170. Kapitel – Alle Jahre wieder …

Von Weihnachsplätzchen, Postpaketen und Mogelpackungen

Die Adventszeit ist da. Unser Weihnachtsbaumverkäufer hat wie jedes Jahr an der Straßenecke seine Bäume aufgestellt; in den Nachbarswohnungen prangen in Erwartung der fêtes de fin d’année festlich geschmückte Christbäume. Die Plätzchenbäckerei hat begonnen: im Büro dürfen wir jeden Tag neue Leckereien schnabulieren – sehr zum Verdruss der Betriebsärztin, deren mißmutige Waage das stetig anwachsende Gewicht der Mitarbeiter ans Licht bringt. Das Ansinnen der Ärztin, den mittäglichen Nachtisch in der Kantine zu streichen und durch grünen Salat zu ersetzen, konnte indessen – bisher – nicht in die Tat umgesetzt werden, zu stark war der ausnahmsweise geeinte Widerstand von Belegschaft und Direktion.

Weihnachtliche Versuchung findet sich aber auch außerhalb des Büros im ganzen Viertel:  Coop und Bäckerladen sind weihnachtlich dekoriert – schneebepuderte Weihnachtsmänner mit ihren roten Mützen, Schlitten und Rentieren in den Läden mit von Bredele überborden Regalen zeigen: an Weihnachten kommt in der Capitale de Noël niemand vorbei.

Einzig die Kirschbäume, die unsere Straße säumen, sagen uns, dass ihnen Weihnachten vollkommen egal ist: sie stehen seit Anfang Dezember in voller Blüte – Klimawandel oblige

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Wie jedes Jahr stellt sich die Frage: was verschenken wir zu Weihnachten…?

Was wir uns wünschen, ist hingegen schnell gesagt: Nichts. Wir haben alles (und davon noch zu viel) und würden uns eher wünschen, dass man uns diverse Dinge abnimmt … allerdings kann man von niemandem, den man mag, verlangen, zu Weihnachten zum Ausmisten zu kommen. Anatol, Elie und ich behalten diesen Wunsch daher für uns.

Mit meiner Familie ist zum Glück schnell geklärt, dass wir eine Geschenk-Diät einlegen. Geschenke? Gibt es nicht! Nur die Kinder sollen natürlich nicht leer ausgehen; hier hat Anatol schnell ein paar spannende Bücher ausgesucht.

Nachdem also das Geschenkeproblem nachhaltig gelöst ist, reibe ich mir fröhlich die Hände und rufe: „Kein Geschenk-Stress, Anatol! Ist das nicht großartig?“

Der Saurier sieht griesgrämig von seinem Regalbrett auf mich hinunter. „Dein Minimalismus ist ja schön und gut, aber für mich gehören Geschenke zu Weihnachten. Man kann doch die Leute nicht einfach um ihre Weihnachts-Päckchen betrügen! Schließlich hast Du ja auch schon eines bekommen! Mit Deinem Adventskalender! Und denk nur mal an Deine Tante! Der wolltest Du doch schon lange etwas schicken…!“

Verschämt erinnere ich mich an die Freude, die mir der Adventskalender wie jedes Jahr bereitet hatte. Und meine liebe Tante … sicher würde sie sich über eine Kleinigkeit freuen. Nur was soll man schenken …?

Elie hat die zündende Idee: „Warum verschickst Du nicht was von den leckeren Weihnachtsbredele? Die sind absolut minimalistisch und verbrauchen sich wie von selbst im Handumdrehen – wir haben es ja schon ausprobiert! Vielleicht können wir sie sogar selber backen?“

Anatol verwehrt sich gegen die Idee des „Selber Backens“. „Ich habe schon so genug zu tun,“ zetert er.

In Wahrheit hat er Angst, die Bredele könnten missraten und bei den Beschenkten kein hundertprozentiges Wohlgefallen hervorrufen. Daher entscheide ich kurzerhand, dass die Bredele selbst gekauft werden, und zwar bei der Maison alsaciennce de biscuiterie. Dort gibt es nicht nur köstlichste Plätzchen und andere Leckereien – diese werden zudem in praktischen und hübschen Blechbüchsen verpackt, die man später für eigene Kreationen weiterverwenden kann.

Mit Anatol fahre ich in die Biscuiterie – schnell haben wir diverse Keksdosen mit feinstem Inhalt erstanden. Um der Versuchung, gleich selbst davon zu probieren und die Geschenke zu sehr zu dezimieren, nicht zu erliegen, entscheiden wir uns, noch am selben Nachmittag zur Post nach Kehl zu fahren und alle Päckchen dort unverzüglich aufzugeben.

Hierfür brauchen wir indes etwas Verpackungsmaterial: Päckchen oder Kartons habe ich immer im Keller vorrätig.

Hattest Du vorrätig,“ korrigiert mich Anatol. „Du erinnerst Dich: im Zuge Deiner minimalistischen Ausmist-Aktionen musste ich alle Kartons und auch die dicken Umschläge entsorgen. Die sind alle im Papiermüll gelandet. Ich hab ja noch gesagt damals…“

Ich fluche. Es stimmt: ich selbst hatte gegen den erklärten Widerstand des Sauriers angeordnet, alle Verpackungen wegzuwerfen, da meist doch nicht der benötigte Pappkarton in der passenden Größe dabei war, und die Karton-Sammlung viel Platz wegnahm.

Nun müssen also neue Umkartons gekauft werden – gegen einen kleinen Aufpreis bekommt man diese bei der Post. Wir brauchen uns also keine Gedanken um die Verpackung zu machen. Schwer beladen brechen wir in Richtung Kehl auf.

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Im Niemandsland zwischen Strasbourg und Kehl werden wir mit unserer wertvollen Ladung fast weggeweht: es stürmt!

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Alsbald erreichen wir unser Ziel: die Deutsche Post in Kehl. Mit unserem Fahrrad parken wir bequem direkt davor.

Gleich im Eingangsbereich begrüßen uns diverse Geschenk-Pakete zum Auffalten: ich nehme mehrere an mich. Das Beste: im Preis ist das Porto schon enthalten! Wir müssen also nur noch die Geschenke in die Päckchen hineinlegen, das Ganze mit etwas mitgebrachtem Zeitungspapier ausstopfen, alles zukleben, adressieren und bezahlen. Einfacher geht es nicht!

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Anatol ist mir behilflich, und nach kurzer Zeit ist alles verpackt. Nun fällt mir auf, dass ein Geschenk im falschen Paket ist.

Seufzend reisse ich die Päckchen wieder auf und tausche den Inhalt aus. Das eine Päckchen ist etwas größer; hier müssen auch die Adressen ausgetauscht werden, sonst passt es nicht. Anatol überklebt die Adressen einfach mit einem Paketzettel.

Nachdem alles im jeweils richtigen Karton ist, stellen wir uns an der Schlange vor dem Schalter an.

Der freundliche Postmitarbeiter runzelt die Stirn, als er die von uns bearbeiteten und überklebten, portofreien Päckchen einscannen will.

„Ja, so kann ich das nicht annehmen,“ sagt er mit bedauerndem, leicht vorwurfsvollem Ton. „Sie haben das Adressfeld überklebt. Damit ist das Päckchen entwertet.“

Ich sehe ihn verständnislos an. Anatol verkriecht sich derweil tief in meinem Rucksack.

„Das Päckchen braucht jetzt noch Porto,“ erklärt der Mann.

Ich weise ihn entsetzt darauf hin, dass das Porto im – stolzen – Preis des Päckchens bereits enthalten ist!

„Ja, normalerweise.“ Hartnäckig bleibt der Postmann bei seiner Meinung. „Aber durch das Überkleben des Adressfelds wird das Porto hinfällig. Sie müssen es noch einmal bezahlen. Sonst kommt es nicht an. Das steht übrigens auch auf dem Paket.“

Meinen verzweifelten Hinweis, dass ich mit dem Vorhandensein von „Kleingedrucktem“ zur Nutzung eines Pappkartons nicht rechnen konnte, versteht der Mann. Daran, dass ich doppelt Porto zahlen muss, kann er allerdings nichts ändern. Ein Versuch, das überklebte Originaladressfeld freizulegen, scheitert: der Strichcode ist zerfleddert und kann nicht gelesen werden.

In Rage knalle ich das Geld für diese unsägliche Mogelverpackung auf den Tresen und verlasse in überhaupt nicht festlicher Stimmung die Post. Meine Weissglut braucht bis zur Trambrücke, um etwas herunterzukühlen. Von Anatol höre ich bis zu den Rheinfischern gar nichts.

Gewisse minimalistische Tendenzen werden wir überdenken müssen. Die alten Pappkartons werden jedenfalls in Zukunft zumindest bis Weihnachten aufgehoben!

 

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