107. Kapitel – 2015 wird minimalistisch!

Anatol ist vollkommen aus dem Häuschen. Beim Surfen im Netz hat er einen neuen Blog gefunden, der sich mit Minimalismus beschäftigt: Einfach bewusst. Anatol ist begeistert.

Ich runzle die Stirn. „Anatol, solche Blogs gibt es doch wie Sand am Meer. Was ist an diesem denn so besonders?“

„Das ist ein veganer minimalistischer Blog! Bisher habe ich noch nie so einen gefunden – zumindest erinnere ich mich nicht. Endlich mal jemand, der nicht nur Esoterik-Tipps zum Entrümpeln gibt, sondern auch für Tierschutz eintritt!“

Ich bin in der Tat verblüfft. Der „Einfach bewusst-Blog“ spricht auch mir aus der Seele. Letztens hatte ich mich wieder einmal dabei ertappt, wie ich mir wünschte, ein Erdrutsch oder welche (ansonsten harmlose) Naturgewalt auch immer möge unseren gesamten Krempel verschlingen … und dabei selbstverständich Katzen, Saurier und mich verschonen.

Dementsprechend hat es mir insbesondere dieser Beitrag angetan: 25 weitere Tipps, wie Du minimalistischer leben kannst. Diese Ratschläge wollen Anatol, Elie und ich im kommenden Jahr umsetzen – und so Widerstand leisten gegen die Konsumgesellschaft, die uns umgibt.

Ein zentraler Punkt, wenn nicht gar Dreh- und Angelpunkt unserer Gesellschaft ist es, unermüdlich mehr und mehr Dinge anzuhäufen. „Ich habe, also bin ich“ ist der Wahlspruch des modernen Menschen. Anatol, Elie und mir ist das Ansammeln von Sachen ein Gräuel. Wir würden gern so vieles loswerden! Eine unerwünschte Nebenwirkung unserer Überflussgesellschaft – dass wir uns weniger wünschen?

Früher hatten die Menschen nicht viel und oft nicht einmal genug vom Lebensnotwendigen … wir hingegen ersticken im Zuviel des Überflüssigen. Die meisten Sachen, die ich habe, brauche ich im Grunde gar nicht. Für mich und die Saurier würde eine hübsche – und möglichst leere – Ein-Zimmer-Wohnung ausreichen (hier würden indessen die Katzen streiken).

Oft schon habe ich mich gefragt, warum ich mich so gern von all den Dingen trennen würde, die ich im Laufe der Jahre angesammelt habe – muss es doch gute Gründe dafür gegeben haben, diese Sachen anzuschaffen. Viele der Dinge sind nützlich – warum will ich sie loswerden? Hier fällt mir mein erstes Studentenzimmer in Gießen ein. Es gab darin nur ein Bett, einen kleinen Schrank, ein Regal und meinen Schreibtisch. In diesem Zimmer hatte ich alles, was ich brauchte – vor allem aber: eine offene Zukunft. Mein Leben war damals ein weisses Blatt – nun ist es ein zugestellter, voller Raum.

Natürlich werde ich nie wieder 19 sein und die selbe unbeschriebene Zukunft haben wie damals. Das ist nicht schlimm.  Angehäuften Ballast abwerfen zu können, das Gefühl zu haben, nur das Notwendige zu besitzen und frei zu sein: das ist dennoch eine phantastische Aussicht.

Gerade Weihnachten und Geburtstage sind kritische Momente im Leben eines Minimalisten. Wohlmeinende Mitmenschen setzen ihren Ehrgeiz daran, uns mit Dingen zu versorgen, die wir nicht brauchen – und die wir nicht unterbringen können. Echte Freunde erkenne ich daran, dass sie mir entweder gar nichts schenken oder nur ganz „kleine“ Dinge – insbesondere solche, die mich für den Moment erfreuen, sich von selbst „verbrauchen“ und eine schöne Erinnerung hinterlassen. So ein herrliches Geschenk hat Uyen mir dieses Weihnachten gemacht: zwei köstliche Marmeladen und einen ebensolchen Dattel-Essig.

Wie erreichen wir diese Wunschvorstellung – freie, lichte Räume, die Platz für die Zukunft lassen …? Welche der Tipps von „Einfach bewusst“ wollen wir zuerst realisieren?

Anatol hüpft aufgeregt hin und her. „Der tollste Tipp ist Tipp Nr. 3: „Trenne Dich einen Monat lang täglich von zehn Dingen. Wenn Du das Experiment verlängerst, hast Du nach anderthalb Jahren 5.555 Dinge verkauft, verschenkt, gespendet und entsorgt“.

Ich räuspere mich. „Anatol, zehn Dinge am Tag sind sehr viel… vielleicht fangen wir mal mit zwei, nun gut: drei Dingen pro Tag an…?“ Dass die Butler in meiner Abwesenheit mir liebgewonnene Dinge entsorgen, bereitet mir doch Bauchschmerzen.

Anatol ist damit sichtlich nicht einverstanden – ich setze mich jedoch durch und stelle die folgenden Entrümpelungsregeln auf:

  • Regel Nr. 1: es wird nichts entsorgt, wenn ich nicht da bin.
  • Regel Nr. 2: wir streben an, pro Tag 1-5 Dinge zu entsorgen (insbesondere zu spenden).
  • Regel Nr. 3: es wird nur noch das Nötigste angeschafft.
  • Regel Nr. 4: vom 1. Januar 2015 an wird ein dreimonatiger Kaufstopp für alles, was nicht lebenswichtig ist, verhängt.

Heimlich denke ich ‚Wie gut, dass ich gerade heute die neue Teekanne bestellt und auch bereits bezahlt habe…‘ Denn selbstverständlich besitzen wir bereits eine – nein zwei … nein noch mehr Teekannen. Am 1. Januar wäre die schöne Kanne unter das verhängte Kaufembargo gefallen.

Anatol sieht mich scharf an – ihm muss etwas aufgefallen sein. Da ich aber seinen Geschmack für schöne Gegenstände kenne, weiss ich, dass er mir die Teekanne nicht vorhalten wird.

Unsere nächste Amtshandlung wird sein, mehrere große Kartons zu beschaffen. Die Entrümpelung kann beginnen.

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