166. Kapitel – Der Müllsheriff goes Wurmkompost I

Es ist soweit! Ungeduldig haben wir auf ihn gewartet – nun ist er endlich angekommen:

Unser Wurmkomposter!

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Ihr erinnert Euch: Anatol hatte bereits vor längerer Zeit angekündigt, der Müllmisere, die er nicht länger zu ertragen bereit ist, den Kampf anzusagen. Joghurtbecher, in Plastik eingeschweisstes Obst oder Gemüse, Verpackungen jeglicher Art hat der selbsternannte Müllsheriff bereits aus unserem Leben verbannt: Anatol schickt mich nur noch mit Jutebeuteln und Glasbechern bewaffnet zum Einkaufen auf den Markt und zu Day by Day, unserem verpackungsfreien Laden. Sein Motto: „Was verpackt ist, kaufen wir nicht!“

Zwar habe ich es geschafft, doch heimlich das eine oder andere verpackte Produkt, auf das ich nicht verzichten mag, hinter dem Rücken des argwöhnisch jeden Einkauf überprüfenden Sauriers einzuschmuggeln; dennoch stehe ich natürlich hinter den Anstrengungen des Butlers, zumindest den Müll zu vermeiden, den wir nicht produzieren müssen.

Die letzte verbleibende Müllbastion sind – oder vielmehr: waren! – unsere Bioabfälle. Es gibt bei uns keine braune Tonne, und wenn es sie gäbe, würde ich sie – sogar gegen den Widerstand des Butlers – boykottieren. WG-Erinnerungen aus den späten 80er Jahren lassen mich noch heute erschauern: damals hatte jeder von uns in seinem WG-Zimmerchen eine eigene kleine „braune Tonne“. Bei sommerlichen 35°C im 9 qm „großen“ Dachgeschoßzimmer wurde das Bioabfall-Gefäß alsbald zur grauenerregenden Fliegen- und Fäulniszucht. Der damit einhergehende, hier nicht näher zu beschreibende Geruch, der aus den Zimmern drang, hatte mich dazu bewogen, jegliche Ambition in Richtung „Kompostierung in der Wohnung“ endgültig aufzugeben.

Endgültig…? Nicht ganz!

Anatol ist bei seinen Recherchen zur geruchslosen Kompostierung auf den sogenannten „Wurmkompost“ gestoßen. Dieser verspricht eine völlig gestanksfreie, unkomplizierte Verwertung fast aller Bio-Abfälle des Hauses. Das einfache Prinzip: Kompostwürmer verarbeiten die gesamten pflanzlichen Abfälle des Haushalts in Humus. Der einzige Geruch, der dabei entsteht, ist der frischen Waldbodens – ein Traum!

Nach kurzer Bedenkzeit hatte ich mein Plazet gegeben: ein Wurmkomposter soll her!

Diverse Modelle sind im Handel verfügbar; schnell haben wir jedoch alle Plastik-Konstruktionen verworfen, da das Kompostklima uns dort nicht ideal erscheint (vgl. WG-Erfahrungen).

Den Zuschlag bekommt nach längeren Überlegungen der Keramik-Komposter von wormup.ch – er bietet ein perfektes Wurmklima im Inneren, kühl im Sommer, warm im Winter (die ideale Temperatur für die Würmer liegt zwischen 14° und 25°) – und er schließt nicht luftdicht ab. Zudem sieht er wunderschön aus!

Der Nachteil: wir müssen etwas Geduld haben (es gibt eine Warteliste) und sein Preis ist der Qualität entsprechend: hochwertig.

Heute hat das Warten ein Ende: der Postbote steht mit einem riesigen und recht schwerem Paket vor der Tür, verlangt eine Unterschrift und stellt das Bündel ab. Auch unsere fleissigen neuen Mitbewohner, die Würmchen der Gattung eisenia foetida von wurmidee.de, sind da!

Sofort sollen sie ihr neues Domizil beziehen: den Komposter.

Elie schlüpft lautlos zur Tür hinaus. „Bin bei Anna!“ ruft er uns durchs Treppenhaus zu, als er schon im dritten Stock ist. Obwohl außerordentlich umweltbewusst und ökologiebewegt, hat Elie doch vor Regenwürmern eine panische Angst. Dass auch bei Anna bereits ein Wurmkomposter in der Küche steht, verdrängt er gern.

„Mach das Paket auf!“ zetert Anatol und springt aufgeregt um den riesigen Karton herum. Er kann kaum abwarten, das ersehnte Gerät endlich vor sich zu haben! Vorsichtig schneide ich die Papp-Verpackung auf (diese darf sofort als Wurmfutter weiterverwertet werden, fressen die fleißigen kleinen Helferlein doch in Wasser eingelegten Karton für ihr Leben gern!) und ziehe die schön verarbeiteten Einzelteile unseres Komposters heraus.

Um unerwünschte Interaktionen mit unseren bepelzten Mitbewohnern zu vermeiden, wird der Komposter in die Vorratskammer gestellt. Dort kommt zunächst das Substrat – das ist einfach Erde – mit den Würmchen in die unterste Komposterschale. Darüber legen wir eingeweichte, ausgewrungene Kartonstückchen. Darunter können die Kleinen sich verstecken – was sie auch unverzüglich tun. Im Handumdrehen sind die Winzlinge in der Erde verschwunden!

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Ein erstes Zwischengitter wird auf die Schicht mit den Kartonstückchen gelegt – dann bereitet Anatol das erste Menü für seine neuen Schützlinge vor. Heute gibt es kleingeschnittene Gurkenschale! Diese serviert Anatol sofort.

 

Nun kommt der Deckel auf den Komposter – und es heisst warten. Ich beginne, das Abendessen vorzubereiten; auf den Butler kann ich heute Abend nicht zählen. Nervös hüpft er vor der Vorratskammer auf und ab.

„Meinst Du, sie haben schon was gefressen?“ fragt er aufgeregt.

„Anatol, die Würmer müssen erst mal ankommen. Lass sie in Ruhe. Sie haben eine lange Reise hinter sich und wollen sich ausruhen.“

Seufzend gebe ich etwas Essig und Öl auf die Gurke, die nach Abzweigung des Wurm-Anteils für mich übrig geblieben ist.

Nach 30 Minuten hält Anatol es nicht mehr aus. „Ich will jetzt sehen, ob es ihnen gut geht! Vielleicht fehlt ihnen etwas! Haben sie eigentlich ausreichend Wasser?“ knurrt er mir gereizt zu.

Ich erlaube – nun selbst neugierig geworden – eine kurze Stippvisite im Wurmkomposter, bei der Anatol auch etwas Wasser mit unserer Sprühflasche auf das Substrat sprengen darf.

In der Tat sind etliche Würmchen an die Oberfläche gekommen und tummeln sich in den Kartonstücken. Zzzzzzzssss! Kaum dass das Wasser hineingesprüht wird, schlängeln sie sich in Windeseile in ihr Substrat hinein.

Sprühen werden wir nun jeden Tag ein wenig, denn Trockenheit bekommt den Würmchen überhaupt nicht.

Wir werden über das Befinden unserer fleißigen neuen Mitbewohner natürlich weiter berichten!

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161. Kapitel – Anatols kleiner Lieblingsladen

Ein Besuch bei Day by Day in Strasbourg

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Nachdem Anatol unseren Kühlschrank nicht nur außen aufs Gründlichste abgeschrubbt, sondern auch innen mehrfach mit Essig ausgespült und abgetrocknet hat, bietet sich nun ein sehr annehmbares Bild. So sauber hat der Kühlschrank selten ausgesehen.

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Der Kühlschrank nach Anatols Essigbehandlung.

Ich bin mit der Arbeit des Sauriers außerordentlich zufrieden und erlaube Anatol, heute mit zum Einkauf bei unserem Lieblingsladen, Day by Day in der Route du Polygone in Strasbourg, Neudorf zu kommen.

Day by Day ist das, was in Deutschland als „Unverpackt-Laden“ bezeichnet wird. Bei Day by Day gibt es alles ohne Verpackung! Man wiegt einfach das ab, was man braucht, füllt es in ein Marmeladenglas, welches man entweder selber mitbringt oder von Céline, der freundlichen und hilfsbereiten Ladeninhaberin, geschenkt bekommt. Die Gläser sind beliebig oft wiederverwenbar – es entsteht überhaupt kein Verpackungsmüll.

Alternativ kann man auch spezielle Behältnisse dort kaufen (Sprühflaschen zum Beispiel, und hübsche Fläschchen und Phiolen), aber im Regelfall reichen die Gläser, die dort verschenkt werden, vollkommen aus.

Um Day by Day zu unterstützen, kann man nicht mehr benötigte Gläser und Flaschen dort spenden.

Endlich können wir einkaufen, ohne überflüssigen Müll zu produzieren!

Was bekommt man bei Day by Day? Eigentlich fast alles. Zucker, Mehl, Reis, Nudeln, Tee… aber auch sehr feine Öle (vor allem Olivenöl), Essig, eingelegte Oliven, einen veganen und absolut unwiderstehlichen Schokoaufstrich (noch dazu ohne Palmöl!), und vieles, vieles mehr.

Viele Produkte haben ein Bio-Label (Ecocert zum Beispiel), andere sind nicht „Bio“. Ich habe beides ausprobiert: die Qualität ist durchweg hervorragend.

Anatols Lieblingsabteilung ist der Haushaltsbereich. Dort findet man vorwiegend Bioputzmittel, Savon de Marseille in jeglicher Form, Alepposeife… Anatol kauft hier die großartige schwarze Seife aus Marseille, die wie keine andere unsere Fliesen und das Parkett säubert und herrlich duften lässt. Für das Parkett gibt Anatol noch etwas Leinöl hinzu, damit alles glänzt und blinkt. Bisher hat kein anderer Reiniger es vermocht, die von den Katzen bei ihren Festgelagen angerichtete Schweinerei so zu beseitigen, dass niemand auf die Idee kommen würde, es habe jemals eine Katze hier etwas gefressen.

Was haben wir heute gekauft?

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Im Einkaufsbeutel waren: Spüli, WC-Reiniger, zwei Olivenölseifen (diesmal die flüssigen), Reis, Rohrzucker – und zum Naschen getrocknete Apfelscheibchen und kandierter Ingwer.

Geschenkt bekommen haben wir: ein Stück festes Shampoo von Pachamamaï – das Shampoo ist vegan und sehr sanft zu Haut und Haaren. Ich habe es heute schon ausprobiert, es macht die Haare wunderbar weich und leicht. Merci beaucoup!

Vergessen wurde: das désinfectant cuisine und das détachant avant lavage (Seifenspray für hartnäckige Flecken), das Anatol unbedingt probieren wollte. Vielleicht fahren wir morgen noch einmal hin. Wir finden jedesmal wieder neue praktische Dinge dort!

Wie sieht es mit den Preisen aus? Da hier nur sehr hochwertige Artikel verkauft werden, ist Day by Day kein Billigladen. Die Produkte werden zum großen Teil in Frankreich hergestellt – meist von handwerklichen Kleinbetrieben und Familienunternehmen – und sind von ihrer Zusammensetzung und Herstellung her ausgezeichnet, so z. B. die Haushaltsreiniger und auch unsere geliebte schwarze Olivenseife. Die Produkte sind außerordentlich ergiebig. Nach dem Gebrauch weiss man, warum man gut daran getan hat, sie zu kaufen – und warum man sie immer wieder kaufen wird.

Zudem muss man bei Day by Day keine großen Mengen kaufen – man entscheidet selbst, wieviel oder wie wenig man braucht. Und viele Produkte sind sogar deutlich günstiger als in anderen Läden, weil sie ohne die kostspielige Verpackung auskommen.

Das Preis-Leistungsverhältnis ist daher sehr gut, finden Anatol und ich. Und es ist uns wichtig, dass die Menschen, die Dinge für uns herstellen und verkaufen, einen fairen Preis dafür bekommen.

Hier ein paar Bilder von unserem Besuch. Der Laden ist wunderschön eingerichtet, wir fühlen uns dort jedesmal sehr wohl:

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Nachtrag – 26. August 2016

Da wir gestern ein paar Sachen vergessen haben, sind wir heute noch einmal zu Day by Day gefahren.

Dort haben wir zwei kleine Phiolen mit Sirup gekauft, sowie den détachant und den désinfectant cuisine. Der Pfirsich-Sirup wird gerade schon von Anatol und Elie weggeschlürft (verdünnt, selbstverständlich) :

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Den désinfectant werden wir sogleich am Kühlschrank ausprobieren. Leider hat er es doch noch nötig.

Anatol macht mich gerade darauf aufmerksam, dass unser Kühlschrank sehr viel Plastik enthält (insbesondere die Tupperdosen, die gar keine echten Tupperdosen sind). Und dass er immer mehr Blogger liest, die plastikfrei leben! Sicher würde unsere Plastikausstattung nicht gut ankommen … Dem widerspreche ich ausdrücklich.

Müssen unsere Nicht-Tupperdosen aus Plastik weg? Nein. Solange sie nicht kaputt sind, werden sie natürlich weiter benutzt. Es wäre widersinnig, Plastik wegzuwerfen, um Plastikmüll zu vermeiden. Für uns jedenfalls.

Die Tupper, pardon Nicht-Tupper (genauer gesagt: Ikea-Plastikboxen) bleiben also. Irgendwann werden wir sicher nur noch Glas- oder Edelstahlbehälter haben, aber bis dahin wird es noch etwas dauern.

153. Kapitel – Der Müllsheriff goes Zero Waste

Frankreich ist das Land der Plastiktüte. Allgegenwärtig, unumgänglich – ja geradezu unausweichlich umgibt uns das Kunststoffutensil, wohin wir uns auch begeben. Kaum ein Baum der Stadt trägt keinen Tütenschmuck in seiner Baumkrone. In den nun wieder belaubten Wipfeln sieht man die weissen, blauen oder gelben Flecken weniger. Bei jedem Einkauf wird indessen fleissig für Nachschub gesorgt: Tüten über Tüten füllen sich mit Obst, Gemüse und Krempel, um kurze Zeit später im Abfall zu landen.

Anatol hat beschlossen, hiergegen zu Felde zu ziehen (wir berichteten). Seit Tagen surft er im Internet auf den einschlägigen No-Waste-Minimalismus-Seiten – grummelnd und sich nachdenklich am Kopf kratzend.

Heute endlich vermeldet der Saurier freudig und lautstark, er habe den Stein der Weisen gefunden – in Form der Webseite „Zero Waste Home“. Dort heisse es, eine vierköpfige Familie könne bei klugem Wirtschaften nurmehr ein kleines Bügelglas Abfall produzieren – und zwar pro Jahr!

Es sei nun alles daran zu setzen, dies auch zu erreichen. Schließlich seien wir bei unserem Vorstoß gegen den Müll schon weit gediehen. Bestimmt sei es möglich, ebenso müllarm zu leben wie die Leute von „Zero-Waste-Home“! Mit der Methode der „5R“ („Refuse, Reduce, Reuse, Recycle, Rot“ – auf Deutsch: „Verweigern, Reduzieren, Wiederverwenden, Recyceln, Kompostieren“) würden wir erfolgreich zum Null-Müll-Haushalt werden – da sei er sich sicher.

Skeptisch ziehe ich die Augenbrauen hoch. Zwar stellt Anatol seit einigen Wochen sehr erfolgreich seine eigene Sojamilch sowie ein etwas gewöhnungsbedürftiges „Joghurt“ her. Wir brauchen so weder abgepacktes Sojajoghurt noch Milch im Tetrapak. Die Mülltütenlage allerdings ist immer noch unbefriedigend – haben wir doch noch keine wirkliche Lösung für unseren Hausmüll gefunden. Und wenn ich an die Unmengen des Verpackungsmülls denke, der uns umgibt, wage ich, Zweifel an dem „kleinen Bügelglas Müll pro Jahr“ anzubringen.

Unsere Realität sieht nämlich so aus:

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Unumgängliche Papier- und Plastikverpackungen, Broschüren, die sich weiterhin in den Briefkasten verirren, Briefumschläge, Mehltüten, Medikamenten-Pappschächtelchen, Kassenzettel und und und … all diese Dinge sammeln sich ganz von allein an und ergeben nach gut zwei Wochen den bekannten, bewährten und gut gefüllten gelben Sack, der  dienstags von der Müllabfuhr abgeholt wird.

Anatol entgegnet hierauf, er werde in den kommenden Wochen den gesamten Papier- und Plastikmüll einer Expertise unterziehen und Stück für Stück festhalten, wie man diesen überflüssigen Abfall reduzieren könne.

Aber wie halten wir es mit dem Hausmüll? Diesen sammeln wir immer noch in einer Plastiktüte – eine Papiertüte kommt hierfür nicht in Frage, da sie von den Obst-, Gemüse- und Teeresten wohl bald durchweicht wäre.

Anatols Antwort auf dieses Dilemma heisst Kompostieren. Seit einiger Zeit durchsucht der Saurier das Internet nach wohnungstauglichen Kompostiermethoden. Die bisher interessanteste Lösung ist eine Wurmkiste. Für diese braucht man nur ein paar Kompost-Regenwürmer (nicht die „normalen“ Regenwürmer, die wir von draußen kennen!), eine spezielle Kistenvorrichtung – und Haushaltsabfälle wie Obstschalen, Teeblätter, Kaffeesatz (letzteres scheint eine Lieblingsspeise unserer fleissigen kleinen Freunde zu sein, konnten wir im Internet lesen). Hat man die Wurmkiste aufgebaut und die Würmer einziehen lassen, muss man sie nur noch mit den gewünschten Abfällen füttern, und das Biomüll-Problem ist gelöst.

Elie hat sich indessen bisher erfolgreich gegen die Installation der Wurmkiste gewehrt. „Ich ziehe dann aus! Würmer finde ich eklig!! Und sicher kommt mich Anna dann nie wieder besuchen!“ hatte er voller Angst krakeelt.

Zumindest seine schlimmste Befürchtung, Anna nie wieder einlanden zu können, bewahrheitet sich nicht: Annas Familie ist deutlich fortschrittlicher als wir und hat bereits einen gut funktionierenden Wurmkompost.

Sobald eine geeignete Ecke für die Wurmkiste gefunden und freigeräumt ist, werden wir dem Biokompost nähertreten. Wir sind sehr gespannt.

Ob wir den Anforderungen des „Zero-Waste-Home“ gerecht werden, ist jedoch noch unsicher.

 

 

147. Kapitel – Müllsheriff Anatol

Kratz kratz kratz macht mein Teelöffel im Joghurtbecher. Genüßlich schabe ich die letzten Reste meines geliebten Sojajoghurts aus dem kleinen Plastikgefäß heraus, stopfe das Aluminiumdeckelchen hinein und werfe es – zack – in die an der Küchentürenklinke hängende Plastikmülltüte. Dort verschwindet es mit einem Rascheln zwischen den dort bereits wartenden Müllgenossen: weiteren Plastikbecherchen, Mandarinenschalen, Katzenfutterresten und ähnlichen feinen Dingen. In Frankreich gibt es keine Mülltrennung für Bioabfall.

Anatol hat mich bisher vom Herd aus, wo er das Curry für den morgigen Tag zubereitet, stumm beobachtet. Nun schüttelt er mißbilligend den Kopf. „Damit ist jetzt Schluß!“ zetert er los.

Erschrocken lasse ich meinen Teelöffel, den ich soeben in die Spülmaschine hatte einräumen wollen, auf den Fliesenboden fallen. Klirrend springt er durch die Küche und kommt unter der Spülmaschine zum Liegen.

„Soll ich jetzt etwa auch kein Joghurt mehr essen?“ frage ich entsetzt – und ein wenig wütend. „Noch weniger kann ich nicht essen!“ Ich versuche gerade – erfolglos – drei sehr anhängliche Kilos, die das Tragen meiner Lieblingsjeans zur Tortur werden lassen, loszuwerden. Aber nun auch kein Joghurt mehr?

„Nein, das meine ich nicht.“ seufzt Anatol. „Ich meine den Müll. Gestern habe ich in der TAZ gelesen, dass im pazifischen Ozean eine Fläche aus Plastikmüll herumschwimmt, die so groß wie Europa ist! Ein Kontinent aus Müll! Stell Dir das mal vor!“

Elie hüpft vom Regal herunter und kommt in die Küche. „Ja, das haben wir auch in der Schule gelernt. Das Schlimmste daran ist, dass die Tiere unseren Müll fressen und daran sterben. Oder sich in den Plastikresten verheddern und sich verletzen. Ich kann das nicht ertragen, nur daran zu denken!“

Ich schlucke. Von dem Plastikkontinent hatte ich auch schon gelesen, hatte diesen jedoch nach anfänglicher Entrüstung erfolgreich verdrängen können. Nun holt Anatol den Müllberg wieder aus den Tiefen meines beschämten Unterbewusstseins hervor.

Es ist klar, dass zumindest die kleinen Schritte, die wir gehen können, um die Plastikmisere abzumildern, getan werden müssen.

„Was schlägst Du denn vor, Anatol? Kein Joghurt mehr? Keine Mülltüten mehr? Jede Apfelschale einzeln unten in die Mülltonne? Wir fliegen dann bald achtkantig hier raus, das weisst du, nicht?“

„Ich habe schon darüber nachgedacht. Du sollst Dein Joghurt ja haben! Aber von heute an mache ich das Joghurt selbst. Dann sparen wir zumindest diese Plastkjoghurtbecher ein. Für die Mülltüten habe ich noch keine Lösung. Ich arbeite daran. Die Klarsichtfolie wird reduziert – und Plastikflaschen ebenfalls. Es muss sich einfach etwas ändern!“

Ich bin beeindruckt. Joghurt selber machen! Wie soll das denn gehen? Dazu braucht man eine Joghurtmaschine – aber neue Elektrogeräte werden nicht mehr angeschafft. Kategorisch widerspreche ich!

„Papperlappapp!“ kontert Anatol. „Ich mache Joghurt ohne jede Maschine! Du wirst schon sehen.“

Der Saurier öffnet eine Seite im Browser, die er sich offenbar als Lesezeichen bereits eingerichtet hat. Experiment Selbstversorgung heisst es da, und „Sojajoghurt selber machen“.

Das Rezept ist einfach: ein kleines Joghurt wird in 45°C warme Sojamilch eingerührt und dann mehrere Stunden warm gestellt. Bei uns geschieht das auf der warmen Heizung.

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Nach 7 Stunden ist das Milch-Joghurt-Gemisch zu einer gallertartigen Masse geworden, die Anatol schnurstracks in den Kühlschrank stellt.

Probieren darf ich das Joghurt erst heute Abend. Ich bin sehr gespannt. Dann fällt mir etwas ein.

„Anatol, wenn wir aus der Sojamilch jetzt unser Joghurt herstellen, dann brauchen wir ja mehr Sojamilch als vorher, nicht wahr?“

Der Saurier nickt. „Das ist ja logisch. Anstelle von 1l Sojamilch pro Woche werden wir so etwa 2l brauchen. Aber die kostet ja nicht viel.“

Nein, sie ist nicht teuer, unsere Sojamilch. Aber sie kommt im Tetrapack.

Anatol sieht mich grimmig an. „Warum musst Du jetzt sowas sagen?“ zetert er. Dann denkt er kurz nach.

„Ich werde eben auch die Sojamilch selber machen. Wie, weiss ich noch nicht. Aber das muss doch zu schaffen sein …“

Dann vertieft er sich ins Internet. Ich bin sicher, er findet eine Lösung!

Ich koste jetzt unser erstes selbstgemachtes Joghurt. Es schmeckt großartig!