161. Kapitel – Anatols kleiner Lieblingsladen

Ein Besuch bei Day by Day

Nachdem Anatol unseren Kühlschrank nicht nur außen aufs Gründlichste abgeschrubbt, sondern auch innen mehrfach mit Essig ausgespült und abgetrocknet hat, bietet sich nun folgendes Bild:

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So sauber hat der Kühlschrank selten ausgesehen. Ich bin mit der Arbeit des Butlers außerordentlich zufrieden und erlaube Anatol, heute mit zum Einkauf bei unserem Lieblingsladen, Day by Day in der Route du Polygone in Strasbourg, Neudorf zu kommen.

Day by Day ist das, was in Deutschland als „Unverpackt-Laden“ bezeichnet wird. Bei Day by Day gibt es alles ohne Verpackung! Man wiegt einfach das ab, was man braucht, füllt es in ein Marmeladenglas, welches man entweder selber mitbringt oder von Céline, der freundlichen und hilfsbereiten Ladeninhaberin, geschenkt bekommt.

Alternativ kann man auch spezielle Behältnisse dort kaufen (Sprühflaschen zum Beispiel, und hübsche Fläschchen und Phiolen), aber im Regelfall reichen die Gläser, die dort verschenkt werden, vollkommen aus.

Um Day by Day zu unterstützen, kann man nicht mehr benötigte Gläser und Flaschen dort spenden.

Endlich können wir einkaufen, ohne überflüssigen Müll zu produzieren!

Was bekommt man bei Day by Day? Eigentlich fast alles. Zucker, Mehl, Reis, Nudeln, Tee… aber auch sehr feine Öle (vor allem Olivenöl), Essig, eingelegte Oliven, einen veganen und absolut unwiderstehlichen Schokoaufstrich (noch dazu ohne Palmöl!), und vieles, vieles mehr.

Viele Produkte haben ein Bio-Label (Ecocert zum Beispiel), andere sind nicht „Bio“. Ich habe beides ausprobiert: die Qualität ist durchweg sehr gut.

Anatols Lieblingsabteilung ist der Haushaltsbereich. Dort findet man Bioputzmittel (und Nichtbioputzmittel, so man dies wünscht), Savon de Marseille in jeglicher Form, Alepposeife… Anatol kauft hier die großartige schwarze Seife aus Marseille, die wie keine andere unsere Fliesen und das Parkett säubert und herrlich duften lässt. Für das Parkett gibt Anatol noch etwas Leinöl hinzu, damit alles glänzt und blinkt. Bisher hat kein anderer Reiniger es vermocht, die von den Katzen bei ihren Festgelagen angerichtete Schweinerei so zu beseitigen, dass niemand auf die Idee kommen würde, es habe jemals eine Katze hier etwas gefressen.

Was haben wir heute gekauft?

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Im Einkaufsbeutel waren: Spüli, WC-Reiniger, zwei Olivenölseifen (diesmal die flüssigen), Reis, Rohrzucker – und zum Naschen getrocknete Apfelscheibchen und kandierten Ingwer.

Geschenkt bekommen haben wir ein Stück festes Shampoo von Pachamamaï – das Shampoo ist vegan und sehr sanft zu Haut und Haaren. Ich habe es heute schon ausprobiert, es macht die Haare wunderbar weich und leicht. Merci beaucoup!

Vergessen wurde: das désinfectant cuisine und das détachant avant lavage (Seifenspray für hartnäckige Flecken), das Anatol unbedingt probieren wollte. Vielleicht fahren wir morgen noch einmal hin. Wir finden jedesmal wieder neue praktische Dinge dort!

Wie sieht es mit den Preisen aus? Da hier nur sehr hochwertige Artikel verkauft werden, ist Day by Day kein Billigladen. Die Produkte werden zum großen Teil in Frankreich hergestellt – meist von handwerklichen Kleinbetrieben und Familienunternehmen – und sind von ihrer Zusammensetzung und Herstellung her ausgezeichnet, so z. B. die Haushaltsreiniger und auch unsere geliebte schwarze Olivenseife. Die Produkte sind außerordentlich ergiebig. Nach dem Gebrauch weiss man, warum man gut daran getan hat, sie zu kaufen – und warum man sie immer wieder kaufen wird.

Das Preis-Leistungsverhältnis ist also durchweg sehr gut, finden Anatol und ich. Und es ist uns wichtig, dass die Menschen, die Dinge für uns herstellen und verkaufen, einen fairen Preis dafür bekommen.

Zudem muss man bei Day by Day keine großen Mengen kaufen – man entscheidet selbst, wieviel oder wie wenig man braucht. Und viele Produkte sind nicht teurer – oder sind sogar günstiger – als in anderen Läden, weil sie ohne kostspielige Verpackung auskommen.

Hier ein paar Bilder von unserem Besuch. Der Laden ist wunderschön eingerichtet, wir fühlen uns dort jedesmal sehr wohl:

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Nachtrag – 26. August 2016

Da wir gestern ein paar Sachen vergessen haben, sind wir heute noch einmal zu Day by Day gefahren.

Dort haben wir zwei kleine Phiolen mit Sirup gekauft, sowie den détachant und den désinfectant cuisine. Der Pfirsich-Sirup wird gerade schon von Anatol und Elie weggeschlürft (verdünnt, selbstverständlich) :

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Den désinfectant werden wir sogleich am Kühlschrank ausprobieren. Leider hat er es doch noch nötig.

Anatol macht mich gerade darauf aufmerksam, dass unser Kühlschrank sehr viel Plastik enthält (insbesondere die Tupperdosen, die gar keine echten Tupperdosen sind). Und dass er immer mehr Blogger liest, die plastikfrei leben!

Müssen nun unsere Nicht-Tupperdosen aus Plastik weg? Nein. Solange sie nicht kaputt sind, werden sie natürlich weiter benutzt. Es wäre widersinnig, Plastik wegzuwerfen, um Plastikmüll zu vermeiden. Für uns jedenfalls.

Die Tupper, pardon Nicht-Tupper bleiben also. Irgendwann werden wir sicher nur noch Glas- oder Edelstahlbehälter haben, aber bis dahin wird es noch etwas dauern.

 

160. Kapitel – Großreinemachen reloaded: der Kondenswasserbehälter

Was bisher geschah, lest Ihr hier!

Schon oft habe ich von Anatols grandiosen Putzaktionen berichtet. Der Saurier liebt es, wenn sein Heim blitzt und blinkt – dazu verwendet er gern Putzmittel ohne Chemie. Wo Anatol seine geschätzten Haushaltshelferchen kauft, werden wir in einem anderen Post berichten!

Heute wollen wir uns jedoch einem anrüchigen Thema widmen, von dem wir hoffen, dass keiner unserer Leser je damit in personam konfrontiert werden möge. Falls dies doch geschehen sollte: hier die Anleitung zu dem, was dann zu tun ist.

Seit Wochenbeginn (ich berichtete) ist unsere Wohnung kaum noch zu betreten. Ein pestilenzartiger Gestank durchzieht das ganze Appartement, wobei besonders die Küche betroffen ist. Ausgedehnte Suchaktionen (in den Lüftungsschlitzen, der Rumpelkammer, unter und hinter den Möbeln) haben keine Erkenntnisse hinsichtlich der möglichen Quelle gebracht. Der Verwesungsgeruch wird von Tag zu Tag schlimmer – es ist klar, dass wir hier nicht länger leben können, wird das Problem nicht umgehend behoben.

Nach unserer schönen Fahrradtour entlang der Murg waren wir gestern gegen 21 Uhr erschöpft nach Hause gekommen. Ob der unerträglichen Geruchsbelästigung hatte Anatol sich ungeachtet seiner Müdigkeit auf die Suche gemacht, mit dem festen Entschluß, nicht abzulassen, bevor er der Sache nicht auf den Grund gegangen sei.

Als der Kühlschrank von der Wand abgerückt ist, tritt die Geruchsquelle zu Tage:

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Ein mir bis dahin völlig unbekannter Behälter unten am Kühlschrank an der hinteren Wand ist randvoll gefüllt mit „etwas“, das ich auch heute nur mit angehaltenem Atem als in höchstem Maße ekelerregend beschreiben kann.

Ein erster Reinigungsversuch endet mit starkem Würgereiz – und Flucht. Uns wird klar, dass wir des Problems wenn überhaupt nur mit einer angemessenen Ausrüstung, möglicherweise sogar im Schutzanzug, Herr werden können.

Wir versiegeln die Küche und beschließen, erst am nächsten Morgen den Kampf gegen das Grauen  unter dem Kühlschrank aufzunehmen.

Als der Tag anbricht und die ersten Sonnenstrahlen unseren Balkon vergolden, wissen wir, dass das Ende des Gestanks gekommen ist. Wir frühstücken beim Bäcker – unsere Küche kann nicht mehr genutzt werden. Dann entsiegeln wir die Küchentür.

Hinter mir ertönt ein Rascheln – dann das Klicken der Haustür.

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Elie verlässt eilig die Wohnung. Seine Geruchstoleranzschwelle ist offenbar erreicht.

Ich entferne alle Gegenstände aus der Küche – sie sollen nicht mehr benutzt werden, bevor sie nicht abgekocht, desinfiziert und gründlich gereinigt sind. Ob dies aus gesundheitlichen Gründen notwendig ist, weiss ich nicht; Anatol will jedoch keines der Utensilien wieder anrühren, so lange es nicht peinlichst gesäubert ist.

Der Saurier hat indessen im Internet recherchiert und ist bei „Frag-Mutti.de“ fündig geworden:

Gestank durch Kühlschrank / Wasserauffangbehälter

Moderne Kühlschränke haben einen Auffangbehälter für Kondenswasser, welches meist an der inneren hinteren Wand entsteht. Der Kondensatbehälter ist meist offen und befindet sich hinter dem Kühlschrank meist direkt auf dem Kompressor.

Wenn das Wasser nicht schnell genug verdunstet, fängt es an zu faulen und produziert undefinierbaren Mief, bevor es irgendwann einen penetranten fäkalartigen Gestank verbreitet.

Die Beschreibung entspricht in allen Punkten der vorliegenden Situation.

Nachdem wir den Artikel durchgelesen haben, wissen wir, was zu tun ist. Der Kondenswasserbehälter muss entleert, gesäubert und ent“duftet“ werden, danach kann man ihn wieder einbauen und das Problem sollte behoben sein.

Nur wohin mit der reichlich vorhandenen „dickflüssigen Masse“, die ich hier nicht näher beschreiben möchte? Wie entferne ich sie überhaupt aus dem Behälter, ohne sie zu verschütten? Wieder ergreift mich der Würgereiz.

„Das muss man mit Klopapier aufsaugen, wegwerfen und dann ausputzen!“ weiss der Butler und hat auch schon die notwendigen Hilfsmittel zusammengestellt.

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Dann nähert sich der Butler todesmutig dem Kühlschrank. Ein Luftstoß aus dem Flur lässt Anatol eine regelrechte Duftwolke entgegenschlagen. Panik, Ekel und Würgereiz ergreifen den Saurier – er dreht sich auf dem Absatz um, rennt fort und springt mit einem Satz auf den Fenstergriff, wo er die frische Luft begierig einatmet.

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Ich seufze. Offenbar bleibt der härteste Teil des Einsatzes wieder einmal an mir hängen.

Dank der von Anatol klug zusammengestellten Ausrüstung gelingt es mir, mit Klopapier zuerst den größten Teil der „Masse“ aus dem Behälter aufzusaugen und sofort wegzuwerfen. Gummihandschuhe leisten mir dabei gute Dienste.

Achtung, diese Arbeit kann nur von außerordentlich hartgesottenen Mitmenschen durchgeführt werden!

Als das Schlimmste entfernt ist, gelingt es mir, ohne die grauenerregende Reste zu verschütten, die Auffangschale aus ihrer Halterung zu lösen bzw. abzuklipsen.

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Nun kann selbige im Seifenbad mit viel ätherischem Orangenöl eingeweicht werden.

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Was genau die widerlichen angetrockneten Reste sind, die man noch erkennen kann, wollen wir nicht so genau wissen.

Anatol rückt indessen mit einem seiner Lieblingsutensilien an, um unter dem Kühlschrank sauberzumachen.

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Nach einem längeren Verbleib im Chlorbleichebad ist die Auffangschale wieder einsatzbereit. Ich klipse sie auf ihren Kondensator, schiebe den Kühlschrank zurück an die Wand und atme die frische, geruchslose Luft ein.

Anatol stösst ein erleichtertes Seufzen aus. „Ich glaub, wir haben es geschafft! Es riecht nicht mehr!“

Seit Tagen habe ich mich in unserer Wohnung nicht mehr so wohl gefühlt.

„Anatol, woher mag denn diese grauenvolle Soße in der Auffangschale gekommen sein? Sowas passiert doch nicht „einfach so“ – oder?“

Der Saurier druckst verlegen herum. Offenbar weiss er etwas, das er mir nicht sagen will. Ich bestehe indessen auf einer Antwort.

„Nun ja … da war letztens etwas. Und zwar war beim Auftauen des Katzenfutters …“ hier stockt der Butler. Anatol stellt eigens für die Katzen ein ernährungsphysiologisch wertvolles Rohfleischfutter, auch BARF („biologisch artgerechte Rohfütterung“) genannt, her.

„Was war da …?“ frage ich drohend.

„Also es ist ausgelaufen. Aus der Gefriertüte. Sie ist im Kühlschrank umgekippt und alles ist raus. Ich habe natürlich den ganzen Kühlschrank ausgewischt und geputzt!“ beeilt sich der Butler hinzuzufügen. „Aber da war muss wohl einiges schon in die Kondenswasserauffanganlage hineingeflossen sein.“

Ich fühle mich gerade so, als müsse ich schnellstens die Keramikabteilung unserer Wohnung aufsuchen. Mein Magen dreht sich schon wieder um.

„Der Unfall hätte genauso bei fleischfressenden Mitbürgern passieren können!“ zetert Anatol. „Was da ausgelaufen ist, hatte alles Lebensmittelqualität!“

„Hatte, Anatol“ seufze ich. „Hatte.“

159. Kapitel – Die Tour de Murg

Was vorher geschah, findet Ihr hier !

Als ich am Bahnhof in Kehl ankomme, ist es kurz nach 9. Ich kaufe unser Baden-Württemberg-Ticket, mit welchem Fahrrad, Dinosaurier und ich innerhalb des Ortenaukreises den ganzen Tag mit der Bahn fahren dürfen. Dann setze ich mich ins Bahnhofs-Café und würde am liebsten einschlafen.

Nun rumort es im Rucksack. Der Saurier erwacht – und will sofort einen Espresso. Diesen bekommt er. Immerhin kann ich so das zu erwartende Genörgel im Keim ersticken.

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Ich trinke indessen einen Ristretto mit viel Zucker. Mit etwas Glück verhilft mir das zu neuen Kräften. Allerdings bin ich wirklich sehr müde. Ich wäre am Vorabend besser beizeiten ins Bett gegangen!

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Wir steigen in den Zug nach Offenburg und ergattern sogar eine Art Sitzplatz. Ab Offenburg ist es noch komfortabler. Das Rad steht im Fahrradabteil, Anatol und ich können ganz bequem auf richtigen Sesseln sitzen. Hier schaffe ich es, ein paarmal die Augen zu schließen. Der Saurier überwacht währenddessen die Strecke.

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Eine Durchsage unterbricht mein Dösen. „Reisende nach Freudenstadt, bitte verlassen Sie den letzten Waggon. Ich wiederhole: bitte verlassen Sie den letzten Waggon. Dieser wird abgekoppelt und fährt weiter nach Hornberg“.

Ich stöhne. Wir müssen unseren wunderbaren Sitzplatz verlassen und in den jetzt schon überfüllten Wagen vor uns einsteigen – besser: versuchen einzusteigen, denn ob dort noch Platz ist für ein weiteres Fahrrad, ist ganz unklar …

Als der Zug hält, schaffe ich es, den Wagen zu verlassen und das Fahrrad in eine winzige Lücke in Waggon 1 zu quetschen. Einen „Sitzplatz“ finden wir nur auf einem kleinen Treppchen. Dies ist suboptimal – aber immerhin sind wir im Zug. Um 11 Uhr 17 werden wir in Freudenstadt ankommen, daran kann kein Zweifel bestehen.

Nach einer etwas holprigen Reise treffen wir tatsächlich fast planmäßig in Freudenstadt ein. Treffpunkt mit unserer Freundin und Fahrradkumpanin T. ist der Marktplatz. Um diesen zu erreichen, haben wir eine steil ansteigende Strecke von etwa einem Kilometer vor uns.

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Kurze Zeit später sind wir am Treffpunkt – am Marktplatz Freudenstadt unter der Venusstatue. Nach einem gemeinsamen Eiscafé sind wir gestärkt und können unsere Tour antreten. Ich lasse mir nur zu gern erklären, dass diese vorwiegend „abwärts“ führt. Zu sportlichen Höchstleistungen bin ich heute nicht fähig.

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Wir fahren nun durch die herrliche Gegend ins Tal. Der Saurier sitzt im Rucksack, immer die Nase im Wind: so entgeht seinen scharfen Stegosaurier-Augen keine Einzelheit.

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Unten im Tal fließt die Murg – durch die Bäume hindurch sieht man das glitzernde Wasser und die großen, glattgeschliffenen Steine, zwischen denen der Fluss sich ins Tal ergießt.

Nach zwei Stunden, während derer wir vorwiegend bergab gerollt sind, stellt sich Hunger ein. Der Saurier, der nicht einmal in die Pedale tritt, verlangt lautstark sein Picknick:

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Zum Glück bekommen wir auch etwas davon ab!

Ein Bild sagt mehr als viele Worte:

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Unter diesem alten Obstbaum machen wir etwas später Rast und genießen die herrliche Aussicht.

Viel zu schnell sind wir in Gernsbach angelangt. Hier wartet der Höhepunkt des Tages auf Anatol.

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Es ist ein Glück, dass der Saurier meist nach drei Happen so satt von der mächtigen Schwarzwälder-Kirschtorte ist, dass mir gnädigerweise der „Rest“ zufällt.

Und schon neigt sich unsere Tour ihrem Ende zu… die schönen Dinge vergehen immer zu schnell. Wieder ist es Zeit, sich zu verabschieden …

Um 19 Uhr stehe ich in Rastatt auf dem Bahnhof, einen wohlig schnurchelnden Anatol im Rucksack und eine hier nicht gültige Ortenaukreis-Fahrkarte in der Hand. Wieviel muss ich nachlösen? Wo kann ich nachlösen? Der Automat gibt hierzu keine Auskunft, und menschliche Bahnbedienstete sind nicht mehr zugegen.

Meine zukünftigen Mitreisenden auf dem Gleis sind sämtlich fremdsprachige Mitbürger, die mir freundlich zulächeln, aber meine Frage natürlich nicht beantworten können.

Mit einem mulmigen Gefühl, dafür ohne Fahrkarte steige ich in den Zug. Das Fahrradabteil ist voller Kinderwägen, ich muss daher auf ein nicht für Fahrräder zugelassenes Abteil ausweichen. Da ich bereits ohne Fahrkarte bin, ist dies nun auch egal, sage ich mir beklommen.

Kurz vor Baden-Baden sehe ich einen Schaffner sich einen Weg durch das Kinderwagendickicht im Radabteil bahnen. Zu diesem wühle ich mich meinerseits hin, um ihn darauf aufmerksam zu machen, dass ich zwar kein Billet habe, aber gewillt bin, sofort eines zu kaufen.

Der Schaffner winkt ab und ruft durch das Stimmengewirr, ich solle da bleiben, wo ich sei, er würde mir die Fahrkarte dort verkaufen.

Wenig später kann ich ihm klarmachen, dass ich keine gemeine Schwarzfahrerin bin, sondern nur nicht weiss, wie weit mein bereits gelöstes Ticket reicht. Dies weiss jedoch der Schaffner – es reicht bis Achern – und so erstehe ich für 4 Euro 10 den noch notwendigen Fahrschein.

Wir sind indessen in Baden-Baden eingetroffen, aber der Zug steht wie angeklebt im Bahnhof. Offenbar werden Anschlüsse erwartet. Ein recht armselig aussehender Mann steigt ein und überschüttet den Schaffner mit einem Wortschwall im ortsansässigen Dialekt. Nach einem für mich unverständlichen Dialog steigt der Mann wieder aus.

„Umsonsch mitfarre wolle de! Jesses Gott, nei wo simme!“

Ich bin froh, dass das geballte Regelwerk der Deutschen Bahn nicht auf meinen Fall angewendet wird – stehe ich doch mitsamt meinem Fahrrad in einem Abteil, das nicht für Fahrräder zugelassen ist.

Ein pingelig sauber gekleideter Herr mit weissem Hemd und Anzugshose sowie Stahlhelm betritt das Abteil und wendet sich wutschnaubend an den Schaffner.

„Sie sind sich bewusst, dass dieses Fahrrad hier nichts zu suchen hat?“ Er zeigt wütend auf mein Victoria Fahrrad.

Der Schaffner brummt. Ich sehe den Herrn so freundlich an, wie einem das bei einem wutentbrannten Stahlhelmträger nur möglich ist und rechtfertige mich mit sanfter Stimme: „Im Fahrradabteil vorn bin ich nicht reingekommen … leider!“

„Genau!“ brüllt der Stahlhelm zornbebend. Mir fällt erst jetzt auf, dass es sich um einen Fahrradhelm handelt. „Ich auch nicht! Alles voll mit Kinderwägen und undisziplinierten Leuten! Die gehören dort nicht hin! Ich schwöre Ihnen – wenn Sie als Deutsche Bahn die Leute nicht entfernen, dann werfe ich sie eigenhändig raus!“ Hier schnappt dem Herrn vor Erzürnung die Stimme über.

Der Schaffner macht den ungehaltenen Fahrgast darauf aufmerksam, dass er keineswegs die Deutsche Bahn vertrete, sondern von dieser nur „ausgeliehen“ sei. Wie dies arbeitsrechtlich zu beurteilen sei, mag ich mir nicht vorstellen. Ich vermute, der gute Schaffner drückt damit aus, dass er nicht gut genug bezahlt sei, um derlei Ärgernisse auf sich zu nehmen.

Indessen wird unser Stahlhelmträger immer wütender. Ich ziehe mich vorsichtig aus der Diskussion heraus, in die ich unfreiwillig geraten bin – offenbar ist es dem Schaffner aber ganz lieb, dass ich mit meinem Fahrrad zwischen ihm und dem Wüterich stehe.

Letzterer schafft es, den Schaffner dazu zu bringen, mit ihm in das Fahrradabteil zu gehen. Hier weist der Schaffner die Reisenden darauf hin, dass es sich um ein Fahrradabteil handele … was diese geduldig anhören.

Dann geschieht – nichts.

Zeternd läuft unser Stahlhelm durch den Waggon und verschwindet unter lautem Schimpfen in den Tiefen des Zuges.

Fassungslos sehen die anderen Reisenden mich an. Ich zucke mit den Schultern. „Die Hitze…?“ versuche ich ein Erklärung. Ausnahmsweise hatte ich mit dem Wutausbruch sogar nichts zu tun … Anatol flüstert durch den Rucksack: „War wohl besser, dass ich nicht rausgekommen bin, oder?“

Zwei mitleidige Mitreisende helfen mir schließlich, das Rad in die obere Etage zu tragen – dies ist streng verboten – aber so kann ich für den Rest der Reise sitzen.

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Zurück in Kehl – die restlichen Kilometer bis nach Hause fährt das Fahrrad fast von allein.

Als Elie uns gegen 21 Uhr heulend die Tür aufmacht, schlägt uns der altbekannte Geruch entgegen.

Elie war auf seiner Demo gewesen, aber Anna hatte nur Augen für Angelo gehabt. Könnte Elies politisches Engagement möglicherweise doch nicht allein von humanitären Gesichtspunkten motiviert sein? Die Frage erscheint berechtigt, ich stelle sie indessen nicht.

Anatol ist nicht gewillt, den Gestank weiter zu ertragen. „Ich räum alles aus. Wenn ich die Quelle nicht finde, ziehe ich aus!“

Ich gehe in die Dusche und überlasse Anatol seiner Küche. Das Rauschen der Dusche übertönt bald das Sauriergezeter und das Möbelrücken.

Als ich aus der Dusche steige, ertönt ein markerschütternder Schrei aus der Küche. Der Schrei verstummt, dann folgt ein zweiter – lauter, verzweifelter und durchdringender. Ich wickele mir notdürftig ein Handtuch um und stürze in die Küche.

Dort präsentiert der Saurier mir das Grauen.

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Der Kondenswasserablaufbehälter an der Rückseite des Kühlschranks ist zweifelsohne die Quelle des Übels.

Als ich nähertrete und den Inhalt des Behälters sehe – leider auch rieche – dreht sich mein Magen um und ich würge unwillkürlich.Es erscheint, als wäre etwas oder jemand in dem Behälter erst gestorben, verfault, dann aber, wenn auch in anderer Form, wieder lebendig geworden.

„Mach das weg, Anatol!“ schaffe ich noch zu rufen. Vom Ekel überwältigt renne ich aus der Küche.

Der Saurier hat eine Wäscheklammer auf der Nase und reicht mir ebenfalls eine.

„Ich kann das unmöglich heute abend noch beseitigen. Wir müssen uns bis morgen gedulden.“ Und dann, als habe er meinen Gedanken erraten: „Die Katzen habe ich durchgezählt. Sind vollzählig. Was auch immer das ist in dem Behälter – es ist keine Katze.“

 

 

 

 

158. Kapitel – In den Krallen der Pest

Voller Vorfreude springe ich die Treppe hoch in 4. Stock. Eben habe ich in der Stadt noch letzte Einkäufe für die morgige, alljährliche Fahrradtour mit einer lieben Freundin getätigt. Das Highlight der Sommerferien steht unmittelbar bevor!

Während ich den letzten Treppenabsatz nehme, rekapituliere ich ein weiteres Mal, was bis Morgen vorzubereiten ist: Picknick, Luftpumpe, Sonnenöl und -hut … das meiste hat Anatol ohnehin schon zurechtgelegt. Das Rad ist gewartet, die neue Satteltasche steht bereit – unserer Tour steht nichts mehr im Weg. Wir müssen nur noch einmal schlafen … dann ist es soweit!

Ich stecke den Schlüssel ins Schloss, da ich weiss, dass Anatol es hasst, wenn ich klingele, damit er mir aufmacht. „Kannst Du nicht selber aufschließen?! Stör mich nicht bei der Arbeit!“ pampt mich das Untier jedesmal an.

Während ich den Schlüssel im Schloß drehe, kommt mir ein seltsamer Geruch aus der Wohnung entgegen, der offenbar sogar durch die geschlossene Tür dringt… haben die Butler nicht daran gedacht, die Katzenklos zu säubern? Es ist zwar nicht schlimm, aber ein wenig verärgert bin ich doch. Schließlich hatten die beiden Saurier den ganzen Nachmittag zu Hause verbracht, während ich in der Stadt einkaufen war.

Als ich in Flur trete, umgibt mich ein pestilenzartiger Gestank. Ich erschauere – was ist hier geschehen?

„Anatol!?“ rufe ich. „Was ist denn los? Es stinkt bestialisch!“

Gepolter ertönt aus der Rumpelkammer, dann ein Ächzen, das unzweifelhaft von Anatol stammt. Der Saurier scheint unter Tonnen von Gerätschaften begraben – so klingt es jedenfalls. Dann fallen diverse Gegenstände scheppernd zu Boden und der Butler krabbelt betreten aus der Kammer hervor.

Kopfkratzend sieht er mich an. „Ja“ sagt er. „Es stinkt. Das ist mir nicht verborgen geblieben. Es hat am frühen Nachmittag begonnen, und seitdem suche ich die Quelle. Bisher ohne Erfolg. Aber bei allem, was mir heilig ist – ich werde sie finden!“

Dann verschwindet er wieder in der Gerümpelkammer, wo er offenbar den Ursprung des Geruchs vermutet.

Ich lege meine Einkäufe ab und stelle erleichtert fest, dass Wohn- und Schlafzimmer verschont sind von den unangenehmen Ausdünstungen. Dies haben auch die Katzen und Elie bemerkt: bang haben sie sich in die letzte Ecke des Betts gedrängt, um dort so weit wie möglich von der unseligen Küche, die das Epizentrum des anrüchigen Problems zu sein scheint, entfernt zu sein.

„Hat Anatol etwas gekocht, was ihm misslungen ist?“ flüstere ich Elie fragend zu.

„Nein… Anatol hat heute nachmittag nur Kaltes vorbereitet für Eure Tour morgen. Das hat überhaupt nicht gerochen – und wenn, dann hat es lecker gerochen. Ich weiss auch nicht, was das für ein schrecklicher Gestank ist: als ob jemand im Lüftungsschacht gestorben wäre! Igitt!“

Der von Elie gebrachte Vergleich ist pietätlos, aber zutreffend. Ich räuspere mich. „Und das Brummen…? War das auch die ganze Zeit schon…?“

„Ach, die Fliegen? Ja, die schwärmen seit vorhin hier rein. Das ist eklig! Ich mag hier nicht mehr wohnen. Nachher geh ich zu Anna – sicher darf ich dort übernachten.“

Aus der Rumpelkammer ertönt ein trimphierendes „Ha!“. Elie und ich stürzen in die Küche – hat Anatol wohl den Ursprung allen Übels gefunden? Der Saurier zerrt eine offensichtlich vergessene Tüte mit undefinierbarem Inhalt aus der hintersten Ecke der Kammer hervor.

„Das hier muss es sein!“ Anatol öffnet die Tüte so voller Aufregung, dass der gesamte Inhalt zu Boden fällt: Verlängerungskabel, Adapter und erstaunlicherweise auch Elies Schwimmflügel kommen zu Vorschein. Alles ist trocken und sauber, lediglich etwas Staub hat sich auf der Tüte gesammelt.

Entmutig lässt Anatol die Tüte zu Boden gleiten. „Wieder nichts! Ich kann mir dieses Phänomen nicht erklären!“

Ich erkläre die Sucharbeiten vorerst für beendet und bitte die Saurier, die sehr zahlreich vorhandenen Fliegen aus dem Fenster zu bugsieren. Dann packe ich unsere Satteltasche für die morgige Tour und lege meine Fahrradmontur zurecht.

Anatol hat ein Taboulé für heute abend vorbereitet, das so reichlich ist, dass auch für unsere Tour noch etwas abgezwackt werden kann. Auf dem Balkon können wir unser Abendessen sogar genießen – hier ist die Luft rein.

„Elie, kommst Du morgen auch mit auf die Fahrradtour? Wir fahren die Tour de Murg, im Schwarzwald. Es wird sicher toll!“ sagt Anatol, sein Taboulé schmatzend.

Elie würdigt ihn kaum eines Blickes. „Ich gehe morgen demonstrieren!“

Richtig – für morgen war die große Demostration der hiesigen Friedensbewegung angekündigt. Auch die Flüchtlingshilfe, bei der Elie und Anna jeden Donnerstag bei der Essensausgabe mitarbeiten dürfen, nimmt selbstverständlich daran teil.

Beschämt sehe ich auf meinen Teller. „Ich kann diesmal leider nicht mitkommen, Elie.“ Und aufmunternd: „Ich bin sicher, dass Du uns würdig vertreten wirst!“

„Also wir werden ganz bestimmt morgen während der Radtour oben im kühlen Schwarzwald an Euch denken!“ zieht Anatol seinen Kumpel auf.

Gerade will ich mein Missfallen an derlei spitzen Bemerkungen ausdrücken, da zetert Elie schon mit vor Wut rotem Kopf los. „Während Ihr es Euch im Schwarzwald gut gehen lasst, tue ich etwas für den Frieden! Das ist wichtiger als Euer Amüsement! In vielen Ländern ist Krieg, Europa löst sich auf … seit gestern sagen sie sogar im Radio, wir sollen Essens- und Wasservorräte hamstern, um uns auf den nächsten Krieg vorzubereiten! Aber fahrt nur los auf Eure Tour de Murks und wiegt Euch in Sicherheit! Ich demonstriere lieber mit der Antifa!“

Hier werde ich hellhörig. „Elie, von Antifa war bisher nicht die Rede! Es ging um eine Demo für den Frieden, für Toleranz und Völkerverständigung … von Antifa habe ich nichts gehört, und ich bin nicht damit einverstanden, dass Du bei Extremisten mitgehst!“

Meinen autoritären Diskurs schließe ich mit einer dezidierten Handbewegung ab. Elie ist hoffentlich davon so beeindruckt, dass er sich weiteren Antifa-Ambitionen enthält.

Anatol knurrt „Antifa? Von denen habe ich irgendwann in den 8oer Jahren das letzte Mal gehört. Existieren die noch? Ich fand die damals schon beschränkt.“

Dann fügt er hinzu „Das mit den Vorräten, die wir nun alle haben sollen, habe ich auch gehört. Ja, es beunruhigt mich ebenfalls. Sicherheitshalber habe ich deshalb heute mittag zwei Gläser Marmelade eingekocht!“

Elie verdreht die Augen. Man sieht ihm an, dass er gerade innerlich explodiert. Bevor es ein Unglück gibt, frage ich schnell, was es denn mit dieser Antifa auf sich habe, bei der Elie mitmarschieren wolle – wogegen ich mich im Übrigen ganz entschieden ausspreche.

„Antifa ist unsere Politik-AG in der Schule!“ schreit Elie, voller Wut ob unserer Ignoranz. „Da sprechen wir über die politische Lage in Syrien und im Irak, die Flüchtlinge – wie sie zu uns kommen und wie wir ihnen helfen können … und über diese neuen Parteien, die gegen die Flüchtlinge sind!“

All dies klingt für mich nicht wirklich nach Antifa. Elie sieht meinen zweifelnden Blick und beeilt sich, zu erklären. „Das mit der Antifa hat Herr Hase gesagt!“ erläutert er.

Wir erinnern uns – Herr Hase, unser reaktionärer Nachbar, schätzt politische Betätigung nur, wenn sie mindestens auf erzkonservativer Ebene stattfindet.

„Herr Hase hat Eliane verboten, an der Politik-AG teilzunehmen. Er sagt, das sei eine Antifa-Gruppe, und zu so etwas ginge seine Tochter auf keinen Fall!“ Etwas pampig setzt Elie hinzu „Jetzt wisst Ihr es. Und wir bei der Antifa, wir sind dafür, dass die armen Flüchtlinge herkommen dürfen. Das will Herr Hase nicht.“

„Ach so…“ bemerkt Anatol gedehnt und mit einem kaum merkbaren ironischen Unterton. „Und Euer Vorbild bei dieser ‚Antifa-Gruppe‘ ist dann sicher die Bundeskanzlerin…?“

Elie nickt eifrig. „Natürlich! Wir haben der Bundeskanzlerin sogar eine Mail geschrieben, und ihr gesagt, wie gut wir das finden, dass die Flüchtlinge aufgenommen werden!“

Ich atme auf, beende die politische Diskussion und erlaube Elie ausdrücklich die weitere Teilnahme an dieser quasi staatstragenden „Antifa“-AG. Im Stillen nehme ich mir vor, die Klassenlehrerin und AG-Leiterin darum zu bitten, den Schülern das politische Geschehen der letzten 40 Jahre noch ein wenig genauer zu erklären.

Es ist nun 21 Uhr und im Grunde höchste Zeit, ins Bett zu gehen. Der Wecker ist für 5 Uhr 15 gestellt.

Anatol findet indessen keine Ruhe. „Meine Küche ist hinüber!“ jammert er. „Es ist nicht auszuhalten, dieser Gestank! Der muss doch irgendwoher kommen …“ Wie besessen beginnt der Saurier, die strategischen Orte abzusuchen, Möbel wegzurücken und Ritzen auszukratzen – er verdächtigt die Katzen, das sehe ich ihm an.

Ich komme dem Butler zur Hilfe, während Elie schon friedlich in seinem Nestchen schlummert – von der morgigen Demo träumend, auf der er die ganze Zeit Annas Hand halten wird, sollte nicht der verhasste Nebenbuhler Angelo zugegen sein.

Das Zentrum der Geruchskatastrophe ist klar in der Küche zu verorten. Anatol lässt seinen Blick durch den Raum schweifen. „Da!“ ruft er. „Die Lüftung! Da kommt es sicher raus, glaube ich!“

Wütend zerrt er die Leiter unter dem Schrank hervor und klettert in Windeseile in schwindelerregende Höhen. Ganz bis zum Lüftungsschlitz schafft er es nicht, aber er ruft auftrumpfend „Von da kommt es! Furchtbar ist es hier mit dem Geruch – viel schlimmer als unten!“

Indessen habe ich das Gefühl, dass die Ausdünstungen aus einer anderen Ecke kommen – aber Anatol lässt nicht mit sich reden. „Ich schalte die Lüftung jetzt aus. Dann muss der Geruch verschwinden – wenn er aus der Lüftung kommt.“

Dies ist logisch – wir knipsen daher die Lüftung aus und legen uns ins Bett. Fenster und Balkon bleiben ob der großen Hitze offen.

Etwa 30 Minuten später kann ich vor Gestank nicht mehr schlafen. Auch Anatol ist auf: knurrend rumort er in der Küche umher. „Also – die Lüftung ist es leider nicht. Das Ganze ist ohne Lüftung noch viel schlimmer! Ich stelle sie wieder an – es hilft ja nichts.“

Als wir eine weitere Stunde erfolgloser Suche hinter uns haben, geben wir entnervt auf. Anatol legt sich auf den Balkon, ich schlafe ohnehin neben dem geöffneten Fenster.

Als der Wecker um kurz nach fünf klingelt, habe ich etwa drei Stunden geschlafen. Ich bin todmüde. Der uns aus der Küche entgegenschlagende Gestank ist unerträglich.

So schnell wir können verlassen wir die Wohnung und liefern den aufgeregten Elie – es ist seine erste Demonstration „mit den Großen“ – bei Anna ab.

Dann lasse ich Anatol in den Rucksack krabbeln, wo er augenblicklich einschläft, und setze mich aufs Rad.

Unsere langersehnte Radtour hat begonnen.

zur Fortsetzung!

 

157. Kapitel – Lebt hier noch jemand?

Nach fast zweimonatiger, unerträglicher Blog-Starre habe ich, Anatol, mich entschlossen, die Dinge in die Hand zu nehmen und selbst in den Blog zu schreiben! Schließlich ist es mein Blog, ist er doch nach mir benannt.

Susanne will nicht, dass ich hier schreibe. Sie behauptet, ich schreibe Quatsch. Was für eine unglaubliche Unverschämtheit! Natürlich sind meine schriftstellerischen Fähigkeiten mindestens so herausragend wie meine Kochkünste. Lest einfach selbst.

Normalerweise ist der Laptop, auf dem die Blogzugänge gespeichert sind, weggeschlossen. Heute aber – und diese Chance habe ich ergriffen! – liegt er ungesichert auf dem Bett: Susanne ist krank. Im Büro muss sie jemand mit einem bösen Sommergrippevirus angesteckt haben, weshalb sie nun – bei hochsommerlichen Temperaturen von über 30°C – hustend und fiebernd im Bett liegt, den Laptop neben sich. Dass ich ihn eben entwendet habe, bemerkt sie in ihren Fieberträumen nicht.

Für die Krankenpflege sorgt natürlich wer ? Ja, ich. Seit Tagen verabreiche ich Medikamente, koche Tee und lasse das unsägliche Gejammere geduldig über mich ergehen. Vorhin musste ich mich gar wegen des Geschmacks des Kräutertees wüst beschimpfen lassen! Dabei ist ein solcher Kräutertee – mit viel Thymian – das Beste, was man bei einer Erkältung trinken kann.

Aber was hat der Quacksalber, den sie ihren „Hausarzt“ nennt, ihr verschrieben? Antibiotika! Ja, Ihr lest richtig – eine Chemiekeule hat er verordnet, dazu noch Entzündungshemmer übelster Art. Um das Fieber zu senken! Medizinisch ist das eine Eselei – hilft das Fieber doch bei der Bekämpfung der Krankheitserreger.

Wäre es nach mir gegangen, hätte sie kalte Wadenwickel, eine Zwiebelpackung um den Hals und Cognac zum Gurgeln bekommen – dazu Thymiantee und strenge Bettruhe OHNE Internetspielereien am Laptop.

Aber mich fragt ja niemand nach meinen Jahrhunderte – was sag ich: Jahrmillionen! – alten medizinischen Kenntnissen. Das macht mich rasend!

Ich muss aufhören. Susanne ruft mich schon wieder, der Hals tut ihr weh und ich soll ihr heisse Sojamilch mit Honig bringen …

Ich melde mich wieder!

Euer Anatol

156. Kapitel – Hausarbeit und Okara-Makrönchen

Der faulste Tag des Jahres geht zuende. Nachdem ich es immerhin geschafft habe, mich fertigzumachen und anzuziehen, drusele ich bei einer heissen Tasse Tee in meinem Lieblingssessel ein.

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Von Zeit zu Zeit weckt mich das geschäftige Werkeln des Sauriers, der es sich offenbar zum Ziel gesetzt hat, die Küche in eine Hochleistungs-Cuisine zu verwandeln…

Ich schrecke hoch. Anatol ruft nach mir. „Komm sofort her! Es ist fertig!“

Verschlafen reibe ich mir die Augen. Was ist fertig…? Ich schaffe es, mich aus dem Sessel herauszuschälen und schlurfe in die Küche.

„Da!“ ruft der Butler stolz und präsentiert mir sein soeben aus dem Backofen kommendes, offenbar wunderbar geratenes Roggen-Sauerteig-Brot.

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„Diesmal habe ich es in der Porzellanform gebacken,“ erklärt Anatol. „Ich bin gespannt, wie es schmeckt.“

Seit einigen Monaten führt Anatol seinen eigenen Sauerteig. Ich liebe das leckere Sauerteigbrot, das der Saurier jede Woche aus dem Backofen hervorzaubert. Auf die neue Form bin ich ebenfalls neugierig. Bisher war das Brot ein eher flacher Fladen. Diesmal ist es richtig aufgegangen.

Mit Wohlgefallen sehe ich, dass die Küche herrlich sauber ist und dass der Butler die  gesamte Bügelwäsche erledigt hat. Dann lasse ich  mich in meinen Sessel fallen und döse wieder ein.

Etwas später weckt mich das Dröhnen des Staubsaugers. Anatol will offenbar die ganze Wohnung zum Blitzen und Glänzen bringen. Muss das jetzt sein … ich bin so müde… Das Untier saugt um meinen Sessel herum und unten hindurch – dann saust es ins Schlafzimmer, wo es bei den Katzen eine Massenpanik auslöst.

„Es hilft nichts!“ ruft der Saurier. „Dieser Saustall muss auch mal geputzt werden!“

Zum Glück zieht er sich alsbald wieder in seine Küche zurück und macht sich dort am Froster zu schaffen. ‚Was will er da?‘ frage ich mich … aber ich bin zu müde, um nachsehen zu gehen – und schlafe wieder ein.

Als Anatol mich erneut aufweckt, ist es schon Abend. Draußen dämmert es. Der Saurier zeigt mir stolz, was er vorbereitet hat, während ich geschlummert habe:

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„Ich habe Deine alten Reste zusammengekramt, um daraus endlich etwas Anständiges zu backen. Das Okara, das jedes Mal bei der Sojamilch übrig bleibt, wollte ich ja auch schon lange weiterverarbeiten. Hier sind sie – meine phantastischen neuen Okara-Kokos-Makrönchen!“

Stolzgeschwellt präsentiert mir der Butler das Backblech, das er sogleich in den Ofen schiebt.

So so. Meine alten Reste hat das Biest also aufgebraucht. Dass die Vorratsverwaltung selbstverständlich Anatols Aufgabe ist, lässt der plüschige Haustyrann ganz einfach unter den Tisch fallen. Ich entscheide mich, darüber hinwegzuhören.

Nach den Zutaten und der Zubereitung der Makrönchen muss ich nicht fragen – der Butler ist viel zu stolz auf sein Werk, um mir nicht sofort das gesamte Rezept mitzuteilen.

„Ich habe so etwa 100g Okara, vielleicht auch 150g im Wasserbad aufgetaut. Dazu habe ich mehrere Esslöffel Lupinenmehl und den ganzen Rest der veganen weissen Schokopaste gemixt. Die ist also nun aufgebraucht. So war der Teig aber noch etwas dünn. Dann habe ich die Kokosraspeln ganz hinten im Küchenschrank gefunden – ich will dir nicht sagen, seit wann die abgelaufen sind. Schmecken tun sie aber prima. Die hab ich also auch reingetan. Dann kleine Makrönchen daraus geformt, den Backofen auf 180° vorgeheizt, und eine halbe Stunde eingestellt. Gleich sind sie fertig. Ach ja – den Vorratsschrank habe ich auch aufgeräumt. Er hatte es mehr als dringend nötig.“

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„Ping!“ sagt der Backofen. Die dreissig Minuten sind um. Anatol zieht das Backblech aus dem Ofen und stellt es auf den Herd. Dann muss er – abwarten kann der Saurier nie! – sofort ein Makrönchen probieren.

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Zufrieden schmatzt der Butler seine erste Kokos-Okara-Makrone. „Das nächste Mal bleiben sie 40 Minuten im Ofen. Aber lecker sind sie geworden!“

Ich muss dem zustimmen. Hoffentlich sind morgen noch Makronen vorhanden …

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17. Mai 2016, Nachtrag:

Anatol ist sich plötzlich nicht mehr sicher, ob die Okara-Makronen über mehrere Tage haltbar sind. Er hat sich daher – aufopferungsvoll und aus reiner Vorsicht! – über das Schälchen hergemacht.

Es ist nun fast nichts mehr übrig von den Makrönchen.

Gut, dass wir noch einiges an Okara im Froster haben!

 

155. Kapitel – Unser Freund Pelle

Anatol und Elie finden, dass die Geschichte von Pelle im Blog der Tierklinik der Zwerge nicht richtig zur Geltung kommt. Heute haben sie mich solange gelöchert, bis ich die ganze Geschichte zu einem einzigen Eintrag zusammengefügt und in Anatols Blog eingestellt habe. Hier ist sie nun in ganzer Länge :

1. Elie hat einen Unfall

“Gib mir sofort mein Tablet wieder!” schreit Elie wütend. Sein Ärger richtet sich an Anatol, der das begehrte Tablet seit heute Nachmittag mit Beschlag belegt hat. “Ich muss meine Hausaufgaben fertig machen – morgen muss ich den Aufsatz über die Gebäudeautomation abgeben!”

Anatol – er hatte bisher schmökernd im Dino-Nestchen gelegen – sieht nun tatsächlich von dem Tablet auf und zieht die Augenbrauen hoch. “Du musst – … was?!”

Ich bin ebenfalls perplex. Dass man Schulaufgaben auf einem Tablet erledigt, hatte ich bereits erstaunt zur Kenntnis nehmen müssen – aber was es mit der Gebäudeautomation auf sich hat, das ist sowohl mir als offenbar auch Anatol ganz unerfindlich.

Elie nutzt den kurzen Moment der Unaufmerksamkeit Anatols, um diesem das Tablet wegzuschnappen und mit einem Satz vom Regal zu hüpfen. Dabei übersieht er, dass Anatols schlampig aufgehängter Schal direkt vor dem Regal baumelt, verfängt sich mit einem Fuß darin – und anstatt mit einem eleganten Satz elastisch auf dem Parkett zu landen, stürzt der kleine Saurier mit wild in der Luft rudernden Armen vom Regal, überschlägt sich einmal – und klatscht der Länge nach auf den Fußboden. Das Tablet kommt etwas weiter scheppernd zum Liegen.

Dies alles passiert innerhalb nur einer Sekunde – Anatol und ich sehen hilflos auf das Geschehen, ohne irgendetwas tun zu können.

Nun stürze ich schreckerfüllt zu Elie, der sich stöhnend aufzurichten versucht. “Bleib liegen, Elie!” ruft Anatol. “Nicht bewegen, das kann gefährlich sein!”

Ich sehe sofort, dass Elies Vorderpfote seltsam abgeknickt absteht. Es gibt keinen Zweifel: die Pfote ist bei dem Sturz gebrochen. Elie wird blass, als er sein Beinchen ansieht – ich fürchte, dass er das Bewusstsein verlieren wird, wenn wir nicht schnell etwas tun.

Leider sind meine Kenntnisse in erster Hilfe rudimentär. Ich rufe Anatol zu, er solle eine Serviette in kaltes Wasser tauchen und mir bringen.

Elie versuche ich, so gut es geht zu beruhigen. Als erstes bitte ich ihn, mir genau zu sagen, wie spät es auf der großen Küchenuhr, die man vom Flur aus sieht, gerade ist. Die Uhrzeit ist mir egal – aber ich will, dass Elie nicht auf seinen gebrochenen Arm starrt. Das klappt sogar: Elie berichtet pflichtbewusst, dass es jetzt 17 Uhr 30 sei.

Mir fällt indessen ein, dass es eine stabile Seitenlage gibt. Richtig, das hatte man beim Erwerb des Führerscheins einstudiert … wie man aber einen Dinosaurier in eine solche Lage bringt – das hatten wir nicht erlernt. Mir gelingt es zwar, Elie auf die Seite zu legen, danach weiss ich jedoch nicht weiter.

“Anatol!” zische ich wütend und hilflos. “Was tun wir jetzt? Wir können den Nottierarzt nicht anrufen, das gibt wieder Probleme!”

Anatol ist aus dem Nest geklettert und hat mir das nasse Tuch gebracht, mit dem ich Elies Stirn kühle. Ratlos kratzt Anatol sich am Kopf.

“Ich rufe die Zwerge an! Etwas besseres fällt mir leider nicht ein.” In diesem Moment bemerke ich, dass Elie noch blasser wird und ihm Schweisstropfen auf der Stirn stehen. Reflexartig lege ich seine Beine höher, dann hole ich den Verbandskasten, entfalte die Rettungsdecke und lege sie über Elie.

Anatol hat nun den Notdienst der Zwergen-Tierklinik erreicht. Der mittlere Zwerg erklärt uns ruhig, was zu tun ist. Elie dürfe weder überhitzen noch auskühlen, die Temperatur sei also zu überwachen. Der Arm bzw. die Vorderpfote solle nur leicht entlastet werden, am besten durch eine Armschlaufe mit einem Dreieckstuch. Sobald das geschehen sei, sollten wir so schnell als möglich in der Klinik vorstellig werden. Man werde dort nun alles für Elie vorbereiten.

Für die Anfahrt gibt uns der mittlere Zwerg noch den Hinweis, diesmal nicht von der “Langen Nacht” aus zur Klinik zu kommen, sondern direkt über den Eberbach. Dieser Weg sei etwas beschwerlicher, aber kürzer. Er werde uns den Luchs zum Eberbach schicken, da das Wildschwein urlaubsbedingt zur Zeit nicht für Krankentransporte zur Verfügung stehe.

Nach dieser Mitteilung im perfekten Bürokratendeutsch legt der Zwerg auf. Ich vermute, dass der administrativ-hoheitliche Stil gewählt wurde, um jede Widerrede gegen den Einsatz des Luchses im Keim zu ersticken.

Der Luchs bereitet nämlich sowohl Anatol und Elie als auch mir eine regelrechte Höllenangst. Woher sollen wir wissen, ob er heute Abend nicht doch hungrig ist?

Mit einem mulmigen Gefühl machen wir uns mit dem Victoria-Fahrrad auf den Weg. Elie liegt angeschnallt auf einem Kissen in stabiler Seitenlage im Fahrradkorb, Anatol sitzt in meinem Rucksack – frech hält er den Kopf über meine Schulter herausgestreckt und tönt laut, er habe “die gesamte Lage im Griff”.

Ich kann mir ein verächtliches Schnauben nicht verkneifen. Wenn Anatol seinen Schal nicht so nachlässig hätte herumhängen lassen, wäre der Unfall nicht passiert. Aber wenn das Wörtchen wenn nicht wär’ … Unfälle passieren leider.

Ich trete in die Pedale, wie ich nur kann – bald erreichen wir die Schillerwiesen und dann den Hainberg. An der Ecke Hainholzweg-Calsowstraße biegen wir in letztere ein und fahren an den Tennisplätzen vorbei bis zum Reinkeweg. Diesen fahren wir bis zum Eberbach, dem wir links folgen. Bald wird der Weg beschwerlicher. Wurzeln und Unterholz überwuchern den Pfad, der kurze Zeit später ganz unter dem Dickicht verschwindet. Rechts erahnen wir nur die tiefe Schlucht, die der Eberbach hier bildet, aber das Unterholz ist so dicht, dass man sie kaum erkennen kann.

Ich entschließe mich, das Fahrrad an dieser Stelle zurückzulassen und Elie im Korb bis zur Klinik zu tragen. Von Zeit zu Zeit treffen wir auf kleinere Steinanhäufungen – ein geheimes Zeichen, dass wir auf dem richtigen Weg zur Tierklinik sind, weiss Anatol zu berichten.

Die Steine bleiben jedoch nun aus. Entweder haben die Zwerge hier keine Wegweiser mehr angebracht  – oder aber wir sind auf Abwege geraten. Schwitzend bleibe ich stehen und sehe mich um. So weit das Auge reicht, sehe ich grünen Wald um mich herum. Es gibt keinen Pfad und keinen Wegweiser. Wir haben uns verlaufen.

Ein Rascheln dringt aus dem Dickicht zu uns, dann ein leises Fauchen. Das Herz rutscht mir in die Hose. Dass es bitte nicht der schauerliche, furchterregende Luchs sein möge! Anatol verschwindet eilig in den Tiefen meines Rucksacks und zerrt von innen den Reissverschluss zu.

Indessen schleicht geschmeidigen Schritts der Luchs  aus dem dichten Unterholz hervor.

Artig setzt er sich vor uns hin. Sicher fällt ihm auf, dass nicht nur ich, sondern auch mein Rucksack vor Angst schlottern. Einzig Elie in seinem Korb zittert nicht, da er den Luchs noch nicht gesehen hat.

“Guten Abend” sagt der Luchs höflich. Seine Pinselohren sind aufmerksam nach oben gerichtet – bei Katzen (und, so hoffe ich, auch beim Luchs) ein Zeichen von freundlicher Aufmerksamkeit. Ich bemerke jedoch, dass die Schwanzspitze des Luchses ein winziges bisschen hin- und herzuckt. Dies zeigt, dass nicht nur wir, sondern auch der Luchs etwas aufgeregt ist.

“Bitte folgt mir möglichst zügig” weist uns die riesige Katze an. “Der mittlere Zwerg sagte, es sei Eile geboten. Der kleine Dinosaurier muss schnellstens behandelt werden. Ich zeige Euch deshalb eine Abkürzung.”

Der Luchs scheint ehrlich besorgt um Elies Wohl. Dies erfüllt mich mit einem Gefühl der Dankbarkeit. Ich sage dem Luchs, wie hoch ich es ihm anrechne, dass er sich so hilfsbereit und freundlich uns gegenüber verhalte.

Der Luchs schüttelt den Kopf. “Das ist doch ganz selbstverständlich.”

Hier meldet sich mein Rucksack zu Wort. Aus seinem vermeintlich sicheren Versteck heraus kräht Anatol frech “Sag bloß, Du würdest uns nicht am liebsten fressen!”

Wie vom Schlag getroffen bleibe ich stehen. Ich versetze dem Rucksack einen festen Knuff und zische: “Ruhe da drinnen!” Dann stammele ich eine Entschuldigung – und stelle mich auf einen Angriff des Luchses ein. Wäre es denkbar, auf eine der umstehenden Buchen zu klettern? Aber wie – mitsamt dem Fahrradkorb, in dem Elie liegt?

Allen bösen Erwartungen zum Trotz geschieht nun etwas ganz Erstaunliches. Der Luchs seufzt wie aus Überdruß und schüttelt den Kopf.

“Nein, ich will Euch nicht fressen. Erstens, weil ich gar keinen Hunger habe. Vorhin habe ich nämlich ein riesiges Abendessen von den Zwergen bekommen. Aber auch, wenn ich hungrig wäre, wollte ich Euch nicht fressen.”

Ich bin perplex. Sprachlos stehe ich da und höre dem Luchs weiter zu.

“Der kleine Dino da im Korb, der wäre ganz ungenießbar. Diese Tiere sind für einen Luchs keine Beute. Ich vermute, dass das für das freche Exemplar im Rucksack auch zutrifft.”

Ich fühle förmlich, wie Anatol gerade puterrot wird.

“Tja, und Menschen, wie Dich …” – der Luchs sieht nun mich an – “… also die fresse ich auch nicht. Menschen greifen wir Luchse sowieso nur an, wenn sie uns bedrohen. Aber sie dann fressen…? Wisst Ihr eigentlich, wie schwer – ja geradezu unmöglich – es ist, Bio-Mensch zu finden? Heutzutage gibt es das nicht mehr. Menschen sind voller Antibiotika und anderer Medikamente, oft mit Hormonen gespritzt. Und wenn es ganz schlimm kommt, sind auch noch Anabolika drin. Wenn ich so etwas fressen würde, könnte ich gleich die Klinik-Apotheke leerfuttern.”

Bekümmert sieht der Luchs zu Boden. “Ich will mich ja nicht vergiften. Ihr könnt ganz sicher sein, dass ich Euch schon aus diesem Grund nichts tun werde.”

Ich wage es nicht, mich zu bewegen oder etwas zu sagen. Zitternd vor Angst stehe ich vor dem Luchs, meinen rosa Rucksack auf dem Rücken und den Fahrradkorb in der Hand … ich bin noch nie in einer solchen Situation gewesen und weiss nicht, wie ich mich nun verhalten soll.

Der Luchs seufzt und fährt fort “Ja, und dann ist da noch das Misstrauen der Anderen. Niemand möchte etwas mit mir zu tun haben. Alle haben Angst vor mir – sogar das Wildschwein. Dabei kann sogar ein gesunder, starker Luchs es kaum mit einem Wildschwein aufnehmen – dann ich erst … Und damit die Tiere und Menschen hier keine Angst mehr vor mir haben, versuche ich nicht einmal mehr, zu jagen. ”

Betrübt sieht der Luchs an sich herunter. Nun fällt es mir wieder ein: der Luchs war in eine Falle geraten und hatte sich die Pfote so verletzt, dass ein dauerhafter Schaden geblieben war, den auch die Zwerge nicht hatten beheben können.

“Ich kann mich zwar immer noch anschleichen, aber nicht mehr springen. Wann ich meine letzte Beute erlegt habe, weiss ich nicht einmal mehr. Ich werde von den Zwergen gefüttert – sonst wäre ich wohl längst verhungert. Trotzdem möchte niemand mein Freund sein. Wie einsam mein Leben oft ist, könnt Ihr Euch nicht vorstellen.”

Entschlossen dreht sich der Luchs um und läuft weiter. Er humpelt tatsächlich ein wenig. “Wir sind fast da” kündigt er uns an. Offenbar möchte er jetzt nicht weiter mit uns sprechen.

Aus seinem Transportkorb heraus ruft Elie laut “Luchs, das stimmt nicht, was Du eben gesagt hast. Ich möchte gern Dein Freund sein! Wenn ich Dich besser kennen würde, hätte ich bestimmt keine Angst mehr vor Dir.”

Der Luchs dreht sich um. Ungläubig sieht er uns an. Aus meinem Rucksack heraus tönt es, etwas erstickt: “Ich auch! Luchs, ich glaube ich könnte mich auch an Dich gewöhnen.”

Ich nicke dem Luchs zu. “Das gilt auch für mich.”

Der Luchs flüstert leise “Ich danke Euch”, dann läuft er weiter. Kurze Zeit später stehen wir vor der Klinik, wo Elie sofort vom kleinen und mittleren Zwerg in Empfang genommen wird.

Die Krähe als Ober-Krankenpfleger erklärt uns, dass Elie nun in Narkose gelegt und gleich operiert werde. Ein Krankenzimmer, in dem wir für die kommende Nacht auch untergebracht wären, sei schon für Elie hergerichtet.

Erleichtert, dass Elie nun in guten Händen ist, setzen wir uns auf die Bank im Wartezimmer. Der schöne Wartegarten fällt uns ein – heute muss man darin einen sehr angenehmen Tag verlebt haben, da es, obwohl November, wunderbar warm und sonnig gewesen war. Nun ist es allerdings schon Nacht.

Anatol quengelt leise “Ich hab Hunger!” – und auch mir knurrt der Magen. Seit der große Zwerg in Rente gegangen ist – er steht der Klinik nur noch als medizinischer Berater bei sehr schwierigen Fällen zur Verfügung – hat er gleich neben dem Klinikgebäude ein Restaurant eröffnet. Dies sei seit langem sein Traum gewesen: eine kleine aber feine Gastwirtschaft, in der er selbst der Koch sei.

Wir entschließen uns, beim großen Zwerg in der Hainbergschänke “Villa Vera” einzukehren. Unser Wirt serviert Anatol und mir je ein riesiges alkoholfreies Bier, dann verschwindet er in der Küche, um dort wunschgemäß Spiegeleier mit Bratkartoffeln für uns zuzubereiten. Ausnahmsweise essen wir heute nur vegetarisch, nicht vegan – der heutige Tag war außergewöhnlich genug, um eine solche Abweichung von unseren Gewohnheiten zuzulassen.

Anatol lässt die Geschichte des Luchses keine Ruhe. “Wie traurig das klingt, was er uns erzählt hat! Ob wir ihm helfen können? Wo ist er eigentlich geblieben?”

Ich erkläre Anatol, dass ein Luchs keine Schmusekatze ist wie unsere kleinen Freunde, die Katzen. Der Luchs ist ein wildes Tier – ein Raubtier – das sich Menschen normalerweise gar nicht zeigt. Deshalb habe sich der Luchs vermutlich zurückgezogen, als wir an der Klinik angekommen seien.

Über das ganze Gesicht strahlend bringt uns der große Zwerg unser Abendessen. Zu Bratkartoffeln und Spiegelei serviert er frisches Gersterbrot, selbstgeschleuderte Butter und einen großen Salat.

Schmatzend vor Genuß fragt Anatol “Können wir nicht öfter hier einkehren? Es schmeckt köstlich!” Der große Zwerg ist in der Tat ein begnadeter Koch – er erzählt uns, dass alle Zutaten aus eigener Herstellung stammen. Nur so könne er sicher sein, dass alles seinen hohen Qualitätsanforderungen entspreche.

Ich bringe nun das Gespräch auf den Luchs.

Der große Zwerg seufzt. “Unser Luchs. Ja, er ist ein echter Problemluchs. Hier im Hainberg kann er – selbst wenn er jagen könnte – im Grunde nicht überleben. Der Wald ist nicht groß genug für ein solches Raubtier, und Menschen sind auch fast überall anzutreffen. Da er behindert ist und gar nicht auf Jagd gehen kann, füttern wir ihn hier. Er hat seinen Unterschlupf hinter dem Restaurant am Schuppen. Wir dachten, er würde sich hier gut einleben. In gewisser Weise hat er das auch – aber die anderen Tiere begegnen ihm mit Misstrauen. In letzter Zeit wirkt er sehr unglücklich – das ist mir auch aufgefallen.”

Anatol will dem Luchs heute Abend unbedingt noch gute Nacht sagen – ob das eine gute Idee ist, weiss ich nicht.

Nach dem Essen gehen wir daher, nicht ohne ein flaues Gefühl in der Magengrube, zum Schuppen hinter der Hainbergschänke.

“Lu-huchs…” flüstert Anatol. “Bist Du da…?” Ich packe Anatol am Schlafittchen und gebe zu bedenken, dass der Luchs sicher schon schlafe und in Ruhe gelassen werde wolle.

Eine rauhe Stimme ertönt. Es ist der Luchs. “Es ist nett, dass Ihr vorbeikommt. Nein, ich schlafe nicht. Normalerweise würde ich jetzt draußen im Wald jagen. Wir Luchse sind nachtaktive Tiere. Aber das ist für mich vorbei. Sagt, wie geht es dem kleinen Dinosaurier?”

Wir berichten, dass Elie operiert wurde und dass wir nun in die Klinik zurück wollen, um dort hoffentlich zu erfahren, wie alles verlaufen sei. Vielleicht sei Elie sogar schon im Krankenzimmer beim Aufwachen?

“Geht schnell zu Eurem kleinen Freund” sagt der Luchs. “Freunde und Familie, das ist das Wichtigste im Leben.”

Wir versprechen dem Luchs, am nächsten Tag noch einmal bei ihm vorbeizusehen. Dann gehen wir.

Als wir wieder am Restaurant des großen Zwergs angelangt sind, hören wir den Luchs uns nachrufen: “Ich bin Pelle. Pelle, der Luchs.”

Wir drehen uns um und winken dem Luchs zu. “Schlaf gut, Pelle” flüstert Anatol mit Tränen in den Augen.

Als wir Elie noch immer fest schlafend und mit einem riesigen Gipsarm im Krankenzimmer liegen sehen, sieht Anatol mich an. “Wir müssen etwas für Pelle tun. Und ich glaube, ich habe eine Idee.” Dann legt er sich neben Elie ins Krankenbett, zieht das Tablet, das der Spitzbube doch tatsächlich mitgenommen hatte, hervor und vertieft sich eine Lektüre, die er mir nicht zeigen will.

Ich schlüpfe unter die Decke des improvisierten Feldbetts, das die Zwerge mir hingestellt haben und schlafe sofort ein.

Am nächsten Morgen bin ich noch vor Sonnenaufgang wach. Elie wimmert leise in seinem Bettchen. “Mein Arm tut so weh” weint er.

Ich drücke den Notknopf, der neben Elie auf dem Bett liegt – und kurze Zeit später betritt das Kaninchen das Zimmer. “Wie geht es uns denn heute?” fragt es beflissen.

Uns geht es überhaupt nicht!” zetert Elie. “Aber mir, mir geht es absolut gräßlich!”

Das Kaninchen versteht. Es nickt. “Ich bringe Dir etwas gegen die Schmerzen.” Es verlässt das Zimmer und kommt fast augenblicklich mit einem kleinen Becher, in dem eine rosa Pille liegt, sowie einer Kanne zurück. Die Kanne entpuppt sich als Behältnis von Hagebuttentee. Ich erschauere.

Anatol flüstert “Das müssen wir doch nicht trinken, oder?” Das Kaninchen hat mit seinen großen Ohren alles gehört. “Doch, das müsst Ihr” sagt es trocken. “Das gehört zur Klinikverpflegung dazu. Seid froh, dass ich Euch nicht den Kaffee gebracht habe!”

Elie schluckt nun brav seine Tablette. Appetit hat er gar keinen.

Aus Solidarität trinken Anatol und ich eine Tasse Hagebuttentee mit. Ich schüttle mich. Insgeheim nehme ich mir vor, später ein richtiges Frühstück beim großen Zwerg zu ordern. Ich sehe Anatol an, dass er meinen Gedanken erraten hat.

Kurze Zeit später stehen Anatol und ich vor der Hainbergschänke und bestellen ein Frühstück mit Croissants, Brötchen – und echtem Tee.

Der große Zwerg schmunzelt “Ihr habt meine selbstgekochte Marmelade noch nicht probiert, nicht? Die bringe ich Euch gleich.”

Ein Anflug von Misstrauen bringt mich auf den Verdacht, die Klinikverpflegung sei möglicherweise absichtlich so ungenießbar – damit der große Zwerg seine Speisen noch besser an den Patienten bringen könne. Als ich indessen den herrlich gedeckten Frühstückstisch sehe, verfliegt jeder Argwohn. Anatol sitzt bereits mitten auf dem Tisch und löffelt Marmelade und Honig.

“Ich glaube, hier ist das Schlaraffenland” ruft er fröhlich.

2. Kapitel – Auf der Suche nach Pelles Zuhause

Ein paar Tage später darf Elie die Zwergenklinik verlassen. Dank des eindrucksvollen Gipsverbands um seinen Arm wird er bei Anna als Held auftreten können. Stolzgeschwellt schlenkert er seinen Gipsarm vor sich her.

Anatol ist seit unserem Abend in der Hainbergschänke in seinen Computer versunken. Stundenlang sucht er das Internet ab, sagt aber nicht, wonach. Von Zeit zu Zeit gibt er ein unwilliges Knurren von sich – und haut dann in die Tasten, dass es kracht. Wenn der Saurier in dieser Stimmung  ist, stört man ihn besser nicht.

Heute früh scheint Anatol jedoch bester Laune. Als ich wie üblich um 5 Uhr 30 die Küche betrete, ist der Saurier bereits wach und hat einen starken Kaffee aufgebrüht. Oder ist er etwa gar nicht ins Bett gegangen?

Anatol beantwortet meine stille Frage: “Ich habe die ganze Nacht im Internet gesurft. Und ich habe endlich die Lösung für Pelle gefunden. Hier!”

Aufgeregt streckt er mir das Tablet entgegen. Dort sehe ich die Webseite des Luchsprojekts Harz. Ich bin sprachlos – es gibt ein Luchsprojekt? Davon habe ich noch nie gehört. Sofort vertiefe ich mich in die Homepage. Dort lese ich, dass das Luchsprojekt Harz sich um die Wiederansiedlung des europäischen Luchses im Harz kümmert – ich bin sehr beeindruckt:

Die intensive Verfolgung durch den Menschen führte vor rund 200 Jahren in Mitteleuropa zum Aussterben des Eurasischen Luchses. In den 1970er Jahren wurden die Bemühungen verstärkt, die verbliebenen Vorkommen der Tierart zu schützen. Wiederansiedlungsprojekte in einigen europäischen Staaten führten zur Etablierung kleinerer Luchs-Populationen insbesondere im Alpenraum aber auch z.B. im deutsch/tschechischen Grenzbogen.

Noch sind diese Luchsvorkommen relativ klein und nicht alle stehen in Verbindung miteinander. Weitere Wiederansiedlungsprojekte und Maßnahmen, die es großen Wildtieren ermöglichen auch über weite Entfernungen durch unsere Kulturlandschaft zu wandern, können helfen nicht nur das Überleben des Luchses zu sichern.

Mit dem Luchsprojekt Harz wurde Anfang 2000 erstmals in Deutschland ein Wiederansiedlungsversuch für die größte europäische Katze gestartet.

Zwischen Sommer 2000 und Herbst 2006 wurden im Nationalpark Harz insgesamt 24 Luchse (9 Männchen und 15 Weibchen) in die Freiheit entlassen. Alle ausgewilderten Tiere sind Gehegenachzuchten aus europäischen Wildparks, die vor der Freilassung in einem vier Hektar großen Auswilderungsgehege im Nationalpark in den neuen Lebensraum eingewöhnt worden waren.

Anatol unterbricht ungeduldig meine Lektüre. “Ich bin sicher, dass Pelle ursprünglich von dort kommt! So weit ist der Harz nicht von der Tierklinik entfernt… Pelle muss immer weitergewandert sein, bis er schließlich in diese schreckliche Falle geriet. Zum Glück war er da schon in der Nähe der Klinik. Wer weiss, was sonst aus ihm geworden wäre …”

Ich sehe vom Tablet hoch. “Wir müssen Pelle in den Harz zurückbringen! Dort ist seine Heimat… ich bin sicher, dass er dort auch versorgt wird. Er kann ja nicht selbst jagen. Dort wäre er endlich wieder unter seinesgleichen!”

Anatol nickt. “Genau das ist auch meine Idee. Nun müssen wir das nur noch Pelle vorschlagen. Hoffentlich möchte er überhaupt wieder dorthin zurück …”

Nun kommt Elie in die Küche – den Gipsarm wie eine Monstranz vor sich hertragend.

“Ihr wollt Pelle bis in den Harz bringen? Wie soll denn das gehen? Ins Fahrradkörbchen passt er jedenfalls nicht!”

Dies stimmt allerdings. Für Pelle werden wir eine Mitfahrgelegenheit brauchen, sprich: ein Auto, denn mit der Bahn werden wir Pelle nicht transportieren können. Aber ob ein Luchs überhaupt Auto fährt? Und wo soll Pelle “zusteigen”? Die Tierklinik ist mit dem Auto nicht zu erreichen …

Anatol errät meine Gedanken. “Beim Transport müssen uns die Zwerge helfen. Die werden schon eine Idee haben. Hoffe ich jedenfalls! Wir können eventuell das Carsharingauto für den Transport verwenden, was meint Ihr…?”

Auf diese Frage gibt Wikipedia eine klare Antwort:

Mit einer Kopfrumpflänge zwischen 80 und 120 Zentimetern und einer Schulterhöhe von 50 bis 70 Zentimeter ist der Luchs die größte Katze Europas.

In Mitteleuropa wiegen männliche Luchse, die in der Jägersprache auch als „Kuder“ bezeichnet werden, je nach Region im Durchschnitt zwischen 20 und 25 Kilogramm, wobei besonders leichte Exemplare nur 14 Kilogramm wiegen und sehr schwere Tiere ein Körpergewicht von 37 Kilogramm erreichen können.

Um Pelle, bei dem es sich um ein “ziemlich großes Exemplar” handelt, zu transportieren, werden wir also mindestens einen Kleintransporter benötigen. Der arme Kerl soll sich auf der Reise in den Harz schließlich nicht zu beengt fühlen. Eine Autofahrt mit einem Luchs-Passagier, der einen klaustrophobischen Anfall erleidet, möchte ich mir nicht vorstellen.

Bevor wir der Luchsumsiedelung indessen näher treten, müssen wir Pelle fragen, ob er überhaupt in den Harz möchte. Vielleicht hat er sich ja nun doch so im Hainberg eingelebt, dass er gar nicht mehr weg will?

Am frühen Vormittag wählt Anatol die Telephonnummer der Tierklinik. Die Ameise hebt vorschriftsmäßig ab.

“Sie sind mit der Zentrale der Tierklinik der Zwerge verbunden. Wie kann ich Ihnen helfen?”

Anatol erklärt der Ameise, dass er mit Pelle, dem Luchs sprechen wolle. Ob sie ihn bitte ans Telephon holen würde? Er könne auch etwas später wieder anrufen, wenn sie den Luchs nicht gleich finden würde …

“Bitte nicht auflegen!” schnarrt die Ameise in den Hörer. Dann hört man ein leises Schaben – das Insekt krabbelt offenbar das Telephon herunter. Dass man dies durch den Fernsprecher mitbekommt, ist eine technische Meisterleistung, die wir Mina zu verdanken haben. Sie hatte bei einem ihrer Besuche das Telephon auf die leise Stimme der Ameise eingestellt, die man oft kaum hatte verstehen können.

Bange Minuten des Wartens verstreichen. Ist Pelle überhaupt da? Seine Streifzüge durch den Wald können sich über Tage hinziehen – das haben wir auf der Webseite des Luchsprojekts gelesen …

Dann vernehmen wir ein Klappern – der Hörer wird aufgenommen. Eine riesige Pranke scheint das Gerät zu umklammern, dann erklingt eine rauhe, wohlbekannte Stimme:

“Hier spricht Pelle. Pelle, der Luchs. Sie haben nach mir geschickt? Wer ist am Apparat, bitte?”

Anatol hüpft vor Freude mit dem Telephon durch den Flur. “Huhu Pelle! Hier ist Anatol! Wir haben Neuigkeiten für Dich!”

Atemlos erzählt Anatol dem Luchs von seiner Idee. Von Pelles alter Heimat im Harz, vom Luchsprojekt, dem Luchsgehege, in dem er immer Futter finden würde… und vor allem von den anderen Luchsen, die dort ebenfalls lebten: Pelles Familie!

Als Anatol Luft holen muss, ist Stille am anderen Ende der Leitung. “Pelle?” fragt Anatol. “Bist Du noch da?”

Er schüttelt den Hörer – und vernimmt plötzlich ein markerschütterndes Schreien, das aus der Tierklinik zu kommen scheint. “Hilfe! Hilfe!” kreischt es durch die Leitung, während wildes Getrappel und Gelärme im Hintergrund ertönt. Dann scheint ein offenbar größerer metallischer Gegenstand mit Getöse zu Boden zu gehen, woraufhin ein entsetztes Quieken erklingt.

“Pelle, was ist los?!” ruft Anatol erschrocken ins Telephon.

“Ich rufe zurück!” seufzt der Luchs – und legt auf.

Anatol guckt ratlos in den Hörer, als ob er darin sehen könnte, was eben geschehen ist. Dann legt er auf und sieht zu mir hoch. “Was ist da nur… Ist da eine Bombe hochgegangen?” weint er los. Ich kann mir keinen Reim auf das seltsame Vorkommnis machen. Es bleibt uns nicht anderes übrig, als auf Pelles Rückruf zu warten …

Da! Das Telephon schrillt. Anatol reisst den Hörer ans Ohr – es ist Pelle!

“Ich bin nach nebenan in die Schänke des großen Zwergs gegangen. Hier gibt es auch ein Telephon, unten direkt vor den Toiletten.”

Pelle stößt einen tiefen Seufzer aus. “Die Patienten im Wartezimmer drüben in der Klinik haben mich gesehen, wie ich an der Aufnahme stand und mit Euch telephoniert habe … ein krankes Kaninchen muss bei meinem Anblick sehr erschrocken sein, und das hat bei den anderen Patienten zu einer Massenpanik geführt …”

Pelle klingt resigniert. “Dabei habe ich mich dem Wartezimmer nicht einmal genähert. Das Kaninchen, die Mäusefamilie, der Fuchs und die Waldtaube sind aber so in Angst und Schrecken geraten, dass sie bei ihrer überstürzten Flucht  aus dem Wartezimmer alles umgerissen haben und auf dem Gang eine Transportliege mit einem darauf gebetteten verletzten Siebenschläfer umgeworfen haben.

Wisst Ihr … eigentlich wollte ich vorhin sagen, macht Euch keine Mühe mit mir und lasst mich im Hainberg weiter vor mich hinleben. Aber das Vorkommnis eben … das war zu viel. Ich möchte weg von hier. Alle Tiere haben Angst vor mir, und ich kann es einfach nicht ändern.”

Hier versagt dem Luchs die Stimme. Er beginnt zu weinen. Mit letzter Kraft schafft er es noch, zu schluchzen: “Ich warte in der Nähe der Langen Nacht auf Euch. Dort könnt Ihr mich abholen. Bitte kommt bald!”

Bevor Pelle auflegt, ruft Anatol noch ins Telephon: “Halt durch, Pelle! Wir holen Dich morgen da ab!”

Dann sieht Anatol mich ratlos an. “Schaffen wir das überhaupt – ihn morgen abzuholen und in den Harz zu bringen …?”

Ich rufe die Webseite des Carsharings auf und suche nach dem Kleintransporter, den wir für unsere letzte große Entrümpelungsaktion genutzt hatten und in dem wir Kubikmeter von Dingen zum Emmaüs gebracht hatten. Dieses Auto, so scheint mir, sollte groß genug sein, um Pelle in den Harz zu bringen.

Kurze Zeit später ist das Auto reserviert. Als wir es abholen, um es für die Reise unseres Luchses vorzubereiten, fällt uns auf, dass auch der hintere Teil  des Transporters Fenster hat – und daher von außen gut einsehbar ist.

Anatol kratzt sich am Kopf. “Das ist ungünstig,” meint er. “Was, wenn wir mal anhalten – oder tanken … dann kann jeder da reingucken und Pelle sehen. Wir müssen Pelle tarnen. Aber wie? Mit einer Decke vielleicht?”

Ich halte das für keine gute Idee. Pelle wird unter der Decke noch recht gut zu erkennen sein – und wenn wir in eine Verkehrkontrolle geraten, bei der man uns fragt, was für einen riesigen Gegenstand wir denn da unter der Decke haben … mir graut allein bei dem Gedanken daran.

Elie hat die rettende Idee. “Wir verkleiden Pelle einfach als sehr großen Hund – warum nicht als Labrador? Ich kann Pelle ein paar ganz tolle Labrador-Ohren häkeln! Das haben wir letzten Sommer in der Amnestygruppe bei “Häkeln für den Frieden” gelernt! Anna hatte ganz tolle Katzenohren, und ich hatte Drachenohren. Aber jetzt kann ich für Pelle Schlappohren häkeln. Dann sieht niemand, dass er ein Luchs ist!”

Anatol stößt ein gequältes Lachen aus. Er ist nicht überzeugt von der Idee.

Elie fragt pikiert “Hast Du denn eine bessere Idee?” – dies ist nicht der Fall. Einen Einwand hat Anatol allerdings: “Wie willst Du mit Deinem Gipsarm eigentlich häkeln?”

Elie wird puterrot. Sein Gips, auf den er so stolz ist, wird nun zum Problem: daran hatte er offenbar nicht einmal gedacht. Glücklicherweise hat er eine Lösung in petto: Mina kann den Faden halten, während er mit dem Häkelhaken hantiere… so müsse es klappen!

Während Anatol und ich Decken und Kissen zusammensuchen, um eine Art “Luchsbettchen” im hinteren Fahrzeugteil zu bauen, ziehen Mina und Elie sich in ihr Zimmer zurück und beginnen mit Feuereifer, zu häkeln.

An diesem Abend gehen wir früh ins Bett –  aber schlafen können wir vor Aufregung nicht. Erst kurz vor dem Morgengrauen finde ich etwas Schlaf.

Bald klingelt der Wecker. Unser Luchs-Abenteuer beginnt.

3. Kapitel – Pelle kehrt heim: Die Fahrt zur Rabenklippe

Es ist empfindlich kalt geworden. Als Anatol, Elie, Mina und ich das Haus im Morgengrauen verlassen, weht uns ein eisiger Wind entgegen. Anatol zieht sich den Kapuzenschal tief ins Gesicht. Beklommen sieht er mich an. Auch mir ist nicht wirklich wohl zumute. Tun wir gerade das Richtige? Aber es ist zu spät für derlei Überlegungen: Pelle wartet am Treffpunkt auf uns.

Im Auto ist es so kalt, dass man seinen Atem sehen kann. Das Lenkrad ist eisig – ich behalte meine Handschuhe an. Neben mir auf dem Beifahrersitz haben sich Anatol, Elie und Mina dicht aneinander gekuschelt – vor Kälte zitternd drücken sie sich gegeneinander.

Endlich springt der Motor an. Wir haben eine lange Reise vor uns.

Unsere erste Etappe ist die Tankstelle in Kehl. Hier tanken wir das Auto auf, prüfen den Reifendruck, säubern die Windschutzscheibe und kaufen eine Packung Kaugummi. Kaugummi ist ein wichtiger Proviant und darf auf keiner Reise fehlen.

Dann starten wir in Richtung Hainberg. Unser Auto – ein Kleintransporter – fühlt sich bis Tempo 90 wohl – fahren wir schneller, beginnt das Fahrzeug klagende Laute auszustoßen und sich zu schütteln. Daher zockeln wir mit 90 Stundenkilometern auf der Kriechspur gen Norden.

Als wir Frankfurt erreichen, ist es schon Nachmittag. Ich bin so müde, dass ich einen Rastplatz ansteuere. Ich verriegle das Auto von innen und setze mich auf den Beifahrersitz, dessen Lehne ich so weit wie möglich herunterschraube. Dann weise die Butler an, mich nicht zu stören – und schlafe augenblicklich ein.

Als ich erwache, ist alles um mich herum dunkel. Wie lange muss ich geschlafen haben? Ich reibe mir die Augen. Dann merke ich, dass wir nicht mehr auf dem Rastplatz stehen, sondern dass das Auto offenbar fährt – und zwar gelenkt von Mina! Entsetzt schüttle ich mich – ich muss noch schlafen und dies alles träumen! Aber nein: Mina sitzt tatsächlich am Lenkrad: wir fahren!

Wo sind die Butler? Ich werfe einen bangen Blick nach links – da sitzen sie: Elie im Fußraum an Gaspedal, Bremse und Kupplung, Anatol am Schaltknüppel! Ich will gerade vor Schreck laut aufschreien, da befiehlt Mina mit ruhiger Stimme: “Bitte hochschalten in den 5. Gang. Dann beschleunigen auf 90 km/h. Geschwindigkeit beibehalten. Wir erfahren zur Zeit keine Turbulenzen. Danke!”

Fassungslos sehe ich Elie mit aller Kraft seinen Gipsarm auf das Kupplungspedal drücken, während Anatol den Schaltknüppel in die Position “5. Gang” bringt. Dann lässt Elie das Pedal behutsam zurückkommen und drückt gleichzeitig aufs Gaspedal. Als die 90 Stundenkilometer auf dem Tacho erreicht sind, meldet Mina “Wir haben unsere Höchstreisegeschwindigkeit erreicht. Bitte so beibehalten. Ende der Durchsage. Danke!”

Ich ergebe mich meinem Schicksal, schließe die Augen und stelle mich schlafend. Das offenbar eingespielte Pilotenteam möchte ich auf keinen Fall durcheinanderbringen. Wo haben die Biester das Autofahren gelernt? Ich nehme mir vor, nach dieser Reise genauere Nachforschungen anzustellen.

Wir befinden uns noch auf der Autobahn – das stelle ich beim vorsichtigen Blinzeln fest. Da stockfinstere Nacht ist, scheint den uns überholenden Fahrern nicht aufzufallen, dass eine winzige Stoffkuh unser Auto lenkt. Vielleicht denken die anderen Autofahrer aber auch, der Lieferwagen sei eine englische Konstruktion – mit dem Steuerrad auf der rechten Seite.

Wie spät mag es sein? Ich schiele hinüber auf das Armaturenbrett: 21 Uhr 50 – bald zehn Uhr. Wie kann ich so lange geschlafen haben? Ich muss vollkommen übermüdet gewesen sein. Bald nicke ich wieder ein. Das Auto scheint in guten Händen…

Gegen Mitternacht reisst mich eine erneute Meldung von Mina aus dem Schlaf. “Wir nähern uns nun dem Hainberg. Links befinden sich die Schillerwiesen. Ich erbitte Lotsenweisung!”

Ich entschließe mich, so zu tun, als sei nichts normaler, als von einer schwarz-weissen Stoffkuh und zwei Plüschdinosauriern nachts durch die Gegend kutschiert zu werden und bemerke “Bitte gleich links in die Calsowstraße einbiegen. Dann scharf rechts, und dann geradeaus – bis zur Langen Nacht.”

Kurze Zeit später sind wir dort. Die Lange Nacht ist indessen – wie ihr Name bereits vermuten lässt – lang. Auf welcher Höhe wartet Pelle auf uns? Wir sehen uns unschlüssig an.

Anatol meint, wir sollten das Auto am Wegrand abstellen und aussteigen. Bestimmt würde uns Pelle als echter Luchs sofort wittern. Mina möchte nun lieber in meinen Rucksack klettern, ebenso Elie und sogar Anatol. Sicher ist sicher.

Wir verlassen das Auto. Kühle, feuchte Waldluft, die wir durstig einatmen, weht uns entgegen. Wir entscheiden uns, den Waldweg zu nehmen und tiefer in den Wald vorzudringen. Pelle kann nicht weit sein.

Der Wald schläft nie. Nachts erwacht ein unbekanntes Leben – mit all seinen Geräuschen und  Regungen… Ein Käuzchen ruft – ein zweites anwortet. Der klagende Laut lässt uns erschauern. Da – ein Rascheln neben uns… dann knackt etwas. Tief im Wald ertönt das Kreischen von Nachttieren.

Ein raues, heiseres Flüstern ertönt. “Ich bin hier. Ich – Pelle!” Aus dem Dunkel des Waldes löst sich ein riesiger Schatten und kommt näher.

Pelle steht vor uns – und erscheint mir größer denn je. Ob es die späte Stunde, der lange Weg und nun die Nachtwanderung durch den verwilderten Hainberg ist – ich weiss es nicht: das Herz rutscht mir tief in die Hose, als ich den riesigen Luchs so nah vor mir sehe. Die Saurier und Mina im Rucksack schlottern vor Angst, das spüre ich deutlich sogar durch meinen dicken Wintermantel hindurch.

Mit zitternder Stimme sage ich “Guten Abend Pelle! Wir sind endlich da… möchtest Du wirklich mit uns mitkommen…?

Gefasst nickt der Luchs. “Ich danke Euch, dass Ihr gekommen seid. Ihr seid meine einzigen, echten Freunde. Danke.”

Ich schäme mich zutiefst, dass ich immer noch Angst vor Pelle habe. Aber mit seiner Rumpfhöhe von 70 cm ist der Luchs ein sehr eindrucksvolles Tier.

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Anatol fasst sich ein Herz und hüpt aus dem Rucksack heraus. “Pelle, es ist toll, dass Du da bist! Komm mit – da vorn steht das Auto. Wir haben Dir ein richtig schönes, weiches Bettchen vorbereitet!”

Unschlüssig sieht Pelle uns an. “Ein Bettchen…? Ich weiss nicht genau, was das ist?”

“Das macht nichts, dass Du das nicht weisst. Aber es gefällt Dir bestimmt!” piepst Mina mutig aus dem Rucksack heraus.

Pelle nickt. “Sicher werde ich es mögen. Wenn Ihr es mir doch zurechtgemacht habt!”

Der Luchs folgt uns bis zum Auto, und ohne sich noch ein einziges Mal umzusehen, steigt er in den Fond. Er spürt die weiche Decke unter seinen Pranken und brummt zufrieden “Und ob mir das gefällt!”

Dann rollt er sich auf dem improvisierten Luchs-Bettchen zusammen, schließt die Augen und flüstert “Ihr könnt losfahren.”

Ich setze mich ans Steuer und bin froh, die Macht über das Fahrzeug wieder zurückgewonnen zu haben. Eine Polizeikontrolle mit Mina am Steuer und Anatol sowie Elie an Kupplung und Gangschaltung – nein, das mag ich mir nicht vorstellen. Zumal im Fond nun der brav schnarchende Luchs liegt.

Unser Weg führt uns über Northeim, Seesen und Goslar bis nach Bad Harzburg. Dort steuern wir die Rabenklippe am Luchsgehege an. Als ich Anatol anweise, mir den genauen Weg auf der Karte herauszusuchen, hebt Pelle den Kopf und spitzt die Pinselohren. Unruhig rutscht er auf seinem Kissen hin und her.

Gehege sagst Du…? Davon war bisher nicht die Rede. Ich lasse mich auf keinen Fall in einen Käfig sperren!”

Der Luchs fährt die riesigen Krallen aus und schlägt sie in den Gummibelag des Fonds. Dann lässt er ein leises, aber deutlich zu vernehmendes Knurren hören.

Etwas zittrig erläutert Elie, dass es sich bei dem “Gehege” nicht um einen Käfig handele. Es sei vielmehr der Teil des Luchsprojekts, an dem Besucher manche Luchse bei der Fütterung beobachten könnten – wenn die Luchse sich denn zeigen wollten. Wir steuerten diesen Teil des Nationalparks an, weil sicher sei, dass Pelle dort zu fressen finden würde.

Lautlos zieht der Luchs seine Krallen aus der Verkleidung. Das Knurren verstummt. “Bitte entschuldigt, meine Freunde. Ich bin sehr aufgeregt, und weiss nicht, wie mein neues Leben aussehen wird. Deshalb reagiere ich ungehalten, wenn ich etwas nicht richtig einordnen kann. Ich bitte Euch, mir das nachzusehen.”

Anatol nickt dem Luchs zu. “Ich kann Dich verstehen, Pelle. Aber ich bin sicher, dass es Dir dort gefallen wird.”

Sind wir wirklich sicher? Ich selbst habe alles andere als Gewissheit über die Zukunft von Pelle. Ich verscheuche die Zweifel. Erste Schilder weisen auf das Luchsgehege hin – und auf den Gasthof Rabenklippe, der allerdings jetzt (es ist mittlerweile 3 Uhr früh) noch nicht geöffnet ist.

Mir fallen die Augen zu, als ich einen etwas versteckten Rastplatz kurz vor der Rabenklippe ansteuere. Hier möchte ich, bevor wir Pelle in die Freiheit entlassen, noch kurz ausruhen. Ich parke den Wagen an einer wenig einsehbaren Stelle, schalte den Motor und das Licht aus und lehne mich zurück. “Wir fahren bald weiter”, sage ich und schließe die Augen.

Ein nachdrückliches Klopfen ans Fenster lässt mich aufschrecken. Neben dem Auto steht jemand und bedeutet mir, das Fenster zu öffnen. Mein Herz setzt einen Moment aus.

Bei der Dame an der Fahrertür handelt es sich um eine Streifenpolizistin. Der Streifenwagen parkt hinter uns, ein Kollege steht einsatzbereit daneben. Wie erkläre ich den Ordnungshütern, was ich mit einem ausgewachsenen Luchs im Fond mitten in der Nacht auf diesem Parkplatz will?

Langsam kurbele ich das Fenster herunter. Währenddessen bemerke ich, dass die Saurier und Mina flugs nach hinten den Fond klettern. Mina zischelt Elie zu “Die Ohren! Hol die Häkelohren aus dem Rucksack!”

Die Polizistin bittet mich höflich, aber bestimmt um die Fahrzeugpapiere. Ich krame nervös im Handschuhfach und präsentiere einen Haufen eselsohriger Dokumente. Ängstlich erkläre ich, dass es sich um ein Mietauto handele, weshalb ich auch nicht im Fahrzeugschein genannt sei.

“So so, ein Mietauto. Ihren Ausweis und Führerschein, bitte.”

Eilig erkläre ich, dass ich als im Ausland wohnhafte Deutsche keinen Personalausweis, wohl aber einen gültigen Reisepass besäße. Mit zittrigen Händen strecke ich der Polizistin alles entgegen. Sie studiert jedes Papier genauestens, dann gibt sie mir die Dokumente zurück.

“Darf ich fragen, was Sie um diese Uhrzeit hier tun?”

Was tut jemand wie ich um 3 Uhr morgens auf einem verlassenen Rastplatz am Harz? Ich stottere… dass wir die ganze Nacht durchgefahren seien, um ganz früh morgens – im Morgengrauen sozusagen! – das Luchsgehege zu besuchen, und ich nun noch etwas Schlaf habe finden wollen, bevor es  auf die Wanderung am Luchsgehege gehen solle…

Unsicher blicke ich in das Gesicht der Polizistin. Die Unwahrheit sage ich nicht, die ganze Wahrheit aber auch nicht. Glaubt mir die Gesetzeshüterin?

“Sie sagen ‘wir‘. Ist denn noch jemand mit Ihnen angereist?”

Siedend heiss fällt mir ein, dass die Saurier und Mina keine Mitreisenden sind, die ich der Polizistin vorstellen kann. Ich druckse unschlüssig herum – da wirft die Dame einen Blick in den Fond und erblickt das riesige Tier. Sie knipst ihre Taschenlampe an und leuchtet nach hinten ins Auto. Das ist das Ende, denke ich.

“Ist das Ihr Hund?” fragt die Polizistin. “So ein großes Tier habe ich selten gesehen.” Und etwas misstrauisch: “Was ist das denn für eine Rasse?”

Ich drehe mich um und sehe einen sich verzweifelt schlafend stellenden, zusammengerollten Eurasischen Luchs mit Häkelschlappohren.

Wenn man dies indessen nicht weiss, kann man Pelle mit seinen Hängeohren tatsächlich für einen Hund halten. Ich räuspere mich und sage mit belegter Stimme “Das ist Pelle – ein Hovawart-Malinois-Labrador-Mischling.”

Leise, aber mit Nachdruck füge ich hinzu: “Er ist zwar sehr lieb, mag aber von Fremden überhaupt nicht angefasst werden.”

“Hat Pelle denn auch Papiere dabei?” fragt die Polizistin streng. “Sie wissen ja, dass das Vorschrift ist.”

“Ja”, lüge ich. “Pelle hat natürlich Papiere …” Ostentativ beginne ich, in meinem Rucksack zu kramen, der auf dem Beifahrersitz liegt, während ich fieberhaft nach einer Ausrede suche. Selbstverständlich hat Pelle keine Papiere – woher auch.

Nun vernehme ich ein leises Raunen aus dem Fond. “Ich habe den EU-Ausweis von Edwige mitgenommen! Im Rucksack vorn!” Mina ist einfach unbezahlbar.

“Da haben wir die Papiere – bitte schön!” Triumphierend überreiche ich der Polizistin einen blauen EU-Heimtierausweis.

Stirnrunzelnd blättert die Beamte in dem Dokument. “So, Pelle heisst also Edwige, ist eine getigerte Hauskatze und wiegt 5 kg…?”

Sie gibt mir den Ausweis zurück und kratzt sich am Kopf. Dann wendet sie sich an ihren Kollegen: “Horst, nehmen wir den Hund in Gewahrsam? Es wird kein gültiger Ausweis mitgeführt.”

Horst tritt einen Schritt zurück. “Du kannst dieses Riesentier gern mitnehmen. Aber dann gehst Du mit ihm zu Fuß zur Wache. Du weisst doch, dass ich Angst vor Hunden habe!”

Ich fange derweil das Bitten und Betteln an. “Ich muss mich vertan haben! Das ist der Impfpass meiner Katze Edwige. Man muss mir zu Hause den falschen Pass mitgegeben haben …”

Die Polizistin nimmt ihr Handy. Sie werde auf der Wache anrufen und um Verstärkung bitten. Nachdem sie die Nummer mehrfach eingegeben hat, ist klar, dass der Anruf nicht ankommen wird: wir haben kein Netz.

Der Streifenwagen verfügt hingegen über einen Fernsprecher. Diesen könnte – und müsste – sie nun von Rechts wegen betätigen, sagt die Polizistin uns. Seufzend fügt sie hinzu, sie wolle uns unseren Wochenendausflug aber nicht gänzlich verderben – und trägt uns auf, schnellstens einen gültigen Heimtierausweis für Pelle zu beschaffen, diesen immer mitzuführen und Pelle nur angeleint und mit Maulkorb aus dem Auto zu lassen.

Dann steigt sie in den Streifenwagen, in den sich ihr hundephobischer Kollege bereits geflüchtet hatte, und fährt weg – während ich den Ordnungshütern erleichtert nachwinke.

Kaum sind die Polizisten außer Sichtweite, falle ich in mich zusammen. Anatol kriecht stöhnend unter dem Fahrersitz hervor. “Das war knapp!” ächzt er.

Pelle reisst sich die Häkelohren vom Kopf und beginnt, sich im Fond um sich selbst zu drehen. “Ich will raus!” ruft er. “Ich war noch nie so lange in einem so kleinen Raum. Lasst mich raus, schnell!”

Der Luchs scheint den beengten Raum nicht mehr zu ertragen  – ich springe aus dem Auto und öffne die Tür zum Fond. Mit einem riesigen Satz springt der Luchs aus dem Fahrzeug heraus und verschwindet im Wald.

Anatol, Elie und Mina stürzen aus dem Auto heraus – aber Pelle ist weg. Ich setze mich in den Schotter des Parkplatzes und verberge mein Gesicht in den Händen. Elie beginnt zu schluchzen, während Anatol und Mina hinter Pelle her in den Wald laufen.

Tief am Horizont leuchtet leise ein erster Morgenstrahl auf.

Ich verschließe das Auto, setze Elie in den Rucksack und dringe meinerseits in den tiefen Wald ein.

Kurze Zeit später hat uns das Dickicht so verschluckt, dass weder der Rastplatz noch das Auto zu sehen sind. Anatol und Mina sind nicht weit vor uns – wir hören ihr atemloses Flüstern.

Aber wo ist Pelle?

Wir stolpern weiter durch das Unterholz – und befinden uns endlich auf einer Lichtung. Mitten auf dem lichten Waldstück steht Pelle – die Nase flehmend im Wind. Er hebt die Tatze und ruft uns zu: “Ich kann die anderen Luchse wittern. Es ist nicht mehr weit bis nach Hause. Ich danke Euch, meine Freunde. Ich muss Euch nun verlassen. Lebet wohl!”

Ein letztes Mal winkt uns der Luchs zu. Dann dreht er sich um und verschwindet lautlos im Wald.

Ob wir ihn jemals wiedersehen werden?

Übermüdet, schweigsam und seltsam gedrückt kehren wir zum Rastplatz zurück. Elie verkriecht sich wortlos im Rucksack, Anatol und Mina kuscheln sich in das nun verlassene Luchsbettchen und schlafen ein.

Ich setze mich ans Steuer und fahre bis zum Gasthof Rabenklippe. Als dieser endlich öffnet, bestelle ich ein reichhaltiges Frühstück und einen starkem Kaffee.

Die Luchsfütterung verschlafe ich am Frühstückstisch.

Am frühen Nachmittag machen wir uns auf den Rückweg. Reden möchte zunächst niemand.

Mina spricht endlich das aus, was wir alle fühlen. “Ob Pelle seine Familie wiederfindet? Wird er dort glücklich werden?”

Wir wünschen es Pelle von ganzem Herzen.

Epilog

Zwei Jahre später – es ist ein milder Sommerabend, wir sitzen auf dem schattigen Balkon und genießen die Abendluft – fliegt die Krähe der Tierklinik auf die Balkonbrüstung. Sie hält ein zusammengefaltetes Papier im Schnabel, spuckt es uns vor die Füße (die Krähe hat zuweilen ein etwas rudimentäres Benehmen) und schnarrt “Post von Pelle!” – Mit einem schneidigen “Und Tschüss!” hebt sie ab und gleitet durch die Lüfte zurück in Richtung Hainberg.

Elie hebt das Papier auf und reicht es Anatol, der es auffaltet.

Das Blatt ist nicht beschrieben, aber seine Aussage ist klar. Fünf Pfotenabdrücke sind darauf zu sehen: der einer riesigen Pranke, die wir als Pelles erkennen. Daneben eine nur unwesentlich kleinere, aber zartere, feinere Tatze – und darunter drei winzige Pfötchen, die mit etlichen Kleksen und Verschmierungen garniert sind.

Pelle, da sind wir sicher, hat sein Glück gefunden.

 

 

154. Kapitel – Rogan Josh by Anatol

Zu meinem Geburtstag vor ein paar Tagen hat mir meine Mama mit Hilfe meiner Schwester ein großartiges Geschenk gemacht: einen emaillierten gußeisernen Bräter in der „Anatol-Farbe“ Basilikumgrün.

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Der Saurier hat sich das herrliche Utensil sofort unter den Nagel gerissen. Abwaschen, Abtrocknen und Wegräumen des Bräters – darum dürfe ich mich kümmern. Die noblere Aufgabe der Zubereitung von feinsten Gerichten in diesem Rolls-Royce der Haute cuisine, das obliege einzig und allein dem Chef – mithin Anatol.

Seufzend hatte ich mein Geburtstagsgeschenk dem Butler überlassen. Ich hatte den Bräter noch ausspülen und trocknen dürfen, danach war ich der Küche verwiesen worden. Mit dem Laptop hatte der Saurier sich dort eingeschlossen – dann war längere Zeit nur leises Rumoren aus des Untiers Allerheiligstem zu vernehmen.

„Susanne!“ ruft der Butler schließlich im Befehlston. „Ich brauche Dich zum Gemüseschneiden. Komm sofort her!“

Ich weiss, dass das Tier nun keine Widerrede duldet. Neugierig, wie wohl mein schöner Bräter eingesetzt werden mag, betrete ich die Küche.

Anatol weist mich an, Kartoffeln, Paprika und Tomaten zu waschen und in kleine Viertelchen zu schneiden. Er selbst springt zwischen dem Laptop und der kleinen Casserolle, in der er offenbar eine Marinade zubereiten will, hin- und her.

Während ich das Gemüse abwasche, schiele ich auf den Bildschirm des Laptops. Dort lese ich „Rogan Josh“ und „Jamie Oliver“. Die Webseite ist auf Englisch – versteht der Butler das denn überhaupt ausreichend? Dann sehe ich, dass das Rezept ein Lammfleisch-Curry ist. Was hat der Saurier sich denn dabei nur gedacht?!

Anatol errät meine Gedanken. „Keine Sorge, wir essen kein Fleisch. Ich habe das Rezept etwas abgewandelt – so wird es sogar vegan. Fleisch kommt mir nicht auf den Teller. Schließlich bin ich ein reiner Pflanzenfresser. Anstelle von Lammfleisch nehmen wir einfach Kartoffeln.“

Dann vertieft er sich wieder in das Rezept – jedes zweite Wort auf leo.org nachschlagend. Kann das etwas werden…?

Gerade versuche ich, das kompliziert klingende Rezept nachzuvollziehen, da flucht das Untier laut auf. „Ingwer! Frischer Ingwer soll da auch rein – den habe ich aber nicht im Haus. Susanne, haben wir noch Ingwerpulver?“ Ich schüttle den Kopf. Der Saurier setzt zu einer Schimpfkanonade an – dann verstummt er. „Ich habe noch etwas Zitronensaft. Das kann vielleicht den Ingwer … nun vielleicht nicht ersetzen, aber doch einen etwas exotischen Geschmack dazugeben. Könnte klappen …“

Dann zückt er das kleine Fläschchen, in dem er den Zitronensaft aufbewahrt, und gießt ihn in die Casserolle, in die er bereits Unmengen von kleingehacktem Knoblauch geworfen hat:

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Was für ein Gemisch soll das nur geben? Bang versuche ich, das Rezept nachzulesen und zu verstehen – dies gelingt indessen nicht.

Anatol schnappt sich das gestern frisch angesetzte Sojajoghurt aus dem Kühlschrank und gibt 4 große Esslöffel davon in die Casserolle. Dann streut er einen Teelöffel Kurkume darüber und vermischt Knoblauch, Zitronensaft, Kurkume und Joghurt miteinander zu einer Marinade, in die ich die Kartoffelviertelchen geben darf.

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Die kleine Casserolle bekommt einen Deckel aufgesetzt und kommt in den Kühlschrank.

Dem Rezept entnehme ich, dass das Ganze über Nacht marinieren soll – hierfür ist aber keine Zeit, denn wir wollen ja das Curry (sollte es denn ein solches werden) heute Abend essen …

Knapp erklärt Anatol, es reiche aus, wenn die Kartoffeln nur eine Stunde in der Marinade eingelegt blieben. Da sei er sich ganz sicher!

Ich bin weniger sicher, äußere mich aber lieber nicht. Wenn der Butler erst einmal in Aktion ist, kann man ihn nicht bremsen!

Nun wird endlich der Bräter – oder sollte man nicht eher „Schmorpfanne“ sagen? – eingesetzt. Mit etwas Olivenöl brät Anatol zwei klein geschnittene Zwiebeln an, dann darf ich die Paprikastückchen und die Tomatenviertelchen hinzugeben.

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„Das muss jetzt schmoren!“ erklärt der Saurier und entfernt sich aus der Küche – das Überwachen des Bräters überlässt er wortlos mir.

Ich vertiefe mich indessen in das Rezept. Entsetzt stelle ich fest, dass – zusätzlich dazu, dass das darin verwendete Fleisch durch Kartoffeln ersetzt wurde – Anatol überhaupt nichts so zubereitet hat, wie das Rezept es vorsieht. Offenbar ist es unter des Sauriers Würde, einfach nur ein Rezept nachzukochen. Was werden wir heute Abend zu essen bekommen? Schon die Gewürze, die das Rezept aufzählt, sind gar nicht vorhanden. Wir haben weder frischen Koriander noch Kardammom, geschweige denn eine Zimtstange, Paprikapulver oder Sesamöl. Von den weiteren geforderten Zutaten haben wir eigentlich gar nichts im Haus. Doch- Tomaten, Zwiebeln, Knoblauch und Tomaten. Diese sollen aber eigentlich zu einer Paste gemixt werden: auch das hat der Butler nicht getan.

Was hat er sich hier nur gedacht?

Händereibend betritt der Saurier die Küche. Als erstes lüpft er den Deckel der Sauteuse, wie der Bräter hier heisst. „Fein!“ meint er. „Jetzt können die Kartoffeln dazu.“ Dann holt er die in dem Knoblauch-Joghurt-Mix eingelegten Kartoffeln aus dem Kühlschrank und löffelt das Ganze in den Bräter.

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Zum Schluß gibt er noch etwas von unserer Rogan Josh-Paste von Pataks dazu und schließt den Deckel wieder.

Dann befiehlt er mir, das von ihm „ganz allein erdachte Rezept“ hier im Blog aufzuschreiben.

Da ich nicht lügen möchte, lege ich unter lautem Protestgeschrei des Sauriers die Wahrheit offen. Das Ursprungsrezept stammt von dem nicht unumstrittenen englischen Starkoch Jamie Oliver. Anatol hat im Grunde nichts von dem Rezept beachtet und dankenswerterweise das Lammfleischgericht in ein veganes Essen verwandelt. Nur den Namen (Josh Rogan) hat er übernommen.

Anatol behauptet, er habe aus dem Rezept erst ein perfektes Curry gezaubert.

Ich hingegen frage mich, ob der Butler – des Englischen nicht wirklich mächtig – einfach alles nur falsch verstanden hat.

Geschmeckt hat es aber trotzdem!

 

 

 

153. Kapitel – Der Müllsheriff goes Zero Waste

Frankreich ist das Land der Plastiktüte. Allgegenwärtig, unumgänglich – ja geradezu unausweichlich umgibt uns das Kunststoffutensil, wohin wir uns auch begeben. Kaum ein Baum der Stadt trägt keinen Tütenschmuck in seiner Baumkrone. In den nun wieder belaubten Wipfeln sieht man die weissen, blauen oder gelben Flecken weniger. Bei jedem Einkauf wird indessen fleissig für Nachschub gesorgt: Tüten über Tüten füllen sich mit Obst, Gemüse und Krempel, um kurze Zeit später im Abfall zu landen.

Anatol hat beschlossen, hiergegen zu Felde zu ziehen (wir berichteten). Seit Tagen surft er im Internet auf den einschlägigen No-Waste-Minimalismus-Seiten – grummelnd und sich nachdenklich am Kopf kratzend.

Heute endlich vermeldet der Saurier freudig und lautstark, er habe den Stein der Weisen gefunden – in Form der Webseite „Zero Waste Home“. Dort heisse es, eine vierköpfige Familie könne bei klugem Wirtschaften nurmehr ein kleines Bügelglas Abfall produzieren – und zwar pro Jahr!

Es sei nun alles daran zu setzen, dies auch zu erreichen. Schließlich seien wir bei unserem Vorstoß gegen den Müll schon weit gediehen. Bestimmt sei es möglich, ebenso müllarm zu leben wie die Leute von „Zero-Waste-Home“! Mit der Methode der „5R“ („Refuse, Reduce, Reuse, Recycle, Rot“ – auf Deutsch: „Verweigern, Reduzieren, Wiederverwenden, Recyceln, Kompostieren“) würden wir erfolgreich zum Null-Müll-Haushalt werden – da sei er sich sicher.

Skeptisch ziehe ich die Augenbrauen hoch. Zwar stellt Anatol seit einigen Wochen sehr erfolgreich seine eigene Sojamilch sowie ein etwas gewöhnungsbedürftiges „Joghurt“ her. Wir brauchen so weder abgepacktes Sojajoghurt noch Milch im Tetrapak. Die Mülltütenlage allerdings ist immer noch unbefriedigend – haben wir doch noch keine wirkliche Lösung für unseren Hausmüll gefunden. Und wenn ich an die Unmengen des Verpackungsmülls denke, der uns umgibt, wage ich, Zweifel an dem „kleinen Bügelglas Müll pro Jahr“ anzubringen.

Unsere Realität sieht nämlich so aus:

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Unumgängliche Papier- und Plastikverpackungen, Broschüren, die sich weiterhin in den Briefkasten verirren, Briefumschläge, Mehltüten, Medikamenten-Pappschächtelchen, Kassenzettel und und und … all diese Dinge sammeln sich ganz von allein an und ergeben nach gut zwei Wochen den bekannten, bewährten und gut gefüllten gelben Sack, der  dienstags von der Müllabfuhr abgeholt wird.

Anatol entgegnet hierauf, er werde in den kommenden Wochen den gesamten Papier- und Plastikmüll einer Expertise unterziehen und Stück für Stück festhalten, wie man diesen überflüssigen Abfall reduzieren könne.

Aber wie halten wir es mit dem Hausmüll? Diesen sammeln wir immer noch in einer Plastiktüte – eine Papiertüte kommt hierfür nicht in Frage, da sie von den Obst-, Gemüse- und Teeresten wohl bald durchweicht wäre.

Anatols Antwort auf dieses Dilemma heisst Kompostieren. Seit einiger Zeit durchsucht der Saurier das Internet nach wohnungstauglichen Kompostiermethoden. Die bisher interessanteste Lösung ist eine Wurmkiste. Für diese braucht man nur ein paar Kompost-Regenwürmer (nicht die „normalen“ Regenwürmer, die wir von draußen kennen!), eine spezielle Kistenvorrichtung – und Haushaltsabfälle wie Obstschalen, Teeblätter, Kaffeesatz (letzteres scheint eine Lieblingsspeise unserer fleissigen kleinen Freunde zu sein, konnten wir im Internet lesen). Hat man die Wurmkiste aufgebaut und die Würmer einziehen lassen, muss man sie nur noch mit den gewünschten Abfällen füttern, und das Biomüll-Problem ist gelöst.

Elie hat sich indessen bisher erfolgreich gegen die Installation der Wurmkiste gewehrt. „Ich ziehe dann aus! Würmer finde ich eklig!! Und sicher kommt mich Anna dann nie wieder besuchen!“ hatte er voller Angst krakeelt.

Zumindest seine schlimmste Befürchtung, Anna nie wieder einlanden zu können, bewahrheitet sich nicht: Annas Familie ist deutlich fortschrittlicher als wir und hat bereits einen gut funktionierenden Wurmkompost.

Sobald eine geeignete Ecke für die Wurmkiste gefunden und freigeräumt ist, werden wir dem Biokompost nähertreten. Wir sind sehr gespannt.

Ob wir den Anforderungen des „Zero-Waste-Home“ gerecht werden, ist jedoch noch unsicher.

 

 

152. Kapitel – Der Schnellkochtopf

Anatol ist kategorisch. Wer Strom beim Kochen sparen will, braucht eine Cocotte minute – einen Dampfdruckkocher. Das in Deutschland geradezu verpönte, da als gefährlich empfundene Gerät ist bei unseren französischen Freunden weit verbreitet. Kaum eine Küche in Frankreich kommt ohne das zeit- und energiesparende Utensil aus.

Warum sollten wir darauf verzichten?

Nach einer regelrechten Schnellkochtopf-Odyssee, die uns einen ganzen Tag lang beschäftigt (mehrere Kocher sind beschädigt und müssen umgetauscht werden) halten wir unseren Dampfkochtopf endlich in Händen.

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Wie nutzen wir ihn?

Die Gebrauchsanleitung ist außerordentlich technisch gehalten und erlaubt uns nicht, mit Sicherheit festzustellen, ob wir bei der Inbetriebnahme wirklich alles richtig gemacht haben.

Dennoch entschließen wir uns, heute mittag unsere ersten Dampf-Pellkartoffeln in dem schönen Dampfkocher zuzubereiten.

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Die Kartoffeln kommen in das Dampf-Körbchen, dazu 500ml Wasser. Dann schließen wir den Topf und schalten die Kochplatte ein.

Elie ist bereits zur Tür herausgeschlüpt – er fühlt sich bei Anna im Nachbarshaus nun sicherer.

Anatol meint, der Topf mache ja alles ganz von selbst. Er zieht sich daher mit einem Buch in sein Nestchen zurück.

Ich bleibe allein – mit dem Schnellkochtopf. Was nun? Zunächst geschieht: gar nichts. Ich studiere die Gebrauchsanleitung ein weiteres Mal – ohne neue Erkenntnisse.

Da – ein Zischen ertönt! Vorsichtig spähe ich um den Kühlschrank herum und stelle fest, dass ausgerechnet aus dem Sicherheitsventil Dampf entweicht. Ist das normal? Das User Manual sagt dazu nichts. Ich ziehe mich in den Flur zurück – hier bin ich jedenfalls ganz sicher.

Der Topf beginnt nun, immer lauter zu zischen. Muss ich den Strom runterschalten? Darf ich mich dem Gerät überhaupt nähern? Unschlüssig sehe ich Anatol an, der beklommen aus seinem Nestchen schaut.

„Wir können immer noch den Hauptschalter betätigen…“ meint der Saurier.

Nun zischt und pfeift der Top in kurzen Abständen. Ich stelle mit zitternden Händen die Kochzeit ein: 10 Minuten.

Anatol schleicht sich todesmutig an die Kochplatte heran und dreht den Strom herunter. Dennoch brauset und zischt das Gerät weiter – während Anatol und ich angstbebend im Flur in Deckung verharren.

Das Handy klingelt: 10 Minuten sind um.

Ich wage mich in die Küche und nehme den Topf von der Kochplatte. Anatol zieht das Ventil hoch: ein letztes Zischen ertönt – dann herrscht Stille.

Ich ziehe meine Motorradjacke und die Handschuhe an. Den Helm lasse ich weg – ein wenig zu peinlich ist mir das doch.

Dann öffne ich den Schnellkochtopf. Dabei passiert – nichts. Der gesamte Dampf ist durch das Ventil entwichen und das Gerät ist vollkommen entschärft.

Am Boden des Dampfdrucktopfes erwarten uns die leckersten Pellkartoffeln, die wir seit langem gegessen haben. Sie sind gar, fest und haben den perfekten Pellkartoffelgeschmack, den Anatol mit etwas Salz, Pfeffer und Walnussöl noch verfeinert.

Wir sind mit unserem neuen Topf sehr zufrieden!

151. Kapitel – Der Fall des Öko-Gurus: Joghurt-Miseren

Bedröppelt schaut der Saurier in die Joghurtmaschine.

Anstelle eines glatten, festen, weissen Joghurtblocks grinst ihm die hässliche Fratze unserer ersten Joghurt-Havarie entgegen:

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Was ist geschehen?

Heute früh hatte Anatol die selbstgemachte Sojamilch mit einem letztens hergestellten wunderbar festen Sojajoghurt vermischt und in die Joghurtmaschine gestellt.

Beides – Sojamilch und „Starterjoghurt“ – kamen aus dem Kühlschrank. Anatol hatte die beiden Zutaten erst auf Zimmertemperatur erwärmen wollen, aber ich hatte vorgeschlagen, die Joghurtmaschine einfach eine Stunde länger laufen zu lassen – was der Saurier dann unter leisem Protest getan hatte.

Nun, acht Stunden später, haben wir den Salat: geronnene, phasengetrennte Sojamilch:  klare, molkeartige Flüssigkeit als obere Schicht, heller Sojaschlamm auf dem Boden.

„Ihhhh ist das eklig!“ zetert Elie. „Das ess ich jedenfalls nicht!“

„Papperlapapp!“ grummelt Anatol, sichtlich enttäuscht von der Sojamisere. Er zückt einen Teelöffel, nachdem er vorsichtig an der unappetitlich aussehenden Masse geschnuppert hatte.

„Riechen tut es prima!“ vermeldet der Saurier. Dann probiert er etwas von der Flüssigkeit, die er vorher umgerührt hat.

„Es schmeckt wie sehr dünnflüssiges Joghurt!“ Freudig schlürft der Butler den Teelöffel aus. „Ist eindeutig essbar. Vielleicht können wir es im Müsli als Milchersatz verwenden und so immerhin aufbrauchen.“

„Ich vergifte mich doch nicht mit Euren Experimenten!“ Elie ist empört. „Guck doch wie fies das aussieht! Diese ekligen kleinen Stücke in der Pampe da – nee ich ess das nicht!“

Anatol muss zugeben, dass das Ergebnis optisch kein Bringer sei. Weggeworfen werde hier jedoch nichts, was noch gut sei. Von „vergiften“ können keine Rede sein. Einzig Konsistenz und Optik seien nur suboptimal gelungen – der Geschmack sei wie immer „eins A“.

Das verunglückte Joghurt bekommt einen Deckel und wandert flugs in den Kühlschrank.

Dann beratschlagen wir.

Was ist schiefgegangen? Was hat das Missgeschick verursacht? Anatol vertieft sich ins Internet und die einschlägigen Blogs und Foren – und findet ähnliche Misserfolge bei der Joghurtherstellung aus selbstgemachter Sojamilch. Wie kann das sein?

Wir werden weiter forschen.

Für heute bleibt uns nur, die Joghurt-Misere in den Mixer zu befördern und zu versuchen, zumindest eine etwas homogene „Soja-Sauermilch“ herzustellen.

Wir werden berichten.

 

150. Kapitel – Öko-Guru Anatol: wir kochen Sojamilch

Vor kurzem hatten wir von Anatols Joghurt-Experimenten berichtet. Wie ist es damit weitergegangen?

Leider muss ich sagen, dass Anatols Ergebnisse mit der Heizungs-Methode alles andere als zuverlässig sind. Mal schmeckt das Joghurt wunderbar, dann wieder ist es alkoholisch bizzelig und ungenießbar.

Nachdem Anatol diverse Joghurtversuche in der Mülltonne versenkt hatte, waren wir zähneknirschend zu der Erkenntnis gekommen, dass eine Joghurtmaschine her muss. Für diese hat Anatol sich entschieden:

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Anatols Joghurts sind seither ein Hochgenuss – nach gewissen Abenteuern mit unterschiedlichsten Joghurtkulturen. Mit den Yalacta-Kulturen aus der Apotheke haben wir nun unser Glück gefunden.

Aber wie kommen wir weg von den Tetra-Packs, in denen unsere Sojamilch schlummert?

Anatol hat beschlossen, einen Versuch zu wagen: und zwar will er Sojamilch einfach aus Sojabohnen selber herstellen. Ob das gut geht…?

Im Bioladen findet Anatol geschälte Sojabohnen. Das ist wichtig: ungeschälte Bohnen, so heisst es im Internet, sorgen für einen strengen Geschmack der Sojamilch und infolgedessen für eine schlechte Compliance beim Patienten – pardon, beim Sojamilchtrinker. Auf gut Deutsch: die Milch schmeckt dann so scheußlich, dass sie niemand trinken mag. Das wollen wir natürlich nicht.

Nach eifrigem Studium der einschlägigen Webseiten hat Anatol eine gute Anleitung für die Herstellung der Sojamilch gefunden.

Zunächst werden die Bohnen über Nacht eingeweicht (ganz einfach im Glas mit viel Wasser):

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Am nächsten Morgen macht Anatol sich an die Arbeit mit den Sojabohnen. Die eingeweichten Bohnen werden gewaschen und in einem großen Topf für anderthalb Stunden gekocht.

Meine Bemerkung, stromsparend sei die Sache wohl nicht, straft Anatol mit Nichtbeachtung. Mit Argusaugen überwacht er den Topf, in dem seine Sojabohnen köcheln und macht sich in der Küche zu schaffen.

Stören darf man den Saurier jetzt nicht.

Als die schier unendliche Kochzeit um ist, baut der Butler unseren Mixer auf und füllt eine relativ kleine Menge der gekochten und noch einmal gründlich gewaschenen Sojabohnen ein. Wasser kann man mit dem Rezept leider ebenfalls nicht sparen – dies verkneife ich mir jedoch, dem am Mixer hantierenden Saurier mitzuteilen.

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Die Bohnen werden etwa drei Minuten ganz fein gemixt. Das Ergebnis kann sich sehen lassen:

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Die nächsten Schritte sind so aufwendig und machen so viel Dreck, dass wir in Zukunft darauf verzichten werden:

Die Milch, in der noch winzige Sojastückchen schwimmen, soll laut Rezept abgeseiht werden. Dies stellt sich als eine riesige Schweinerei heraus, da die Milch nicht durch das Passiertuch hindurchfließt. Auf Verlangen des Sauriers, der sich seine Pfötchen nicht schmutzig machen möchte, muss ich das Tuch mitsamt Inhalt auswringen – dies sollte nur mit frisch gewaschenen Händen stattfinden.

Nach einigen Anstrengungen ist die Milch im Glas:

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Der im völlig verschmierten Passiertuch noch vorhandene Rückstand heisst Okara und kann zu leckeren Dingen weiterverarbeitet werden. Leider ist unser Okara untrennbar mit dem Passiertuch verbunden. Unter dem lauten Protestgeschrei des Butlers wasche ich das Tuch aus – wir werden in Zukunft ein feines Sieb verwenden und das Okara gebührend weiterverarbeiten.

Wie schmeckt die selbstgemachte Sojamilch?

Anatol findet sie göttlich. Ich würde ihren Geschmack, wenn das Untier nicht mit dem Nudelholz neben mir lauerte, als gewöhnungbedürftig bezeichnen – auf keinen Fall aber als ungenießbar.

Anatol meint, man dürfe durchaus etwas Zucker oder Agavendicksaft in die Milch geben, um sie noch schmackhafter zu machen.

Fazit: der Arbeitsaufwand ist groß, der Geschmack annehmbar. Ich werde mit den Sauriern die Anschaffung eines Getreidemilch-Automaten erörtern. Vielleicht lohnt sich eine solche für uns?

Hier noch einmal alle Arbeitsschritte und das Rezept, welches inspiriert wurde von www.mehr-als-rohkost.de

  • Im Bioladen geschälte Sojabohnen kaufen; wir haben 500g gekauft, damit kommt man recht weit.
  • Etwa zwei Handvoll Sojabohnen über Nacht einweichen lassen (man kann aber auch deutlich mehr nehmen – siehe unten)
  • Am nächsten Morgen die Bohnen gut waschen und in einem Topf anderthalb Stunden kochen. Das ist wichtig, weil die Bohnen sonst unbekömmlich sind und Bauchschmerzen verursachen.
  • Die gekochten Bohnen in den Mixer tun, mit etwa drei mal soviel Wasser wie Bohnen.
  • Mindestens drei Minuten mixen, bis alles schön „glatt“ ist.

Den folgenden Schritt werden wir demnächst nicht mehr durchführen (wir werden uns nach einem sehr feinen Sieb umsehen; das Passiertuch gibt wirklich eine sehr große Schweinerei):

  • Die Sojamilch aus dem Mixer durch ein Passiertuch abseihen

Nun kommt die Sojamilch in eine Flasche und dann in den Kühlschrank. Sie hält sich gekühlt etwa eine Woche, sagt Anatol.

Je nach Gusto kann man sie mit Zucker, Agavensaft oder Ahornsirup verfeinern.

Um Strom zu sparen, hat Anatol gleich eine große Menge Sojabohnen eingeweicht und gekocht. Die überschüssigen gekochten Bohnen hat er eingefroren; ob das eine gute Idee ist, wird sich bei der nächsten Sojamilch-Aktion zeigen.

Viel Spaß beim Sojamilchherstellen!

Nachtrag: heute waren wir bei dm und haben Rohrzucker (Bio Vollrohr-Zucker) gekauft. Mit diesem lässt sich unsere Sojamilch tatsächlich in etwas verwandeln, das man durchaus als lecker bezeichnen könnte! Von unseren weiteren Sojamilch-Experimenten werden wir berichten!

148. Kapitel – Die Fahrradkette

Ein verregnetes, kaltes Osterwochenende hat Anatols Laune auf den Nullpunkt sinken lassen.

Zeternd und schimpfend ist er in der Küche verschwunden, nachdem ich die alljährliche Ostereiersuche im Park wegen Dauerregens abgesagt und mich dann auch noch ins Büro verabschiedet hatte, um dort endlich mehrere liegengebliebene Akten zu ordnen und wegzuräumen.

Gegen 17 Uhr – pünktlich zum Tee – erscheine ich wieder zu Hause, in der Hoffnung, eine gemütliche Teestunde mit den Sauriern zu verbringen.

Anatol sitzt indessen griesgrämig am Schreibtisch – in die Monatsabrechnung vertieft. Elie hat sich mit seinem Buch – „Kapitän Bontekoes Schiffsjungen“ – in sein Nestchen verkrochen und schmökert. „Ist gerade ganz spannend!“ ruft er. „Ich will keinen Tee – muss weiterlesen!“

Ich setze das Teewasser auf und stelle die Tassen auf den Tisch. „Gibt es denn keinen Kuchen …?“ frage ich Anatol, meine Enttäuschung kaum verbergend.

„Nein, es gibt keinen Kuchen!“ pampt mich der Saurier an. „Ich habe auch noch anderes zu tun, als Kuchen zu backen und den Haushalt zu führen! Deine Monatsabrechnung ist diesmal eine einzige Katastrophe. Für die werde ich noch bis heute abend brauchen! Ist es denn zu fassen – Du hast diesen Monat nicht eine, auch nicht zwei, sondern gleich drei – in Worten: DREI! – neue Jeans gekauft! Wie geht das eigentlich mit Deinem angeblichen Minimalismus zusammen?“

Wutschnaubend vertieft sich das Untier wieder in Kassenzettel, Quittungen und Kontoauszüge – und unterstreicht seine Rage durch penetrantes Rascheln in dem Papierberg.

Ein wenig beschämt sehe ich an mir herunter und betrachte meine wunderschöne neue Jeans. Sie sieht nicht nur großartig aus, sie passt auch vorzüglich. Nichts engt ein, nichts kneift. Eine Offenbarung, nachdem ich meine geliebten alten Jeans nur noch unter Qualen und massiver Kraftaufwendung hatte anziehen und zumachen können – von Wagnissen wie sich damit hinzusetzen ganz zu schweigen.

Ich setze zur Gegenwehr an. „Du bist schuld, Anatol! Wenn Du nicht ständig diese fettigen Bratkartoffeln … “ hier werde ich werde unterbrochen: der Saurier stößt einen Wutschrei aus.

„Ja ist es denn zu fassen?“ poltert er los. „Du hast schon wieder eine neue Fahrradkette aufziehen lassen!? Die letzte war doch erst im Oktober! Das ist einfach nicht möglich – drei Fahrradketten in nicht mal anderthalb Jahren!“

Anatol hat den Kassenzettel des Fahrradladens entdeckt.

Ich hatte mich selbst gewundert, dass die Fahrradkette schon wieder hatte gewechselt werden müssen. Am Samstag war ich mit dem Fahrrad in der Stadt gewesen und hatte es bei dieser Gelegenheit bei der Radwerkstatt vorbeigebracht. Seit einiger Zeit war mir nämlich aufgefallen, dass in manchen Gängen die Kette (oder der Zahnkranz? das war schwer auszumachen…) etwas durchrutschte. Um keinen größeren Schaden zu erleiden hatte ich das Rad lieber dem Spezialisten gezeigt und ihm das Problem beschrieben.

Der Reparateur war kategorisch gewesen: laut Verschleißlehre sei die Kette abgenutzt und müsse ausgetauscht werden. Seufzend hatte ich der Reparatur zugestimmt und war 15 Minuten später mit einem neu beketteten, geölten und perfekt aufgepumpten Rad fröhlich pfeifend direkt zum Jeansladen weitergefahren.

Die dabei produzierten Kassenzettel hatte das Untier nun in meinem Portemonnaie entdeckt – gehört doch die monatliche Abrechnung zu seinen Aufgaben.

„Wenn Du mir jetzt weismachen willst, die Kette sei auch durch meine „fettigen Bratkartoffeln“ abgenutzt worden, werde ich wütend!“ zischt der Butler giftig.

Nun pfeift zum Glück der Wasserkessel – ich eile in die Küche und brühe den Tee auf.

Dann erkläre ich dem Saurier mit Nachdruck, dass sowohl der Jeanskauf als auch die Reparatur der Fahrradkette unabdingbare Investitionen gewesen seien und dass ich darüber nun weiter nicht diskutieren werde. Allerdings schlage ich dem Butler vor, wegen der Fahrradkette im Radforum nachzulesen – dort fände sich vielleicht eine Lösung? In der Tat erfreut mich die Aussicht auf einen halbjährlichen Kettenwechsel nicht. Das Kettenproblem muss gelöst werden.

Anatol lässt die Monatsabrechnung auf dem Schreibtisch liegen und setzt sich zu mir an den Teetisch. Obwohl ich das normalerweise nicht dulde, knipst er das Laptop an und sucht die Webseite des Radforums. Da seine geradezu unterirdische Laune sich nun zumindest etwas hebt, lasse ich ihn diesmal gewähren.

Nachdem eine kurze Suche nach „Kettenwechsel“ und „Kettenabnutzung“ nicht erfolgreich ist, entschließt sich Anatol, ein neues Thema zu erstellen und die Frage des ständigen Kettenverschleißes direkt an die Spezialisten zu richten. Da ich bereits im Radforum Mitglied bin, kann Anatol problemlos unter meinem Pseudonym posten.

Dann genießen wir endlich in Frieden unseren Tee.

Als ich noch einmal zum Teeaufbrühen in die Küche gehe, wirft Anatol einen Blick in das Radforum. Ob wohl schon jemand auf seine Frage geantwortet hat? Aufgeregt rutscht der Saurier auf seinem Stuhl herum. „Da steht was!“ ruft er in die Küche. „Es hat jemand geantwortet!“

Gespannt gieße ich das kochende Wasser in die Teekanne, als ein markerschütternder Wutschrei aus dem Wohnzimmer ertönt. Ich lasse beinahe den Wasserkessel fallen und verschütte das restliche heisse Wasser – glücklicherweise nur über die Küchenanrichte. Fluchend suche ich nach einem Lappen. Es ist glimpflich ausgegangen – ich hätte mich selbst oder einen der Saurier, hätte er auf der Anrichte gestanden, böse verbrühen können. Ich wische die Überschwemmung auf und kehre mitsamt der Teekanne zu einem tobenden Anatol ins Teezimmer zurück.

„Bist Du von allen guten Geistern verlassen, Anatol? Was soll das Gebrüll?“

Anatol antwortet nicht. Voller Wut tippt er auf die Tastatur ein. Da ich nichts Gutes ahne, drücke ich ungerührt den „Aus“-Knopf. Mit einem melodiösen Summen verabschiedet sich der Laptop in den Ruhezustand.

Ein lauter Fluch des Sauriers ist die Antwort. „Jetzt ist mein Beitrag weg! Dabei muss ich darauf reagieren, was der da geschrieben hat! Das glaubst Du nicht!“ Anatol springt aufs Laptop und versucht, das Gerät wieder zum Laufen zu bringen. Ich nehme den Computer an mich und stelle ihn auf den Schrank.

„Schluss jetzt damit. Hat jemand unser Fahrrad wieder als alten Schrott bezeichnet? Das kennst Du doch schon. Darüber braucht man sich nicht aufzuregen.“

„Nein! Das war es nicht. Der hat geschrieben, meine Frage sei wieder mal typisch Frau und unverständlich! Männer könnten kurz und knapp das Problem beschreiben, bei Frauen müsse man das erahnen! Den nehm ich mir vor! Erstens ist das total frauenfeindlich! Und zweitens bin ich keine Frau! Ich kann technische Zusammenhänge erklären!“

Mit einer spitzen Bemerkung mache ich Anatol auf den leichten Widerspruch des eben Gesagten aufmerksam. Anatol wird puterrot und murmelt etwas von „nicht so gemeint!“.

Dann kommt die Wut wieder durch: „Dem erzähl ich was!“

Da Anatol unter meinem Pseudonym geschrieben hatte, mussten die Forenmitglieder fälschlicherweise glauben, hier schreibe eine Frau. Dass dies kein Grund für Macho-Bemerkungen ist, versteht sich von selbst. Leider ist das Miteinander im Internet nicht immer so, wie man es gern hätte.

Ich erkläre Anatol, dass – wie er ja bereits aus dem Woodworkerforum wisse – der Umgangston in manchen Foren sehr rauh sei. Dass das Beste immer noch sei, darauf nicht einzugehen. Schließlich stünde man über derlei Gerede.

Indessen hat es weitere Kommentare gegeben, darunter auch sehr hilfreiche für unser Problem. Ein freundlicher und kompetenter Fahrradkenner schreibt, dass Radlerinnen oft geduldiger und genauer die aufgetretenen Probleme schildern. Hier atmet Anatol auf!

Als Quintessenz ergibt sich, dass wir nun häufiger die Kette werden schmieren und pflegen müssen, und zwar mit Trockenschmierstoff – nicht mit dünnem Nähmaschinenöl.

Da sich die Saurier ihre perfekt manikürten Plüschpfoten nicht mit Kettenfett beschmutzen wollen, wird dies wohl meine Aufgabe sein.

147. Kapitel – Müllsheriff Anatol

Kratz kratz kratz macht mein Teelöffel im Joghurtbecher. Genüßlich schabe ich die letzten Reste meines geliebten Sojajoghurts aus dem kleinen Plastikgefäß heraus, stopfe das Aluminiumdeckelchen hinein und werfe es – zack – in die an der Küchentürenklinke hängende Plastikmülltüte. Dort verschwindet es mit einem Rascheln zwischen den dort bereits wartenden Müllgenossen: weiteren Plastikbecherchen, Mandarinenschalen, Katzenfutterresten und ähnlichen feinen Dingen. In Frankreich gibt es keine Mülltrennung für Bioabfall.

Anatol hat mich bisher vom Herd aus, wo er das Curry für den morgigen Tag zubereitet, stumm beobachtet. Nun schüttelt er mißbilligend den Kopf. „Damit ist jetzt Schluß!“ zetert er los.

Erschrocken lasse ich meinen Teelöffel, den ich soeben in die Spülmaschine hatte einräumen wollen, auf den Fliesenboden fallen. Klirrend springt er durch die Küche und kommt unter der Spülmaschine zum Liegen.

„Soll ich jetzt etwa auch kein Joghurt mehr essen?“ frage ich entsetzt – und ein wenig wütend. „Noch weniger kann ich nicht essen!“ Ich versuche gerade – erfolglos – drei sehr anhängliche Kilos, die das Tragen meiner Lieblingsjeans zur Tortur werden lassen, loszuwerden. Aber nun auch kein Joghurt mehr?

„Nein, das meine ich nicht.“ seufzt Anatol. „Ich meine den Müll. Gestern habe ich in der TAZ gelesen, dass im pazifischen Ozean eine Fläche aus Plastikmüll herumschwimmt, die so groß wie Europa ist! Ein Kontinent aus Müll! Stell Dir das mal vor!“

Elie hüpft vom Regal herunter und kommt in die Küche. „Ja, das haben wir auch in der Schule gelernt. Das Schlimmste daran ist, dass die Tiere unseren Müll fressen und daran sterben. Oder sich in den Plastikresten verheddern und sich verletzen. Ich kann das nicht ertragen, nur daran zu denken!“

Ich schlucke. Von dem Plastikkontinent hatte ich auch schon gelesen, hatte diesen jedoch nach anfänglicher Entrüstung erfolgreich verdrängen können. Nun holt Anatol den Müllberg wieder aus den Tiefen meines beschämten Unterbewusstseins hervor.

Es ist klar, dass zumindest die kleinen Schritte, die wir gehen können, um die Plastikmisere abzumildern, getan werden müssen.

„Was schlägst Du denn vor, Anatol? Kein Joghurt mehr? Keine Mülltüten mehr? Jede Apfelschale einzeln unten in die Mülltonne? Wir fliegen dann bald achtkantig hier raus, das weisst du, nicht?“

„Ich habe schon darüber nachgedacht. Du sollst Dein Joghurt ja haben! Aber von heute an mache ich das Joghurt selbst. Dann sparen wir zumindest diese Plastkjoghurtbecher ein. Für die Mülltüten habe ich noch keine Lösung. Ich arbeite daran. Die Klarsichtfolie wird reduziert – und Plastikflaschen ebenfalls. Es muss sich einfach etwas ändern!“

Ich bin beeindruckt. Joghurt selber machen! Wie soll das denn gehen? Dazu braucht man eine Joghurtmaschine – aber neue Elektrogeräte werden nicht mehr angeschafft. Kategorisch widerspreche ich!

„Papperlappapp!“ kontert Anatol. „Ich mache Joghurt ohne jede Maschine! Du wirst schon sehen.“

Der Saurier öffnet eine Seite im Browser, die er sich offenbar als Lesezeichen bereits eingerichtet hat. Experiment Selbstversorgung heisst es da, und „Sojajoghurt selber machen“.

Das Rezept ist einfach: ein kleines Joghurt wird in 45°C warme Sojamilch eingerührt und dann mehrere Stunden warm gestellt. Bei uns geschieht das auf der warmen Heizung.

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Nach 7 Stunden ist das Milch-Joghurt-Gemisch zu einer gallertartigen Masse geworden, die Anatol schnurstracks in den Kühlschrank stellt.

Probieren darf ich das Joghurt erst heute Abend. Ich bin sehr gespannt. Dann fällt mir etwas ein.

„Anatol, wenn wir aus der Sojamilch jetzt unser Joghurt herstellen, dann brauchen wir ja mehr Sojamilch als vorher, nicht wahr?“

Der Saurier nickt. „Das ist ja logisch. Anstelle von 1l Sojamilch pro Woche werden wir so etwa 2l brauchen. Aber die kostet ja nicht viel.“

Nein, sie ist nicht teuer, unsere Sojamilch. Aber sie kommt im Tetrapack.

Anatol sieht mich grimmig an. „Warum musst Du jetzt sowas sagen?“ zetert er. Dann denkt er kurz nach.

„Ich werde eben auch die Sojamilch selber machen. Wie, weiss ich noch nicht. Aber das muss doch zu schaffen sein …“

Dann vertieft er sich ins Internet. Ich bin sicher, er findet eine Lösung!

Ich koste jetzt unser erstes selbstgemachtes Joghurt. Es schmeckt großartig!

146. Kapitel – Pelle der Luchs zieht um

Ein trister, wolkenverhangener Januarsonntag ist verstrichen. Anatol und ich haben uns am späten Nachmittag entschlossen, eine kleine Sonntagsspazierfahrt zu unternehmen und auf dem Rückweg zum 5 o’clock Tea im Café Brant einzukehren.

Elie ist heute bei Mirko – dort versucht er sich davon abzulenken, dass seine geliebte Anna dieses Wochenende Besuch von Angelo hat. Der Überflieger wird Anna vermutlich von seinem Semester in Harvard und seinen Forschungsarbeiten erzählen – damit kann Elie nicht mithalten. Ob die Berichte aus Harvard Anna allerdings wirklich fesseln werden, da sind Anatol und ich uns nicht sicher. Elie fürchtet hingegen die Konkurrenz des Cracks.

Nach einer kurzen Radtour durch die Dämmerung erreichen wir das Café Brant. Alle Tische sind besetzt – geschäftig laufen die Kellner mit ihren Tabletts durch den Saal, servieren Kaffee, Kuchen und verfrühte Apéritifs.

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Da – ein Tisch wird frei. Anatol springt unbemerkt unter Tischen und Stühlen durch das Café und hüpft auf den Tisch. Dann zieht er sich flugs meinen Schal, den er sich vorher geschnappt hatte, über und verschwindet vollständig darunter – der Tisch ist reserviert! Wie oft habe ich dem Untier verboten, dies zu tun – und ihm erklärt, dass derlei Taten von sehr schlechtem Benehmen zeugen! Genutzt hat es nichts… Ich seufze. Dann setze ich mich an den Tisch, insgeheim froh über das eigenmächtige Handeln des Sauriers.

„So etwas gehört sich nicht!“ zische ich dem Übeltäter zu. „Papperlapapp!“ flüstert dieser. „Willst Du noch ewig auf einen Tisch warten? Ich möchte nicht erst in einer Stunde Tee trinken!“

Während ich versuche, dem Kellner klarzumachen, dass ich zwar auf niemand weiteren warte, aber dennoch zwei Tassen für den Darjeeling haben möchte, wühlt der Saurier in meiner Tasche herum. Triumphierend streckt er mir mein Tablet entgegen. „Das habe ich extra eingepackt! Schließlich ist die Geschichte von Pelle, unserem Luchs, immer noch nicht zuende geschrieben. Das kannst Du jetzt tun. Ich trinke derweil den Tee und beobachte Leute. Vielleicht seh ich mir das Café auch mal näher an …!“

Es stimmt: unser Luchs-Abenteuer war unterbrochen worden und wartet immer noch auf seine Auflösung … Ich knipse das Tablett an und beginne zu tippen.

Der Kellner bringt unseren Tee – wir bekommen sogar die erbetenen zwei Tassen. Nun sehe ich, dass Anatol gar nicht mehr unter meinem Schal versteckt auf dem Sessel sitzt, sondern sich heimlich entfernt hat! Etwa drei Tische weiter sehe ich ihn, wie er zwischen den Beinen der Gäste hindurchschlüpft, dem einen oder anderen frech am Hosenbein zupft und sich dann feixend hinter einer buschigen Grünpflanze versteckt. Ich stöhne. Was, wenn das Untier entdeckt wird?

Das Beste ist immer noch, dem Saurier keine Aufmerksamkeit zu schenken. Er wird – so hoffe ich – seine Frechheiten beenden, sobald ich mich in meine Luchs-Geschichte vertieft habe. Ein anderes Publikum als mich hat das Tier ja nicht – will es doch von niemandem bemerkt werden.

Nun vertiefe ich mich in die Geschichte von Pelle, dem Luchs weiterlesen

145. Kapitel – Omas Bratkartoffelpfanne

Wie Anatol fast einen Küchenbrand legt und eine alte Erinnerung an meine Großeltern zum Leben erweckt …

Nachdem Anatol sich dem mit gehöriger Verspätung eingetroffenen Weihnachtsgeschenk in der Abgeschiedenheit seiner Küche hatte widmen wollen, war ich in die Stadt gefahren.

Manchmal muss man den Saurier allein werkeln lassen – er kann sonst unangenehm werden und regelrechte verbale Hiebe austeilen.

Nach einem Besuch bei einer Freundin, einem gemeinsamen Stadtbummel und dem obligatorischen Crêpe mit Zucker und Zimt fahre ich zurück nach Hause.

Es ist Abend geworden. Die über die Straße gespannten Laternen beginnen, ihr fahles Licht über das Viertel zu werfen. Kein einziger Sonnenstrahl ist heute durch die dichte graue Wolkendecke gefallen – fast erscheint das Aufleuchten der Straßenlampen wie ein verspäteter Sonnenaufgang.

Ich stelle mein Rad im Fahrradschuppen ab, sehe in den glücklicherweise leer gebliebenen Briefkasten und steige gedankenverloren die Treppe hinauf.

Im dritten Stock fällt mir ein starker Rauchgeruch auf – die Nachbarn haben offenbar etwas anbrennen lassen. Während ich noch meinem innerlichen Bedauern über das verkorkste Abendessen der guten Leute nachhänge, erreiche ich unsere Etagentür – und erstarre.

Aus dem Türrahmen dringen dunkle Rauchschwaden ins Treppenhaus. Die Tür ist von Dunst umsäumt – fast unwirklich erscheint das Bild! Träume ich?

Nun dringen Stimmen – und Husten – durch die Tür. Schlagartig erwache ich aus meinen Träumereien – es brennt!

Saurier und Katzen befinden sich in dem Appartment – was ist zu tun? Reflexartig – und brandwehrtechnisch vollkommen regelwidrig ! – öffne ich die Tür. Ich bin augenblicklich von dichtem Qualm umgeben.

„Anatol! Elie!!“ rufe ich verzweifelt.

In diesem Moment setzt ein ohrenbetäubendes Schrillen ein: der Feuermelder ist angesprungen.

Ich stürze in die Küche, wo sich die Rauchquelle zu befinden scheint. Wie durch dichte Nebelschwaden sehe ich nun schemenhaft den Saurier, am Herd stehend und seelenruhig in einer Pfanne mit vollständig verkohltem Inhalt herumstochernd.

Flammen entdecke ich nirgends.

„Elie, mach endlich das Fenster auf!“ brüllt der Saurier, der mich durch den Qualm noch gar nicht gesehen hat – sogar den Rauchmelder übertönend. „Sonst haben wir hier gleich die Feuerwehr!“

Ich stürze ans Küchenfenster und reisse es auf. Dann greife ich nach der Trittleiter, steige hinauf und drücke auf den Knopf, der den gellenden Alarm des Rauchmelder beendet.

Mit einem Satz bin ich am Herd und herrsche den Butler an: „Was geht hier vor? Willst Du das Haus abfackeln?“

Empört sieht Anatol mich an. „Abfackeln? Das Haus? Natürlich nicht! Ich brenne gerade unsere neue Pfanne ein.“

Dann wendet er sich wieder hingebungsvoll den kohlrabenschwarzen Resten in der Pfanne zu und knurrt kopfschüttelnd „Null Ahnung von Bratpfannen – pfffffff…“

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Der Qualm hat mittlerweile den Raum durch das weit geöffnete Fenster verlassen.

Eine Gefahr für die Bewohner des Hauses habe zu keinem Zeitpunkt bestanden, behauptet der Saurier – ich bin hier allerdings anderer Ansicht und bringe dies auch lautstark zum Ausdruck.

Was die Räucherangelegenheit solle, frage ich den Butler nun wütend!

Etwas kleinlaut meint Anatol, es habe eigentlich eine Überraschung sein sollen. Ich schnaube grimmig. Eine schöne Überraschung!

Nun folgen Erklärungen des Sauriers. Er habe vor ein paar Tagen im Internet eine wunderschöne, handgeschmiedete Eisenpfanne gefunden. Nur mit einer solchen sei es möglich, Bratkartoffeln, die diesen Namen auch verdienten, zu braten. In den neumodischen beschichteten Pfannen könne man keine Bratkartoffeln zubereiten. Zumindest keine guten!

Daher habe er die Pfanne gekauft und sich zusenden lassen. Heute sei das ersehnte Stück endlich angekommen! Eine Eisenpfanne der Firma Turk, aus einem einzigen Stück Eisen von Hand geschmiedet – wie bereits vor hunderten von Jahren!

Verliebt sieht der Saurier auf sein Goldstück, die neue Pfanne, in der brikettähnliche Hinterlassenschaften rauchen.

„Ich hoffe mal, dass DAS DA nicht die von Dir erwähnten besten Bratkartoffeln sind!“ bemerke ich ironisch.

DAS DA sind die zum Einbrennen der Pfanne notwendigen Kartoffelschalen. Sie werden mit Salz und Öl so lange geschmort, bis sie ganz schwarz sind. So wird die Pfanne eingebraten. Das wird schon seit Jahrhunderten so gemacht – was Dir offensichtlich vollkommen unbekannt ist!“ klärt mich das Tier auf. „Die Schalen werden, sobald sie abgekühlt sind, weggeworfen. Und dann brate ich Dir in der Eisenpfanne die besten Bratkartoffeln, die Du je gegessen hast. Die von Deiner Großmutter ausgenommen. Die waren genau so gut.“

Ich stutze. Omas Bratkartoffeln … oh ja, die waren großartig …

Mit einem Schlag ist die Erinnerung da: an die uralte schwarze Pfanne, die in Omas Küchenanrichte aufbewahrt wurde, wenn sie nicht gerade im unermüdlichen Einsatz auf dem hochbetagten Gasherd war, um die köstlichsten Gerichte hervorzubringen, die ich je gegessen habe…

Ich ergreife die neue Pfanne, entferne die kohlschwarzen Kartoffelschalen und sehe das Stück schmiedeeiserner Handwerkskunst näher an. War es möglich? Es war tatsächlich die gleiche Pfanne, das gleiche Modell, wie jenes, das von meiner Großmutter Jahrzehnte lang verwendet worden war.

Bewegt setze ich mich auf unsere Trittleiter. „Anatol, das ist wirklich Omas Pfanne … ich freue mich sehr darüber. Aber nie wieder machst Du solche Einbrennaktionen alleine!“

Anatol verspricht dies hoch und heilig.

Dann verkündet er, Elie habe jedes Stadium des Einbratens mit dem Photoapparat festgehalten. Hier die Bilder:

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Die Pfanne ist ausgepackt.

 

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Anatol studiert die Gebrauchsanleitung.

 

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Nachdem er die Pfanne mit Waschmittel (so schreibt es die Anleitung des Herstellers vor) gut gereinigt und abgetrocknet hat, erhitzt Anatol etwas Sonnenblumenöl darin.

 

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Nun gibt Anatol die Kartoffelschalen hinzu, und eine Handvoll Salz.

 

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Die Kartoffelschalen und das Salz werden in dem Öl so lange gebraten, bis sie ganz dunkel sind. Dabei entsteht sehr viel Rauch! Anatol hat einen Pfannendeckel bereitgelegt, falls das Öl Feuer fangen sollte. Brennendes Öl darf man NIEMALS mit Wasser zu löschen versuchen – eine Explosion wäre die Folge. Die Pfanne muss, falls der Inhalt Feuer fangen sollte, sofort mit dem Deckel zugedeckt werden.

 

Sobald die Schalen dunkel genug sind, nimmt Anatol die Pfanne vom Feuer. Sie darf nun abkühlen. Den Inhalt der Pfanne wirft Anatol weg – jetzt sieht die Pfanne so aus:

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Anatol reinigt die zugegebenermaßen reichlich verkohlte Pfanne nur mit heissem Wasser und einer Spülbürste (ohne Spülmittel!) und trocknet sie gut ab:

Die Pfanne ist einsatzbereit.

Anatol setzt sie wieder auf die Kochplatte, stellt diese auf mittlere Hitze, gibt etwas Öl in die Pfanne und schneidet die Kartoffeln in Würfel:

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Als das Öl heiss ist, wirft Anatol die Kartoffelstückchen in die Pfanne, dass es nur so zischt! Eine spritzfreie Angelegenheit ist dies nicht – aber Anatol ist ja für die Säuberung der Küche zuständig. Zum Glück!

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Ich bin nun gespannt. Meine Erfahrung mit unbeschichteten Pfannen ist diese: alles darin Zubereitete backt augenblicklich wie mit Sekundenkleber angeleimt in der Pfanne fest und lässt sich nur mit brachialer Gewalt und unter Zuhilfenahme von Schaber, Spachtel oder gar Meißel herauskratzen. Der dabei zustandegekommene angebratene Brei ist zumeist kein kulinarischer Genuss.

Nicht so bei der von Anatol eingebrannten neuen Pfanne. Die Kartoffelstücke lassen sich mit dem Spatel in der Pfanne verschieben und wenden, als wäre diese weltraumbeschichtet.

Anatol kratzt sich am Kopf. „Ich bin etwas verblüfft. Ich hatte damit gerechnet, dass die Pfanne gut ist… aber dass darin schon beim ersten Braten gar nichts anbackt – das hatte ich nicht gedacht. Ist die Pfanne vielleicht doch beschichtet?“

Die unebene, eiserne Oberfläche der Pfanne spricht eine klare Sprache: hier ist nichts beschichtet. Die Pfanne ist perfekt eingebrannt.

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Die Bratkartoffeln sind fertig. Anatol serviert sie in einem kleinen Schälchen, damit sie nicht so schnell kalt werden.

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Dann knurrt er mich giftig an: „Das sind meine! Ich muss sie erst mal probieren.“ Der verklärte Blick des Sauriers kurze Zeit später spricht Bände!

Ich darf nun meinerseits die deliziösen Bratkartoffeln kosten.

Für einen kurzen Moment bin ich wieder in der alten Gütersloher Wohnung meiner Großeltern. Ich sitze an dem winzigen Küchentisch vor dem Fenster, an dem man nur Platz findet, wenn man noch nicht ganz drei Jahre alt ist und nicht mit den Erwachsenen ißt … an diesem Tisch schält Oma Kartoffeln und lässt mich alles, was sie schon für mich zubereitet hat, schnabulieren. An eben diesem Tisch sitze ich auch gemeinsam mit Oma, als plötzlich das Licht ausgeht. Wir sitzen im Dunkeln – ich habe Angst… aber Oma hat schnell eine Kerze und Streichhölzer zur Hand – Kartoffeln kann man schließlich auch bei Kerzenschein schälen! Mutig wage ich mich an Opas Hand in den Hausflur, zum Sicherungskasten … hier gelingt es Opa heldenhaft, die Sicherungen an Ort und Stelle zu bringen – wir haben wieder Licht. Es ist das letzte Mal, dass ich meinen Opa sehen werde.

Anatols neue Pfanne hat die Erinnerung lebendig werden lassen. Sie wird mich immer begleiten.

 

144. Kapitel – Prost Neujahr !

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Photo Martin Schlobach – CC BY-NC 3.0 DE

 

Anatol, Elie und ich wünschen allen unseren Lesern ein glückliches, erfülltes neues Jahr voller Inspiration und Lebenslust !

Nach einer längeren Advents- und Weihnachtspause sind wir zurück. Anatol hat bereits mehrfach – nicht ohne vorwurfsvollen Unterton – angemerkt, dass man einen Blog nicht so lange ruhen lassen dürfe. Dass niemand mehr hier lesen wolle, wenn es keine neuen Geschichten gäbe! Und dass er und Elie schlicht und einfach in Vergessenheit geraten würden, wenn ich mich nicht endlich dazu bequemen würde, etwas zu schreiben!

Was für eine schreckliche Vorstellung: dem Vergessen anheimgefallene Haussaurier… für so etwas will ich natürlich nicht verantwortlich sein.

Ich nehme also heute, am letzten Tag des Jahres 2015, meine Feder – äh nein, meine Tastatur! – zur Hand, um ein paar Zeilen aufs virtuelle Papier zu bringen.

Was gibt es von den Sauriern zu berichten? Nachdem wir ruhige, angenehm zurückgezogene Weihnachtstage verlebt haben, umgibt sich Anatol in den letzten Tagen mit einer Aura der Geheimniskrämerei. Sobald er am Vormittag die Haustür klappen hört, rennt er die Treppe hinunter – offenbar, um den Briefträger abzupassen.

Was kann das heissen? Auf ein verspätetes Weihnachtsgeschenk wird der Saurier wohl nicht warten – oder etwa doch?

Elie, den ich hierzu befrage, zuckt mit den Schultern. Er kann sich auf das seltsame Gebaren des Butlers ebenfalls keinen Reim machen.

Allerdings sei ihm dieses auch herzlich gleichgültig. Seit vor wenigen Tagen der berüchtigte Angelo, Elies Nebenbuhler, von seinem Harvard-Auslandssemester zurückgekehrt ist, hat Elie nichts anderes im Kopf, als darüber nachzusinnen, wie er Angelo bei Anna, seiner Angebeteten ausstechen könne … Dies gestaltet sich jedoch schwierig: Angelo ist – oder scheint zumindest – höchstbegabt. Es wird gemunkelt, dass er sich bereits jetzt auf die zu erwartende Verleihung des Nobelpreises (welcher ist noch unklar – warum nicht gleich mehrere?) vorbereite…

Während ich noch darüber rätsele, wie der Überflieger Angelo erst nicht nur zum Klassenbesten, dann zum Mobber und schließlich zum Harvardabsolventen und Nobelpreisanwärter werden konnte, springt Anatol mit Getöse die Treppe herauf – immer zwei Stufen auf einmal nehmend.

Atemlos stößt er die Etagentür auf, ein großes Paket unter dem Arm. „Sie ist da!“ ruft er jubilierend.

Dann verschwindet er wortlos in der Küche, klappt die Tür zu und ordnet mit Stentorstimme an:

„Ich will nicht gestört werden!“

… zur Fortsetzung!

142. Kapitel – Wer hat Angst vor Kater Paul? Eine Parabel

Seit Jahren, fast Jahrzehnten gehört er zu unserem Viertel: der stattliche schwarze Kater Paul. Ursprünglich von den Nachbarn schräg gegenüber angeschafft – sie leben schon lange nicht mehr hier – hat er nun seine Bleibe am Mehlspeicher unserer Bäckerei gefunden, den er seither sehr erfolgreich gegen Ungeziefer jeglicher Art verteidigt: Pauls Spezialität ist die Mäusejagd.

In letzter Zeit ist mir aufgefallen, dass Paul oft auf seiner Decke in der Sonne liegt. Er ist seltener in der Dämmerung auf Mäusefang zu sehen – dennoch bringt er immer noch eine beachtliche Anzahl Mäuse zu Strecke, wie mir die Bäckersfrau erzählt.

Der Bäcker hingegen findet, Paul sei faul geworden: er schlafe bald mehr als dass er jage. Er werde ihm daher die Decke wegnehmen – wenn er es weniger bequem habe, werde er schon öfter jagen gehen. Als ich lautstark protestiere, wiegelt der Bäcker ab: das sei selbstverständlich nur ein Scherz gewesen.

Ein paar Tage später ist die Decke indessen verschwunden.

Auf meine Anweisung hin legen Anatol und Elie unauffällig ein weiches Kissen neben den Speicher – in der Hoffnung, dass Paul es finden und auch nutzen werde. Ein Schälchen Katzenmilch lassen die beiden auch da, denn diese liebt der alte Kater.

Am Mittag kommen die Butler aufgewühlt nach Hause. „Paul soll weg!“ rufen sie mir entsetzt bereits auf der Treppe entgegen. „Die Bäckersfrau hat es gesagt, als wir eben dort Bonbons gekauft haben! Ihr Mann sei nicht umzustimmen. Paul sei ja auch gar nicht ihr Kater, eigentlich…“

Elie weint. „Können wir Paul nicht aufnehmen?“

Ich seufze und schüttle den Kopf. Die Katzendichte in unserer Wohnung hat jedes vernünftige Maß längst überschritten, und Auslauf in einem eigenen Garten können wir dem alten Paul auch nicht bieten.

Ich verspreche den Sauriern, gleich nach der Mittagspause zur Bäckerei zu gehen und alles zu versuchen, um Paul ein weiteres Leben im Viertel zu ermöglichen. Ein gutes Gefühl habe ich aber nicht.

Das Gespräch mit dem Bäcker gestaltet sich in der Tat unschön. Der sonst so zuvorkommende Händler macht mir unmissverständlich klar, dass es für Paul in seinem Mehlspeicher keine weitere Zukunft gebe.

„Ich brauche einen dynamischen Mäusefänger, keinen Schläfer von vorgestern!“ erklärt er unumwunden. Als ich bemerke, dass Paul – obwohl mindestens 15 Jahre alt – immer noch eine hohe Mäusefang-Quote aufweise, beendet der Bäcker das Gespräch mit einer kategorischen Handbewegung. „Die Entscheidung ist gefällt. Paul kommt auf den Reiterhof am Park. Dort bekommt er – so wollte es meine Frau – das Gnadenbrot und darf im Stroh bei den Pferden schlafen.“

Auf meinen fassungslosen Blick hin setzt der Bäcker nach, andernorts hätte man sich nicht so viel Sorgen um das weitere Wohl des Katers gemacht und ihn schlicht weggejagt. Ich verlasse wortlos die Bäckerei. Unser Brot werden wir in Zukunft nicht mehr hier kaufen.

Als ich in unsere Straße einbiege, sehe ich Paul – gut versteckt unter einem Busch – zusammengeringelt auf unserem Kissen liegen. Er ist alt geworden, etwas struppig sein Fell. Dennoch ist er immer noch ein großartiger Mäusefänger, und ein gern gesehener Bewohner des kleinen Stadtteils. Ohne ihn wird das Viertel ein anderes sein.

Seufzend steige ich die Treppe hoch in unseren vierten Stock. Zu Hause wähle ich als erstes die Nummer des Reiterhofs und bringe in Erfahrung, wie die hauseigenen Katzen dort untergebracht sind – und ob Paul dort überhaupt willkommen ist.

Die Antwort fällt überrascht positiv aus. Es gebe ein Katzenhaus am Reiterhof: die Katzen würden dort nicht nur gefüttert, sondern auch bei Bedarf vom Tierarzt versorgt. Natürlich würden sie nicht im Stroh bei den Pferden schlafen, sondern hätten ihre eigene Katzenunterkunft mit Bettchen und Decken. An Paul sei man sehr interessiert, da ein guter Mäusefänger im Reiterhof dringend benötigt werde. Das einzige, was man Paul nicht bieten könne, sei ein echtes Familienleben – aber das habe er offenbar bisher auch nicht gehabt…

Dass Paul in jedem Haus unseres Viertels sein Zuhause mit ausgiebigen Streicheleinheiten gehabt hatte, erzähle ich der jungen Dame vom Reiterhof nicht. Ich lege auf – wohlwissend, dass der Hof nicht die schlechteste Lösung für Paul ist. Dennoch macht es mich innerlich rasend, dass nach all den Jahren treuer und guter Dienste der alte Kater nun abgeschoben wird, anstatt seinen Lebensabend in Frieden in seinem Zuhause verbringen zu können.

Der Tag von Pauls Umsiedlung kommt schnell. Als hätte der alte Kater es geahnt, sitzt er an diesem Morgen stolz vor der Bäckerei – so als wolle er sich von jedem in Viertel verabschieden. Er steigt freiwillig in das Auto, das ihn zum Reiterhof bringt. Das Kissen, das wir Paul an den Speicher gelegt hatten, geben wir ihm für sein neues Zuhause mit.

Wir nehmen uns vor, Paul dort bald zu besuchen – und uns zu versichern, dass es ihm an nichts fehlt.

Bereits am selben Abend zieht Pauls Nachfolger in den Mehlspeicher ein. Ein junger, roter Kater – offenbar aus einem Vermehrerhaushalt. Nun gut, dafür kann das Tier, welches uns die Bäckerin als „Tino“ vorstellt, nichts.

Tino ist äußerst umtriebig, fängt aber außer einigen Nacktschnecken nichts.

Nachdem der Mehlvorrat im Speicher von Mäusen vernichtet und die Hygienebehörde mehrfach erschienen ist, wird die Bäckerei geschlossen.

An einem Sonntag rufe ich den Reiterhof an, um mich nach Kater Paul zu erkundigen. Ich habe, obwohl ich es mir fest vorgenommen hatte, nicht übers Herz gebracht, Paul zu besuchen. Das junge Mädchen sagt mir, Paul läge wie so oft auf seinem Kissen, draußen in der Sonne. Mäuse gebe es im Reiterhof keine mehr, seit Paul da sei. Ich lasse ihm Streicheleinheiten ausrichten und lege auf.

In der Woche darauf berichtet mir der freundliche Herr, der den Schreibwarenladen führt, Paul komme regelmäßig zu Besuch in unser Viertel – meist am frühen Abend, wenn ich noch bei der Arbeit sei. Deshalb hätte ich Paul wohl nicht gesehen. Er wechsle dann gern ein paar Worte mit Paul und streichle den alten Kater über das struppige Fell.

Aber wie früher sei es nicht mehr.

141. Kapitel – Flüchtlinge willkommen!

Es ist 13 Uhr 30 – ich erwarte meine Saurier in Kürze zum Mittagessen. Im Treppenhaus höre ich Stimmen: das müssen die beiden sein.

Aber halt: anstelle von fröhlichem Schwatzen und Lachen scheint mir, als hörte ich ein leises Weinen – und es wird lauter. Ich öffne die Etagentür und sehe ein Häuflein Elend am Treppenabsatz im dritten Stock.

Es ist Elie – daneben Anatol, der ihn streichelt und verzweifelt zu mir hochschaut.

Schnell laufe ich die Treppe in den dritten Stock hinunter und hebe Elie hoch. Auf meine Frage, ob Angelo ihn wohl wieder geärgert habe, schüttelt er energisch den Kopf. „Nein es war nicht Angelo… Es ist ganz allein meine Schuld!“ Ein weiterer Erklärungsversuch geht in einem Weinkrampf unter – Elie kann nicht weitersprechen.

Ich bringe den verzweifelten Saurier in unsere Wohnung und setze ihn in sein Körbchen. Anatol trägt Elies Schulranzen – halbgeöffnet und etwas schludrig gepackt lässt dieser ein bedrucktes Papier, offenbar einen Aufruf zu irgendeiner Aktion, halb hervorgucken. Ich ziehe den Zettel heraus, überfliege ihn und bin sprachlos.

Keine Zwangsbelegung unserer Turnhalle!“ steht dort in großen, unfreundlichen Lettern. Dann folgt ein Text, der darlegt, man habe zwar nichts gegen Flüchtlinge aus den Krisengebieten – es sei jedoch undenkbar, diese in der schuleigenen Turnhalle unterzubringen. Der Turnunterricht müsse dort weiterhin ungestört abgehalten werden können.

Unterzeichnet ist die Brandschrift von einer nicht namentlich bezeichneten Lehrergruppe und mehreren Schulklassen, darunter auch die 5b – Elies Schulklasse.

Bestürzt sehe ich die Saurier an. „Habt Ihr das wirklich unterschrieben? Dazu habe ich kein Einverständnis gegeben – dass man Euch in der Schule so einen Mist unterzeichnen lässt!“ Ich nehme mir insgeheim vor, ein sehr ernstes Wort mit der Klassenlehrerin zu sprechen.

Anatol schüttelt den Kopf. „Als das bei uns in der Klasse rumging, habe ich nicht unterschrieben. Ein paar andere Schüler übrigens auch nicht – deshalb ist die 8b auch nicht bei den unterzeichnenden Klassen genannt.“

Elie heult laut auf. „Ich Idiot habe es unterschrieben! Aber nicht, weil ich dafür bin! Also – ich bin dagegen, dass man dafür ist! Nein, ich bin dafür, dass man dafür … ach – ich weiss nicht!!“ Seine Stimme erstickt fast im Schluchzen.

Dann fasst er sich und gibt leise und reumütig zu: „Ich hab nicht aufgepasst, als Frau Berger dieses blöde Schreiben erklärt hat. Ich habe immerzu nur an Anna gedacht … sie hat sich gestern mit Angelo getroffen, und heute hat sie mir noch keine einzige Nachricht über Dinotalk geschickt! Ich war so traurig und hab immer mein Handy gecheckt … und da hab ich nur was von „Petition für unsere Turnhalle“ mitgekriegt, und die habe ich wie alle einfach unterschrieben. Irgendwie hab ich gedacht, die soll wohl renoviert werden – was weiss ich …“

Dann fügt er hinzu: „Wenn Anna das erfährt, spricht sie nie wieder mit mir. Sie ist doch in der Amnesty Gruppe, die die Flüchtlinge berät …“ Dann beginnt er wieder zu weinen.

Ich schüttle den Kopf. „Elie, deine Unterschrift hat überhaupt keine Bedeutung. Gleich nach dem Mittagessen rufe ich in der Schule an und lasse sie entfernen. Wie kann Eure Lehrerin Euch so etwas unterzeichnen lassen – ohne mich vorher zu fragen! Das Handy wird ab jetzt morgens konfisziert; das nimmst Du nicht mehr in die Schule mit. Und wie bist Du überhaupt darauf gekommen, was Du da unterschrieben hast? Gelesen hast Du die Petition hinterher sicher nicht – wie ich Dich kenne…“ Elie ist leider manchmal etwas nachlässig mit Schulpapieren.

Anatol berichtet, was nach der Schule vorgefallen war. Auf dem Schulhof sei nach der letzten Stunde nur noch über die Turnhallenpetition gesprochen worden. Schnell hätten sich Lager gebildet – einige Schüler seien sogar handgreiflich geworden.

Zwar sei niemand offen gegen eine Aufnahme der Flüchtlinge gewesen – aber die eigene Turnhalle zur Verfügung zu stellen, dazu sei nur eine Minderheit der Schüler bereit gewesen. Elie habe sich lauthals dafür ausgesprochen, die Turnhalle für die Flüchtlinge einzurichten – schließlich könne man auch draußen im Park oder auf dem Schulhof turnen!

Hier seien Stimmen laut geworden, die Elie darauf hingewiesen hätten, er habe doch soeben die Petition gegen Flüchtlinge in der Halle unterzeichnet – woraufhin Elie verstummt sei. Nun erst sei ihm offenbar aufgegangen, worunter er da seine Unterschrift gesetzt hatte, was die Anwesenden an den ihm entgleitenden Gesichtszügen auch sofort bemerkt hätten. Unter dem hämischen Gelächter der größeren Schüler sei er weinend weggelaufen. So sei ihm auch nicht aufgefallen, dass noch ein paar andere unaufmerksame Klassenkameraden unauffällig das Weite gesucht hätten …

Elie richtet sich schluchzend in seinem Bettchen auf. „Anna hat gesagt, die Leute, die keine Flüchtlinge aufnehmen wollen, seien Nazis! Ich will kein Nazi sein! Was genau machen Nazis ? Passen die alle beim Unterschreiben nicht auf…? Oder was?“ Anatol runzelt die Stirn. „Seit vorhin versuche ich, ihm das auszureden. Es hilft nichts!“

Ich beruhige Elie, er sei ganz sicher kein Nazi. Was es damit auf sich hat, werde ich zu einem geeigneteren Zeitpunkt erläutern.

Dann serviere ich das Mittagessen und überlasse es vorerst Anatol, Elie über die Flüchtlingskrise in Syrien aufzuklären:

„Also in Syrien gibt es ein bösen Diktator. Gegen den kämpfen viele Syrer. Leider sind dann noch Bösere dazugekommen. Woher, weiss ich nicht – sie waren plötzlich da, also in den Nachrichten. Sie heissen IS. Die kämpfen auch dort und versuchen, den Menschen in Syrien und in den umliegenden Ländern eine religiöse Diktatur aufzuzwingen. Weshalb, weiss ich nicht. Ich glaube, keiner weiss das. Man erkennt sie daran, dass sie immer schwarz angezogen sind.“

Elie schnieft. „Die kenne ich. Das ist der schwarze Block! Aber was ist eine ‚religiöse Diktatur‘?“

„Nein“, sagt Anatol. „Der schwarze Block, das sind andere. Glaub ich jedenfalls. Und was eine religiöse Diktatur ist, weiss ich nicht so genau. Jedenfalls ist es Mist. Bring mich nicht durcheinander! Also, diese IS-Leute sind sehr brutal. Sie schlagen den Journalisten und anderen Leuten den Kopf ab. Das hat Mirko erzählt, er weiss es aus dem Internet!“

Elie hält sich die Ohren zu und verkriecht sich tief unter der Bettdecke. „Nein!“ schreit er. „Ich will das nicht hören! Das macht mir Angst!“

„Na ja, Du musst ja verstehen, warum die Leute aus Syrien hier herkommen. Stell dir mal vor, hier würden so schwarz gekleidete Typen kommen und uns umbringen wollen. Vor denen würden wir doch auch fliehen, oder?“ Elie nickt. „So wie vor dem schwarzen Dino. Vor dem habe ich nachts immer Angst, falls meine Beine unter der Bettdecke rausgucken. Die packt ja der schwarze Dino sonst – deshalb passe ich immer auf, dass alles unter der Bettdecke ist!“

„Glaub mir, den schwarzen Dino  kannst Du vergessen, verglichen mit IS“ meint Anatol grimmig. „Das hat Mirko jedenfalls gesagt.“ Mirko scheint gut informiert.

Elie schluckt. „Aber wie fliehen die Leute denn? Haben sie ein Auto? Ich weiss gar nicht, wie wir fliehen sollten … wir haben doch nicht einmal ein Auto… mit dem Fahrrad vielleicht? Und was ist, wenn die Leute auch kein Fahrrad haben? Wie transportieren sie ihre Sachen? Mit der Eisenbahn? Sie können doch nicht alles tragen!“

„Sie können nichts mitnehmen“ sagt Anatol. „Sie müssen alles zurücklassen. Viele habe auch Babies… oder Tiere… die müssen sie ja auch mitnehmen – da kann nicht noch Sachen schleppen.“ Sprachlos und entsetzt sieht Elie uns an. „Was ist mit den Teddybären?“

Anatol und ich beruhigen Elie. „Die Teddybären werden alle gerettet. Ganz bestimmt.“

Elie weint dennoch immer lauter. „Was würde denn aus uns, wenn das hier passieren würde? Wer würde uns helfen? Würde man uns auch in einer Turnhalle unterbringen? Wieso überhaupt in einer Turnhalle – da kann man doch gar nicht wohnen… ich würde lieber in eine richtige Wohnung mit einem Bett! Das ist alles schrecklich! Warum geschieht so etwas überhaupt? Gibt es da keine Polizei, die aufpasst?“

Anatol und ich sehen uns hilflos an. Wir haben keine Antwort darauf.

Ich nehme den Telephonhörer zur Hand und wähle die Nummer der Schule. Dort bitte ich um die Entfernung von Elies Unterschrift von der „Petition“ – und erfahre, dass ich nicht die einzige bin, die deswegen anruft. Der gesamte Aufruf sei im Übrigen von der Schulleitung annulliert worden: dies gibt ein wenig Hoffnung.

Elie ist erleichtert. Nachher wird er Anna berichten können, dass er für die Aufnahme von Menschen ist, die vor der Diktatur und dem IS fliehen und bei uns Zuflucht suchen. Nun kennt er ja auch die Hintergründe.

„Warum nehmen wir bei uns eigentlich keine Flüchtlingsfamilie auf?“ fragt Elie.

Das ist eine gute Frage. Warum nicht? Wenn wir ein Gästezimmer hätten, wäre es möglich. Aber wir haben keines. Die Unterbringungsinitiativen, bei denen man sich melden kann, weisen unsere Wohnung als ungeeignet zur Aufnahme von Schutzsuchenden aus.

Elie und Anatol sind enttäuscht. „Können wir denn nichts tun?“ „Doch“, meine ich. „Ihr könnt Euer Taschengeld für die Flüchtlinge spenden. Ich gebe auch etwas dazu.“

Entsetzen spricht aus den Augen der Saurier. „Unser Taschengeld?!“ flüstern sie.

Dann fasst Anatol sich und läuft zum Sparschwein, das gut gefüttert im Spielzeugregal steht. „Ich finde das eine gute Idee!“ ruft er. „Wir haben doch schon alles, was wir brauchen – da können wir ruhig etwas abgeben.“ Elie nickt – auch wenn das heisst, dass er sich das neue Skateboard nicht wird kaufen können. „Das alte fährt ja noch ganz gut!“ versucht er, sich selbst zu überzeugen. Eine kleine Träne läuft ihm dennoch über die Wange, aber die trocknet schnell, als wir die Überweisung für die Flüchtlingshilfe vorbereiten.

Diese Links wollten Anatol und Elie unbedingt auch veröffentlichen:

http://www.aktion-deutschland-hilft.de/de/wir-ueber-uns/

http://www.fluechtlinge-willkommen.de/

http://www.welt.de/politik/deutschland/article143884918/CDU-Politiker-teilt-sein-Zuhause-mit-Fluechtlingen.html

http://www.proasyl.de/de/ueber-uns/foerderverein/mitmachen/

http://www.proasyl.de/fileadmin/fm-dam/q_PUBLIKATIONEN/2014/Infopapier-Fluechtlinge_privat_aufnehmen-PROASYL-Nov-2014.pdf

141. Kapitel – Anatol Effendi kocht Mokka

Von Merve haben Anatol und ich echten türkischen Mokka geschenkt bekommen: eine ganze Packung Kurukahveci der Marke Mehmet Efendi.

Diesen heisst es nun so authentisch wie möglich zuzubereiten – denn sonst kommen wir nicht in den Genuß des vollen Aromas der morgenländischen Köstlichkeit.

Als erstes begeben Anatol und ich uns daher auf die Suche nach dem für die Zubereitung des Mokkas unerläßlichen Cezve, eines winzigen Topfes mit langem Stiel, in dem der Mokka traditionell gekocht wird.

Wir werden enttäuscht: weder der orientalische Supermarkt noch der arabische Basar in Strasbourg führen zur Zeit einen Cezve. Sogar das türkische Geschäft in Kehl muss passen: der Cezve sei zwar bestellt und demnächst wieder im Sortiment, wann das genau sei, könne man aber nicht mit Sicherheit vorhersagen.

Anatol und ich beabsichtigen dennoch, allen Widrigkeiten zum Trotz auch in Ermangelung eines Cezve heute einen Mokka zu kochen.

Unser erster Versuch scheitert kläglich – in der Espressokanne. Der türkische Mokka ist fein wie Puderzucker – durch das Sieb der Espressokanne gleitet er in den unteren Teil der Kanne ab, wird von dort aber nicht mit aufgekocht. Das Ergebnis im oberen Teil der Kanne ist eine zart-braune, fast (aber leider nicht ganz) geschmacklose Flüssigkeit – kein Mokka.

Die Espressokanne müssen wir daher als Zubereitungsmittel für unseren Mokka verwerfen… halt: müssen wir das wirklich? Anatol hat eine Idee.

Aber seht selbst:

Der Mokka von Mehmet Efendi!

Der Mokka von Mehmet Efendi!

Diese Dinge können wie beiseite legen.

Diese Dinge können wir beiseite legen.

Unser Behelfs-Cezve

Unser Behelfs-, nein: MINIMALISTEN-Cezve

Ab damit auf die Kochplatte

Ab damit auf die Kochplatte.

Etwas Mokka ins kalte Wasser

Etwas Mokka ins kalte Wasser…

Umrühren

Umrühren…

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Der Mokka muss etwas aufkochen.

Wir rühren gut um, während der Kaffee köchelt

Wir rühren gut um, während der Kaffee köchelt.

Nun etwas Mokka in die Tasse füllen ...

Nun etwas Mokka in die Tasse füllen …

Womit fassen wir den heissen Mokkatopf nur an ...? Zum Glück hat Anatol eine Idee!

Womit fassen wir den heissen Mokkatopf nur an …? Zum Glück hat Anatol eine Idee!

Die Lösung!

Die minimalistisch-pragmatische Lösung!

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Fertig.

Fertig.

Der Mokka ist wohlschmeckend und kann Tote zum Leben erwecken.

Über die genaue Dosierung müssen wir uns noch klar werden.

140. Kapitel – Die Rückkehr

Epilog

Von Waldeck bis Giflitz mit dem Fahrrad, dann in der Eisenbahn über Frankfurt, Mannheim und Karlsruhe bis nach Kehl – so waren wir nach unserem schaurigen Aufenthalt am Edersee wieder zu Hause eingetroffen.

Elie war die Treppen bis zur Wohnung so schnell hinaufgesprungen, dass er schon oben angelangt war, als Anatol und ich noch im zweiten Stock schnauften. „Zu Hause ist es am schönsten!“ krähte er durchs ganze Haus. Ich hingegen denke fast ein wenig melancholisch an die verzauberten Momente auf dem Belle-Epoque-Ball. Waren es wirklich alles nur Trugbilder – Ausgeburten der höllischen Phantasie des Wiedergängers – gewesen? So war es wohl. Betrübt denke ich an den sonnigen Vormittag am Edersee zurück, der so unbeschwert und ganz ohne gespenstische Begebenheiten verstrichen war…

Anatol schien meine Gedanken zu erraten. „Von Hollow hat uns insgeheim nur genau das gezeigt, was wir sehen wollten. Nichts von alledem war wirklich da – weder das Anwesen, noch die große Buche, noch unser Turmzimmer  – und auch nicht die Menschen auf dem Ball.“ Ich schüttle mich vor Unbehagen. Wie ich hätte dort enden können, wenn meine Saurier nicht so furchtlos und entschlossen gehandelt hätten – ich mag es mir nicht vorstellen.

Wir betreten die Wohnung. Hinter der Tür wartet – erfreulich real – der von den Katzen in unserer Abwesenheit hergerichtete Schweinestall. Streukrümel, Futterreste und Fellbüschel zieren großzügig den Fußboden, das Sofa und unsere anderen Habseligkeiten. Satt, aber sichtlich schlecht gelaunt liegen die Tiere auf meinem Bett und würdigen uns keines Blicks. Es hat ihnen an nichts gefehlt – dennoch muss man sein Missfallen daran zeigen, gleich mehrere Tage nicht die gewohnten Personen um sich gehabt zu haben: dies ist für eine Katze unverzeihlich.

Ganz unaufgefordert machen die Butler sich daran, ein Gemüsecurry aus den im Kühlschrank noch vorhandenen Resten zu köcheln, während ich die von unseren kätzischen Freunden verursachte Sauerei – jedes andere Wort wäre hier gänzlich unpassend – beseitige. Nach einer Stunde ist alles blitzblank und der Curryduft dringt aus der Küche … ein Glücksgefühl durchflutet mich.

„Warum sind wir eigentlich weggefahren?“ fragt Elie. „Zu Hause geht es uns doch am Besten. Hier versucht niemand, uns in irgendwelche Tümpel reinzuziehen! Und damit es bei uns noch schöner wird, haben Anatol und ich gerade beschlossen, ab morgen den Keller und unsere Gerümpelkammer auszuräumen. Alles muss raus! Nicht, dass sich in dem alten Krempel noch irgendwelche Geister einnisten!“

Der nächste Morgen beginnt früh. Anatol ist bereits um 5 Uhr auf – ich höre ihn in der Gerümpelkammer rumoren. Ich wühle mich aus dem Bett heraus, reibe mir die Augen und will mich in die Küche begeben – aber schon stehe ich, nur mit meinem Sommerpyjama bekleidet, auf der Treppe. Die Wohnungstür steht sperrangelweit auf, Anatol wirft Krempel in Größenordnungen auf den Gang, während Elie die Katzen am Entweichen ins Treppenhaus hindert.

Ich vermute, dass die Aufräumorgie eine Art „Gespenstertrauma-Bewältigungsstrategie“ für die Saurier sein muss: in ordentlichen Haushalten lassen sich bestimmt keine Wiedergänger nieder.

Ich gehe ich in die Küche und brühe mir einen starken Kaffee auf. Am Ende des Tages haben die Saurier ganze Kubikmeter Gerümpel aus Kammer und Keller geholt, in den gemieteten Lieferwagen getragen und zu Emmaüs gebracht.

Wir sind nun völlig gespensterfrei.

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139. Kapitel – Der Gasthof am Edersee VI

Eine Reiseerzählung – Teil 6: Die Flucht

„Blick auf den morgendlichen Edersee vom Waldecker Ufer aus“
Photo: Jan Kuchenbecker
Lizenz: CC-by-sa 3.0/de

Zurück zu Teil V

Bang sahen wir – Elie und ich, Anatol, der ich diese Zeilen schreibe – in die Augen der Tigerkatze. Sie war unsere einzige Hoffnung, aus unserem Gefängnis zu entkommen – hatte sie uns doch in die Bibliothek hineingeführt und uns, wenn auch ohne Worte, erklärt, mit welch mächtigen Gegenspieler wir es hier zu tun hatten.

Die Katze erklomm in Windeseile eines der Bücherregale. Fast unter der Decke der Bibliothek angekommen sah sie sich nach uns um. Wir sollten ihr nachkommen – wir kletterten daher so schnell es uns möglich war, ein Regalbrett nach dem anderen, hinan … bis wir in schwindelerregender Höhe das letzte Regalfach erreicht hatten. Nun sah ich, warum die Katze uns hierhin geführt hatte: über dem Regal führte eine winzige Luke nach außen – was bedeutet: an die Außenwand des Anwesens. Ich steckte meinen Kopf aus der Luke und wurde von Schwindel erfasst: hier ging es meterweit an einer glatten Wand in die Tiefe. Ein Abstieg war hier unmöglich.

Über der Luke indessen erspähte ich außen an der Wand eine in das Gemäuer eingelassene eiserne Halterung. Mit dem Mute der Verzweiflung ergriff ich sie und zog mich hoch. Innerlich jubilierend sah ich etwas weiter oben noch eine Halterung, gleichsam eine winzige metallene Trittleiter – an dieser zog ich mich Stück für Stück nach oben, bis ich auf einem balkonartigen Fenstervorsprung im vierten Stock angekommen war. Das Fenster war nur angelehnt – ich konnte also in das Zimmer (es erwies sich als das große Bad unter unserem Turmzimmer) hineinspringen: ich war in Sicherheit. Nein, fiel mir ein: in Sicherheit war ich erst, wenn ich das grauenhafte Spukschloss lebendig hinter mir gelassen hätte – und davon war ich weit entfernt.
Ich lief nach oben in unser Turmzimmer: alle unsere Sachen lagen dort unberührt noch am Platz. Von Hollow hatte hier offenbar nichts verändert – vielleicht war er auch nicht mehr im Turmzimmer gewesen. Der lange Schlüssel steckte im Türschloss: ich entschied, dass es den Versuch wert wäre, ihn an der Tapetentür auszuprobieren. Elie an der metallenen Räuberleiter bis in den vierten Stock klettern zu lassen erschien mir ein zu hohes Risiko – und für die Katze wäre es ganz und gar unmöglich gewesen.

Nach einem vorsichtigen Blick auf die Wendeltreppe – ich legte keinen Wert darauf, von Hollow zu begegnen! – eilte ich hinunter bis an die Tapetentür. Ich steckte den Schlüssel ins Schloss und versuchte, ihn zu drehen – er passte nicht. Vor Verzweiflung hätte ich am liebsten geschrieen – aber das hätte uns verraten. Voller Wut riss ich daher am Schlüssel herum – da platzte das ganze rostige Schloss, welches den kleinen Riegel hielt, ab – und die Tür sprang auf.

Elie und die Katze waren indessen von dem hohen Regal heruntergeklettert und warteten hinter der Tür. Elie wirkte gefasst, wenn auch voller Angst.

Ohne eine weitere Geste sprang die Katze die Treppe hinunter und lief durch die große Tür in den Schlosshof. Wir stürzten ihr hinterher – aber wir kamen zu spät: flugs war die Katze in die alte Buche geklettert und saß nun, sich putzend, auf ihrem Lieblingsast. Von uns nahm sie keine Notiz.

„Elie, die Katze kann uns nicht weiter helfen. Das sagt sie uns gerade. Sie hat uns bis hierher alles gezeigt, was wir brauchen, um uns aus diesem Spuk zu befreien – von jetzt an sind wir auf uns gestellt.“

Elie schluchzte leise auf. „Wir müssen doch Susanne retten! Wie tun wir das bloß?“
Ich erinnerte mich an den Reim, der in dem Märchen vom Müller und seiner Tochter gestanden hatte. Wie lautete er noch?

In Fluten muss sie untergehn
nimmermehr an Lande stehn
Wenn nicht des Buchenwaldes Meisters
verblühte Blumenpracht sie streifet.

Dies war allerdings äußerst unklar. Wer war der „Meister des Buchenwaldes“? Ein Waldgeist vielleicht? Wo fanden wir ihn? Und was sollte man sich unter einer „verblühten Blumenpracht“ vorstellen? Ratlos sahen wir uns an.

Nun kam die Katze doch von ihrer Buche herunter geklettert und gurrte uns zu. Sie sprang vom untersten Ast der Buche in das am Fuße des Baums relativ dicht wachsende Gesträuch und begann, an den Blättern des Strauchs zu knabbern.

Nun sprang Elie aufgeregt auf und ab. „Ich glaub mir fällt was ein! Wir haben das bei Frau Maier in Biologie gelernt, dass der Waldmeister – also die Pflanze, aus der das leckere Eis ist – in Buchenwäldern wächst! Es gibt sogar einen Waldmeister-Buchenwald! Der Reim sagt, wir sollen Waldmeister sammeln!“

Dann fügt er beklommen hinzu: „Aber jetzt im August blüht der Waldmeister nicht mehr. Die Blüte ist Ende Mai, spätestens im Juni vorbei. Hat uns Frau Maier extra gesagt …“

Nun fiel es mir wie Schuppen von den Augen. „Verblühte Blumenpracht – das ist der abgeblühte Waldmeister! Wir müssen eine Waldmeisterpflanze finden, die nicht mehr blüht, und Susanne damit übers Gesicht streichen!“

WaldmeisterAufgeregt gurrend und schnurrend lief nun die Tigerkatze in Richtung Wald – an dem alten Gemäuer vorbei, welches wir bei unserer Ankunft als erstes gesehen hatten und dann in das Dickicht des Waldes. Wir folgten ihr, so gut wir nur konnten. Schließlich standen wir vor einem Meer leicht aromatisch duftender halbhoher Pflanzen – es gab keinen Zweifel: dies war Waldmeister.

Elie und ich pflückten je zwei Handvoll Waldmeisterstengel mit Blättern und dem abgeblühten Blütenstand. Dann rannten wir, so schnell uns unsere Beine trugen, zum Gasthof zurück.

Es war indessen Abend geworden. Langsam breitete die sich Dämmerung über den Schlosshof, dessen bizarre Schatten uns nun mit Grauen erfüllten. Würden wir Susanne wiederfinden? Und wo? Elie meinte, wir sollten uns zur selben Zeit in den Ballsaal begeben, zu der  am gestrigen Tag das Fest stattgefunden habe. Feste wie das von gestern dauerten bisweilen mehrere Tage – darauf müssten wir hoffen.

Dann kletterten wir die steile Klippe hinab bis zum Seeufer und bereiteten unser Fahrrad für eine Flucht – sollte es denn zu einer solchen kommen – vor. Ach, wenn wir doch aus diesem Spukhaus unversehrt und alle miteinander entweichen könnten!

Tatsächlich drangen, als wir uns etwas später wieder dem Schloss näherten, aus dem Ballsaal Musik und Gelächter. Vorsichtig betraten wir den Saal, der heute genau so festlich ausgestattet war wie gestern…

Wo ist Susanne? Bang lassen wir unserer Blicke durch den Saal schweifen – immer auf der Hut vor dem unheimlichen von Hollow, hinter dem wir den Wiedergänger vermuten.
Da! Auf der Tanzfläche erblicken wir Susanne, mit einem der jungen Herren tanzend. Wie nur kommen wir unbemerkt an sie heran – mit unserem Strauß Waldmeister in Händen? Während wir noch überlegen, entfernen sich die beiden Tänzer von der Tanzfläche – der junge Mann scheint auf eine Tür an der anderen Seite des Saals zuzusteuern, seine Tänzerin an der Hand führend …

Es ist nun keine weitere Sekunde zu verlieren. In höchster Aufregung durchqueren wir den Ballsaal und erreichen unser Tänzerpaar, kurz bevor die beiden durch die Tür nach draußen schlüpfen können. In diesem Augenblick hat uns von Hollow, der aber am anderen Ende des Saals sich befindet, entdeckt – voller Wut eilt er ebenfalls auf uns zu!

Elie ruft: „Susanne, geh nicht mit ihm mit! Susanne!!“ Anstatt ihr mit dem Waldmeisterkraut sanft übers Gesicht zu streichen, schlagen, ja peitschen wir mit den Zweigen auf sie ein. Susanne wendet sich von ihrem Tänzer ab, reibt sich das Gesicht … verwundert sieht sie uns an…“

Wie aus einem Traum erwache ich… Vor mir sehe ich den betörenden jungen Mann, der mich offenbar zum Tanz aufgefordert hatte … aus der Ferne höre ich meinen Namen rufen, immer wieder … Der junge Mann wirft mir einen wehmütigen Blick zu, dann scheint er durch die Wand hindurchzutreten – und ist verschwunden.

Nun sehe ich Anatol und Elie vor mir, Zweige in der Hand … was soll das…? Anatol ruft: „Wir müssen hier weg! Lauf!!“ und nun sehe ich einen offenbar in Rage geradezu schäumenden von Hollow auf uns zulaufen. Schlagartig wird mir bewusst, dass ich keine klare Erinnerung an die letzten 24 Stunden habe und sich mir alles dreht. Drogen – man muss mich unter Drogen gesetzt haben!

Die Saurier ziehen mich mehr aus dem Saal heraus als ich selbst zu laufen vermag – die hintere Tür führt direkt zur Klippe. Der Abgrund scheint mir heute noch steiler und bedrohlicher als sonst – und plötzlich wird mir klar, warum von Hollow uns auf übereilte Abschiede gewisser Gäste hingewiesen hatte, die zu keinem guten Ende gekommen waren…

Die Treppenstufen bröckeln unter unseren Schritten weg, wir rutschen die Treppe mehr herunter als wir sie hinuntersteigen. Als wir auf der Straße angelangt sind, sehen wir von Hollow oben an der Klippe vor Wut brüllend und mit ausgebreiteten Armen wie eine riesige Fledermaus sich hinunter in die Tiefe stürzen! Einen derartigen Fall kann er nicht überleben – mein erster Reflex ist es, zum Treppenabsatz zurückzukehren und mich um den Verletzten zu kümmern.

Anatol schreit mit überschnappender Stimme: „Er ist nicht verletzt, er kommt uns holen! Lauf!!“ Wir rennen wie um unser Leben bis zum Ufer. Dort sehe ich das Fahrrad auf ein kleines Tretboot geschnallt – unser Fluchtfahrzeug? Ich verstehe nicht, was hier los ist, laufe aber durch das flache Wasser bis zum Tretboot, die Saurier im Arm haltend. Dann springe ich ins Boot, steige auf das Rad, welches wunderbarerweise mit der Kurbelmechanik des Bootes verbunden ist und trete, so fest ich kann, in die Pedalen.

In diesem Moment taucht eine dunkle Gestalt aus den Fluten vor dem Boot auf: von Hollow! Die Saurier schreien vor Angst laut auf – ich radle, was das Zeug hält. Der Geist – etwas anderes kann die Erscheinung im Wasser nicht sein! – schickt sich an, das Boot in die Tiefe zu ziehen! Mit aller Kraft versuche ich, dem teuflischen Geschöpf zu entkommen, aber der Bug des Bootes ist bereits von dem Geist unter die Wasseroberfläche gezogen.

Nun besinnen sich die Saurier ihres Waldmeisters – sie zupfen Blätter von den Zweigen und werfen sie ins Wasser um unser Gefährt. Das Gespenst heult laut auf – und verschwindet in den Tiefen des Sees.

Nach Atem ringend und vor Angst zitternd gleiten wir in unserem Gefährt über den nächtlichen See. Die Flucht über das Wasser ist riskant, die Waldwege und die unbefestigte Straße am Ufer war den Sauriern indessen noch gefahrvoller erschienen. Daher hatten sie sich entschlossen, ein Boot als Fluchtfahrzeug klarzumachen.

Nach und nach erzählen sie mir atemlos, was sie in den über 24 Stunden, in denen ich bewusstlos gewesen war, erlebt hatten. Aber war ich wirklich ohne Bewusstsein gewesen? Klare Erinnerungen habe ich keine. Ein vager Eindruck von angeregten Unterhaltungen in angenehmer Gesellschaft, Champagner und Tango bleibt – nicht anders jedoch als an einen verblassenden Traum…

Als wir im Morgengrauen in Waldeck am Steg des Gasthof „Seeblick“ anlegen, fallen uns die Augen zu.

Bevor wir auf den am Strandufer für die Gäste bereitgestellten Liegestühlen einschlafen, um Kraft für den Rückweg nach Hause zu sammeln, sehen wir auf dem hölzernen Landesteg eine kleine braungetigerte Katze stehen, die uns freundlich zublinzelt.

Edmee

Edmée

Ende

138. Kapitel – Der Gasthof am Edersee V

Eine Reiseerzählung – Teil 5: Der Plan

Art Nouveau KleidZurück zu Teil 4

Die Tapetentür stand nun weit offen. Beklommen ließen wir unsere Blicke durch den dahinter liegenden Raum schweifen. Enttäuschung bemächtigte sich unserer: in dem Zimmer waren ausschließlich Bücher untergebracht: Folianten und Schriftstücke der letzten Jahrhunderte lagerten hier. Wir mussten uns in der Bibliothek des „Alten Schlosses“ befinden.
Elie stöhnte. „Bücher! Nur Bücher … ich hatte gehofft, hier vielleicht das Verlies zu finden, in dem Susanne eingesperrt ist – denn das ist sie doch sicher: eingekerkert! Sonst würde sie doch zu uns zurück kommen – oder will sie vielleicht gar nicht mehr zu uns …?“ Ein ersticktes Schluchzen folgte.

Die Tigerkatze sprang grazil wie eine Ballett-Tänzerin in eines der oberen Regalfächer und rieb sich an den Einbänden der dort stehenden Bücher. Ich warf einen näheren Blick auf die Werke: es handelte sich um die Chroniken der Region Edersee – sie umfassten die Jahre 1908 bis 1914.

Unschlüssig ergriff ich einen der Bände und schlug ihn auf. Die Katze begann zu schnurren – offensichtlich hatte ich etwas gefunden, von dem sie wollte, dass ich es sah.

Die Chronik – sie war zu umfangreich, als dass ich sie hier in Gänze wiedergeben könnte – referierte den Bau der Edeltalsperre, beginnend mit den Planungen, der Errichtung der Staumauer, den ersten Stauungen und der Flutung von mehreren Ortschaften der Ederseeregion.

Hier unterbricht Elie mich. „Die alten Dörfer wurden überflutet? Aber was geschah denn mit den Menschen, die dort wohnten? Und mit den Tieren…?“ Ich blättere in der Chronik und finde den folgenden, nüchternen Satz:

Die Dörfer Asel, Bringhausen und Berich wurden abgetragen und versanken in den Fluten. Die Bewohner wurden teilweise in Gebiete oberhalb ihrer Dörfer und nach Neu-Berich bei Bad Arolsen umgesiedelt.

Dann lese ich mit Schaudern:

Bei Niedrigwasser kommen die überfluteten Reste der alten Dörfer wieder zum Vorschein: Mauerreste der alten Bericher Klosterkirche sowie die Ederbrücke von Asel, die sonst unter dem Wasserspiegel liegt. Bei besonders niedrigem Wasserstand kann man die Überreste der alten Bericher Hütte und die mit Betondecken versehenen Gräber des alten Friedhofs erkennen.

Elie flüstert: „Die alten Häuser sind also dort unten auf dem Seegrund …? Und wenn dort doch noch die Leute von damals in ihren Häusern – oder Gräbern – sind …?“ Vom Grauen geschüttelt verstummte Elie. Das Buch entglitt mir: mit einem schweren Poltern fiel es zu Boden. Ich wagte nicht, es aufzuheben – so als könnten dem Buch tatsächlich grausige Geistererscheinungen entspringen.

Ein Knarren ertönte, dann vernahmen wir ein leises Klicken. Die Tapetentür war hinter uns zugefallen! Mit einem Satz war ich an der Tür und versuchte, sie zu öffnen: es gelang mir nicht! Die Tür besaß auch auf der Innenseite keine Klinke, und der Schlüssel steckte aussen – dort steckte er doch noch? Zitternd spähte ich durch das Schlüsselloch, in dem kein Schlüssel mehr zu erkennen war… Durch die Öffnung sah ich indessen unseren Wirt, Herrn von Hollow, sich langsam entfernen, den langen, altmodisch verschnörkelten Schlüssel in der Hand.

Es gab keinen Zweifel: unser Gastgeber hatte uns absichtlich in der Bibliothek eingeschlossen. Wir waren gefangen.

Elie ließ sich auf den Steinboden der Bibliothek gleiten. Weinend flüsterte er „Das ist das Ende. Wir werden hier sterben!“ Die Katze rieb ihren Kopf an Elies Bein. Dann sprang sie auf das hinter uns befindliche Bücherbrett und begann, ihre Krallen an einem besonders ansprechend-rauhen Bucheinband zu schärfen. Dabei verhakte sie sich mit der einen Pfote in den Stoffeinband, zog das Buch wie zufällig aus der Reihe heraus und warf es uns geradewegs vor die Füße. Das Buch klappte in der Mitte auf und blieb offen liegen.

Elie und ich lasen nun voller Entsetzen, was dort stand:

Es war einmal ein reicher Müller, der besaß ein Mühlwerk am Fluss. Tagaus, tagein arbeitete er in seiner Mühle, ließ das Mühlrad sich fröhlich drehen und mahlte das Getreide, das die Bauern ihm brachten, zu feinstem Mehl.

So verging Jahr um Jahr. Der Müller mahlte, die Bauern bauten ihren Roggen und Weizen an und die Tochter des Müllers, die Edmée hiess, wuchs in der Mühle zu einer liebreizenden jungen Frau heran.

Eines Tages aber erließ der Kaiser ein Gesetz, nach welchem der Fluss zu einem Stausee aufgestaut werden sollte, um die nahe gelegenen Städte und Dörfer mit Wasser zu versorgen. Die Mühle, das Mühlrad und alle Besitztümer des Müllers sollten unter den Wassermassen begraben werden. Der Kaiser bot dem Müller eine hohe Entschädigung, nämlich 1000 Goldtaler, für den Verlust seiner Mühle an. Aber der Müller hing sehr an seinem Gehöft und weigerte sich, die Goldtaler anzunehmen. Er wollte seine Mühle behalten.

Die Müllerstochter sah, wie alle Nachbarn das Geld des Kaisers annahmen, ihr Hab und Gut packten und sich weiter entfernt wieder ansiedelten. Sie schalt ihren Vater, die Entschädigung ausgeschlagen zu haben. „Vater, wie sollen wir leben, wenn die Staumauer gebaut ist? Unser Haus, die Mühle – alles was wir haben – wird überflutet werden!“
Der Müller blieb unbeugsam bei seinem Entschluss, die Mühle zu behalten.

Indessen wurde die Staumauer gebaut und mehrere Jahre zogen ins Land. Der Müller war verbittert, da keiner seiner alten Nachbarn mehr mit ihm sprach. Sie wohnten nun weit weg und kamen nie mehr zur Mühle. Nur selten verirrte sich einer der Bauern in die alte Mühle.

Berich vor der Flutung

Berich vor der Flutung

Der Tag kam, an dem die Staumauer fertiggestellt wurde. Unnachgiebig und eisenhart setzte sich der Müller an sein Mühlwerk und wartete. Wenn die Fluten kamen, würde er mit seiner Mühle untergehen – die Mühle war ihm mehr wert als sein eigenes Leben.

Keiner der Nachbarn wagte es, den Müller von seiner Entscheidung abzubringen, denn der Müller war ein harter Mann, der keinen Widerspruch duldete.

Als die Flut kam, war die Müllerstochter die einzige, die versuchte, ihren Vater aus dem Wasser zu retten.

Weder sie noch ihr Vater wurde je lebend wiedergesehen.

Seither gibt es jedoch die Legende eines Wiedergängers, welcher bei Niedrigwasser aus den Fluten zurückkehre und die Gesellschaft von Menschen suche. Da er auf dem Grunde des Sees sehr einsam ist, nimmt er junge Frauen, deren Gesellschaft ihm angenehm ist, mit sich in die Fluten. Auch Ertrunkene, deren Leiche verschwunden bleibt, sollen bei ihm ein neues Zuhause finden… Es gibt nur eine Möglichkeit, die Menschen, die er als Spielgefährten erwählt hat, aus seinen Fängen zurückzuholen:

Wiedergänger am Seengrund
verzaubern magst Du manch Maiden Mund –
In Fluten muss sie untergehn
nimmermehr an Lande stehn
Wenn nicht des Buchenwaldes Meisters
verblühte Blumenpracht sie streifet.

Nur wenn man dies genau befolgt, kann man den Fluch, der über dem Opfer des Wiedergängers liegt, brechen. Ansonsten fällt man selbst dem Wiedergänger anheim. Es wird auch erzählt, dass die schöne Tochter des Müllers seither versucht, die Unseligen, die in die Fänge des Wiedergänger geraten sind, zu befreien…

Und da sie schon gestorben sind, so geistern sie noch heute.

Ich blickte auf und sah Elie an. Wir mussten aus der Bibliothek, in der wir gefangen waren, herauskommen und dann den Vers befolgen, der das Gegenmittel für den Zauber beschrieb. Sonst war Susanne – und auch wir – verloren.

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