158. Kapitel – In den Krallen der Pest

Voller Vorfreude springe ich die Treppe hoch in 4. Stock. Eben habe ich in der Stadt noch letzte Einkäufe für die morgige, alljährliche Fahrradtour mit einer lieben Freundin getätigt. Das Highlight der Sommerferien steht unmittelbar bevor!

Während ich den letzten Treppenabsatz nehme, rekapituliere ich ein weiteres Mal, was bis Morgen vorzubereiten ist: Picknick, Luftpumpe, Sonnenöl und -hut … das meiste hat Anatol ohnehin schon zurechtgelegt. Das Rad ist gewartet, die neue Satteltasche steht bereit – unserer Tour steht nichts mehr im Weg. Wir müssen nur noch einmal schlafen … dann ist es soweit!

Ich stecke den Schlüssel ins Schloss, da ich weiss, dass Anatol es hasst, wenn ich klingele, damit er mir aufmacht. „Kannst Du nicht selber aufschließen?! Stör mich nicht bei der Arbeit!“ pampt mich das Untier jedesmal an.

Während ich den Schlüssel im Schloß drehe, kommt mir ein seltsamer Geruch aus der Wohnung entgegen, der offenbar sogar durch die geschlossene Tür dringt… haben die Butler nicht daran gedacht, die Katzenklos zu säubern? Es ist zwar nicht schlimm, aber ein wenig verärgert bin ich doch. Schließlich hatten die beiden Saurier den ganzen Nachmittag zu Hause verbracht, während ich in der Stadt einkaufen war.

Als ich in Flur trete, umgibt mich ein pestilenzartiger Gestank. Ich erschauere – was ist hier geschehen?

„Anatol!?“ rufe ich. „Was ist denn los? Es stinkt bestialisch!“

Gepolter ertönt aus der Rumpelkammer, dann ein Ächzen, das unzweifelhaft von Anatol stammt. Der Saurier scheint unter Tonnen von Gerätschaften begraben – so klingt es jedenfalls. Dann fallen diverse Gegenstände scheppernd zu Boden und der Butler krabbelt betreten aus der Kammer hervor.

Kopfkratzend sieht er mich an. „Ja“ sagt er. „Es stinkt. Das ist mir nicht verborgen geblieben. Es hat am frühen Nachmittag begonnen, und seitdem suche ich die Quelle. Bisher ohne Erfolg. Aber bei allem, was mir heilig ist – ich werde sie finden!“

Dann verschwindet er wieder in der Gerümpelkammer, wo er offenbar den Ursprung des Geruchs vermutet.

Ich lege meine Einkäufe ab und stelle erleichtert fest, dass Wohn- und Schlafzimmer verschont sind von den unangenehmen Ausdünstungen. Dies haben auch die Katzen und Elie bemerkt: bang haben sie sich in die letzte Ecke des Betts gedrängt, um dort so weit wie möglich von der unseligen Küche, die das Epizentrum des anrüchigen Problems zu sein scheint, entfernt zu sein.

„Hat Anatol etwas gekocht, was ihm misslungen ist?“ flüstere ich Elie fragend zu.

„Nein… Anatol hat heute nachmittag nur Kaltes vorbereitet für Eure Tour morgen. Das hat überhaupt nicht gerochen – und wenn, dann hat es lecker gerochen. Ich weiss auch nicht, was das für ein schrecklicher Gestank ist: als ob jemand im Lüftungsschacht gestorben wäre! Igitt!“

Der von Elie gebrachte Vergleich ist pietätlos, aber zutreffend. Ich räuspere mich. „Und das Brummen…? War das auch die ganze Zeit schon…?“

„Ach, die Fliegen? Ja, die schwärmen seit vorhin hier rein. Das ist eklig! Ich mag hier nicht mehr wohnen. Nachher geh ich zu Anna – sicher darf ich dort übernachten.“

Aus der Rumpelkammer ertönt ein trimphierendes „Ha!“. Elie und ich stürzen in die Küche – hat Anatol wohl den Ursprung allen Übels gefunden? Der Saurier zerrt eine offensichtlich vergessene Tüte mit undefinierbarem Inhalt aus der hintersten Ecke der Kammer hervor.

„Das hier muss es sein!“ Anatol öffnet die Tüte so voller Aufregung, dass der gesamte Inhalt zu Boden fällt: Verlängerungskabel, Adapter und erstaunlicherweise auch Elies Schwimmflügel kommen zu Vorschein. Alles ist trocken und sauber, lediglich etwas Staub hat sich auf der Tüte gesammelt.

Entmutig lässt Anatol die Tüte zu Boden gleiten. „Wieder nichts! Ich kann mir dieses Phänomen nicht erklären!“

Ich erkläre die Sucharbeiten vorerst für beendet und bitte die Saurier, die sehr zahlreich vorhandenen Fliegen aus dem Fenster zu bugsieren. Dann packe ich unsere Satteltasche für die morgige Tour und lege meine Fahrradmontur zurecht.

Anatol hat ein Taboulé für heute abend vorbereitet, das so reichlich ist, dass auch für unsere Tour noch etwas abgezwackt werden kann. Auf dem Balkon können wir unser Abendessen sogar genießen – hier ist die Luft rein.

„Elie, kommst Du morgen auch mit auf die Fahrradtour? Wir fahren die Tour de Murg, im Schwarzwald. Es wird sicher toll!“ sagt Anatol, sein Taboulé schmatzend.

Elie würdigt ihn kaum eines Blickes. „Ich gehe morgen demonstrieren!“

Richtig – für morgen war die große Demostration der hiesigen Friedensbewegung angekündigt. Auch die Flüchtlingshilfe, bei der Elie und Anna jeden Donnerstag bei der Essensausgabe mitarbeiten dürfen, nimmt selbstverständlich daran teil.

Beschämt sehe ich auf meinen Teller. „Ich kann diesmal leider nicht mitkommen, Elie.“ Und aufmunternd: „Ich bin sicher, dass Du uns würdig vertreten wirst!“

„Also wir werden ganz bestimmt morgen während der Radtour oben im kühlen Schwarzwald an Euch denken!“ zieht Anatol seinen Kumpel auf.

Gerade will ich mein Missfallen an derlei spitzen Bemerkungen ausdrücken, da zetert Elie schon mit vor Wut rotem Kopf los. „Während Ihr es Euch im Schwarzwald gut gehen lasst, tue ich etwas für den Frieden! Das ist wichtiger als Euer Amüsement! In vielen Ländern ist Krieg, Europa löst sich auf … seit gestern sagen sie sogar im Radio, wir sollen Essens- und Wasservorräte hamstern, um uns auf den nächsten Krieg vorzubereiten! Aber fahrt nur los auf Eure Tour de Murks und wiegt Euch in Sicherheit! Ich demonstriere lieber mit der Antifa!“

Hier werde ich hellhörig. „Elie, von Antifa war bisher nicht die Rede! Es ging um eine Demo für den Frieden, für Toleranz und Völkerverständigung … von Antifa habe ich nichts gehört, und ich bin nicht damit einverstanden, dass Du bei Extremisten mitgehst!“

Meinen autoritären Diskurs schließe ich mit einer dezidierten Handbewegung ab. Elie ist hoffentlich davon so beeindruckt, dass er sich weiteren Antifa-Ambitionen enthält.

Anatol knurrt „Antifa? Von denen habe ich irgendwann in den 8oer Jahren das letzte Mal gehört. Existieren die noch? Ich fand die damals schon beschränkt.“

Dann fügt er hinzu „Das mit den Vorräten, die wir nun alle haben sollen, habe ich auch gehört. Ja, es beunruhigt mich ebenfalls. Sicherheitshalber habe ich deshalb heute mittag zwei Gläser Marmelade eingekocht!“

Elie verdreht die Augen. Man sieht ihm an, dass er gerade innerlich explodiert. Bevor es ein Unglück gibt, frage ich schnell, was es denn mit dieser Antifa auf sich habe, bei der Elie mitmarschieren wolle – wogegen ich mich im Übrigen ganz entschieden ausspreche.

„Antifa ist unsere Politik-AG in der Schule!“ schreit Elie, voller Wut ob unserer Ignoranz. „Da sprechen wir über die politische Lage in Syrien und im Irak, die Flüchtlinge – wie sie zu uns kommen und wie wir ihnen helfen können … und über diese neuen Parteien, die gegen die Flüchtlinge sind!“

All dies klingt für mich nicht wirklich nach Antifa. Elie sieht meinen zweifelnden Blick und beeilt sich, zu erklären. „Das mit der Antifa hat Herr Hase gesagt!“ erläutert er.

Wir erinnern uns – Herr Hase, unser reaktionärer Nachbar, schätzt politische Betätigung nur, wenn sie mindestens auf erzkonservativer Ebene stattfindet.

„Herr Hase hat Eliane verboten, an der Politik-AG teilzunehmen. Er sagt, das sei eine Antifa-Gruppe, und zu so etwas ginge seine Tochter auf keinen Fall!“ Etwas pampig setzt Elie hinzu „Jetzt wisst Ihr es. Und wir bei der Antifa, wir sind dafür, dass die armen Flüchtlinge herkommen dürfen. Das will Herr Hase nicht.“

„Ach so…“ bemerkt Anatol gedehnt und mit einem kaum merkbaren ironischen Unterton. „Und Euer Vorbild bei dieser ‚Antifa-Gruppe‘ ist dann sicher die Bundeskanzlerin…?“

Elie nickt eifrig. „Natürlich! Wir haben der Bundeskanzlerin sogar eine Mail geschrieben, und ihr gesagt, wie gut wir das finden, dass die Flüchtlinge aufgenommen werden!“

Ich atme auf, beende die politische Diskussion und erlaube Elie ausdrücklich die weitere Teilnahme an dieser quasi staatstragenden „Antifa“-AG. Im Stillen nehme ich mir vor, die Klassenlehrerin und AG-Leiterin darum zu bitten, den Schülern das politische Geschehen der letzten 40 Jahre noch ein wenig genauer zu erklären.

Es ist nun 21 Uhr und im Grunde höchste Zeit, ins Bett zu gehen. Der Wecker ist für 5 Uhr 15 gestellt.

Anatol findet indessen keine Ruhe. „Meine Küche ist hinüber!“ jammert er. „Es ist nicht auszuhalten, dieser Gestank! Der muss doch irgendwoher kommen …“ Wie besessen beginnt der Saurier, die strategischen Orte abzusuchen, Möbel wegzurücken und Ritzen auszukratzen – er verdächtigt die Katzen, das sehe ich ihm an.

Ich komme dem Butler zur Hilfe, während Elie schon friedlich in seinem Nestchen schlummert – von der morgigen Demo träumend, auf der er die ganze Zeit Annas Hand halten wird, sollte nicht der verhasste Nebenbuhler Angelo zugegen sein.

Das Zentrum der Geruchskatastrophe ist klar in der Küche zu verorten. Anatol lässt seinen Blick durch den Raum schweifen. „Da!“ ruft er. „Die Lüftung! Da kommt es sicher raus, glaube ich!“

Wütend zerrt er die Leiter unter dem Schrank hervor und klettert in Windeseile in schwindelerregende Höhen. Ganz bis zum Lüftungsschlitz schafft er es nicht, aber er ruft auftrumpfend „Von da kommt es! Furchtbar ist es hier mit dem Geruch – viel schlimmer als unten!“

Indessen habe ich das Gefühl, dass die Ausdünstungen aus einer anderen Ecke kommen – aber Anatol lässt nicht mit sich reden. „Ich schalte die Lüftung jetzt aus. Dann muss der Geruch verschwinden – wenn er aus der Lüftung kommt.“

Dies ist logisch – wir knipsen daher die Lüftung aus und legen uns ins Bett. Fenster und Balkon bleiben ob der großen Hitze offen.

Etwa 30 Minuten später kann ich vor Gestank nicht mehr schlafen. Auch Anatol ist auf: knurrend rumort er in der Küche umher. „Also – die Lüftung ist es leider nicht. Das Ganze ist ohne Lüftung noch viel schlimmer! Ich stelle sie wieder an – es hilft ja nichts.“

Als wir eine weitere Stunde erfolgloser Suche hinter uns haben, geben wir entnervt auf. Anatol legt sich auf den Balkon, ich schlafe ohnehin neben dem geöffneten Fenster.

Als der Wecker um kurz nach fünf klingelt, habe ich etwa drei Stunden geschlafen. Ich bin todmüde. Der uns aus der Küche entgegenschlagende Gestank ist unerträglich.

So schnell wir können verlassen wir die Wohnung und liefern den aufgeregten Elie – es ist seine erste Demonstration „mit den Großen“ – bei Anna ab.

Dann lasse ich Anatol in den Rucksack krabbeln, wo er augenblicklich einschläft, und setze mich aufs Rad.

Unsere langersehnte Radtour hat begonnen.

zur Fortsetzung!

 

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