163. Kapitel – Regentropfen-sonntagsblues

Es ist stockfinstere Nacht, als ein ungewohntes Geräusch mich aus dem Tiefschlaf hochschrecken lässt. Verwirrt sehe ich mich um und versuche einzuordnen, was ich da höre … wie im Dschungel gurrt, piepst und flötet es. Draußen rauscht dichter Regen in die Straßenschluchten.

Wie spät ist es? Schlaftrunken taste ich nach meinem Handy.

Dieses erklärt, heute sei Sonntag, der 18. September, und um nunmehr 5 Uhr 10 sei es Zeit zum Aufstehen. Die Funktion „Schlafenszeit“ habe mich daher wie gewünscht mit angenehmen Vogelzwitschern geweckt.

Stöhnend falle ich zurück auf mein Kopfkissen, während Kater Tonio mich ob der Störung missmutig anblickt. Richtig – die neue Weckfunktion. Hatte ich diese nicht erst für Montag programmiert? Argwöhnisch schiele ich nach dem Butler. Der liegt aber offensichtlich nicht mehr in seinem Nestchen – nun fällt mir auch auf, dass aus Küche und Bad Licht und leise Geräusche dringen. Vielleicht kann ich mich noch ein paar Minuten schlafend stellen?

Ein Klappen und Klicken ertönt, gefolgt von einem lauten Rauschen. Der Butler hat die Waschmaschine angestellt. Was gibt es am Sonntag um Viertel nach 5 zu waschen? Ich stöhne. An Schlaf ist nun nicht mehr zu denken.

Eiligen Schritts betritt der Butler mein Schlafzimmer und klatscht in die Hände. „Aufgewacht!“ ruft das Untier – schon hat es die Bettdecke ergriffen und mir entrissen. „Die kommt gleich als nächstes in die Wäsche!“ kündigt es drohend an. „Raus aus dem Bett!“

Schlotternd vor Kälte – es hat sich offenbar in der Nacht empfindlich abgekühlt – und unter leisem Protest schlurfe ich ins Bad. Dort brennt freundlich die Badezimmerlampe – hier muss ich mich nicht vor Dschungeltieren und einem waschwütigen Saurier fürchten, hoffe ich.

Verstimmt rufe ich dem Butler zu, es müsse doch möglich sein, die große Wäsche innerhalb der Woche zu erledigen – und nicht sonntags um kurz nach 5! Giftig antwortet das Tier, nun offensichtlich in der Küche am Werkeln, in der Woche habe es andere Dinge zu tun – Einkäufe, Gänge zur Post und andere Erledigungen. Diese könne es am Sonntag nicht bewältigen!

Ich enthalte mich einer Antwort. Immerhin stelle ich mit Wohlgefallen fest, dass Anatol sowohl die Katzenklos gesäubert als auch den Katzen bereits zu fressen gegeben hat. Ich gähne, drehe das warme Wasser an und will gerade in die Dusche, da stellt Anatol mir das Radio ins Bad. „Da, damit Du Dich mal informierst, was in der Welt so vorgeht!“ keift er noch, bevor er weiteren Beschäftigungen in der Küche nachgeht.

Gehorsam schalte ich den Deutschlandfunk ein. Geistliche Musik erklingt – aber ich möchte nun lieber Nachrichten oder eine aktuelle Reportage hören. Ich stelle also unsere französische Radiostation France Inter ein, die über die heutige Wahl in Berlin berichtet. Um mich nicht wegen der im Ausland manchmal etwas verzerrt dargestellten deutschen Verhältnisse bereits so früh am Morgen zu ärgern, stelle ich mich schnell unter die warme Dusche, wo sich die Berichterstattung in einen angenehmen Klangteppich verwandelt.

Nach einer mir recht kurz erscheinenden Zeit rieselt erst lauwarmes, dann kühleres und schließlich kaltes Wasser aus der Dusche. Ich stelle das Wasser ab, dann erneut an – es bleibt kalt. Fluchend verlasse ich die Dusche.

„Anatol! Hast Du den Boiler leergeduscht?“ schreie ich, voll verzweifelter Wut. Schließlich habe ich noch Seife im Haar.

Das Untier antwortet umgehend: „Du hattest doch selbst den Boiler umgeschaltet, damit nur noch weniger Wasser erhitzt wird – und die Temperatur hast Du auch runtergedreht.“

Nun fällt es mir wieder ein. Wir hatten kürzlich eine Stromsparfunktion bei dem Boiler eingerichtet – dennoch muss das Saurierbiest heute früh eine geschlagene Stunde unter der Dusche gestanden haben, um das gesamte warme Wasser aufzubrauchen. Ich fluche. So hatte ich mir das Stromsparen nicht vorgestellt!

Ich versuche gerade, meinen Kopf unter dem Wasserhahn am Waschbecken von den Seifenresten zu befreien, als der französische Kommentator ein vermutlich gutes Abschneiden der rechtsextremen Parteien bei der Wahl in Berlin in Aussicht stellt. Meine Laune bewegt sich nun auf ihren Nullpunkt zu – dafür kann der Kommentator nichts. Wütend und mit Seifelauge in den Augen, die höllisch brennt, brülle ich Anatol zu, er solle für heute Abend den Fernseher aus dem Schrank holen und im Wohnzimmer aufbauen. Durch die katzenbedingte Gefährdung des Fernsehgeräts steht letzteres ganzjährig im Schrank und wird nur zu den wichtigsten Gelegenheiten herausgeholt und angeschlossen.

Als ich endlich meinen – nun entseiften – Kopf unter dem Wasserhahn hervorziehen und in ein Handtuch einhüllen kann, sind die französischen Radiomoderatoren beim Zustand der EU angelangt. Ich bin versucht, das Radio auszuschalten – lassen mich doch Berichte über die angeblich in Auflösung begriffene europäische Union regelmäßig in Panik verfallen – da wird ein Beitrag über den Euro angekündigt. Vertrauensselig beginne ich, mich einzucremen und meine Kleider für den heutigen Tag im Geiste zusammenzustellen – nun weiss das Radio zu berichten, dass Wirtschaftspapst Joseph Stiglitz der EU empfiehlt, den Euro am besten ganz abzuschaffen, da er Europa zerstöre.

Ich schlucke… ohne Euro sind Anatol und ich aufgeschmissen! Ich kann mich noch gut an die Zeit vor dem Euro erinnern – jede Woche musste ich Geld umtauschen, um meine Sachen in Deutschland zu kaufen. Es war teuer, zeitaufwendig und erschien im Zeitalter Europas völlig sinnlos. Ich jedenfalls will zu diesen Zuständen nie wieder zurück … Joseph Stiglitz vermutlich auch nicht, aber ihm kann es egal sein: er lebt in Amerika.

Aber nun setzt der Wirtschaftsexperte noch einen drauf: vielleicht könne man Europa noch retten, wenn dafür Deutschland aus der EU austrete.

Meine Geduld an diesem Sonntagmorgen ist zu Ende. Mit einem Wutschrei schalte ich das Radio aus und trampele auf meinem Handtuch herum. Ich will kein Europa ohne einheitliches Geld, und ich will auch kein Europa ohne Deutschland! Ein Deutschland ohne Europa will ich noch weniger.

In Rage knalle ich meine Cemetube zurück auf das Bord.

Dass Stiglitz‘ Ideen, auch die guten, sowieso nie befolgt werden, kommt mir in diesem Augenblick nicht in den Sinn.

Was angesichts der katastrophalen Lage allenthalben aber in 10 oder 20 Jahren aus Europa und uns allen geworden sein mag, darüber darf nicht einmal anzufangen, nachzudenken – um nicht in Depressionen zu verfallen.

In Grabesstimmung verlasse ich etwas später das Bad – bis mir einfällt, dass Anatol gestern bei unserem verpackungsfreien Laden Day by Day die sündhaft teure, köstliche Nuss-Nougatcreme (vegan und ohne Palmöl!) gekauft hatte.

Diese Nuss-Nougatcreme brauche ich jetzt, um wenigstens ein kleines bisschen Aufmunterung zu erfahren. Erfreut ob der leckeren Aussicht betrete ich die Küche – und schreie auf. Was muss ich sehen?

img_5187

Schmatzend sitzt das Untier vor einem fast leeren Nougatcremetöpfchen – einen peinlich sauber abgeleckten Löffel vor sich.

Der Saurier hat sich die Creme nicht einmal auf ein Brot geschmiert!

Mir verschlägt es die Sprache. Ich schaffe es nur, zu flüstern: „Anatol, das Glas war gestern noch voll!“

Gut gelaunt leckt sich der Saurier das Mäulchen. „Hat wirklich gut geschmeckt, die Nougatcreme. Du kannst das Gläschen auskratzen – das reicht gerade noch für ein Brot, glaube ich!“ meint Anatol.

„Reicht noch für ein Brot…“, stammele ich und will mich auf den Küchensitz fallen lassen.

„Nein, hier kannst Du nicht bleiben!“ ruft der Sauier. „Ich muss jetzt die Spülmaschine ausräumen und dann die Küche wischen. Aber drüben bei den Katzen ist noch was frei!“