63. Kapitel – With a little help from my … Omi !

Es ist kurz nach eins. Anatol hat das Mittagessen bald fertig, während ich noch an meiner Novelle schreibe, mit der ich endlich ein gutes Stück weitergekommen bin.

„Anatol, ist Elie denn noch nicht zu Hause?“ rufe ich in die Küche. Dort ertönt ein Klappern, irgendetwas muss dem Butler heruntergefallen sein.

„Was erschrickst Du mich so! Fast hätte ich mich beim Kartoffeln-Abgießen verbrüht. Nein, Elie ist noch nicht da. Komisch – die Schule war doch heute nach der 5. Stunde aus, nicht?“

Das ist richtig. Elie hätte eigentlich um zwanzig vor eins hier sein müssen. Ich beginne, mir Sorgen zu machen. „Anatol, kannst Du gucken, wo Elie steckt? Den Schulweg abgehen oder so? Ich würde gern noch etwas weiterschreiben.“

„Unmöglich. Ich bin noch nicht mit dem Essen fertig – gerade erst fange ich mit der Soße für den Nachtisch an. Ich kann jetzt nicht weg. Sonst gibt es heute Mittag kein Essen.“

Seufzend stehe ich auf. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als mich selbst aufs Rad zu schwingen und nach Elie zu suchen.

Schnell fahre ich den Hainholzweg hinunter, über den Friedländerweg in Richtung Cheltenhampark. Dort, direkt am Parkeingang, steht Elies Roller – das Handarbeits-Täschchen am Lenker baumelnd.
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Wo ist Elie?

Ich höre ein leises Wimmern. Zwei Schritte weiter finde ich den Dinosaurier, unter einem Baum sitzend – in Tränen aufgelöst.IMG_2577

„Was ist denn passiert? Anatol und ich haben uns Sorgen gemacht! Hat Dich jemand geärgert?“

„Nein!“ heult Elie. „Es ist die Spinne!“ Auf meinen entgeisterten Bick hin fängt Elie an, sein Missgeschick zu erzählen. Er sei um halb eins aus der Schule gekommen. Mit seinem Roller sei er durch den Park gefahren und am Kornelkirschenbaum vorbeigekommen. Dort habe er den Roller kurz abgestellt und ein paar Kornelkirschen gepflückt. Als er dann mit dem Roller habe weiterfahren wollen, sei ihm eine Spinne aufgefallen, die heimtückisch sich vom Lenker direkt in sein Handarbeits-Täschchen abgeseilt habe und dann in den Tiefen des Täschchens verschwunden sei.

Elie hat panische Angst vor Spinnen. Es sei ihm unmöglich gewesen, den Roller mit dem am Lenker hängenden Täschchen und der mutmaßlich sich darin befindenden Spinne zu berühren und nach Hause zu fahren. Er habe sich daher in sicherer Entfernung hingesetzt, die Tasche im Auge behalten, und darauf gewartet, dass die Spinne wieder aus der Tasche herausklettere. So warte er seit einer halben Stunde.

Ich muss mich ebenfalls setzen. „Elie, Du weisst, dass Dir die hiesigen Spinnen überhaupt nichts tun können? Es gibt keinen Grund, vor ihnen Angst zu haben. Sie sind im Gegenteil sogar sehr nützliche Tiere, denn sie halten uns die Mücken vom Leib!“

Dann frage ich vorsichtig: „Wie groß ist diese Spinne überhaupt, die jetzt angeblich in Deinem Handarbeits-Täschchen sitzt?“

„Sie ist gigantisch!“ schreit Elie und zeigt mit seinen Tatzen eine etwa 2 mm große „Riesenspinne“ an.

„Ich werde die Spinne jetzt aus Deinem Täschchen herausholen, ok?“ sage ich, nehme das Täschchen vom Lenker und öffne es. Eine Spinne sehe ich nicht. Ich entnehme der Tasche das Nadelkissen, die Wollknäuel, Stricknadeln und Häkelhaken … aber keine Spinne.

„Elie, hier ist keine Spinne drin. Kann es sein, dass sich die Spinne gar nicht in das Täschchen hinuntergehangelt hat? Sondern dass sie sich brav bis auf den Boden abgeseilt hat und dann ihres Wegs gekrabbelt ist?“

„Nein nein, das kann nicht sein“ weint Elie. „Sie muss da drin sein, bestimmt! Hol sie bloß raus aus dem Täschchen! Ich kann die Sachen jetzt gar nicht mehr anfassen vor Angst – und das Schlimmste ist, dass ich bis übermorgen eine Nadelarbeit machen muss – Fräulein Evers will sie am Mittwoch haben! Die wird auch benotet!“ Elie ist verzweifelt.

„Elie, das ist verrückt. In deinem Täschchen ist KEINE Spinne. Es gibt deshalb auch keinen Grund, das Täschchen und die ganzen Sachen nicht mehr anzufassen. Wir fahren jetzt nach Hause, dann gibt es Essen und heute Nachmittag fängst Du an, diese Nadelarbeit vorzubereiten. Wenn Du Fräulein Evers erzählst, dass Du die Hausarbeit nicht gemacht hast, weil angeblich eine Spinne in Dein Handarbeits-Täschchen gekrochen ist, wird sie bestimmt noch wütender auf Dich als sie es sowieso schon ist.“

Elie ist in „Textil- und Handarbeiten“ leider mit Abstand der schlechteste Schüler der Klasse, was aber nicht daran liegt, dass er unbegabt ist. Nein: Elie weigert sich beharrlich, die von der Lehrerin vorgegebenen Themen zu beachten.

Wenn er ein Wandbild aus Stoff besticken soll, fertigt Elie lieber eine Umhängetasche an. Begründung: „Wandbilder sind doof! Umhängetaschen sind toll.“ Wenn ein Webstoff hergestellt werden soll, baut Elie aus den Webschiffchen Pfeil und Bogen und schießt damit auf Fräulein Evers. Den kleinen Schulwebrahmen funktioniert er zu einem Saiteninstrument um und zupft darauf herum. Im Kunstunterricht, den ebenfalls Fräulein Evers gibt, malt Elie, was ihm gerade einfällt – nicht aber die von der Lehrerin festgelegten Motive. Dem Panther, der in einem Dschungelbild auftauchen soll, gesellt er ein Pantherbaby hinzu („Es ist kein Panther, sondern eine Pantherin, und das hier ist ihr Pantherbaby!“). Auf den Befehl, das Pantherbaby mit Deckweiss zu übermalen, da es nicht ins Sujet gehöre, antwortet Elie mit Wutgeheul. Das Pantherbaby bleibt – Elie kassiert dafür eine 5. Er hat sein Pantherbaby gerettet – nur das zählt.

Die anderen Schüler, allen voran der smarte Angelo, schütteln den Kopf. Doch Elie bleibt ein rebellischer Geist. Fräulein Evers gesteht zwar zu, dass Elie durchaus kreative Ideen habe. Diese würden jedoch ihren Unterricht sprengen. Elie hat daher in Kunst und Handarbeiten eine 6.

Es wird nun Zeit, diese Note zumindest in eine 5, besser noch in eine 4 zu verwandeln – das gibt sogar Elie zu. Aus diesem Grund will er auch die Textil-Hausarbeit richtig gut machen.

Wie dem auch sei – eine weitere eingehende Untersuchung der Handarbeitstasche fördert keine Spinne zu Tage. Widerstrebend nimmt Elie endlich seinen Roller und wir können nach Hause fahren, wo Anatol mit einer leckeren Kartoffelsuppe auf uns wartet. Zum Nachtisch gibt es Apfelstrudel mit Vanille-Soße!

Nach dem Mittagsschlaf lasse ich mir von Elie die besagte Nadelarbeit, die Fräulein Evers ihm aufgegeben hat, zeigen. Elie soll aus Stoffresten ein Nadelbuch nähen. Im Grunde eine schöne Aufgabe, denn es soll ein nützlicher Gegenstand hergestellt werden. Nur wie soll Elie das schaffen? Er ist mit Nadel und Faden völlig überfordert. Schon will er wieder in Tränen ausbrechen. Ich selbst bin ebenfalls ratlos.

Hier mischt Anatol sich ein. „Das wäre ein klarer Fall für Omi. Sie würde das perfekte Nadelbuch nähen!“

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Es stimmt. Ich erinnere mich: meine Omi war mir bei derlei Aufgaben immer eine große Hilfe gewesen. Sie hatte mir die Handarbeiten aber nicht abgenommen, sondern hatte mir gezeigt, wie man näht und mit welchen Tricks eine Nadelarbeit richtig gut wird. Die eine oder andere Naht hatte sie mir aber auch einfach genäht. Omi war großartig. Leider hatte ich das Handarbeiten später ganz aufgegeben und die von Omi erlernten Dinge wieder vergessen.

Elie weiss nicht, dass wir Omi nicht mehr um Rat fragen können. Hoffnungsvoll meint er „Dann rufen wir Omi doch einfach gleich an!“ Anatol erklärt Elie, dass das leider nicht mehr möglich ist, und erntet Verzweiflungsgeheul.

Ich spreche ein Machtwort: die Handarbeit wird für heute eingestellt. Morgen sei immer noch genügend Zeit, um das Nadelbuch anzufertigen. Heute habe Elie ausreichend Aufregung erlebt, und schließlich seien auch noch die Rechen- und Sachkundehausaufgaben zu bewältigen. Das Nadelbuch müssen nun warten.

Ich nehme die Stoffreste und die anderen Nähsachen von Elie an mich, lege sie in mein Nähkästchen zu den Handarbeitsutensilien, die Omi mir zum Teil noch geschenkt hatte, und schließe das Kästchen in den Schrank ein.

Dann überlege ich fieberhaft, was zu tun ist. Eins ist klar: weder Anatol noch ich geschweige denn Elie sind in der Lage, das geforderte Nadelbuch zu nähen.

Der Dienstag verstreicht, ohne dass wir an das Nadelbuch denken. Am Dienstag Abend fällt Elie siedendheiss ein, dass die Handarbeit noch nicht fertig, ja nicht einmal begonnen ist. Was nun? Die Arbeit muss morgen in der Schule abgegeben werden!

IMG_2582Ich lasse mir das Nähkästchen von Elie bringen. Wir müssen nun improvisieren. Anatol guckt mir gespannt über die Schulter – wie werden wir wohl aus ein paar Stoffresten ein regelrechtes Nadelbuch zaubern? Irgendeine Notlösung muss uns nun einfallen, daran führt kein Weg vorbei.

Elie stellt das Nähkästchen auf den Tisch und öffnet es.

Und da – oh Wunder! – ein prachtvolles, aus den Stoffresten zusammengenähtes und wunderschön besticktes Nadelbuch liegt ganz obenauf im Nähkästchen. Elie ist sprachlos – ebenso wie Anatol und ich.IMG_2583

Ich nehme das Nadelbuch aus dem Kästchen heraus. In das Buch sind schon die Nadeln und auch meine Handarbeitsschere – die, die Omi mir damals geschenkt hatte, und die mich mein ganzes Leben lang begleiten soll – eingesteckt.

IMG_2585Elie steht der Mund offen. Anatol sieht mich ungläubig an und flüstert atemlos: „Meinst Du, Omi  ist gekommen und hat das für Elie genäht? Nur wie …?“

Ich kann ebenfalls nicht erklären, was hier passiert sein mag.

IMG_2587Elie wird mit dem hübschen Nadelbuch seine erste Eins in Handarbeiten bekommen. Die Note ist nicht verdient, da Elie das Büchlein nicht selbst genäht hat. Elie ist aber so glücklich über das Nadelbuch, dass er sich ins Handarbeiten regelrecht hineinstürzen wird. Er wird später einer der besten Schüler von Fräulein Evers werden, sehr zum Erstaunen letzterer.

Ich werde Elie nicht verraten, dass ich am Dienstag Vormittag zu Annas Eltern ins Schneideratelier gegangen war und dort die missliche Lage erklärt hatte. Annas Eltern waren glücklicherweise sehr verständnisvoll gewesen und hatten ein wunderschönes Nadelbuch für Elie genäht – so wie Omi mir damals auch bei meinem Nadelbuch geholfen hatte.

Ob Fräulein Evers die Hausarbeit Elie nur auferlegt hat, um ihm die Chance zu geben, mit etwas „Nachhilfe“ zumindest eine  ordentliche Arbeit vorweisen zu können und so im Zeugnis der 3. Klasse in Handarbeiten keine 6, sondern eine 5 zu bekommen, wird jedoch niemand von uns je erfahren.

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 Von links nach rechts: Onkel Lothar, Judith, Omi – und ich,

am 19. August 1980.

 

 

62. Kapitel – Kirschenstieltee

Leider ist mir die große Hitze der vergangenen Woche nicht besonders gut bekommen. Schwindel, ein nur noch unzulänglich funktionierendes Durchblutungssytem und stark geschwollene Beine hatten mich sogar mit dem Gedanken spielen lassen, zum Arzt zu gehen.

Anatol hatte das mit dem Hinweis darauf unterbunden, dass Fridolin vollkommen überlastet sei und keine weiteren Patienten aufnehmen könne. Meine Beschwerden seien „zu 100% hausgemacht“ hatte er – fast schon unverschämt! – behauptet. Es brauche keinen Arzt, um so etwas zu behandeln.

„Du bewegst Dich überhaupt nicht. Den ganzen Tag sitzt Du bei der Arbeit vor dem Computer! Mittags, wenn ich nicht aufpassen kann, ziehst Du Dir Pommes rein, die so salzig sind, dass kein Mensch es aushalten kann. Das habe ich zum Glück von Fridolin erfahren, der Beziehungen zu Deinen Kollegen hat – sonst hätte ich das ja niemals mitbekommen! Du trinkst – wenn überhaupt – höchstens 3-4 Glas Wasser am Tag. Abends salzt Du Dir alles nach, was ich gekocht habe – obwohl schon Salz dran ist! Es ist ein Wunder, dass es Dir nicht viel schlechter geht.“

Ich wehre mich gegen diese Anschuldigungen – halbherzig, das muss ich sagen. Leider hat Anatol mit dem, was er sagt, nicht ganz Unrecht. Ich habe tatsächlich zu wenig Bewegung, und etwas zu viel Salz esse ich auch. Nur warum soll das so schlimm sein? Ungesalzen schmeckt doch einfach nichts!

Anatol knurrt wütend. „Es geht nicht darum, ganz salzfrei zu essen. Ich hoffe, dass Du das niemals musst – salzloses Essen schmeckt nämlich wie Pappmachée! Wenn ich koche, kommt etwas Salz ins Essen. Aber von heute an wird nichts mehr nachgesalzen! Damit ist es vorbei: den Salzstreuer schließe ich jetzt weg.“

Ich schlucke. In der Tat habe ich bemerkt, dass der Salzkonsum in den letzten Monaten stark angestiegen war. Ich hatte das auf die Saurier geschoben. Nun sieht es so aus, als ob ich allein das ganze Salz vertilgt haben soll … ich kann es fast nicht glauben.

„Und wie sehen Deine Empfehlungen aus, Anatol?“ Ich habe das Gefühl, dass der Butler nun mit einer ganzen Reihe von Maßnahmen aufwarten wird – und da irre ich nicht.

IMG_2552„Für heute Abend habe ich einen griechischen Salat vorbereitet. Da ich weiss, dass Du ihn sonst nicht isst, habe ich – ausnahmsweise! – ein wenig Feta hineingetan. Der Salat ist also nur vegetarisch, nicht vegan. Das bleibt eine Ausnahme. Salz ist gar keines dran – der Feta ist salzig genug. Überhaupt wird es in Zukunft viel öfter Salat geben. Rohkost ist sehr gesund, besonders für Dich!“

Ich freue mich. Griechischen Salat habe ich seit Jahren nicht mehr gegessen. Anatol hat in der Küche schon alles fertig vorbereitet: Gurke, Paprika, Tomate, Oliven und den Feta. Ein wenig Oregano und Thymian werden noch über den Salat gestreut, Olivenöl darüber – fertig ist der deliziöse griechische Salat.

IMG_2560Da viele Oliven übrig geblieben sind, legt Anatol sie ein. Zuerst übergießt er die Oliven mit Olivenöl, dann gibt er 3 kleine Chilischoten dazu, herbes de Provence und viel gehackten Knoblauch. In ein bis zwei Tagen werden wir sie genießen können!

Wenn meine Behandlung dergestalt aussehen soll, dass ich so feine Salate und Oliven mit Knoblauch essen soll, will ich mich gar nicht dagegen sträuben!

IMG_2556Anatol serviert den Salat. Er ist jedoch noch nicht fertig mit mir.

„Ab jetzt achte ich noch mehr darauf, dass Du Dich gesund verhältst. Daher verordne ich – in Absprache mit Fridolin – Folgendes:

Morgens gibt es in Zukunft Kneipp-Bäder. Das sind Wechselduschen – und zwar vor allem kalte! So warm wie es im Moment ist, kann es Dir nur gut tun.

Zudem habe ich einen ganz speziellen Sud für Dich zubereitet, gegen die Wasseransammlungen in den Beinen. Er besteht aus einem Aufguss von Kirschenstielen, Eschenblättern und Hagebutten. Dieser ist genau auf Dich abgestimmt und sollte schnell helfen.Wenn es damit nicht besser wird, will Fridolin Dich doch sehen. Aber ich bin sicher, dass Deine Beschwerden sehr schnell nachlassen werden, wenn Du Dich an all das hältst, was ich gerade gesagt habe.“

IMG_2557Ich bin sprachlos. Im Moment weiss ich nicht, ob ich wütend oder erfreut reagieren soll. Anatol nimmt mir die Entscheidung ab, indem er mir seinen Kirschstielsud, der interessanterweise transparent wie Wasser ist, kredenzt: Etwas Widerlicheres habe ich noch nie getrunken!

Fast will ich dem Butler das Glas an den Kopf werfen.

Anatol bemerkt trocken, dass dieser Sud nicht schmecken, sondern helfen soll – und ab jetzt werde es jeden Tag einen Liter davon zu trinken geben.

Ich will das Biest gerade packen und ihm seinerseits den Sud eintrichtern – da hat es sich schon ganz nach oben auf den Schrank gerettet und tönt „Du wirst mir noch dankbar sein!“ – ich resigniere.

Länger als 2 Wochen werde ich diesen widerwärtigen Sud allerdings nicht trinken!

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61. Kapitel – Im Glutofen der Sonne

Anatol ist seit 4 Uhr morgens wach. Er hat alle Fenster aufgerissen und für Durchzug gesorgt. Leider ist die Luft draußen auf der Straße kaum kühler als hier in der Wohnung.

Heute soll der heisseste Tag des Jahres werden. Es sind 38°C angekündigt.

Anatol wedelt mit dem Thermometer herum. „Die ganze Nacht über hatten wir hier in der Wohnung 28°C. Das ist sehr, sehr warm. Wir müssen viel trinken, und vor allem dafür sorgen, dass auch die Katzen ausreichend Flüssigkeit zu sich nehmen.“

Katzen sind leider sehr schlechte Trinker, was ihnen nicht gut tut.

IMG_1537Elie hingegen freut sich über die Hitze. „Ich ziehe nachher meinen Chèche über, und gehe zu Lilian! Der hat ein ganz tolles Planschebecken, ein richtiges aus blauem Eisen, nicht nur so ein Gummibecken zum Aufblasen! Dort spielen wir ‚Lawrence of Arabia‘ !“

Richtig. Das Planschebecken. Ich erinnere mich: auch wir hatten, als wir Kinder waren, ein solches Planschebecken. Es wurde nur zu ganz seltenen Anlässen aufgepustet – dies erledigte mein Vater, der jedesmal danach vor Atemnot fast in Ohnmacht fiel, denn wir hatten keine Pumpe! – und dann mit etwa 10 cm Wasser befüllt. Wasser war schließlich teuer und man musste sparen. Ich denke aber auch, dass meine Eltern Angst hatten, dass in dem Becken etwas passieren könnte, wenn zuviel Wasser darin war.

Deshalb war das Planschebecken zwar jedesmal ein riesiges Fest, aber mehr als die Füße baden konnte man darin nicht wirklich.

Als wir noch in Leichlingen wohnten, hatten Nachbarn auch so ein Becken wie Lilian. Es war auch blau und musste nicht aufgeblasen werden, da es aus Metall war. Allerdings durften wir dort nur unter strenger Aufsicht planschen, denn das Becken war gut 40 cm tief. Ich war damals erst 2 oder 3 Jahre alt. Dementsprechen verschwommen sind meine Erinnerungen an dieses gigantische blaue Becken.

Anatol reisst mich aus meinen Gedanken. „Elie, Lilian wollte doch heute mit seinen Eltern zur Großmutter nach Meppen fahren. Das wird also nichts mit dem Planschbecken. Lilian ist heute nicht da.“

Fataler hätte die Wirkung nicht sein können. Elie bricht in verzweifeltes Wutgeheul aus. „Ich WILL aber heute ins Planschbecken! Dann müssen wir eben ins Freibad gehen!!“

Es ist nicht mal 7 Uhr, wir haben 30°C, die Katzenklos quellen über und ein Saurier dreht durch: Ich ertappe mich bei dem Wunsch, ebenfalls vor Wut zu heulen. Vor allem: bei 38°C gehe ich nicht in ein Freibad. Allein die Vorstellung von den Menschenmassen im Wasser lässt mich erschauern – vom Geräuschpegel einmal ganz abgesehen. Elie weiss das – um so größer ist seine Verzweiflung.

Glücklicherweise hat Anatol eine rettende Idee. „Wir könnten auf dem Balkon ein Planschbecken aufbauen. Vielleicht kann ich sogar ein Sonnensegel aufziehen. Dann haben wir etwas Schatten.“

Schlagartig verstummt das Geheul. Anatols Idee war gut. Elie beruhigt sich – zumindest vorübergehend. Ich spreche jedoch ein Machtwort. „Ihr beiden macht Euch jetzt bitte fertig. Währenddessen kümmere ich mich um die Katzen und putze die Küche. Danach gehe ich in die Dusche und Ihr bereitet bitte das Frühstück vor. Und wenn wir dann gefrühstückt haben, dann überlegen wir, wie wir das Planschbecken auf dem Balkon einrichten. Erst wird gefrühstückt – keine Widerrede!“

Die Butler sind mit diesem Ablauf glücklicherweise einverstanden.

Kurze Zeit später sind die Katzen gefüttert, die Küche ist geputzt und wir haben gefrühstückt.

Anatol fällt ein, dass der eine Trinkbrunnen von Keramik im Hof nicht in Betrieb ist. Den könnte man als Planschbecken einsetzen.

Meinen Regenschirm werde er zur Markise umfunktionieren, kündigt Anatol an, während ich die Trinkbrunnenschale abspüle und mit Wasser fülle. Elie holt indessen das Tüchlein von der „Sendung mit der Maus“ aus dem Badezimmer. Das sei ein prima Badehandtuch, findet er.

Bald ist alles aufgebaut. Die Saurier planschen fröhlich in dem Trinkbrunnen und spritzen sich gegenseitig naß. Jauchzen und Plätschern dringen vom Balkon in die Wohnung.

IMG_2499„Gibt es auch Eis?“ ruft Elie.

Nein, Eis gibt es nicht. Ich stelle aber in Aussicht, dass wir möglicherweise später am Nachmittag zur Eisdiele gehen und jedem eine Kugel Eis kaufen – wenn es bis dahin etwas kühler geworden ist.

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60. Kapitel – Ein ganz gewöhnlicher Samstag

Es ist 5 Uhr 20. Ein sonniger Sommermorgen bricht an. Schon bald soll sich die Stadt in einen Glutofen verwandeln – für 9 Uhr sind bereits 30°C angekündigt.

Anatol hat daher angeordnet, dass bis spätestens 7 Uhr gelüftet wird, dann alle Fenster geschlosssen und die Rolläden bis auf einen kleinen Spalt heruntergelassen werden. So halte man in südlichen Ländern das Haus innen schön kühl. Heute sei es notwendig, auch so zu verfahren.

Vorerst ist es in der Wohnung noch kühl. Die Katzen streichen um mich herum – offenbar hat man großen Appetit und will sofort frühstücken.

Mein heutiger Samstag soll recht entspannt werden. Nach der üblichen Wohnungsputzprozedur und dem Einkauf auf dem Markt steht ein Besuch bei Fridolin an – ich habe heute einen Termin zur Akupunktur. Dann bin ich bei einer Freudin eingeladen und später soll es in der Trattoria Pasta geben. Am Nachmittag habe ich einen Friseurtermin, und danach muss ich noch einmal kurz nach Kehl, um eine Bestellung abzuholen. Zwischen den jeweiligen Terminen liegt viel Zeit – heute soll es vor allem keinen Stress geben.

Anatol gefällt mein Programm. Er verkündet, er komme heute mit in die Stadt.

Elie hingegen möchte lieber zu Hause bleiben, er wird sich nämlich zum Mittagessen mit Lilian treffen. Ein Einkaufsbummel in der Stadt – nein, danach sei ihm gar nicht zumute, schon gar nicht bei einer solchen Hitze.

Anatol sitzt bereits in meiner Handtasche – ich fahre los.

Im Wartezimmer meines Hausarztes treffen wir Fridolin. Er hat einiges mit Anatol zu bereden, während ich meine Akupunktur-Séance habe. Was auch immer die beiden zu besprechen haben – ich soll es offenbar nicht erfahren; etwas Angenehmes scheint es eher nicht zu sein. Wie ich schon länger vermute, stimmt irgendetwas mit Fridolin nicht. Möglicherweise kann ich nachher etwas darüber aus Anatol herauskitzeln.

Kaum dass wir die Praxis verlassen haben, versucht Anatol unauffällig, mich wieder in den Levi’s Store zu lotsen – darauf hatte ich mich allerdings eingestellt. Heute wird es ihm aber nicht gelingen. Schließlich soll es nun keine Klamotten mehr geben – oder nur so wenig wie möglich.

IMG_2494 Wir fahren auf dem schnellsten Weg zu Isabelle, wo ein wunderbarer Jasmintee auf uns wartet.

Anatol und ich dürfen es uns auf dem Balkon gemütlich machen und die dort im Schatten noch angenehm frische Luft genießen. Wir fühlen uns so wohl, dass wir eigentlich gar nicht mehr weg wollen.Anatol bei Isabelle

Isabelle gießt uns einen Tee nach dem anderen ein und bietet uns herrliche Datteln und Feigen aus Marokko an.

Eigentlich sind wir hier im Schlaraffenland angekommen.

Anatol fragt „Müssen wir unbedingt in die Trattoria…? Hier ist es doch viel schöner …!“

In Wirklichkeit möchte der eitle Fatzke aber nur weiter von Isabelle photographiert werden – er hat nämlich gemerkt, dass Isabelle wunderschöne Photos macht. Nun will Anatol natürlich sein eigenes Portrait!

Isabelle tut ihm den Gefallen und schießt ein paar Bilder von Anatol, der sich bemüht, auf den Photos möglichst nicht zu lächeln – das sähe einfältig aus.

 

Anatol bei Isabelle2

Anatol groß

Leider ruft nun schon die nächste Verabredung – wir müssen Isabelle für heute verlassen. Aber wir werden bald wiederkommen!

In der Trattoria ist es unerträglich heiss. Der Pizzaofen arbeitet auf vollen Touren und alle 4 Gasflammen des Herds züngeln wild unter den Pasta-Töpfen hervor. Anatol ächzt. „Mir ist es viel zu warm hier! Können wir nicht zurück zu Isabelle…?“

„Anatol, wir müssen auf die Pasta warten. Gleich ist sie fertig. Wir nehmen sie dann mit zu Saït: in seinem Atelier ist es schön kühl. Da essen wir die Pasta.“

„Pasta, Pasta, Pasta – dieses neumodische Geschwätz geht mir auf die Nerven! Es sind NUDELN, ganz einfach. Warum muss man das heute hochtrabend „Pasta“ nennen?“

Anatol scheint die Sonne tatsächlich etwas zu sehr auf den Kopf geschienen zu haben. Normalerweise ist es nämlich er, der sich dieser Bobo-Terminologie befleißigt. Ich persönlich sage nie „Pasta“ – aber hier sind wir in einer italienischen Trattoria, und dort heisst es eben so. Diese Erklärung scheint Anatol für heute auszureichen, jedenfalls schimpft er nicht weiter. Vermutlich ist es ihm einfach zu heiss.

Kurze Zeit später haben wir unsere Nudeln vor uns auf dem Teller. Anatol erleidet hier weiteres Ungemach: seine „Pasta arrabiata“ ist derart „arrabiata“, dass sich der Saurier in einen feuerspeienden Drachen verwandelt.

Anatols Laune ist auf ihrem Tiefpunkt angelangt.

Einige Gläser Wasser löschen den Brand notdürftig, dann fahre ich mit einem zeternden und schimpfenden Saurier in der Handtasche zu meinem Friseurtermin. Ich schwöre mir, den Butler nie wieder bei einer solchen Hitze in die Stadt mitzunehmen.

Beim Friseur ist es angenehm kühl, und Anatol schläft – dem Himmel sei dank – endlich in meiner Tasche ein.

Nun steht noch unsere letzte Etappe an: die Fahrt nach Kehl. Da ich das Carsharing-Auto mit der Klimaanlage reservieren konnte, gehe ich davon aus, dass diese Fahrt nicht zu weiteren Verwerfungen führen sollte. Ich radle also frohgemut los.

Das Handy klingelt. Anatol schreckt aus seinem Mittagsschlaf hoch – ich hebe ab.

Eine vollkommen aufgewühlte Freundin meldet sich. Katze Edmee geht es sehr schlecht. Edmee kann nicht mehr aufs Katzenklo gehen, sie hat starke Schmerzen und scheint eine Harnblockade zu haben. Dies kann ein unmittelbar lebensbedrohender Zustand sein. Jedenfalls ist so etwas extrem schmerzhaft – es handelt sich um einen tierärztlichen Notfall und bedarf sofortiger Behandlung.

Fieberhaft denke ich nach. Nach Kehl fahre ich nun sowieso. Wenn ich das Auto länger reserviere, haben wir Zeit genug, um Edmee in die Tierklinik zu bringen.

Das Problem: Katze Edmee findet Fahrten zum Tierarzt noch schlimmer als ihre Krankheit und will sich nicht in den Katzenkorb bugsieren lassen. Die Verfrachtung in den Transportkorb kann leider etwas Zeit in Anspruch nehmen – das kenne ich bereits.

Ich drücke Anatol das Handy in die Pfoten. „Bitte reserviere das Auto bis 20 Uhr, Anatol. Dann rufst du bei Edmee an und fragst, ob sie schon im Korb ist – und organisierst den Treffpunkt etc.  Ich trete in die Pedalen und fahre so schnell es geht zum Auto, dabei kann ich nicht telephonieren.“

Vor Aufregung bebend tippt Anatol auf die Handytastatur. Es gelingt ihm, das Auto bis 20 Uhr zu buchen. Danach erfährt er, dass Edmee sogar schon im Kennel ist. Sie ist sehr geschwächt und konnte glücklicherweise überrumpelt werden. Wir können sie also schnellstens abholen.

Eine knappe Stunde später stehen wir mit Edmee vor der Tierklinik. Edmee hyperventiliert – ihr Mäulchen steht sperrangelweit auf. Bei Katzen ist das ein ganz schlechtes Zeichen.

Dementsprechend beklommen sind meine Freundin und ich.

Anatol versucht, Edmee durch gutes Zureden zu beruhigen.

Eine freundliche junge Tierärztin, die ich noch gar nicht kenne, kümmert sich sofort um Edmee. Edmee hat eine Blasenentzündung und braucht dringend Schmerzmittel und Entzündungshemmer. Nach 2 Spritzen beginnt Edmee, sich etwas besser zu fühlen – sie wird ruhiger und scheint deutlich weniger Schmerzen zu haben. Wir werden entlassen, sollen Edmee aber die nächsten Tage isolieren, um sie besser beobachten zu können. Notfalls sollen wir sofort wieder in die Klinik kommen, wenn sich der Zustand nicht bald verbessert.

Bis wir Edmee nach Hause gebracht und in den 5. Stock geschleppt haben, das Auto zurückgegeben haben und uns endlich auf den Heimweg machen können, ist es nach 19 Uhr.

Zuhause warten hungrige Katzen und der abendliche Hausputz auf uns.

Anatol möchte einen solchen Samstagsmarathon nicht noch einmal mitmachen müssen. Er verkriecht sich auf dem schnellsten Weg in sein Sauriernestchen. Der Großputz bleibt mir überlassen.

Ein ganz gewöhnlicher Samstag…

59. Kapitel – Die Straßen von San Francisco

Den ganzen Nachmittag habe ich mich mit einem steuerrechtlichen Problem herumgeärgert – einer seltenen Frage im Bereich der internationalen Koproduktion, gepaart mit einer Betriebsstättenproblematik und Abstechern ins Bilanzrecht. Um 19 Uhr fühle ich mich wie erschlagen, zumal das Problem weiterhin nicht gelöst ist.

Ich packe meine Sachen zusammen und will das Weite suchen, entschließe mich im letzten Moment aber doch, die abscheuliche Akte mit nach Hause zu nehmen. Möglicherweise kann ich sie am Abend doch noch erledigen: Elie und Anatol sind heute nicht zu Hause, und so habe ich etwas Ruhe.

Die beiden Butler sind bei Ante, einem Klassenkameraden von Elie eingeladen. Ante kommt aus Jugoslawien (heute wäre Antes Heimat vermutlich Kroatien); seine Eltern sind Gastarbeiter in einer Göttinger Fabrik. Weder sie noch Ante sprechen richtig Deutsch; leider sind Antes schulische Leistungen daher sehr mäßig. Herr Bock, der Klassenlehrer, hat Ante deshalb neben Elie gesetzt. Elie soll Ante alles erklären, was Ante nicht versteht. Gleichzeitig soll er Ante etwas ruhig halten, denn Ante ist äußerst zappelig. Kein Wunder – wenn man den halben Tag in der Schule stillsitzen muss und dabei nichts vom Unterricht mitbekommt, weil man die Sprache nicht beherrscht, dann kann man schon etwas ungeduldig werden.

Elie hatte vor ein paar Tagen erzählt, dass Antes Mutter in die Schule gekommen sei, um den Lehrer zu sprechen. Ante hatte dabei ein wenig „übersetzt“, und da Elie vorher mit Ante gespielt hatte, hatte er das Gespräch mitbekommen. Herr Bock hatte Antes Mutter nahegelegt, zu Hause mit Ante nur Deutsch zu sprechen, damit Ante es lerne. Elie hatte das zuerst logisch gefunden – dann war ihm aber klargeworden, dass es mit dem „zu Hause nur Deutsch sprechen“ etwas schwierig war, wenn niemand Deutsch konnte.

Zunächst hatte Ante ihm vor allem leid getan, denn er wurde oft wegen seines fehlerhaften Deutsch von den anderen Schülern gehänselt. Elie hatte sich mit ihm angefreundet. Danach hatte Elie aber bemerkt, dass die Freundschaft mit Ante große Vorteile mit sich brachte: Ante war deutlich größer und stärker als Elie. Auf dem Schulhof traute sich niemand mehr, Elie zu ärgern – nicht einmal Angelo. Auch die Hänseleien wegen Antes Deutsch hatten bald aufgehört, denn Ante wusste sich sehr entschlossen zur Wehr zu setzen, wenn es sein musste.

Ante war ein paarmal bei uns zum Mittagessen gewesen, wenn er nicht nach Hause gehen konnte, weil die Eltern und die Geschwister mittags nicht da waren. Ganz besonders die Pfannekuchen mit der Erdbeermarmelade hatten es ihm angetan! Um sich dafür zu revanchieren, hatte er nun Anatol und Elie diesen Freitag Nachmittag und sogar zum Übernachten eingeladen.

Um sicher zu gehen, dass seine Eltern auch damit einverstanden waren, hatte ich vor ein paar Tagen bei Ante angerufen, hatte dort aber nur einen großen Bruder erreicht, der mir versicherte „Eltern arbeiten jetzt. Anatol und Elie sehr willkommen – für Freitag!“ Ich hatte mich sehr  herzlich bedankt, Grüße an die Eltern ausgerichtet und Anatol und Elie eingeschärft, sich ordentlich zu benehmen, von allem zu probieren, was ihnen angeboten wurde und beim Tischdecken und Abwaschen zu helfen.

Anatol und Elie sind heute mittag nach der Schule also nicht nach Hause, sondern zu Ante gegangen.

Etwas spät fällt mir ein, dass ich nicht einmal Antes Adresse habe – aber da mir ja die Telephonnummer vorliegt, denke ich mir nichts weiter dabei.

Ich widme mich nun eingehend meiner steuerrechtlichen Problematik, und vergesse für einige Stunden alles um mich herum.

Das Schrillen des Telephons reisst mich aus meinen Forschungen auf.

Ich hebe ab. Am Telephon ist ein völlig aufgelöster Anatol. Er kann kaum sprechen. „Bitte komm sofort – wir brauchen Hilfe! Ich hab nur noch 10 Pfennig zum Telephonieren! Wir sind mit Ante in der Kneipe im Maschmühlenweg – nebenan ist ein halb abgerissenes Haus, und da ist eine schwerverletzte Katze! Wir müssen sie retten!“

Die Verbindung bricht ab.

Entgeistert sehe ich auf die Uhr. Es ist 22 Uhr durch! Ich habe über meine Akte völlig die Zeit vergessen. Was um Himmels Willen machen drei kleine Dinojungen nach 22 Uhr – mitten in der Nacht ! – in einer Kneipe im Göttinger Maschmühlenweg – der schlimmsten Gegend Göttingens überhaupt? Schließlich glaube ich sie wohlversorgt bei Ante zu Hause – und dort schon lange im Bett!

Und dann die verletzte Katze – die muss natürlich gerettet werden. Mit dem Fahrrad ein unmögliches Unterfangen – ich klingele kurzentschlossen bei den Nachbarn, bei denen noch Licht brennt und bekomme das Auto ausgeliehen. Schnell hole ich den großen Transportkorb aus dem Keller, nehme ein paar Döschen Katzenfutter dazu – und fahre los.

Kurze Zeit später biege ich in den Maschmühlenweg ein – eine verrufene Gegend. Vor der Kneipe sehe ich das Grüppchen stehen: Anatol winkt verzweifelt, Elie versucht, sich hinter Ante zu verstecken. Ich steige wutentbrannt aus dem Auto aus, erkläre den Spitzbuben jedoch zu allererst, dass es nun nicht Zeit für Schimpfe sei – zuerst muss die Katze gerettet werden. Danach hätte ich ein erstes Wort mit allen Beteiligten zu reden.

Ante sieht sehr betroffen aus. Er versucht, mir das Geschehene zu erklären. „Alles nur meine Schuld. Elie und Anatol wussten nicht. Meine Eltern heute arbeiten. Deshalb wir in Kneipe. Leute dort kümmern sich!“

Ich bedeute Ante, dass ich ihm keinen Vorwurf mache. Meinen beiden Butlern hingegen werfe ich einen bösen Blick zu. Sie hätten mich anrufen müssen, als klar war, dass Antes Eltern heute arbeiten mussten. Die drei hätten schließlich auch zu uns kommen können – und nicht allein auf der Straße oder in einer Kneipe herumstromern müssen!

IMG_0416Anatol zeigt mir den Hinterhof, wo die Katze sich angeblich aufhalte. „Die Katze kann nicht richtig laufen! Sie zieht die Hinterbeine hinter sich her und kann nicht damit auftreten – sie fällt immer wieder um!“ Ich vermute Schlimmstes. Das Tier ist offensichtlich schwer verletzt.

Der Hinterhof ist voller Holzreste, Bauschutt und Glasscherben. Das Dachgeschoss des Hinterhauses ist bereits abgerissen – der Rest wird in Kürze folgen. Eine Katze kann hier nicht überleben – schon gar nicht, wenn sie verletzt ist.

Da – ich sehe das Tier. Eine rot-weisse Katze, sicher ein Kater. Ich öffne eine Dose – da versucht das Tier bereits, sich zu nähern. In der Tat kann der Kater die Hinterbeine nicht richtig aufsetzen, er muss auf dem schnellsten Wege zum Tierarzt. Ante sagt „Katz hier in Gefahr. Muss weit weg gebracht werden! Braucht auch Arzt!“ Ante hat alles zusammengefasst.

Wir stellen den Transportkorb in die Nähe des Tieres, etwas Futter ganz weit hinten in den Korb … und setzen uns hinter den Korb, um das Türchen schließen zu können, wenn der Kater drinnen ist.

Nun sehen wir voller Entsetzen, wie der arme Kater sich mit den Vorderpfoten bis zu dem Transportkorb schleppt. Er schafft es, in den Korb hineinzuklettern – verschwindet ganz darin und fängt gierig an, zu fressen. In diesem Augenblick schließe ich geräuschlos das Türchen, breite eine große dunkle Decke über den Korb – und der Kater ist in Sicherheit. Anatol jubelt!

Ante fragt „Kommt Katze jetzt in Tierklinik?“ Ich nicke. Ante sieht erleichtert aus. Er muss sich um das Tier große Sorgen gemacht haben. Elie bekommt von der Fangaktion nichts mit, denn er liegt im Auto meiner Nachbarn und schläft.

Ich setze den Transportkorb mit dem Kater, der nun ordentlich randaliert, in den Kofferraum, wo er nicht umfallen kann. Anatol und Ante lasse ich auf die Rückbank zu Elie, der tief und fest schläft.

Anatol druckst herum. Irgendetwas will er nicht sagen, Ante stubst ihn aber immer wieder an. Ich frage: „Anatol, was gibt es? Da ist doch etwas!“

Anatol gibt verschämt zu, dass sie die Kneipenrechnung noch nicht beglichen haben. Ante habe sein Essen bezahlt, Elie und Anatol hätten nicht genug Geld dabei gehabt. Ob ich das bitte übernehmen könne.

Ich bin außer mir. Eine Kneipenrechnung haben die beiden Butler auch noch produziert! Ich klappe die Autotür zu, befehle Anatol, sich nicht zu entfernen, und betrete die Kneipe.

Ein leutseliger Wirt steht gläserwienernd hinter dem Tresen. Er weiss, für wen ich bezahlen möchte, noch bevor ich etwas sage. „Sie zahlen für die zwei kleinen Dinos“ stellt er fest. Ich bestätige das. „Ok … Ante hat schon bezahlt, er zahlt immer sofort. Für Ihre zwei Kleinen macht das zusammen 10 Mark 45. Was haben sie gekriegt … Bratkartoffeln, Spiegelei, Cola und Salat. Und zum Nachtisch Schokoladeneis.“ Ich zahle und will mich schnell entfernen. Der Wirt fügt hinzu „Schade – Ihre beiden hatten sich wie die Schneekönige auf „Die Straßen von San Francisco“ gefreut. Jetzt konnten sie die Folge gar nicht gucken.“

Ich wähne mich einer Ohnmacht nahe. Auf meinen fassungslosen Blick hin beeilt sich der Wirt, mir die Sachlage zu erklären. „Wissen Sie, wenn die Eltern nachts arbeiten müssen und die Kinder bei uns essen, müssen wir sie irgendwie bei Laune halten. Freitags dürfen sie dann hier „Die Straßen von San Francisco“ gucken. Wenn das zuende ist, sind die Eltern meist von der Arbeit wieder da und nehmen sie mit nach Hause. Ja ich  weiss, dass das sehr spät ist. Aber ich hab die Kleinen lieber hier drinnen vor dem Fernseher als draußen auf der Straße. Und Ihre beiden planen das ja schon lange, hier in die Abendvorstellung zu kommen. Warum kommen Sie nicht auch mal mit?“

Ich bin sprachlos! Die ganze Geschichte scheint von Anatol und Elie (Rädelsführer muss allerdings Anatol sein – da bin ich mir sicher!) seit Wochen eingefädelt. Die beiden dürfen „Die Straßen von San Francisco“ zu Hause nicht sehen, da die Serie erst um 22 Uhr 30 anfängt und zumindest für Elie ganz ungeeignet ist. Er ist dafür viel zu klein. Das hat die beiden jedoch nicht abgehalten, sich hier in der Kneipe einen regelrechten Kinobesuch zu organisieren!

Allerdings kam ihnen der verletzte Kater „in die Quere“ – ich bin froh, dass die beiden Übeltäter ihre Spätvorstellung geopfert haben, um das draußen umherirrende Tier zu retten.

Als erstes bringe ich Ante nach Hause. Sein großer Bruder ist da – so muss ich zumindest kein schlechtes Gewissen haben, Ante allein dazulassen.

IMG_0420Die nächste Fahrt geht in die Tierklinik, wo der Kater – Anatol hat ihn in der Zwischenzeit „Emile“ getauft – in der Obhut der diensthabenden Ärztin gelassen wird.

Der Kater kann nicht auf den Hinterpfoten stehen. Die Ärztin ist besorgt, verspricht aber, alles in ihrer Macht stehende zu tun, um Emile zu helfen.

Emile muss die Nacht in der Tierklinik verbringen.

Es ist nun Mitternacht. Endlich fahren wir nach Hause. Ich stelle das Auto ab, werfe meinen Nachbarn den Autoschlüssel in den Briefkasten und steige müde die Treppe hinauf. Anatol und Elie schlummern in meiner Tasche.

Ich setze sie in ihr Nestchen und falle ins Bett. Morgen ist Samstag, und ich werde genug Zeit haben, den Butlern gehörig die Leviten zu lesen.

Epilog

Ante wird 1978 nach der dritten Klasse die Bonifatiusschule verlassen. Ob seine Familie und er nach Jugoslawien zurückkehren, werde ich nie erfahren. Ich werde Ante nie wiedersehen.  Ich hoffe, dass – wo immer Ante heute sein mag – es ihm dort gut geht.

Emile stellt sich am Morgen nach der Fangaktion als unkastrierter, nicht identifizierter und sehr lieber Kater heraus. Emile ist offensichtlich schwerbehindert, hat aber weder Brüche noch Verletzungen. Trotz gründlichster Untersuchungen – Emile wird sogar eine MRT über sich ergehen lassen – wird die Ursache für seine Behinderung nicht gefunden werden. Emile wird schließlich als Ataxiekater in seine neue Familie vermittelt. Dort lebt er auch heute noch glücklich mit mehreren Katzenkameraden.

Meine Butler werden am Morgen nach ihrer Eskapade eine gehörige verbale Abreibung erfahren.

Ich werde aber erwägen, ihnen möglicherweise in Zukunft doch zu erlauben, „Die Straßen von San Francisco“ zu sehen – wenn auch unter Aufsicht.

58. Kapitel – Erneuerungen: ein Besuch bei Levi’s

Es ist Samstagmorgen – eben komme ich aus der Dusche. Ich freue mich, denn die Sonne scheint und der Tag verspricht, wunderschön zu werden. Gleich nach dem Frühstück steht ein Großeinkauf auf dem Markt an, danach möchte ich eine Freundin in der Stadt besuchen. Da die Butler samstags frei haben, werde ich heute mittag – wie jeden Samstag – mit Freunden in der Trattoria essen.

Schnell will ich in meine Jeans schlüpfen, da geschieht das Unglück. Ein häßliches reissendes Geräusch – die Jeans ist aufgeplatzt. Ich bin bestürzt.

„Anatol!“ rufe ich. „Meine Jeans ist im Eimer! Kannst Du mir bitte die andere bringen, die leichte? Es soll heute recht warm werden. Die kaputte nehme ich mit zu Saït, er kann sie bestimmt reparieren – das hoffe ich wenigstens.“ Saït ist unser Schneider.

Anatol öffnet den Kleiderschrank im Schlafzimmer und wühlt sich durch das Jeans-Fach. Endlich zerrt er die Jeans heraus, die ich heute anziehen möchte. Aber anstatt sie mir zu bringen, schmeisst er die Jeans hinter sich auf das Parkett und fängt an, die gesamten anderen Hosen aus dem Fach zu reissen.

„Sieh Dir das nur mal an!“ zetert er. „Hier haben wir ausgebleichte, formlose Jeans Nr. 1.  Das ist ausgefranste, verbeulte Jeans Nr. 2! Nun kommen verwaschene, unförmige Jeans Nr. 3 bis 6! Und hier – endlich! – kommt Deine einzige anständige Hose, die weder ausgebleicht noch verwaschen noch ohne Form ist. Nur kannst Du sie heute nicht anziehen – sie ist ja viel zu warm! Ich lasse Dich mit dem abgewetzten Krempel nicht mehr auf die Straße. Es sieht schlimm aus! Hast Du Dich mal von hinten gesehen?“

Ich bin sprachlos. Was nimmt dieses Biest sich heraus? Es stimmt allerdings, dass ich meine Jeans-Sammlung schon seit langer Zeit besitze. Ich liebe jedes einzelne Stück davon. Was können meine Jeans denn nur haben – insbesondere „von hinten betrachtet“!?

„Deine Jeans – jedenfalls die für den Sommer! – sind so ausgeleiert, dass sie Falten werfen! Von hinten sieht es unmöglich aus. Du kannst damit nicht mehr zur Arbeit gehen, und eigentlich will ich Dich so nicht mal auf den Markt lassen. Eine Schande ist es!“

Ich glaube, meine Mutter zu hören. Meine Jeans sind doch noch fast neu – ich habe sie vor nicht einmal 10 Jahren gekauft!

Anatol schüttelt den Kopf. „Wir kaufen Dir heute neue Jeans. So geht es nicht mehr weiter!“

Ich wehre dieses Ansinnen sofort ab. Gerade erst hatte ich die Matrosenbluse und die Trägertops gekauft, nun muss es gut sein. Schließlich wollte ich dieses Jahr eigentlich gar keine neuen Klamotten erstehen.

„Anatol, es gibt für mich keine Jeans. Bei Somewhere haben sie nur Karottenhosen. Die kann ich nicht tragen – mit Karottenhosen sehe ich aus wie Rumpelstilzchen. Bei Esprit gibt es die elegante Bootcuthose seit Monaten nicht in meiner Größe – und zudem ist sie viel zu warm für den Sommer. Promod hat nur die ganz ausgebleichten Jeans. Bei Mexx gibt es keine Bootcut-Jeans, und in die von Zara passe ich nicht rein. Tja, das war es dann mit Jeans.“ Diesen Argumenten wird Anatol nichts entgegenzusetzen haben, denke ich.

Weit gefehlt. „Und Du glaubst, dass es nur in diesen Läden Jeans zu kaufen gibt?“ fragt Anatol – eine rhetorische Frage. Er weiss, dass ich nur ungern die mir bekannten Marken wechsle. Insbesondere sind mir teure Designerläden ein Greuel. Dort kaufe ich nichts. Anatol ist das bekannt. Dennoch hat er einen weiteren Pfeil im Köcher, das sehe ich ihm an.

„Wir gehen heute vormittag zu Levi’s. Bei Levi’s haben sie richtig schicke Hosen und perfekte Passformen. Da finden wir was für Dich, womit man Dich auf die Straße lassen kann!“

Ich traue meinen Ohren nicht. Levi’s? Das ist viel zu teuer – und außerdem habe ich gelesen, dass die sogenannten „Markenjeans“ keinen Deut besser seien als die billigen von Promod und Co. Auch sollen sie voller Pestizide sein!

„Das mag alles sein, auch wenn ich es nicht in allen Fällen glaube. Ja – und Pestizide sind in vielen Jeans drin, in den billigen und den teuren. Das nimmt sich nichts. All das ist kein Grund, mit so abgewetzten Jeans rumzulaufen, wie Du es tust! Ob Du willst oder nicht, wir gehen jetzt zu Levi’s.“

Antol springt in meine Handtasche und schweigt. Ich weiss, dass er nicht mehr mit mir sprechen wird, bevor wir nicht in diesem Levi’s-Store waren. Ich finde die Methode des Butlers zwar unverschämt, muss aber zugeben, dass meine letzten Levi’s-Jeans (1993 in Freiburg gekauft und später leider mehreren unerwünschten Kilos zum Opfer gefallen) mir in der Tat bis heute unvergesslich sind. Etwas abschreckend ist bei Levi’s jedoch – und dies ist ein gewichtiges Argument – der Preis.

Der Einkauf auf dem Markt ist schnell erledigt. Ich lasse Anatol seinen Willen und fahre mit ihm in die Stadt, in den besagten Store. Dort angekommen, schärfe ich Anatol allerdings ein, dass er in meiner Tasche zu bleiben hat. Vor den Verkäufern möchte ich mich nicht zum Gespött machen.

Ich mag Jeans-Läden – wieso auch immer. Die meisten Dinge dort stehen mir gar nicht: ich kann weder die gerade geschnittenen Jeans gut tragen noch die allgegenwärtigen Holzfällerhemden – geschweige denn die aktuell wieder in Mode gekommenen „Slim“-Jeans. Es ist einfach nicht mein Stil. Dennoch gefällt mir die Atmosphäre in diesen Läden. Vielleicht, weil es solche Geschäfte in meiner Kindheit nicht gab, und ich sie – wie die große Freiheit – erst in meinem Studium entdeckte? Als Kinder trugen wir keine Jeans. Wir hatten Lederhosen: im Sommer eine kurze, im Winter eine knielange. Meine allererste Jeans erstand ich mit 17 Jahren in „Tuti´s Shop“ in Göttingen – einer Boutique, die Kleidung im Sarah-Kay-Stil anbot…

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In der „Girls“-Abteilung des Levi’s-Ladens fällt mir angenehm auf, dass die anwesenden Kundinnen in etwa so alt sind wie ich bzw. sogar älter. Wenn ich etwas nicht mag, sind das Boutiquen, in denen sowohl Kundschaft als auch Verkaufspersonal 25 Jahre jünger sind als ich. Die heutigen Käufer von Levi’s entstammen aber offenbar sämtlich der großen Zeit der einstmals legendären Marke: den 60er Jahren.

Ein freundlicher Verkäufer fragt, ob er mir behilflich sein könne. Ja, das kann er. Ich weiss genau, was ich will – und hoffe insgeheim, dass es hier nicht zu finden sein wird – nämlich eine Bootcut-Jeans in dunklem Denim, Größe 27/32.

Triumphierend mustere ich den Verkäufer – sicher hat er das Gewünschte nicht da und wir können wieder gehen.

Hier irre ich jedoch. Der junge Mann geht zielsicher auf ein Regal zu, zieht mit einem Griff die beschriebene Jeans – dark denim, Bootcut, 27/32 – heraus und präsentiert sie mir. „Sie können sie dort in der Umkleide anprobieren. Bitte sagen Sie mir dann, ob sie passt – wenn nicht, bringe ich Ihnen sofort eine andere Größe.“ Der Verkäufer bleibt in der Nähe der Umkleidekabinen und hält sich offenbar für den weiteren Verlauf meines Besuchs in der Boutique zu meiner Verfügung.

Ich weiss nicht, wann ich das letzte Mal in einem Klamottenladen so zuvorkommend und individuell bedient worden bin. Mit der Bootcutjeans in der einen und einer vor Aufregung zappelnden Handtasche ziehe ich mich in eine Kabine zurück. Man kann sie sogar von innen verriegeln. Dies tue ich, bevor ich die Handtasche öffne.

IMG_2491Anatol springt aufgeregt wie ein tasmanischer Teufel aus meiner Tasche. „Zeig zeig zeig!“ ruft er. „Pssssst! Anatol, gib Ruhe! Der Verkäufer darf Dich nicht bemerken, auf gar keinen Fall!“ flüstere ich.

Schnell ziehe ich die Jeans über. Sie passt wie angegossen.

Anatol ist außer sich vor Begeisterung. „Siehst Du? Ich habs Dir gesagt! Die Jeans von Levi’s sind super. Sie machen den besten Po!“

Ich bin schockiert. „Anatol, was sind das für Redensarten? So etwas will ich nicht hören!“

IMG_2489Anatol gibt zu, dass er sich den Satz von Benedict, einem Schulkameraden abgehört habe. Von Benedict scheint auch die Begeisterung für Levi’s zu kommen. Ich ersuche Anatol, zumindest Benedicts Ausdrucksweise schnellstens wieder zu vergessen.

Dann verlasse ich die Umkleidekabine, um die Jeans vor dem großen Spiegel zu begutachten. Auch hier kann ich nur bemerken, wie perfekt, wenn auch eng, die Hose sitzt. Der Verkäufer stellt in Aussicht, dass sich die Jeans etwas weiten werde – ich dürfe sie auf keinen Fall zu groß kaufen. Auch weist er mich darauf hin, dass dieses Modell nicht mehr nachgeliefert werde – die nächste Kollektion werde es nicht mehr enthalten.

Ein Fiepen und Kratzen dringt aus meiner Umkleidekabine. Anatol kann offenbar nicht an sich halten und will mir etwas sagen. Der Verkäufer sieht mich verunsichert an. „Hatten Sie denn einen Hund dabei? Den habe ich gar nicht bemerkt…“ bemerkt er fragend. „Nein, das ist mein Handy!“ erwidere ich schnell und verschwinde in der Umkleidekabine.

„Anatol, bei Dir piepts wohl! Der Verkäufer hat Dich gehört – und die anderen Kundinnen sicher auch! Was denkst Du Dir denn nur dabei? Nun muss absolute Ruhe sein!“

IMG_2492Anatol flüstert atemlos „Du hast Doch gehört, was der Mann gesagt hat! Die tolle Jeans ist ein Auslaufmodell! Da musst Du zwei von kaufen. Dann kannst Du sie häufiger wechseln und sie nutzen sich nicht so schnell ab. Sei froh, dass Du endlich eine so gut sitzende Jeans gefunden hast.“

Mich trifft der Schlag. Gleich zwei solcher Jeans soll ich kaufen? Anatol nickt. „Das geht. Ich weiss es. Du solltest es unbedingt tun!“

‚Dieser Saurier wird mich ruinieren‘ denke ich im Stillen. Dennoch probiere ich eine zweite Jeans an – auch sie sitzt perfekt.

Seufzend begebe ich mich zur Kasse – weiss ich doch, dass das Biest keine Ruhe geben wird, bevor ich die Hosen nicht käuflich erworben habe.

An der Kasse steht eine ältere Dame – ebenfalls Kundin – und beglückwünscht mich zu meinem Kauf. Sie selbst kaufe nur noch hier ein – so begeistert sei sie von der Qualität, der bequemen Passform und dem Kundenservice. Sichtlich gebauchpinselt von dieser Gratis-Werbung packt der Verkäufer meine Hosen in eine Papptüte und ermuntert mich, das Geschäft bald wieder zu beehren. Ich halte mich dazu bedeckt, reiche dem Verkäufer verschämt meine Kreditkarte und verlasse schleunig den Laden – erschlagen ob des soeben ausbezahlten Betrages.

Den Butler weise ich an, genaueste Recherchen zu Nachhaltigkeit und sozialem Engagement der Marke anzustellen. Nach dem Kauf ist die natürlich etwas spät.

Der Nachhauseweg beruhigt mich zumindest insoweit, als ich beginne, mich über die schönen Jeans zu freuen.

Im Briefkasten finde ich einen Brief meiner Krankenkasse vor. Mit einem mulmigen Gefühl öffne ich ihn. Derlei Schreiben sind meist kein gutes Zeichen.

Diesmal ist dem aber nicht so. Die Krankenkasse berichtet erfreut, dass sie auf Grund besonders umsichtigen Wirtschaftens einen Betrag an jedes ihrer Mitglieder auszahlen könne.

Der Betrag deckt den Kauf der Levi’s fast vollständig ab. Ich bin sprachlos.

Anatol grinst mich spitzbübisch an. „Ich habe doch gesagt, Du kannst die Hosen kaufen. So etwas darfst Du mir ruhig glauben.“

Misstrauisch beäuge ich das Kuvert. Aber der Brief war ungeöffnet. Wie zum Teufel konnte das Biest das wissen …?

Anatol schweigt sich jedoch hierzu aus.