168. Kapitel – Zwei Luchse aus Strasbourg gerettet!

Gestern hat Anatol es auf Facebook gelesen – die beiden Strasbourger Luchse, Charlie und Catrina, die seit zwölf Jahren ein trauriges Dasein in einem kleinen Beton-Freigehege im Zoo der Orangerie fristeten, sind FREI: Zwei Luchse gerettet!

Wir sind überglücklich, denn seit Langem sehen wir unsere beiden Freunde in einer für sie gar nicht artgerechten Umgebung auf kahlem Steinboden vegetieren.

Nun sind sie vorerst zur Eingewöhnung auf 500m2 Natur untergebracht. Später sollen die beiden im Bärenpark in das 1,3 Hektar große Waldgebiet entlassen werden.

Vorher muss Charlie aber etwas abnehmen. Er hat sich mit seinen 30 Kilo etwas Übergewicht angefuttert.

Anatol, Elie, Pelle der Luchs und ich wünschen den beiden Pinselohren alles Gute in ihrer neuen Heimat im Schwarzwald!

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98. Kapitel – Anatol auf dem Weihnachtsmarkt

Heute habe ich dem Gequengel endlich nachgegeben: Anatol will seit Tagen auf den Weihnachtsmarkt. Nicht für Geld und gute Worte ist er davon abzubringen – nein: der Weihnachtsmarkt muss besucht werden, findet Anatol.

Dabei hatte ich gewichtige Argumente gegen diese Veranstaltung vorgebracht, nämlich:

  • Es ist dort so voll, dass man die Stände nicht einmal sehen kann
  • In Strasbourg gibt es kein Weihnachtskarussell
  • Alles auf dem Weihnachtsmarkt ist überteuert
  • Es ist kalt
  • Der Weihnachtsmarkt dient (fast) nur dem Kommerz.

Elie hatte mir beigepflichtet. Er wolle nicht auf den Weihnachtsmarkt mit uns, hatte er schon vor der Eröffnung erklärt – weshalb, verstanden wir gestern: Anna, Elies beste Freundin (und heimliche Geliebte) hat auf dem Weihnachtsmarkt einen kleinen Stand, an dem sie für ein Kinderhilfswerk Plätzchen verkauft. An diesem Stand verbringt Elie nun jede freie Minute – da kann er natürlich nicht mit uns über den Weihnachtsmarkt schlendern.

Anatol hatte meine Argumente mit einer Handbewegung hinweggewischt. „Papperlapapp! Wenn wir recht spät am Abend hingehen, sind die meisten Leute schon weg. Ich möchte so gern wieder mal einen Glühwein (ohne Alkohol versteht sich) trinken… und dann gibt es da die leckeren Bredele … Strasbourg ist schließlich DIE Weihnachststadt. Das will ich mir nicht entgehen lassen!“

Schweren Herzens hatte ich mich daher bereiterklärt, am heutigen Sonntagabend mit Anatol und einer lieben Freundin den Strasbourger Weihnachtsmarkt zu besuchen.

Um 18 Uhr ist es soweit: Anatol und ich betreten die Innenstadt. Menschenmassen ungeahnten Ausmaßes strömen aus der Stadt heraus und wälzen sich durch die engen Straßen. Ich schlucke. „Anatol, Du hattest gesagt, ab 18 Uhr sei es hier ganz menschenleer!“

Ungehalten brummelt Anatol, dass in 10 Minuten sicher viel weniger Leute unterwegs wären. Ich solle mich „gefälligst nicht so anstellen.“ Nach diesem wenig freundlichen Hinweis versuche ich, bis zum Hauseingang unserer Freundin vorzudringen, was glücklicherweise auch gelingt.

Etwas später lassen wir uns zu dritt von der Menschenmenge in Richtung Weihnachtsbaum am Place Kleber schieben. Hier schaffen wir es leider nicht, bis zur Krippe vorzustoßen – immerhin glückt es uns, ein Photo von Anatol unter dem großen Strasbourger Weihnachtsbaum zu schießen.IMG_3247

Da Anatol doch etwas Angst bekommen hat wegen der vielen Menschen um uns herum, lässt er sich lieber von uns festhalten.

Wir beratschlagen. In der Nähe des Weihnachtsbaums ist nicht nur kein Fortkommen – die Geräuschkulisse ist auch ganz unerträglich. Attraktion des Weihnachtsmarkts ist nämlich unter anderem ein Lichtspiel, welches mit lautstarker Musikuntermalung mehr an ein Science-Fiction-Kinoerlebnis erinnert als an eine Weihnachtsvorstellung.

Ein kleiner Platz in der Nähe beherbergt auch einige Weihnachtsstände – dort hoffen wir eine etwas entspanntere und vor allem geräuschärmere Umgebung vorzufinden.

Der Saurier ist begeistert – und unverfroren: Kaum sind wir am Ziel angekommen, entwischt er aus meiner Handtasche und versucht, einen der Weihnachtsstände zu erklimmen! IMG_3253Im letzten Moment bekommt meine Freundin ihn am Schwanzzipfel zu fassen und kann das Biest festhalten – die hübschen Christbaumkugeln hatten es ihm offenbar sehr angetan.

Der Butler gelobt nun Mäßigung – allerdings erst nach einer gebührenden Maßregelung. Nicht auszudenken, was passieren könnte, wenn der Saurier auf dem überfüllten Weihnachtsmarkt verloren ginge!

Wir besuchen einen Stand mit Weihnachtsfigürchen, Anatol ist hier glücklicherweise brav und lässt sich ohne weiteres photographieren. IMG_3254

Nun verlangt das Tier allerdings etwas zu essen. Man könne nicht auf einen Weihnachtsmarkt gehen, ohne Weihnachtsgebäck zu sich zu nehmen!

Hier wartet die nächste Enttäuschung auf uns. Die Stände, an denen Bredele und Glühwein verkauft werden, sind so beliebt, dass sich endlose Schlangen davor gebildet haben. Da ich keine Viertelstunde auf ein paar Bredele und etwas warmen Orangensaft mit Gewürzen warte, spreche ich ein Machtwort: Es gibt heute weder Bredele noch Glühwein, sondern – mangels Warteschlange vor dem entsprechenden Stand – etwas, was wir früher ohne Hintergedanken, politisch jedoch gänzlich unkorrekt „Negerkuss“ genannt hätten und was hier auf dem Weihnachtsmarkt in den köstlichsten Varianten dargeboten wird: Rum-Rosine, Zimt, Mokka, weisse Schokolade … einen solchen spendiere ich Anatol.

Noch bevor ich ein Photo machen kann, hat der Saurier die Süßigkeit vertilgt. Ich bin enttäuscht – wollte ich doch die Szene der Nachwelt erhalten.

„Dann müssen wir wohl noch mal herkommen, wenn Du davon unbedingt ein Photo willst!“ feixt das Untier frech. Ich bin sprachlos ob dieser Unverschämtheit!

Nun ist es auch Anatol kalt geworden. Wir knipsen ein letztes Photo vor einem wunderschön dekorierten Uhrengeschäft und machen uns auf den Rückweg. IMG_3255

Bis zu Annas Stand sind wir nicht durchgedrungen. Vermutlich müssen wir als tatsächlich noch einmal auf den Weihnachtsmarkt.

Ob ich mich wirklich darauf freue, weiss ich heute Abend allerdings noch nicht.

53. Kapitel – „Die schwarze Katze“

10. Mai, 23 Uhr 15. Mein Geburtstag ist fast vorbei – und eine lange, aufreibende Nacht liegt vor uns.

Elie ist, nachdem er mit seinem Freund Mirko „Eyes wide shut“ gesehen hat – ein Film, den er laut FSK frühestens in 10 Jahren zu Gesicht bekommen dürfte – davongelaufen, um im Strasbourger Nachtleben seinen Liebeskummer zu betäuben.

Anatol und ich sind in höchster Sorge. Wie sollen wir Elie wiederfinden? Er kann im Grunde überall sein – wir müssen die einschlägigen Lokale eines nach dem anderen abklappern.

Die Polizei will ich nicht einschalten – mit dem Auge des Gesetzes haben wir, was Dinosaurierfragen angeht, keine allzuguten Erfahrungen gemacht. Wir müssen mit Bordmitteln arbeiten.

Welches Etablissement suchen wir zuerst auf? Anatol schlägt das Café des Anges vor. Dort werde Salsa getanzt – vielleicht habe Elie den Tanz lernen wollen, um Anna später damit zu beeindrucken? Wer seinerseits perfekt Salsa tanzt, brauchen wir nicht näher zu erwähnen: Angelo – Elies Erzrivale.

Innerhalb von 5 Minuten sind wir beim Café des Anges. Der Türsteher mustert mich abschätzig. Sieht man mir an, dass ich überhaupt nicht tanzen kann?

Nein, er habe keinen kleinen Plüschdinosaurier hereingelassen. Ja, da sei er sich ganz sicher. Auf weitere Nachfrage beginnt der Videur, wie man hier sagt, an seinem Handy herumzufingern. Ich halte dies für kein gutes Zeichen und ziehe es vor, mich zu verabschieden – bevor der gute Mann Verstärkung holt, um die sichtlich etwas derangierte, nicht mehr ganz so junge Dame aus dem Eingangsbereich des exquisiten Clubs zu entfernen.

Auf der Straße frage ich Anatol, ob er einen anderen Club kenne, der es Elie vielleicht angetan haben könne? Finde gar heute Nacht möglicherweise ein Kostümball in Strasbourg statt …? Das wäre sicher eine Adresse, die man aufsuchen müsse.

Anatol ist nichts dergleichen bekannt. „Lass uns noch mal im Salamandre gucken. Das ist ein Club, in den Studenten gehen. Angelo kann durchaus mal dagewesen sein – vielleicht hat er das in der Schule erzählt?“

Mir ist jeder Vorschlag recht. Auch vor diesem Etablissement steht ein Videur und kontrolliert, ob die Kleidervorschriften eingehalten werden. Allein dies deutet bereits darauf hin, dass Elie – soweit er sich nicht ganz neu eingekleidet hat! – hier im Grunde keinen Einlass gefunden haben kann. Dennoch befrage ich den Türsteher.

„So so. Sie suchen also einen Stoffdinosaurier, der Ihnen ausgebüxt ist. Warum lassen Sie ihn sich nicht mal ordentlich amüsieren?“ Der Muskelprotz bricht in ein hämisches, heiseres Lachen aus. Frostig stelle ich klar, dass mein Stoffdinosaurier heute bereits genügend Gelegenheit hatte, sich zu „amüsieren“ – und dass ich dem gnädigen Herrn außerordentlich verbunden wäre, wenn er mir die gewünschte Auskunft nun bitte erteilen würde. Der Videur durchbohrt mich mit einem stahlharten Blick, der mir Angst machen soll. Nein, da sei kein Stoffdinosaurier im Club. So etwas hätte er im Übrigen gar nicht erst hereingelassen. Bevor ich mich mit dem Gorilla darüber anlegen kann, was das „so etwas“ zu bedeuten habe, zerrt Anatol mich weg. Er flüstert wütend: „Merkst Du nicht, dass der Kerl es auf Dich abgesehen hat? Mit derlei Typen ist nicht zu spaßen!“

Verzweifelt konsultiere ich mein iPhone nach weiteren Bars und Nachtclubs. Wir können unmöglich all diese Örtlichkeiten nach Elie durchkämmen! Da hat Anatol eine Idee: Fridolin arbeite nachts in einem Club als Kellner. Den sollten wir sofort aufsuchen und fragen, ob er über seine Verbindungen Elie lokalisieren könne.

Kurze Zeit später betreten wir das berühmte „Le Trou „. Interessanterweise scheint Anatol hier nicht unbekannt zu sein – ich nehme mir vor, ihn danach später genauer zu befragen – zumindest werden wir sofort eingelassen und sehr zuvorkommend behandelt. Augenblicklich sitzen wir an einem Tisch – zwei Cocktails, deren Genuß ich Anatol sofort verbiete, vor uns. Der Servierer teilt uns mit, Fridolin sei gerade in der Pause, er werde ihn aber rufen.

Die Cocktails duften verführerisch, aber gefährlich hochprozentig. Ich lasse sie zurückgehen und bestelle Anatol einen Apfelsaft und mir ein alkoholfreies Bier. Wir müssen einen klaren Kopf bewahren.

Da setzt sich Fridolin auch schon an unseren Tisch. „Was für ein seltenes Vergnügen, Euch hier zu sehen!“ Fridolin freut sich sichtlich, zwei bekannte Gesichter begrüßen zu können. „Ihr könnt die Cocktails auch ohne Alkohol bekommen – ich bestelle sie Euch sofort. Ihr seid natürlich eingeladen – noch dazu an Deinem Geburtstag!“ Fridolin macht dem Kellner ein Zeichen.

„Fridolin, wir sind nicht zum Feiern da. Elie ist getürmt, und wir vermuten, dass er sich in einem Nachtclub herumtreibt.“ Anatol sieht Fridolin besorgt an.

Fridolin versteht sofort. „Es gibt da eine oder zwei Personen, die ich kontaktieren könnte. Allerdings nicht offiziell. Namen kann ich keine nennen. Vielleicht finden wir so etwas heraus … ja könnte klappen. Komme gleich wieder. Ihr trinkt jetzt Eure Cocktails – so etwas Verkrampftes wie Euch beide habe ich hier lange nicht bewirtet. Nein, keine Angst: kein Alkohol, keine Drogen.“

Er verschwindet hinter dem Tresen und flüstert dem zweiten Kellner etwas zu. Dieser nimmt den Hörer eines altertümlichen, fest an der Wand installierten Telephons mit Wählscheibe ab und wählt eine Nummer. Dann spricht er eindringlich in den Hörer. Was er sagt, hören wir nicht. Anatol leert seinen alkoholfreien Cocktail in einem Zug – ich lasse mir etwas mehr Zeit. Unter anderen Umständen hätte ich den Cocktail genossen. Heute Nacht überwiegt die Angst um Elie.

Leutselig kehrt Fridolin an unseren Tisch zurück. Er reibt sich die Hände: „Elie ist tatsächlich gesehen worden. Fragt mich bitte nicht nach meinen Quellen – die kann ich Euch nicht offenlegen. Elie muss versucht haben, zu verschiedenen Clubs Zutritt zu bekommen – im Aviateurs haben sie ihn nicht hereingelassen, im Seven ebenfalls nicht. Einen weiteren Kontakt ruft mein Kollege gerade an – allerdings hoffe ich, dass Elie dort nicht hingegangen ist.“

Der Schreck fährt mir in die Glieder. „Was wäre denn dabei so schlimm, an diesem „Lokal“…?“ frage ich besorgt.

„Es handelt sich um Die Schwarze Katze„, sagt Fridolin. „Das ist ein Club, in dem junge Leute wie Elie überhaupt nichts zu suchen haben – wenn Ihr versteht, was ich meine.“

Ich verstehe – und hoffe inständig, dass wir Elie in einem harmlosen Café bei einem Kakao oder meinetwegen auch einem alkoholfreien Cocktail auffinden mögen …

Fridolin wird nun ans Telephon gerufen. Er nimmt den Hörer, erstarrt kurz – und gestikuliert dann wild: offensichtlich wurde Elie gesichtet! Anatol und ich stürzen zu Fridolin ans Telephon.

Der Geschäftsführer der Schwarzen Katze ist am Apparat: vor etwa 10 Minuten sei ein mit einem dunklen Kapuzenschal bekleideter beigefarbener Plüschdinosaurier am Eingang erschienen, habe ein dem Türsteher gänzlich unbekanntes „Passwort“ geflüstert und um Einlass gebeten. Da dem Türsteher die Angelegenheit nicht geheuer gewesen sei, habe er das Stofftier nicht hereinlassen wollen. Da dieses aber auf Zutritt bestanden habe, habe sich der Aufpasser den Dinosaurier kurzerhand geschnappt und ihn in den Gewahrsam der Barkeeperin gegeben – um genauer zu sein, in deren Kanarienvogelkäfig gesperrt. Darin sitze er auch jetzt noch und könne abgeholt werden.

Anatol und ich umarmen Fridolin – unser Dank lässt sich nicht in Worte fassen. Im Handumdrehen sitze ich auf dem Fahrrad, Anatol in meiner Tasche, und fliege förmlich in Richtung „Schwarze Katze „.

Der dortige Türsteher ist freundlicher als seine Kollegen, die wir heute im Laufe der Nacht kennenlernen durften. Er führt uns an die Bar des in der Tat für Jugendliche nicht geeigneten Etablissements, wo ein altmodischer, gusseiserner Vogelkäfig von der Decke herabhängt – einen Stoffkanarienvogel und Elie mitsamt meinem Kapuzenschal beherbergend. Anatol wollte das unglaubliche Bild, das sich uns hier bot, photographieren – aber Photos sind in der Schwarzen Katze streng verboten.

Die Barkeeperin bietet uns sehr liebenswürdig einen Tisch an – auch Getränke stehen schon bereit. Ich will jedoch diesen – obwohl tatsächlich sehr gastfreundlichen – Ort schleunigst verlassen.

Es ist mittlerweile 3 Uhr morgens. Elie hat sich in meinen Kapuzenschal gekuschelt und war offenbar direkt nach seiner Arretierung in der Volière eingeschlafen. Von dem fröhlichen Treiben in der Schwarzen Katze hat er sichtlich nichts mitbekommen. Ich werde ihm morgen gehörig den Kopf waschen.

Auch ein ernstes Gespräch mit Mirko nehme ich mir vor.

Endlich sind wir zu Hause – Anatol schlummert nun auch in meiner Tasche.

Ich setze die Butler in ihr Nest und decke sie zu. Dann lege ich mich auf mein Bett und schlafe augenblicklich ein.

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