99. Kapitel – Der Sturm

Heute ist Freitag, der 12. Dezember – und mein letzter Arbeitstag vor den Weihnachtsferien. Mit Mühe habe ich es geschafft, vor Weihnachten einige Urlaubstage zu erkämpfen – möchte ich doch wenigsten ein paar Weihnachtsgeschenke erstehen, verpacken und dann noch rechtzeitig zum Fest versenden. Unser Weihnachtspäckchen, welches letztes Jahr erst nach Neujahr bei den Beschenkten eintraf und für Belustigung sorgte, ist den Sauriern und mir in peinlicher Erinnerung.

Dieses Jahr soll alles anders werden, haben die Butler beschlossen. Weihnachten soll mit Muße und vor allem Freude und Harmonie vorbereitet werden – der etwas ordinäre Ausdruck für die Stimmung, die uns vorschwebt, ist: „unstressig“.

Ob dies gelingt, ist indessen unsicher. Mein letzter Tag im Büro – Freitag – stellt sich im Grunde als das Äquivalent von drei vollen Arbeitstagen heraus. Er beginnt – verspätet – um 7 Uhr 30. Mehrere gigantische Projekte müssen – wie könnte es anders sein – ausgerechnet heute zuende gebracht werden, darunter insbesondere ein Verlagsprojekt, welches mir schon seit Wochen auf der Seele liegt. Zudem soll ein lang geplantes Weihnachtsessen mit einem Vertragspartner heute stattfinden – allein dies wird mindestens drei Stunden in Anspruch nehmen.

Freundliche Kollegen bringen alle Vorgänge, die sie noch vor Weihnachten abschließen möchten, in mein Büro, mit der ernsten Anweisung „Aber bitte alles bis spätestens heute abend – es ist sehr eilig damit!“

Um 20 Uhr bin ich immer noch mitten in einer telephonischen Vertragsverhandlung … Das Handy klingelt. Ich entschuldige mich bei den Kollegen und nehme den Anruf an. Es ist Anatol – heimtückisch mit unterdrückter Rufnummer ! – und er ist außerordentlich aufgebracht. „WO BLEIBST DU?“ brüllt er in den Hörer. Ich zucke zusammen.

„Anatol, es wird noch etwas über eine Stunde hier dauern. Bitte kümmert Euch um die Katzen und räumt die Wohnung auf. Ich werde heute abend nicht mehr dazu kommen.“ Die Antwort lässt nicht auf sich warten: unter Gegrummel hängt Anatol ein. Bevor die Leitung weg ist, höre ich ihn noch zu Elie sagen: „Ich glaub, es wird Ärger geben… sie weiss das mit der Wohnung noch gar nicht…“ Die Aussage bleibt nebulös, verheisst jedoch nichts Gutes.

„War das Ihr Ehemann…?“ fragt einer der Kollegen ängstlich. Ich verneine und kläre den Herrn auf „Es handelte sich bei der aufgebrachten Erscheinung in meinem Handy um meine … Haushaltshilfe.“ Und mit autoritärer Stimme, die den Kollegen suggerieren soll, dass ich meine Butler im Griff habe, füge ich hinzu „Ich werde das später mit ihm klären.“

Die Verhandlung kann nun fortgesetzt werden.

Deutlich nach 21 Uhr trete ich den Heimweg an. Seit mittags wütet ein schwerer Sturm – Äste liegen auf der Straße, Fahrräder sind umgestürzt. Ich schaffe es mit Mühe und Not bis nach Hause, stelle das Fahrrad in den Unterstand und steige bang die vier Etagen bis zu unserer Wohnung hinauf. Hier werde ich von den Katzen freudig begrüßt – von den Butlern fehlt jede Spur.

An der Tür prangt ein sichtlich in Eile bekritzelter Zettel: „Sind im Park. Die Burg ist eingestürzt und sie haben Strolchi entführt! A + E“

Bevor ich mich darüber aufregen kann, dass die Saurier um 21 Uhr 30 immer noch im dunklen Park umherstreifen (in der Tat hatte man in den letzten Tagen mehrmals  eine „selbstgebaute Burg im Park“ erwähnt), fällt mein Blick in die Küche. Ich muss mich setzen.

Die Küchenablage mitsamt der Spüle kann nur noch als „Abraumhalde“ bezeichnet werden. IMG_3262

Darunter quillt die Spülmaschine von schmutzigem Geschirr über – offenbar war es den Butlern nicht in den Sinn gekommen, sie anzustellen.

Das Äußerste stellt indessen der Küchenboden dar. IMG_3261Auf diesem hatten die Katzen ihr biologisch artgerechtes Rohfutter (BARF) nicht nur zu sich genommen, sondern offenbar mit Begeisterung großzügig an Wände, Küchenschränke und Polstermöbel gekleistert.

Neues Katzenfutter muss demnächst hergestellt werden (ich hatte auf Unterstützung durch die Butler gehofft!); um das auftauende Fleisch scharwenzeln die Katzen mit unschuldiger Miene und deutlichem Appetit bereits herum.

Grauen erfasst mich. Die Saurier haben sichtlich seit Tagen nichts mehr im Haushalt getan. Ich selbst nutze die Wohnung seit längerem – wegen des extrem gestiegenen Arbeitsanfalls – nur noch zum Schlafen … der verheerende Zustand gerade der Küche war mir nicht aufgefallen.

Wutschnaubend greife ich zum Telephon. Die Butler haben nun SOFORT zurückzukommen. Und wer ist überhaupt dieser entführte „Strolchi“, von dem auf dem Zettel die Rede ist?

Das Telephongespräch wird sehr knapp. Die Saurier sind glücklicherweise kleinlaut und behaupten, sowieso bereits auf dem Rückweg zu sein.

Ich mache mich an die Entkernungsarbeiten in der Küche, werfe Unrat weg, schrubbe Möbeloberflächen. Kurze Zeit später kommen zwei zerknischte Dinos herein und beginnen still, den Küchenboden zu wischen. Um 23 Uhr 30 sieht die Küche endlich annehmbar aus.

IMG_3264Die Spülmaschine läuft, der Boden ist sauber und die Katzenfutterherstellung, die am morgigen Tag stattfinden wird, ist vorbereitet. Ich beginne, mich in meiner eigenen Wohnung wieder wohl zu fühlen.

Nun erzählen die Butler. In den letzten Tagen sei es ihnen ganz unmöglich gewesen, den Haushalt zu führen. Mit den Dino-Kumpels habe man im Park eine richtig tolle Burg gebaut, aus Backsteinen, die dort „so herumgelegen“ hätten. Ich vermute, dass es Steine waren, die für das neue Pflaster der Wege in den Schillerwiesen verwendet werden sollen … diese sind nun von den Dinos weggeschleppt und zum Aufbau der „Burg“ genutzt worden. Ich verdrehe die Augen. Auch hier wird Ärger auf uns zukommen – wenn dem Baudezernat der Stadt klar wird, dass meine Saurier Backsteine entwendet haben.

Die Dinobande um Anatol und Elie sei dann von einer fremden Bande angegriffen worden, die ihnen die Steine geneidet hätte! Die „Anderen“ seien zu fünft oder sechst gewesen, hätten die Burg eingerissen und die Steine weggeschleppt. Das Schlimmste sei aber gewesen, dass sie auch den kleinen weissen Dackelmischling „Strolchi“, den Angelo von seinen Eltern bekommen hatte und der nun sein Ein und Alles war, gefangen hätten und in ihrer eigenen Burg nun als Geisel hielten!

So sei es unumgänglich gewesen, die feindliche Burg zu stürmen. Nach einer eiligen Mobilmachung aller Kumpels – Angelo sei vor Sorge um seinen Strolchi nicht mehr ansprechbar gewesen, daher habe man Verstärkung geholt – habe man das feindliche Lager von zwei Seiten in die Zange genommen, die Wände umgeworfen, Strolchi aus der Gewalt seiner Entführer befreit und ihn zu Angelo zurückgebracht, der weinend in den Trümmern der eigenen Burg gesessen habe.

So waren nun beide Burgen geschleift, aber Strolchi war zurück bei einem seligen Angelo.

Die Antwort der Feinde habe nicht auf sich warten lassen. In großer Überzahl seien sie unter Gebrüll über die ohnehin in Trümmern liegenden Burg unserer Dinos hergefallen. Ein eiliger taktischer Rückzug – insbesondere zum Schutze von Strolchi – sei nun unvermeidbar gewesen. Gezwungenermaßen habe man den Trümmerberg zunächst den Feinden überlassen, sei aber, als letzterere zum Abendessen hätten heimkehren müssen, zurückgeschlichen und habe alle Backsteine zum Wiederaufbau der eigenen Burg von den Feinden entwendet – ja im Grunde nur das rechtmäßig unseren Dinos zustehende Baumaterial zurückgeholt.

Zu diesem Zeitpunkt sei es schon 20 Uhr gewesen. Man habe dann gehofft, mich zuhause bei der Vorbereitung des Abendessens anzutreffen, da die kriegerischen Handlungen, Anstürme und Rückzüge, vor allem aber das ständige Hin- und Herschleppen der Steine, die mindestens 4 mal den Besitzer gewechselt hatten, für Hunger gesorgt hätten. Daher auch der ungehaltene Anruf auf meinem Handy.

Man habe sich dann mit dem letzten noch sauberen Messer nur flugs ein Brot geschmiert und sei schnell zur Burg zurückgekehrt, die sogar zur Zeit noch stehe. Angelo habe Strolchi in Sicherheit gebracht und den Kumpels versprochen, bald eine riesige Party für sie zu geben, da sie Strolchi gerettet hätten.

Die Feinde hingegen werde man in Zukunft engmaschig überwachen – sei doch zu befürchten, dass sie die Burg erneut angreifen könnten.

Ich dämpfe den kriegerischen Ehrgeiz der beiden Haudegen, indem ich sie ins Dino-Nestchen verfrachte und unter die Decke stecke, wo sie augenblicklich einschlafen.

Die Ferien können beginnen.

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Göttingen, in den Schillerwiesen, 1978

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