37. Kapitel – Gender Studies II

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Verschlafen sitzen Anatol, Elie und ich am Frühstückstisch. Es ist Sonntag, der 30. März 2014 und heute ist die Uhr auf die Sommerzeit umgestellt worden. Das bedeutet, dass wir eine Stunde weniger geschlafen haben, um uns an das frühere Aufstehen in den nächsten Tagen zu gewöhnen.

Ich mag die Sommerzeit. Nur das Umstellen der Uhr finde ich lästig, da es meinen Schlafrhythmus durcheinanderbringt. Könnte man nicht bei einer einzigen Zeit bleiben?

Das Telephon klingelt. Es ist 8 Uhr 30 – wer ruft denn so früh schon an? Es können eigentlich nur schlechte Nachrichten sein.

Bedrückt hebe ich ab.

Am Telephon ist der Urzeitsaurier Herr Hase: Elianes Vater. Er heisst wirklich „Herr Hase“ – so etwas kann man nicht erfinden: ein Saurier mit Namen „Hase“. Es gibt nichts, was es nicht gibt.

Herr Hase hat sich leider seit gestern Nachmittag nicht beruhigt. Im Gegenteil: er scheint sich in seine Wut noch weiter hineingesteigert zu haben, denn mit zorniger, heiserer Stimme fragt er, ob mir „ein gewisser Anatol gehöre“. Ich antworte, dass Anatol in erster Linie sich selbst gehöre, und dass ich die beiden Saurier nicht als mein Eigentum ansehe. Dass Anatol aber in der Tat hier bei mir wohne. Zur Zeit frühstücke er gerade – ob denn Herr Hase nicht auch lieber gemütlich mit seiner Familie einen Morgenkaffee und ein Croissant zu sich nehmen wolle, und sich erst dann den ernsteren Dingen des Lebens zuwenden wolle…?

Herr Hase will das ganz sicher nicht. Er ist außer sich vor Zorn über meinen aufsässigen Saurier, der ihm gestern in renitenter, ja geradezu impertinenter Art und Weise Paroli geboten habe, was er als empörenden Affront empfinde und worüber er sich nun mit Nachdruck bei mir beschweren wolle.

Ich gebe Herrn Hase zu verstehen, dass Anatol und Elie mir den gestrigen Vorfall geschildert hätten. Ob Herr Hase nicht das Gefühl habe, hier doch über das Ziel hinausgeschossen zu sein, und eine Geburtstagsfeier von minderjährigen Sauriern etwas überzubewerten?

Er bewerte nichts über, ereifert sich Herr Hase. Er erwarte von meinem Stegosaurus eine Entschuldigung, sonst werde er geeignete Schritte ergreifen. Dann hängt er ein, noch bevor ich antworten kann.

Ich seufze. „Anatol, ich glaube, das ist kein Fan. Herr Hase war am Telephon. Und er will, dass Du Dich für Dein Verhalten von gestern entschuldigst.“

„Den Teufel werde ich tun.“ knurrt Anatol. „Ich stehe zu jedem einzelnen Wort, das ich gestern gesagt habe.“

Elie jubelt. „Anatol ist ein Held!“

Ich bitte um Mäßigung.

„Kinder, ich bin auf Eurer und Annas Seite. Aber wir haben nun einen ausgewachsenen Nachbarschaftsstreit, und das ist kein Spaß. Wir haben hier im Viertel immer friedlich zusammengelebt, und nun wird es Ärger geben. Davon können wir ausgehen. Wir müssen eine Lösung finden, sonst werden wir und Annas Familie hier nicht mehr froh werden, fürchte ich. Vielleicht wäre eine rein formale Entschuldigung – möglicherweise per Brief – doch das Beste?“ Manchmal nenne ich die Saurier und die Katzen „Kinder“ – obwohl sie gar keine Kinder mehr sind, bis auf Elie. Anatol ärgert das, aber heute bemerkt er es nicht einmal.

Entgeistert sieht er mich an. „Du willst doch nicht etwa, dass dieser Urzeitsaurier Recht bekommt?!“

Ich gebe zu bedenken, dass es nicht um das „Recht“ ginge – sondern um ein zukünftiges friedliches Zusammenleben der Nachbarn. Herr Hase werde möglicherweise nach einem freundlichen Brief wieder Ruhe geben?

Anatol gibt ein verächtliches Schnauben von sich. „Die Staatsräson. Ja ja. Dafür tut man ja so einiges. Aber nicht ich. Wenn ich etwas gelernt habe in den letzten Jahrmillionen, dann das: man sollte zu seinen Auffassungen stehen. Auch, wenn es Gegenwind gibt. Und damit ist das Thema für mich beendet. Es wird keine Entschuldigung geben.“

Ich bin beeindruckt. Mein Butler hat wirklich Stehvermögen. Elie jubiliert: „Der Macho-Saurier soll sich in seine Steinzeit verziehen!“

Derlei Äußerungen unterbinde ich, denn man soll über Andersdenkende nicht so sprechen – auch wenn man mit ihren Thesen überhaupt nicht einverstanden ist. Wir haben das nicht nötig, sage ich zu Elie.

Anatol hat den ganzen Vormittag lang recherchiert. Dies hat er gefunden:

  • Im Februar 2014 versammelte die „Manif pour tous“ nach eigenen Angaben allein in Paris mehr als eine halbe Million Demonstranten, um gegen das sogenannte „Mariage pour tous„, die Ehe zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern zu protestieren. Die Demonstrationen wendeten sich dabei nicht nur gegen die Homo-Ehe, sondern auch gegen die sogenannte „Gender-Theorie“, bzw. gegen das, was die Demonstranten darunter verstanden. Die Protestaktionen griffen gezielt eine Kindererziehung an, die Kindern keine vorgegebenen Geschlechterrollen zuweist. Mädchen hätten sich als Prinzessinnen zu verkleiden, Jungen als Piraten. Nur so sei gewährleistet, dass sie als Erwachsene auch die ihnen vorbestimmten Rollen als Mann und Frau übernähmen.
  • Der Film „Tomboy„, in dem ein kleines Mädchen sich als Junge verkleidet, Fußball spielt und sich in ein anderes kleines Mädchen verliebt, wurde im Februar 2014 auf ARTE ausgestrahlt. Die extremistisch-katholische Organisation „Civitas“ hatte im Vorfeld versucht, Druck auf den Sender auszuüben, um die Absetzung des ihrer Ansicht nach schwer jugendgefährdenden Films zu erreichen – ohne Erfolg. Der Film hat mehrere internationale Preise gewonnen und ist von der FSK ab 6 freigegeben – auch für Feiertage.
  • Im März 2014 musste Sunnie, ein kleines Mädchen aus Timberlake in den USA seine Schule verlassen, da es mit seinen kurzen Haaren zu sehr wie ein Junge aussah, so die Schulleitung. Dies entspräche nicht den christlichen Werten der Schule. Im Blog der amerikanischen Pastorin Emily C. Heath schreibt diese einen offenen Unterstützungsbrief an Sunnie, in dem sie das Verhalten der Schule verurteilt und Sunnie darin bestärkt, ihre Haare weiter so zu tragen, wie es ihr am besten gefalle. Neben vielen positiv gestimmten Kommentaren erhält die Pastorin jedoch aus offenbar religiös-extremistischen Kreisen aggressive Zuschriften.
  • In Saudi-Arabien dürfen Frauen nicht einmal Fahrradfahren. Sie dürfen auch sonst fast nichts. Eine sehr mutige junge Frau aus Saudi-Arabien, Haifa al-Mansur, hat nun einen Film gedreht (obwohl Frauen auch das verboten ist), in dem ein kleines Mädchen in Arabien heimlich Fahrrad fahren lernt.  Der Film heisst „Das Mädchen Wadjda“ und Anatol kann eins nur raten: unbedingt angucken, ebenso wie Tomboy!
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  • Spielsachen werden – marketinggerecht – in immer „sexualisierterer“ Form angeboten. Für Mädchen gibt es pinke, bonbonfarbene Puppen – Jungen sollen mit pseudo-männlichem Spielzeug aufwachsen. Es gibt plötzlich Lego für Mädchen und Lego für Jungen. Warum ist das so? Es geht nicht nur um das Hineinpressen in bestimmte Rollen – es geht um den Kommerz. Das Geldverdienen damit, dass kleine Kinder sich nach vorgegebenen Geschlechterrollen entwickeln sollen. Anatol hat dazu diesen Blogartikel von Talinee gefunden. Wir empfehlen ihn ganz ausdrücklich, ebenso wie diesen Beitrag von The Belle Jar über Men´s rights movements.

Anatol warnt davor, anzunehmen, dass das Prinzip „Gleichberechtigung“ eine unverrückbare, feststehende Errungenschaft sei. Gegenläufige Tendenzen und Ansichten wie die des Urzeitsauriers Herrn Hase existierten zu Hauf. Er rät zu größter Vorsicht.

Von Herrn Hase werden erstaunlicherweise aber keine weiteren Beschwerden kommen.

Im Herbst werden Annas Eltern uns mitteilen, dass Frau Hase sich von Herrn Hase getrennt hat und ohne ihn mit Eliane hier im Viertel lebt.

Der Presse werden wir Jahre später entnehmen, dass Herr Hase einer rechtsextremis-tischen Partei beigetreten ist und für diese kandidiert.

Letzteres wird uns weniger verwundern.

 

 

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36. Kapitel – Gender Studies I

Eben gerade kommen Anatol und Elie von Annas Dinosauriergeburtstag zurück. Ich höre sie das Treppenhaus hinaufspringen – und aufgeregt diskutieren!

Foto 4Anatol ist zwar eigentlich nicht eingeladen gewesen, weil Anna und ihre Freunde deutlich jünger sind als Anatol. Annas Eltern wollten aber gern noch einen weiteren „großer“ Dinosaurier dabei haben, der ihnen helfen würde, die Spiele aufzubauen, den ganz Kleinen die Spielregeln zu erklären und beim Kuchenessen etwas zu assistieren. Für so eine Aufgabe ist Anatol natürlich der perfekte Kandidat.

Auch Schäfchen Mirko ist eingeladen – und so gehen die drei heute um halb vier zusammen los. Annas Zuhause ist nur gegenüber – weit ist es also nicht. Dinogeburtstage beginnen hier immer um halb vier; nicht um drei und nicht um vier – es muss „halb vier“ sein. Warum auch immer!

Nun ist es kurz vor 20 Uhr. Die Geburtstagsfeier ist vorbei. Es muss hoch hergegangen sein, denn Anatol und Elie kommen mit geröteten Gesichtchen zur Haustür herein – weiter in eine hitzige Diskussion vertieft!

„Anatol. Elie!“ sage ich. „Was ist denn los? Ihr geht jetzt bitte in die Badewanne, zieht Euch Eure Schlafanzüge an, und dann ab ins Nestchen. Da dürft Ihr mir alles erzählen, was Euch gerade so bewegt.“

„Nein!“ ruft Elie. „Ich will nicht in die Badewanne! Und ich will mich auch nicht beruhigen! Ich ärgere mich so sehr!“

So habe ich Elie noch nie erlebt. Ich bekomme Angst, dass er sich mit Anatol gestritten haben könnte – aber es sieht eher so aus, als ob sie sich gemeinsam über etwas aufgeregt hätten.

Ich spreche ein Machtwort. „Ganz egal, worüber Ihr Euch geärgert habt, nun geht es in die Wanne. Keine Widerrede!“ Anatol – obwohl ihm die Zornesröte noch im Gesicht steht – pflichtet mir bei. „Elie, ein Bad kann Dir nur gut tun. Es hat sowieso keinen Zweck, dass wir uns so aufregen.“

„Aber … Du kannst doch nicht einfach so aufgeben, Anatol!“ ruft Elie – und bricht in Verzweiflungstränen aus.

Nun muss ich handeln. Energisch packe ich die beiden Butler am Schlafittchen und setzte sie in das bereits eingelassene Badewasser. Elie zappelt wütend und versucht sogar (allerdings erfolglos), mich zu beissen – eine Reflexreaktion, die ich ihm nicht übel nehme – beruhigt sich aber schließlich im warmen Lavendelbad, als Anatol ihn stumm in den Arm nimmt.

Eine Viertelstunde später sitzen die beiden im Nestchen und trinken einen warmen Kakao. Kakao hilft in allen Lebenslagen.

„Was ist denn bei Anna passiert? Ich hoffe, dass es keinen Zwischenfall gegeben hat, der dem armen Mädchen den Geburtstag verdorben hat?“

„Herr Hase ist schuld!“ ruft Elie. „Der hat angefangen, ganz böse Dinge zu sagen!“

Nun berichtet Anatol. Der Dinogeburtstag habe sehr friedlich begonnen. Die kleinen Dinos hätten sich mit Topfschlagen, Blinder Dino und Flaschendrehen vergnügt. Anna habe wunderschöne Geschenke bekommen – Elie habe Mona mitgebracht, die anderen Gäste Spielzeug und Bücher. Das mit Abstand tollste Geschenk sei allerdings ein Piratenkostüm gewesen, das Anna von ihren Eltern geschneidert bekommen habe. Annas Eltern, die der alternativen Szene angehören, haben nämlich eine Schneiderei, in der sie ausgefallene, elegante Dinomode entwerfen, die man sonst nirgendwo finden würde. In den 70er Jahren hätte man sie sicher als Blumenkinder bezeichnet, aber diesen Terminus kennen heute nur noch wenige Menschen.

Anna habe das Kostüm gleich anziehen dürfen – und sich so in einen verwegenen, überaus hübschen, säbelschwingenden kleinen Piraten verwandelt. Ich sehe Elie an seinem Gesichtsausdruck an, dass er sich in diesem Augenblick unsterblich in den Anna-Piraten verliebt haben muss.

Anatol bestätigt meine Vermutung, als er schildert, dass Elie der kleinen Anna nicht mehr von der Seite gewichen sei und die Augen nicht mehr von ihr habe lassen können. Der Pirat hatte ihm ganz klar den Kopf verdreht.

Anatol bemerkt, dass das sehr süß gewesen sei und dass es alle Anwesenden natürlich bemerkt hätten – ohne daran in irgendeiner Weise Anstoß zu nehmen.

Als der Pirat beim Flaschendrehen gewonnen habe, sei es zum Eklat gekommen. Der Gewinner dürfe sich nämlich beim Flaschendrehen den Dino aussuchen, der neben ihm sitzen darf. Anna habe sich Elie ausgesucht – und nicht nur das: als sich Elie mit hochroten Wangen neben sie gesetzt habe, habe sie ihm ganz zärtlich und behutsam einen echten Piratenkuss mitten auf den Mund gegeben. Elie wähnte sich einer Ohnmacht nahe, während die Geburtstagsgäste fröhlich lachten und klatschten, und „Ein Hoch auf unser Piratenpaar“ riefen.

Und in eben diesem Augenblick sei Herr Hase, ein Urzeitsaurier – genauer: ein Nyasasaurus – hereingekommen. Herr Hase ist der Vater von Eliane, einer Freundin von Anna. Und der musste nun ausgerechnet in dem Moment ins Zimmer platzen, als der Pirat Elie küsste.

Herr Hase sei vor Wut rot angelaufen und habe Eliane befohlen, die Feier sofort zu verlassen. Dann habe er Annas Eltern angeherrscht, er hätte niemals erlaubt, dass Eliane einen Nachmittag in einem solchen Sündenpfuhl verbrächte, wenn er es nur vorher gewusst hätte. Das Ganze werde noch Konsequenzen haben, dessen sollten sie sich gewiss sein.

Annas Eltern seien vor Entsetzen stumm gewesen.

Hier habe Anatol sich eingemischt: Worin der gnädige Herr denn bitte einen Sündenpfuhl erblicken würde? Er selbst sehe nur eine Runde von kleinen Sauriern, die bis eben gerade fröhlich miteinander gefeiert hätten und dabei keine nennenswerten Sünden begangen hätten – von einem übermäßigen Kuchenkonsum einmal abgesehen.

Nun habe Herr Hase losgewettert. Dass es eine Ungeheuerlichkeit sei, auf einer Geburtstagsfeier zwei sich küssende Saurierjungen anzutreffen. Dass solche neumodischen Verirrungen zu verbieten seien und er es Eliane nie wieder erlauben werde, mit Anna zu spielen. Und dass er gegen Annas Eltern noch gesondert vorgehen werde!

Anatol habe mit der ihm eigenen Ironie angemerkt, dass es – obschon es Anatols Meinung nach ganz gleichgültig wäre, ob sich  nun Jungen oder Mädchen küssten – dem gnädigen Herrn wohl nicht aufgefallen sei, dass es sich bei dem hier küssenden Paar sehr wohl um ein Mädchen und einen Jungen handele. Ob er seine Äußerungen in diesem Lichte nicht noch einmal überdenken wolle?

Dies habe dem Urzeitsaurier aber den Wind nicht aus den Segeln genommen. Im Gegenteil – er wurde noch wütender, soweit das überhaupt möglich war. Ein Sittenverfall sei es, und ein Greuel, dass man althergebrachte Geschlechtergrenzen willkürlich verschieben würde! Dass man Mädchen erlaubte, sich wie Jungen zu kleiden und zu verhalten – und dass Jungen zu Mädchen gemacht würden. In seiner Welt seien Jungen noch echte Jungen, und ein Mädchen würde sich auch wie ein solches benehmen.

Anatol habe es sich an dieser Stelle nicht verkneifen können, Herrn Hase darauf hinzuweisen, dass das, was er als „seine Welt“ bezeichne, seit 243 Millionen Jahren nicht mehr existiere. Die Trias – das Zeitalter der Nyasasaurier – sei, sollte dies dem gnädigen Herrn nicht aufgefallen sein, mittlerweile vorüber, und die damaligen prähistorischen Moralvorstellungen obsolet. Erdzeitgeschichtlich befinde man sich vielmehr aktuell im Quartär.  Dieser Erdzeitabschnitt habe tiefgreifende gesellschaftliche Entwicklungen mit sich gebracht. Dazu gehöre unter anderem, dass ein Dinosauriermädchen im Piratenkostüm einen schüchternen und sehr verliebten kleinen Diplodocus küssen dürfe – und dass es jedem Saurier selbst überlassen sei, ob er lieber Hosen oder Röcke trage.

Leider hätten diese Äußerungen Herrn Hase gänzlich zur Weissglut gebracht. Er habe Anatol als „Hippie“ und „verkappten Feministen“ beschimpft und Annas Eltern als Anhänger der Gendertheorie abgekanzelt. All das werde Konsequenzen haben! Wutschnaubend habe er – Eliane hinter sich herziehend – die Feier verlassen.

Zurück blieben konsternierte Gäste, eine weinende Anna und das entgeisterte Elternpaar. Ich muss sagen, dass eine solche Szene auch mich aus der Fassung gebracht hätte.

Umso bewundernswerter sei die Reaktion der Eltern von Anna gewesen, berichtet Anatol. Sie hätten die Geburtstagsfeier nämlich nicht einfach um 18 Uhr wie geplant beendet. Stattdessen hätten sie Anatol darum gebeten, noch etwas länger zu bleiben und ein Abendessen für alle Gäste zuzubereiten.

Das Abendessen sei mitten im Wohnzimmer auf dem Boden serviert worden. Alle Gäste hätten nämlich nicht Platz am Esstisch gehabt. Jeder habe sich nehmen dürfen, was er mochte – oder auch vom Tellerchen des Nachbarn mitnaschen.

Annas Eltern hätten nun erkärt, dass Dinosaurierkinder nicht immer so frei erzogen worden seien, wie es heute meist der Fall sei. Dass es Zeiten gegeben habe, in denen kleine Sauriermädchen nur Mädchenkleider tragen und Mädchenspiele spielen durften. Dass sie nicht dasselbe in der Schule lernten wie die Dinojungen und oft nicht einmal in die Schule gehen durften. Dass sie später, wenn sie erwachsen wurden, nicht die selben Rechte hatten wie die männlichen Dinosaurier und nur fürs Kochen da waren. Und dass dies auch heute noch in manchen Ländern der Welt so gehandhabt würde.

Diese Zeiten seien hierzulande vorbei. Das Piratenkostüm sei nicht nur ein Spielanzug – es sei auch ein Symbol für diese Entwicklung, in der Dinomädchen genau dasselbe tun dürften wie Dinojungen. Und genau deshalb sei es auch Leuten wie dem Urzeitsaurier so ein Dorn im Auge – weil es ihnen zeigte, dass die Ungleichbehandlung nicht mehr gewünscht sei und der Vergangenheit angehöre.

Elie habe verunsichert gefragt, ob das denn auch umgekehrt für Dinosaurierjungen gelten würde? Ob er, wenn er das gern tun würde, auch ein Kleidchen tragen dürfte? Annas Eltern hätten gelacht und Elie angeboten, ihm – sollte er das wünschen – gern ein Kleidchen genau nach seinen Vorstellungen zu schneidern. Elie wird also demnächst dort zur Anprobe gehen!

Während Anatol in der Küche Brot gebacken und veganen Aufschnitt und Käse zurechtgemacht habe (zum Nachtisch sollte es Vollkornbrot mit Zuckerrübensirup geben – was bei uns wegen der damit verbundenen Schweinerei verboten ist), hätten die kleinen Gäste noch sehr aufgeregt diskutiert – auch wegen Eliane. Was könne man denn nur für Eliane tun? Hierfür habe sich allerdings an diesem Abend keine Lösung mehr finden lassen.

Ich schlage meinen beiden Butlern nun vor, dieses in der Tat aufwühlende Ereignis zu überschlafen und morgen ausgeruht noch einmal darüber nachzudenken.

Bis dahin wünsche ich Elie wilde Piratenträume und Anatol eine erholsame Nacht.

Hier gehts zur Fortsetzung: Gender Studies II

35. Kapitel – Das Skateboard

IMG_2079Als ich heute Abend nach Hause komme, wartet Anatol mit einem wunderbaren Salat auf mich. Er hat ihn in der blauen Schüssel zubereitet, die ich vor etwas über einem Jahr von der palästinensisch-jüdischen Friedensinitiative gekauft habe. Eine so schöne große Schüssel findet man selten. Ich freue mich, dass Anatol sie heute herausgeholt hat und nun den Salat daraus serviert.

Mein Lieblingsessen – der vegane capverdische Gemüseeintopf – köchelt im Schmortopf vor sich hin: ein gemütlicher Abend mit einem guten Essen in Aussicht beginnt.

Mitten in diese friedliche Stimmung kräht Elie fröhlich hinein: „Anatol hat sich ein supertolles Skateboard gebaut! Wir sind den ganzen Nachmittag in der Wohnung herumgefahren – mit dem Skateboard und dem Roller! Man kann damit auch ganz toll die Sofalehne runterfahren!“

Ich verschlucke mich an der Vinaigrette und gucke Anatol entsetzt an. „Was hat es denn damit auf sich? Skateboardfahren auf dem Sofa – und auf dem Parkett?! Anatol, was habt Ihr Euch dabei gedacht?“ Ich huste – die Vinaigrette brennt im Hals.

Anatol zischt Elie böse an. „Musstest Du das jetzt ausplaudern?! Sie sollte doch erst das gute Abendessen bekommen – und danach wollten wir das mit dem Skateboard erzählen!“ Elie guckt betreten. „Aber sie hat doch schon was von dem Salat gegessen … ich dachte, jetzt darf ich es sagen… Wir hatten doch so einen Spaß mit dem Skateboard auf dem Sofa …“ Anatol rollt mit den Augen.

Dann gibt er zu, dass er tatsächlich aus den verbleibenden Bettkasten-Rädern und einem Brettchen ein richtiges Skateboard gebaut habe und dann in der Wohnung etwas Skaten geübt habe. Da die Räder allerdings aus Gummi seien, habe das Parkett nicht darunter gelitten. Ebenso sei das Sofa unversehrt. Und die Nachbarn hätten sich auch (noch?) nicht beschwert.

Ich finde zwar, dass man diese Sache mit mir hätte absprechen müssen, und bitte sehr nachdrücklich darum, dass dies in Zukunft so gehalten werde. Dann bin ich aber auf das Skateboard gespannt.

„Anatol, hol das mal her. Ich möchte es gern sehen.“

Was ich den beiden Sauriern nämlich noch nicht erzählt habe, ist, dass ein Skateboard in meiner Kindheit zu den begehrtesten Gegenständen überhaupt gehörte. Wer ein solches besaß, war ein Held. Überflüssig zu erwähnen, dass ich selbstverständlich keines hatte – obwohl ich so davon träumte. Meine Eltern fanden ein Skateboard zu teuer und auch etwas gefährlich. „Kinder, Ihr habt schon die Rollschuhe – das muss reichen!“ hiess es da.

IMG_2083Anatols Skateboard ist im Grunde das erste Skateboard, was ich in meiner eigenen Wohnung beherberge.

Hier zeigt sich Anatol auf seinem tollen Brett. Nun muss er noch üben, damit richtig zu fahren.

Am Wochenende werden wir gucken, ob es hier irgendwo eine Anlage gibt, in der man Skateboard und Roller fahren kann!

 

 

34. Kapitel – Elie auf dem Schulweg

IMG_2041Elie ist sehr aufgeregt. Das hat einen Grund: Elie will heute zum ersten Mal mit seinem tollen neuen Tretroller, den Anatol ihm gestern gebaut hat, zu Schule fahren.

Da der Schulweg vorwiegend durch den Park und nur an einer Stelle an einer großen Straße – über eine Kreuzung mit Schülerlotsen – entlangführt, bin ich einverstanden, dass  der Roller mitgenommen wird. Gefährlich ist das Rollerfahren auf dem Schulweg nicht – zumal Anatol Elie noch ein ganzes Stück begleiten will.

Aber damit nicht genug. Nicht nur der Roller soll heute mit in die Schule, sondern auch Mina.

Wer ist Mina?

Mina ist eigentlich ein Geschenk. Elie ist am kommenden Samstagnachmittag zum Geburtstag der kleinen Nachbarsdinosaurierin – Anna heisst sie – eingeladen. Zu einer Geburtstagsfeier bringt man ein Geschenk mit, und so bin ich am Samstag in die Stadt gefahren und habe für Anna eine niedliche schwarz-weisse Stoffkuh erstanden.

Noch bevor wir sie zu Hause in ein Geschenkpapier einwickeln konnten, hatte Elie bereits entschieden, dass die kleine Stoffkuh Mina heisse und von nun an in seiner grünen Schildkröten-Schultasche herumgetragen werden müsse:

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Natürlich soll Mina heute auch mit in die Schule. Sie solle dort etwas lernen, und noch ein bisschen klüger werden, findet Elie.

Ich weise darauf hin, dass Mina am Donnerstag zu Anna ziehen werde – weil sie ihr Geburtstagsgeschenk sei und Elie sie nicht behalten könne. Elie antwortet entrüstet, dass dem ja ein heutiger Schulbesuch nicht entgegenstehe – und so erlaube ich, dass nicht nur der Roller, sondern auch Mina heute mit zur Schule gehen darf. Insgeheim ist mir bewusst, dass das eine Eselei ist – aber ich kann es Elie nicht abschlagen.

Anatol und Elie zockeln also mit dem Roller und Mina in der Schildkrötentasche los. Es ist halb 8 – die Schule beginnt um 10 vor 8, und eine gute Viertelstunde geht man schon, auch mit dem Roller.

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Ich räume den Frühstückstisch ab und füttere die Katzen. Dann beginne ich, zu schreiben – denn heute arbeite ich zu Hause.

Um kurz nach 8 höre ich Anatol die Treppe heraufkommen. Er bereitet sich einen Tee zu und setzt sich neben den Computer. Elie sei sehr stolz auf seinen Roller gewesen, berichtet Anatol. Er habe Mina genau erklärt, wie man Roller fahre, wie man auf dem Schulweg aufpasse, dass man sich nicht verlaufe und wie man sicher und wohlbehalten mit Hilfe der Schülerlotsen die Straße überquere. Anatol bezweifelt, dass es am Samstag möglich sein werde, Mina an Anna zu verschenken. Ich seufze. „Da hast Du vermutlich Recht, Anatol. Ich seh das auch schon kommen.“

Ich vertiefe mich in meine Novelle und Anatol macht es sich mit einem Buch auf dem Sofa gemütlich. Die morgendlichen Sonnenstrahlen fallen durch die Balkontüre in die Wohnung. Es ist ein frischer, klarer Frühlingstag – zum Schreiben ideal.

Ein Geräusch dringt aus dem Treppenhaus hoch. Anatol sieht von seiner Lektüre auf. „Da weint doch jemand!“ sagt er. Ich stehe auf und gehe zur Tür.

Im Treppenhaus wartet ein Häuflein Elend auf uns. Es ist Elie. Die Tränen laufen ihm die Wangen herunter – die Schildkrötentasche ist bereits durchnässt.

„Elie, was ist denn passiert? Wieso bist Du nicht in der Schule? Ist die erste Stunde ausgefallen?“ frage ich – glaube es aber nicht, denn das wäre ja kein Grund, zu weinen. Elie schluchzt – er kann zunächst gar nicht sprechen. Erst als Anatol ihn zur Beruhigung streichelt, geht es etwas besser. Nach und nach erfahren wir die ganze Geschichte.

Elie erzählt, Anatol habe ihn bis zum kleinen Mäuerchen gebracht, an dem sie sich immer trennen, wenn Anatol ihn auf dem Schulweg begleite. Elie will nämlich allein in der Schule ankommen (das ist eine Marotte von ihm: „Schließlich kann ich allein zur Schule gehen!“ sagt er immer).

Am Mäuerchen habe Anatol ihm geraten, den Roller lieber dort zu verstecken und mit dem Rollerschloss an das Zaungitter anzuschließen. Auf dem Schulhof sei der Roller nicht sicher; er habe schon von Rollerdiebstahl oder gar Vandalismus gehört. Es sei also besser, den Roller nicht direkt an der Schule abzustellen.

Elie habe das beherzigt und den Roller im Versteck gut verschlossen zurückgelassen:

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Leider ist er dabei so konzentriert auf das Verstecken und Festschließen des Rollers, dass er die Schildkrötentasche mitsamt Mina einfach neben dem Roller vergisst und ohne sie weiter zur Schule marschiert.

Dieses Versehen fällt ihm siedend heiss ein, als er auf dem Schulhof ankommt. Die Tasche ist nicht mehr da, und Mina auch nicht! Und die Schule fängt in einer Minute an.

Etwas Schlimmeres hätte sich Elie in seinen schrecklichsten Alpträumen nicht ausmalen können. Er darf doch die Schule nicht verpassen! Aber was würde mit Mina und der Schildkrötentasche passieren, wenn jemand sie findet? Es ist nicht auszudenken!

Obwohl Elie genau weiss, dass es streng verboten ist, einfach die Schule wieder zu verlassen, obwohl die erste Stunde fast schon angefangen hat, rennt er einfach los. Er läuft durch die Unterführung vor der Schule auf die andere Straßenseite, die ganze Bürgerstraße hoch am Park vorbei, dann über die Kreuzung vor dem Rathaus und bis zum Parkplatz am Kiosk, wo der Roller am Mäuerchen versteckt ist. Vor lauter Angst, Mina vielleicht nicht mehr zu finden, schlägt sein Herz bis zum Hals!

Nun ist er am Versteck angelangt – und GOTT SEI DANK: Mina sitzt immer noch brav in der Schildkrötentasche und wartet auf Elie. Sie ist von niemandem mitgenommen worden. Vor lauter Erleichterung fängt Elie lauthals zu weinen an.

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Mina ist gerettet, die Schildkrötentasche ebenfalls und der Roller steht unversehrt in seinem Versteck. Es ist nun eigentlich alles gut – bis darauf, dass die erste Stunde schon begonnen hat, und Elie genau weiss, dass Frau Goyke – die Mathematiklehrerin – es über alles hasst, wenn man zu spät kommt. Sie kann es nicht verstehen, dass man nicht früh genug zur Schule losgeht. Dass man den richtigen Zeitpunkt einfach „vergessen“ habe, lässt sie nicht gelten! Sie sagt dann mit strenger Stimme: „Als ich klein war, hieß es ‚Vergessen ist Buckel messen‘! Und das bedeutete, dass man übers Knie gelegt wurde und den Hosenboden versohlt bekam!“

Davor hat Elie unglaubliche Angst. Ausgerechnet heute muss die erste Stunde bei Frau Goyke sein! So spät, wie er heute dran ist, ist überhaupt noch niemals jemand in die Schule gekommen. Als ihm das bewusst wird, beginnt er, noch lauter zu weinen als vorher.

Was er nicht weiss: Frau Goyke ist in Wirklichkeit eine sehr liebe Lehrerin und würde niemals einem Schüler den Hosenboden verhauen. Aber sie ist streng und Elie hat deshalb große Angst vor ihr.

Er kann also auf gar keinen Fall in die Schule zurück. Weinend macht er sich deshalb auf den Weg nach Hause – wo er nun, gegen halb 9, völlig aufgelöst eintrifft.

Anatol schüttelt den Kopf. „Elie, was hast Du da nur angestellt. Aber sieh es mal so: Der Roller ist da, Mina ist da, Deine Schildkrötentasche ist da. Es ist überhaupt nichts Schlimmes passiert – außer, dass Du die ganze erste Stunde bei Frau Goyke verpasst hat. Darum beneide ich Dich wirklich nicht…“. Elie fängt wieder an, zu schluchzen. Er meint, er wolle nie wieder in die Schule gehen, nie nie wieder!

Dem widerspreche ich mit Entschiedenheit. „Elie, Dir ist ein dummes Missgeschick widerfahren. So etwas kann leider passieren. Das ist aber kein Grund, nicht mehr in die Schule zu gehen. Wir machen es jetzt so: Du bleibst hier, bis die 3. Stunde anfängt. Die 2. Stunde hat sowieso schon begonnen, die verpasst Du leider auch noch. Du musst diese beiden Stunden später nachholen – das sollte möglich sein. Ich schreibe Dir nun einen Entschuldigungszettel und erkläre Deinem Lehrer, dass Du heute morgen ein Problem gehabt hast und deshalb erst zur 3. Stunde kommen kannst. Das ist ja auch die Wahrheit. Was hast Du denn in der 3. Stunde? Handarbeiten? Das ist bei Fräulein Evers, nicht? Gut, dann schreibe ich jetzt den Entschuldigungsbrief an Fräulein Evers. Und zur Schule bringe ich Dich nachher mit dem Fahrrad – der Roller und Mina bleiben zuhause. Anatol wird gut auf sie aufpassen.“

Elie kann unter seinen Tränen nun doch wieder lächeln. Anatol macht ihm schnell einen heissen Kakao und etwas später fahren wir dann los, zur Schule. Diesmal mit meinem Fahrrad!

Dass Mina nach diesem Abenteuer nicht mehr wie geplant an Anna verschenkt werden kann, versteht sich von selbst. Elie sagt mir aber gerade, dass in der Stofftier-Jobbörse die Zwillingsschwester von Mina – Mona – auch auf eine Stelle warte. Ob es nicht besser sei, wenn Mona anstelle von Mina zu Anna ziehe …

Anatol und ich halten das auch für die beste Lösung.

 

 

33. Kapitel – Der Roller

IMG_2048Elie quengelt. Gestern hat er im Park seinen Freund Lilian gesehen – mit einem Tretroller. Lilian hatte den Roller zum Geburtstag geschenkt bekommen und ihn stolz im Park präsentiert.

Seitdem gibt es für Elie nur noch das Thema „Roller“. „Ich will auch so einen Roller haben wie Lilian!“ – so geht es in einer Tour.

„Elie, es tut mir so leid … aber wir haben im Moment überhaupt kein Geld, um Dir einen Roller zu kaufen. So ein Roller wie der von Lilian kostet sicher 100 Euro – das ist viel zu teuer. Wir bezahlen doch immer noch die Rechnung beim Tierarzt ab, für Tonio und seine Freunde.“ Normalerweise hätte ich Elie den Roller so sehr gegönnt. Aber im Moment erlaubt das Budget einfach keine solche Ausgabe.

Ich füge deshalb vermeintlich tröstend hinzu: „Außerdem sind Roller nur etwas für Vorschul-Dinosaurier. Du bist doch schon groß und gehst in die richtige Schule! Da fährt man keinen Roller mehr.“

„Nein, da fährt man mit dem Fahrrad – und das ist noch viel teurer als ein Roller!“ heult Elie.

Ich bin nun am Ende meines Lateins. Leider stimmt es ja, was Elie sagt. Ich bin immer wieder froh, dass Anatol nie solche Ansprüche stellt. Er ist eben schon etwas erwachsener – manchmal jedenfalls. So glücklicherweise auch heute. Anatol sagt nämlich die rettenden Worte:

„Wir brauchen keinen Roller zu kaufen. Ich kann einen bauen!“

Ich bin platt. „Wie und woraus willst Du denn einen Tretroller bauen, Anatol?“ frage ich ungläubig.

„Wir haben doch letztens die Bettkästen auseinandergenommen. Da sind unten ganz tolle Räder dran. Die können wir für den Roller verwenden. Dann brauche ich noch ein paar Bretter, Schrauben und einen Holzbohrer. Und daraus kann ich einen Tretroller bauen.“

Elie ist selig. Er himmelt Anatol manchmal richtig an wegen seines handwerklichen Geschicks und seiner tollen Ideen. Ich bin da etwas vorsichtiger – nicht, dass der Butler Star-Allüren kriegt und sein Saurierkopf zur Melone bzw. zum melon anwächst (wie man hier in Frankreich sagt, um einen Gernegroß zu beschreiben) … aber ich muss zugeben, dass ich heute sehr froh über Anatols Idee bin.

Anatol geht in die Abstellkammer und holt eines der Bettkasten-Bretter hervor. Daran sind in der Tat kleine Räder angeschraubt – damit haben wir die Kästen ja immer unter dem Bett hervorgezogen und wieder darunter gerollt:

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Die beiden Rädchen schraubt Anatol nun ab und bringt sie an einem kleinen Brettchen an, welches das Trittbrett des Rollers werden soll:

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Eine schwierigere Operation als die Räder stellt der Lenker dar. Anatol hat einen meiner Holz-Handbohrer als den am besten geeigneten Gegenstand identifiziert und duldet keine Widerrede, als ich ihm klarmachen will, dass der Bohrer ein Werkzeug und keine zu verarbeitende Sache sei. Leider findet sich nichts anderes, was als Lenker herhalten könnte.

Widerwillig erlaube ich daher die Verwendung des Bohrers.

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Nun fehlt dem Roller noch ein Standbein. Anatol schraubt kurzerhand eine lange Schraube seitlich an das Trittbrett, und der Roller ist vollständig:

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Elie traut seinen Augen nicht – und ich ehrlich gesagt auch nicht. Nie hätte ich gedacht, dass Anatol heute wirklich einen fahrtüchtigen Roller herstellen kann. Aber da ist der Roller:

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Elie will nun sofort raus in den Park, und seinen Roller ausprobieren. Aber erst wird zuende gefrühstückt!

Hier kommt die Fortsetzung!

32. Kapitel – Anatol backt Brot

IMG_2027Anatol inspiziert den Küchenschrank. Eben hat er mehrere angebrochene Packungen Mehl gefunden, die kurz vor dem Ablaufdatum stehen.

Obwohl es seine Aufgabe ist, die Vorräte zu überwachen und dafür zu sorgen, dass nichts schlecht wird, versucht er dennoch, mir dieses Vergehen in die Schuhe zu schieben: „Wenn ich jetzt nicht in den Schrank geguckt hätte, wäre das Mehl im April abgelaufen! Ich muss mich hier wirklich um alles kümmern!“

„Anatol, die Vorräte sind Deine Sache, das weisst Du doch!“ antworte ich – etwas verstimmt.

Darauf kommt von ihm nur ein verächtliches Schnauben, auf das ich nichts weiter erwidere. Meist ist so eine vermeintliche schlechte Laune bei Anatol nämlich nur Vorbote irgendeiner originellen Aktion – diesen Impetus will ich auf keinen Fall stoppen.

IMG_2021Und richtig – Anatol bereitet etwas vor. Er hat einiges zusammengestellt und will nun damit photographiert werden. Hier die Zutaten, die Anatol gleich zu einem Fladenbrot verarbeiten wird:

100g Einkornmehl
100g Khorasan-Weizenmehl
1 EL Maismehl
1 EL Kreuzkümmel
1 EL Koriandersamen
1 TL Salz, 1/2 TL Zucker, 1/2 TL Natron
ca. 200 ml Wasser

Anatol sagt, das Natron stehe normalerweise nicht in seinem Rezept. Er möchte aber mal ausprobieren, ob das Fladenbrot damit etwas weicher wird. Es wird also ein Experiment!

Nun mischt Anatol als erstes das Mehl, den Kreuzkümmel, die Koriandersamen, Salz, Zucker und Natron. Er sagt, man könne das Mehl auch noch sieben, wenn man dazu Zeit habe. Wichtig sei das Sieben vor allem, wenn man einen Kuchen backen wolle, der schön locker werden solle. Beim Fladenbrot sei das aber nicht so besonders wichtig. Er verzichtet heute also darauf.

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Das wird alles gut verrührt, dann kommt etwas Wasser dazu. Diese Mischung verknetet Anatol nun gut, bis ein schöner fester Klops daraus wird.

Letzteren rollt Anatol nun in der Backform aus, die er mit Olivenöl eingefettet hat.

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Nun kommt der Teig, der ca. 5 mm dick ist, in den Ofen. Diesen hat Anatol auf 100°C vorgeheizt, denn das Brot soll im Grunde nur getrocknet werden – und das ca. 40 Minuten.

Ob das schmeckt? Ich bin gespannt …

Das Fladenbrot ist fertig. Es ist schön weich und locker – aber es fehlt ein wenig Salz. Das nächste Mal muss etwas mehr rein. Ansonsten: ganz köstlich!

Wer es lieber etwas fester mag, dem rät Anatol, einfach das Natron wegzulassen.

31. Kapitel – Migräne…

IMG_0521Hallo, hier schreibt Edwige!

Ich habe mir den Computer geschnappt, da ich glaube, dass wir hier Hilfe für unseren Menschen bekommen … im Internet sollte man sich doch unter Katzen helfen, denke ich. Ich hoffe, dass hier auch Katzen mitlesen.

Der Mensch liegt im Bett, und das ist um diese Zeit total untypisch!

Leider habe ich nichts gefunden, was speziell Menschenkrankheiten beschreibt, deshalb schreibe ich einfach hier in dem Blog. Hoffentlich krieg ich deshalb keinen Ärger …

Ich beschreib Euch mal, was los ist. Heute morgen war der Mensch schon komisch. Also, ich glaub es ist eigentlich ein Weibchen, aber wir finden das bei Menschen sehr schwer rauszufinden. Deshalb sag ich immer „der Mensch“. Die Menschen sagen ja auch immer „die Katze“, auch wenn es ein Kater ist.

Also … heute morgen merkten wir schon, dass der Mensch nicht gesund war. Er oder vermutlich eher sie ist spät zum Füttern gekommen und war auch sehr langsam mit allem. Hat es aber noch geschafft, unsere Klos sauberzumachen und sich zu putzen, wie jeden Morgen. Gefressen hat er dann nichts und ist viel zu spät weggegangen. Was er dann draußen macht, wissen wir nicht so genau – er sagt immer, dass er da Geld für uns verdient … was auch immer das ist.

Ja, und dann ist er/sie schon jetzt nach Hause gekommen, hat sein Fell ausgezogen (wozu das gut ist, kapieren wir nie!) und hat sich in unser Bett gelegt. Tonio und Noah haben sich dazugelegt und geschnurrt, aber der Mensch war zu müde, um sie zu streicheln. Das ist ganz unnormal!

Irgendwann hat der Mensch sich überhaupt nicht mehr bewegt! Riri hat sich angeschlichen und ist voll draufgesprungen – damit wir wissen, ob der Mensch noch lebt! Aber er hat sich dann noch etwas gerührt und irgendwas gegrunzt „Riri lass das bitte“ … dann hat er sich den Kopf zwischen den Pfoten gehalten und hat dann wieder nur still dagelegen…

Wir hatten großen Hunger und haben Lärm gemacht … dann haben wir Futter gekriegt (das ging also noch) und der Mensch hat wieder diese winzigkleinen weissen Bröckchen gefressen… und dann hat er sich eine warme Flüssigkeit gemacht, die er tatsächlich getrunken hat.

Aber der Mensch hat immer noch nichts gefressen!

Wir vermuten, dass der Mensch wieder Migräne hat. Er hat das ganz oft, aber fast nie so schlimm wie heute. Er hält sich dann den Kopf, frisst ein kleines weisses Brekkie, und dann ist es normalerweise eine halbe Stunde später deutlich besser. Aber nicht heute!

Wir würden ihn jetzt gern zum Menschenarzt bringen, aber kein Transportkorb ist groß genug! Und wir wissen auch nicht, wie wir einen Menschenarzt erreichen!

Wenn es sehr schlimm ist, würden wir sicher auch den gräßlichen Tierarzt anrufen, damit der vielleicht hilft (aber den Kontakt mit dem Tierarzt würden wir lieber vermeiden, ehrlich gesagt … nachdem, was der letztens erst hier abgezogen hat – na, Loup hats ihm ja gezeigt und ihn ordentlich gebissen, gut so).

Der Mensch liegt jetzt apathisch im Bett. Er kneift immer ein Auge zu und hält sich den Kopf mit den Pfoten. Was können wir nur tun?

Was macht Ihr, wenn Eure Menschen krank sind?

Wir denken auch schon eine Weile nach, ob der Mensch vielleicht kastriert werden sollte? Aber damit wollen wir noch abwarten, bis er wieder ganz gesund ist.

Bitte helft uns – es gibt eine Kommentarfunktion, dort könnt Ihr Eure Tipps reinschreiben! Danke!

PS: eben kommen Anatol und Elie nach Hause, und haben gleich dies hier für den kranken Menschen zubreitet:

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30. Kapitel – Entrümpelungen

IMG_1992Anatol und Elie haben beschlossen: heute beginnt der Frühjahrsputz. Nicht das übliche Großreinemachen – nein: es soll eine großangelegte Entrümpelungsaktion werden, die sich notfalls auch über mehrere Tage erstrecken darf.

Ich bin skeptisch. Derlei Vorhaben beginnen meist mit viel Enthusiasmus und versanden dann – angesichts des Ausmaßes der Gerümpelmisere – in einer halbherzigen Putz- und Wischaktion. Zwar ist die Wohnung danach sauberer – aber nachhaltiges Entrümpeln ist etwas anderes.

Dennoch sind Anatol und Elie guten Muts, dass es heute gelingen wird, unerwünschtes Gerümpel für immer aus der Wohnung zu verbannen.

Ich bin gespannt.

Die beiden Butler machen sich ohne Zögern an die Arbeit. Sie finden, der neuralgische Punkt der Wohnung sei mein Bett, und dieses solle als erstes bearbeitet werden. Das wundert mich. Was soll mein Bett denn haben…?

„Dein Bett ist ein Gerümpel-Hort“, sagt Elie. „Guck doch mal drunter – oder besser: versuch mal, drunterzugucken! Es ist total Anti-Feng-Shui! Ein Bett darf keinen Krempel beherbergen, und noch weniger darf man solchen unter dem Bett verstauen.“

Elie hat Recht. Unter das Bett kann man nicht gucken, denn da befinden sich 4 große Bettkästen, die gut gefüllt sind mit Decken, Verlängerungskabeln, Kissen, Bettbezügen – und vielen, vielen Katzenhaaren. Schlimmer noch ist, was sich unter den Bettkästen auf dem Fußboden befindet. Es handelt sich dabei um einen Mix aus Katzenspielzeug, Katzenhaaren, Staub – und ca. einem Kilo Kieselgur, den ich dort vor einem Jahr verteilt habe, um einen Parasitenbefall zu beseitigen. Kieselgur sei, so las ich es im Internet, eine völlig natürliche, ungiftige Substanz, die gegen Insekten sehr wirkungsvoll sei. Wir hoffen, dass dies der Wahrheit entspricht, denn es ist schwer nachzuprüfen.

Was allerdings offensichtlich ist, ist dies: Kieselgur gewährleistet mit 100%iger Sicherheit eine ganz unglaubliche Sauerei in der Wohnung. Kieselgur ist so fein, dass er einfach überall hineindringt. Er staubt ungemein und legt sich wie eine feine Bimssteinschicht über alle Möbel.

Diesen Kieselgur gilt es nun zu entfernen – ohne dabei im wahrsten Sinne des Wortes zu viel Staub aufzuwirbeln.

Anatol und Elie ziehen als erstes die Bettkästen unter dem Bett hervor. „Oh weh“, seufzt Elie. „Wohin soll das denn nur alles…“ Ich denke das Gleiche, sage aber lieber nichts. Defätistische Äußerungen sind  nicht erwünscht.

Unter dem Bett offenbart sich das bisher gut gehütete Grauen. Die Kieselgur-Schicht ist etwa 1 cm dick – Anatol betätigt den Staubsauger, der auf den Kieselgur sehr ungehalten reagiert: er verstopft nach 10 Sekunden. Ich bekomme Angst um mein wunderbares Gerät und verbiete seine weitere Nutzung. Der Kieselgur muss per Hand entfernt werden.

Elie hält das Schäufelchen, Anatol fegt mit dem Handfeger. Ich wische direkt die verbleibende Kieselgurschicht auf. Da dies alles unter dem Bett stattfindet, liegen wir auf dem Bauch und versuchen, so gut es geht, an alle Kieselgur-Reste zu gelangen.

Dabei finden wir leider auch einige bisher unentdeckte „Katzen-Unfälle“, deren Urheber mit großer Sicherheit Tonio ist. Auch diese werden beseitigt.

Schließlich setze ich den Kärcher ein, um den Rest des Kieselgur-Gesindels aus den Ecken zu treiben.

IMG_2002Die erste Etappe ist geschafft. Unter dem Bett ist alles sauber! Dies ist sehr erfreulich.

Nun zur zweiten Etappe: wohin mit dem Inhalt der Bettkästen (und den Kästen selbst!), den man hier rechts im Bild sieht? Alles können wir ja nicht wegwerfen – viele der Dinge werden noch gebraucht!

Anatol ist unerbittlich: er sortiert gnadenlos die für uns unnützen Dinge aus. Was noch gut ist, aber hier nicht gebraucht wird, kommt in einen Karton, der später zu Emmaüs (die französische Variante der Caritas) gebracht werden soll.

Der Rest wandert in die Tonne, die zur Déchetterie, d.h. zum Schrottplatz kommt.

IMG_1999Indessen hat Elie die Bettkästen ausgewischt und – weil wir in der Wohnung zum Putzen Platz brauchen – ins Treppenhaus gestellt.

Drei hat er schon rausgeschafft- ich weiss gar nicht, wie der kleine Kerl das ganz allein hinbekommen hat.

Das Wischwasser ist nun getrocknet. Der Boden ist weiss – der Kieselgur ist immer noch da.

Wir wischen insgesamt 5 mal – nun ist der Boden ansatzweise sauber.

Anatol zückt einen Schraubenzieher und zerlegt die Bettkästen vorsichtig in ihre Einzelteile. Die Bretter, die nicht viel Platz wegnehmen, können in unserem Küchenkabuff verstaut werden.

Nun habe ich ein herrlich luftiges Bett, unter dem Luft zirkuliert und das daher ganz „Feng Shui“ ist.

Heute Nacht werde ich darin sicher wunderbar schlafen – das hoffe ich zumindest!

29. Kapitel – Mangold

IMG_1984Anatol hat sich heute selbst übertroffen.

Offenbar ist es ihm nun doch etwas peinlich, dass er am Freitag Abend auf meine Verspätung so verärgert reagiert hat.

Gestern war er mit einem riesigen Einkaufskorb vom Markt zurückgekehrt, hatte aber sichtlich niemanden erlauben wollen, hineinzugucken. Schnell war der Inhalt des Korbs im Kühlschrank verstaut und dieser mit dem Befehl „Da geht keiner ran!“ geschlossen worden.

Heute abend wird das Geheimnis gelüftet. Anatol zieht ein riesiges grünes Ungetüm aus dem Kühlschrank und erklärt: „Das ist Mangold. Wir essen viel zu selten solche feinen Gemüsesorten!“

Mangold habe ich schon einmal probiert – zu Sylvester vor über 20 Jahren, in Paris. Es muss wohl 1990 oder 1991 gewesen sein … Damals hatte unser Freund Marc den Mangold zubereitet. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er mit seinen langen, spillerigen Armen die großen, grünen Blätter aus einem gigantischen Topf herausfischt und sie uns serviert – und dabei die Vorteile der „blettes“ (so heisst Mangold auf Französisch) aufzählt: der Mangold sei voller Vitamine und Mineralstoffe und habe einen wunderbar aromatischen, leicht nussigen Geschmack. „Les blettes“ hatten mir damals in der Tat sehr gut geschmeckt – aber ich hatte es leider versäumt, mir das Rezept aufzuschreiben, und hatte dieses schöne Gemüse dann auch vergessen.

Heute, nach fast 25 Jahren, ist es Zeit für den nächsten Mangold.

Verdächtig finde ich allerdings, dass Anatol erstaunlich oft zum Computer läuft und dort nachliest. Hat der Spitzbube etwa kein eigenes Rezept…? Etwas verschämt gibt Anatol zu, dass er in seiner Sammlung leider kein Mangold-Rezept vorhalte. Er habe aber eine ganz großartige Kochanleitung hier bei Chefkoch.de gefunden! Diese wolle er nun ein wenig abwandeln, da wir nicht alles im Haus hätten, was dafür benötigt würde.

IMG_1985Als erstes schneidet Anatol 2 kleine Schalotten und 2 Knoblauchzehen in Würfelchen und brät sie in einem großen Topf leicht mit Olivenöl an.

Dann gibt er die gewaschenen und kleingeschnittenen Mangoldstiele (das Weisse unten an den Blättern) in den Topf und lässt das Ganze etwas schmoren. Dazu kommen 3 kleine Chilis, Salz, Pfeffer und ein Teelöffelchen Vanillezucker.

Diese Mischung wird nun unter Rühren angebraten. Das Rezept von Chefkoch.de sieht noch Gemüsebrühe vor, aber die vertrage ich wegen der enthaltenen Würzstoffe nicht. Anatol lässt sie also weg, ebenso wie den Weisswein (der allerdings durch Rotwein ersetzt wird).

IMG_1988Letzteren gießt Anatol nun hinzu, gibt den Rest des Mangolds in den Topf (die geschnittenen Blätter), rührt einmal gut um und verschließt den Topf mit dem Deckel. Der Mangold muss nun etwa 20 Minuten sanft garen.

Indessen setzt Anatol einen zweiten Topf mit gesalzenem Wasser auf. Offenbar soll es Nudeln zu dem Mangold geben! Ich freue mich.

Das Wasser kocht – Anatol hat Penne vorgesehen und gibt sie in den Topf. Ich liebe Penne! Mittlerweile habe ich großen Hunger und bin sehr gespannt auf das, was Anatol da herbeizaubert.

IMG_1990Es ist soweit. Anatol serviert die „Penne mit Mangold à la Chefkoch.de„.

Ich finde sie einfach köstlich. Ehrlich gesagt kann ich gar nicht mehr aufhören … schon habe ich mir zum dritten Mal  nachgenommen.

Mit etwas Glück bleibt zumindest eine Kleinigkeit von dem herrlichen Mangold-Gericht für morgen übrig. Aber sicher ist das nicht.

28. Kapitel – Feng Shui II

IMG_1982Anatol sagt mir gerade, dass wir uns eigentlich entschuldigen müssen für unseren Beitrag von gestern. Und zwar bei den Anhängern des traditionellen Feng Shui, die die daoistische Lehre studiert haben und danach leben.

Auf keinen Fall wollten wir diese jahrtausendealte, komplexe chinesische Harmonielehre in irgendeiner Weise lächerlich machen. Besonders Anatol interessiert sich sehr für die chinesische Kultur, was sich in seiner Liebe zum Tee und zur chinesischen Teezeremonie Gong Fu Cha ausdrückt. Hierzu aber später.

Der Beitrag von gestern wirft – so findet Anatol nun – die neuzeitliche „Minimalismus-Bewegung“ und die Philosophie des Feng Shui in einer etwas respektlosen Weise zusammen.

Aber so war es nicht gemeint. Wir wollten die beiden Theorien nicht einfach so „über einen Kamm scheren“ oder gar unreflektiert vermischen.

Dennoch gibt es Berührungspunkte zwischen Minimalismus und Feng Shui. Minimalismus hat mit der Lehre des Feng Shui zumindest dies gemeinsam: die ganz bewusste Einrichtung und Ausrichtung von Wohnraum mit wenigen Gegenständen, die etwas aussagen und die eine Bedeutung, einen Hintergrund haben. Zufällig zusammengewürftelten Krimskrams gibt es dort nicht. Auch im Feng Shui ist nur Platz für das Wesentliche.

Diese Gemeinsamkeit ist für uns wichtig. Denn eben dieser Punkt soll bei unserer neuen Wohngestaltung zum Tragen kommen.

Wir dürfen nun gespannt sein.

Eben hat Anatol jedenfalls den ersten gelben Sack zugebunden und vor die Tür gestellt. Was wir für einen Papier- und Kartonkrempel hier rumfliegen hatten … das gibts gar nicht. Der zweite gelbe Sack wird jetzt sofort zum Einsatz gebracht. Denn es geht weiter mit dem Entrümpeln.

27. Kapitel – Feng Shui I

„Entrümple Dein Leben“ – diesen Slogan hat Anatol im Internet entdeckt. Zu lesen bekommt man ihn auf Seiten über den neuen „Minimalismus“ wie Simplify your life, in Blogs wie z.B. Becoming minimalist oder auch in der ganzheitlichen Lebenslehre des Feng-Shui.

Anatol ist begeistert vom Minimalismus. Sofort will er die neuen Ideen in die Tat umsetzen. Ihm schwebt eine Umgestaltung der Wohnung in etwas wie diesen Tempel der Wohnkultur vor.

Ich muss Anatol enttäuschen. Eine solche Einrichtung werden wir niemals haben. Dafür sorgen bereits unsere pelzigen Mitbewohner, die von meinen Freunden als „Massenvernichtungswaffen“ bezeichnet werden. In Bezug auf schöne Möbel werden sie dieser Bezeichnung leider gerecht.

Doch was bedeutet „Minimalismus“?

Es handelt sich dabei nicht einfach um Aufräumen. Nein, es geht um „Loslassen“, um „Weniger besitzen“. Die Engländer nennen es „de-own“ – die  eigenverantwortete, bewusste Selbstenteignung, um es in ordentlichem Juristendeutsch auszudrücken.

„Wozu soll das gut sein?“ fragt Elie. „Schließlich habe ich lange gespart, um mir endlich meinen tollen Chèche zu kaufen! Und nun soll ich den weggeben? Nein – ohne mich!“

IMG_1537Elie hat in der Tat lange Zeit seine Steinzeittaler angespart, weil er in einer Boutique einen wunderschönen tunesischen Wüstenschal (den „Chèche“) gefunden hatte, den er beim Sommer-Treffen der „Söhne der Wüste“ tragen will. Der Chèche ist sein ganzer Stolz, und um nichts in der Welt würde er ihn hergeben.

Ich versuche, es Elie zu erklären. „Elie, auf keinen Fall musst Du Deinen Chèche abgeben. So funktioniert Minimalismus nicht. Es geht um etwas anderes, nämlich darum, Sinnloses und Überflüssiges hinter sich zu lassen.“

Anatol pflichtet mir bei. „Ein Chèche ist gut. Zehn Chèches, die Du nie trägst, ist Anti-Minimalismus. Und das wollen wir nicht mehr.“

Nun wird Elie etwas ungehalten. „ICH habe nur einen einzigen Chèche. Und sonst habe ich GAR kein Kleidungsstück. Dieser Minimalismus geht mich deshalb nichts an. Die einzige Person, die hier Kleidung in 100facher Ausführung besitzt, so dass die Schränke überquellen und alles an den Türen hängen muss, weil in die Schränke nicht einmal mehr ein hauchdünnes Pfefferminzblättchen hineinpasst – von den Schuhen mal ganz zu schweigen! – ist Susanne!“

Elie hat damit ins Schwarze getroffen. Betreten schaue ich zu Boden. „Elie, Du hast ja recht. Es geht hier vor allem um mich und meinen Kram. Er nimmt einfach zu viel Platz weg. Und daran wollen wir etwas ändern. Ich habe ja schon beschlossen, in diesem Jahr kein einziges neues Kleidungsstück zu kaufen. Bisher habe ich mich daran gehalten.“

Elie bemerkt etwas spitz, dass es mit dem „nichts Neues mehr kaufen“ ja schön und gut sei – dass aber eine sinnvolle Nutzung der Wohnung seiner Meinung nach erst wieder möglich sei, wenn mindestens ein Drittel der vorhandenen Kleidungsstücke entfernt würde. Ich schlucke.

Anatol erinnert nun daran, dass der materielle Teil (das Aufräumen und Weggeben von Sachen) nur ein Aspekt des Minimalismus sei. Es gehe dabei vor allem um die Einstellung zum Konsum. Um Nachhaltigkeit – aber auch um Verzicht auf den neuesten technischen Schnickschnack und allgemein auf alles Unwesentliche.

Elie guckt sehr skeptisch. Er ist – was ihn selbst betrifft – sichtlich nicht von der Idee des Verzichts angetan. Deshalb muss ich mir etwas einfallen lassen, das ihn überzeugt. Und schon habe ich eine Idee.

„Ihr Lieben, wann habt Ihr eigentlich das letzte Mal in Eurem Nestchen das Gefühl gehabt, dass es dort bequem und angenehm war? So dass Ihr beide Platz hattet, um Euch mal richtig auszustrecken?“

Anatol druckst etwas herum und weiss sichtlich nichts zu antworten. Elie wird rot bis hinter beide Ohren (die bei ihm nicht sehr ausgebildet sind). Der Grund liegt auf der Hand – seit Tagen sieht das Nestchen so aus:

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Man kann es mit Fug und Recht als einen wahren Schweinestall bezeichnen.

Die erste Aufgabe für die frischgebackenen Minimalisten ist es also, das eigene Nestchen auszuräumen und dann gemäß Feng Shui zu ordnen. Mit Feuereifer machen sich die beiden an die Arbeit.

Über den Fortgang des „Feng Shui à la Anatol“ werden wir berichten!

16. März 2014

Und so sieht ein schön aufgeräumtes, entrümpeltes Dino-Nestchen aus:

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Anatol und Elie fühlen sich sichtlich wohler darin und wollen nun die ganze Wohnung entrümpeln. Gut, dass ich eine Woche Ferien habe und das Ganze überwachen kann …

26. Kapitel – Eine Woche Ferien!

FotoIch habe eine Woche Ferien!

… Ferien? Eigentlich sollten sie schon begonnen haben. Es ist 18 Uhr 10, heute ist mein letzter Tag im Büro, und ich habe alles abgearbeitet, was man nur abarbeiten kann. Seit 7 Uhr 45 bin ich da – nun ist es 18 Uhr 10, und ich kann immer noch nicht gehen. Ein „Eilfall“ (bzw. das, was der Chef dafür hält) ist soeben eingetrudelt, und nun muss beraten werden, was damit zu tun sei.

Das Handy klingelt – es ist Anatol. Zum wiederholten Mal.

Ich hebe ab. „WANN KOMMST DU ENDLICH? WIR WARTEN!“ heisst es da mit wütender Stimme am anderen Ende der Leitung.

„Anatol. Ich weiss doch, dass ich zu spät dran bin. Ja, ich wollte heute schon um halb sechs zu Hause sein. Aber es ging einfach nicht. Hier ist noch so viel los, und ich kann jetzt nicht weg. Wollt Ihr nicht schon mal anfangen, zu kochen …?“

„Den Teufel werden wir tun! Wir gehen jetzt zum Italiener. Und zwar allein. Basta!“

Nach dieser entsetzlichen Drohung legt Anatol auf. Ich bin traurig. Ich hatte mich so auf einen geruhsamen Abend mit den Katzen und den beiden Butlern gefreut.

Nun wird es wieder der übliche Stress – und ein viel zu kurzer Abend, weil ich ja nicht erst um Mitternacht ins Bett möchte.

Der Chef ist am Telephon. Er kann auch noch nicht nach Hause … aber ich werde jetzt einfach mal fragen, ob nun endlich Zapfenstreich ist.

Ich mag meinen Chef. Er hat mir im letzten Jahr, als die Katzen so furchtbar krank waren, eine Woche Urlaub mehr gegeben, so dass ich die Tiere weiter pflegen konnte und Anatol damit nicht alleinlassen musste. Er ist ein guter Chef. Nur manchmal weiss er einfach nicht, wann man Feierabend machen muss.

18 Uhr 40

Der Chef hat ein Einsehen. Heute abend können wir sowieso nichts mehr ausrichten, und werden endlich in die Freiheit entlassen.

Mit meinem Kollegen gehe ich nach Hause. Es ist noch nicht ganz dunkel, und die Luft ist mild. Der Himmel bietet ein herrliches Farbenspiel im Sonnenuntergang… Die japanischen Kirschbäume blühen schon, und man hört die ersten Vogelstimmen.

Bald wird es Frühling!

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25. Kapitel – Help Syrian children!

Anatol and Elie just discovered a video on the internet. Ever since, they have not been able to calm down.

They keep asking me „Why is this, why does nobody do anything to stop it? That can’t be! Why does war exist? We don’t understand!“

I do not understand either. But i am unable to give them an answer.

Both Anatol an Elie now want to show the video in the blog – they hope that even more people will watch it and perhaps will help. The video shows the story of a little girl experiencing the outbreak of war in her country.

Here you can see the video. It was produced by the childrens help organisation „Save the children„. Please watch it, and if you can: please help!

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Anatol und Elie haben heute ein Video im Internet entdeckt. Seitdem kommen sie nicht mehr zur Ruhe.

Andauernd fragen sie mich „Warum gibt es sowas? Wieso tut niemand etwas, damit es aufhört? Das kann doch nicht sein! Wieso gibt es Krieg? Wir verstehen das nicht!“

Ich verstehe es auch nicht … Und ich kann ihnen keine Antwort geben.

Die beiden möchten nun unbedingt, dass das Video im Blog erscheint. Sie hoffen, dass es dann noch mehr Leute sehen und vielleicht helfen. Das Video zeigt die Geschichte eines kleinen Mädchens, in dessen Land ein Krieg ausbricht.

Oben seht Ihr das Video. Es stammt von der Kinderhilfsorganisation „Save the children„. Wenn Ihr könnt: bitte helft!

24. Kapitel – Möhrenkuchen

Anatol und Elie rumoren nun schon seit geraumer Zeit in der Küche. Ich soll sie nicht stören und wurde sogar der Küche verwiesen. Ungeduldig klopfe ich an die Tür: „Kann ich kurz reinkommen?“

„Noch nicht!“ knurrt Anatol durch die geschlossene Tür. „Aber gleich darfst Du rein und Photos machen. Schließlich soll das ja alles in den Blog.“

Ich bereite die Kamera vor, und darf nun endlich in die Küche.

IMG_1607Dort sehe ich die Butler inmitten eines Sammelsuriums von Zutaten, Töpfen, Tiegeln und Rezepten. Was soll das denn nur geben?

Elie ruft fröhlich: „Juhu, wir backen einen Möhrenkuchen!“ Ich bin sehr überrascht. Möhrenkuchen finde ich zwar unglaublich lecker, aber ich habe mich bisher an so etwas noch nie herangetraut.

Die beiden Butler haben aber offenbar keinerlei Hemmungen und sind mitten im Backen.

Aber woher haben sie das Rezept? Ich selbst besitze nämlich keines für Möhrenkuchen!

IMG_1610Stolz zeigt Anatol mir das Rezept. Es kommt von totallyveg und handelt sich um einen vollkommen veganen Möhrenkuchen! Ich bin begeistert. Laut Anatol ist es einfach das beste Rezept für Möhrenkuchen überhaupt!

Was brauchen die Butler für den Möhrenkuchen?

Hier sind die Zutaten, die die beiden auch schon vorbereitet haben:

200 g Dinkelvollkornmehl
180 g Zucker
1 Packung Vanillezucker
1 TL Natron
1 TL Backpulver
1 TL Zimt
1/2 TL Salz
150 – 200 g geriebene Möhren
200 g Soja-Joghurt Natur
100 ml Sonnenblumenöl

Und hier die Photos vom Backen – Ihr könnt das ganz leicht nachmachen (aber bitte nur in Anwesenheit der Eltern!)

Als erstes werden die trockenen Zutaten (Mehl, Zucker, Vanillezucker, Zimt, Natron, Backpulver, Salz) genau abgewogen, in einer Backschüssel gut verrührt und dann beiseitegestellt.

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Dann müssen die Möhren gerieben werden (lieber etwas mehr als zu wenig – Anatol nimmt gut 200g geriebene Möhre!). Dazu kommen die Soja-Joghurts und das Öl. Diese feuchten Zutaten solltet Ihr in eine ordentlich große Schüssel tun, auf keinen Fall in eine zu kleine, und sie dann vorsichtig verrühren.

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Schließlich wird das Mehl, der Zucker etc. aus der vorhin beiseite gestellten Schüssel in die Schüssel mit den Möhren, dem Joghurt und dem Öl gegeben (am besten in drei Schritten), und sehr vorsichtig per Hand verrührt (auf keinen Fall mit einem Rührer!), bis es eine einheitliche Masse ist.

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Diese wird dann in eine mit Sonnenblumenöl eingefettete Backform gegeben; Anatol und Elie nehmen hier eine 24er Form:

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Das Ganze kommt dann für etwa 30 – 35 Minuten in den auf 180°C vorgeheizten Ofen.

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Wenn der Kuchen fertig gebacken ist, sieht er so aus. Aber er ist noch nicht „ganz fertig“!

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Jetzt kommt nämlich das i-Tüpfelchen (und es ist wichtig – also bitte nicht weglassen!): der Zitronenzuckerguss:

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Dieser wird mit Puderzucker und etwas Zitronensaft angerührt und dann auf den Kuchen gepinselt (das geht auch mit einem Esslöffel – man braucht keinen Pinsel dafür).

Der Kuchen sieht dann bald so aus:

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Er ist nämlich so saftig, locker und leicht und schmeckt so gut, dass er immer sehr schnell gegessen wird! Da er ganz vegan ist, musste kein Tier für die Zutaten leiden. Anatol und Elie ist das sehr wichtig – und mir auch.

Wir wünschen Euch guten Appetit !

23. Kapitel – Für Elisabeth !

Siedend heiss fällt es mir eben gerade ein. Elisabeth. Meine Nichte! Ihr, Jakob und Julian ist der Blog gewidmet.

Elisabeth hatte vorletzten Donnerstag ihren 5. Geburtstag. Und ich habe es vergessen.

Es ist eine SCHANDE.

Wütend sehe ich auf meine Butler. Sie sind normalerweise dafür verantwortlich, dass ich meine Termine einhalte und keine wichtigen Ereignisse verpasse. Wie konnten sie diese Aufgabe so sträflich vernachlässigen?

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Elie versteckt seinen Kopf hinter dem Sofakissen, neben das er sich gerade genüsslich hingeflezt hatte, um zu schmökern.

Er glaubt nämlich immer noch, dass man ihn dann nicht sehen kann.

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IMG_1941Anatol hingegen sieht mich angriffslustig an. Er hat sichtlich kein schlechtes Gewissen – im Gegenteil, er scheint mir die Schuld zuschieben zu wollen: „Weisst Du eigentlich, was in den letzten zwei Wochen hier los war? Sag mir doch bitte mal, wann Du überhaupt zu Hause warst in dieser Zeit! Wann um Himmels Willen hätten wir Dir etwas sagen können? Du warst morgens weg, bevor wir aufstehen, und abends bist Du lange nach Dienstschluss erst wiedergekommen – mehrmals sogar erst nach 22 Uhr! Das ist eine Zumutung!“

Das stimmt leider. Anatol hat recht: am Montag vor 2 Wochen hatte es begonnen. Eine Klage war im Büro eingegangen, und es sah schlecht aus für uns. In Windeseile musste unsere Verteidigung aufgestellt werden; Zeugen gefunden und Beweismaterial gesammelt werden. Die mündliche Verhandlung war für Freitag, den 28. März anberaumt – der Tag nach Elisabeths Geburtstag. Die verbleibende Zeit verging wie im Flug – und die Bürostunden wurden ausgedehnt bis 21 Uhr, 21 Uhr 30 und mehrmals eben auch bis nach 22 Uhr.

Die Aktenlage des sich anbahnenden Prozesses war leider für uns nicht vorteilhaft. Das bereits kommerzialisierte Computerspiel verletze angeblich Rechte seiner Mandanten, so behauptete der gegnerische Anwalt.

Meine Aufgabe war nun, anhand des vorliegenden Beweismaterials zu prüfen, ob dies stimmte, und herauszufinden, wie wir uns gegen den Angriff verteidigen könnten. Natürlich muss ich das nicht vollkommen allein tun; wir arbeiten dann mit einem Kollegen im Tandem. Meist läuft es so, dass der eine die Aktenlage durchgeht und die Sache juristisch prüft, und der andere die Produktionsteams und Chefs abklappert, die weitere Strategie abspricht, den Sachverhalt aufklärt und den Kollegen auf dem Laufenden hält. In diesem Fall war ich der Part, der an der Akte sitzt.

Spät am Donnerstag Abend war unser Schriftsatz fertig und konnte fristgerecht bei Gericht vorgelegt werden. Freitag fand die mündliche Verhandlung statt. Das ist hier im Eilverfahren so: es gibt immer eine mündliche Verhandlung, da das Eilverfahren kontradiktorisch ist (in Deutschland ist das etwas anders geregelt).

Worum ging es? Wie ich oben schon geschrieben habe, hatten wir ein Computerspiel produzieren lassen und dies dann herausgebracht. Ihr müsst es Euch wie eine kleine Geschichte vorstellen, in der man entweder auf seinem Computer, auf tablets wie dem iPad oder auch auf einem dafür ausgestatteten Handy direkt mitspielen kann. Ja, und die diesem Computerspiel zugrundeliegende Geschichte war angeblich von jemand anderem abgeschrieben worden.

Im richtigen Leben ist es wie in der Schule: von anderen abschreiben wird nicht gern gesehen. In der Schule gibt es dafür eine Sechs. Im richtigen Leben verliert man damit Prozesse – wenn man wirklich abgeschrieben hat. Wir standen selbstverständlich auf dem Standpunkt, dass hier NICHT abgeschrieben worden war. Aber wie würde der Richter urteilen?

IMG_1947Die Entscheidung sollte uns am Freitag abend sehr spät zugehen. Mein Kollege und ich waren im Büro geblieben, um die Entscheidung abzuwarten. Um 21 Uhr hatten wir solchen Hunger, dass wir uns Pizza bestellt haben.

Die Pizza war allerdings sehr gut. Das war ein Lichtblick, denn um 22 Uhr bekamen wir die traurige Nachricht:

Wir hatten unseren Prozess verloren – trotz aller Arbeit, die wir uns gemacht hatten. Leider bedeutete das auch, dass nun das gesamte Computerspiel überall dort entfernt werden musste, wo es schon veröffentlicht war. Diese Arbeit hat dann noch einen großen Teil der Nacht in Anspruch genommen.

Als ich ziemlich deprimiert an diesem Freitagabend (besser: in der Nacht) nach Hause kam, schliefen Anatol und Elie schon. Sie hatten den Katzen zu fressen gegeben und sich auch um den Haushalt gekümmert. Alles war fein säuberlich aufgeräumt und ordentlich.

Aber das wichtige Datum, der 27. Februar – Elisabeths großer Tag – war in der ganzen Aufregung vergessen worden.

Wir sind alle drei untröstlich. Es tut uns sehr leid! Deshalb lieber spät als nie:

HAPPY BIRTHDAY LIEBE ELISABETH !

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Vielleicht haben die Eltern ja auch noch eine Idee für ein Geschenk …?

22. Kapitel – Anatols Borschtsch

IMG_1936Anatol hat sich heute entschlossen, Borschtsch zu kochen – vegan selbstverständlich! Was ist Borschtsch? Borschtsch ist sicher die leckerste Suppe der Welt. Das Rezept stammt aus Ost- und Mitteleuropa, und vermutlich ist der russische Borschtsch der bekannteste.

Aber es gibt auch polnischen, ukrainischen, galizischen, kasachischen Borschtsch… und noch mehr – Borschtsch ist in Osteuropa und darüber hinaus überall zuhause. Und nun auch hier in Frankreich!

Woher kenne ich Borschtsch? Anatol kocht ihn mir natürlich vor allem, weil ich ihn darum gebeten habe. Aber warum? Meine Familie stammt zwar aus dem Osten, aber Borschtsch gehört leider gar nicht zu ihrer Kultur… Nein – vor langer Zeit, als ich noch studierte, kochte eine gute Freundin mir ab und zu ein Borschtsch. Und seitdem weiss ich, dass es einfach keine bessere Suppe gibt!

Anatol sagt, man lese oft, Borschtsch werde immer mit Rindfleisch zubereitet. Das stimme aber im Grunde nicht. Es habe Zeiten gegeben, in denen Fleisch sehr teuer und rar war – und in denen man nicht immer Fleisch für die Suppe hatte. Da wurde dann ein Borschtsch ohne Fleisch gekocht – und der schmeckt genauso gut, wenn nicht sogar besser! Wir essen ja sowieso nie Fleisch, daher stellt sich die Frage nicht.

Gleich zu Anfang gibt es ein Drama. Anatol findet DAS Rezept nicht mehr. DAS Borschtsch-Rezept, wie er sagt, ist von Attila Hildmann. Bis vor einiger Zeit fand man es im Internet. Und nun? Verschwunden. Attila Hildmann, der vegane Starkoch (Anatols Vorbild!), hat das Rezept in eines seiner Kochbücher übernommen, und nun muss man das Buch kaufen, um das Borschtsch-Rezept zu finden. Anatol schäumt vor Wut!

Schnell verspreche ich, das Buch bei nächster sich bietender Gelegenheit zu kaufen. Nun muss der Borschtsch aber „so“, also ohne das famose Rezept gekocht werden. Anatol ist findig und stellt kurzerhand aus der Erinnerung ein Rezept auf, das uns auch einen ganz ordentlichen Borschtsch bescheren soll.

IMG_1915Was kommt in den Borschtsch? Anatol hat eingekauft: einen Weisskohl, rote Beete (frisch, nicht gekocht), zwei Möhren, Zwiebel, Knoblauch, eine kleine Steckrübe, eine Tomate und viel frischen Dill.

Gerade schneidet er die Zwiebel und den Knoblauch klein, dann kommt der Weisskohl dran. Dieser wird gut gewaschen, in Streifen geschnitten und dann mit der Zwiebel und dem Knoblauch im Topf mit etwas Olivenöl angeschmort.

In der Zwischenzeit (während der Kohl leicht anbrät), schneidet Anatol die Kartoffeln, die Möhren, die Steckrübe und die rote Beete in Würfel.  All dieses Gemüse kommt dann zu dem Kohl in den Topf. Dazu wird Wasser gegeben, Salz, Pfefferkörner, 4 kleine Lorbeerblätter und nur 2-3 Pimentkörner. Da Anatol es gern scharf mag, gibt er auch noch 2 getrocknete Chilischoten hinzu.

Hier ein paar Photos von den verschiedenen Etappen des Rezepts:

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Nun muss es mindestens eine, besser aber zwei Stunden köcheln. Am allerbesten schmeckt der Borschtsch am nächsten Tag, wenn er gut durchgezogen ist.

Schließlich wird der Borschtsch mit viel Dill und und einem großzügigen Klecks Sojajoghurt serviert. Anatol wünscht guten Appetit!

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21. Kapitel – Der Torvosaurus

cropped-anatol-elie.jpgMit Schrecken haben Anatol und Elie eben dies hier entdeckt: einen Spiegel-Artikel über den Torvosaurus gurneyi:

Seine Zähne waren mit zehn Zentimetern doppelt so lang wie die eines Weißes Hais. Mit ihnen hat der Räuber wohl vor allem andere Dinosaurier verspeist, glauben die Forscher. Sie haben das Urtier deshalb Torvosaurus gurneyi genannt, was so viel wie „wilde Echse“ heißt.“

Meine beiden kleinen Butler sitzen zitternd in ihrem Nestchen. „Was, wenn der Torvosaurus kommt ?“ – diese Frage spricht aus ihren vor Angst weit aufgerissenen Augen.

Mir fällt indessen ein Spiel von früher ein … in den 70er Jahren dachte noch niemand über Political correctness nach:

Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“ „Niemand!“

„Und wenn er kommt?“ „Dann laufen wir!“

Ich rate Anatol und Elie, genau das zu tun, wenn der Torvosaurus kommt. Entrüstet sehen die beiden mich an! Wie könne ich ihre Ängste so überhaupt nicht ernst nehmen ?

„Anatol. Elie! Der Torvosaurus ist ausgestorben. Der kommt nicht mehr wieder! Nicht einmal als Plüsch-Saurier.“

Und vielleicht ist es auch nur ein Märchen, dass er andere Dinos gefressen hat. Wir hoffen es zumindest.