168. Kapitel – Zwei Luchse aus Strasbourg gerettet!

Gestern hat Anatol es auf Facebook gelesen – die beiden Strasbourger Luchse, Charlie und Catrina, die seit zwölf Jahren ein trauriges Dasein in einem kleinen Beton-Freigehege im Zoo der Orangerie fristeten, sind FREI: Zwei Luchse gerettet!

Wir sind überglücklich, denn seit Langem sehen wir unsere beiden Freunde in einer für sie gar nicht artgerechten Umgebung auf kahlem Steinboden vegetieren.

Nun sind sie vorerst zur Eingewöhnung auf 500m2 Natur untergebracht. Später sollen die beiden im Bärenpark in das 1,3 Hektar große Waldgebiet entlassen werden.

Vorher muss Charlie aber etwas abnehmen. Er hat sich mit seinen 30 Kilo etwas Übergewicht angefuttert.

Anatol, Elie, Pelle der Luchs und ich wünschen den beiden Pinselohren alles Gute in ihrer neuen Heimat im Schwarzwald!

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162. Kapitel – Fahrradtour im Achertal

Unsere wunderschöne Fahrradtour im Murgtal letzte Woche war viel zu schnell vorübergegangen. Im Nu war der Tag dahingeflogen. Anatol hatte daher vorgeschlagen, nicht bis zum nächsten Jahr zu warten, sondern noch in diesem Sommer zu einer weiteren Tour aufzubrechen. Dem war nichts entgegenzusetzen – und so hatten wir einen zweiten Fahrradausflug geplant und vorbereitet.

Schon am Vorabend der Radtour hatte Anatol auf der gepackten Fahrradtasche gesessen und wäre am liebsten in der Nacht schon losgefahren. Irgendwann war der Saurier jedoch völlig übermüdet wie ein reifer Apfel vom Baum von seinem Taschensitz heruntergefallen – ich hatte ihn in sein Nestchen setzen und selbst auch endlich schlafen gehen können.

Früh klingelt der Wecker. Der Morgen unserer Achertal-Tour ist gekommen! Schon um 5 Uhr 20 sind Anatol und ich auf, um den Zug in Kehl rechtzeitig zu erreichen. Heute geht es sehr frühzeitig los, um auch nicht eine Minute des großen Tages zu verpassen.

Um kurz nach 8 sind wir Kehl, wenig später in Appenweier. Dass wir noch sehr müde sind, sieht man uns an.

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Als wir in Achern mit unserer Freundin T. zusammentreffen, verkriecht sich Anatol in den Rucksack und schläft augenblicklich ein. Er schafft es noch, zu murmeln „Weckt mich auf, wenn es was zu Sehen gibt!“, dann druselt er ein. Dem Saurier fehlen mindestens 5 Stunden Schlaf.

Da seit dem Frühstück mehrere Stunden verstrichen sind, kehren wir als erstes in einem Café ein und nehmen Laugencroissant und Kaffee zu uns. Eine große Tour kann man nur gestärkt antreten!

Danach brechen wir auf – in Richtung Sasbach/Ottersweier/Sasbachwalden. Der Saurier ist unterdessen erwacht und studiert die Fahrradkarte. Er meldet Zweifel an, ob wir es denn bis nach Sasbachwalden schaffen könnten. Dennoch fahren wir fröhlich pfeifend los – der Weg ist das Ziel!

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Unser erster Stopp ist der Querfeldein-Hofladen in Ottersweier. Hier ersteht Anatol eine Erdbeer-Stachelbeer-Marmelade und mehrere milde Chilis. Diese bekommt der Saurier sonst nur schwer.

Die freundliche Dame vom Querfeldein-Hof sieht es als ausgeschlossen an, dass wir es bis Sasbachwalden schaffen. „Jesses, des is glei bei de Hornisgrinde!“ ruft sie entsetzt aus. „Do gehts steil hoch!“ Sie schüttelt den Kopf, als sie in unsere jetzt schon hochroten Gesichter blickt.

Wir entscheiden, dass wir heute keine sportlichen Höchstleistungen bringen müssen und disponieren kurzerhand um. Der Verlauf der Tour wird leicht korrigiert und soll nun  über Oberachern bis nach Kappelrodeck führen, wo wir das weltberühmte Café Zuckerbergschloss ansteuern wollen.

„Fahren Sie am Kloster Erlenbad vorbei!“ ruft uns die Dame vom Querfeldein-Hof nach. „Das können Sie nicht verfehlen!“

Nach mehreren unangenehmen Steigungen, die wir aber problemlos meistern, fahren wir durch Obsthaine und Streuobstwiesen. Wie aus dem Nichts kommt eine schlanke, ganz nackte Katze auf uns zu. Eine Art Sphynx – was tut sie hier? Bevor ich noch herausfinden kann, ob das Tier sich wohl inmitten der Natur verlaufen hat, ist die grazile Gestalt schon wieder im tiefen Gras verschwunden. Meine Rufe verhallen ungehört. Das Tier scheint zumindest von uns keine Hilfe zu erwarten. Vermutlich genießt es gerade nur den Freigang in den Streuobstwiesen.

Wir fahren weiter. Bald ist es 13 Uhr – und Zeit für unser Picknick!

Nun erreichen wir Kloster Erlenbad. Hier bietet sich ein wunderbares Picknick-Plätzchen im Schatten, welches der Saurier sofort für uns reklamiert. „Hier bleiben wir!“ befiehlt er. Jede Widerrede verbietet sich.

Während wir entkräftet und müde auf der Bank sitzen und unsere schmerzenden Glieder strecken, packt der Saurier das Picknick aus und tischt wahre Köstlichkeiten auf.

Hungrig stürzen wir uns auf die Leckereien. Der Saurier sorgt dafür, dass alles gut erreichbar ist und wir ohne große Verrenkungen ganz bequem an die Delikatessen kommen. Fast könnte man unseren Picknickplatz als das Schlaraffenland bezeichnen!

Ein hässliches „Plopp“ reisst uns aus der bukolischen Stimmung. Die Käsedose mitsamt Inhalt ist dem Saurier bei einer ungeschickten Bewegung – natürlich mit der falschen Seite – in den Schotter unter der Parkbank gefallen. Der von Laub, kleinen Kieselsteinen und Erde überzogene Käse sieht nun nicht mehr ganz so appetitlich aus wie vorher. Anatol steigen Tränen in die Augen.

Bevor der Saurier in Verzweiflungsgeheul ausbrechen kann, klaube ich den Käse vom Boden auf und schaffe es, bevor er mir zwischen den Fingern zerfließt, ihn vom Schotter und Laub zu befreien. Den notdürftig gereinigten Rest kann ich in die Dose zurückbefördern.

In Windeseile findet sich eine Armee von Ameisen ein, die auf dem Waldboden verbliebenen Brotkrümel und Käsereste unter Aufbietung aller Kräfte in ihren Ameisenbau transportieren.

Als wir eine Stunde später aufbrechen, sind wir gestärkt und ausgeruht.

Immer weiter in den Wald führt uns unser Weg. Bald ist der Wald so dicht, dass wir kaum noch den Pfad vor uns sehen. Wurzeln und Dickicht überdecken den Weg.

Als wir unschlüssig unsere Karte studieren, kommen zwei Wanderer mit ihrem Hund auf uns zu. Als wir sie nach dem Weg nach Kappelrodeck fragen, schütteln sie den Kopf. „Dahin kommen Sie auf diesem Weg auf keinen Fall.“

Nach kurzer Beratung schlagen uns die freundlichen Wanderer vor, uns durch den Wald zu führen, um dann auf den Waldweg nach Kappelrodeck zu gelangen.

Der Weg durch den Wald ist kühl und schattig. Der Tannenduft ist köstlich. Etwa eine Viertelstunde durchwandern wir den dichten Wald. Dann können wir bergab rollen – gen Kappelrodeck!

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Nach einer anstrengenden Strecke unter der gleißenden Sonne erreichen wir schließlich Kappelrodeck.

Nun gibt es für uns nur noch ein Ziel: das Café Zuckerbergschloß! Dort kommen wir nach einer letzten Steigung, die wir schiebend bewältigen, an.

Fast erscheint es uns, als hätten wir das Paradies erreicht.

Erschöpft lassen wir uns auf der herrlich schattigen Terrasse an einem Tisch nieder. Anatol will ein Eis – am liebsten einen Rieseneisbecher! Ich bestelle einen Erdbeerbecher: Vanilleeis mit Erdbeeren. Dieser erscheint mir eher zu bewältigen als ein Rieseneisbecher.

Ein Herr mittleren Alters sitzt allein an einem anderen Tisch und scheint – von unserer Freundin unbemerkt – nur Augen für uns zu haben. Unbeirrbar fixiert und – so scheint es mir – taxiert er uns.

„Was will der Kerl !?“ zetert Anatol, dem der vermeintliche Lüstling nicht entgangen ist. „Ruhe jetzt !“ schimpfe ich den Saurier an. Satyr oder nicht – ich will uns nicht noch dem Gelächter der anderen Gäste aussetzen, sollte der Butler in einem Anfall falsch verstandener Ritterlichkeit den Wüstling in seine Schranken verweisen wollen.

In diesem Moment wird unser Eisbecher serviert. Nun gibt es bei Anatol kein Halten mehr – er springt mit einem Satz aus dem Rucksack heraus und brüllt: „Das ist meiner!“

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Das konsternierte Aufstöhnen des Glotzers ist bis an unseren Tisch zu vernehmen. Der mutmaßliche Lüstling hat offenbar schlagartig verstanden, dass sein Ansinnen hoffnungslos ist. Er wirft etwas Kleingeld auf den Tisch, steht auf und geht.

Schmatzend feixt der Saurier: „Den wären wir los!“

Erleichtert lehne ich mich in meinen Sessel zurück. Ganz unbehelligt können wir nun Eis und Kuchen genießen!

Zwei Stunden verbringen wir auf der schattigen Terrasse, plaudernd beim Plätschern des Springbrunnens und dem Rauschen des uns umgebenden Waldes.

Als wir aufbrechen, nehmen wir uns fest vor, wiederzukommen.

Den Weg bis Achern legen wir ohne Schwierigkeiten zurück. Müde und glücklich erreichen wir den Bahnhof von Achern, wo zuerst T. auf mein Anraten in unseren Zug einsteigt, was glücklicherweise noch rechtzeitig bemerkt wird. Nachdem Anatol und ich im richtigen Zug sind und nicht T. im falschen, beginnt die Rückfahrt.

Bei unserer Ankunft in Kehl ist es schon fast dunkel.

Um 21 Uhr sind wir zu Hause.

Sicher werden wir schon bald wieder zu einer Tour aufbrechen. Der Herbst bietet bestimmt noch schöne Fahrrad-Tage!

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159. Kapitel – Die Tour de Murg

Was vorher geschah, findet Ihr hier !

Als ich am Bahnhof in Kehl ankomme, ist es kurz nach 9. Ich kaufe unser Baden-Württemberg-Ticket, mit welchem Fahrrad, Dinosaurier und ich innerhalb des Ortenaukreises den ganzen Tag mit der Bahn fahren dürfen. Dann setze ich mich ins Bahnhofs-Café und würde am liebsten einschlafen.

Nun rumort es im Rucksack. Der Saurier erwacht – und will sofort einen Espresso. Diesen bekommt er. Immerhin kann ich so das zu erwartende Genörgel im Keim ersticken.

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Ich trinke indessen einen Ristretto mit viel Zucker. Mit etwas Glück verhilft mir das zu neuen Kräften. Allerdings bin ich wirklich sehr müde. Ich wäre am Vorabend besser beizeiten ins Bett gegangen!

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Wir steigen in den Zug nach Offenburg und ergattern sogar eine Art Sitzplatz. Ab Offenburg ist es noch komfortabler. Das Rad steht im Fahrradabteil, Anatol und ich können ganz bequem auf richtigen Sesseln sitzen. Hier schaffe ich es, ein paarmal die Augen zu schließen. Der Saurier überwacht währenddessen die Strecke.

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Eine Durchsage unterbricht mein Dösen. „Reisende nach Freudenstadt, bitte verlassen Sie den letzten Waggon. Ich wiederhole: bitte verlassen Sie den letzten Waggon. Dieser wird abgekoppelt und fährt weiter nach Hornberg“.

Ich stöhne. Wir müssen unseren wunderbaren Sitzplatz verlassen und in den jetzt schon überfüllten Wagen vor uns einsteigen – besser: versuchen einzusteigen, denn ob dort noch Platz ist für ein weiteres Fahrrad, ist ganz unklar …

Als der Zug hält, schaffe ich es, den Wagen zu verlassen und das Fahrrad in eine winzige Lücke in Waggon 1 zu quetschen. Einen „Sitzplatz“ finden wir nur auf einem kleinen Treppchen. Dies ist suboptimal – aber immerhin sind wir im Zug. Um 11 Uhr 17 werden wir in Freudenstadt ankommen, daran kann kein Zweifel bestehen.

Nach einer etwas holprigen Reise treffen wir tatsächlich fast planmäßig in Freudenstadt ein. Treffpunkt mit unserer Freundin und Fahrradkumpanin T. ist der Marktplatz. Um diesen zu erreichen, haben wir eine steil ansteigende Strecke von etwa einem Kilometer vor uns.

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Kurze Zeit später sind wir am Treffpunkt – am Marktplatz Freudenstadt unter der Venusstatue. Nach einem gemeinsamen Eiscafé sind wir gestärkt und können unsere Tour antreten. Ich lasse mir nur zu gern erklären, dass diese vorwiegend „abwärts“ führt. Zu sportlichen Höchstleistungen bin ich heute nicht fähig.

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Wir fahren nun durch die herrliche Gegend ins Tal. Der Saurier sitzt im Rucksack, immer die Nase im Wind: so entgeht seinen scharfen Stegosaurier-Augen keine Einzelheit.

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Unten im Tal fließt die Murg – durch die Bäume hindurch sieht man das glitzernde Wasser und die großen, glattgeschliffenen Steine, zwischen denen der Fluss sich ins Tal ergießt.

Nach zwei Stunden, während derer wir vorwiegend bergab gerollt sind, stellt sich Hunger ein. Der Saurier, der nicht einmal in die Pedale tritt, verlangt lautstark sein Picknick:

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Zum Glück bekommen wir auch etwas davon ab!

Ein Bild sagt mehr als viele Worte:

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Unter diesem alten Obstbaum machen wir etwas später Rast und genießen die herrliche Aussicht.

Viel zu schnell sind wir in Gernsbach angelangt. Hier wartet der Höhepunkt des Tages auf Anatol.

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Es ist ein Glück, dass der Saurier meist nach drei Happen so satt von der mächtigen Schwarzwälder-Kirschtorte ist, dass mir gnädigerweise der „Rest“ zufällt.

Und schon neigt sich unsere Tour ihrem Ende zu… die schönen Dinge vergehen immer zu schnell. Wieder ist es Zeit, sich zu verabschieden …

Um 19 Uhr stehe ich in Rastatt auf dem Bahnhof, einen wohlig schnurchelnden Anatol im Rucksack und eine hier nicht gültige Ortenaukreis-Fahrkarte in der Hand. Wieviel muss ich nachlösen? Wo kann ich nachlösen? Der Automat gibt hierzu keine Auskunft, und menschliche Bahnbedienstete sind nicht mehr zugegen.

Meine zukünftigen Mitreisenden auf dem Gleis sind sämtlich fremdsprachige Mitbürger, die mir freundlich zulächeln, aber meine Frage natürlich nicht beantworten können.

Mit einem mulmigen Gefühl, dafür ohne Fahrkarte steige ich in den Zug. Das Fahrradabteil ist voller Kinderwägen, ich muss daher auf ein nicht für Fahrräder zugelassenes Abteil ausweichen. Da ich bereits ohne Fahrkarte bin, ist dies nun auch egal, sage ich mir beklommen.

Kurz vor Baden-Baden sehe ich einen Schaffner sich einen Weg durch das Kinderwagendickicht im Radabteil bahnen. Zu diesem wühle ich mich meinerseits hin, um ihn darauf aufmerksam zu machen, dass ich zwar kein Billet habe, aber gewillt bin, sofort eines zu kaufen.

Der Schaffner winkt ab und ruft durch das Stimmengewirr, ich solle da bleiben, wo ich sei, er würde mir die Fahrkarte dort verkaufen.

Wenig später kann ich ihm klarmachen, dass ich keine gemeine Schwarzfahrerin bin, sondern nur nicht weiss, wie weit mein bereits gelöstes Ticket reicht. Dies weiss jedoch der Schaffner – es reicht bis Achern – und so erstehe ich für 4 Euro 10 den noch notwendigen Fahrschein.

Wir sind indessen in Baden-Baden eingetroffen, aber der Zug steht wie angeklebt im Bahnhof. Offenbar werden Anschlüsse erwartet. Ein recht armselig aussehender Mann steigt ein und überschüttet den Schaffner mit einem Wortschwall im ortsansässigen Dialekt. Nach einem für mich unverständlichen Dialog steigt der Mann wieder aus.

„Umsonsch mitfarre wolle de! Jesses Gott, nei wo simme!“

Ich bin froh, dass das geballte Regelwerk der Deutschen Bahn nicht auf meinen Fall angewendet wird – stehe ich doch mitsamt meinem Fahrrad in einem Abteil, das nicht für Fahrräder zugelassen ist.

Ein pingelig sauber gekleideter Herr mit weissem Hemd und Anzugshose sowie Stahlhelm betritt das Abteil und wendet sich wutschnaubend an den Schaffner.

„Sie sind sich bewusst, dass dieses Fahrrad hier nichts zu suchen hat?“ Er zeigt wütend auf mein Victoria Fahrrad.

Der Schaffner brummt. Ich sehe den Herrn so freundlich an, wie einem das bei einem wutentbrannten Stahlhelmträger nur möglich ist und rechtfertige mich mit sanfter Stimme: „Im Fahrradabteil vorn bin ich nicht reingekommen … leider!“

„Genau!“ brüllt der Stahlhelm zornbebend. Mir fällt erst jetzt auf, dass es sich um einen Fahrradhelm handelt. „Ich auch nicht! Alles voll mit Kinderwägen und undisziplinierten Leuten! Die gehören dort nicht hin! Ich schwöre Ihnen – wenn Sie als Deutsche Bahn die Leute nicht entfernen, dann werfe ich sie eigenhändig raus!“ Hier schnappt dem Herrn vor Erzürnung die Stimme über.

Der Schaffner macht den ungehaltenen Fahrgast darauf aufmerksam, dass er keineswegs die Deutsche Bahn vertrete, sondern von dieser nur „ausgeliehen“ sei. Wie dies arbeitsrechtlich zu beurteilen sei, mag ich mir nicht vorstellen. Ich vermute, der gute Schaffner drückt damit aus, dass er nicht gut genug bezahlt sei, um derlei Ärgernisse auf sich zu nehmen.

Indessen wird unser Stahlhelmträger immer wütender. Ich ziehe mich vorsichtig aus der Diskussion heraus, in die ich unfreiwillig geraten bin – offenbar ist es dem Schaffner aber ganz lieb, dass ich mit meinem Fahrrad zwischen ihm und dem Wüterich stehe.

Letzterer schafft es, den Schaffner dazu zu bringen, mit ihm in das Fahrradabteil zu gehen. Hier weist der Schaffner die Reisenden darauf hin, dass es sich um ein Fahrradabteil handele … was diese geduldig anhören.

Dann geschieht – nichts.

Zeternd läuft unser Stahlhelm durch den Waggon und verschwindet unter lautem Schimpfen in den Tiefen des Zuges.

Fassungslos sehen die anderen Reisenden mich an. Ich zucke mit den Schultern. „Die Hitze…?“ versuche ich ein Erklärung. Ausnahmsweise hatte ich mit dem Wutausbruch sogar nichts zu tun … Anatol flüstert durch den Rucksack: „War wohl besser, dass ich nicht rausgekommen bin, oder?“

Zwei mitleidige Mitreisende helfen mir schließlich, das Rad in die obere Etage zu tragen – dies ist streng verboten – aber so kann ich für den Rest der Reise sitzen.

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Zurück in Kehl – die restlichen Kilometer bis nach Hause fährt das Fahrrad fast von allein.

Als Elie uns gegen 21 Uhr heulend die Tür aufmacht, schlägt uns der altbekannte Geruch entgegen.

Elie war auf seiner Demo gewesen, aber Anna hatte nur Augen für Angelo gehabt. Könnte Elies politisches Engagement möglicherweise doch nicht allein von humanitären Gesichtspunkten motiviert sein? Die Frage erscheint berechtigt, ich stelle sie indessen nicht.

Anatol ist nicht gewillt, den Gestank weiter zu ertragen. „Ich räum alles aus. Wenn ich die Quelle nicht finde, ziehe ich aus!“

Ich gehe in die Dusche und überlasse Anatol seiner Küche. Das Rauschen der Dusche übertönt bald das Sauriergezeter und das Möbelrücken.

Als ich aus der Dusche steige, ertönt ein markerschütternder Schrei aus der Küche. Der Schrei verstummt, dann folgt ein zweiter – lauter, verzweifelter und durchdringender. Ich wickele mir notdürftig ein Handtuch um und stürze in die Küche.

Dort präsentiert der Saurier mir das Grauen.

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Der Kondenswasserablaufbehälter an der Rückseite des Kühlschranks ist zweifelsohne die Quelle des Übels.

Als ich nähertrete und den Inhalt des Behälters sehe – leider auch rieche – dreht sich mein Magen um und ich würge unwillkürlich.Es erscheint, als wäre etwas oder jemand in dem Behälter erst gestorben, verfault, dann aber, wenn auch in anderer Form, wieder lebendig geworden.

„Mach das weg, Anatol!“ schaffe ich noch zu rufen. Vom Ekel überwältigt renne ich aus der Küche.

Der Saurier hat eine Wäscheklammer auf der Nase und reicht mir ebenfalls eine.

„Ich kann das unmöglich heute abend noch beseitigen. Wir müssen uns bis morgen gedulden.“ Und dann, als habe er meinen Gedanken erraten: „Die Katzen habe ich durchgezählt. Sind vollzählig. Was auch immer das ist in dem Behälter – es ist keine Katze.“

Das Ergebnis unserer Radtour lässt sich indessen sehen:

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