159. Kapitel – Die Tour de Murg

Was vorher geschah, findet Ihr hier !

Als ich am Bahnhof in Kehl ankomme, ist es kurz nach 9. Ich kaufe unser Baden-Württemberg-Ticket, mit welchem Fahrrad, Dinosaurier und ich innerhalb des Ortenaukreises den ganzen Tag mit der Bahn fahren dürfen. Dann setze ich mich ins Bahnhofs-Café und würde am liebsten einschlafen.

Nun rumort es im Rucksack. Der Saurier erwacht – und will sofort einen Espresso. Diesen bekommt er. Immerhin kann ich so das zu erwartende Genörgel im Keim ersticken.

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Ich trinke indessen einen Ristretto mit viel Zucker. Mit etwas Glück verhilft mir das zu neuen Kräften. Allerdings bin ich wirklich sehr müde. Ich wäre am Vorabend besser beizeiten ins Bett gegangen!

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Wir steigen in den Zug nach Offenburg und ergattern sogar eine Art Sitzplatz. Ab Offenburg ist es noch komfortabler. Das Rad steht im Fahrradabteil, Anatol und ich können ganz bequem auf richtigen Sesseln sitzen. Hier schaffe ich es, ein paarmal die Augen zu schließen. Der Saurier überwacht währenddessen die Strecke.

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Eine Durchsage unterbricht mein Dösen. „Reisende nach Freudenstadt, bitte verlassen Sie den letzten Waggon. Ich wiederhole: bitte verlassen Sie den letzten Waggon. Dieser wird abgekoppelt und fährt weiter nach Hornberg“.

Ich stöhne. Wir müssen unseren wunderbaren Sitzplatz verlassen und in den jetzt schon überfüllten Wagen vor uns einsteigen – besser: versuchen einzusteigen, denn ob dort noch Platz ist für ein weiteres Fahrrad, ist ganz unklar …

Als der Zug hält, schaffe ich es, den Wagen zu verlassen und das Fahrrad in eine winzige Lücke in Waggon 1 zu quetschen. Einen „Sitzplatz“ finden wir nur auf einem kleinen Treppchen. Dies ist suboptimal – aber immerhin sind wir im Zug. Um 11 Uhr 17 werden wir in Freudenstadt ankommen, daran kann kein Zweifel bestehen.

Nach einer etwas holprigen Reise treffen wir tatsächlich fast planmäßig in Freudenstadt ein. Treffpunkt mit unserer Freundin und Fahrradkumpanin T. ist der Marktplatz. Um diesen zu erreichen, haben wir eine steil ansteigende Strecke von etwa einem Kilometer vor uns.

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Kurze Zeit später sind wir am Treffpunkt – am Marktplatz Freudenstadt unter der Venusstatue. Nach einem gemeinsamen Eiscafé sind wir gestärkt und können unsere Tour antreten. Ich lasse mir nur zu gern erklären, dass diese vorwiegend „abwärts“ führt. Zu sportlichen Höchstleistungen bin ich heute nicht fähig.

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Wir fahren nun durch die herrliche Gegend ins Tal. Der Saurier sitzt im Rucksack, immer die Nase im Wind: so entgeht seinen scharfen Stegosaurier-Augen keine Einzelheit.

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Unten im Tal fließt die Murg – durch die Bäume hindurch sieht man das glitzernde Wasser und die großen, glattgeschliffenen Steine, zwischen denen der Fluss sich ins Tal ergießt.

Nach zwei Stunden, während derer wir vorwiegend bergab gerollt sind, stellt sich Hunger ein. Der Saurier, der nicht einmal in die Pedale tritt, verlangt lautstark sein Picknick:

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Zum Glück bekommen wir auch etwas davon ab!

Ein Bild sagt mehr als viele Worte:

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Unter diesem alten Obstbaum machen wir etwas später Rast und genießen die herrliche Aussicht.

Viel zu schnell sind wir in Gernsbach angelangt. Hier wartet der Höhepunkt des Tages auf Anatol.

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Es ist ein Glück, dass der Saurier meist nach drei Happen so satt von der mächtigen Schwarzwälder-Kirschtorte ist, dass mir gnädigerweise der „Rest“ zufällt.

Und schon neigt sich unsere Tour ihrem Ende zu… die schönen Dinge vergehen immer zu schnell. Wieder ist es Zeit, sich zu verabschieden …

Um 19 Uhr stehe ich in Rastatt auf dem Bahnhof, einen wohlig schnurchelnden Anatol im Rucksack und eine hier nicht gültige Ortenaukreis-Fahrkarte in der Hand. Wieviel muss ich nachlösen? Wo kann ich nachlösen? Der Automat gibt hierzu keine Auskunft, und menschliche Bahnbedienstete sind nicht mehr zugegen.

Meine zukünftigen Mitreisenden auf dem Gleis sind sämtlich fremdsprachige Mitbürger, die mir freundlich zulächeln, aber meine Frage natürlich nicht beantworten können.

Mit einem mulmigen Gefühl, dafür ohne Fahrkarte steige ich in den Zug. Das Fahrradabteil ist voller Kinderwägen, ich muss daher auf ein nicht für Fahrräder zugelassenes Abteil ausweichen. Da ich bereits ohne Fahrkarte bin, ist dies nun auch egal, sage ich mir beklommen.

Kurz vor Baden-Baden sehe ich einen Schaffner sich einen Weg durch das Kinderwagendickicht im Radabteil bahnen. Zu diesem wühle ich mich meinerseits hin, um ihn darauf aufmerksam zu machen, dass ich zwar kein Billet habe, aber gewillt bin, sofort eines zu kaufen.

Der Schaffner winkt ab und ruft durch das Stimmengewirr, ich solle da bleiben, wo ich sei, er würde mir die Fahrkarte dort verkaufen.

Wenig später kann ich ihm klarmachen, dass ich keine gemeine Schwarzfahrerin bin, sondern nur nicht weiss, wie weit mein bereits gelöstes Ticket reicht. Dies weiss jedoch der Schaffner – es reicht bis Achern – und so erstehe ich für 4 Euro 10 den noch notwendigen Fahrschein.

Wir sind indessen in Baden-Baden eingetroffen, aber der Zug steht wie angeklebt im Bahnhof. Offenbar werden Anschlüsse erwartet. Ein recht armselig aussehender Mann steigt ein und überschüttet den Schaffner mit einem Wortschwall im ortsansässigen Dialekt. Nach einem für mich unverständlichen Dialog steigt der Mann wieder aus.

„Umsonsch mitfarre wolle de! Jesses Gott, nei wo simme!“

Ich bin froh, dass das geballte Regelwerk der Deutschen Bahn nicht auf meinen Fall angewendet wird – stehe ich doch mitsamt meinem Fahrrad in einem Abteil, das nicht für Fahrräder zugelassen ist.

Ein pingelig sauber gekleideter Herr mit weissem Hemd und Anzugshose sowie Stahlhelm betritt das Abteil und wendet sich wutschnaubend an den Schaffner.

„Sie sind sich bewusst, dass dieses Fahrrad hier nichts zu suchen hat?“ Er zeigt wütend auf mein Victoria Fahrrad.

Der Schaffner brummt. Ich sehe den Herrn so freundlich an, wie einem das bei einem wutentbrannten Stahlhelmträger nur möglich ist und rechtfertige mich mit sanfter Stimme: „Im Fahrradabteil vorn bin ich nicht reingekommen … leider!“

„Genau!“ brüllt der Stahlhelm zornbebend. Mir fällt erst jetzt auf, dass es sich um einen Fahrradhelm handelt. „Ich auch nicht! Alles voll mit Kinderwägen und undisziplinierten Leuten! Die gehören dort nicht hin! Ich schwöre Ihnen – wenn Sie als Deutsche Bahn die Leute nicht entfernen, dann werfe ich sie eigenhändig raus!“ Hier schnappt dem Herrn vor Erzürnung die Stimme über.

Der Schaffner macht den ungehaltenen Fahrgast darauf aufmerksam, dass er keineswegs die Deutsche Bahn vertrete, sondern von dieser nur „ausgeliehen“ sei. Wie dies arbeitsrechtlich zu beurteilen sei, mag ich mir nicht vorstellen. Ich vermute, der gute Schaffner drückt damit aus, dass er nicht gut genug bezahlt sei, um derlei Ärgernisse auf sich zu nehmen.

Indessen wird unser Stahlhelmträger immer wütender. Ich ziehe mich vorsichtig aus der Diskussion heraus, in die ich unfreiwillig geraten bin – offenbar ist es dem Schaffner aber ganz lieb, dass ich mit meinem Fahrrad zwischen ihm und dem Wüterich stehe.

Letzterer schafft es, den Schaffner dazu zu bringen, mit ihm in das Fahrradabteil zu gehen. Hier weist der Schaffner die Reisenden darauf hin, dass es sich um ein Fahrradabteil handele … was diese geduldig anhören.

Dann geschieht – nichts.

Zeternd läuft unser Stahlhelm durch den Waggon und verschwindet unter lautem Schimpfen in den Tiefen des Zuges.

Fassungslos sehen die anderen Reisenden mich an. Ich zucke mit den Schultern. „Die Hitze…?“ versuche ich ein Erklärung. Ausnahmsweise hatte ich mit dem Wutausbruch sogar nichts zu tun … Anatol flüstert durch den Rucksack: „War wohl besser, dass ich nicht rausgekommen bin, oder?“

Zwei mitleidige Mitreisende helfen mir schließlich, das Rad in die obere Etage zu tragen – dies ist streng verboten – aber so kann ich für den Rest der Reise sitzen.

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Zurück in Kehl – die restlichen Kilometer bis nach Hause fährt das Fahrrad fast von allein.

Als Elie uns gegen 21 Uhr heulend die Tür aufmacht, schlägt uns der altbekannte Geruch entgegen.

Elie war auf seiner Demo gewesen, aber Anna hatte nur Augen für Angelo gehabt. Könnte Elies politisches Engagement möglicherweise doch nicht allein von humanitären Gesichtspunkten motiviert sein? Die Frage erscheint berechtigt, ich stelle sie indessen nicht.

Anatol ist nicht gewillt, den Gestank weiter zu ertragen. „Ich räum alles aus. Wenn ich die Quelle nicht finde, ziehe ich aus!“

Ich gehe in die Dusche und überlasse Anatol seiner Küche. Das Rauschen der Dusche übertönt bald das Sauriergezeter und das Möbelrücken.

Als ich aus der Dusche steige, ertönt ein markerschütternder Schrei aus der Küche. Der Schrei verstummt, dann folgt ein zweiter – lauter, verzweifelter und durchdringender. Ich wickele mir notdürftig ein Handtuch um und stürze in die Küche.

Dort präsentiert der Saurier mir das Grauen.

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Der Kondenswasserablaufbehälter an der Rückseite des Kühlschranks ist zweifelsohne die Quelle des Übels.

Als ich nähertrete und den Inhalt des Behälters sehe – leider auch rieche – dreht sich mein Magen um und ich würge unwillkürlich.Es erscheint, als wäre etwas oder jemand in dem Behälter erst gestorben, verfault, dann aber, wenn auch in anderer Form, wieder lebendig geworden.

„Mach das weg, Anatol!“ schaffe ich noch zu rufen. Vom Ekel überwältigt renne ich aus der Küche.

Der Saurier hat eine Wäscheklammer auf der Nase und reicht mir ebenfalls eine.

„Ich kann das unmöglich heute abend noch beseitigen. Wir müssen uns bis morgen gedulden.“ Und dann, als habe er meinen Gedanken erraten: „Die Katzen habe ich durchgezählt. Sind vollzählig. Was auch immer das ist in dem Behälter – es ist keine Katze.“

Das Ergebnis unserer Radtour lässt sich indessen sehen:

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