166. Kapitel – Der Müllsheriff goes Wurmkompost I

Es ist soweit! Ungeduldig haben wir auf ihn gewartet – nun ist er endlich angekommen:

Unser Wurmkomposter!

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Ihr erinnert Euch: Anatol hatte bereits vor längerer Zeit angekündigt, der Müllmisere, die er nicht länger zu ertragen bereit ist, den Kampf anzusagen. Joghurtbecher, in Plastik eingeschweisstes Obst oder Gemüse, Verpackungen jeglicher Art hat der selbsternannte Müllsheriff bereits aus unserem Leben verbannt: Anatol schickt mich nur noch mit Jutebeuteln und Glasbechern bewaffnet zum Einkaufen auf den Markt und zu Day by Day, unserem verpackungsfreien Laden. Sein Motto: „Was verpackt ist, kaufen wir nicht!“

Zwar habe ich es geschafft, doch heimlich das eine oder andere verpackte Produkt, auf das ich nicht verzichten mag, hinter dem Rücken des argwöhnisch jeden Einkauf überprüfenden Sauriers einzuschmuggeln; dennoch stehe ich natürlich hinter den Anstrengungen des Butlers, zumindest den Müll zu vermeiden, den wir nicht produzieren müssen.

Die letzte verbleibende Müllbastion sind – oder vielmehr: waren! – unsere Bioabfälle. Es gibt bei uns keine braune Tonne, und wenn es sie gäbe, würde ich sie – sogar gegen den Widerstand des Butlers – boykottieren. WG-Erinnerungen aus den späten 80er Jahren lassen mich noch heute erschauern: damals hatte jeder von uns in seinem WG-Zimmerchen eine eigene kleine „braune Tonne“. Bei sommerlichen 35°C im 9 qm „großen“ Dachgeschoßzimmer wurde das Bioabfall-Gefäß alsbald zur grauenerregenden Fliegen- und Fäulniszucht. Der damit einhergehende, hier nicht näher zu beschreibende Geruch, der aus den Zimmern drang, hatte mich dazu bewogen, jegliche Ambition in Richtung „Kompostierung in der Wohnung“ endgültig aufzugeben.

Endgültig…? Nicht ganz!

Anatol ist bei seinen Recherchen zur geruchslosen Kompostierung auf den sogenannten „Wurmkompost“ gestoßen. Dieser verspricht eine völlig gestanksfreie, unkomplizierte Verwertung fast aller Bio-Abfälle des Hauses. Das einfache Prinzip: Kompostwürmer verarbeiten die gesamten pflanzlichen Abfälle des Haushalts in Humus. Der einzige Geruch, der dabei entsteht, ist der frischen Waldbodens – ein Traum!

Nach kurzer Bedenkzeit hatte ich mein Plazet gegeben: ein Wurmkomposter soll her!

Diverse Modelle sind im Handel verfügbar; schnell haben wir jedoch alle Plastik-Konstruktionen verworfen, da das Kompostklima uns dort nicht ideal erscheint (vgl. WG-Erfahrungen).

Den Zuschlag bekommt nach längeren Überlegungen der Keramik-Komposter von wormup.ch – er bietet ein perfektes Wurmklima im Inneren, kühl im Sommer, warm im Winter (die ideale Temperatur für die Würmer liegt zwischen 14° und 25°) – und er schließt nicht luftdicht ab. Zudem sieht er wunderschön aus!

Der Nachteil: wir müssen etwas Geduld haben (es gibt eine Warteliste) und sein Preis ist der Qualität entsprechend: hochwertig.

Heute hat das Warten ein Ende: der Postbote steht mit einem riesigen und recht schwerem Paket vor der Tür, verlangt eine Unterschrift und stellt das Bündel ab. Auch unsere fleissigen neuen Mitbewohner, die Würmchen der Gattung eisenia foetida von wurmidee.de, sind da!

Sofort sollen sie ihr neues Domizil beziehen: den Komposter.

Elie schlüpft lautlos zur Tür hinaus. „Bin bei Anna!“ ruft er uns durchs Treppenhaus zu, als er schon im dritten Stock ist. Obwohl außerordentlich umweltbewusst und ökologiebewegt, hat Elie doch vor Regenwürmern eine panische Angst. Dass auch bei Anna bereits ein Wurmkomposter in der Küche steht, verdrängt er gern.

„Mach das Paket auf!“ zetert Anatol und springt aufgeregt um den riesigen Karton herum. Er kann kaum abwarten, das ersehnte Gerät endlich vor sich zu haben! Vorsichtig schneide ich die Papp-Verpackung auf (diese darf sofort als Wurmfutter weiterverwertet werden, fressen die fleißigen kleinen Helferlein doch in Wasser eingelegten Karton für ihr Leben gern!) und ziehe die schön verarbeiteten Einzelteile unseres Komposters heraus.

Um unerwünschte Interaktionen mit unseren bepelzten Mitbewohnern zu vermeiden, wird der Komposter in die Vorratskammer gestellt. Dort kommt zunächst das Substrat – das ist einfach Erde – mit den Würmchen in die unterste Komposterschale. Darüber legen wir eingeweichte, ausgewrungene Kartonstückchen. Darunter können die Kleinen sich verstecken – was sie auch unverzüglich tun. Im Handumdrehen sind die Winzlinge in der Erde verschwunden!

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Ein erstes Zwischengitter wird auf die Schicht mit den Kartonstückchen gelegt – dann bereitet Anatol das erste Menü für seine neuen Schützlinge vor. Heute gibt es kleingeschnittene Gurkenschale! Diese serviert Anatol sofort.

 

Nun kommt der Deckel auf den Komposter – und es heisst warten. Ich beginne, das Abendessen vorzubereiten; auf den Butler kann ich heute Abend nicht zählen. Nervös hüpft er vor der Vorratskammer auf und ab.

„Meinst Du, sie haben schon was gefressen?“ fragt er aufgeregt.

„Anatol, die Würmer müssen erst mal ankommen. Lass sie in Ruhe. Sie haben eine lange Reise hinter sich und wollen sich ausruhen.“

Seufzend gebe ich etwas Essig und Öl auf die Gurke, die nach Abzweigung des Wurm-Anteils für mich übrig geblieben ist.

Nach 30 Minuten hält Anatol es nicht mehr aus. „Ich will jetzt sehen, ob es ihnen gut geht! Vielleicht fehlt ihnen etwas! Haben sie eigentlich ausreichend Wasser?“ knurrt er mir gereizt zu.

Ich erlaube – nun selbst neugierig geworden – eine kurze Stippvisite im Wurmkomposter, bei der Anatol auch etwas Wasser mit unserer Sprühflasche auf das Substrat sprengen darf.

In der Tat sind etliche Würmchen an die Oberfläche gekommen und tummeln sich in den Kartonstücken. Zzzzzzzssss! Kaum dass das Wasser hineingesprüht wird, schlängeln sie sich in Windeseile in ihr Substrat hinein.

Sprühen werden wir nun jeden Tag ein wenig, denn Trockenheit bekommt den Würmchen überhaupt nicht.

Wir werden über das Befinden unserer fleißigen neuen Mitbewohner natürlich weiter berichten!

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161. Kapitel – Anatols kleiner Lieblingsladen

Ein Besuch bei Day by Day in Strasbourg

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Nachdem Anatol unseren Kühlschrank nicht nur außen aufs Gründlichste abgeschrubbt, sondern auch innen mehrfach mit Essig ausgespült und abgetrocknet hat, bietet sich nun ein sehr annehmbares Bild. So sauber hat der Kühlschrank selten ausgesehen.

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Der Kühlschrank nach Anatols Essigbehandlung.

Ich bin mit der Arbeit des Sauriers außerordentlich zufrieden und erlaube Anatol, heute mit zum Einkauf bei unserem Lieblingsladen, Day by Day in der Route du Polygone in Strasbourg, Neudorf zu kommen.

Day by Day ist das, was in Deutschland als „Unverpackt-Laden“ bezeichnet wird. Bei Day by Day gibt es alles ohne Verpackung! Man wiegt einfach das ab, was man braucht, füllt es in ein Marmeladenglas, welches man entweder selber mitbringt oder von Céline, der freundlichen und hilfsbereiten Ladeninhaberin, geschenkt bekommt. Die Gläser sind beliebig oft wiederverwenbar – es entsteht überhaupt kein Verpackungsmüll.

Alternativ kann man auch spezielle Behältnisse dort kaufen (Sprühflaschen zum Beispiel, und hübsche Fläschchen und Phiolen), aber im Regelfall reichen die Gläser, die dort verschenkt werden, vollkommen aus.

Um Day by Day zu unterstützen, kann man nicht mehr benötigte Gläser und Flaschen dort spenden.

Endlich können wir einkaufen, ohne überflüssigen Müll zu produzieren!

Was bekommt man bei Day by Day? Eigentlich fast alles. Zucker, Mehl, Reis, Nudeln, Tee… aber auch sehr feine Öle (vor allem Olivenöl), Essig, eingelegte Oliven, einen veganen und absolut unwiderstehlichen Schokoaufstrich (noch dazu ohne Palmöl!), und vieles, vieles mehr.

Viele Produkte haben ein Bio-Label (Ecocert zum Beispiel), andere sind nicht „Bio“. Ich habe beides ausprobiert: die Qualität ist durchweg hervorragend.

Anatols Lieblingsabteilung ist der Haushaltsbereich. Dort findet man vorwiegend Bioputzmittel, Savon de Marseille in jeglicher Form, Alepposeife… Anatol kauft hier die großartige schwarze Seife aus Marseille, die wie keine andere unsere Fliesen und das Parkett säubert und herrlich duften lässt. Für das Parkett gibt Anatol noch etwas Leinöl hinzu, damit alles glänzt und blinkt. Bisher hat kein anderer Reiniger es vermocht, die von den Katzen bei ihren Festgelagen angerichtete Schweinerei so zu beseitigen, dass niemand auf die Idee kommen würde, es habe jemals eine Katze hier etwas gefressen.

Was haben wir heute gekauft?

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Im Einkaufsbeutel waren: Spüli, WC-Reiniger, zwei Olivenölseifen (diesmal die flüssigen), Reis, Rohrzucker – und zum Naschen getrocknete Apfelscheibchen und kandierter Ingwer.

Geschenkt bekommen haben wir: ein Stück festes Shampoo von Pachamamaï – das Shampoo ist vegan und sehr sanft zu Haut und Haaren. Ich habe es heute schon ausprobiert, es macht die Haare wunderbar weich und leicht. Merci beaucoup!

Vergessen wurde: das désinfectant cuisine und das détachant avant lavage (Seifenspray für hartnäckige Flecken), das Anatol unbedingt probieren wollte. Vielleicht fahren wir morgen noch einmal hin. Wir finden jedesmal wieder neue praktische Dinge dort!

Wie sieht es mit den Preisen aus? Da hier nur sehr hochwertige Artikel verkauft werden, ist Day by Day kein Billigladen. Die Produkte werden zum großen Teil in Frankreich hergestellt – meist von handwerklichen Kleinbetrieben und Familienunternehmen – und sind von ihrer Zusammensetzung und Herstellung her ausgezeichnet, so z. B. die Haushaltsreiniger und auch unsere geliebte schwarze Olivenseife. Die Produkte sind außerordentlich ergiebig. Nach dem Gebrauch weiss man, warum man gut daran getan hat, sie zu kaufen – und warum man sie immer wieder kaufen wird.

Zudem muss man bei Day by Day keine großen Mengen kaufen – man entscheidet selbst, wieviel oder wie wenig man braucht. Und viele Produkte sind sogar deutlich günstiger als in anderen Läden, weil sie ohne die kostspielige Verpackung auskommen.

Das Preis-Leistungsverhältnis ist daher sehr gut, finden Anatol und ich. Und es ist uns wichtig, dass die Menschen, die Dinge für uns herstellen und verkaufen, einen fairen Preis dafür bekommen.

Hier ein paar Bilder von unserem Besuch. Der Laden ist wunderschön eingerichtet, wir fühlen uns dort jedesmal sehr wohl:

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Nachtrag – 26. August 2016

Da wir gestern ein paar Sachen vergessen haben, sind wir heute noch einmal zu Day by Day gefahren.

Dort haben wir zwei kleine Phiolen mit Sirup gekauft, sowie den détachant und den désinfectant cuisine. Der Pfirsich-Sirup wird gerade schon von Anatol und Elie weggeschlürft (verdünnt, selbstverständlich) :

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Den désinfectant werden wir sogleich am Kühlschrank ausprobieren. Leider hat er es doch noch nötig.

Anatol macht mich gerade darauf aufmerksam, dass unser Kühlschrank sehr viel Plastik enthält (insbesondere die Tupperdosen, die gar keine echten Tupperdosen sind). Und dass er immer mehr Blogger liest, die plastikfrei leben! Sicher würde unsere Plastikausstattung nicht gut ankommen … Dem widerspreche ich ausdrücklich.

Müssen unsere Nicht-Tupperdosen aus Plastik weg? Nein. Solange sie nicht kaputt sind, werden sie natürlich weiter benutzt. Es wäre widersinnig, Plastik wegzuwerfen, um Plastikmüll zu vermeiden. Für uns jedenfalls.

Die Tupper, pardon Nicht-Tupper (genauer gesagt: Ikea-Plastikboxen) bleiben also. Irgendwann werden wir sicher nur noch Glas- oder Edelstahlbehälter haben, aber bis dahin wird es noch etwas dauern.

156. Kapitel – Hausarbeit und Okara-Makrönchen

Der faulste Tag des Jahres geht zuende. Nachdem ich es immerhin geschafft habe, mich fertigzumachen und anzuziehen, drusele ich bei einer heissen Tasse Tee in meinem Lieblingssessel ein.

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Von Zeit zu Zeit weckt mich das geschäftige Werkeln des Sauriers, der es sich offenbar zum Ziel gesetzt hat, die Küche in eine Hochleistungs-Cuisine zu verwandeln…

Ich schrecke hoch. Anatol ruft nach mir. „Komm sofort her! Es ist fertig!“

Verschlafen reibe ich mir die Augen. Was ist fertig…? Ich schaffe es, mich aus dem Sessel herauszuschälen und schlurfe in die Küche.

„Da!“ ruft der Butler stolz und präsentiert mir sein soeben aus dem Backofen kommendes, offenbar wunderbar geratenes Roggen-Sauerteig-Brot.

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„Diesmal habe ich es in der Porzellanform gebacken,“ erklärt Anatol. „Ich bin gespannt, wie es schmeckt.“

Seit einigen Monaten führt Anatol seinen eigenen Sauerteig. Ich liebe das leckere Sauerteigbrot, das der Saurier jede Woche aus dem Backofen hervorzaubert. Auf die neue Form bin ich ebenfalls neugierig. Bisher war das Brot ein eher flacher Fladen. Diesmal ist es richtig aufgegangen.

Mit Wohlgefallen sehe ich, dass die Küche herrlich sauber ist und dass der Butler die  gesamte Bügelwäsche erledigt hat. Dann lasse ich  mich in meinen Sessel fallen und döse wieder ein.

Etwas später weckt mich das Dröhnen des Staubsaugers. Anatol will offenbar die ganze Wohnung zum Blitzen und Glänzen bringen. Muss das jetzt sein … ich bin so müde… Das Untier saugt um meinen Sessel herum und unten hindurch – dann saust es ins Schlafzimmer, wo es bei den Katzen eine Massenpanik auslöst.

„Es hilft nichts!“ ruft der Saurier. „Dieser Saustall muss auch mal geputzt werden!“

Zum Glück zieht er sich alsbald wieder in seine Küche zurück und macht sich dort am Froster zu schaffen. ‚Was will er da?‘ frage ich mich … aber ich bin zu müde, um nachsehen zu gehen – und schlafe wieder ein.

Als Anatol mich erneut aufweckt, ist es schon Abend. Draußen dämmert es. Der Saurier zeigt mir stolz, was er vorbereitet hat, während ich geschlummert habe:

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„Ich habe Deine alten Reste zusammengekramt, um daraus endlich etwas Anständiges zu backen. Das Okara, das jedes Mal bei der Sojamilch übrig bleibt, wollte ich ja auch schon lange weiterverarbeiten. Hier sind sie – meine phantastischen neuen Okara-Kokos-Makrönchen!“

Stolzgeschwellt präsentiert mir der Butler das Backblech, das er sogleich in den Ofen schiebt.

So so. Meine alten Reste hat das Biest also aufgebraucht. Dass die Vorratsverwaltung selbstverständlich Anatols Aufgabe ist, lässt der plüschige Haustyrann ganz einfach unter den Tisch fallen. Ich entscheide mich, darüber hinwegzuhören.

Nach den Zutaten und der Zubereitung der Makrönchen muss ich nicht fragen – der Butler ist viel zu stolz auf sein Werk, um mir nicht sofort das gesamte Rezept mitzuteilen.

„Ich habe so etwa 100g Okara, vielleicht auch 150g im Wasserbad aufgetaut. Dazu habe ich mehrere Esslöffel Lupinenmehl und den ganzen Rest der veganen weissen Schokopaste gemixt. Die ist also nun aufgebraucht. So war der Teig aber noch etwas dünn. Dann habe ich die Kokosraspeln ganz hinten im Küchenschrank gefunden – ich will dir nicht sagen, seit wann die abgelaufen sind. Schmecken tun sie aber prima. Die hab ich also auch reingetan. Dann kleine Makrönchen daraus geformt, den Backofen auf 180° vorgeheizt, und eine halbe Stunde eingestellt. Gleich sind sie fertig. Ach ja – den Vorratsschrank habe ich auch aufgeräumt. Er hatte es mehr als dringend nötig.“

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„Ping!“ sagt der Backofen. Die dreissig Minuten sind um. Anatol zieht das Backblech aus dem Ofen und stellt es auf den Herd. Dann muss er – abwarten kann der Saurier nie! – sofort ein Makrönchen probieren.

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Zufrieden schmatzt der Butler seine erste Kokos-Okara-Makrone. „Das nächste Mal bleiben sie 40 Minuten im Ofen. Aber lecker sind sie geworden!“

Ich muss dem zustimmen. Hoffentlich sind morgen noch Makronen vorhanden …

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17. Mai 2016, Nachtrag:

Anatol ist sich plötzlich nicht mehr sicher, ob die Okara-Makronen über mehrere Tage haltbar sind. Er hat sich daher – aufopferungsvoll und aus reiner Vorsicht! – über das Schälchen hergemacht.

Es ist nun fast nichts mehr übrig von den Makrönchen.

Gut, dass wir noch einiges an Okara im Froster haben!

 

153. Kapitel – Der Müllsheriff goes Zero Waste

Frankreich ist das Land der Plastiktüte. Allgegenwärtig, unumgänglich – ja geradezu unausweichlich umgibt uns das Kunststoffutensil, wohin wir uns auch begeben. Kaum ein Baum der Stadt trägt keinen Tütenschmuck in seiner Baumkrone. In den nun wieder belaubten Wipfeln sieht man die weissen, blauen oder gelben Flecken weniger. Bei jedem Einkauf wird indessen fleissig für Nachschub gesorgt: Tüten über Tüten füllen sich mit Obst, Gemüse und Krempel, um kurze Zeit später im Abfall zu landen.

Anatol hat beschlossen, hiergegen zu Felde zu ziehen (wir berichteten). Seit Tagen surft er im Internet auf den einschlägigen No-Waste-Minimalismus-Seiten – grummelnd und sich nachdenklich am Kopf kratzend.

Heute endlich vermeldet der Saurier freudig und lautstark, er habe den Stein der Weisen gefunden – in Form der Webseite „Zero Waste Home“. Dort heisse es, eine vierköpfige Familie könne bei klugem Wirtschaften nurmehr ein kleines Bügelglas Abfall produzieren – und zwar pro Jahr!

Es sei nun alles daran zu setzen, dies auch zu erreichen. Schließlich seien wir bei unserem Vorstoß gegen den Müll schon weit gediehen. Bestimmt sei es möglich, ebenso müllarm zu leben wie die Leute von „Zero-Waste-Home“! Mit der Methode der „5R“ („Refuse, Reduce, Reuse, Recycle, Rot“ – auf Deutsch: „Verweigern, Reduzieren, Wiederverwenden, Recyceln, Kompostieren“) würden wir erfolgreich zum Null-Müll-Haushalt werden – da sei er sich sicher.

Skeptisch ziehe ich die Augenbrauen hoch. Zwar stellt Anatol seit einigen Wochen sehr erfolgreich seine eigene Sojamilch sowie ein etwas gewöhnungsbedürftiges „Joghurt“ her. Wir brauchen so weder abgepacktes Sojajoghurt noch Milch im Tetrapak. Die Mülltütenlage allerdings ist immer noch unbefriedigend – haben wir doch noch keine wirkliche Lösung für unseren Hausmüll gefunden. Und wenn ich an die Unmengen des Verpackungsmülls denke, der uns umgibt, wage ich, Zweifel an dem „kleinen Bügelglas Müll pro Jahr“ anzubringen.

Unsere Realität sieht nämlich so aus:

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Unumgängliche Papier- und Plastikverpackungen, Broschüren, die sich weiterhin in den Briefkasten verirren, Briefumschläge, Mehltüten, Medikamenten-Pappschächtelchen, Kassenzettel und und und … all diese Dinge sammeln sich ganz von allein an und ergeben nach gut zwei Wochen den bekannten, bewährten und gut gefüllten gelben Sack, der  dienstags von der Müllabfuhr abgeholt wird.

Anatol entgegnet hierauf, er werde in den kommenden Wochen den gesamten Papier- und Plastikmüll einer Expertise unterziehen und Stück für Stück festhalten, wie man diesen überflüssigen Abfall reduzieren könne.

Aber wie halten wir es mit dem Hausmüll? Diesen sammeln wir immer noch in einer Plastiktüte – eine Papiertüte kommt hierfür nicht in Frage, da sie von den Obst-, Gemüse- und Teeresten wohl bald durchweicht wäre.

Anatols Antwort auf dieses Dilemma heisst Kompostieren. Seit einiger Zeit durchsucht der Saurier das Internet nach wohnungstauglichen Kompostiermethoden. Die bisher interessanteste Lösung ist eine Wurmkiste. Für diese braucht man nur ein paar Kompost-Regenwürmer (nicht die „normalen“ Regenwürmer, die wir von draußen kennen!), eine spezielle Kistenvorrichtung – und Haushaltsabfälle wie Obstschalen, Teeblätter, Kaffeesatz (letzteres scheint eine Lieblingsspeise unserer fleissigen kleinen Freunde zu sein, konnten wir im Internet lesen). Hat man die Wurmkiste aufgebaut und die Würmer einziehen lassen, muss man sie nur noch mit den gewünschten Abfällen füttern, und das Biomüll-Problem ist gelöst.

Elie hat sich indessen bisher erfolgreich gegen die Installation der Wurmkiste gewehrt. „Ich ziehe dann aus! Würmer finde ich eklig!! Und sicher kommt mich Anna dann nie wieder besuchen!“ hatte er voller Angst krakeelt.

Zumindest seine schlimmste Befürchtung, Anna nie wieder einlanden zu können, bewahrheitet sich nicht: Annas Familie ist deutlich fortschrittlicher als wir und hat bereits einen gut funktionierenden Wurmkompost.

Sobald eine geeignete Ecke für die Wurmkiste gefunden und freigeräumt ist, werden wir dem Biokompost nähertreten. Wir sind sehr gespannt.

Ob wir den Anforderungen des „Zero-Waste-Home“ gerecht werden, ist jedoch noch unsicher.

 

 

147. Kapitel – Müllsheriff Anatol

Kratz kratz kratz macht mein Teelöffel im Joghurtbecher. Genüßlich schabe ich die letzten Reste meines geliebten Sojajoghurts aus dem kleinen Plastikgefäß heraus, stopfe das Aluminiumdeckelchen hinein und werfe es – zack – in die an der Küchentürenklinke hängende Plastikmülltüte. Dort verschwindet es mit einem Rascheln zwischen den dort bereits wartenden Müllgenossen: weiteren Plastikbecherchen, Mandarinenschalen, Katzenfutterresten und ähnlichen feinen Dingen. In Frankreich gibt es keine Mülltrennung für Bioabfall.

Anatol hat mich bisher vom Herd aus, wo er das Curry für den morgigen Tag zubereitet, stumm beobachtet. Nun schüttelt er mißbilligend den Kopf. „Damit ist jetzt Schluß!“ zetert er los.

Erschrocken lasse ich meinen Teelöffel, den ich soeben in die Spülmaschine hatte einräumen wollen, auf den Fliesenboden fallen. Klirrend springt er durch die Küche und kommt unter der Spülmaschine zum Liegen.

„Soll ich jetzt etwa auch kein Joghurt mehr essen?“ frage ich entsetzt – und ein wenig wütend. „Noch weniger kann ich nicht essen!“ Ich versuche gerade – erfolglos – drei sehr anhängliche Kilos, die das Tragen meiner Lieblingsjeans zur Tortur werden lassen, loszuwerden. Aber nun auch kein Joghurt mehr?

„Nein, das meine ich nicht.“ seufzt Anatol. „Ich meine den Müll. Gestern habe ich in der TAZ gelesen, dass im pazifischen Ozean eine Fläche aus Plastikmüll herumschwimmt, die so groß wie Europa ist! Ein Kontinent aus Müll! Stell Dir das mal vor!“

Elie hüpft vom Regal herunter und kommt in die Küche. „Ja, das haben wir auch in der Schule gelernt. Das Schlimmste daran ist, dass die Tiere unseren Müll fressen und daran sterben. Oder sich in den Plastikresten verheddern und sich verletzen. Ich kann das nicht ertragen, nur daran zu denken!“

Ich schlucke. Von dem Plastikkontinent hatte ich auch schon gelesen, hatte diesen jedoch nach anfänglicher Entrüstung erfolgreich verdrängen können. Nun holt Anatol den Müllberg wieder aus den Tiefen meines beschämten Unterbewusstseins hervor.

Es ist klar, dass zumindest die kleinen Schritte, die wir gehen können, um die Plastikmisere abzumildern, getan werden müssen.

„Was schlägst Du denn vor, Anatol? Kein Joghurt mehr? Keine Mülltüten mehr? Jede Apfelschale einzeln unten in die Mülltonne? Wir fliegen dann bald achtkantig hier raus, das weisst du, nicht?“

„Ich habe schon darüber nachgedacht. Du sollst Dein Joghurt ja haben! Aber von heute an mache ich das Joghurt selbst. Dann sparen wir zumindest diese Plastkjoghurtbecher ein. Für die Mülltüten habe ich noch keine Lösung. Ich arbeite daran. Die Klarsichtfolie wird reduziert – und Plastikflaschen ebenfalls. Es muss sich einfach etwas ändern!“

Ich bin beeindruckt. Joghurt selber machen! Wie soll das denn gehen? Dazu braucht man eine Joghurtmaschine – aber neue Elektrogeräte werden nicht mehr angeschafft. Kategorisch widerspreche ich!

„Papperlappapp!“ kontert Anatol. „Ich mache Joghurt ohne jede Maschine! Du wirst schon sehen.“

Der Saurier öffnet eine Seite im Browser, die er sich offenbar als Lesezeichen bereits eingerichtet hat. Experiment Selbstversorgung heisst es da, und „Sojajoghurt selber machen“.

Das Rezept ist einfach: ein kleines Joghurt wird in 45°C warme Sojamilch eingerührt und dann mehrere Stunden warm gestellt. Bei uns geschieht das auf der warmen Heizung.

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Nach 7 Stunden ist das Milch-Joghurt-Gemisch zu einer gallertartigen Masse geworden, die Anatol schnurstracks in den Kühlschrank stellt.

Probieren darf ich das Joghurt erst heute Abend. Ich bin sehr gespannt. Dann fällt mir etwas ein.

„Anatol, wenn wir aus der Sojamilch jetzt unser Joghurt herstellen, dann brauchen wir ja mehr Sojamilch als vorher, nicht wahr?“

Der Saurier nickt. „Das ist ja logisch. Anstelle von 1l Sojamilch pro Woche werden wir so etwa 2l brauchen. Aber die kostet ja nicht viel.“

Nein, sie ist nicht teuer, unsere Sojamilch. Aber sie kommt im Tetrapack.

Anatol sieht mich grimmig an. „Warum musst Du jetzt sowas sagen?“ zetert er. Dann denkt er kurz nach.

„Ich werde eben auch die Sojamilch selber machen. Wie, weiss ich noch nicht. Aber das muss doch zu schaffen sein …“

Dann vertieft er sich ins Internet. Ich bin sicher, er findet eine Lösung!

Ich koste jetzt unser erstes selbstgemachtes Joghurt. Es schmeckt großartig!

122. Kapitel – Post von Momox

IMG_3578Anatol und Elie sind sprachlos. Seit vorhin starren sie auf den Bildschirm unseres Computers und lesen die Message wieder und wieder.

Momox, bzw. die Momox-Community-Managerin, hat unseren Blogeintrag vom Ostersonntag auf Google+ gelesen, uns eine sehr freundliche Nachricht geschickt und nach der Fortsetzung gefragt!

Die Saurier sind über alle Maßen stolz und gerührt, dass „ihre“ Momox-Geschichte bis dorthin gelangt ist – und löchern mich nun damit, schnellstens daran weiter zu schreiben.

Hier daher ein kleiner Überblick über den weiteren Verlauf unserer Momox-Erfahrung.

Unser erstes Paket ist angekommen und wird laut Kontoauskunft soeben überprüft. Dem Momox-Kollegen wird wohl nicht verborgen bleiben, dass drei Viertel der Sachen nicht mit im Paket sind … hoffentlich verursacht dies keine allzugroßen Verwerfungen.

Vom Entrümpelungsfieber gepackt haben Elie und Anatol heute – unter strenger Überwachung meinerseits – ein zweites Momox-Paket zusammengestellt und auch bereits auf die Reise geschickt. Auf den Fortgang unseres Entrümpelungs-Abenteuers dürfen wir gespannt sein! IMG_3573

Nachtrag:

Unsere beiden Momox-Pakete sind nun eingetroffen. Eines ist bereits bearbeitet, und alle Sachen bis auf ein Buch sind von Momox angenommen worden. Das Geld ist sogar heute schon auf unserem Konto eingegangen!

Wir sind begeistert und werden jederzeit gern wieder momoxen!

121. Kapitel – Entrümpeln mit Momox

Jedes Jahr um Ostern steht er an: der große Frühjahrsputz. Seit mehreren Tagen rumort Anatol in den Schränken und Regalen, um das alljährliche Großreinemachen vorzubereiten.

Angeregt durch einen Beitrag in einem der von ihm hochgeschätzten Minimalistenblogs hatte Anatol angekündigt, die Wohnung dieses Jahr nicht nur grundzureinigen, sondern nachhaltig zu entrümpeln. Dazu gehöre auch die Entkernung unserer Bücherregale und das Aussortieren von nicht mehr gelesenen Büchern.

Hier hatte ich zunächst auf das Schärfste protestiert. Bücher seien kein Gerümpel! Sie gehörten zu unseren Grundfesten; und auch, wenn ich sie nicht mehr ständig läse, so wolle ich doch meine Lieblingsbücher weiter um mich haben. Einer Entrümpelung meiner Bücherregale träte ich somit entschieden entgegen.

Anatol hatte widersprochen. „Und was ist mit den Dutzenden von Taschenbüchern, die Du niemals mehr ansehen, geschweige denn lesen wirst? Es ist doch schade, sie hier verstauben zu lassen – während andere Leute sie gern lesen würden! Sie sollen nicht ins Altpapier, sondern zurück in den Lebenskreislauf jedes Buches: zu den Lesern!“

Ich war in der Tat ins Grübeln gekommen. Viele Bücher standen nur herum, bedeuteten mir aber nichts. Ich hatte sie gelesen und brauchte sie eigentlich nicht weiter aufzubewahren …

So hatte ich Anatol schließlich mein Plazet gegeben. Gewisse Bücher dürften aussortiert werden, ebenso CDs und DVDs. Nur: wohin damit?

Hier hatte Anatol seinen Trumpf gezogen. „Du hast wohl noch nie von Momox gehört!“ hatte er triumphierend erklärt.

Ich hatte stirnrunzend zugegeben, dass mir „Momox“ in der Tat gänzlich unbekannt sei.

Schnell hatte Anatol mich aufgeklärt. Momox sei eine Plattform, die gebrauchte Bücher, CDs und auch DVDs kaufe, um sie dann weiterzuveräußern. Der Verkauf sei ganz einfach: man scanne die Bücher per Handy ein, nachdem man ein Kundenkonto eröffnet habe, drucke einen Versandschein aus und bringe die verpackten Bücher zu einer Poststelle. In unserem Fall sei das der Hermesversand in Kehl. Der Versand sei kostenlos.

Ich war sprachlos gewesen. Dieses Momox hörte sich großartig an – aber hielt es auch, was es versprach? Das hatte Anatol zwar nicht aus eigener Erfahrung belegen können, da er selbst noch nie etwas über Momox verkauft habe – er habe im Internet jedoch nur positive Bewertungen gelesen.

Schließlich hatte ich mich entschlossen, einen Versuch zu starten und Anatol erlaubt, ein Paket mit Büchern zusammenzustellen und abzusenden.

Das Päckchen war schnell verpackt und zum Hermesversand gebracht worden. Nun war nur noch darauf zu warten, dass es bei Momox ankam, dort Gefallen fand und bezahlt wurde.

In sicherer Erwartung des positiven Ausgangs unserer Transaktion ist Anatol heute geneigt, eine weitere Bücher- und CD-Sammelaktion vorzubereiten. Ich widersetze mich dem nicht – weiss ich doch, dass alle Bücher, bevor sie abgesendet werden, erst von mir freigegeben werden müssen.

Nach dem Osterspaziergang macht sich Anatol mit Unterstützung von Elie daran, alle Regale zu leeren, auszuwischen und dann Bücher, CDs und DVDs zu sortieren und zu kleinen Stapeln zusammenzustellen. Ich arbeite zwar an meiner Novelle, habe aber doch ein Auge auf die Saurier. Mit Wohlgefallen sehe ich, wie Anatol sorgfältig auswählt, welche Bücher nach vorheriger Absprache für Momox eingescannt werden – dies nimmt Elie mit dem Handy vor – und welche ins saubere Regal zurückkommen.

Das Endergebnis begutachte ich, bin einverstanden und gebe Anatol die Erlaubnis, den Verkauf am Computer abzuschließen. Dies besteht darin, die eingescannten Bücher zu überprüfen und dann den „Verkaufen“-Button anzuklicken.

Der Saurier erledigt dies und macht sich sodann an die Verpackung der Sachen.

Ich interessiere mich nun doch für den voraussichtlichen Verkaufspreis, den wir mit den Büchern erzielen könnten und frage „Was kriegen wir denn für das alles? Steht da schon ein Preis?“

Elie meint „Moment, ich sehe mal in unser Konto“ und tippt die Adresse des Momox-Accounts ein.

Obwohl dies bei Elie nicht sehr deutlich zu sehen ist, bemerke ich doch, dass der Saurier plötzlich blass wird.

„Was ist denn da passiert …“ flüstert er, sichtlich verwirrt. Anatol ist mit einem Satz am Computerbildschirm – und stösst einen Entsetzensschrei aus. Nun springe ich auch auf – irgendetwas muss bei dem Momox-Verkauf nicht so gelaufen sein, wie es hätte sollen.

Bildschirmfoto 2015-04-05 um 19.17.04 - Arbeitskopie 2Das Momox-Konto ist übersichtlich gestaltet. Gleich fällt mir die Präsenz von zwei Verkäufen auf. Diese ist logisch: wir haben vor ein paar Tagen ein erstes Paket an Momox versendet. Nicht richtig erscheint indessen der Betrag, den dieser erste Verkauf ausweist – ist er doch deutlich höher als der zunächst veranschlagte.

Ich sehe mir die Details der beiden Verkäufe an – und erstarre. Unser Verkauf von letzter Woche wird nun als deutlich „aufgestockt“ angezeigt: die Saurier haben offenbar die Bücher von heute mit dem Verkauf von letzter Woche zusammengefügt. Dies allein wäre noch kein Beinbruch, jedoch haben sie zusätzlich dazu jedes Buch ein weiteres Mal unter dem heutigen Datum verkauft.

Nicht nur ist somit der erste Versand unvollständig, sondern jedes Buch ist zweimal im Verkauf – so als gebe es von jedem Buch zwei Exemplare und nicht nur eines. Die Verkäufe sind auch bereits bestätigt und lassen sich nicht mehr korrigieren.

Ich explodiere.

„Wie ist es möglich, dass so ein unglaublicher Mist hier passiert, während ich noch daneben sitze !?“ brülle ich, die Zornesröte im Gesicht.

IMG_3565Die Saurier sind indes nicht mehr zu sehen.

Nach kurzer, wütender Suche entdecke ich sie unter dem Schrank, wo ich sie am Schlafittchen packe und aus dem Versteck hervorziehe. Elie heult – Anatol zittert am ganzen Leib.

Schlagartig verfliegt meine Wut. Im Grunde bin ich selbst schuld an der Momox-Misere: warum habe ich die beiden Saurier nicht besser überwacht, oder zumindest den Verkaufsvorgang beobachtet?

Ich verhänge eine General-Momoxamnestie für die Saurier und nehme die gesamte Schuld auf mich, woraufhin sich die Butler ein wenig beruhigen.

Allerdings möchte ich nun wissen, was zu der jetzigen verfahrenen Situation hatte führen können. Wie konnten die Bücher doppelt verkauft werden und noch dazu zu dem schon versendeten Paket hinzugefügt werden?

Elie schnieft. „Ich habe immer schön mit dem Handy die Bar-Codes eingescannt. Hier: so! IMG_3567Die Sachen werden dann im Handy so lange gespeichert, bin man auf „Kauf abschließen“ geht. Danach kommt eine Mail, und mit der überträgt man die Bücher in das Kundenkonto. Das mit der Mail hat immer Anatol gemacht.“

Anatol gibt dies zähneknirschend zu. Es sei denkbar – wenngleich nicht sicher! –  dass er mehrere dieser Mails gleichzeitig bearbeitet habe. Dies könne möglicherweise dazu geführt haben, dass mehrere Verkaufsvorgänge geöffnet worden seien. Da diese dann nebeneinander existierten, habe das Progamm eventuell nicht beachtet, dass es sich um die gleichen Artikel gehandelt habe … anders könne er sich den Sachverhalt nicht erklären.

Was das Zusammenfügen der Verkaufsvorgänge angehe, so könne er sich vorstellen – ohne dies allerdings sicher attestieren zu können – dass man dies angeklickt habe, weil man davon ausgegangen sei, es handele sich um die heutigen Verkäufe, nicht aber den von letzter Woche.

Ich versuche, mir nicht anmerken zu lassen, dass ich von all dem neudeutschen Geschwätz (Verkäufsvorgänge werden „geöffnet“, „zusammengefügt“, „existieren nebeneinander“ und werden „in Kundenkonten übertragen“) gar nichts verstehe. Was ich jedoch verstehe, ist dies: die Momox-Geschichte ist gründlich schiefgegangen, und zwar allein durch unser – bzw. mein – Verschulden.

Eine Lösung für die Misere zeichnet sich indessen nicht ab. Wer hier allein helfen kann, ist Momox – allerdings nicht an Feiertagen. Wir werden uns daher bis Dienstag gedulden müssen, bis wir Momox das Desaster darlegen und um Nachsicht oder besser: um Gnade bitten können.

Elie weint immer noch. „Kommen wir jetzt ins Gefängnis?“ schluchzt er. Diese Frage kann ich glücklicherweise verneinen.

Nachdem ich die allgemeinen Geschäftsbedingungen von Momox genauer konsultiert habe, bin ich sicher, dass uns auch kein zivilrechtliches Ungemach drohen dürfte. Dennoch wird es mir besser gehen, wenn die Sache mit Momox am Dienstag – hoffentlich – geklärt werden kann.

Die Butler bekommen für die nächste Woche ein strenges Entrümpelungs- und Momoxverbot. Nicht, dass sie am Ende noch unsere Wohnung vermomoxen – wir sind nur Mieter.

107. Kapitel – 2015 wird minimalistisch!

Anatol ist vollkommen aus dem Häuschen. Beim Surfen im Netz hat er einen neuen Blog gefunden, der sich mit Minimalismus beschäftigt: Einfach bewusst. Anatol ist begeistert.

Ich runzle die Stirn. „Anatol, solche Blogs gibt es doch wie Sand am Meer. Was ist an diesem denn so besonders?“

„Das ist ein veganer minimalistischer Blog! Bisher habe ich noch nie so einen gefunden – zumindest erinnere ich mich nicht. Endlich mal jemand, der nicht nur Esoterik-Tipps zum Entrümpeln gibt, sondern auch für Tierschutz eintritt!“

Ich bin in der Tat verblüfft. Der „Einfach bewusst-Blog“ spricht auch mir aus der Seele. Letztens hatte ich mich wieder einmal dabei ertappt, wie ich mir wünschte, ein Erdrutsch oder welche (ansonsten harmlose) Naturgewalt auch immer möge unseren gesamten Krempel verschlingen … und dabei selbstverständich Katzen, Saurier und mich verschonen.

Dementsprechend hat es mir insbesondere dieser Beitrag angetan: 25 weitere Tipps, wie Du minimalistischer leben kannst. Diese Ratschläge wollen Anatol, Elie und ich im kommenden Jahr umsetzen – und so Widerstand leisten gegen die Konsumgesellschaft, die uns umgibt.

Ein zentraler Punkt, wenn nicht gar Dreh- und Angelpunkt unserer Gesellschaft ist es, unermüdlich mehr und mehr Dinge anzuhäufen. „Ich habe, also bin ich“ ist der Wahlspruch des modernen Menschen. Anatol, Elie und mir ist das Ansammeln von Sachen ein Gräuel. Wir würden gern so vieles loswerden! Eine unerwünschte Nebenwirkung unserer Überflussgesellschaft – dass wir uns weniger wünschen?

Früher hatten die Menschen nicht viel und oft nicht einmal genug vom Lebensnotwendigen … wir hingegen ersticken im Zuviel des Überflüssigen. Die meisten Sachen, die ich habe, brauche ich im Grunde gar nicht. Für mich und die Saurier würde eine hübsche – und möglichst leere – Ein-Zimmer-Wohnung ausreichen (hier würden indessen die Katzen streiken).

Oft schon habe ich mich gefragt, warum ich mich so gern von all den Dingen trennen würde, die ich im Laufe der Jahre angesammelt habe – muss es doch gute Gründe dafür gegeben haben, diese Sachen anzuschaffen. Viele der Dinge sind nützlich – warum will ich sie loswerden? Hier fällt mir mein erstes Studentenzimmer in Gießen ein. Es gab darin nur ein Bett, einen kleinen Schrank, ein Regal und meinen Schreibtisch. In diesem Zimmer hatte ich alles, was ich brauchte – vor allem aber: eine offene Zukunft. Mein Leben war damals ein weisses Blatt – nun ist es ein zugestellter, voller Raum.

Natürlich werde ich nie wieder 19 sein und die selbe unbeschriebene Zukunft haben wie damals. Das ist nicht schlimm.  Angehäuften Ballast abwerfen zu können, das Gefühl zu haben, nur das Notwendige zu besitzen und frei zu sein: das ist dennoch eine phantastische Aussicht.

Gerade Weihnachten und Geburtstage sind kritische Momente im Leben eines Minimalisten. Wohlmeinende Mitmenschen setzen ihren Ehrgeiz daran, uns mit Dingen zu versorgen, die wir nicht brauchen – und die wir nicht unterbringen können. Echte Freunde erkenne ich daran, dass sie mir entweder gar nichts schenken oder nur ganz „kleine“ Dinge – insbesondere solche, die mich für den Moment erfreuen, sich von selbst „verbrauchen“ und eine schöne Erinnerung hinterlassen. So ein herrliches Geschenk hat Uyen mir dieses Weihnachten gemacht: zwei köstliche Marmeladen und einen ebensolchen Dattel-Essig.

Wie erreichen wir diese Wunschvorstellung – freie, lichte Räume, die Platz für die Zukunft lassen …? Welche der Tipps von „Einfach bewusst“ wollen wir zuerst realisieren?

Anatol hüpft aufgeregt hin und her. „Der tollste Tipp ist Tipp Nr. 3: „Trenne Dich einen Monat lang täglich von zehn Dingen. Wenn Du das Experiment verlängerst, hast Du nach anderthalb Jahren 5.555 Dinge verkauft, verschenkt, gespendet und entsorgt“.

Ich räuspere mich. „Anatol, zehn Dinge am Tag sind sehr viel… vielleicht fangen wir mal mit zwei, nun gut: drei Dingen pro Tag an…?“ Dass die Butler in meiner Abwesenheit mir liebgewonnene Dinge entsorgen, bereitet mir doch Bauchschmerzen.

Anatol ist damit sichtlich nicht einverstanden – ich setze mich jedoch durch und stelle die folgenden Entrümpelungsregeln auf:

  • Regel Nr. 1: es wird nichts entsorgt, wenn ich nicht da bin.
  • Regel Nr. 2: wir streben an, pro Tag 1-5 Dinge zu entsorgen (insbesondere zu spenden).
  • Regel Nr. 3: es wird nur noch das Nötigste angeschafft.
  • Regel Nr. 4: vom 1. Januar 2015 an wird ein dreimonatiger Kaufstopp für alles, was nicht lebenswichtig ist, verhängt.

Heimlich denke ich ‚Wie gut, dass ich gerade heute die neue Teekanne bestellt und auch bereits bezahlt habe…‘ Denn selbstverständlich besitzen wir bereits eine – nein zwei … nein noch mehr Teekannen. Am 1. Januar wäre die schöne Kanne unter das verhängte Kaufembargo gefallen.

Anatol sieht mich scharf an – ihm muss etwas aufgefallen sein. Da ich aber seinen Geschmack für schöne Gegenstände kenne, weiss ich, dass er mir die Teekanne nicht vorhalten wird.

Unsere nächste Amtshandlung wird sein, mehrere große Kartons zu beschaffen. Die Entrümpelung kann beginnen.

69. Kapitel – Abendphantasien

„…fröhlich verrauscht des Markts
Geschäft’ger Lärm; in stiller Laube
Glänzt das gesellige Mahl den Freunden.“

31. Juli 2014 – Heute war mein letzter Arbeitstag vor den großen Sommerferien. Müde schleppe ich mich durchs Treppenhaus bis in den vierten Stock. Die Nachbarn sind schon beim Abendessen. Man hört fröhliche Stimmen und Lachen durch die Türen dringen, der Duft von köstlichen Speisen liegt in der Luft.

Hungrig und abgekämpft komme ich an die Wohnungstür. Ich drehe den Schlüssel im Schloss und hoffe inständig, dass mich die Butler nicht vergessen haben. Jetzt eine dunkle, verlassene Wohnung vorzufinden – es wäre deprimierend.

Aber nein – eine solche Wohnung erwartet mich glücklicherweise nicht. Als ich die Tür öffne, höre ich die Saurier in der Küche lachen und schwatzen. Der große Schmortopf steht auf dem Herd – ein herrlich duftendes Curry köchelt darin. Anatol hat dazu einen Salat vorbereitet und entkorkt gerade eine Flasche Wein. Der Tisch im Esszimmer ist gedeckt; die Butler haben zur Feier des Tages sogar Kerzen angezündet. Ein Candle-Light-Dinner mit den Sauriern – ich bin erfreut. So schön hatte ich mir den heutigen Abend nicht ausgemalt.

Elie hüpft von der Küchenanrichte herunter. „Wir haben endlich Ferien!“ ruft er vergnügt. „Fahren wir denn auch weg? Alle meine Freunde sind verreist – Angelo ist sogar in Amerika!“

Anatol weiss, dass Wegfahren schon wegen der Katzen gar nicht möglich ist. Er dämpft Elies Elan und meint „Lass uns jetzt erst mal zu Abend essen. Vielleicht können wir dabei die eine oder andere Ferien-Aktion planen?“

Nachdem das Curry verspeist und der Nachtisch (selbstgemachtes veganes Himbeer-Joghurt-Eis) serviert ist, beginnt Anatol, auf seinem Stuhl hin und her zu rutschen. Unentschlossen druckst er herum, und rückt schließlich mit der Sprache heraus.

„Ihr wisst ja, dass ich so gut wie den ganzen Tag und einen Teil des Abends in unserer Küche verbringe. Die Küche ist mein Haupt-Arbeitsplatz!“

Wir nicken.

„Ja – aber diese Küche ist eine einzige Katastrophe! Man kann darin nicht arbeiten. Nichts ist an der richtigen Stelle, wir haben keine Schubladen, aus denen man schnell die Utensilien hervorholen kann, es gibt keine Hängeschränke über der Arbeitsplatte – diese Küche ist unbrauchbar!“

Anatol hat sich in Rage geredet – sein grünes Dinosaurierköpfchen hat eine rötliche Farbe angenommen. Ich weiss, dass mit dem Butler dann nicht zu spaßen ist.

„Anatol, das ist mir alles bewusst. Aber was können wir tun? Diese Küche ist nun mal so – daran kann ich nichts ändern.“

„Papperlapapp! Die Küche ist riesig – wir müssten sie nur einmal richtig einrichten. So zum Beispiel!“ Anatol springt auf und kramt in einem Zeitschriftenstapel herum. Endlich hat er gefunden, was er uns zeigen will: den Möbel-Prospekt eines schwedischen Einrichtungshauses.

„Da! Guck Dir diese Traumküche an! Und die will ich haben!“

Ikea KücheIch seufze. „Ja Anatol. Diese Küche möchte ich auch haben. Dabei bleibt es aber leider: beim „ich möchte„. Wir können uns erstens eine solche Küche nicht leisten, und haben zweitens hier gar keinen Platz dafür. Wo willst Du denn das alles unterbringen, was Du da auf dem Bild siehst?“

Anatol schluckt. Er weiss, dass die Küchenphantasie eine Utopie bleiben wird. Dennoch sollten wir Verbesserungen in Küche und Wohnzimmer anbringen, findet er.

Da er hiermit Recht hat, stehe ich auf und reserviere das Car-Sharing-Auto für den nächsten Morgen. „Anatol, morgen geht es zu Ikea. Da lassen wir uns inspirieren! Vielleicht finden wir ja die eine oder andere gute Idee, um die Wohnung praktischer und wohnlicher zu gestalten.“

Anatol liebt Besuche bei Ikea.

Elie hingegen lässt traurig den Kopf hängen. „Ich hasse Ikea. Ich hasse Möbelgeschäfte und Baumärkte. Nur Ihr beiden wollt da immer hin! Was soll ich denn morgen machen? Tolle Ferien sind das…!“ Elies Stimme zittert.

„Elie, Du könntest morgen ins Schwimmbad gehen!“ schlägt Anatol vor.

„Ja toll – allein? Du weisst doch, dass alle meine Freunde wegefahren sind – es ist niemand mehr da, den ich kenne! Im Schwimmbad sind jetzt nur die Großen – die, die mich letztes Jahr immer geärgert haben! Vor denen habe ich Angst, wenn ich da allein bin – die schmeissen mich ins tiefe Becken und tauchen mich unter!“

Es stimmt – ein Schwimmbadbesuch ganz ohne Begleitung ist keine gute Idee.

Halbherzig schlage ich vor, dass Elie ins Ikea-Kinderparadies gehen könne, während Anatol und ich die Möbel ansehen. Nun bricht Elie in Geheul aus. „Das Ikea-Kinderparadies hasse ich noch mehr als Ikea und Baumarkt zusammen! Da werde ich immer unter diesen bescheuerten Bällen begraben – schrecklich ist das! Ihr könnt mich mal!“ schreit er.

Ich sehe ein, dass das Ikea-Kinderparadies für Elie ein weiterer Ort des Schreckens ist und biete eine Alternative an: „Elie, möchtest Du morgen vormittag vielleicht einfach zu unseren netten Nachbarn aus dem ersten Stock? Vielleicht gehen sie sogar ins Schwimmbad!“

Elie akzeptiert dies nach kurzem Zögern, wenn auch widerwillig. „Wehe, wenn ich meine ganzen Ferien bei den Nachbarn im ersten Stock verbringen muss – nur weil Ihr die ganze Zeit Wohnungsverschönerung betreibt! Ich will, dass wir auch was Richtiges unternehmen – so wie normale Menschen das in ihren Ferien tun!“

Ich überlege. Welche Ferienattraktion könnte sich bieten, die einerseits gut erreichbar und andererseits nicht zu ruinös ist? Ich erinnere mich an einen Ausflug, den ich vor bald 40 Jahren mit meinen Eltern, meiner Schwester und unserem damals ganz jungen Hund Trolli an die Edertalsperre gemacht habe – im Sommer 1975 muss das gewesen sein. Es ist lang her.

„Elie, wir könnten nächste Woche an den Edersee fahren und dort Boot fahren. Wenn Ihr brav seid, könnten wir sogar darüber nachdenken, dort eine Nacht zu bleiben – im Zelt oder unter freiem Himmel! Voraussetzung wäre allerdings, dass wir jemanden finden, der die Katzen versorgt. Und es muss natürlich warm genug sein.“

Elie strahlt. Die Ferien sind gerettet.

Vorerst steht jedoch der Besuch bei Ikea an.

56. Kapitel – Intendanzprobleme II

Nach dem Frühstück begebe ich mich als erstes zu meinem Hausarzt, zur Akupunktur.

IMG_2316Dort treffe ich Fridolin, der wie üblich damit beschäftigt ist, Krankenakten zu sortieren, die im Wartezimmer ausliegenden Zeitschriften zu ordnen und Termine zu vergeben. Fridolin erledigt seine Aufgaben zügig und unaufgeregt – er strahlt Ruhe und Souveränität aus. Es heisst, dass manche Patienten nur hier zum Arzt gehen, um Fridolin zu treffen. Allein seine Anwesenheit scheint sich auf viele Patienten positiv auszuwirken.

Dennoch habe ich auch heute wieder den Eindruck, dass Fridolin angespannt ist – so gut er es zu verbergen sucht. Aber auch diesmal ergibt sich leider keine Gelegenheit, ihn diskret darauf anzusprechen.

Die Sommerkollektion von Somewhere erwähne ich aber – ich weiss, dass Fridolin samstags nach Praxisschluss zu Somewhere geht, um dort im Lager zu arbeiten. Zudem ist er auch für die Dekoration der Boutique zuständig – daher kennt er die Kollektion perfekt.

„Fridolin, Anatol und Elie haben alle meine Sommertops in die Kleidersammlung gegeben.“ Hier flunkere ich ein klein wenig. „Es wird jetzt Sommer – letzte Woche hatten wir ja schon 28°C. Ich brauche also dringend ein paar anständige Sommersachen. Habt Ihr so etwas in der Kollektion? Es sollte auch bürogeeignet sein. Am liebsten aus Leinen – das kühlt am besten.“

Ich weiss, dass ich dabei bin, mein „Konsum-Verzichts-Gelübde“ sträflichst zu missachten. Aber was soll ich tun – ich habe kaum noch Sommertops, und schon bald wird es wieder warm werden.

Fridolin denkt kurz nach. „Ja, ich denke, da müssten wir ein paar hübsche Sachen haben. Die aktuelle Sommerkollektion ist eine der schönsten, die ich dort gesehen habe. Wenn Du nicht so viel Geld loswerden möchtest, rate ich Dir, die Schals und Halstücher lieber nicht anzusehen. Sie sind absolut tödlich. Aber auch wenn es nur ein oder zwei schöne Tops sein sollen, dann wirst Du sicher Dein Glück finden.“

Ich danke Fridolin und suche nach einer Rechtfertigung vor mir selbst… soll ich mir die Tops ansehen? Ich weiss, dass ich dann sicher etwas kaufen werde. Schließlich habe ich zum Geburtstag etwas Geld geschenkt bekommen, mit der Auflage, davon etwas Schönes zu erstehen …

IMG_2319Vor der Boutique zögere ich. Soll ich das Geschäft wirklich betreten?

Kurzentschlossen drücke ich die Tür auf – und bin von wunderschönen Kleidungsstücken umgeben, die ich unmöglich alle ansehen, geschweige denn anprobieren kann.IMG_2323

Der eigentliche Zweck meines Besuchs in dem Modetempel ist es ja, die fehlenden Sommertops zu ersetzen – und zwar durch etwas, das ich auch im Büro tragen kann. Gleich finde ich zwei wunderschöne Oberteile in hellgrau und weiss, die ich sofort zurücklegen lasse.

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Wie Fridolin bereits andeutete, sind die Halstücher bestrickend schön. Ich erliege einer dieser Kostbarkeiten, und verlasse schließlich mit Sommertops, einer Matrosenbluse aus Leinen und einem exotisch eleganten Foulard die Boutique. Aufgrund meiner Geburtstags-Punkte und der hier sogenannten „Ventes privées“ zahle ich nur die Hälfte des eigentlichen Preises. Das wird den Butlern sicher gefallen !IMG_2353

Mit einer nicht exzessiv großen Tüte komme ich nach Hause.

„Anatol! Elie!“ rufe ich. „Fridolin hat mich großartig beraten. Ich habe ein paar wunderschöne Teile als Ersatz für die weggegebenen Tops gefunden!“

Anatol guckt betreten aus dem Schlafzimmer. Elie sitzt auf dem Kleiderschrank und sieht ebenfalls recht verlegen aus. Kleinlaut meint Anatol, man habe nach der morgendlichen Kontroverse etwas aufräumen wollen und dabei auch weniger genutzte Fächer des Schrankes ausgeräumt. Hierbei sei eine Kiste aufgefallen, die man geöffnet habe.

Die Kiste habe alle vermissten Tops – fein säuberlich zusammengelegt – beherbergt. Offenbar habe man letztere nämlich nicht in die Kleidersammlung gegeben, sondern in der Kiste verwahrt.

Ich muss mich setzen.

„Heisst das, dass ich nicht nur neue Klamotten in einen dem Minimalismus verpflichteten Haushalt gebracht habe, sondern dass die gesamten Altlasten immer noch da sind?“ frage ich entsetzt.

„Ja, genau das heisst es“ gibt Anatol beschämt zu.

„Tja.“ sage ich nur. „Daran kann man wohl nun nichts mehr ändern.“

Überglücklich, dass mein geliebtes, altes, grünes Top, dass so perfekt zu meinem Lieblingsanzug passt, wieder da ist, beginne ich, die neu erstandenen Oberteile auszupacken.

Minimalismus ist toll. Aber manchmal darf er auch etwas warten.

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55. Kapitel – Intendanzprobleme I

Fassungslos durchwühle ich meine T-Shirt-Schublade.

„Anatol!“ rufe,  nein: schreie ich. „Wo sind meine Trägertops!?“ Ich bin außer mir.

Verschlafen reibt Anatol sich die Augen. Der Faulpelz hatte noch geschlafen – obwohl es schon 7 Uhr 30 durch ist!

„Deine Trägertops…? Wo die sind? Ja keine Ahnung! Woher soll ich das denn wissen. DU trägst die doch.“

„Sieh Dir meine Schublade an! Sie ist leer!! Hier sollten alle meine Tops drin sein – die grünen, die in rosa und die weissen. Aber jetzt liegen hier nur noch 3 weisse Tops drin! Wo sind die anderen?!“

Anatol zuckt die Schultern.

„Oh Du Spitzbube, Du weisst es doch ganz sicher!“ rufe ich und will den Butler packen. In Windeseile ist er da aber schon aufs Regal geklettert – und befindet sich außerhalb meiner Reichweite. Er weiss, dass ich sehr ungemütlich werde, wenn es um meine Klamotten geht.

Elie lugt aus der Küche hervor. Zumindest er hat sich schon am Kühlschrank zu schaffen gemacht – ich denke, um das Frühstück vorzubereiten.

„Ist heute dicke Luft?“ fragt er schüchtern.

Anatol gibt – vom sicheren Regal aus – ein Schnauben von sich. „Sie hat ihre Sachen nicht aufgeräumt, findet nichts mehr und ICH soll Schuld sein.“

Elie druckst herum. Irgendetwas will er uns nicht sagen. „Elie!“ sage ich mit drohendem Unterton. „Wo sind meine Sachen!?“

„Aber die haben wir doch alle aussortiert. Für die Kleidersammlung. Weisst Du noch – als wir entrümpelt haben. Im März. Du hast noch einen ganzen Blogeintrag dazu geschrieben, und sogar eine Kategorie „Entrümpeln“ in den Blog eingefügt.“

Siedend heiss fällt es mir ein. Ja, da war etwas gewesen. Kann es sein, dass ich selbst meine guten alten Trägertops aussortiert habe??

Anatol krabbelt vom Regal herunter. „Ich bin dann ja wohl entlastet. Gibt es mal einen Kaffee für mich, bitte? So ein böses Erwachen an einem Samstag Morgen hatte ich lange nicht.“ Er wirft mir einen scharfen Blick aus dem Augenwinkel zu.

So geht es nun nicht. „Wieso hast Du mich nicht davon abgehalten, all die schönen Sachen wegzugeben, Anatol! Das gehört klar zu Deinen Aufgaben!“ Ich bin außerordentlich aufgebracht.

Anatol schüttelt den Kopf. „Wenn DU etwas weggeben willst, dann ist das Deine Entscheidung. Und jetzt will ich nichts mehr davon hören. Die alten Klamotten waren sowieso zu klein geworden – und ich kann nichts dafür, dass Du Dir dieses Jahr keine neuen kaufen willst. Nun musst Du den Sommer eben mit 3 Trägertops überstehen.“

Ich würde am liebsten in Tränen ausbrechen. Mein schönes grünes Top, das ich mir 2001 gekauft hatte, und das so gut zu dem einen Anzug passte – das konnte ich doch unmöglich weggegeben haben…

Elie gießt mir einen Tee ein. Er meint, es sei doch gut, in der Schublade wieder soviel Platz zu haben. Ich sollte mich nicht so grämen wegen der alten Klamotten. Er selbst trage außer seinem Chèche oder meinem Kapuzenschal eigentlich nie Kleider. Sowas sei ganz überflüssig.

Letzterem kann ich mich nicht anschließen. Mir fällt aber ein, dass ich gerade erst einen Gutschein für meinen Lieblingsladen Somewhere bekommen habe… aber da gibt es ja noch meine Kleider“diät“ … was soll ich tun?

Elie flüstert mir zu: „Fridolin hat mir gesagt, dass sie bei Somewhere eine wunderschöne Sommerkollektion haben. Du kannst doch heimlich da mal gucken …? Vielleicht haben sie das eine oder andere kleine Trägertop für Dich.“

Elie ist ein Schatz. Ich weiss allerdings noch nicht, ob ich seinen Rat befolgen werde.

Nun gibt es Frühstück – ohne dicke Luft.

Hier geht es zur Fortsetzung: Intendanzprobleme II

 

50. Kapitel – Frau Holle in der Waschmaschine

Letzte Woche hätte ich meine Butler am liebsten auf den Mond geschossen. Ich hatte Anatol morgens gebeten, sich um die Bettwäsche und die Bettdecken zu kümmern. Die Bettsachen brauchten eine ordentliche Wäsche, und das sollten die Butler an diesem Tag erledigen.

Ich muss zugeben, dass ich mich schon mittags darauf gefreut hatte, an diesem Abend in ein komplett frischgewaschenes und flauschig weich-getrocknetes Bett fallen zu können. Wir haben nämlich seit kurzem eine Waschmaschine, die auch trocknen kann – Anatol hat mich zu diesem Kauf genötigt. Jahrelang hatte ich mich gegen einen Trockner gewehrt. Warum Energie verschwenden, wenn die Wäsche auch ganz kostenlos und umweltfreundlich an der Luft trocknen kann?

Hier hatte Anatol Argumente vorgebracht. An regnerischen Tagen, wenn er die Wäsche nicht auf den Balkon stellen könne, sei es ihm ganz unmöglich, große Wäscheteile wie gerade die Bettsachen trocken zu bekommen. Tagelang stünden die Wäscheständer in der Wohnung – und die Katzen trieben ihr Schindluder mit der herunterhängenden Wäsche! Er sei dann hauptsächlich damit beschäftigt, die Katzen von der Wäsche fernzuhalten – und könne sich nicht um den restlichen Haushalt kümmern. Das habe er endgültig satt!

Zudem sei die Energiebilanz der heutigen Waschtrockner nicht mehr ganz so verheerend wie das früher der Fall gewesen sei. Auch könne man die Trockenfunktion sparsam und immer nur dann einsetzen, wenn Lufttrocknung nicht möglich sei. So würde man die Wäsche durchaus verantwortungs- und umweltbewusst trocknen.

Als die alte Waschmaschine endgültig ihren Geist aufgab, wurde der heißersehnte Waschtrockner angeschafft.

Dieser – so hatte Anatol mir versprochen – sollte nun an diesem großen Waschtag eingesetzt werden.

Als ich aus dem Haus ging, war Anatol schon damit beschäftigt, die Bettdecken abzuziehen und die Wäsche zu sortieren – Anatol ist sehr darauf bedacht, dass alles mit der richtigen Temperatur und nach Farben getrennt gewaschen wird. Nichts hasst er mehr als ungepflegte, verfärbte Wäsche.

Am Abend hatte ich ausnahmsweise schon etwas früher von der Arbeit gehen können. Ich freute mich auf einen schönen Abend mit den Butlern und den Katzen, der heute wegen der gewonnenen Zeit hoffentlich etwas entspannter würde ablaufen können als normalerweise.

Gerade stehe ich vor der Wohnungstür und will aufschließen – da dringen seltsame Geräusche aus der Wohnung! Ich vernehme ein metallisches Klappern und durcheinandersprechende, hallende Stimmen, die sich so anhören, als kämen sie aus einem riesigen Klangkörper. Schnell betrete ich die Wohnung, um nach dem Rechten zu sehen – und entdecke schockiert diese Szene:

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Was muss ich sehen:

Anatol auf einem Kopfkissenbezug, offensichtlich damit beschäftigt, die Füllung meines armen Kopfkissens aus der Waschmaschine in den Bezug zu schaufeln; Elie in der Waschmaschinentrommel, einen kleinen Handfeger in der Hand – Polyesterbällchen aus der Trommel fegend, und die winzige Mina, die weisse Polyesterfetzchen aus der Gummidichtung der Waschmaschinentrommel herausprokelt!

IMG_2231Ich bin entsetzt! Was war nur passiert? Elie nimmt kein Blatt vor den Mund: „Frau Holle hat vorhin versucht, sich in der Waschmaschine umzubringen. Wir konnten sie gerade noch retten und sammeln nun die Reste Deines Kopfkissens hier raus. Wir sind fast fertig!“

Mir stockt der Atem. „Anatol, was hat das zu bedeuten? Habt Ihr etwa mein wunderbares, einzigartiges, fast neues Kopfkissen geschreddert? Wie konnte das passieren!?“

Anatol antwortet recht zerknirscht. „Ich hatte die ganze Bettwäsche sortiert. Das Weisse mit dem Weissen, das Farbige zum Farbigen. Die bunte Bettwäsche habe ich mit dem Colorwaschpulver gewaschen. Sie ist sogar schon trocken. Aber die Bettdecken und das Kissen – die sind weiss. Sie müssen mit Vollwaschmittel gewaschen werden – bei 60°. Und da habe ich also den farbigen Bezug von dem Kopfkissen abgenommen, denn ich wollte das ganze Kissen mit Vollwaschpulver waschen. Am liebsten hätte ich es gekocht – das hätte es jedenfalls dringend nötig gehabt!“

Langsam aber sicher redet sich Anatol in Rage. „Man darf nur ganz stark geschleuderte Wäsche in den Trockner stecken. Sonst verbraucht er zuviel Energie! Du hast mir selbst gesagt, dass alles, was in den Trockner soll, vorher mit 1400 Umdrehungen zu schleudern ist! Wegen der Umwelt! Und daran habe ich mich nur gehalten. Dass Dein altes Kissen das nicht überleben würde, das kann ich ja nicht wissen! Es ist im Schleudergang von der Waschmaschine aufgerissen und zerfetzt worden. Die ganze Trommel war voll mit dem Zeug! Seit einer Stunde sind wir jetzt mit Mina dabei, die Waschmaschine wieder klarzukriegen von dieser Polyesterfüllung. Mina ist sogar hinter die Trommel gekrochen, um dort Polyesterbällchen zu entfernen! “ Vorwurfsvoll – ja geradezu kampflustig sieht mich der Butler an. In seinen Augen funkelt Wut.

Ich widerspreche: „Das Kissen ist nicht alt! Es ist sogar fast noch neu – Mama hat es mir erst 1992 geschenkt!“

Anatol schnaubt. „Dein Kissen ist 22 Jahre alt! Denk doch mal nach, wie alt Kissen normalerweise werden!“

Ich bin pikiert, aber auch etwas verzweifelt. Mehrfach schon habe ich versucht, das Kissen gegen ein neueres auszutauschen. Jedoch konnte ich auf keinem noch so teuren Kissen schlafen. Nackenschmerzen und Verspannungen trieben mich jedesmal zurück in die Arme meines guten alten Kissens von 1992.

IMG_2233Anatol weiss das. „Wir haben uns eine Notlösung überlegt. Eigentlich dachten wir, wir können die ganze Misere vor Dir verstecken. Ja, ich weiss, dass das nicht ok ist. Aber wir wollten Dir keine Sorgen bereiten.“

Mina habe die zündende Idee gehabt. Sie habe vorgeschlagen, das Innenleben des zerfetzten Kissens einfach in einen der Reissverschlußbezüge einzufüllen – ohne das aufgerissene Kisseninlet. So würde ich nicht einmal einen Unterschied bemerken. Von außen würde das Kissen so aussehen wie immer – frisch gewaschen und weich.

Ich gebe zu, dass es sich zumindest nicht schlecht anhöre – füge aber hinzu, dass das auf keinen Fall eine Dauerlösung sein könne. Wie wolle man schließlich den Kissenbezug wechseln, wenn sich darin Millionen von winzigen, losen Polyesterbällchen tummelten.

Ein neues Kopfkissen muss angeschafft werden, das ist unumgänglich.

Ich begebe mich also am Sonnabend früh zu Betten Leitermann in Kehl, und schildere die missliche Lage. Der freundliche Herr bescheinigt meinem Kopfkissen ein „biblisches Alter“ – und bezeichnet es als ein Wunder, dass es überhaupt so lange gehalten habe.

Leider hat er kein für meinen schwierigen Nacken geeignetes Kissen auf Lager. Allen neuartigen Kissen, die er mir mit der Begeisterung des Fachmanns zeigt, stehe ich mehr als misstrauisch gegenüber.

Mina, die mich begleitet, hat auch hier die rettende Idee. Sie schlägt vor, einfach nur einen weissen, dünnen Bezug mit Reissverschluss zu kaufen, diesen zum Kisseninlet umzufunktionieren und mit den Polyesterballresten meines alten Kissens zu befüllen.

Der zuvorkommende Herr von Betten Leitermann ist ob der unorthodoxen Methode schockiert, sucht mir aber doch den für diesen Zweck am besten geeigneten Bezug aus – einen herrlich glatten, feinen Baumwollsatin. Er schlägt mir sogar vor, noch zusätzliches Füllmaterial, was man dort in 100g Packungen erstehen kann, hinzuzufügen. Die fachmännische Beratung gefällt mir. Ich mag Betten Leitermann. Leider kann ich mir die wunderschönen Bettsachen, die es dort gibt, nicht leisten – zumal sowieso alles den Krallen der bepelzten Massenvernichtungswaffen zum Opfer fallen würde.

Den neuen Kissenbezug in der Tasche verlasse ich das schöne Geschäft. Mina und ich haben eine absolut minimalistische Lösung gefunden – ich bin stolz auf uns. Wir mussten nur einen Bezug kaufen, und nicht gleich ein ganz neues Kissen.

Nun muss ich nur noch eine Schlafprobe auf dem „neuen“ Kissen machen. Die wird mir nicht schwerfallen!

 

 

30. Kapitel – Entrümpelungen

IMG_1992Anatol und Elie haben beschlossen: heute beginnt der Frühjahrsputz. Nicht das übliche Großreinemachen – nein: es soll eine großangelegte Entrümpelungsaktion werden, die sich notfalls auch über mehrere Tage erstrecken darf.

Ich bin skeptisch. Derlei Vorhaben beginnen meist mit viel Enthusiasmus und versanden dann – angesichts des Ausmaßes der Gerümpelmisere – in einer halbherzigen Putz- und Wischaktion. Zwar ist die Wohnung danach sauberer – aber nachhaltiges Entrümpeln ist etwas anderes.

Dennoch sind Anatol und Elie guten Muts, dass es heute gelingen wird, unerwünschtes Gerümpel für immer aus der Wohnung zu verbannen.

Ich bin gespannt.

Die beiden Butler machen sich ohne Zögern an die Arbeit. Sie finden, der neuralgische Punkt der Wohnung sei mein Bett, und dieses solle als erstes bearbeitet werden. Das wundert mich. Was soll mein Bett denn haben…?

„Dein Bett ist ein Gerümpel-Hort“, sagt Elie. „Guck doch mal drunter – oder besser: versuch mal, drunterzugucken! Es ist total Anti-Feng-Shui! Ein Bett darf keinen Krempel beherbergen, und noch weniger darf man solchen unter dem Bett verstauen.“

Elie hat Recht. Unter das Bett kann man nicht gucken, denn da befinden sich 4 große Bettkästen, die gut gefüllt sind mit Decken, Verlängerungskabeln, Kissen, Bettbezügen – und vielen, vielen Katzenhaaren. Schlimmer noch ist, was sich unter den Bettkästen auf dem Fußboden befindet. Es handelt sich dabei um einen Mix aus Katzenspielzeug, Katzenhaaren, Staub – und ca. einem Kilo Kieselgur, den ich dort vor einem Jahr verteilt habe, um einen Parasitenbefall zu beseitigen. Kieselgur sei, so las ich es im Internet, eine völlig natürliche, ungiftige Substanz, die gegen Insekten sehr wirkungsvoll sei. Wir hoffen, dass dies der Wahrheit entspricht, denn es ist schwer nachzuprüfen.

Was allerdings offensichtlich ist, ist dies: Kieselgur gewährleistet mit 100%iger Sicherheit eine ganz unglaubliche Sauerei in der Wohnung. Kieselgur ist so fein, dass er einfach überall hineindringt. Er staubt ungemein und legt sich wie eine feine Bimssteinschicht über alle Möbel.

Diesen Kieselgur gilt es nun zu entfernen – ohne dabei im wahrsten Sinne des Wortes zu viel Staub aufzuwirbeln.

Anatol und Elie ziehen als erstes die Bettkästen unter dem Bett hervor. „Oh weh“, seufzt Elie. „Wohin soll das denn nur alles…“ Ich denke das Gleiche, sage aber lieber nichts. Defätistische Äußerungen sind  nicht erwünscht.

Unter dem Bett offenbart sich das bisher gut gehütete Grauen. Die Kieselgur-Schicht ist etwa 1 cm dick – Anatol betätigt den Staubsauger, der auf den Kieselgur sehr ungehalten reagiert: er verstopft nach 10 Sekunden. Ich bekomme Angst um mein wunderbares Gerät und verbiete seine weitere Nutzung. Der Kieselgur muss per Hand entfernt werden.

Elie hält das Schäufelchen, Anatol fegt mit dem Handfeger. Ich wische direkt die verbleibende Kieselgurschicht auf. Da dies alles unter dem Bett stattfindet, liegen wir auf dem Bauch und versuchen, so gut es geht, an alle Kieselgur-Reste zu gelangen.

Dabei finden wir leider auch einige bisher unentdeckte „Katzen-Unfälle“, deren Urheber mit großer Sicherheit Tonio ist. Auch diese werden beseitigt.

Schließlich setze ich den Kärcher ein, um den Rest des Kieselgur-Gesindels aus den Ecken zu treiben.

IMG_2002Die erste Etappe ist geschafft. Unter dem Bett ist alles sauber! Dies ist sehr erfreulich.

Nun zur zweiten Etappe: wohin mit dem Inhalt der Bettkästen (und den Kästen selbst!), den man hier rechts im Bild sieht? Alles können wir ja nicht wegwerfen – viele der Dinge werden noch gebraucht!

Anatol ist unerbittlich: er sortiert gnadenlos die für uns unnützen Dinge aus. Was noch gut ist, aber hier nicht gebraucht wird, kommt in einen Karton, der später zu Emmaüs (die französische Variante der Caritas) gebracht werden soll.

Der Rest wandert in die Tonne, die zur Déchetterie, d.h. zum Schrottplatz kommt.

IMG_1999Indessen hat Elie die Bettkästen ausgewischt und – weil wir in der Wohnung zum Putzen Platz brauchen – ins Treppenhaus gestellt.

Drei hat er schon rausgeschafft- ich weiss gar nicht, wie der kleine Kerl das ganz allein hinbekommen hat.

Das Wischwasser ist nun getrocknet. Der Boden ist weiss – der Kieselgur ist immer noch da.

Wir wischen insgesamt 5 mal – nun ist der Boden ansatzweise sauber.

Anatol zückt einen Schraubenzieher und zerlegt die Bettkästen vorsichtig in ihre Einzelteile. Die Bretter, die nicht viel Platz wegnehmen, können in unserem Küchenkabuff verstaut werden.

Nun habe ich ein herrlich luftiges Bett, unter dem Luft zirkuliert und das daher ganz „Feng Shui“ ist.

Heute Nacht werde ich darin sicher wunderbar schlafen – das hoffe ich zumindest!

28. Kapitel – Feng Shui II

IMG_1982Anatol sagt mir gerade, dass wir uns eigentlich entschuldigen müssen für unseren Beitrag von gestern. Und zwar bei den Anhängern des traditionellen Feng Shui, die die daoistische Lehre studiert haben und danach leben.

Auf keinen Fall wollten wir diese jahrtausendealte, komplexe chinesische Harmonielehre in irgendeiner Weise lächerlich machen. Besonders Anatol interessiert sich sehr für die chinesische Kultur, was sich in seiner Liebe zum Tee und zur chinesischen Teezeremonie Gong Fu Cha ausdrückt. Hierzu aber später.

Der Beitrag von gestern wirft – so findet Anatol nun – die neuzeitliche „Minimalismus-Bewegung“ und die Philosophie des Feng Shui in einer etwas respektlosen Weise zusammen.

Aber so war es nicht gemeint. Wir wollten die beiden Theorien nicht einfach so „über einen Kamm scheren“ oder gar unreflektiert vermischen.

Dennoch gibt es Berührungspunkte zwischen Minimalismus und Feng Shui. Minimalismus hat mit der Lehre des Feng Shui zumindest dies gemeinsam: die ganz bewusste Einrichtung und Ausrichtung von Wohnraum mit wenigen Gegenständen, die etwas aussagen und die eine Bedeutung, einen Hintergrund haben. Zufällig zusammengewürftelten Krimskrams gibt es dort nicht. Auch im Feng Shui ist nur Platz für das Wesentliche.

Diese Gemeinsamkeit ist für uns wichtig. Denn eben dieser Punkt soll bei unserer neuen Wohngestaltung zum Tragen kommen.

Wir dürfen nun gespannt sein.

Eben hat Anatol jedenfalls den ersten gelben Sack zugebunden und vor die Tür gestellt. Was wir für einen Papier- und Kartonkrempel hier rumfliegen hatten … das gibts gar nicht. Der zweite gelbe Sack wird jetzt sofort zum Einsatz gebracht. Denn es geht weiter mit dem Entrümpeln.

27. Kapitel – Feng Shui I

„Entrümple Dein Leben“ – diesen Slogan hat Anatol im Internet entdeckt. Zu lesen bekommt man ihn auf Seiten über den neuen „Minimalismus“ wie Simplify your life, in Blogs wie z.B. Becoming minimalist oder auch in der ganzheitlichen Lebenslehre des Feng-Shui.

Anatol ist begeistert vom Minimalismus. Sofort will er die neuen Ideen in die Tat umsetzen. Ihm schwebt eine Umgestaltung der Wohnung in etwas wie diesen Tempel der Wohnkultur vor.

Ich muss Anatol enttäuschen. Eine solche Einrichtung werden wir niemals haben. Dafür sorgen bereits unsere pelzigen Mitbewohner, die von meinen Freunden als „Massenvernichtungswaffen“ bezeichnet werden. In Bezug auf schöne Möbel werden sie dieser Bezeichnung leider gerecht.

Doch was bedeutet „Minimalismus“?

Es handelt sich dabei nicht einfach um Aufräumen. Nein, es geht um „Loslassen“, um „Weniger besitzen“. Die Engländer nennen es „de-own“ – die  eigenverantwortete, bewusste Selbstenteignung, um es in ordentlichem Juristendeutsch auszudrücken.

„Wozu soll das gut sein?“ fragt Elie. „Schließlich habe ich lange gespart, um mir endlich meinen tollen Chèche zu kaufen! Und nun soll ich den weggeben? Nein – ohne mich!“

IMG_1537Elie hat in der Tat lange Zeit seine Steinzeittaler angespart, weil er in einer Boutique einen wunderschönen tunesischen Wüstenschal (den „Chèche“) gefunden hatte, den er beim Sommer-Treffen der „Söhne der Wüste“ tragen will. Der Chèche ist sein ganzer Stolz, und um nichts in der Welt würde er ihn hergeben.

Ich versuche, es Elie zu erklären. „Elie, auf keinen Fall musst Du Deinen Chèche abgeben. So funktioniert Minimalismus nicht. Es geht um etwas anderes, nämlich darum, Sinnloses und Überflüssiges hinter sich zu lassen.“

Anatol pflichtet mir bei. „Ein Chèche ist gut. Zehn Chèches, die Du nie trägst, ist Anti-Minimalismus. Und das wollen wir nicht mehr.“

Nun wird Elie etwas ungehalten. „ICH habe nur einen einzigen Chèche. Und sonst habe ich GAR kein Kleidungsstück. Dieser Minimalismus geht mich deshalb nichts an. Die einzige Person, die hier Kleidung in 100facher Ausführung besitzt, so dass die Schränke überquellen und alles an den Türen hängen muss, weil in die Schränke nicht einmal mehr ein hauchdünnes Pfefferminzblättchen hineinpasst – von den Schuhen mal ganz zu schweigen! – ist Susanne!“

Elie hat damit ins Schwarze getroffen. Betreten schaue ich zu Boden. „Elie, Du hast ja recht. Es geht hier vor allem um mich und meinen Kram. Er nimmt einfach zu viel Platz weg. Und daran wollen wir etwas ändern. Ich habe ja schon beschlossen, in diesem Jahr kein einziges neues Kleidungsstück zu kaufen. Bisher habe ich mich daran gehalten.“

Elie bemerkt etwas spitz, dass es mit dem „nichts Neues mehr kaufen“ ja schön und gut sei – dass aber eine sinnvolle Nutzung der Wohnung seiner Meinung nach erst wieder möglich sei, wenn mindestens ein Drittel der vorhandenen Kleidungsstücke entfernt würde. Ich schlucke.

Anatol erinnert nun daran, dass der materielle Teil (das Aufräumen und Weggeben von Sachen) nur ein Aspekt des Minimalismus sei. Es gehe dabei vor allem um die Einstellung zum Konsum. Um Nachhaltigkeit – aber auch um Verzicht auf den neuesten technischen Schnickschnack und allgemein auf alles Unwesentliche.

Elie guckt sehr skeptisch. Er ist – was ihn selbst betrifft – sichtlich nicht von der Idee des Verzichts angetan. Deshalb muss ich mir etwas einfallen lassen, das ihn überzeugt. Und schon habe ich eine Idee.

„Ihr Lieben, wann habt Ihr eigentlich das letzte Mal in Eurem Nestchen das Gefühl gehabt, dass es dort bequem und angenehm war? So dass Ihr beide Platz hattet, um Euch mal richtig auszustrecken?“

Anatol druckst etwas herum und weiss sichtlich nichts zu antworten. Elie wird rot bis hinter beide Ohren (die bei ihm nicht sehr ausgebildet sind). Der Grund liegt auf der Hand – seit Tagen sieht das Nestchen so aus:

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Man kann es mit Fug und Recht als einen wahren Schweinestall bezeichnen.

Die erste Aufgabe für die frischgebackenen Minimalisten ist es also, das eigene Nestchen auszuräumen und dann gemäß Feng Shui zu ordnen. Mit Feuereifer machen sich die beiden an die Arbeit.

Über den Fortgang des „Feng Shui à la Anatol“ werden wir berichten!

16. März 2014

Und so sieht ein schön aufgeräumtes, entrümpeltes Dino-Nestchen aus:

IMG_1982

Anatol und Elie fühlen sich sichtlich wohler darin und wollen nun die ganze Wohnung entrümpeln. Gut, dass ich eine Woche Ferien habe und das Ganze überwachen kann …