62. Kapitel – Kirschenstieltee

Leider ist mir die große Hitze der vergangenen Woche nicht besonders gut bekommen. Schwindel, ein nur noch unzulänglich funktionierendes Durchblutungssytem und stark geschwollene Beine hatten mich sogar mit dem Gedanken spielen lassen, zum Arzt zu gehen.

Anatol hatte das mit dem Hinweis darauf unterbunden, dass Fridolin vollkommen überlastet sei und keine weiteren Patienten aufnehmen könne. Meine Beschwerden seien „zu 100% hausgemacht“ hatte er – fast schon unverschämt! – behauptet. Es brauche keinen Arzt, um so etwas zu behandeln.

„Du bewegst Dich überhaupt nicht. Den ganzen Tag sitzt Du bei der Arbeit vor dem Computer! Mittags, wenn ich nicht aufpassen kann, ziehst Du Dir Pommes rein, die so salzig sind, dass kein Mensch es aushalten kann. Das habe ich zum Glück von Fridolin erfahren, der Beziehungen zu Deinen Kollegen hat – sonst hätte ich das ja niemals mitbekommen! Du trinkst – wenn überhaupt – höchstens 3-4 Glas Wasser am Tag. Abends salzt Du Dir alles nach, was ich gekocht habe – obwohl schon Salz dran ist! Es ist ein Wunder, dass es Dir nicht viel schlechter geht.“

Ich wehre mich gegen diese Anschuldigungen – halbherzig, das muss ich sagen. Leider hat Anatol mit dem, was er sagt, nicht ganz Unrecht. Ich habe tatsächlich zu wenig Bewegung, und etwas zu viel Salz esse ich auch. Nur warum soll das so schlimm sein? Ungesalzen schmeckt doch einfach nichts!

Anatol knurrt wütend. „Es geht nicht darum, ganz salzfrei zu essen. Ich hoffe, dass Du das niemals musst – salzloses Essen schmeckt nämlich wie Pappmachée! Wenn ich koche, kommt etwas Salz ins Essen. Aber von heute an wird nichts mehr nachgesalzen! Damit ist es vorbei: den Salzstreuer schließe ich jetzt weg.“

Ich schlucke. In der Tat habe ich bemerkt, dass der Salzkonsum in den letzten Monaten stark angestiegen war. Ich hatte das auf die Saurier geschoben. Nun sieht es so aus, als ob ich allein das ganze Salz vertilgt haben soll … ich kann es fast nicht glauben.

„Und wie sehen Deine Empfehlungen aus, Anatol?“ Ich habe das Gefühl, dass der Butler nun mit einer ganzen Reihe von Maßnahmen aufwarten wird – und da irre ich nicht.

IMG_2552„Für heute Abend habe ich einen griechischen Salat vorbereitet. Da ich weiss, dass Du ihn sonst nicht isst, habe ich – ausnahmsweise! – ein wenig Feta hineingetan. Der Salat ist also nur vegetarisch, nicht vegan. Das bleibt eine Ausnahme. Salz ist gar keines dran – der Feta ist salzig genug. Überhaupt wird es in Zukunft viel öfter Salat geben. Rohkost ist sehr gesund, besonders für Dich!“

Ich freue mich. Griechischen Salat habe ich seit Jahren nicht mehr gegessen. Anatol hat in der Küche schon alles fertig vorbereitet: Gurke, Paprika, Tomate, Oliven und den Feta. Ein wenig Oregano und Thymian werden noch über den Salat gestreut, Olivenöl darüber – fertig ist der deliziöse griechische Salat.

IMG_2560Da viele Oliven übrig geblieben sind, legt Anatol sie ein. Zuerst übergießt er die Oliven mit Olivenöl, dann gibt er 3 kleine Chilischoten dazu, herbes de Provence und viel gehackten Knoblauch. In ein bis zwei Tagen werden wir sie genießen können!

Wenn meine Behandlung dergestalt aussehen soll, dass ich so feine Salate und Oliven mit Knoblauch essen soll, will ich mich gar nicht dagegen sträuben!

IMG_2556Anatol serviert den Salat. Er ist jedoch noch nicht fertig mit mir.

„Ab jetzt achte ich noch mehr darauf, dass Du Dich gesund verhältst. Daher verordne ich – in Absprache mit Fridolin – Folgendes:

Morgens gibt es in Zukunft Kneipp-Bäder. Das sind Wechselduschen – und zwar vor allem kalte! So warm wie es im Moment ist, kann es Dir nur gut tun.

Zudem habe ich einen ganz speziellen Sud für Dich zubereitet, gegen die Wasseransammlungen in den Beinen. Er besteht aus einem Aufguss von Kirschenstielen, Eschenblättern und Hagebutten. Dieser ist genau auf Dich abgestimmt und sollte schnell helfen.Wenn es damit nicht besser wird, will Fridolin Dich doch sehen. Aber ich bin sicher, dass Deine Beschwerden sehr schnell nachlassen werden, wenn Du Dich an all das hältst, was ich gerade gesagt habe.“

IMG_2557Ich bin sprachlos. Im Moment weiss ich nicht, ob ich wütend oder erfreut reagieren soll. Anatol nimmt mir die Entscheidung ab, indem er mir seinen Kirschstielsud, der interessanterweise transparent wie Wasser ist, kredenzt: Etwas Widerlicheres habe ich noch nie getrunken!

Fast will ich dem Butler das Glas an den Kopf werfen.

Anatol bemerkt trocken, dass dieser Sud nicht schmecken, sondern helfen soll – und ab jetzt werde es jeden Tag einen Liter davon zu trinken geben.

Ich will das Biest gerade packen und ihm seinerseits den Sud eintrichtern – da hat es sich schon ganz nach oben auf den Schrank gerettet und tönt „Du wirst mir noch dankbar sein!“ – ich resigniere.

Länger als 2 Wochen werde ich diesen widerwärtigen Sud allerdings nicht trinken!

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