36. Kapitel – Gender Studies I

Eben gerade kommen Anatol und Elie von Annas Dinosauriergeburtstag zurück. Ich höre sie das Treppenhaus hinaufspringen – und aufgeregt diskutieren!

Foto 4Anatol ist zwar eigentlich nicht eingeladen gewesen, weil Anna und ihre Freunde deutlich jünger sind als Anatol. Annas Eltern wollten aber gern noch einen weiteren „großer“ Dinosaurier dabei haben, der ihnen helfen würde, die Spiele aufzubauen, den ganz Kleinen die Spielregeln zu erklären und beim Kuchenessen etwas zu assistieren. Für so eine Aufgabe ist Anatol natürlich der perfekte Kandidat.

Auch Schäfchen Mirko ist eingeladen – und so gehen die drei heute um halb vier zusammen los. Annas Zuhause ist nur gegenüber – weit ist es also nicht. Dinogeburtstage beginnen hier immer um halb vier; nicht um drei und nicht um vier – es muss „halb vier“ sein. Warum auch immer!

Nun ist es kurz vor 20 Uhr. Die Geburtstagsfeier ist vorbei. Es muss hoch hergegangen sein, denn Anatol und Elie kommen mit geröteten Gesichtchen zur Haustür herein – weiter in eine hitzige Diskussion vertieft!

„Anatol. Elie!“ sage ich. „Was ist denn los? Ihr geht jetzt bitte in die Badewanne, zieht Euch Eure Schlafanzüge an, und dann ab ins Nestchen. Da dürft Ihr mir alles erzählen, was Euch gerade so bewegt.“

„Nein!“ ruft Elie. „Ich will nicht in die Badewanne! Und ich will mich auch nicht beruhigen! Ich ärgere mich so sehr!“

So habe ich Elie noch nie erlebt. Ich bekomme Angst, dass er sich mit Anatol gestritten haben könnte – aber es sieht eher so aus, als ob sie sich gemeinsam über etwas aufgeregt hätten.

Ich spreche ein Machtwort. „Ganz egal, worüber Ihr Euch geärgert habt, nun geht es in die Wanne. Keine Widerrede!“ Anatol – obwohl ihm die Zornesröte noch im Gesicht steht – pflichtet mir bei. „Elie, ein Bad kann Dir nur gut tun. Es hat sowieso keinen Zweck, dass wir uns so aufregen.“

„Aber … Du kannst doch nicht einfach so aufgeben, Anatol!“ ruft Elie – und bricht in Verzweiflungstränen aus.

Nun muss ich handeln. Energisch packe ich die beiden Butler am Schlafittchen und setzte sie in das bereits eingelassene Badewasser. Elie zappelt wütend und versucht sogar (allerdings erfolglos), mich zu beissen – eine Reflexreaktion, die ich ihm nicht übel nehme – beruhigt sich aber schließlich im warmen Lavendelbad, als Anatol ihn stumm in den Arm nimmt.

Eine Viertelstunde später sitzen die beiden im Nestchen und trinken einen warmen Kakao. Kakao hilft in allen Lebenslagen.

„Was ist denn bei Anna passiert? Ich hoffe, dass es keinen Zwischenfall gegeben hat, der dem armen Mädchen den Geburtstag verdorben hat?“

„Herr Hase ist schuld!“ ruft Elie. „Der hat angefangen, ganz böse Dinge zu sagen!“

Nun berichtet Anatol. Der Dinogeburtstag habe sehr friedlich begonnen. Die kleinen Dinos hätten sich mit Topfschlagen, Blinder Dino und Flaschendrehen vergnügt. Anna habe wunderschöne Geschenke bekommen – Elie habe Mona mitgebracht, die anderen Gäste Spielzeug und Bücher. Das mit Abstand tollste Geschenk sei allerdings ein Piratenkostüm gewesen, das Anna von ihren Eltern geschneidert bekommen habe. Annas Eltern, die der alternativen Szene angehören, haben nämlich eine Schneiderei, in der sie ausgefallene, elegante Dinomode entwerfen, die man sonst nirgendwo finden würde. In den 70er Jahren hätte man sie sicher als Blumenkinder bezeichnet, aber diesen Terminus kennen heute nur noch wenige Menschen.

Anna habe das Kostüm gleich anziehen dürfen – und sich so in einen verwegenen, überaus hübschen, säbelschwingenden kleinen Piraten verwandelt. Ich sehe Elie an seinem Gesichtsausdruck an, dass er sich in diesem Augenblick unsterblich in den Anna-Piraten verliebt haben muss.

Anatol bestätigt meine Vermutung, als er schildert, dass Elie der kleinen Anna nicht mehr von der Seite gewichen sei und die Augen nicht mehr von ihr habe lassen können. Der Pirat hatte ihm ganz klar den Kopf verdreht.

Anatol bemerkt, dass das sehr süß gewesen sei und dass es alle Anwesenden natürlich bemerkt hätten – ohne daran in irgendeiner Weise Anstoß zu nehmen.

Als der Pirat beim Flaschendrehen gewonnen habe, sei es zum Eklat gekommen. Der Gewinner dürfe sich nämlich beim Flaschendrehen den Dino aussuchen, der neben ihm sitzen darf. Anna habe sich Elie ausgesucht – und nicht nur das: als sich Elie mit hochroten Wangen neben sie gesetzt habe, habe sie ihm ganz zärtlich und behutsam einen echten Piratenkuss mitten auf den Mund gegeben. Elie wähnte sich einer Ohnmacht nahe, während die Geburtstagsgäste fröhlich lachten und klatschten, und „Ein Hoch auf unser Piratenpaar“ riefen.

Und in eben diesem Augenblick sei Herr Hase, ein Urzeitsaurier – genauer: ein Nyasasaurus – hereingekommen. Herr Hase ist der Vater von Eliane, einer Freundin von Anna. Und der musste nun ausgerechnet in dem Moment ins Zimmer platzen, als der Pirat Elie küsste.

Herr Hase sei vor Wut rot angelaufen und habe Eliane befohlen, die Feier sofort zu verlassen. Dann habe er Annas Eltern angeherrscht, er hätte niemals erlaubt, dass Eliane einen Nachmittag in einem solchen Sündenpfuhl verbrächte, wenn er es nur vorher gewusst hätte. Das Ganze werde noch Konsequenzen haben, dessen sollten sie sich gewiss sein.

Annas Eltern seien vor Entsetzen stumm gewesen.

Hier habe Anatol sich eingemischt: Worin der gnädige Herr denn bitte einen Sündenpfuhl erblicken würde? Er selbst sehe nur eine Runde von kleinen Sauriern, die bis eben gerade fröhlich miteinander gefeiert hätten und dabei keine nennenswerten Sünden begangen hätten – von einem übermäßigen Kuchenkonsum einmal abgesehen.

Nun habe Herr Hase losgewettert. Dass es eine Ungeheuerlichkeit sei, auf einer Geburtstagsfeier zwei sich küssende Saurierjungen anzutreffen. Dass solche neumodischen Verirrungen zu verbieten seien und er es Eliane nie wieder erlauben werde, mit Anna zu spielen. Und dass er gegen Annas Eltern noch gesondert vorgehen werde!

Anatol habe mit der ihm eigenen Ironie angemerkt, dass es – obschon es Anatols Meinung nach ganz gleichgültig wäre, ob sich  nun Jungen oder Mädchen küssten – dem gnädigen Herrn wohl nicht aufgefallen sei, dass es sich bei dem hier küssenden Paar sehr wohl um ein Mädchen und einen Jungen handele. Ob er seine Äußerungen in diesem Lichte nicht noch einmal überdenken wolle?

Dies habe dem Urzeitsaurier aber den Wind nicht aus den Segeln genommen. Im Gegenteil – er wurde noch wütender, soweit das überhaupt möglich war. Ein Sittenverfall sei es, und ein Greuel, dass man althergebrachte Geschlechtergrenzen willkürlich verschieben würde! Dass man Mädchen erlaubte, sich wie Jungen zu kleiden und zu verhalten – und dass Jungen zu Mädchen gemacht würden. In seiner Welt seien Jungen noch echte Jungen, und ein Mädchen würde sich auch wie ein solches benehmen.

Anatol habe es sich an dieser Stelle nicht verkneifen können, Herrn Hase darauf hinzuweisen, dass das, was er als „seine Welt“ bezeichne, seit 243 Millionen Jahren nicht mehr existiere. Die Trias – das Zeitalter der Nyasasaurier – sei, sollte dies dem gnädigen Herrn nicht aufgefallen sein, mittlerweile vorüber, und die damaligen prähistorischen Moralvorstellungen obsolet. Erdzeitgeschichtlich befinde man sich vielmehr aktuell im Quartär.  Dieser Erdzeitabschnitt habe tiefgreifende gesellschaftliche Entwicklungen mit sich gebracht. Dazu gehöre unter anderem, dass ein Dinosauriermädchen im Piratenkostüm einen schüchternen und sehr verliebten kleinen Diplodocus küssen dürfe – und dass es jedem Saurier selbst überlassen sei, ob er lieber Hosen oder Röcke trage.

Leider hätten diese Äußerungen Herrn Hase gänzlich zur Weissglut gebracht. Er habe Anatol als „Hippie“ und „verkappten Feministen“ beschimpft und Annas Eltern als Anhänger der Gendertheorie abgekanzelt. All das werde Konsequenzen haben! Wutschnaubend habe er – Eliane hinter sich herziehend – die Feier verlassen.

Zurück blieben konsternierte Gäste, eine weinende Anna und das entgeisterte Elternpaar. Ich muss sagen, dass eine solche Szene auch mich aus der Fassung gebracht hätte.

Umso bewundernswerter sei die Reaktion der Eltern von Anna gewesen, berichtet Anatol. Sie hätten die Geburtstagsfeier nämlich nicht einfach um 18 Uhr wie geplant beendet. Stattdessen hätten sie Anatol darum gebeten, noch etwas länger zu bleiben und ein Abendessen für alle Gäste zuzubereiten.

Das Abendessen sei mitten im Wohnzimmer auf dem Boden serviert worden. Alle Gäste hätten nämlich nicht Platz am Esstisch gehabt. Jeder habe sich nehmen dürfen, was er mochte – oder auch vom Tellerchen des Nachbarn mitnaschen.

Annas Eltern hätten nun erkärt, dass Dinosaurierkinder nicht immer so frei erzogen worden seien, wie es heute meist der Fall sei. Dass es Zeiten gegeben habe, in denen kleine Sauriermädchen nur Mädchenkleider tragen und Mädchenspiele spielen durften. Dass sie nicht dasselbe in der Schule lernten wie die Dinojungen und oft nicht einmal in die Schule gehen durften. Dass sie später, wenn sie erwachsen wurden, nicht die selben Rechte hatten wie die männlichen Dinosaurier und nur fürs Kochen da waren. Und dass dies auch heute noch in manchen Ländern der Welt so gehandhabt würde.

Diese Zeiten seien hierzulande vorbei. Das Piratenkostüm sei nicht nur ein Spielanzug – es sei auch ein Symbol für diese Entwicklung, in der Dinomädchen genau dasselbe tun dürften wie Dinojungen. Und genau deshalb sei es auch Leuten wie dem Urzeitsaurier so ein Dorn im Auge – weil es ihnen zeigte, dass die Ungleichbehandlung nicht mehr gewünscht sei und der Vergangenheit angehöre.

Elie habe verunsichert gefragt, ob das denn auch umgekehrt für Dinosaurierjungen gelten würde? Ob er, wenn er das gern tun würde, auch ein Kleidchen tragen dürfte? Annas Eltern hätten gelacht und Elie angeboten, ihm – sollte er das wünschen – gern ein Kleidchen genau nach seinen Vorstellungen zu schneidern. Elie wird also demnächst dort zur Anprobe gehen!

Während Anatol in der Küche Brot gebacken und veganen Aufschnitt und Käse zurechtgemacht habe (zum Nachtisch sollte es Vollkornbrot mit Zuckerrübensirup geben – was bei uns wegen der damit verbundenen Schweinerei verboten ist), hätten die kleinen Gäste noch sehr aufgeregt diskutiert – auch wegen Eliane. Was könne man denn nur für Eliane tun? Hierfür habe sich allerdings an diesem Abend keine Lösung mehr finden lassen.

Ich schlage meinen beiden Butlern nun vor, dieses in der Tat aufwühlende Ereignis zu überschlafen und morgen ausgeruht noch einmal darüber nachzudenken.

Bis dahin wünsche ich Elie wilde Piratenträume und Anatol eine erholsame Nacht.

Hier gehts zur Fortsetzung: Gender Studies II

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