mit drohendem Unterton hinzu „Wenn es allerdings weitergeht mit der Streiterei, gibt es weder Frühstück noch Café Brant noch Fahrradausflug – dann heisst es für Euch Katzenklos auswaschen und dazu Stubenarrest für den Rest des Tages!“ Diese Drohung finde ich zwar außerordentlich streng (derartige Strafmaßnahmen habe ich noch nie angewendet), aber offenbar brauchen die Saurier einen Dämpfer.

Schlagartig ist Ruhe. Anatol verkneift sich seine böse Bemerkung und Elie schluckt seine Wut hinunter. Mit Grabesmiene betreten sie das Café. Ich bestelle das Frühstück und lese mit betont gutgelaunter Stimme die erste Frage des Halloween-Fragebogens vor, in der Hoffnung, dass sich die Saurierverstimmung nun legen mögeIMG_3184:

„1. Für die einen ist es ein blöder Ami-Brauch, für die anderen ein ernsthafter Feiertag: Wie ist Eure Meinung zu Halloween?“

Hier sehe ich Anatol scharf an. Er soll zuerst Elie zu Worte kommen lassen, der sich vorhin ein wenig von uns in die Enge getrieben gefühlt hatte. „Elie, sag doch mal, was Du an Halloween magst.“

Elie räuspert sich. „Ich finde die ausgehöhlten Kürbisse mit den Kerzen drin wunderschön. Überall brennen kleine orangefarbene Lichter, wenn es draußen schon dunkel ist … das ist so gemütlich! Man kann sich verkleiden und Gespenst spielen. Und wenn wir von Haus zu Haus gehen und bei den Leuten klingeln, bekommen wir Süßigkeiten.“

„Ja, und manchmal tun die Leute sogar so, als hätten sie Angst vor Euch!“ kichert Anatol. Ich gebe dem Unruhestifter einen Tritt mit der Fußspitze. Elie hat sich gerade erst wieder beruhigt – und das soll auch so bleiben.

„Die Leute haben wirklich Angst vor uns! Am Freitag, als wir mit Anna und Lilian von Haus zu Haus gegangen sind, waren wir auch bei Angelos Eltern. Angelos Vater war an der Tür und hat gesagt: „Kinder, ich zittere vor Angst – so furchterregend seht Ihr aus!“ Und dann hat er uns ganz viele Pralinen gegeben. Soviel haben wir nirgends sonst bekommen!“

Anatol stöhnt.

Ich begreife indessen endlich, woher das Konfekt kommt, das ich gestern im Küchenschrank entdeckt habe. Konfekt dieser Qualität gibt es sonst bei uns nicht. Es muss aus einer Konfiserie aus Brüssel oder Paris stammen und sündhaft teuer gewesen sein – was Angeles Eltern offenbar nicht davon abgehalten hat, es an die Halloweenkinder zu verschenken. Ich schüttele konsterniert den Kopf und lese die zweite Frage vor.

„2. Feierst du Halloween und wenn ja, wie?“

Elie ruft „Klar feiere ich Halloween mit meinen Freunden! Wir verkleiden uns mit Bettlaken als Gespenster und erschrecken draußen die Leute, bis sie uns Leckereien schenken!“.

Anatol ist weitaus lakonischer. „Ich habe den Quatsch noch nie gefeiert. Aber nun gut – jeder wie er mag. Was ist eigentlich mit Dir?“ fragt er dann mich. Ich bin überrascht – mir selbst hatte ich diese Frage noch nie gestellt. Als ich klein war, gab es kein Halloween. Das Fest war bei uns vollkommen unbekannt. Ich muss das erste Mal davon gehört haben, als ich schon mitten im Studium war. 1995 oder 96 waren wir zu Halloween mit den Kommilitonen verkleidet in den Irish Pub gegangen und hatten dort das gute Kilkenny-Bier getrunken. 2001 war ich einmal bei Kollegen zur Halloweenparty eingeladen gewesen. Seitdem hatte ich Halloween nicht mehr gefeiert – ohne dass mir etwas gefehlt hätte.

3. Was ist dein Lieblingskostüm?

IMG_3186Auch hier meldet sich wieder Elie als erster. „Ich habe ein tolles Gespensterkostüm! Ich habe einfach zwei Löcher in meine Serviette geschnitten, so kann ich da durchgucken. Die Leute glauben dann immer, ich sei Hui Buh!“

Anatol bestätigt, dass die Hui Buh-Verkleidung täuschend echt aussähe. Er selbst habe so auch schon gedacht, Hui Buh begegnet zu sein.

Die Frage Nr. 4: “Was war dein Kindheitsmonster?“ muss ich umformulieren. „Vor welchen Monstern habt Ihr Angst?“, frage ich die Butler. Beide zucken zusammen. „Vor dem Urzeitsaurier haben wir Angst.“ flüstern sie. „Vor dem, der kleine Dinos frisst!“

Elie fügt ganz leise hinzu „Vor dem Knochenmann habe ich auch Angst. Der lebt bei Frau Maier im Biologie-Raum. Also eigentlich in dem Kabuff daneben. Manchmal steht er aber noch im Bio-Raum, weil die Großen mit ihm gearbeitet haben. Dann gehe ich nicht rein, wenn der da steht!“

Anatol seufzt. „Elie, Dein „Knochenmann“ ist ein Plastikskelett, an dem wir Anatomie lernen sollen. Und es „lebt“ nicht.“
Ich hingegen kann Elie verstehen. Auch bei uns an der Schule gab es im Biologie-Raum einen Knochenmann, vor dem ich mich fürchtete. Und ich bin mir nicht sicher, ob er aus Plastik war …

Die Butler wollen nun wissen, wovor ich mich früher ängstigte. Da gab es einiges … besonders große Furcht hatte ich vor dem Teufel im Radio-Kasperletheater. Ich war mir sicher, dass der Teufel, wenn ich nicht sehr aufpasste, durch die Tuning-Schlitze im Radio aus selbigem herausfahren könnte und dann in meinem Kinderzimmer „vor sich hinteufeln“ würde. Diese Gefahr bannte ich, indem ich die Tuning-Knöpfe derart verstellte, dass dem Teufel kein Platz zum Entweichen aus dem Radio blieb. Dass das Radio danach nur noch Rauschen von sich gab, aber kein Kasperletheater, störte mich nur wenig.

Anatol und Elie lachen sich schief. „Du hast gedacht, der Teufel kommt aus dem Radio raus???“ prusten sie. „Ja, das dachte ich…“ gebe ich unumwunden zu.

Elie  kichert. „Dabei weiss doch jedes Kind, dass der Teufel da gar nicht raus kann! Ok, vor dem Teufel habe ich auch Angst. Schließlich ist der böse. Aber durchs Radio kommen kann er nicht. Er wohnt doch in der Hölle. Die ist tief unten in der Erde.“

Anatol sieht mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. Ich bedeute ihm, jetzt einfach nichts zu sagen. Elie darf ruhig weiter glauben, dass der Teufel in der Hölle – tief unter uns – lebt.

Eine weitere Frage ist zu beantworten, die Frage Nr. 5: Viele Leute schwören, nicht abergläubisch zu sein. Aber Hand auf’s Herz: Jeder glaubt doch irgendwie, Glück und Pech beeinflussen zu können. Welchem Aberglauben hängst du an?

Elie glaubt fest an seinen Glücks-Chèche. Wenn er den Chèche trage, könne ihm nicht Schlimmes widerfahren. Anatol schüttelt den Kopf. „Seit dem, was mir mit meinem Ritterumhang passiert ist, glaube ich so etwas nicht mehr. Aberglaube ist eine Mogelpackung. Er hält nicht, was er verspricht!“

Dem muss ich beipflichten. Dennoch ertappe ich mich immer wieder dabei, wie ich auf Holz klopfe, um Ungemach abzuwenden. Schaden kann es jedenfalls nicht … ein wenig abergläubisch ist sicher jeder von uns.

Frage Nr. 6. „Glaubt Ihr an Geister?
“ ist da schon konkreter. Anatol schnaubt verächtlich. „Natürlich glaube ich NICHT an Geister. Sowas gibts nicht.“ Ich gebe ihm uneingeschränkt Recht.

Elie ist sich da nicht so sicher. „Also ich glaube schon an Gespenster! Sie haben sie letztens sogar im Fernsehen gezeigt. Man konnte sehen, wie sich die Möbel verschoben haben, und die Leute hatten richtig Angst! Ich hatte auch Angst. Und wovor ich Angst habe, da glaube ich dran! Sonst müsste ich mich nicht fürchten – das wäre ja sinnlos.“

Diese Argumentation erscheint logisch. Anatol gerät ins Grübeln. Offenbar hat auch er insgeheim von Zeit zu Zeit vor Gespenstern Angst – obwohl er nicht an sie glaubt. Existiert etwas, nur weil wir uns davor fürchten?

Die nächste Frage ist eigentlich nicht für so kleine Saurier geeignet. Ich stelle sie trotzdem … denn sie ist wichtig: 7. Der Tod lauert überall… In welcher Situation ist dir mal der Gedanke gekommen: “Ich hätte gerade sterben können?”


Anatol ist plötzlich ganz aufgeregt. „Elie, als Du so schwer verletzt warst – da dachte ich, Du könntest sterben. Es war schrecklich. Aber zum Glück haben die Zwerge Dich wieder gesundgemacht.“ Elie nickt. „Ich weiss immer noch nicht, was damals mit mir passiert ist … vielleicht ist es auch besser so.“

Ich erinnere mich an eine sehr dumme Situation, in der ich durchaus hätte sterben können, wenn ich nicht großes Glück gehabt hätte. So peinlich ist mir die Sache, dass ich sie den Butlern nicht erzählen will. Nur drei Stichworte: Liebeskummer, Rum, Koma … mehr brauchen die beiden nicht zu wissen. Zum Glück ist außer einer dauerhaften und bis heute anhaltenden Abneigung gegen Alkohol nichts davon zurückgeblieben.

Frage Nr. 8 stelle ich den beiden Butlern nicht, da sie sie nicht beantworten könnten. 8. In unserer heutigen Zeit wird der Tod gerne ausgeblendet. Wie gehst du persönlich damit um?

Mit dem Tod wollte man wohl zu keiner Zeit zu tun haben …  und ich denke, das ist ganz gut so. Wenn man zu sehr an das Ende denkt, verpasst man dann nicht das Beste im Leben?

Ich lese den Butlern die letzte Frage vor. 9. Ich lege dir 1000 Euro in bar auf den Tisch und einen Zettel, auf dem steht “Hiermit verkaufe ich dem Besitzer dieses Vertrags meine Seele.” Würdest du das Geld nehmen und den Zettel unterschreiben?“

Elie ruft entsetzt: „Das unterschreibe ich auf keinen Fall! Für kein Geld der Welt!“

Anatol knurrt: „Klar unterschreib ich. So leicht habe ich noch nie 1000 Euro verdient. Seine Seele kann man nicht verkaufen. Wie soll das denn gehen. Bei dem Deal kriegt der Typ einen wertlosen Zettel, und ich 1000 Euro. Da muss ich nicht lang überlegen!“

Man sieht es Elie förmlich an, wie es ihn ihm arbeitet. Zweifelnd fragt er „Du meinst, der Typ kriegt dann deine Seele gar nicht…?“

„Nein. Kriegt er nicht. Sowas geht nicht. Aber die 1000 Euro, die bekomme ich!“

Ratlos sieht Elie mich an. „Stimmt das…?“ fragt er. Ich weiss es auch nicht.

„Stell Dir nur mal vor, das wäre ein Zauberer, Anatol! Und der hat dann Deine Seele… Ich glaube, so ist die Frage gemeint: nämlich dass das ein Zauberer ist. So jemand wie der Holländer-Michel! Du wärst wie der Kohlenmunk-Peter, der seine Seele für Geld verkauft hat… Und jetzt hab ich total Angst!“ schreit Elie.

Anatol weiss nun doch nicht mehr so genau, wie er die Frage beantworten soll. Wir hatten letztens zusammen „Das kalte Herz“ als Hörspiel angehört – und uns sehr gegruselt. Anatol hatte den Kohlenmunk-Peter damals noch als „ziemlich blöd“ bezeichnet.

Kleinlaut meint er nun, er würde seine Erklärung dann eben anfechten. Oder das Geld zurückgeben … Oder lieber doch nicht unterschreiben!

Ich denke auch, dass das das Vernünftigste ist.

92. Kapitel – Eine Frage der Menschenrechte

Nachdem mir die Butler gestern klar zu verstehen gegeben hatten, dass ich mich nicht genug um sie kümmere, war ich in mich gegangen. Besonders Elie hatte ich in letzter Zeit vernachlässigt. Anatol hatte im September das schöne neue Victoria-Fahrrad bekommen – Elie war bisher leer ausgegangen. Eigentlich hatte ich vorgehabt, ihn zu Weihnachten mit dem langersehnten Tablet zu überraschen. Nun denke ich aber, dass am heutigen Samstag, den 25. Oktober, der richtige Zeitpunkt für das Tablet gekommen ist. Weihnachten muss dann eben etwas sparsamer ausfallen.

Damit die Saurier nicht nur Elektronik geschenkt bekommen, habe ich für Morgen – Sonntag –  einen gemeinsamen Fahrradausflug geplant. Ein Ausflug bei schönem Wetter ist immer noch das Höchste für uns alle – zumal das Wochende verspricht, wunderschön zu werden. Leider werden die Dinge anders kommen, als wir es uns wünschen.

Nach der Akupunktur – bei der mir auffällt, dass Fridolin nicht in der Praxis ist, was mich verwundert – begebe ich mich zunächst zu Darty, wo ich diverse Tablets ausprobiere, ohne jedoch fündig zu werden. Die ausgestellten Geräte in meiner Preislage lassen sich nur schwer bedienen oder funktionieren gleich gar nicht.

Unentschlossen betrete ich schließlich das Geschäft mit dem angebissenen Apfel. Eines der Tablets – ich vermute, ein Auslaufmodell – wird hier sogar zu einem recht annehmbaren Preis angeboten: ich lasse es mir von einem der zahlreichen Verkäufer erklären. Während ich noch darüber nachdenke, warum man in anderen Läden Jagd auf Verkäufer machen und sie anderen Kunden oft erst abluchsen muss, hat mir der junge Informatikexperte bereits mehr über das digitale Gerät erläutert, als mein analoger Verstand zu fassen imstande ist. Dennoch entnehme ich dem Wortschwall des freundlichen Verkäufers, dass das ausgesuchte Tablet – „iPad mini“ heißt es im Fachjargon – ein ganz hervorragendes Gerät ist, über das Elie sich sehr freuen wird. Ich höre mich sagen „Gut, dann nehme ich es… Kann man es in Raten bezahlen…?“

Der Verkäufer bejaht dies. Er bittet mich, vor einem überdimensionalen Computerbildschirm Platz zu nehmen und auf seine Kollegin zu warten, die mir bei der Ratenzahlung behilflich sein werde. Ich komme ins Schwitzen. Begehe ich nicht gerade eine rechte Eselei? Ist überhaupt noch Geld auf dem Konto?

Allerdings ist es nun zu spät für einen Rückzieher: das Gerät liegt bereit und der Kauf ist getätigt.

Um die Wartezeit zu überbrücken, wecke ich den riesigen Computer vor mir aus seinem Tiefschlaf auf und gebe die Adresse von Spiegel-Online ein. Was ich dort gleich in der ersten Schlagzeile lese, lässt mir das Blut in den Adern gefrieren.

Heute früh im Morgengrauen hat der Iran eine junge Frau hingerichtet. Sie war 26 Jahre alt und hieß Reyhaneh. Wir hatten mehrere Petitionen zur Begnadigung des jungen Mädchens unterzeichnet. Elie war mit seiner Schülergruppe für Amnesty international unterwegs gewesen, um Unterschriften zu sammeln. Auch an Briefaktionen, sogenannten urgent actions, hatte er sich beteiligt.
All dies war erfolglos geblieben. Das nach einem rechtsstaatlichen Prinzipien in keiner Weise genügenden Prozess ergangene Todesurteil war heute früh vollstreckt worden. Reyhaneh war tot.

Für einem Moment habe ich das Gefühl, nicht da zu sein. Müsste die Welt um mich herum nicht aufhören, sich zu drehen? Müssten sich nicht alle denkenden Menschen empören? Warum passiert nichts…?

Ich sitze mitten in einem vor Menschen wimmelnden Apple Store, lese den Spiegel und kann nicht fassen was dort steht … Um mich herum lachen und schwatzen die Besucher des Stores, beladen mit Einkaufstüten voller Elektronikgeräte, die sie nicht brauchen (schon bald werde ich dasselbe tun, denn dafür bin ich hier…) – während in einem anderen Teil dieser Welt eine Familie ihre durch den eigenen Staat ermordete Tochter beweint.

Ich möchte nun nur noch weg – auch wenn ich weiß, dass das nichts hilft. Ich bringe den Kauf hinter mich und verlasse den Store. Was ist zu tun? Ich kann nichts tun, gar nichts.

Als ich zu Hause ankomme und Elie wortlos sein neues Tablet überreichen möchte, höre ich unter der Saurierbettdecke ersticktes Schluchzen. Ich streichle Elie über den Kopf und lege das Tablet neben ihn. Elie schiebt es weg. „Ich will kein Tablet. Ich will gar nichts. Doch – ich will, dass das Mädchen wieder lebt! Sonst will ich nichts. Wie könnt Ihr Erwachsenen nur so etwas zulassen!“ Ich habe darauf keine Antwort.

Anatol hat uns einen Tee gekocht. Schweigend sitzen wir da.

Heute Abend werden wir eine Kerze für Reyhaneh anzünden.

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91. Kapitel – Stillstand ?

Gestern Abend war es soweit. Als ich nach fast 13-stündiger Abwesenheit um kurz vor 20 Uhr die Haustür aufschließen wollte, ließ sich der Schlüssel nicht drehen. Trotz mehrmaliger Versuche blieb die Tür verschlossen.

Ich drücke auf die Klingel – ein Schrillen ertönt. Katzenpfotengetrappel hinter der Tür und ein leises Schlurfen von Sauriertatzen … ein Schlüssel wird im Schloß gedreht und die Tür öffnet sich mit einem Knarren.

„Ach, Dich gibt es noch?“ fragt Anatol. „Wir dachten, Du kommst nicht mehr. Wir sehen Dich ja kaum noch. Da wollten wir das Schloss auswechseln – falls irgend jemand Deinen Schlüssel gefunden hat und damit hier einbricht.“

Mir bleibt der Mund offenstehen. Die Biester wollten mich aussperren!

Lauthals protestiere ich gegen diese üble, unangemessene Behandlung. „Ihr wisst ganz genau, dass es bei der Arbeit im Moment großen Stress gibt. Schließlich gehe ich nicht nur aus Spaß dorthin! Ihr könntet Euch durchaus etwas verständnisvoller zeigen!“

Ich bin müde und abgekämpft. Da kann ich solche Spielchen gar nicht gut vertragen.

Elie mischt sich ein. „Wir sind sauer! Du gehst um 7 Uhr aus dem Haus. Danach sehen wir Dich vor 19 oder gar 20 Uhr nicht mehr. Abends setzt Du Dich vor Deinen Computer und bearbeitest Emails, sprichst nicht mit uns und den Katzen, und um kurz vor 10 müssen wir alle ins Bett. Im Blog schreibst Du auch nichts mehr von uns. Ich will so nicht mehr leben!“

Anatol zischt wütend „Genau so ist es! Wir sollten Dich eigentlich einfach hier alleine sitzen lassen. Wenn Du Dich nicht nur von Kopfschmerzentabletten ernähren würdest, und ich mir nicht größte Sorgen um Dich machen würde, wären wir schon längst weg.“

Betroffen sehe ich zu Boden. Leider stimmen die Vorwürfe. Im Büro sind mir soviele Projekte übertragen worden, dass ich nicht einmal weiss, wann ich sie überhaupt anfangen soll. Den Kollegen und dem Chef geht es nicht besser. Wir sind alle hoffnungslos überlastet. Da ich nicht als Versager dastehen will, habe ich meine Arbeitszeiten einfach um mehrere Stunden täglich ausgedehnt. Ich komme viel früher und gehe später. Seit Monaten ist es so. Abends will ich nur noch schlafen – der Blog leidet darunter, da ich kaum noch zum Schreiben komme… aber vor allem die beiden Butler und die Katzen. Ja – und ich auch.

Zur Zeit weiss ich nicht, wie es weitergehen soll.

Ich verspreche den Butlern, nach einer Lösung zu suchen. Vorerst bitte ich sie allerdings um etwas Geduld und Unterstützung.

Am Wochenende werden wir etwas Schönes planen – das Wetter wird gut werden. Vielleicht sollten wir einen Fahrradausflug machen – und dabei keine Emails von der Arbeit checken.

Und im Blog sollen bald auch wieder neue Geschichten erscheinen. Das ist nämlich in Wahrheit das größte Problem der Butler: sie wollen wieder Geschichten von ihren heldenhaften Abenteuern lesen!

Ein wenig kann ich das ja sogar verstehen.

90. Kapitel – Die Dampfnudeln

Seit Montag freue ich mich darauf: auf die Dampfnudeln, die der chef unseres französischen Betriebsrestaurants für diese Woche angekündigt hat. Das Restaurant hat eine deutsche Woche ausgerufen und kocht seit Wochenbeginn deutsche – vor allem süddeutsche – Köstlichkeiten. Ich habe mich vorwiegend an die Süßspeisen gehalten und vorgestern einen herrlichen Apfelstrudel mit Vanilleeis (welcher, wie Eva ganz richtig bemerkt, nicht aus Deutschland, sondern aus Österreich stammt – in unserer Küche kennt man den Unterschied allerdings nicht; auch da gibt es einiges aufzuarbeiten…) und gestern einen leckeren bayrischen Apfelkuchen genossen.

Allein die Dampfnudeln stehen noch aus. Heute soll es sie geben: frohgemut begebe ich mich in unsere Kantine – um dort feststellen zu müssen, dass meine Dampfnudeln von der Speisekarte gestrichen sind.

Ich bin sprachlos. Was ist unserem Koch nur eingefallen? Vorwurfsvoll blicke ich den maître queux an.

Zerknirscht gibt dieser zu, im letzten Moment vor den Dampfnudeln gekniffen zu haben. Man habe sich einfach nicht getraut, dieses Gericht herzustellen. Keiner der französischen Kochgehilfen – und er selbst auch nicht – habe jemals Dampfnudeln zubereitet. Daher habe man sie kleinlaut wieder aus dem Programm genommen.

Dann fragt der Koch mich doch tatsächlich, ob nicht mein legendärer Butler aushelfen wolle. Man brauche ganz klar einen erfahrenen cordon bleu, um die Dampfnudeln zu kochen. Ob Anatol sich nicht bereiterklären wolle, einzuspringen… man wisse sich sonst keinen Rat mehr.

Ich verspreche, Anatol darum zu bitten. Der Gute wird irgendwann vor Einbildung nicht mehr durch die Tür passen.

89. Kapitel – Der Tag der deutschen Reinheit

Morgen ist Feiertag in Deutschland. Anatol und Elie freuen sich auf einen freien Tag – ich muss allerdings arbeiten, denn hier in Frankreich ist der 3. Oktober ein normaler Arbeitstag.

Umso mehr beglückt mich jetzt die Aussicht auf einen geruhsamen Abend mit den Butlern und den Katzen. Leider wird es anders kommen, als ich es mir vorgestellt habe.

Um 19 Uhr betrete ich die stille Wohnung und gebe als erstes den Pelztieren zu fressen. Dies wird dankbar entgegengenommen.

Die Butler scheinen gar nicht zuhause zu sein – oder doch? Ein Kratzgeräusch dringt aus dem Schlafzimmer.

Ich begebe mich in selbiges – hier schlägt mir ein äußerst unangenehmer Geruch entgegen: ein Geruch, den man mit Krankheit, starkem Unwohlsein und Zeitmangel in Verbindung bringt!

Das Bett – mein Bett – zeigt nun leider die Spuren einer sehr extensiven Nutzung. Offenbar ist einem meiner tierischen MItbewohner sein Mittagessen nicht bekommen. Betreten sehen die Tiere mich an, während ich mit entsetztem Blick das Ausmaß der Katastrophe entdecke: Ein See von Übelkeit erstreckt sich über die Hälfte meiner Bettüberdecke, zieht sich über den Bettrand bis aufs Parkett hin und verschwindet dann unter dem Bett.

Ich wähne mich einer Ohnmacht nah.

Anatol und Elie haben bereits begonnen, unter dem Bett aufzuwischen. Angesichts des Umfangs der Verschmutzung können sie hier allerdings kaum etwas ausrichten. Eine brutalstmögliche Reinigungsaktion ist erforderlich.

Die Bettüberdecke wandert in die Waschmaschine, um dort bei 90° hoffentlich porentief sauber zu werden … dann entdecke ich, dass auch der Teppich betroffen ist.

Es wird eine lange Nacht des Putzens – die dann morgen hoffentlich in einen Tag deutsch-französisch-dinosaurischer, blütenfrischer Reinheit übergehen wird.

Nachtrag: es ist fast 22 Uhr. Die zweite Ladung Wäsche zappelt in der Waschmaschine. Das Bett ist frisch bezogen, die Kissen und Decken sind enthaart (ich weigere mich, das Innere meiner Waschmaschine in einen Yeti zu verwandeln: was darin gewaschen wird, muss vorher enthaart werden), der Boden abgespachtelt und großflächig gewischt.

Anatol hat mir derweil einen leckeren Salat zubereitet – den darf ich nun essen, und dann muss ich schnellstens ins Bett, denn morgen klingelt der Wecker wieder um 5 Uhr 20.

Topiramat : dreifaches Risiko für Depressionen und Selbstmord

Anatol machte mich heute auf diesen sehr informativen Beitrag von Violetta aufmerksam.

Es ist mir ein Anliegen, ihn auch hier im Blog zu verbreiten, deshalb stelle ich ihn auch bei uns ein.

Das Migräne Projekt

AntiepilepsieDeprWenn es ganz schlimm kommt, dann gibt es für Migräniker die Option, sich mit einem Epilepsiemittel prophylaktisch behandeln zu lassen. Das ist nicht so weit hergeholt, schließlich gibt es eine Menge Ähnlichkeiten zwischen Epilepsie und Migräne.
Der Wirkstoff, der hier vor allem verschrieben wird heißt Topiramat, das Produkt heißt Topamax. Seit 2009 ist das Patent ausgelaufen und der Wirkstoff sollte auch als Generika zu erhalten sein.

Ich habe Topamax auch mal verschrieben bekommen, und meine Neurologin bringt es immer wieder mal ins Gespräch. Ich habe mich aber schon vor über zehn Jahren, nachdem ich den Beipackzettel gelesen habe, dagegen entschieden und bleibe auch dabei. Meine Gründe damals waren vor allem die hohe Lebertoxizität des Medikaments und die hohe Wahrscheinlichkeit, ein Glaukom zu bekommen. Hinzugekommen im Laufe der Jahre sind unendlich viele anekdotische Berichte darüber, dass Leute das Gefühl haben, ihr IQ würde um die Hälfte sinken, wenn sie das Medikament…

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88. Kapitel – Leseratten

Eben erst komme ich von der Arbeit nach Hause. In letzter Zeit werden meine Arbeitstage länger und länger – sie beginnen immer früher und enden immer später. Die Butler haben bereits mehrfach angemahnt, dass ich doch bitte zu einer „anständigen Uhrzeit“ zum Abendessen erscheinen solle. Heute hatte ich eigentlich eine erneute Standpauke befürchtet, aber diese bleibt aus.

IMG_3088Die beiden Saurier sitzen vor dem Laptop und lesen. Offenbar haben sie einen packenden neuen Blog im Netz gefunden, neben den vielen schönen Blogs, die sie bereits lesen.

Ich werde kaum bemerkt. Auf kurze Nachfrage, was es denn da zu lesen gebe, bekomme ich nur ein „Pstttt – es ist grad so spannend!“ zu hören.

Mein Abendbrot werde ich mir wohl nun selber machen müssen … die Saurier sind beschäftigt.

Nur die Auskunft, dass es in dem Blog um die Reiseabenteuer einer mutigen kleinen Schildkröte und ihres Freundes, eines Pariser Streunerkaters, geht, kann ich ihnen ablocken – sowie den Namen und die Adresse des Blogs: Leo & Luzi.

Desillusioniert gehe ich in die Küche. Das Internet macht nirgendwo halt – und nun sind auch meine Butler ihm verfallen.

Nun gibt es erst einmal einen Salat, dann werde auch ich mir diesen Blog näher ansehen!

87. Kapitel – Äußerlichkeiten…?

Verstohlen mache ich mich am Kleiderschrank zu schaffen. Ich will die schöne dunkle Jeans von Somewhere, die ich damals ein wenig zu groß gekauft hatte, herausfischen und dabei möglichst nicht bemerkt werden.

„Du hast zugenommen!“ tönt es da aus dem Wohnzimmer. Anatol lugt hinter seiner Zeitung hervor, die ein Rascheln von sich gibt. „Es macht jetzt schon eine Kleidergröße aus… Deshalb suchst Du doch die dunkle Denim-Hose, nicht? Die liegt übrigens ganz rechts im Schrank, im zweiten Fach.“

Ich erstarre. Soll ich das Biest packen und kurzerhand aus dem Fenster werfen? Es zu Gulasch verarbeiten? Oder ihm einfach fristlos kündigen?

Meine Wut weicht einer traurigen Einsicht. Ja – ich habe zugenommen. Etwa 6 kg. Offenbar ist dies meiner Migräneprophylaxe – den Betablockern – zu verdanken, die ich seit fast zwei Monaten einnehme. Schlimmer als die 6 kg, die ich zusätzlich mit mir herumschleppe, ist die Tatsache, dass ich sie nicht wieder loswerde – trotz beharrlichen Fastens.

„Anatol, Du Untier! Wie kann man nur so gemein sein!“

Anatol hüpft ins Schlafzimmer und sieht mich mich unverfrorenen an. „Wieso gemein? Es ist eben so, dass Du an gewissen Stellen, die gerade für Jeans relevant sind, etwas mehr geworden bist. Die meisten Leute würden das sogar für eine positive Entwicklung halten.“

Ich schüttle den Kopf. „Nichts ist daran positiv! Ich werde fett – das ist es. Was kann ich nur tun …!“ Fast will ich mich schluchzend auf den Boden setzen.

Elie kuschelt sich an mich. „Also ich persönlich finde, dass Du so besser aussiehst. Die Jeans sitzen einfach schöner so. Knalleng halt! Sogar Angelo ist es aufgefallen.“

Ich bin sprachlos! Wo gucken diese prä-pubertären Saurierbengel hin? Gerade will ich Ohrfeigen androhen (obwohl ich gegen Gewalt in der Erziehung bin – aber hier geht es um etwas anderes!), da verkündet Anatol: „Ab jetzt gibt es eine ganz spezielle Diät – und damit kriegen wir dieses Problem in den Griff. Das wäre ja gelacht.“

Ich weise Anatol darauf hin, dass ich seit mehreren Wochen auf FdH bin – ohne jegliche Auswirkung. Immerhin schaffe ich es so, das – zu hohe – Gewicht zu halten. Dennoch ist FdH ganz klar keine Lösung.

Anatol ist gegen solche radikalen Diäten. Er meint, eine echte Nahrungsumstellung mit mehr Rohkost und weniger Kohlehydraten (insbesondere in Form von Weißmehl) sei in meinem Fall die bessere Alternative. Er verspricht mir für heute Abend einen leckeren Salat mit viel roher Paprika und Möhre. Und er behauptet, ich würde auf keinen Fall hungrig ins Bett gehen.

Ich bin gespannt.

Nachtrag: 18. September 2014

Heute Abend habe ich das erste von Anatol extra „kreierte“ Diätessen bekommen: Pellkartoffeln mit sehr wenig Olivenöl, einer Prise Salz und Pfeffer und etwas Thymian. Schmecken tut es sehr gut! IMG_3018

86. Kapitel – Mina in der Tierklinik der Zwerge

Gestern abend hatte es begonnen.

Mina hatte zum Abendbrot nichts essen wollen. Sie war blass und schlapp in ihr Bettchen gekrochen, hatte sich die Decke über den Kopf gezogen und sich leise wimmernd zusammengekrümmt. Elie hatte sie nicht einmal streicheln dürfen, da ihr jede Berührung wehgetan hatte.IMG_3002

Anatol und ich waren aufs äußerste besorgt gewesen. Mina war noch nie krank gewesen; sie hatte bisher keinerlei Krankheitszeichen gezeigt, das Unwohlsein war ganz plötzlich gekommen.

Fieber hatte Mina allerdings nicht gehabt.

Anatol – und da war ich mit ihm einer Meinung – hatte gesagt, dass Mina dringend zu einem Arzt müsse; der Zustand sei besorgniserregend, ja möglicherweise lebensbedrohlich. Da die hiesigen Tierärzte weder Dinosaurier noch schwarz-weisse Stoffkühe behandeln, sei es aus seiner Sicht erforderlich, Mina in die Tierklinik der Zwerge zu bringen. Das Zwergen-Ärzteteam sei auf derlei schwierige Fälle spezialisiert; man könne ihnen Mina bedenkenlos anvertrauen.

Mina war zu diesem Zeitpunkt bereits kaum noch ansprechbar gewesen – sie musste schnellstens zu einem Arzt. Nur wie? Der Drachenflugdienst war im Streik (das Bodenpersonal hatte höhere Gehälter gefordert und die Tarifverhandlungen waren in einen Streik der gesamten Belegschaft gemündet) – und mit dem Auto ist die Tierklinik der Zwerge nicht ereichbar: sie liegt gut versteckt mitten im unzugänglichsten, dichtesten Teil des Göttinger Hainbergs. Ausschließlich der Drachenflieger kann dort auf einer kleinen LIchtung landen – alle anderen Krankentransporte müssen zu Fuss durchgeführt werden.

Anatol hatte jedoch gemeint, sein neues Victoria-Trekkingrad müsste die Waldwege auch bewältigen können; die letzten 200 Meter im dunkelsten Teil des Waldes könne man notfalls zu Fuss – das Fahrrad schiebend – zurücklegen.

So waren wir vier – Anatol, Elie und ich, Mina gut in die Krankentragetasche eingemummelt – nach wenigen Stunden Schlaf in aller Frühe auf dem Fahrrad losgefahren, Richtung Hainberg.

Es war allerhöchste Zeit für Mina.

Hier findet Ihr die Fortsetzung im Blog der Tierklinik der Zwerge!

85. Kapitel – Entengrütze: die Fortsetzung

Am Tag nach der Entengrütz-Aktion ist Elie, mit seinem Eimerchen, einem Schrubber und Wischlappen bewaffnet, tatsächlich in Richtung Angelos Villa losgezockelt. Ich war sehr stolz auf ihn, da er ganz allein alle Putzutensilien zusammengesucht hatte und sichtlich bemüht erschien, die Missetat wieder gutzumachen.

Am späten Nachmittag war er wieder zurückgekommen – aber nicht zu Fuß, sondern in der Limousine von Angelos Eltern. Anatol und ich waren sprachlos gewesen. Elie war aus dem Fond der Limousine ausgestiegen, hatte sein Eimerchen, den Schrubber und die Lappen aus dem Heck des Wagens herausgekramt – und hatte dann von Angelos Vater eine riesige Kuchenbox überreicht bekommen, die Elie kaum allein hatte tragen können. Dann war die Limousine mit den schwarzen Scheiben lautlos fortgefahren.

Elie war so überwältigt gewesen, dass er eine Weile gebraucht hatte, um sich etwas zu sammeln. Dann hatte er uns den sagenhaften Nachmittag geschildert, den er gerade erlebt hatte.

Als er bei Angelo eingetroffen sei, habe er die Fassade der Villa wieder strahlend weiss und makellos wie immer vorgefunden. Angelos Mutter habe ihn empfangen und erklärt, die Reinigung habe Angelo allein erledigen müssen – als Strafe dafür, dass er Anatol erst provoziert und dann verhauen hätte. Elie habe sich zwar keinesfalls richtig verhalten, als er die Entengrütze bei ihnen ans Haus geworfen habe, sie fände es aber vorbildlich von ihm, dass er nun mit seinen Putzssachen vorbeikomme und die Grütze beseitigen wolle. Sie habe eine geeignetere „Bestrafung“ für Elie ausgedacht: und zwar wäre es ihr lieb, wenn Elie ihr heute nachmittag beim Kuchenbacken zur Hand gehen wolle. Sie brauche dabei dringend Unterstützung.

Elie sei abwechselnd rot und blass geworden. Er habe gar nicht gewusst, wie ihm geschehen sei – er habe noch nie eine so luxuriös eingerichtete Küche gesehen. Die Küche allein sei größer gewesen als unsere gesamte Wohnung. An dieser Stelle der Erzählung hatte ich mich geräuspert und Elie darum gebeten, hier nicht zu sehr in die Einzelheiten zu gehen.

Angelos Mutter sei sehr nett gewesen. Sie hätte Elie gezeigt, wie man eine Charlotte backt – dann habe Elie verschiedene Torten verzieren und vom Tortenguss naschen dürfen.

Er habe einen tollen Nachmittag verbracht – und Angelos Mutter offenbar auch.

Dann sagt Elie nachdenklich: „Ich glaube, ich weiss, was Angelos Problem ist. Er hat einfach alles – das ist viel zu viel. Es gibt nichts, was er sich noch wünschen kann. Er kann sich auf nichts mehr freuen: er hat schon alles, was man sich wünschen kann. Anatol, der ist nicht auf Dein Fahrrad neidisch gewesen, sondern auf Deine Freude über das Rad. So etwas kennt Angelo gar nicht. Ich glaube, seine Eltern haben das noch gar nicht verstanden – dass sie ihm viel zu viel schenken.“

Anatol und ich schweigen. WIr glauben, dass Elie den Nagel auf den Kopf getroffen hat.

Die Charlotte, die Angelos Eltern Elie mitgegeben haben, ist sicher die beste, die wir je gekostet haben. Ob wir jemals wieder einen so guten Kuchen essen werden? Wir wissen es nicht.

84. Kapitel – Die Woche für unsichtbare Krankheiten

Anatol und Elie haben wieder einmal bei Violetta im Blog gelesen und löchern mich seit vorgestern, dass ich die 30 Fragen über meine Migräne ebenfalls beantworten und hier in den Blog stellen soll.

Eigentlich hatte ich dazu erst keine Lust. Ich spreche überhaupt nicht gern über die Migräne und tue am liebsten so, als sei alles ok. Anatol und Elie sagen aber, gerade Violettas Beispiel zeige, dass es viel besser ist, Migräne sichtbar zu machen und darüber zu sprechen. Vielleicht werde es dann mehr Verständnis dafür geben – und hoffentlich irgendwann ein Heilmittel.

Hier also die Fragenliste, mit meinen Antworten:

Dinge über meine unsichtbare Krankheit, die Ihr vielleicht nicht wisst:

1. Die unsichtbare Krankheit, die ich habe, ist Migräne.
2. Diagnostiziert wurde die Migräne bei mir 1997,
3. aber ich leide schon seit 1976 unter dieser Krankheit.
4. Die größte Veränderung bzw. Anpassung, die ich dieser Krankheit zugestehen muss, ist die Tatsache, dass ich nichts in meinem Leben tun kann, ohne auf die Migräne Rücksicht zu nehmen bzw. sie einzuplanen. Auch meine Karriereplanung muss ich daran ausrichten – so hätte ich zum Beispiel niemals Anwältin werden können, obwohl ich diesen Beruf gerne ergriffen hätte.
5. Die meisten Leute denken, dass ich vollkommen gesund bin und mir die Migräne nur einbilde.
6. Das Schlimmste am Morgen ist es, mit Migräne aufzuwachen und trotzdem funktionieren zu müssen.
7. Meine Lieblings-Ärzteserie ist: Dr. House
8. Auf welches Gerät kann ich nicht verzichten? Auf mein IPhone – damit kann ich auch aus dem Bett heraus noch kleine Nachrichten schreiben und von lieben Freunden etwas Trost bekommen, wenn ich Migräne habe.
9. In der Nacht ist es am Schlimmsten, wenn die Migräne so stark ist, dass man nur vor sich hindämmern kann und vor Schmerzen seltsame Dinge sieht und hört.
10. Jeden Tag nehme ich mindestens 4 Tabletten und Vitamine.
11. An alternativen Therapien habe ich schon die folgenden ausprobiert: Akupunktur, Homöopathie, Ostheopathie, Pestwurz, medizinische Resonanztherapie, Meditation, Yoga, Migränediät …
12. Wenn ich zwischen einer sichtbaren und einer unsichtbaren Krankheit zu wählen hätte, würde ich keine nehmen! Ich bin froh, im Normalfall gesund auszusehen – das ist immer besser. Allerdings sieht man mir, ebenso wie Violetta, deutlich an, wie krank ich bin, wenn ich einen schlimmen Migräneanfall habe.
13. In Bezug auf meine Arbeit und meine Karriere ist die Migräne ein ganz wichtiger Faktor. Eine freiberufliche Tätigkeit mit vielen beruflichen Reisen oder unregelmäßigen Arbeitszeiten hätte ich niemals ausüben können.
14. Viele Menschen wären verwundert, wenn sie wüssten, dass ich wegen der Migräne oft Existenzängste habe.
15. Am schwersten war für mich zu akzeptieren, dass ich wegen der Migräne nicht mehr ohne weiteres darüber bestimmen kann, wie ich mein Leben führe, und bei allem darauf achten muss, wie ich migränetechnisch damit klarkomme.
16. Etwas, wovon ich dachte, dass ich es niemals meiner Krankheit tun könnte war: einen Vollzeitjob bekommen und darin sehr erfolgreich zu arbeiten. Ansonsten passiert allerdings kaum etwas in meinem Leben, da die restliche Zeit der Migräne oder dem Ausruhen geschuldet ist.
17. Werbung für Migränemedikamente: gibt es hier nicht.
18. Was vermisse ich: meine Unbeschwertheit, und das Gefühl, einfach alles tun zu können, was man sich vorstellt. Heute abend möchte ich mit einer Freundin in ein Konzert gehen – nun kündigt sich die nächste Migräne an. Es wäre so schön, sich einfach auf einen Abend mit Freunden freuen zu können, ohne sich sagen zu müssen „hoffentlich habe ich dann keine Migräne“.
19. Etwas, was mir schwergefallen ist: ich darf wegen der Migräne keinen Tropfen Alkohol mehr trinken. Zu Anfang war es nicht leicht; heute ist es nur noch entnervend, beim Essen mit Kollegen oder Bekannten erklären zu müssen, dass (und warum) man keinen Alkohol trinkt. Die Leute können es einfach nicht verstehen.
20. Ein neues Hobby, das ich seit der Diagnose aufgenommen habe: in meinem Blog zu schreiben.
21. Wenn ich einen Tag lang ganz gesund sein könnte, was würde ich tun? Einfach in den Tag hineinleben – und nicht immer denken: heute musst du diese 20 Dinge unbedingt erledigen, denn wenn Du morgen wieder Migräne hast, kannst Du es nicht mehr.
22. Was habe ich von meiner Krankheit gelernt: ich halte viel mehr aus, als ich gedacht hätte – und wäre froh, wenn ich dies niemals hätte erfahren müssen.
23. Was geht mir wirklich nahe, wenn Leute es sagen? „Deine Migräne ist doch sicher stressbedingt!“ Das ärgert mich, weil es einfach Blödsinn ist: ich habe Migräne, weil ich eben an dieser genetischen, neurologischen Erkrankung leide, und zwar mit und ohne Stress, mit oder ohne viel Arbeit, Freude, Trauer, Ärger, Freizeit … Warum sagt man solche dummen Dinge?
24. Aber ich habe es gern, wenn jemand einfach nur sagt: „Ruh Dich aus, ich bring Dir einen Tee.“
25. Mein Motto: „Es wird irgendwann besser gehen!“
26. Was sage ich jemandem, der auch an Migräne leidet: Such Dir einen Arzt, der sich wirklich mit Migräne auskennt und Dich ernst nimmt. Und lass Dir Triptane verschreiben.
27. Was hat mich überrascht, seit ich mit der Migräne leben muss: man findet immer wieder Dinge, die uns Hoffnung auf Besserung geben!
28. Das Liebste, was jemand getan hat, als es mir nicht gut ging: eine ganz liebe Freundin ist gekommen und hat alle Katzenklos gesäubert. Und mein Chef (mit 41° Fieber immer bei der Arbeit) hat es mir einmal angesehen, wie schlecht es mir ging mit der Migräne, und gesagt, ich solle schnell nach Hause gehen und mich ausruhen… dabei durfte man sonst, wenns nach ihm gegangen wäre, bei der Arbeit gern die spanische Grippe, Pest und Cholera gleichzeitig haben: es musste trotzdem gearbeitet werden. Aber mit der Migräne hat er mich nach Hause geschickt.
29. Warum mache ich bei der Invisible Illness Week mit: vielleicht kann ich so auch andere Menschen anregen, über ihre unsichtbare Krankheit zu sprechen.
30. Dass Ihr dies hier lest, gibt mir Hoffnung, dass unsichtbare Krankheiten vielleicht besser verstanden und irgendwann geheilt werden – ganz besonders natürlich die Migräne!

83. Kapitel – Die Entengrütze

Heute war der erste Schultag nach den Ferien. Elie war mit seinem Roller, Anatol mit dem neuen himmelblauen Victoria-Fahrrad zur Schule gefahren. Ich hatte ihm eingeschärft, das Rad an einer sicheren Stelle abzustellen und auf jeden Fall an eine sehr stabile Verstrebung oder ein Straßenschild anzuschließen. Anatol hatte das fest versprochen – zumal wir dafür ein ganz besonders gutes Bordo-Schloß gekauft hatten. Etwas Sicheres gebe es kaum, hatte uns der freundliche Herr von Zweirad-Schmid garantiert.

Ich selbst war dann ins Büro gefahren, wo ich mich den Vormittag über in eine unangenehme Akte im Bereich des internationalen Kabelgeschäfts vertieft hatte. Hier drohte wohl demnächst ein Prozess – diesen galt es vorzubereiten und insbesondere seine Finanzierung abzusichern. Darauf folgte ein längeres Gespräch mit meinem Chef, der diverse Angelegenheiten mit mir durchgehen wollte.

Gegen 13 Uhr 30 – mein Chef hatte mich endlich in die Mittagspause entlassen – begab ich mich, noch ganz in Gedanken bei meinem Kabelprozess, nach Hause, um dort mit den Butlern zu mittag zu essen, mich etwas auszuruhen und dann gestärkt ins Büro zurückzukehren.

Als ich die Wohnungstür aufschliesse, erwarten mich Stille und tief schlafende Katzen. Weder Elie noch Anatol sind im Haus. Dies ist – um Viertel vor Zwei! – ganz ungewöhnlich. Die 6. Stunde ist um 13 Uhr 05 aus – die beiden Butler sind spätestens um 13 Uhr 20 zu Hause.

Mit einem mulmigen Gefühl nehme ich das Telephon zur Hand und wähle die Nummer des Max-Planck-Gymnasiums – in der Hoffnung, dort noch einen Lehrer zu erreichen. Bevor jedoch die Leitung frei wird, höre ich aus dem Treppenhaus Schluchzen – und es kommt näher.

Ich stürze zur Tür – eine schreckliche Vorahnung im Herzen – und sehe einen weinenden Anatol und einen besorgt guckenden Elie die Treppe hochklettern.

Voller Zorn frage, brülle ich fast: „Anatol, ist das neue Fahrrad etwa gestohlen worden!?“

Elie schüttelt den Kopf. „Nein, das Rad ist da – sicher unten im Fahrradkeller angekettet.“ Anatol nickt und wischt sich mit der Pfote die Tränen aus dem Gesicht. Sprechen kann er allerdings nicht.

Verständnislos sehe ich die Saurier an. „Was gibt es denn zu Weinen? Was ist passiert?“

Elie entschließt sich, mit der Sprache herauszurücken. „Es ist Angelos Schuld. Der hat angefangen!“

Jetzt erst sehe ich, dass Anatols Hemd zerrissen ist und seine Hose sehr schmutzig aussieht. Elie erfasst meinen Blick und bemerkt etwas spitz: „Deshalb ziehe ich lieber gar nichts an. Als Dinosaurier bin ich auch ohne Klamotten perfekt angezogen. So kann nichts schmutzig werden!“

„Was hat Angelo angefangen?“ Mit einem drohendem Unterton mache ich den beiden Butlern klar, dass ich eine Erklärung erwarte – und zwar sofort.

„Angelo hat über das neue Fahrrad gelästert. Anatol hatte es gerade vom dem Schulhof geholt und wir wollten nach Hause, da hat Angelo der ganzen Klasse erzählt, dass Victoria-Fahrräder Schrott von Vorgestern seien. Die hätten nicht mal eine Gangschaltung von Deore – dabei sei das doch heute Standard. Er rate Anatol, den Schrotthaufen zurückzubringen und sich was Anständiges zu kaufen. Er hat dann noch irgendsoeine Nobelmarke genannt, aber die hab ich nicht verstanden. Anatol hatte ihn dann schon im Schwitzkasten, und hat ihm eine reingehauen. Leider hat Anatol dabei nicht daran gedacht, dass Angelo den schwarzen Gürtel in Karate hat … nun ja, es ging nicht gut aus für Anatol. Nachsitzen musste er auch.“

Anatol schluchzt wieder laut auf. „Es ist so ungerecht!“ gelingt es ihm, zu rufen. Dann klettert er – mit Mühe – in sein Nestchen, zieht sich seinen Ritterumhang über den Kopf und ist nicht mehr ansprechbar.

Ich bin bestürzt. Wie kann es sein, dass ein Schüler den anderen so ärgern kann, nur weil dieser ein neues Fahrrad hat? Zumal Angelo das teuerste Hightech-Fahrrad besitzt, das man sich vorstellen kann … Neid konnte also in keinem Fall der Auslöser sein.

„Anatol, Du hättest Angelo einfach ignorieren sollen. Das wäre wohl das Beste gewesen. Nun hat er Dich auch noch verkloppt, weil Du auf ihn losgegangen bist.“

Anatol heult laut auf. „ICH habe den verhauen, dass das mal klar ist!“ Anatols Zustand spricht indessen eine andere Sprache – und Elies sorgenvoller Blick auch. Es muss ein relatives Massakker gewesen sein – gegen einen schwarzen Gürtel in Karate ist wenig auszurichten. Ich nehme mir vor, heute Abend Angelos Eltern anzurufen, um die Angelegenheit aufzuklären. Was Angelo diesmal an Ärger provoziert hat, kann so nicht hingenommen werden – auch wenn Anatols Reaktion nicht richtig war.

Dies teile ich den Sauriern mit und stelle dann das Mittagessen auf den Tisch. Ich versuche, die beiden mit ein paar Witzen auf angenehmere Gedanken zu bringen, leider erfolglos. Schließlich tröste ich Anatol mit dem Hinweis darauf, dass das schöne Fahrrad ja trotz aller Häme Angelos immer noch da sei, dass er damit herrliche Radtouren werde machen können und dass das Rad von allen ausprobierten am schnellsten gefahren sei. Anatol kann zumindest wieder ein bisschen lächeln.

Mit der Anweisung an die Butler, nun ihre Hausaufgaben zu erledigen, verabschiede ich mich und gehe zurück ins Büro. Für den Nachmittag ist eine längere Abteilungssitzung angesetzt, danach warten noch ein paar Akten auf mich – dann ist Feierabend.

In der Hoffnung, die beiden Saurier nun in besserer Stimmung anzutreffen, fahre ich nach Hause.

In der Wohnung brennt zwar Licht, aber ich sehe weder Elie noch Anatol. Die Katzen verlangen ihr Futter, welches ich ausgebe … dann sehe ich, dass ich 5 Nachrichten auf dem Anrufbeantworter habe: das Gerät blinkt wild. Dies ist mehr als ungewöhnlich – niemand hinterlässt dort sonst eine Nachricht. Ich betätige die Abspieltaste – und höre gleichzeitig ein leises Wimmern aus dem Sauriernestchen! Die beiden Butler sitzen – offenbar verschreckt – im Nest und trauen sich nicht unter der Decke hervor!

Noch bevor ich etwas sagen kann, spielt der Anrufbeantworter die erste gespeicherte Nachricht ab – besser: versucht sie abzuspielen: die Nachricht ist unverständlich. Die Person am anderen Ende der Leitung schreit mit sich überschlagender Stimme in den Apparat – fast glaube ich, mein Trommelfell werde platzen. Schnell drehe ich die Lautstärke herunter und versuche, Nachricht 2 und 3 abzuhören – erfolglos. Bei Nachricht Nummer 4 meine ich, herauszuhören, dass die Anrufer Angelos Eltern sind.

Scharf sehe ich die beiden Saurier an. „Was ist hier los?“ sage ich mit der strengsten, wütendsten Stimme, deren ich fähig bin.

Elie räuspert sich. „Nun ja … wir haben unsere Hausarbeiten gemacht … und damit waren wir so schnell fertig … ja und dann bin ich nochmal zu Angelo gegangen.“

„Und was dann…?“ frage ich drohend. „Nur weil Du zu Angelo gegangen bist, hinterlassen seine Eltern nicht 5 völlig hysterische Nachrichten auf unserem Anrufbeantworter!“

Elie druckst etwas herum. „Das war so gemein, was der mit Anatol gemacht hat! Ich finde, das kann man nicht so einfach gefallen lassen!“

„Ja, das stimmt. Genau aus diesem Grund wollte ich heute Abend mit Angelos Eltern sprechen. Wie zivilisierte Leute das tun. Nur irgendetwas scheint ja vorgefallen zu sein, wenn sie nun so außer sich sind. Was hast Du getan, Elie !?“Ich merke, wie mir die Zornesröte auf die Stirne steigt.

„Ich hab es nicht allein getan!“ schreit Elie. „Mirko und Edouard haben mitgemacht. Wir waren so sauer auf Angelo. Er ärgert Mirko und Edouard auch immer!“

„WAS HABT IHR GETAN ?!“ Ich bin nun so verärgert wie selten.

„Eigentlich haben wir gar nichts Schlimmes gemacht. Also nichts Gefährliches … wir waren im kleinen Wäldchen, am Bach. Da wo der Teich mit der Entengrütze ist …“

Mir schwant Furchtbares. Angelos Eltern haben eine riesige Villa mit strahlend weisser Fassade.

„Dann haben wir in unseren Eimerchen ganz viel Entengrütze und Algen gesammelt. Ja, und die haben wir dann an Angelos Fenster geschmissen. Das hat toll geklatscht, als das dagegen geflogen ist! Leider kam Angelos Mutter ziemlich bald aus dem Haus gelaufen und hat total geschimpft. Wir sind dann schnell weggelaufen. Dummerweise habe ich dabei meinen Eimer verloren – den mit meinem Namen drauf …“ Elie sieht zerknirscht zu Boden.

Ich muss mich setzen. Nun wird mir klar, warum ich aus den diversen Nachrichten auf dem Anrufbeantworter immer wieder das Wort „Fassadenreinigung“ wahrgenommen hatte. Ich hatte mich also nicht verhört.

Das Telephon klingelt. Die Nummer auf dem Display kenne ich mittlerweile: es sind Angelos Eltern.

Mit dem Mut der Verzweiflung hebe ich ab. Offenbar hat man sich am anderen Ende der Leitung zumindest ein wenig beruhigt – ich kann den Namen von Angelos Mutter verstehen. Sie schildert voller Entsetzen die Entengrützenaktion, scheint aber deren Vorgeschichte nicht zu kennen. Nachdem Frau Panquin ihrem Ärger über ihre nunmehr ungewollt begrünte Fassade Luft gemacht hat, setze ich sie von den vorhergegangenen Taten ihres Sprösslings in Kenntnis, und auch davon, dass ich mich deswegen heute abend bei ihr gemeldet hätte.

Frau Panquin ist fassungslos. Sie kündigt einen erneuten Anruf für den morgigen Tag an, wolle aber vorher „gewisse Dinge mit Angelo klären“. Dann hängt sie auf.

Ich werfe Elie und Anatol einen bitterbösen Blick zu. „Elie, Du gehst morgen höchstpersönlich zu Angelos Mutter und entschuldigst Dich bei ihr. Dann hilfst Du Angelo und seinen Eltern beim Säubern der Fassade! Angelo sollte sich bei Anatol für die hässlichen Bemerkungen entschuldigen, das wäre wohl nur angebracht.“

Zerknirscht zieht sich Elie ins Nestchen zurück, wo Anatol schon eingemummelt liegt.

Bevor er einschläft, verspricht Elie, das nächste Mal keine Entengrütze mehr an Angelos Fenster zu werfen. Er werde den Eimer mit der Grütze einfach direkt über Angelos Kopf auskippen. Das werde sicher nicht so großen Ärger machen wie jetzt die blöde weisse Fassade. Schließlich könne Frau Panquin ihren Angelo einfach in die Waschmaschine stecken.

Ich seufze. Was soll aus diesen Biestern nur werden…

82. Kapitel – Das neue Victoria-Fahrrad

Unsere Fahrt nach Offenburg beginnt mit einer Pleite – der Besuch bei Dr. Anselm, den ich schnell vor der Abfahrt des Zuges erledigen wollte, dauert unvorhergesehenerweise deutlich länger als geplant. Anatol und ich verpassen den 9:34er Zug – und müssen erfahren, dass vor 11 Uhr 04 gar kein weiterer Zug mehr fährt.

Anatol hätte nun normalerweise begonnen, lauthals zu schimpfen. Da wir aber auf der Reise zu seinem eventuellen neuen Rad sind, hält er weise den Schnabel. Statt zu zetern schlägt er vor, gleich bei DM noch einige kleine Einkäufe zu tätigen. Und warum nicht danach einen Tee bei Armbruster am Bahnhof trinken?

Genau dies tun wir. Da eine Reise mit der Bahn immer für Hunger sorgt – auch wenn sie noch gar nicht begonnen hat – genehmigen wir uns ein Pflaumenteilchen zum Tee.IMG_2986

Derart gestärkt können wir anderthalb Stunden später unsere Reise nach Offenburg antreten.

Vorher finde ich allerdings beim Besuch der Bahnhofsbuchhandlung ein sehr interessantes Literaturmagazin, welches ich kaufe. Es handelt sich um die neue Ausgabe von „Das Buch als Magazin“ und beschäftigt sich mit der Traumnovelle von Arthur Schnitzler – einem meiner Lieblingsbücher. Das Magazin geht daher mit uns auf die Reise – ich werde später noch genauer darüber berichten.

Um 11 Uhr 22 erreichen wir Offenburg – und wenig später unser Ziel: den Fahrradladen, der die begehrten Victoria-Räder führt.

Warum ist diese Marke Anatol und mir so wichtig? Wir sind sonst keine Marken-Fetischisten – im Gegenteil bevorzugen wir bis auf wenige Ausnahmen No-Name-Produkte.

Der Name „Victoria“ steht für eine lange, traditionsreiche Geschichte. Schon 1886 wurden von der Firma Victoria Fahrräder hergestellt – gegründet wurde sie damals von zwei Radsportlern. Der Radsport war damals ganz neu – gerade Frauen, die für Emanzipation kämpften, fuhren Fahrrad! Diese ersten Radfahrerinnen sind selbstverständlich unsere Vorbilder.

Das Victoria-Fahrrad gehört jedoch auch zu unserer Familiengeschichte. Das „erste Victoria-Fahrrad meines Lebens“ was das meines Vaters. Es entstammte den 50er Jahren und war meinem Vater von seinen Eltern zum 14. Geburtstag geschenkt worden; es war – wie alle Victoria-Fahrräder – ein technisches und ästhetisches Meisterwerk. Da man damals, nach dem Krieg, kaum Geld für Spielereien wie Fahrräder hatte, war das Fahrrad für einen kleinen Jungen der größte Schatz, den man sich vorstellen konnte. Dementsprechend gut wurde es behandelt und behütet.

Ich war von dem Fahrrad schon als kleines Kind beeindruckt: auf der Stange sitzend durfte ich mit meinem Vater zur Schule fahren und die Klingel betätigen, die ein einzigartiges, glockenhelles „PING“ von sich gab.

Als ich 14 war, wurde das Rad gestohlen – eine Familientragödie. Es blieb jedoch nicht für immer verschwunden: ich sah eines Tages den mutmaßlichen Dieb mit dem Fahrrad durch Göttingen radeln, konnte ihn verfolgen, stellen, und der Polizei zuführen. So kam das Fahrrad zu uns zurück.

Natürlich wollte Anatol ebenfalls ein solches Victoria-Fahrrad, und so bekam er das schöne, azurblaue Rennrad geschenkt, das jetzt durch eine Verkettung unglücklichster Umstände in die Fänge des nachbarlichen Bermuda-Dreiecks geriet und dort innerhalb kürzester Zeit verschwand.

Uns ist bewusst, dass es mehr als unwahrscheinlich ist, unser azurblaues Victoria-Rad wiederzufinden. Daher hat Anatol sich entschlossen, einen Schritt in die Zukunft zu tun: ein neues Victoria-Fahrrad soll einziehen.

Vorher müssen wir es allerdings ansehen und probefahren – und eben dies soll heute geschehen.

Ein freundlicher alter Herr – vermutlich der Inhaber – begrüßt uns, als wir bei Zweirad Schmid ankommen. Genau zwei Modelle von Victoria sind zum Ausprobieren da: ein Damen- und ein Herrentrekkingrad. Der alte Herr erklärt uns die technischen Neuerungen, die das Modell erfahren hat: 24-Gang-Kettenschaltung, Aluminiumrahmen, Stoßdämpfung … all dies kennen Anatol und ich nicht. Das alte Fahrrad hatte einen fleißig rostenden Stahlrahmen, 5 Gänge und natürlich keine Stoßdämpfer.

Wir dürfen beide Modelle probefahren. Sie fahren wie von selbst – leicht, schnell und ohne jede Anstrengung: fast haben wir das Gefühl, zu schweben! Das Damenmodell mit seinem 50er Rahmen scheint die perfekte Größe zu haben.

Was nun? Anatol guckt mich aus erwartungsvollen Augen an: ich soll das Fahrrad nun bestellen, das sehe ich ihm ganz deutlich an. Aber zur Zeit steht es mit unserem Budget nicht zum Besten, und mir wäre es lieber, wenn wir das neue Fahrrad erst später im Herbst, im Oktober oder November kaufen würden … Anatol stehen Tränen in den Augen.

„Frag doch wenigstens mal nach dem genauen Preis!“ weint er leise. „Und ob es das Rad in blau überhaupt noch gibt.“

In der Tat ist das blaue Modell nicht auf Lager – ich gehe allerdings davon aus, dass man es bestellen kann.

Der alte Herr blättert im Victoria-Katalog, schreibt sich die Modellnummer auf und ruft beim Victoria-Großhändler an. Ja, das Modell existiert noch, es wird jedoch in 2 Wochen durch ein neues ersetzt. Das neue Modell wird zum Entsetzen von Anatol nicht mehr blau, sondern weiss sein.

Ich sehe ein, dass nun gehandelt werden muss. Bestürzt höre ich mich sagen „Dann bestellen Sie uns bitte das blaue Rad. Jetzt sofort.“ Geichzeitig gehe ich im Geiste den Stand des Kontos durch. Einen solchen Kauf kann es nicht verkraften – die Reserven sind bis auf einen winzigen Rest, der unseren Notgroschen darstellt, ausgeschöpft. Ich bin fassungslos ob der Eselei, die ich gerade begehe.

Erfreut teilt mir der freundliche alte Herr mit, dass das Fahrrad morgen um Punkt 15 Uhr für Anatol und mich bereitstehen wird. Anatol jubelt – und hört damit nicht einmal auf, als ich streng darauf hinweise, dass ab sofort alle (und das heisst: ALLE) weiteren Ausgaben gestrichen sind.

Wie wir Elie das teure Rad erklären wollen, weiss ich nicht.

Für heute überlasse ich es Anatol, hier eine glückliche Eingebung zu haben.

IMG_2990Nachtrag, am 9.9.2014

Eben haben wir das neue Fahrrad abgeholt.

Hier wird es in der Werkstatt genau auf den neuen Fahrer eingestellt.

Anatol ist sehr glücklich.

Man sieht es ihm an, denke ich.

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80. Kapitel – Zensur…?

Meine Sehnenscheidenentzündung im Handgelenk ist wieder schlimmer geworden. Ich habe die ständige Arbeit am Computer – und vor allem mit der Maus – im Verdacht, dieses Problem auszulösen.

Wenn ich zuhause am Computer (ohne Maus) schreibe, bleibt meine Hand ganz beschwerdefrei. Deshalb habe ich heute die Betriebsärztin zu mir ins Büro gerufen, um ihr meinen Arbeitsplatz zu zeigen und um sie zu fragen, ob ich eine Tastatur mit Touchpad bekommen könne – damit ich nicht mehr mit der Computermaus arbeiten muss.

Ob dies möglich ist, weiss die Betriebsärztin noch nicht. Allerdings will sie nicht, das ich abends zu Hause weiter am Computer arbeite.

Sprich: ich soll nicht mehr im Blog schreiben. Davon würden die Beschwerden schlimmer.

Anatol ist ausgerastet, als er das hörte (er war heute heimlich mit zur Arbeit gekommen und saß im Rucksack, als die Ärztin in meinem Arbeitszimmer war). Anato FotoZum Glück hat er seinen Wutanfall so lange zurückgehalten, bis die Ärztin wieder weg war. Andernfalls hätte sie vermutlich nicht nur orthopädische, sondern auch psychiatrische Behandlungen verordnet.

Nun habe ich einen schimpfenden Saurier hier im Büro sitzen. Zum Glück ist mein Kollege heute noch im Urlaub – es wäre sonst hochnotpeinlich gewesen.

Ich habe Anatol beruhigt. Natürlich werde ich nicht aufhören, im Blog zu schreiben. 

Eher kauf ich mir die ergonomische Tastatur mit Touchpad auf eigene Rechnung.

79. Kapitel – Auf der Suche

Zwei furchtbare Tage und Nächte liegen hinter uns. Anatol hat viel geweint, gewütet… dann wieder sich selbst als den Alleinschuldigen bezichtigt.  Geschlafen hat er gar nicht.

Heute Nacht – es ist bereits nach 23 Uhr – beginnt er langsam, den Diebstahl seines geliebten Fahrrads zu verarbeiten.

Elie meint, Anatol müsse aufhören, sich die Schuld an dem Unglück zu geben. Denn selbst wenn er das Rad an diesem Wochenende abgeschlossen hätte – vielleicht hätte er es in zwei Wochen doch einmal aufgeschlossen im Keller gelassen. Schuld an dem Diebstahl sei in allererster Linie der Dieb – und dann auch der hirnverbrannte Nachbar, der einfach behauptet hatte, das Fahrrad „gehöre zum Haus“ und dürfe frei entliehen werden.

Zudem gebe es möglicherweise ja doch noch Hoffnung: Anatol hatte das Rad gravieren und registrieren lassen. Gemeldet sei der Diebstahl bereits auf der Webseite von Bicycode, des Strasbourger Vereins gegen den Fahrraddiebstahl – bei der Polizei seien wir auch gewesen, um den Diebstahl anzuzeigen. Mehr könne man nicht tun – Anatol müsse nun etwas Vertrauen in die Ordnungshüter haben und diese ihre Arbeit tun lassen.

Da kennt Elie Anatol allerdings schlecht. Sich auf andere Leute zu verlassen – das entspricht dem misstrauischen Saurier gar nicht.

„Den Teufel werd ich tun!“ grummelt er. „Ich werde mein Rad natürlich suchen! Und wehe, wenn ich da jemanden drauf erwische – den mach ich zur Briefmarke!“

Elie rät, in diesem Fall lieber sofort die Polizei zu rufen. Ich kann dem nur beipflichten. Schließlich sei der Besuch im Hôtel de Police heute recht positiv verlaufen – bis auf die lange Wartezeit.

IMG_2984Anatol und ich waren heute am frühen Abend aufs Kommissariat gegangen, um dort Anzeige zu erstatten. Anatol hatte darauf bestanden, dabei anwesend zu sein – trotz der schlechten Erfahrungen, die der Butler – wenn auch selbstverschuldet – mit der Polizei bereits machen musste.

Als wir eingetroffen waren, hatten schon 10 weitere Personen darauf gewartet, irgendeine Missetat, die ihnen widerfahren war, zur Anzeige zu bringen: Nicht ein einziger Sitzplatz war mehr frei gewesen. Die diensthabende Kommissarin hatte mir freundlicherweise erlaubt, in einem Bereich hinter der Absperrung, der für Publikum normalerweise nicht gedacht ist, Platz zu nehmen. Immerhin hatten wir so nicht stehen müssen. Hier sieht man Anatol, wie er aus dem Rucksack herauslugt. Allzusehr wollte er der Kommissarin dann lieber doch nicht auffallen!IMG_2983

Nach einer schier endlos erscheinenden Wartezeit waren wir endlich in das Dienstzimmer der Kommissarin gerufen worden. Anatol hatte sich bis dahin ruhig verhalten – nun war es um seine Selbstbeherrschung geschehen! Mit einem Satz war er aus meinem Rucksack direkt auf den Schreibtisch der Kommissarin gesprungen, die erschrocken zurückgewichen war. Verärgert hatte sie mir zu verstehen gegeben, dass Haustiere auf der Polizeiwache nicht zugelassen seien!

Anatol war nicht mehr zu bändigen gewesen. Dass es sein Rad sei, um das es hier gehe, hatte er noch laut wettern können – dann war es mir mit einem geübten Handgriff gelungen, das Biest in die Tiefen meines Rucksacks zu verbannen, diesen zu schließen und dann unter die Sitzbank zu schieben.

Entsetzt hatte die Polizeibeamtin wissen wollen, was denn das für ein Tier gewesen sei? Ob es gar gefährlich sei? Ich hatte schnell gesagt, es handle sich um einen defekten Furby, der sich nicht mehr ausschalten ließe. Dies erklärte glücklicherweise auch, warum aus dem Rucksack weiter lautes Fluchen und Zetern drang.

Schnell hatte ich den Verlauf des Fahrraddiebstahls dargelegt, das Fahrrad und seine besonderen Kennzeichen beschrieben – nach nur wenigen Minuten war der Vorgang zu den Akten genommen.

Kurze Zeit später hatte ich mit Anatol auf der Straße vor dem Kommissariat gestanden – eine Ausfertigung der Anzeige in der einen, den zeternden Anatol in der anderen Hand haltend. Erst als ich Anatol versprochen hatte, nun mit ihm durch die Stadt zu fahren und überall nach seinem Fahrrad zu suchen, hatte das Geschimpfe schlagartig aufgehört. Dann hatten wir uns auf die Suche nach Anatols Fahrrad gemacht…

Nun, bald um Mitternacht, haben wir die Suche unterbrochen. Elie hat eine Kleinigkeit zu essen vorbereitet – diese verschlingen wir eben. Anatol will gleich noch einmal los, da er sich spät nachts die meisten Chancen ausmalt, sein Fahrrad wiederzufinden.

Die Fahrradsuche wird langsam aber sicher zur Obsession für den Butler.

Elie nimmt Anatol in den Arm. „Du musst loslassen, Anatol. Dein Fahrrad ist nicht mehr da, und das ist sehr traurig. Ich selbst bin auch ganz deprimiert deswegen. Aber Du kannst es nicht ändern. Vor allem kannst Du nicht erzwingen, dass das Fahrrad zurückkommt… vielleicht hast Du Glück und wir finden es zufällig wieder. Aber ich glaube nicht, dass Du es bei Deinen nächtlichen Suchaktionen wiederfinden wirst. Du kannst vor Müdigkeit schon nicht mehr aus den Augen gucken.“

Anatol laufen wieder Tränen über die Wangen. Er hatte sein Fahrrad über alles geliebt. Aber er sieht ein, dass er heute vor allem eines braucht: Schlaf.

Die Suche wird er nicht aufgeben. „Loslassen“ wird Anatol noch lernen müssen.

Ich habe indessen herausgefunden, dass die Firma Victoria nach mehreren Inhaberwechseln immer noch existiert und weiter hochwertige Fahrräder herstellt. Für morgen nehme ich mir vor, heimlich dort anzurufen und unsere Fahrrad-Misere zu schildern. Vielleicht kann man mir dort weiterhelfen.

78. Kapitel – Verlust… das geliebte Victoria-Fahrrad

Anatol weint seit vorhin nur noch. Sein wunderschönes azurblaues Victoria-Fahrrad ist weg – für immer.

Er hatte das Fahrrad in den Keller gestellt und es dort sicher geglaubt. Normalerweise war es immer abgeschlossen – aber für die Fahrt nach Montbard vor 10 Tagen hatten wir das Schloss von Anatols Rad genommen, um mein Fahrrad damit zu sichern. Anatol hatte dann vergessen, sein Rad wieder abzuschließen…

Ein früherer Nachbar war gestern im Haus gewesen, um Sachen abzuholen. Diese Gelegenheit hatte er genutzt, um den Leuten aus dem ersten Stock zu sagen, dass das blaue Fahrrad offenbar herrenlos sei – jeder könne es benutzen.

Meine Nachbarn aus dem ersten Stock hatten das Rad daher gestern ihrer Tochter geliehen. Diese war damit zu einem Open Air Konzert gefahren, hatte es dort mit anderen Rädern anschließen lassen, aber nicht aufgepasst, als die anderen Räder aufgeschlossen worden waren.

Als sie um 5 Uhr früh das Fahrrad suchte, war es weg.

Anatol hatte es 1979 geschenkt bekommen. Zu Weihnachten. Seitdem hatte es ihn nicht mehr verlassen. Der Butler weint und weint und weint – Ihr könnt es Euch gar nicht vorstellen.

Morgen gehe ich zur Polizei und erstatte Anzeige, aber ohne Hoffnung.

Was mache ich nur mit Anatol… das Fahrrad ist unersetzlich. Ein neues Rad wollten die Nachbarn bereits beschaffen, um Anatol zu trösten, oder ihm Geld für ein neues Rad geben – aber darum geht es nicht. Kein Geld dieser Welt wird jemals Anatols Fahrrad, das 1979 unter dem Weihnachtsbaum stand, ersetzen können.

Ich habe Anatol nun gesagt, dass es ok ist, wenn er um sein Fahrrad weint. Als meinem Vater 1984 sein Fahrrad – auch ein Victoria-Rad – gestohlen wurde, habe er auch geweint. Obwohl er schon 45 Jahre alt war.

Das Fahrrad meines Vaters habe ich jedoch ein Jahr später wieder gefunden… und zwar hatte ich jemanden damit durch die Stadt fahren sehen: diese Person hatte ich damals gestellt, das Fahrrad gesichert und die Polizei gerufen … so bekam mein Vater sein Rad wieder. Wunder geschehen manchmal.

Ich konnte Anatol mit dieser Geschichte etwas beruhigen. Vielleicht geschieht ja noch einmal ein Wunder. Andernfalls muss Anatol sich damit abfinden, dass unser schönes blaues Fahrrad in die ewigen Jagdgründe der Fahrräder eingegangen ist und nur in seiner Erinnerung weiterleben wird.

Eben ist Anatol in sein Nestchen gekrochen und will jetzt versuchen, zu schlafen. Dieser Tag hat ihn sehr mitgenommen.

Was heut müde gehet unter,
Hebt sich morgen neugeboren.
Manches bleibt in Nacht verloren –
Hüte dich, bleib wach und munter!

Joseph von Eichendorff