125. Kapitel – Wunderland

Rechtschaffen schlummere ich den Schlaf der erschöpften Rechtsreferentin. Tief im Unterbewusstsein weiss ich: schon bald wird der Wecker mich aufschrecken und meiner so bitter nötigen Ruhepause ein Ende bereiten…

Eine pelzige Pfote in meinem Gesicht weckt mich aus meinen Träumen. Es ist Elie: unsanft tatzt er auf meiner Nase herum und zischelt mir zu: „Wach auf!“

Schlaftrunken schrecke ich hoch. „Ist der Wecker kaputt?“ stammele ich. „Ist es schon Morgen?“

„Nein!“ sagt Elie. „Es ist was Schlimmes in der Küche! Minna schreit um Hilfe!“

Ein Schnattern, vielmehr Klappern aus dem Flur ertönt – mir wird bewusst, dass ich dieses Geräusch bereits im Halbschlaf vernommen hatte … Schlagartig bin ich wach: das Klappern entstammt Minna, unserer Spülmaschine, die offenbar verzweifelt aus ihrer Küche bis in den Flur gewandert ist und dort – durch ihr Kabel am weiteren Fortkommen gehindert – laut nach uns ruft.

Ich schiebe meine anfängliche Ungläubigkeit zur Seite – warum sollten in einem Haushalt mit sprechenden Stoffdinosauriern nicht auch lebende Spülmaschinen existieren – und springe aus dem Bett auf.

„Minna, was ist los?“ höre ich mich tatsächlich zu meiner Spülmaschine sagen.

Minna beeilt sich, mir das Problem mitzuteilen. „In der Küche läuft Wasser von den Wänden! Hinten in der Ecke! Und ich bin NICHT schuld daran! Ich bin nicht undicht, ich brauche nicht zur Reparatur. Ich schwöre es!“

Entsetzt stürze ich in die Küche. Dort offenbart sich mir das Grauen. Von der Decke herab bis auf den Boden sickert Wasser in die Küche. Es kommt zweifelsfrei aus dem 5. Stock – von dort, wo gestern noch ausgiebig gefeiert wurde, um den bald bevorstehenden Auszug festlich zu begehen.

„Ein Wasserrohrbruch!“ schießt es mir durch den Kopf. Als erstes muss die Quelle über uns beseitigt werden – dann muss ich die unter uns wohnenden Vermieter informieren. Wie spät ist es überhaupt? Ich finde weder meinen Wecker noch mein Handy.

Schnell weise ich Anatol und Elie an, das zentimetertief in der Küche stehende Wasser aufzuwischen, während ich zu den Nachbarn nach oben laufe, um zu versuchen, die Flut einzudämmen.

Ich öffne die Tür und stehe im Treppenhaus. Die Nachbarn sind bereits auf – sie tragen Möbel ins Erdgeschoß. „Ach ja,“ denke ich. „Sie wollten ja umziehen. Aber mitten in der Nacht…?“

Noch bevor ich einen der möbelbepackten Nachbarn auf den Rohrbruch ansprechen kann, fällt mir auf, dass die Treppe hinunter in den 3. Stock fehlt. Dies ist allerdings ärgerlich – und stellt auch für den Möbeltransport ein Hindernis dar. Meine Nachbarin wirft ihr Hab und Gut daher einfach von oben in den 3. Stock, wo es von einem mir unbekannten Menschen aufgefangen wird.

Indessen sind die Katzen aus der offenbar nun ebenfalls abhanden gekommenen Wohnungstür ins Treppenhaus entwichen. Katze Nini, heute nicht im schwarz-weissen Pelz, sondern braun gesprenkelt, hat es geschafft, in den 3. Stock hinunterzuspringen und schickt sich an, das Haus zu verlassen.

In Panik schreie ich: „Nini! Komm zurück! Du darfst nicht raus!“ Nini ist jedoch bereits im 2. Stock; ich muss es schaffen, die Treppenlücke zu überwinden und Nini hinterherzulaufen!

Anatol – hilfreich wie immer – bringt ein blaues Seil. Ich soll es am noch vorhandenen Treppengeländer festbinden und mich daran bis ins Erdgeschoß herunterhangeln. So würde ich Nini einholen und fangen können!

Als ich das Seil an dem Geländer verknoten möchte, verwandelt es sich unter meinen Händen in eine Kinderstrickleiter. Wird sie mein Gewicht überhaupt tragen? Nini ist nicht mehr zu sehen – Entsetzen bemächtigt sich meiner! Ich darf Nini nicht verlieren … Ich riskiere den Abstieg an der Strickleiter, verheddere mich jedoch bereits beim ersten Versuch, meine Füße auf die unteren Leiterverstrebungen zu setzen. Das Wasser tropft aus der Küche durch die Haustür ins Treppenhaus, während ich wie ein nasser Sack zwischen dem 3. und 4 Stock an der Strickleiter baumele und Minna voller Schrecken beginnt, lautstarke Pieptöne von sich zu geben…

Nun höre ich die Saurier meinen Namen rufen. Lauter und lauter dringt das Rufen zu mir durch, Treppenhaus und Strickleiter verblassen … ich wache auf – diesmal wirklich.

Schweissgebadet und zitternd liege ich im Bett. Saurier und Katzen sitzen besorgt um mich herum. „Seit Minuten schreist Du nach Nini! Wir haben Angst bekommen… Gerade hat die Spülmaschine zuende gespült – vielleicht hast Du deshalb immer gerufen, wir sollen das Wasser aufwischen? Hier ist aber alles trocken. Minna ist dicht.“

Glücklich stelle ich fest, dass im 5. Stock kein Wasserrohbruch stattgefunden hat. Ein kurzer Blick ins Treppenhaus beruhigt mich noch mehr: auch die Treppe ist am Platz.

Froh lege ich mich zurück ins Bett, um noch ein wenig von der verkorksten Nacht zum Ausruhen zu nutzen – aber da klingelt der Wecker.

Ein für allemal beschließe ich, die Spülmaschine nicht mehr auf den Nachtstrom zu programmieren.

124. Kapitel – The Onion Router für Dino-Dummies

IMG_3590Nachdem kürzlich unsere grenzenlose Unwissenheit in Sachen Tor-Netzwerk öffentlich zu Tage getreten ist, habe ich die Saurier angewiesen, eine großangelegte Recherche über Tor anzustellen und daraus ein schriftliches Referat, welches auch ich imstande bin zu verstehen, für den Blog zu erarbeiten.

Die ersten Ergebnisse sind ernüchternd.

Tor ist ein Netzwerk zur Anonymisierung von Verbindungsdaten. Es wird für TCP-Verbindungen eingesetzt und kann beispielsweise für Web-Browsing, Instant Messaging, IRC, SSH, E-Mail, P2P und anderes benutzt werden. Tor schützt seine Nutzer vor der Analyse des Datenverkehrs. Es basiert auf der originalen Idee des Onion-Routings.

Stolz legt Elie mir das Copy-Paste aus Wikipedia – der modernen Variante des Universalspickzettels – vor. „Da steht alles!“ erklärt er fröhlich.

Was verstehe ich?

Richtig – nichts.

Pikiert bestehe ich auf einer Erläuterung. „Steht doch alles da!“ kräht Elie.

„Lesen kann ich! Aber was heisst das denn nun?“ Fast will ich den Saurier am Kragen packen! Dem besseren Verständnis ist dies jedoch nicht dienlich.

Elie kratzt sich am Kopf. „Ja, also erklären was das genau ist … das kann ich nicht. Anatol, weisst Du was das heisst, was da steht?“

Anatol runzelt die Stirn. „Hm also das heisst offenbar, dass Tor irgendwie Verbindungsdaten anonymisiert. Steht ja da. Aber wie es das tut, und warum die im Internet alle vom Darknet sprechen … ja keine Ahnung.“

Wir lesen den Artikel bis zum Ende, aber verstehen immer noch nicht, ob wir Tor nutzen sollten oder nicht, und wie es funktioniert.

Verzweifeltes Klicken im Internet bringt uns schließlich zu SemperVideo. IMG_3593

Hier sehen wir ein Video nach dem anderen. Die Saurier rufen Ah! und Oh!  Schließlich setzen sie sich an ihr Tablet und bringen den folgenden, ganz allein verfassten Text zu „Papier“ :

Heute haben wir bei SemperVideo mehrere tolle Videos über das Tor Netzwerk gesehen. Wir glauben, dass wir es nun viel besser verstanden haben!

Das Tor Netzwerk heisst so, weil es eine Abkürzung von „The Onion Router“ ist. Warum „Onion“ – das wissen wir leider nicht. Es wurde entwickelt, damit verfolgte Menschen über das Internet Informationen austauschen können, ohne sich in Gefahr zu begeben.

Funktionieren tut es so: man installiert die Tor-Software auf seinem Computer und benutzt den Tor-Browser, der über das Tor-Netzwerk ins Internet führt. Das wird von manchen Leuten das „Darknet“ genannt. Aber dazu kommen wir noch.

Wenn wir über den Tor-Browser im Internet sind und eine Webseite aufrufen, dann verläuft die Verbindung von unserem Computer zu dieser Webseite nicht wie sonst über eine nachverfolgbare Linie, sondern sie hüpft von einem „Tor-Knoten“ zum nächsten. Keiner der Knoten kann nachverfolgt werden, nur der letzte der Reihe, der „Exit-Knoten“. Ein Tor-Knoten, das ist jeder Computer, der die Tor-Software eingerichtet hat – also auch unserer, wenn dort Tor installiert ist. Oft sind diese Verbindungen ziemlich langsam, und sie sind verschlüsselt.

So können wir an eine Information kommen, ohne dass jemand unsere IP – die Nummer unseres Computers – nachverfolgen und so erfahren kann, dass wir eben diese Information im Internet aufgerufen haben. Das kann manchmal sehr wichtig sein.

Bei Tor gibt es auch Email-Programme. Damit kann man Nachrichten ganz anonym versenden und auch bekommen. Wie genau man das einrichtet, wissen wir aber nicht.

Es gibt Webseiten, die man nur über das Tor-Netzwerk erreichen kann. Sie enden nicht auf .de, .com, .org oder so, sondern immer auf .onion. Diese Seiten können nicht nachverfolgt werden; niemand kann herausbekommen, wer sie erstellt hat. Sie können von politisch verfolgten Leuten gemacht werden, die die Sicherheit des Tor-Netzwerks brauchen – aber sie können auch von Bösen betrieben werden, die ungestraft Drogen oder Waffen oder noch viel Schlimmeres dort anbieten wollen. Vor denen haben wir große Angst und möchten ihnen auf keinen Fall begegnen.

Wir wissen deshalb noch nicht, ob wir Tor bei uns installieren oder nicht.

Aber wir finden es toll, dass uns die Videos von SemperVideo so gut dabei geholfen haben, das Tor-Netzwerk zu verstehen!

Ich bin stolz auf die Arbeit meiner Saurier. Auch wenn wir unsere Recherchen noch weiter vertiefen sollten, sind wir doch zufrieden, zumindest im Ansatz verstanden zu haben, was Tor ist.

Wieso allerdings die Information über den Tor-Exitknoten nicht zurückverfolgbar ist, haben wir noch nicht begriffen. Irgendwoher muss diese Information wissen, wohin sie zurück soll. Und wenn sie das weiss, muss es Möglichkeiten geben, es herauszufinden.

Sicher entspringt diese Frage unserer grenzenlosen Unkenntnis.

Wenn es jemanden gibt, der uns hierzu – sauriergeeignet – aufklären kann: wir wären sehr dankbar!

123. Kapitel – Tor

Eben komme ich von der Arbeit nach Hause. Abgespannt und müde freue ich mich auf eine ruhige Mittagspause, bevor ich zurück ins Büro muss…

Das Essen steht schon auf dem Tisch – die Butler haben sich einmal mehr selbst übertroffen. Bratkartoffeln mit Zwiebelchen, dazu Löwenzahnsalat und Apfelmus zum Nachtisch: glücklich hänge ich meine Jacke an die Garderobe, wasche mir schnell die Hände und setze mich voller Erwartung an den Mittagstisch.

Die Butler indessen diskutieren aufgeregt in der Küche. Ungeduldig rufe ich die beiden Saurier ins Esszimmer, werde jedoch keines Blicks gewürdigt. In ihr Gespräch vertieft setzen sich die Butler zwar an den Tisch, gedenken aber nicht, auch nur ein Wort an mich zu richten.

Dies kann ich so nicht dulden. Obwohl mir solch dramatische Gesten sonst nicht liegen, schlage ich mit der flachen Hand auf den Tisch. Teller, Besteck, Salatschüssel und auch die beiden Saurier heben durch die Erschütterung einige Millimeter von der Tischplatte ab – klirrend landet das Geschirr wieder an seinem Platz. Die Butler verstummen und sehen mich aus vorwurfsvollen Augen an.

„Ja, ich bin auch hier!“ vermelde ich. „Man kann sogar mit mir sprechen! Vielleicht sagt Ihr mir, was Euch so beschäftigt?“

Anatol verdreht die Augen. „Es tut mir leid, aber das verstehst Du sowieso nicht!“

Elie pflichtet ihm bei. „Ja, es ist wirklich was Kompliziertes. Ich glaube nicht, dass Du damit etwas anfangen kannst.“

Auf meinen erbosten Blick hin beeilt sich Elie, mir die Sache doch zu erklären. „Hast Du nicht mitgekriegt, dass sie TV5 Monde gehackt haben? Mir macht das Angst!“

In der Tat hatte ich im Radio gehört, dass der Sender TV5 Opfer einer außerordentlich virulenten Cyberattacke geworden war. Dass Elie vor solchen Angriffen Angst hat, kann ich zwar verstehen – dennoch hoffe ich (möglicherweise zu Unrecht?) auf die Kompetenz unserer Regierungen, uns vor derlei Unbill in Zukunft zu schützen.

„Daran merkt man schon, dass Du gar keine Ahnung hast!“ wirft Elie ein. „Unsere Regierungen werden uns ganz sicher nicht vor diesen Attacken schützen. Im Gegenteil – sie wollen uns nur noch mehr ausspionieren und alle unsere Daten abgreifen! Die NSA macht es ja bereits – und unsere Regierungen tun nichts dagegen! Vorratsdatenspeicherung sag ich nur! Wenn sie dann alles über uns wissen, stecken sie uns ins Gefägnis!“

Anatol nickt. „Genauso ist es. Wir müssen uns selbst schützen!“

Ich bin sprachlos. Sind meine Saurier in die Fänge einer von meinen Eltern vermutlich als „linke Zelle“ bezeichneten Gruppierung geraten? Zu Schulzeiten waren coole Klassenkameraden bei den Trotzkisten; an deren Äußerungen erinnern mich die Erklärungen meiner Butler gerade – obwohl unsere damaligen Diskussionen mit den heutigen Problemen in der Tat wenig zu tun haben.

Elie holt weiter aus. „Lilian hat es heute erzählt! Er kann über Whatsdino mit Angelo in Amerika chatten – und der hat ihm erklärt, dass die NSA alles weiss. Lilian behauptet, Angelo arbeite an einem Forschungsprojekt der Uni Harvard mit: da geht es um Internetüberwachung. Angelo sagt, es gebe keine Sicherheit Internet. Er habe den Hackerangriff auf TV5 daher vorhergesehen! Es sei nur eine Frage der Zeit gewesen, bis so etwas passieren würde. Bald wisse der IS alles über uns und werde unsere Konten lahmlegen und ausrauben!“

Anatol knurrt „Ja ja. Der Besserwisser!“ Elie findet das egal. Besserwisser oder nicht – die Information sei wichtig!

Ich gebe zu bedenken, dass die Information zwar von hoher Bedeutung sei, aber in keiner Weise neu. Letztens hätte ich sogar in der Frankfurter Allgemeinen einen Artikel darüber gelesen. Man müsse daher nicht einmal die Fachpresse bemühen, um darüber Bescheid zu wissen. Was das von Angelo vorhergesagte Ausspionieren unserer Konten durch den IS angehe, so wage ich dies doch zu bezweifeln. Unsere Banken nutzten allesamt sichere Software – schon deren Eigennutz gebiete das.

„Das glaubst nur Du!“ schreit Elie. „Wenn Du unseren Banken wirklich so blind vertraust, solltest Du vielleicht mal über eine Betreuung nachdenken! Und ja – die Misere mit dem Hacking wird überall erwähnt, aber was tun unsere Regierungen dagegen? Nichts!“ Elie hat sich in Rage geredet. „Lilian sagt, es gebe nur eine Möglichkeit, der Überwachung zu entgehen, und das sei Tor!“

Ich runzle die Stirn. Den Saurier muss ich mir demnächst zur Brust nehmen – ich bin vielleicht nicht mit allen digitalen Besonderheiten vertraut, die heutige Schüler aus dem Effeff beherrschen, aber mir eine Betreuung anzuraten, ist eine Unverschämtheit. Ich beschließe, an dieser Stelle nichts dazu zu sagen, behalte mir aber eine klare Erwiderung zu einem späterem Zeitpunkt vor.

Dann räuspere ich mich und frage „Und was ist dieses „Tor“? Ihr spielt doch sonst keinen Fußball?“

Anatol stöhnt auf.

Elie starrt mich entsetzt an. „Du willst uns jetzt nicht sagen, Du hast noch nie von „Tor“ gehört?“ Fast will seine Stimme überschnappen. Ich beeile mich daher, meine Fußballanspielung ins Lächerliche zu ziehen.

„Das war nur ein Witz,“ erkläre ich, zugegenermaßen etwas lahm. „Trotzdem würde ich mich freuen, wenn man mir jetzt darlegen könnte, was das für ein Tor ist!“

„Sie weiss es wirklich nicht“ seufzt Elie. „Tor ist ein Browser, mit dem man völlig anonym im Netz surfen kann. Niemand kann Dich dort ausspionieren! Lilian sagt, damit habe man fast 100%ige Sicherheit.“

Anatol nickt zustimmend. „Und den richten wir nachher auf Deinem Computer ein!“

Ich erstarre. Schlagartig erinnere ich mich an einen Artikel, den ich vor einiger Zeit Im Internet gelesen hatte … in diesem war es um einen Zwiebel-Router, der ins Darknet führe, gegangen. Kriminelle, Terroristen, Pornohändler und Drogendealer tummelten sich angeblich dort.

Ich verleihe meinem Entsetzen durch einen wilden Wutschrei Ausdruck: „AUF GAR KEINEN FALL WIRD SO ETWAS AUF MEINEM COMPUTER EINGERICHTET!“

Wutschnaubend stehe ich vom Tisch auf, schnappe das Laptop, das Tablet und mein iPhone und lasse den gesamten digitalen Klimbim in meinem Rucksack verschwinden.

„Jetzt ist Schluß mit Internet! Die größte Gefahr für meine Daten geht offenbar von Euch beiden aus! Die Geräte kommen ins Büro und bleiben dort. Hier im Haus gibt es das nicht mehr. Kein Internet – keine Gefahr, von Regierung, IS oder NSA ausspioniert zu werden. Basta!“

Elie heult auf. „Und wie soll ich jetzt mit Anna chatten? Und mit Lilian??“

„Vielleicht gehst Du einfach zu ihnen rüber?“ Ich erinnere Elie daran, dass Anna gegenüber und Lilian gleich nebenan im Rasenweg wohne.

Anatol versucht, mich zu besänftigen. „Warum reagierst Du denn jetzt so über? Tor ist ein absolut sicherer Browser – da kann gar nichts passieren. Also, das sagt jedenfalls Lilian!“

Ich erinnere Anatol daran, dass es  sich bei Lilian um einen etwa 10jähriger Stoffdinosaurier handele, der seine Informatikerweisheiten über Whatsdino von Angelo, einem gleichaltrigen altklugen Klassenkameraden beziehe. Dass ich die wohlgewählten Browsereinstellungen auf meinem Laptop keinesfalls verändern werde, nur weil zwei minderjährige Plüschtiere dies empföhlen.

Hier bringt Anatol indessen ein gewichtiges Argument vor. „Sogar Dein Freund, der Captain, empfiehlt Tor! Also zumindest spricht er in seinem Blog „Linux ohne Angst“ davon.“

Es stimmt, dass der Captain mir oft von Email-Verschlüsselungen wie Enigmail berichtet hat. Gleich einen Zugang ins Darknet zu legen – das hat er mir indessen nie nahegelegt.

Ich werde mich jedoch mit den Möglichkeiten, die Tor bietet, auseinandersetzen und insbesondere den Audioblogeintrag des Captains über Tor genauestens studieren. Vorerst schreckt mich vor allem die Tatsache ab, dass ich nicht einmal ansatzweise verstehe, was es mit Tor, dem Darknet und der Zwiebelgeschichte auf sich hat.

Geschicktes Nachfragen bei den Sauriern bestätigt meinen Verdacht, dass es bei ihnen nicht anders aussieht – auch wenn sie dies zu verbergen suchen. So glauben die beiden beispielsweise, dass die Cyberattacke auf TV5 hätte verhindert werden können, wenn TV5 Tor gehabt hätte.

Es wird noch viel Nachhilfe in Medienkompetenz nötig sein.

122. Kapitel – Post von Momox

IMG_3578Anatol und Elie sind sprachlos. Seit vorhin starren sie auf den Bildschirm unseres Computers und lesen die Message wieder und wieder.

Momox, bzw. die Momox-Community-Managerin, hat unseren Blogeintrag vom Ostersonntag auf Google+ gelesen, uns eine sehr freundliche Nachricht geschickt und nach der Fortsetzung gefragt!

Die Saurier sind über alle Maßen stolz und gerührt, dass „ihre“ Momox-Geschichte bis dorthin gelangt ist – und löchern mich nun damit, schnellstens daran weiter zu schreiben.

Hier daher ein kleiner Überblick über den weiteren Verlauf unserer Momox-Erfahrung.

Unser erstes Paket ist angekommen und wird laut Kontoauskunft soeben überprüft. Dem Momox-Kollegen wird wohl nicht verborgen bleiben, dass drei Viertel der Sachen nicht mit im Paket sind … hoffentlich verursacht dies keine allzugroßen Verwerfungen.

Vom Entrümpelungsfieber gepackt haben Elie und Anatol heute – unter strenger Überwachung meinerseits – ein zweites Momox-Paket zusammengestellt und auch bereits auf die Reise geschickt. Auf den Fortgang unseres Entrümpelungs-Abenteuers dürfen wir gespannt sein! IMG_3573

Nachtrag:

Unsere beiden Momox-Pakete sind nun eingetroffen. Eines ist bereits bearbeitet, und alle Sachen bis auf ein Buch sind von Momox angenommen worden. Das Geld ist sogar heute schon auf unserem Konto eingegangen!

Wir sind begeistert und werden jederzeit gern wieder momoxen!

121. Kapitel – Entrümpeln mit Momox

Jedes Jahr um Ostern steht er an: der große Frühjahrsputz. Seit mehreren Tagen rumort Anatol in den Schränken und Regalen, um das alljährliche Großreinemachen vorzubereiten.

Angeregt durch einen Beitrag in einem der von ihm hochgeschätzten Minimalistenblogs hatte Anatol angekündigt, die Wohnung dieses Jahr nicht nur grundzureinigen, sondern nachhaltig zu entrümpeln. Dazu gehöre auch die Entkernung unserer Bücherregale und das Aussortieren von nicht mehr gelesenen Büchern.

Hier hatte ich zunächst auf das Schärfste protestiert. Bücher seien kein Gerümpel! Sie gehörten zu unseren Grundfesten; und auch, wenn ich sie nicht mehr ständig läse, so wolle ich doch meine Lieblingsbücher weiter um mich haben. Einer Entrümpelung meiner Bücherregale träte ich somit entschieden entgegen.

Anatol hatte widersprochen. „Und was ist mit den Dutzenden von Taschenbüchern, die Du niemals mehr ansehen, geschweige denn lesen wirst? Es ist doch schade, sie hier verstauben zu lassen – während andere Leute sie gern lesen würden! Sie sollen nicht ins Altpapier, sondern zurück in den Lebenskreislauf jedes Buches: zu den Lesern!“

Ich war in der Tat ins Grübeln gekommen. Viele Bücher standen nur herum, bedeuteten mir aber nichts. Ich hatte sie gelesen und brauchte sie eigentlich nicht weiter aufzubewahren …

So hatte ich Anatol schließlich mein Plazet gegeben. Gewisse Bücher dürften aussortiert werden, ebenso CDs und DVDs. Nur: wohin damit?

Hier hatte Anatol seinen Trumpf gezogen. „Du hast wohl noch nie von Momox gehört!“ hatte er triumphierend erklärt.

Ich hatte stirnrunzend zugegeben, dass mir „Momox“ in der Tat gänzlich unbekannt sei.

Schnell hatte Anatol mich aufgeklärt. Momox sei eine Plattform, die gebrauchte Bücher, CDs und auch DVDs kaufe, um sie dann weiterzuveräußern. Der Verkauf sei ganz einfach: man scanne die Bücher per Handy ein, nachdem man ein Kundenkonto eröffnet habe, drucke einen Versandschein aus und bringe die verpackten Bücher zu einer Poststelle. In unserem Fall sei das der Hermesversand in Kehl. Der Versand sei kostenlos.

Ich war sprachlos gewesen. Dieses Momox hörte sich großartig an – aber hielt es auch, was es versprach? Das hatte Anatol zwar nicht aus eigener Erfahrung belegen können, da er selbst noch nie etwas über Momox verkauft habe – er habe im Internet jedoch nur positive Bewertungen gelesen.

Schließlich hatte ich mich entschlossen, einen Versuch zu starten und Anatol erlaubt, ein Paket mit Büchern zusammenzustellen und abzusenden.

Das Päckchen war schnell verpackt und zum Hermesversand gebracht worden. Nun war nur noch darauf zu warten, dass es bei Momox ankam, dort Gefallen fand und bezahlt wurde.

In sicherer Erwartung des positiven Ausgangs unserer Transaktion ist Anatol heute geneigt, eine weitere Bücher- und CD-Sammelaktion vorzubereiten. Ich widersetze mich dem nicht – weiss ich doch, dass alle Bücher, bevor sie abgesendet werden, erst von mir freigegeben werden müssen.

Nach dem Osterspaziergang macht sich Anatol mit Unterstützung von Elie daran, alle Regale zu leeren, auszuwischen und dann Bücher, CDs und DVDs zu sortieren und zu kleinen Stapeln zusammenzustellen. Ich arbeite zwar an meiner Novelle, habe aber doch ein Auge auf die Saurier. Mit Wohlgefallen sehe ich, wie Anatol sorgfältig auswählt, welche Bücher nach vorheriger Absprache für Momox eingescannt werden – dies nimmt Elie mit dem Handy vor – und welche ins saubere Regal zurückkommen.

Das Endergebnis begutachte ich, bin einverstanden und gebe Anatol die Erlaubnis, den Verkauf am Computer abzuschließen. Dies besteht darin, die eingescannten Bücher zu überprüfen und dann den „Verkaufen“-Button anzuklicken.

Der Saurier erledigt dies und macht sich sodann an die Verpackung der Sachen.

Ich interessiere mich nun doch für den voraussichtlichen Verkaufspreis, den wir mit den Büchern erzielen könnten und frage „Was kriegen wir denn für das alles? Steht da schon ein Preis?“

Elie meint „Moment, ich sehe mal in unser Konto“ und tippt die Adresse des Momox-Accounts ein.

Obwohl dies bei Elie nicht sehr deutlich zu sehen ist, bemerke ich doch, dass der Saurier plötzlich blass wird.

„Was ist denn da passiert …“ flüstert er, sichtlich verwirrt. Anatol ist mit einem Satz am Computerbildschirm – und stösst einen Entsetzensschrei aus. Nun springe ich auch auf – irgendetwas muss bei dem Momox-Verkauf nicht so gelaufen sein, wie es hätte sollen.

Bildschirmfoto 2015-04-05 um 19.17.04 - Arbeitskopie 2Das Momox-Konto ist übersichtlich gestaltet. Gleich fällt mir die Präsenz von zwei Verkäufen auf. Diese ist logisch: wir haben vor ein paar Tagen ein erstes Paket an Momox versendet. Nicht richtig erscheint indessen der Betrag, den dieser erste Verkauf ausweist – ist er doch deutlich höher als der zunächst veranschlagte.

Ich sehe mir die Details der beiden Verkäufe an – und erstarre. Unser Verkauf von letzter Woche wird nun als deutlich „aufgestockt“ angezeigt: die Saurier haben offenbar die Bücher von heute mit dem Verkauf von letzter Woche zusammengefügt. Dies allein wäre noch kein Beinbruch, jedoch haben sie zusätzlich dazu jedes Buch ein weiteres Mal unter dem heutigen Datum verkauft.

Nicht nur ist somit der erste Versand unvollständig, sondern jedes Buch ist zweimal im Verkauf – so als gebe es von jedem Buch zwei Exemplare und nicht nur eines. Die Verkäufe sind auch bereits bestätigt und lassen sich nicht mehr korrigieren.

Ich explodiere.

„Wie ist es möglich, dass so ein unglaublicher Mist hier passiert, während ich noch daneben sitze !?“ brülle ich, die Zornesröte im Gesicht.

IMG_3565Die Saurier sind indes nicht mehr zu sehen.

Nach kurzer, wütender Suche entdecke ich sie unter dem Schrank, wo ich sie am Schlafittchen packe und aus dem Versteck hervorziehe. Elie heult – Anatol zittert am ganzen Leib.

Schlagartig verfliegt meine Wut. Im Grunde bin ich selbst schuld an der Momox-Misere: warum habe ich die beiden Saurier nicht besser überwacht, oder zumindest den Verkaufsvorgang beobachtet?

Ich verhänge eine General-Momoxamnestie für die Saurier und nehme die gesamte Schuld auf mich, woraufhin sich die Butler ein wenig beruhigen.

Allerdings möchte ich nun wissen, was zu der jetzigen verfahrenen Situation hatte führen können. Wie konnten die Bücher doppelt verkauft werden und noch dazu zu dem schon versendeten Paket hinzugefügt werden?

Elie schnieft. „Ich habe immer schön mit dem Handy die Bar-Codes eingescannt. Hier: so! IMG_3567Die Sachen werden dann im Handy so lange gespeichert, bin man auf „Kauf abschließen“ geht. Danach kommt eine Mail, und mit der überträgt man die Bücher in das Kundenkonto. Das mit der Mail hat immer Anatol gemacht.“

Anatol gibt dies zähneknirschend zu. Es sei denkbar – wenngleich nicht sicher! –  dass er mehrere dieser Mails gleichzeitig bearbeitet habe. Dies könne möglicherweise dazu geführt haben, dass mehrere Verkaufsvorgänge geöffnet worden seien. Da diese dann nebeneinander existierten, habe das Progamm eventuell nicht beachtet, dass es sich um die gleichen Artikel gehandelt habe … anders könne er sich den Sachverhalt nicht erklären.

Was das Zusammenfügen der Verkaufsvorgänge angehe, so könne er sich vorstellen – ohne dies allerdings sicher attestieren zu können – dass man dies angeklickt habe, weil man davon ausgegangen sei, es handele sich um die heutigen Verkäufe, nicht aber den von letzter Woche.

Ich versuche, mir nicht anmerken zu lassen, dass ich von all dem neudeutschen Geschwätz (Verkäufsvorgänge werden „geöffnet“, „zusammengefügt“, „existieren nebeneinander“ und werden „in Kundenkonten übertragen“) gar nichts verstehe. Was ich jedoch verstehe, ist dies: die Momox-Geschichte ist gründlich schiefgegangen, und zwar allein durch unser – bzw. mein – Verschulden.

Eine Lösung für die Misere zeichnet sich indessen nicht ab. Wer hier allein helfen kann, ist Momox – allerdings nicht an Feiertagen. Wir werden uns daher bis Dienstag gedulden müssen, bis wir Momox das Desaster darlegen und um Nachsicht oder besser: um Gnade bitten können.

Elie weint immer noch. „Kommen wir jetzt ins Gefängnis?“ schluchzt er. Diese Frage kann ich glücklicherweise verneinen.

Nachdem ich die allgemeinen Geschäftsbedingungen von Momox genauer konsultiert habe, bin ich sicher, dass uns auch kein zivilrechtliches Ungemach drohen dürfte. Dennoch wird es mir besser gehen, wenn die Sache mit Momox am Dienstag – hoffentlich – geklärt werden kann.

Die Butler bekommen für die nächste Woche ein strenges Entrümpelungs- und Momoxverbot. Nicht, dass sie am Ende noch unsere Wohnung vermomoxen – wir sind nur Mieter.

120. Kapitel – Frohe Ostern!

Anatol, Elie und ich wünschen Euch allen ein frohes Osterfest!

Wir drei haben heute noch gar nichts österliches unternommen. Elie liegt faul im Nestchen und schmökert, Anatol hat uns den schönen Darjeelingtee von Ewert gekocht und ich will mich nun an die Entrümpelung meines CD-Regals machen.

Draußen strahlt die Sonne vom Himmel – nachher werden wir sicher einen Osterspaziergang im Park machen.

Die Butler hoffen, dort vielleicht noch ein paar Ostereier zu finden!

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119. Kapitel – Mobberdämmerung

Was bisher geschah:

Boshafte Klassenkameraden – insbesondere der smarte Angelo – haben sich angewöhnt, Anatol zu drangsalieren. Dem heutigen Brauch folgend, derlei Problemen mittels einer psychologischen Behandlung bzw. eines Coachings abzuhelfen, habe ich Anatol bei einem Anti-Mobbingkurs mit Schlagfertigkeitstraining angemeldet.

Diesen Kurs hat Anatol eine Woche lang besucht. Sein Selbstbewusstsein ist gegen Ende dieses Kurses – ein wenig zu unserem Bedauern – ins fast Unermessliche gestiegen. Ob das in der kommenden Woche anstehende Aufeinandertreffen der nun auf Gleichstand gebrachten Egos der Kontrahenten einen positiven Ausgang nehmen wird – wir wagen es nicht vorherzusagen.

Anatol übt in seinem Zimmer ein letztes Mal seine Schlagfertigkeitslektionen, während Elie und ich im Wohnzimmer einen Nachmittagstee trinken.

Elie zieht die Stirn in Falten. „Das gibt ein Drama – ich sehe es kommen. Diese ganzen Kurse und Coachings, da glaube ich nicht dran! Die dienen doch nur dazu, schüchternen Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen. Wenn sie dann ihrem mobbenden Chef die perfekte schlagfertige Antwort geben, sind sie auch noch ihre Stelle los! Oder glaubst Du, dass irgendjemand seinem Mobber-Chef sagen wird ‚Übrigens, wie weit ist es mit Ihrer Scheidung?‘, wenn der Chef wieder mal eine fiese Bemerkung macht? Das tut doch niemand. Und wenn, dann braucht er danach einen neuen Job. Nein, aus meiner Sicht ist das alles Nepp! Gegen Mobbing muss man anders vorgehen.“

Im Grunde teile ich Elies Meinung. Mobbing sollte man mit rechtlichen Maßnahmen bekämpfen können – aber wir alle wissen, wie schwer das ist. Dem Mobber mit schlauen Sprüchen kommen, wenn er bereits die Oberhand hat, das scheint auch mir sehr gewagt.

Anatol ist indessen fest davon überzeugt, dass es ihm gelingen wird, der Schikane innerhalb kurzer Zeit Herr zu werden. Was gibt ihm diese Sicherheit? Anatol erklärt es uns.

„Beim Coaching haben wir Situationen durchgespielt, die mir tatsächlich mit Angelo passiert sind. Die Coachin hat das alles mit mir analysiert – und nun bin ich der festen Überzeugung, dass Angelo ein Blender ist. Er hat in Wirklichkeit nur wenig Ahnung! Es traut sich aber niemand, mal genauer nachzufragen. Übrigens habe ich gegoogelt: auf der Webseite von Dinojugend forscht steht er nirgends als Preisträger drauf. Vielleicht hat er das nur erfunden! Ich werde mich jedenfalls von dem nicht mehr piesacken lassen.“

Siegessicher verlässt Anatol heute früh das Haus. Ich setze mich an den Computer, um den zweiten Teil meiner Novelle in Angriff zu nehmen, aber es kommen mir keine Ideen. Um 10 Uhr lösche ich alles heute Geschriebene und mache mich daran, die Abstellkammer aufzuräumen. Zu sehr beschäftigen mich die Gedanken an Anatols geplante Anti-Mobbing-Aktion.

Nun ist es 13 Uhr – bald sollten die beiden Butler aus der Schule kommen… jodoch betritt um viertel nach Eins nur Elie die Wohnung.

„Anatol sitzt nach,“ erklärt er lakonisch. „Sie denken darüber nach, ihn der Schule zu verweisen. Also die Lehrerkonferenz. Na ja, ich habs ja gesagt.“

Entsetzt will ich die ganze Geschichte hören, bevor ich den Schuldirektor anrufen werde. Elie fasst den explosiven Vormittag zusammen.

Zur ersten „Begegnung“ mit dem Widersacher sei es in der Französischstunde gekommen. Angelo, der Überflieger, habe bei einer Antwort Anatols einen kleinen Aussprachefehler ins Lächerliche gezogen – worauf seine Clique in hämisches Gelächter ausgebrochen sei. Anatol habe dies allerdings nicht auf sich beruhen lassen, sondern habe dem „Feind“ entgegengeschleudert, wenn er so schlau sei, solle er doch mal den Subjonctif I des Verbs acquérir in der ersten Person sagen. Er würde auf die Antwort notfalls auch warten!

Da Angelo diese Konjugation nicht beherrschte (was ihm im Grunde nicht vorzuwerfen war, da man dieses Verb noch nicht im Unterricht behandelt hatte), obwohl er sich selbst als den ultimativen Französisch-Crack bezeichnete, habe Anatol diesmal die Lacher auf seiner Seite gehabt – nämlich die Schüler, die ebenfalls unter der Knute des Klassenbesten litten.

In der nachfolgenden Pause habe Angelo Anatol mit seiner Clique umringt. Elie, Mirko und Edouard sei das Herz tief in die Hose gerutscht, da sie die Vergeltung der Bande fürchteten. Anatol habe ihnen jedoch vorher gesagt, es werde gewiss nichts passieren. Sollte die Clique ihn auf dem Schulhof tätlich angreifen, habe er endlich einen Beweis für die Boshaftigkeiten, den auch die Lehrer nicht mehr würden ignorieren können. Größere Sorgen mache er sich um den Nachhauseweg, aber dafür habe er auch eine Lösung parat.

Es sei dann zunächst zu einem verbalen Schlagabtausch gekommen. Angelo habe Anatol als „grünen Wurm“ bezeichnet, der einen „Zwergenaufstand probe“. Dies werde ihm schlecht bekommen, wie er noch sehen werde.

Anatol, nun wieder im Vollbesitz seiner legendären Unverfrorenheit, habe darauf geantwortet, er sei lieber ein grüner Wurm, als ein „arroganter, aufgeblasener Lackaffe“. Da Angelo daraufhin vor Wut zu platzen drohte und sich Tätlichkeiten ankündigten, habe Anatol sein Heil in schleuniger Flucht gesucht. In Anbetracht der starken zahlenmäßigen Übermacht des Gegners sei dieser Rückzug nicht ehrlos gewesen. Angelo habe den Flüchtigen jedoch eingeholt, worauf sich ein kurzes Handgemenge entsponnen habe.

Anatol habe es glücklicherweise geschafft, sich aus der Umklammerung des Widersachers zu lösen und flugs auf die große Buche auf dem Schulhof zu klettern. Angelo, vor Wut schäumend, sei bei der Verfolgung Anatols in einer günstig am Fuße der Buche gelegenen Schlammpfütze ausgerutscht und morastbekleistert aus der Lache gestiegen. In diesem Moment habe Anatol begonnen, den bekleckerten Gegenspieler unter lautem Gezeter mit offenbar eigens zu diesem Zwecke mitgeführten, schon etwas älteren Tomaten zu bewerfen.

Ein prompt herbeigeeilter Lehrer habe dem Spektakel schließlich ein Ende bereitet.

Angelo sei in den Waschraum gebracht worden, wo er einer notdürftigen Reinigung unterzogen worden sei. Anatol habe man in das Büro des Direktors geführt. Dieser habe zunächst versucht, Anatol einzuschüchtern – was indessen nicht gelungen sei. Anatol habe auf der Anwesenheit seines Vertrauenslehrers bei der Vernehmung  bestanden. Erst als Herr Hildebrandt ins Zimmer des Direktors gekommen sei, habe Anatol den gesamten Verlauf des Mobbings von seinem Beginn an erzählt. Dies und die danach ad hoc einberufene Lehrerkonferenz habe fast drei Stunden gedauert. Am Unterricht haben weder Angelo noch Anatol mehr teilgenommen.

All dies wisse Elie von Herrn Hildebrandt, der ihn bei Schulschluss in Kenntnis gesetzt habe. Vorerst habe man offenbar entschieden, Anatol wegen des Tomatenwerfens, welches als überproportionale Handlung und nicht als notwendige Verteidigung beurteilt worden sei, eine Stunde nachsitzen zu lassen. Darüberhinausgehende Maßnahmen seien allerdings noch nicht beschlossen. Der Direktor habe zunächst vorgehabt, Anatol von der Schule zu werfen, sei damit aber am entschiedenen Widerstand des Lehrerkollegiums gescheitert.

Angelo habe man heute an der Schule nicht mehr gesehen.

Elie lässt den Kopf hängen. „All das wird noch ein Nachspiel haben. Und kein gutes!“

Ich hingegen bin insgeheim stolz auf meinen Butler. Er hat Mut bewiesen, und sich die Ungerechtigkeiten des durchtriebenen Angelo nicht gefallen lassen. Egal was das für Folgen haben wird: wir werden damit klarkommen. Zudem bin ich sicher, dass Anatols Vertrauenslehrer, Herr Hildebrandt, aber auch der Lateinlehrer Herr Justus auf Anatols Seite stehen werden. Beide sind regelmäßig Zielscheibe von Angelos Spitzen, da ihr Unterricht angeblich „nicht ausreichend wissenschaftlich qualifiziert“ sei.

Als Anatol am frühen Nachmittag aus der Schule kommt, haben Elie und ich Pfannkuchen mit Erdbeermarmelade vorbereitet.

Anatol ist müde, aber gefasst. Er meint, dass es ab jetzt kein weiteres Mobbing mehr geben werde. Die Lehrerkonferenz habe beschlossen, dagegen ganz allgemein vorzugehen. Herr Hildebrandt sei zum Mobbing-Referenten ernannt worden. Sobald man sich als Opfer von Schikane oder Hänseleien sehe, könne man sich nun an ihn wenden. Stolz vertilgt Anatol seine Pfannkuchen. Dann verkriecht er sich, von Emotionen überwältigt, weinend in seinem Nest. Aber diesmal ist es ein gutes Weinen!

Am nächsten Tag werden wir von Herr Hildebrandt erfahren, dass Angelo für ein Auslandssemester an die Harvard-Universität gerufen worden sei. Ob das stimmt, oder ob es nur eine Bemäntelung für ein Aussetzen ist, ist uns egal. Angelo wird erst in sechs Monaten wieder aufs MPG zurückkehren und dann voraussichtlich in eine andere Klasse gehen.

Von jetzt an gehen Anatol und seine Freunde wieder unbeschwert in die Schule.

Nachtrag:

Mobbing in der Schule ist ein sehr ernstes Thema. Wenn Ihr Opfer von Hänseleien und Schikane seid: sprecht mit Euren Eltern und mit den Lehrern darüber. Sucht Verbündete und bleibt nicht allein. Wartet nicht ab, sondern handelt schnell. Gebt dem Mobber keine Macht über Euch, indem Ihr es über einen längeren Zeitraum ertragt. Es wird nicht von allein besser!

Jeder kann Opfer von Mobbing werden. Das Opfer von Mobbing ist niemals schuld daran – schuld ist allein der Täter! Lasst Euch nicht einreden, dass Ihr selbst Ursache des Mobbings seid. Oft ist der Täter neidisch; manchmal entscheidet aber auch nur der Zufall darüber, dass man Opfer von Mobbing wird. Niemand hat es verdient, gemobbt zu werden!

118. Kapitel – Anatol, Jäger der Mobber-Gang

Was bisher geschah:

Anatol wird von einer Gang von Schulkameraden unter der Führung des charismatischen Angelo gemobbt. Nach eingehender Beratung mit Elie und Mina sind wir entschlossen, den Kampf gegen die Schikane, deren Opfer Anatol täglich wird, aufzunehmen.

Unsere erste Maßnahme besteht darin, einen Coach für Anatol zu suchen. Dies gelingt dank der heimlichen Hilfe von Herrn Hildebrandt, Anatols Vertrauenslehrer, zum Glück schnell.

So lange es Anatol nicht besser geht, soll er nicht in die Schule. Deshalb machen wir auch einen Termin beim Hausarzt aus, der nach kurzer Schilderung des Sachverhalts Anatol heute noch sehen will. Einmal mehr fehlt uns Fridolin schmerzlich. Seit Monaten haben wir nichts von ihm gehört. Ich nehme mir insgeheim vor, bald Nachforschungen anzustellen.

Der Hausarzt schreibt Anatol  für die kommende Woche krank – so niedergeschlagen ist der Saurier. Im Bett liegen wird er aber nicht. Nein – Anatol wird einen Anti-Mobbing-Kurs mitsamt einem Schlagfertigkeitstraining besuchen.

Mein frecher, fast schon unverschämter Butler braucht Nachhilfe in Schlagfertigkeit – im Grunde kann ich es kaum glauben. Einmal mehr wird mir klar, dass Mobbing jeden treffen kann. Wenn ich jemanden als undenkbares Mobbingopfer angesehen hätte, wäre das Anatol gewesen. Und doch …

Heute früh ist Anatol mit hängendem Kopf zu seinem ersten Anti-Mobbing-Kurs aufgebrochen. Dem Rat der Coachin folgend habe ich ihn allein losgeschickt. Der Kurs dauert den ganzen Tag.

Nun wird es langsam Abend. Anatol ist immer noch nicht zurück – Elie und ich warten gespannt auf seine Rückkehr und die  Erzählungen aus dem Kurs. Vielleicht können wir ja ein paar gute Tipps aus dem Schlagfertigkeistraining mitnehmen?

Vorsorglich bestelle ich uns eine riesige Pizza Marguerita bei unserem Lieblingspizzalieferanten – dann kann ein hoffentlich gemütlicher, entspannter Abend beginnen.

Da – aus dem Treppenhaus ertönt ein wohlbekanntes Geräusch: Anatol hüpft voller Energie die vier Stockwerke hoch. Seit Wochen ist das nicht geschehen! Die Tür springt auf und ein freudestrahlender Saurier betritt die Wohnung. Siegesgewiss reckt er die Arme in die Höhe und ruft: „Ich krieg ihn! Ich schaff es!“

Offenbar ist bereits nach dem ersten Tag des Anti-Mobbing-Trainings eine regelrechte Spontanheilung der Depression des Butlers eingetreten: Anatol scheint vor Selbstbewusstsein geradezu zu strotzen. Zweifelnd wirft Elie mir einen Blick zu. So schnell kann man ein Mobbing-Opfer eigentlich nicht wieder aufbauen… ich dämpfe daher den Tatendrang des Sauriers, indem ich ihn bitte, die imaginäre geistige Vernichtung des Feindes auf später zu verschieben und sich zum Abendessen zu setzen.

IMG_3557Gierig greift Anatol zur Pizza. Eine, zwei – drei Pizzaecken verschwinden in Windeseile, während der Butler mit vollem Munde von dem Schlagfertigkeitstraining erzählt.

Mehrere Techniken seien ihm beigebracht worden – die sogenannte „Selber-Technik“, die „Technik der unerwarteten Zustimmung“ und die des „glasklaren Richtigstellens“. Letztere habe er zwar noch nicht ganz verstanden, aber man werde daran noch vertieft arbeiten.

Außerdem habe die Coachin ihn darum gebeten, heute abend eine Liste seiner Stärken zusammenzustellen – diese solle morgen diskutiert werden. Er sei mit der Liste schon recht weit vorangekommen (seine Stärken habe er selbstverständlich im Kopf), er hoffe indessen auf unsere Unterstützung, da er die Liste noch erweitern wolle. Bisher habe er Folgendes aufgeführt:

„Überdurchschnittliche Intelligenz bei gleichzeitiger emotionaler Klugheit. Ausgeprägte Kreativität und Originalität. Pragmatische Herangehensweise an Probleme aller Art. Makelloses Aussehen.“

Elie runzelt die Stirn.

„Das Wort Genie fehlt in Deiner Aufzählung, Anatol. Vielleicht solltest Du das noch einfügen?“

Eifrig nickt der Butler. „Das werde ich… “ Anatol unterbricht sich. „Willst Du mich verkohlen?“ knurrt er missmutig.

Ich beeile mich, dem Gespräch eine andere Richtung zu geben und weise darauf hin, dass die besagte Liste nicht der – wenngleich oft heilsamen! – Selbstbeweihräucherung dienen solle, sondern dazu da sei, sich seiner echten Stärken, die einen auch in den Augen anderer zu einem liebenswerten Mitsaurier machen, bewusst zu werden. Daher schlage ich vor, dass Elie die Liste erarbeiten soll, um eine neutrale und somit wahrhaftige Aufzählung von Anatols guten Seiten abzufassen. Zudem verspreche ich, die Zusammenstellung Korrektur zu lesen.

Eine Stunde später liegt diese, von Elie verfasste Liste vor, die Anatol gerührt in Empfang nimmt:

Mein Kumpel Anatol ist nicht nur klug und einfallsreich, sondern auch ein warmherziger, treuer Freund. Auf Anatol kann man sich verlassen! Er hat immer originelle und witzige Ideen. Anatol steht zu seiner Meinung, auch wenn es ihm Nachteile bringen kann. Er ist unkonventionell und kreativ. Er setzt sich mutig für Schwächere ein und lässt sich durch Kritik nicht beirren. Ich will ganz sicher nie mehr ohne Anatol leben!

Anatol faltet das Blatt Papier zusammen und steckt es in seinen Schulranzen. Sollte es ihm möglicherweise mehr Kraft geben als der Schlagfertigkeitskurs? Wir werden sehen.

Der Tag hat Anatol müde gemacht: gleich nach dem Abendbrot verschwindet er in seinem Nestchen und schläft ein.

Elie sieht mich skeptisch an. „Was hältst Du von diesem Training? Angelo ist so geschickt – ich kann mir nicht vorstellen, dass Anatol – oder wer auch immer – ihm nach einem solchen Kurs etwas entgegenhalten kann. Ehrlich gesagt, habe ich Angst, dass das Ganze in einer Katastrophe endet.“

Ich gebe zu bedenken, dass der Kurs von einer renommierten Coachin, um deren Schulungen sich selbst Manager reissen, gegeben wird. Da könne es doch kein Risiko geben?

Elie bleibt misstrauisch. Gerade habe er im Internet ein großartiges, geradezu „obercooles“ Video gefunden. Er hoffe, dass Anatols Schlagfertigkeitstraining nicht zu diesen Ergebnissen führen werde:

Fortsetzung folgt!

117. Kapitel – Widerstand

Was bisher geschah

Anatol wird von seinem erfolggekrönten Klassenkameraden Angelo und dessen Lakaien – anders kann man die um den Überflieger herumscharwenzelnden Schmeichler nicht nennen – gepiesackt und getriezt. Im Unterricht traut er sich nicht mehr, Fragen zu stellen, und auf dem Schulhof spricht kaum noch ein Klassenkamerad mit ihm. Auf Dinobook und Whatsdino kursieren Meldungen, die Anatol lächerlich machen.

Als ich das gesamte Ausmaß der Schikane, deren Opfer Anatol ist, erkenne, ist meine erste Reaktion ohnmächtige Wut. Fast will ich mir die Schuldigen persönlich vorknöpfen und ihnen eine Abreibung verpassen. Leider muss ich jedoch erkennen, dass Schul- und Cybermobbing ein von den Tätern mit List vorbereitetes Manöver ist: es ist geradezu unmöglich, nachzuweisen, auf wen die Gemeinheiten zurückgehen. Wir haben zwar einen Hauptverdächtigen, aber keine Beweise. Die häßlichen Bemerkungen, die Anatol in der Schule zu ertragen hat, werden meist vor der Clique abgegeben, die auf der Seite des Mobbers steht und die gegen ihn nicht aussagen wird. Wer das Federmäppchen entwendet und in die Mülltonne geworfen hat: es bleibt im Dunklen. Ebenso verhält es sich mit dem Schulheft, in welchem die gemachten Hausaufgaben notiert sind: es verschwindet und wird später zerfleddert und verdreckt auf dem Schulhof wiedergefunden. Der Täter bleibt unerkannt.

Das Opfer hat nur den Schaden – aber keine Zeugen.

Äußerungen, die der Mobber während des Unterrichts abgibt, und die Anatol treffen sollen, werden vom Lehrer nicht immer als „so schlimm“ aufgefasst. Dass sich die spitzen Bemerkungen aber häufen und sich wieder und wieder gegen die selbe Person richten, fällt nicht auf: in jeder Stunde sind andere Lehrer anwesend, die nicht wissen, was in der vorhergehenden und der nachfolgenden Schulstunde passiert.

Das außergewöhnliche Nachhilfeprojekt war Anatols vergeblicher letzter Versuch gewesen, in der Schule und besonders seiner Klasse wieder etwas Ansehen zu erlangen. Aber das Projekt ist von Angelo vor versammelter Mannschaft ins Lächerliche gezogen worden – es wird nun kaum jemals umgesetzt werden. Zu groß ist die Angst der anderen Schüler, ebenfalls in Ungnade zu fallen, falls sie sich an einem solchen Projekt beteiligen.

IMG_3556Anatols Reaktion kann man nicht einmal mehr Verzweiflung nennen. Er liegt unter der Decke in seinem Nestchen und wiederholt seit einer Stunde gebetsmühlenartig den selben Satz: „Ich geh da nie wieder hin!“

Mina, Elies kleine Stoffkuh, hat sich zu Anatol gesetzt und versucht, ihn zu trösten.

Anatols legendäre Chuzpe, seine Fröhlichkeit und Dreistigkeit, sein Selbstvertrauen: es ist alles dem Mobbing anheimgefallen. Anatol ist nicht wiederzuerkennen.

So kann es nicht weitergehen. Uns allen ist klar: es muss etwas geschehen. Nur wie?

Elie sitzt ratlos am Computer.

„Ich hab unendlich viele Seiten gefunden, die sich mit „Mobbing in der Schule“ beschäftigen. Alle sagen das Gleiche: man soll die Lehrer und die Schulleitung informieren. Nur leider ist ja der Direktor auf Angelos Seite! Er ist zu stolz darauf, einen Preisträger von Dinojugend forscht auf der Schule zu haben. Gegen den wird er nie etwas tun. Und die Lehrer auch nicht. Eher müssen wir von der Schule …“

Ich kann es nicht fassen. Da mobbt ein Schüler ungestraft über Wochen einen anderen – und nun soll es gar das Opfer sein, welches weichen muss? Meine Dinos sollen von der Schule, weil ein bösartiger Klassenkamerad ihnen das Leben zur Hölle macht?

Das ist schon deshalb undenkbar, weil es in der Nähe gar keine geeignete andere Schule gibt. Anatols Schule ist ein etwas altmodisches, altsprachlich-humanistisches Gymnasium, an dem man aber nicht nur Latein und Griechisch, sondern auch lebende Sprachen perfekt erlernt. Zudem ist es meine alte Schule … nein, die werden wir nicht aufgeben. Abgesehen davon, dass Anatol auf dem naturwissenschaftlichen Gymnasium, das es hier auch noch gibt, verloren wäre: Mathematik, Physik und Chemie gehören leider nicht zu Anatols Stärken – auch wenn er sich noch so anstrengt.

Nein, wir werden das Feld nicht räumen. Wir leisten Widerstand!

Fortsetzung folgt!

116. Kapitel – Paint it, black

No more will my green sea go turn a deeper blue
I could not foresee this thing happening to you

Es ist Mittag – gleich werden die Butler aus der Schule kommen. Der Tisch ist gedeckt, das Essen vorbereitet: heute soll es Pfannkuchen mit Salat geben. Die zu erwartende Unterbrechung passt mir indessen gar nicht: ausgerechnet jetzt habe ich eine kreative Phase und komme mit meiner Novelle gut voran.

Die Tür geht auf – aber anstelle von zwei fröhlich schwatzenden Sauriern betritt nur ein kleines grünes Wesen die Wohnung. Es lässt den Kopf hängen und wirkt um mehrere Zentimeter geschrumpft. Eine schwarze Wolke scheint es zu umgeben.

Es ist Anatol.

Stumm stellt er seinen Schulranzen in die Ecke und verkriecht sich in sein Nest. Auf meine Ansprache reagiert er zunächst mit einem leisen Weinen, dann sagt er mit erstickter Stimme: „Ich geh da nicht mehr hin – nie, nie wieder!“

Noch bevor ich Genaueres aus Anatol herausfragen kann, kommt Elie herein. Er sieht ebenfalls sehr bedrückt aus.

Was ist passiert?

„ER hat mich fertig gemacht. Vor der ganzen Klasse!“ schluchzt Anatol. Um seine Fassung ist es nun geschehen. „Das Schlimmste ist, dass wir morgen unser Projekt beim Schuldirektor vorstellen müssen – aber ER hat allen schon jetzt gesagt, dass es nicht funktionieren wird, dass meine Idee doof ist und dass ich mir wieder einmal nur Mist ausgedacht habe! Und dass ich sowieso blöd und nervig bin.“

„ER“ ist Angelo – der Widersacher, die Nemesis meiner beiden Saurier. Der Überflieger, dem alles gelingt, der Elie die heimliche Geliebte – Anna – ausgespannt hat und der mit einem Fingerzeig darüber entscheiden kann, wer ab sofort geschnitten und wer in die von allen bewunderte Clique um den Crack aufgenommen wird. Dass Anatol nicht zu letzterer zählt, versteht sich von selbst.

Zunächst in Elies Klasse eingeschult hat Angelo gleich drei Jahrgänge übersprungen und geht nun in Anatols Klasse – wo er nicht nur Klassenbester ist, sondern auch oft den Lehrer vertritt, wenn dieser abwesend ist.

Ich hatte derlei Erzählungen bisher als „Sauriergarn“ abgetan. Anatols desolater Zustand bringt mich jedoch zu der Überzeugung, dass an den Geschichten etwas Wahres sein muss: Anatol geht gern zur Schule, und dass er nun „nie wieder dort hin“ will, ist bedenklich.

In den letzten Monaten hatte ich allerdings seltsame Veränderungen in Anatols Verhalten bemerkt: er sitzt nun bis tief in die Nacht an seinen Hausaufgaben, überprüft alle Arbeiten mehrfach, bevor er sie abgibt und lernt geradezu verbissen alle Fächer nach, in denen er nicht perfekt ist. Ich hatte das auf einen fehlgeleiteten Ehrgeiz geschoben, von dem ich gehofft hatte, dass er sich von allein geben würde. Nun sieht es jedoch so aus, als ob die Arbeitswut der puren Verzweiflung entspringt.

Ich versuche mich dem Problem zu nähern, indem ich zunächst ganz neutral nach dem „Projekt“ frage, um das es augenscheinlich geht. Was hat es mit diesem Vorhaben auf sich?

Das „Projekt“ ist eine von Elie, Anatol, Mirko und Levone erdachte Hausaufgaben-Hilfsorganisation, die darin besteht, dass die die Schüler einander bei den Hausaufgaben helfen. Dies ist keine revolutionäre Idee – derlei Aktionen gibt es ja zu Hauf.

Das Besondere bei der von den kleinen Sauriern ins Leben gerufenen Organisation ist ein Rotationsprinzip: jede Schülerin und jeder Schüler soll das von den anderen Erlernte an den nächsten Schüler weitergeben – so daß auch die schwächeren Schüler einmal in die Rolle des Nachhilfelehrers schlüpfen. Damit das keine Katastrophen zur Folge hat, darf jeder kleine Nachhilfelehrer (soweit er dies wünscht) den eigenen Nachhilfelehrer zur Sicherheit in die von ihm bestrittene Stunde mitnehmen, muss diese aber allein vorbereiten und auch allein abhalten. Nur im Notfall soll der Nachhilfesaurier eingreifen.

Anatol, Elie und ihre Freunde glauben, dass man etwas, das man anderen erklärt, viel besser selbst versteht, als wenn man es nur passiv lernt. Ich finde die Idee großartig, bin mir aber ob ihrer Umsetzbarkeit nicht wirklich sicher.

„Herr Hildebrandt, unser Physiklehrer, mag das Projekt auch!“ sagt Elie. „Er hat uns sogar angeboten, dabei mitzumachen. Aber wir wollten es ja ganz allein organisieren, ohne Lehrer. Nun können wir die Sache wohl in die Tonne verabschieden. Angelo hat es zunichte gemacht. Es will niemand mehr etwas davon wissen.“

Anatol schluchzt laut auf. „Es war meine Idee. Und das ist auch der einzige Grund, aus dem Angelo das Projekt nicht mag!“

Hier werde ich hellhörig. Wie kann es sein, dass ein Schüler ein Projekt zerstört, nur weil es von einem bestimmten anderen Schüler ausgedacht wurde? Ich bin vermutlich zu naiv – aber ich kann es mir kaum vorstellen.

„Angelo kann mich nicht leiden. Seit ich damals das Referat gehalten habe und die Eins in Physik bekommen habe, tut er alles, um mich lächerlich zu machen. Dass Elie ihm Entengrütze ans Fenster geschmissen hat, hat auch nicht wirklich geholfen. Und nun erzählt er überall, wie dumm ich angeblich sei. Wenn ich in der Mathestunde eine Frage stelle, verdreht er die Augen! Als ich gestern in Französisch etwas nicht ganz richtig ausgesprochen habe, hat er laut gestöhnt und „schon wieder“ gesagt … andauernd ist etwas, mit dem er mich bloßstellt! Aber wer in seiner Clique ist, der kann die größten Fehler machen – das macht nichts. Mirko und Edouard stehen auch auf seiner Abschußliste. Mirko hat letzte Woche gesagt, er würde am liebsten sterben. Er hat außer Edouard und mir gar keine Freunde mehr.“

Ich bin fassungslos. Was Anatol beschreibt, ist Mobbing! Warum reagieren die Lehrer nicht, wenn kleine Schüler so drangsaliert werden, dass sie nicht mehr leben wollen? Wutentbrannt kündige ich an, noch heute den Direktor des Gymnasiums anzurufen, die Untaten des Scheusals, das unseligerweise in die selbe Klasse wie Anatol geht, zu melden und Sanktionen zu fordern!

Lautes Protestgeschrei der Saurier ist die Folge. „Auf keinen Fall rufst Du den Direktor an!“ schreit Anatol. „Dann bin ich ein Verräter und brauche nie wieder in der Schule aufzutauchen!“

„Aber das willst Du ja schon jetzt nicht mehr, Anatol“ gebe ich leise zu bedenken.

„Der Direktor ist der Angelos größter Fan“, sagt Elie. „Mit dem brauchst Du nicht zu sprechen. Angelo ist Preisträger von Dinojugend forscht, er hat bei Dinojugend musiziert schon etliche Preise bekommen, heisst es. Der Direktor würde nie etwas gegen Angelo unternehmen – schon damit er auf unserer Schule bleibt. Nein, wir haben das alles schon mit Mirko und Edouard durchdacht. Wenn, dann müssen wir Angelo mit seinen eigenen Waffen schlagen. Leider wissen wir noch nicht, wie. Angelo sagt uns ja auch immer, wie dumm und unfähig wir sind. Daran muss es liegen.“ Elie lässt den Kopf hängen. „Ich weiss nicht, was Anna an ihm findet“ fügt er hinzu. „Vielleicht hat sie Angst, zu den Ausgestoßenen zu gehören, wenn sie sich von ihm trennt? Ich kann überhaupt nicht mehr mit ihr sprechen – jedenfalls nicht allein.“

Vorerst bleibt festzuhalten, dass wir für das Problem keine Lösung haben.

Ich stelle die Pfanne aufs Feuer und beginne, unsere Flinsen zu braten. Dann sage ich zu Anatol: „Ich werde nicht weiter zulassen, dass dieser Angelo Dich und die anderen so schikaniert. Wir werden uns eine Strategie ausdenken. Aber nun wird Mittag gegessen. Danach sehen wir weiter.“

… Fortsetzung folgt

115. Kapitel – Schmu am Bau

Seit Tagen weckt sie uns mit schöner Regelmäßigkeit – die Parkettschleifmaschine, die unser Nachbar allmorgendlich einsetzt, um seine Wohnung grundzuerneuern.

Es ist nicht die einzige Renovierungsmaßnahme, die nebenan durchgeführt wird: seit gestern sind alle Fenster der Nachbarwohnung entfernt, und heute früh sehe ich den Wagen eines Installateurbetriebs vor dem Haus parken. Offenbar soll auch der gesamte Sanitärbereich erneuert werden.

„Bei wem ist denn das, diese ganze Renoviererei?“ frage ich ratlos am Frühstückstisch. Ich kenne natürlich alle Bewohner meines Hauses – aber dies betrifft das Nachbarhaus, und wer genau dort im dritten Stock wohnt, habe ich nicht parat.

„Das ist in der Wohnung von Herrn Hesse“, weiss Anatol zu berichten.

„Richtig – da lebt ja Herr Hesse. Er entkernt seine Wohnung?“ Fast kann ich es nicht glauben. Herr Hesse ist unser alter Gärtner aus dem Kleperweg. Die Gärtnerei am Kleperweg hat Herr Hesse in der dritten Generation geführt… und schon 1872 gab es den Betrieb: Anatol hat es im Internet gefunden.

Mit Wehmut erinnere ich mich an die fabelhafte Schwengelpumpe, die inmitten von Blumenkübeln, blütenbehangenen Pflanzen und Sträuchern im Verkaufsraum der Gärtnerei aus dem darunterliegenden Brunnen Wasser für die Blumen in eine schmiedeeiserne Wanne heraufpumpte. Jedesmal, wenn wir bei Herrn Hesse Blumen kaufen, darf ich die Pumpe betätigen. Wie lang mag es her sein? Bald 40 Jahre … ich seufze.

Herr Hesse ist lange in Rente – die Gärtnerei gibt es nicht mehr. Die Stadt hat das Grundstück gekauft; heute ist darauf ein Turnplatz eingerichtet.

Die Butler kennen und mögen Herrn Hesse, weil er oft mit ihnen im Park auf der Bank sitzt und Geschichten aus alten Zeiten erzählt. Die beiden lieben es, den ganzen Nachmittag dort mit dem alten Herrn zu verbringen, jeder auf einer Seite sitzend, und sich alle Blätter und Blumen, die sie ihm zeigen, genauestens erklären zu lassen. Aber Herr Hesse ist nun weit über 90 … im Park ist er seltener als früher, und er ist auch nicht mehr so rüstig wie noch im letzten Jahr.

Ich entschließe mich, heute Mittag bei unserem alten Nachbarn zu klingeln und ihn zu fragen, ob alles zu seiner Zufriedenheit verlaufe. Vielleicht ist er aber auch während der Bauarbeiten zu Verwandten gezogen?

Anatol verneint das. „Gestern habe ich ihn beim Bäcker gesehen, als er sein Baguette kaufte. Und da fand ich ihn ziemlich niedergeschlagen. Wir hätten längst vorbeigehen sollen“, fügt er reumütig hinzu.

Ich will nun nicht mehr bis Mittag warten. Sogleich nehme ich meinen Mantel, ziehe die Schuhe an und begebe mich zum Nachbarshaus. Anatol und Elie haben sich still in meine Handtasche verkrochen und kommen mit; zu gern möchten sie wissen, ob bei ihrem alten Freund alles in Ordnung ist. Ich sage es nicht laut, denke es aber: ich befürchte, dass Herr Hesse in Schwierigkeiten ist.

Mehrmals muss ich die Klingel betätigen, bis der Türsummer ertönt. Erleichtert drücke ich die Türe auf und steige die Treppe hoch bis in den dritten Stock. Unter ohrenbetäubendem Lärm öffnet Herr Hesse die Wohnungstür. Die Wohnung: ein Schlachtfeld. Die Möbel sind in der Mitte der Zimmer unter Planen versteckt, darum herum schiebt der Parkettschleifer seine Maschine. Nur ein Zimmer hat noch Fenster – dort steht auch das Bett von Herrn Hesse. Alle anderen Zimmer sind vollständig entkernt: Fenster, Türen, Bodenbelag – alles ist herausgerissen und wird renoviert.

Inmitten dieser Baustelle hat der alte Mann sich ein Plätzchen in seinem noch halbwegs intakten Schlafzimmer eingerichtet. Es versteht sich von selbst, dass wir unseren Freund auf der Stelle zu uns einladen, wo er kurze Zeit später vor einem heissen Tee mit Kandis sitzt.

Langsam trinkt Herr Hesse seinen Tee. Ich finde ihn müde, niedergeschlagen – er ist sehr alt geworden. Als ich nachrechne, wie alt er wohl wirklich sein mag, komme ich auf fast 100 Jahre. Dennoch lebt Herr Hesse ganz allein – warum kümmert seine Familie sich denn überhaupt nicht um ihn, frage ich mich im Stillen …

Um die Bau-Misere in einem etwas positiveren Licht erscheinen zu lassen, beglückwünsche ich den alten Herrn zu der Entscheidung, seine Wohnung vollständig zu erneuern. Wie gern würde ich dasselbe hier durchführen …

„Sicher fühlen Sie sich in Ihrer renovierten Wohnung bald viel wohler als bisher. Während der Bauarbeiten entsteht immer viel Dreck und Lärm – aber hernach ist man froh, sich dazu durchgerungen zu haben! Per aspera ad astra – nicht wahr, Herr Hesse?“ Mit etwas jovialer Schönfärberei gedenke ich, unseren Freund wieder aufzubauen.

Dies gelingt indessen nicht. Herr Hesse seufzt. „Ich bereue es so. Wenn ich das doch alles rückgängig machen könnte. Aber Sie haben es ja gesehen: alles ist herausgerissen und die Arbeiten sind im vollen Gang. Es gibt kein Zurück mehr…“ Hier versagt Herrn Hesses Stimme.

Bestürzt mischt Anatol sich ein. „Aber Ihre Wohnung wird wunderschön sein! Die Arbeiten werden ja von richtigen Handwerkern durchgeführt – Sie werden zufrieden sein, bestimmt!“

Herr Hesse schüttelt den Kopf. „Ich werde ruiniert sein, wenn alles fertig ist. Schon heute sind meine Ersparnisse aufgebraucht durch die Bauarbeiten. Ich habe doch nur meine kleine Gärtner-Rente. Ich habe zwar noch nichts überwiesen, aber ab nächster Woche wird die erste Rate fällig. Ich werde niemals alles bezahlen können. Am Ende werde ich ausziehen müssen. Dabei habe ich mich in meinem ganzen langen Leben noch niemals verschuldet! Aber diese jungen Leute, die mir das alles verkauft haben – die waren so überzeugend! Ich konnte einfach nicht mehr Nein sagen.“ Dem alten Mann stehen Tränen in den Augen.

Anatol und ich tauschen einen wissenden Blick aus.

Unser Freund ist augenscheinlich Opfer einer Bau-Drückerkolonne geworden.

Ich bitte Herrn Hesse darum, uns zu sagen, wo die vertraglichen Unterlagen sind, die er für die Bauarbeiten unterzeichnet hat. Der alte Mann stößt einen tiefen Seufzer aus. „Es sind so viele Papiere – ich finde da nicht mehr durch. Ehrlich gesagt, fürchte ich, dass ich nicht mehr meinen Kopf von damals habe … diese vielen Seiten mit kleingedruckter Schrift überfordern mich!“ Beschämt sieht Herr Hesse zu Boden.

Ich beruhige ihn. „Wenn Sie wüssten, wie viele junge Leute nicht einmal imstande wären, eine einzige Seite zu lesen und zu verstehen …“ Dann schicke ich die beiden Butler in die Wohnung unseres Nachbarn, um den Dokumentenordner zu holen. Ich selbst möchte dort nicht gesehen werden – die Bauleute sollen vorerst nicht merken, dass sich jemand nun um die vertraglichen Angelegenheiten ihres „Kunden“ kümmert.

Kurze Zeit später sitze ich am Schreibtisch, einen Stapel „Kleingedrucktes“ vor mir. All dies sind die Bestellungen, die Herr Hesse in den letzten Wochen getätigt hat. Mit einem neuen Parkettboden und einer Energiebilanz beginnt die Bestellserie – es folgen (jeweils im Abstand weniger Tage): Küche, Sanitär, Fenster, Türen, ein neuer Anstrich und neue Heizkörper. Eine größere Summe als erste Anzahlung – sie wird in der Tat jetzt fällig – muss die Ersparnisse von Herrn Hesse darstellen, darauf folgen Kreditverträge mit einem offenbar recht hohen Zinssatz. Die Endsumme – gerade noch im fünfstelligen Bereich – erscheint horrend.

Ich schlage die Hände über dem Kopf zusammen und rufe Anatol. Bisher haben die Butler  mit Herrn Hesse in der Küche gewerkelt und gemeinsam das Mittagessen vorbereitet. Heute wird Herr Hesse natürlich bei uns essen – es soll Kartoffelsuppe mit veganer Bockwurst geben: eine von Anatols Spezialitäten.

„Anatol, ich bin entsetzt!“ flüstere ich dem Saurier zu. „Unser Freund ist einer Drückerbande aufgesessen. Das Ganze beläuft sich fast auf 100.000 Euro! Und das Schlimmste: ich fürchte, das ist alles gerade noch legal!“ Fassungslos hält Anatol sich beide Hände vor den Mund. „Das kann doch nicht sein!“ haucht er bestürzt. „Bei so etwas gibt es doch immer eine Möglichkeit zum Rücktritt – das weiss sogar ich!“

Ich zeige Anatol die Bestellscheine. „Sieh mal hier! Alle Verträge sind älter als 14 Tage – die Frist zur Ausübung des Rücktrittrechts ist längst abgelaufen.“

Ob die Verträge tatsächlich vor mehreren Wochen abgeschlossen worden sind, oder ob sie rückdatiert wurden: es ist nicht mehr festzustellen. Herr Hesse weiss nur, dass das Ganze schon „ein paar Tage – oder vielleicht Wochen“ – her ist. Es ist unmöglich, Genaueres herauszufinden. Für Herrn Hesse sind alle Tage gleich … und die jungen Leute, die ihn zu den Renovierungsarbeiten überredet haben, waren immer zu zweit da. Mit anderen Worten: sie haben jeweils einen Zeugen – Herr Hesse nicht.

Elie fragt seinen Freund ganz unbekümmert „Aber wieso hast Du denn das alles unterschrieben, wenn es doch so teuer ist?“ Anatol knurrt böse: „Frag nicht so doof, Elie! Er ist doch schon verzweifelt genug!“

„Doch“, sagt Herr Hesse. „Ich will versuchen, Euch das zu erklären – obwohl ich es selbst nicht mehr verstehe. Es begann vor mehreren Wochen – als es an meiner Tür klingelte. Ich dachte, das ist sicher der Postbote: vielleicht habe ich ein Päckchen oder einen Brief bekommen … und ich freute mich, als ich zur Tür ging und sie öffnete. Da standen diese beiden jungen Männer. Sie sprachen von einer Energiebilanz, die sie bei mir durchführen würden, und wie ich so Energie sparen könnte … das fand ich interessant. So habe ich sie hereingelassen.“

Herr Hesse macht eine kurze Pause. „Heute weiss ich, dass das ein Fehler war. Aber zunächst habe ich mir gar keine Gedanken darüber gemacht.“

„Die beiden jungen Männer haben als erstes mein ramponiertes Parkett gesehen. Dafür hätten sie ein großartiges Angebot, sagten sie – mein Parkett würde wie am ersten Tag glänzen und strahlen. Wenn ich mich für die Parkettrenovierung entscheiden würde, könnte ich die von Ihnen auch vorgenommenen Energiesparmaßnahmen günstiger bekommen. Dieses Angebot gebe es aber nur für eine kurze Zeit.“

Hier seufzt Herr Hesse wieder. „Ich dachte, so werte ich meine Wohnung auf – und meine Kinder erben in ein paar Jahren ein wertvolles, renoviertes Apartment. Tatsächlich werden sie aber nur Schulden erben. Wie konnte mir das nur passieren – mir als ehemaligem Kaufmann! Es ist mir so peinlich…“

Der alte Mann kann nicht weitersprechen. Ich ordne an, dass nun zu Mittag gegessen wird und wir dann nach einer Lösung suchen.

Am Nachmittag schicke ich Elie und Herrn Hesse in den Park, und Anatol zum Einkaufen.

Sodann nutze ich das Alleinsein, um mich mit den Kindern von Herrn Hesse in Verbindung zu setzen. Zwar weiss ich, dass dies dem alten Herrn unangenehm ist – aber anders geht es nicht. Auf der Baustelle, in die sich seine Wohnung verwandelt hat, kann man zur Zeit nicht leben, zumal es dort weder Küche noch Bad gibt: der Installateur hat soeben begonnen, die gesamten Sanitäranlagen sowie die Küche herauszureissen.

Glücklicherweise erreiche ich den Sohn von Herrn Hesse, dem ich in ruhigen Worten die Sachlage erläutere. Bestürzt erklärt mir der Herr, er rufe seinen Vater regelmäßig an – und ebenso regelmäßig sage dieser ihm, dass „alles bestens“ sei, es ihm gut gehe und er keine Hilfe brauche. Zu Weihnachten habe er allerdings bereits darüber nachgedacht, ob nicht eine Unterstützung notwendig sei … dies sei im neuen Jahr jedoch von Arbeit, eigener Familie und eben all dem, was täglich anfalle, verdrängt worden. Er werde heute noch am frühen Abend anreisen und seinen Vater zu sich holen. Was man wegen der Renovierungsarbeiten unternehmen könne … darüber müsse er sich später Gedanken machen.

Ich atme auf. Zumindest würde der alte Herr nicht weiter inmitten von Bauschutt leben müssen. Das finanzielle Problem – nun, das war nicht meines. In meiner kurzen gerichtlichen Praxis habe ich ausreichend Erfahrungen mit Drücker-Machenschaften sammeln müssen: nur in wenigen Fällen ist dem auf rechtlichem Wege beizukommen. Die Kolonnen gehen mit äußerster Vorsicht vor – und haben auch allen Anlass dazu.

Dies teile ich Herrn Hesses Sohn mit, als er den alten Vater ein paar Stunden später bei uns abholt. Ich rate dringend dazu, Rechtsrat einzuholen – auch wenn dies nicht immer zum Erfolg führe. Möglicherweise finde man aber doch einen Angriffspunkt. Viel Hoffnung kann ich indessen nicht machen.

Dementsprechend bewegt verläuft das Abendessen mit den Butlern. Anatol ist fuchsteufelswild. „Du kannst mir doch nicht sagen, dass diese Leute damit durchkommen? Sowas muss doch bestraft werden!“ Auch Elie ist fassungslos ob dieser himmelschreienden Ungerechtigkeit.

Ich erkläre den Sauriern das Problem. Herr Hesse ist alt – aber er ist nicht geschäftsunfähig. Wenn er möchte, kann er mit seinem Geld kaufen, was ihm gefällt. Von ihm geschlossene Verträge sind gültig.

„Ja aber die Leute haben ihn doch schamlos ausgenutzt – und benutzt!“ schreit Elie wütend.

„Wer soll das beweisen, Elie? Herr Hesse hat keinen Zeugen. Dann hat er sein Rücktrittsrecht nicht ausgeübt … Vor Gericht wird das schwierig. So sehr mir das auch missfällt. Leider habe ich schon diverse Prozesse dieser Art zu Lasten der Geprellten ausgehen sehen. Ich sage nicht, dass es aussichtslos ist. Aber eine einfache Sache wird das nicht vor Gericht.“

Elie und Anatol klettern wortlos in ihr Nestchen. Auch ich gehe ins Bett – der Tag war ereignisreich, und ich bin müde. Bevor ich einschlafe, höre ich die Butler aufgeregt im Nestchen flüstern. Ich kann das nachvollziehen, denn auch ich bin entrüstet darüber, was unserem Freund widerfahren ist.

Am nächsten Morgen muss ich wieder zur Arbeit. Ich trage den Butlern auf, ein Auge auf die Nachbarwohnung zu haben. Die Handwerker haben zwar die Schlüssel und sind auch frühzeitig wieder am Werkeln, aber ich halte es für besser, wenn jemand die Arbeiten – sei es auch nur aus der Ferne – überwacht.

In dem Glauben, für alles gesorgt zu haben, begebe ich mich zur Arbeit.

Um kurz vor 11 Uhr klingelt mein Handy. Anatol ist dran, flüstert aber nur. „Wir sind in der Wohnung! Bei Herrn Hesse – und eben sind die beiden Männer gekommen, von denen er erzählt hat! Wir haben uns versteckt – sie können uns nicht sehen. Sie scheinen verärgert, denn offenbar haben sie eine neue Bestellung dabei, die Herr Hesse unterschreiben sollte!“

Ich bin außer mir vor Sorge. Angstbebend weise ich Anatol und Elie an, auf keinen Fall ihr Versteck zu verlassen. Ich würde auf dem schnellsten Wege kommen, die Identität der beiden Drücker feststellen – und die Butler in Sicherheit bringen.

Als ich etwa eine Viertelstunde später in Herrn Hesses Wohnung auftauche, finde ich nur die fleissig arbeitenden Handwerker vor. Weder die beiden jungen Männer noch meine Butler sind auffindbar.

Bang laufe ich die vier Stockwerke hinauf bis in unsere Wohnung – wo die Saurier gottlob unversehrt und bester Laune soeben das Mittagessen zubereiten.

Anatol pfeift fröhlich, Elie summt dazu. Was ist geschehen?

„Das Problem von Herrn Hesse hat sich gerade in Luft aufgelöst, denken wir!“ kichert Anatol.

Ich muss mich setzen. „Wie kann das sein?“ Ich bin bin perplex.

„Wir haben ein bisschen Hokus Pokus getrieben!“ kräht Elie fröhlich. „Die beiden Männer haben doch Herrn Hesse gesucht. Anatol hat dessen Stimme nachgeahmt – mit einem Rohr! Da hat Anatol hineingesprochen. Die Kerle haben dann im anderen Zimmer nach Herrn Hesse geguckt, weil sie nicht wussten, wo die seltsame Stimme herkam. Und da sind wir aus dem Versteck raus, haben deren Dokumentenmappe geschnappt und sind weggelaufen. Gesehen hat uns keiner.“

Ich ringe nach Luft. „Ihr habt deren Aktentasche entwendet? Verstehe ich das richtig?“ Ich bin fassungslos. „Wo sind die Papiere? Sind die Verträge von Herrn Hesse dabei?“

Anatol nickt. „Die gute Nachricht ist: es sind alle Originalverträge und Kreditverträge von Herrn Hesse, und auch von anderen Kunden in der Dokumentenmappe gewesen. Die schlechte Nachricht: ich glaube, die Mappe ist Elie vorhin ins Altpapier gefallen. Sagt er jedenfalls. Na ja – die Müllabfuhr war gerade hier… nun ist alles weg.“

Ich bin baff. Nervös beginne ich zu lachen – ich kann nicht mehr aufhören. Schlagartig wird mir die gesamte Tragweite der Angelegenheit klar. Die beiden Drücker haben keinerlei Handhabe mehr gegen Herrn Hesse. Kein Originalvertrag liegt ihnen mehr vor. Wollten sie vor Gericht gehen, müssten sie ihre ganze Manipulationsmasche offenlegen. Dies werden sie nicht tun, da bin ich sicher.

Anatol runzelt dennoch die Stirn. „Aber was ist denn mit den ausgeführten Arbeiten… der Parkettfritze ist zum Beispiel heute fertig geworden – morgen wird das Parkett versiegelt. Die Küche wurde vorhin geliefert und wird jetzt eingebaut, die Fliesen sind schon fertig verlegt. Sieht wirklich schön aus! Die Bauarbeiten sind also gemacht worden. Muss Herr Hesse das dann nicht trotzdem bezahlen?“

Ich schütte mich aus vor Lachen. „Herr Hesse hat mit den Handwerkern keinen Vertrag. Die werden sich ihr Geld von den Drückern wiederholen, die sie engagiert haben!“

Drei Wochen später zieht Herr Hesse in eine perfekt renovierte Wohnung ein, um die wir alle ihn beneiden. Allein die Heizkörper sind nicht erneuert worden, weil das Verschwinden der Papiere schließlich doch aufgefallen und die Renovierung daraufhin sang- und klanglos eingestellt worden war.

Ein rechtliches Nachspiel wird es für Herrn Hesse nicht geben: Von den beiden jungen Männern wird niemand mehr etwas hören.

114. Kapitel – Mergers & Acquisitions

Nach gut zweiwöchiger „krankheitsbedingter Abwesenheit“ – so heisst es im Bürokratendeutsch – lässt Anatol mich endlich, wenn auch unter Protest, wieder ins Büro gehen. Mein grippaler Infekt hatte sich zu einer regelrechten Hongkong-Grippe ausgewachsen und mich für ganze 14 Tage ans Bett gefesselt. Ohne die Butler und deren Pflege hätte ich wohl kaum überlebt – dementsprechend streng wird meine Genesung überwacht.

Ich habe um spätestens 17 Uhr zu Hause zu sein, damit es um 18 Uhr Abendbrot gebe und ab 19 Uhr die für meine Gesundung so wichtige Nachtruhe einsetzen könne – dies hatte Anatol heute morgen unerbittlich festgelegt.

Folglich hatte ich den Chef darauf hingewiesen, dass ich heute bereits am späteren Nachmittag das Büro verlassen werde – was auch, in Anbetracht meiner immer noch recht klapprigen Verfassung, ohne weiteres bewilligt worden war.

Leider soll mein Feierabend eine andere Wendung nehmen, als Anatol geplant hat.

Um 16 Uhr werde ich von den Kollegen von einem juristischen Notfall in Kenntnis gesetzt, der eine sofortige telephonische Krisensitzung erfordert – ein internationaler „Deal“ sei kurz vor dem Platzen, und meine Teilnahme an den Verhandlungen unerlässlich.

Auf Grund der Tragweite des Problems ist die Sitzung auf 18 Uhr anberaumt: so sollen noch letzte juristische Überprüfungen vorgenommen werden – von mir. Als ich den Vorgang auf dem Schreibtisch habe, offenbart sich mir das ganze Elend juristischen Daseins: ein Fall mit komplizierten, grenzüberschreitenden Konstellationen im Bereich Mergers & Acquisitions.

Ich versuche, zumindest die einschlägigen Gesetzestexte ausfindig zu machen: diese Rechtsbereiche sind mir – flüchtig – im Studium das letzte Mal begegnet.

Der Chef sieht mich mit großen, hoffnungsvollen Augen an. „Du weisst doch, wie das geht?“ fragt er – voller Vertrauen in meine unerschöpflichen Fähigkeiten. Ich runzle die Stirn. „Genau so gut wie Du…“, antworte ich. Wir schlucken.

Der Chef hat eine Lösung. Ein Freund ist doch Spezialist – wenn wir den nun anrufen und um Rat fragen! Ich bitte darum, und weise darauf hin, dass ich an der Konferenz von zu Hause aus teilnehmen werde – bei einer Tasse Tee. Letzteres behalte ich allerdings für mich.

Sodann begebe ich mich erleichtert nach Hause. An den Verhandlungen werde ich zwar mitwirken, aber nur bezüglich der von mir beherrschten Problematiken. Den technischen, speziell Mergers & Acquisitions betreffenden Teil wird der Spezialist bestreiten – dies hat der Chef erreicht.

IMG_0055Um 18 Uhr sitze ich mit Computer, Telephon, Vertragstext und Teekanne bereit und wähle mich in die Konferenz ein. Die anderen Teilnehmer sind höflich, jedoch angespannt.

Der freundliche Mergers & Acquisitions-Spezialist meldet sich zu Wort – ich beginne, mich zu beruhigen. Zumindest dieser Teil der Verhandlungen wird nicht von mir geführt – das ist auch besser so.

Mitten im Satz bricht der Experte ab. Ich schüttle mein Telephon: der Spezialist bleibt stumm. Ein Murren der Verhandlungspartner lässt sich vernehmen. Ich verspreche, den Herrn sofort zu kontaktieren und die Schaltung wieder herzustellen.

Doch wie? Verzweifelt rufe ich den Chef an: wo ist unser Spezialist? Der Chef teilt mir zerknirscht mit, dass dieser sich zur Zeit altmodischerweise in der Eisenbahn und dort in einem Funkloch befinde – per Mail habe er dies noch mitteilen können, bevor auch die Internetverbindung abgebrochen sei. Nun sei es an mir, den Verhandlungsteil über Fusionskontrolle, Unternehmenskauf und Konsortiengründung zu führen. Schulterklopfend – dies schafft er sogar durchs Telephon – meint der Chef, ich werde das schon machen. Schließlich sei es keine Hexerei.

Um diese Erkenntnis reicher kehre ich in meine Konferenz zurück – Schweisstropfen auf der Stirn. Meine Kompetenzen in Sachen Konsortiengründung beziehe ich aus der Lektüre von Dagobert Duck-Heften – dies wird der anderen Seite wohl nicht verborgen bleiben.

Indessen sind die Butler auf den Plan getreten: unbemerkt von den Konferenzteilnehmern sitzen sie am Computer und suchen verzweifelt das Internet nach Lösungen ab. Anatol zischelt mir zu „Du musst Zeit gewinnen! Vielleicht fällt uns in der Zwischenzeit etwas ein!“

Souverän weise ich darauf hin, dass der vorliegende Sachverhalt nicht nur Aspekte der Konsortiengründung betreffe, sondern auch andere rechtliche Problematiken berge. Diese lege ich dar und stelle meine juristische Analyse vor. Indessen durchforsten die Butler diverse Webseiten nach Lösungen für das Konsortienproblem.

Als ich mit meiner Präsentation fertig bin, sehe ich die Butler erwartungsvoll an. Irgendetwas müssen sie doch gefunden haben? Anatol schüttelt beschämt den Kopf. „Das ist zu kompliziert!“ flüstert er. „Ich kapier nichts davon!“

Elie nimmt mir den Hörer aus der Hand. Ich sehe ihn entsetzt an – da spricht der Saurier bereits zu den Konferenzteilnehmern! „Ich bin der Merger-Spezialist. Soeben habe ich Ihren Sachverhalt überprüft und bin zu dem Schluß gekommen, dass hier kein Konsortium gegründet werden kann – und auch nicht muss.“

Die Konferenz ist baff. Man kann förmlich die berühmte Stecknadel zu Boden fallen hören. Ein Teilnehmer räuspert sich. „Könnten Sie das … noch etwas genauer erläutern, Herr … ich hatte Ihren Namen vorhin leider nicht verstanden?“

Elie bejaht dies. „Diese ganzen Sorten und Konsorten sind doch heutzutage gar nicht mehr üblich. Man bezahlt doch immer mit der Kreditkarte!“

Ich erstarre. Dies ist das Ende. Das Ende des Deals – und vermutlich meiner Karriere. Ich stammele eine Entschuldigung in den Hörer – da bemerke ich, dass der Saurier bereits den Knopf zum Auflegen gedrückt hat. Die Konferenz ist somit beendet.

Gerade will ich in Tränen ausbrechen, da kichert Anatol: „Dein Chef wird seinem Spezialisten, der soeben aus dem Funkloch aufgetaucht ist, morgen sicher den Kopf waschen!“

Schlagartig wird mir klar, dass Elies Intervention IMG_3480nicht mir, sondern dem vorhin aus dem Gespräch herauskatapultierten Mergers & Acquisition-Experten zugerechnet werden wird.

Anatol nimmt das Telephon an sich, wählt die Nummer des Pizzalieferdienstes und bestellt eine riesige Pizza für uns drei.

Dann meint er: „Wir feiern jetzt Deine erfolgreiche Verhandlung. Der Teil, den Du bestritten hast, war ja absolut einwandfrei!“

113. Kapitel – Krank

„Da haben wir es!“ zetert Anatol voller Wut. „Du hast Dich so überarbeitet, dass Du nun krank geworden bist. Bravo!“

Der Butler ist fuchsteufelswild, muss er jetzt nicht nur den Haushalt und die Katzen, sondern auch noch einen kranken, seiner Meinung nach äußerst wehleidigen Menschen versorgen.

Seit gestern hat sie mich erwischt: die Grippe – bzw. ein grippaler Infekt. Dieser ist wohl eher einem üblen Virus zu verdanken als meiner Arbeitshaltung.

Anatol hatte gestern schon geunkt, ich würde heute wohl kaum zu Arbeit gehen können. Mit letzter Kraft hatte ich mich noch gegen derlei böse Prophezeiungen gewehrt. Morgens beim Aufwachen ist jedoch klar: bellender Husten, Halsschmerzen, Kopf- und Gliederschmerzen … mit Arbeiten wird es heute nichts.

Wutschnaubend ergreift Anatol das Telephon. „Nun muss ich Dich auch noch zum Arzt schaffen! Kannst Du mir mal verraten, wie ich das tun soll?“ Wehrlos bin ich den verbalen Attacken des Untieres ausgeliefert – es geht mir einfach zu schlecht, um den Butler zurechtzuweisen.

Elie streichelt mir über den Kopf. „Anatol ist gerade etwas überfordert. Ich glaube, er macht sich ziemliche Sorgen – und dann brüllt er immer so rum. In Wirklichkeit hat er nur Angst, dass Dir etwas zustoßen könnte“, sagt er leise.

„WAS BITTE?“ schreit Anatol ins Telephon. „Sie soll in die Praxis kommen? Das ist ganz unmöglich! Sie ist nicht transportfähig! Wie – keine Hausbesuche? Das darf doch nicht wahr sein!“ Wütend hängt der Butler ein.

„Der Arzt macht keine Hausbesuche. Fridolin arbeitet ja leider nicht mehr bei ihm – er wäre sicher gekommen. Du musst also dort hin. Und zwar sofort. Später ist alles mit Terminen voll.“

Ich seufze. Nun heisst es also, mich einpacken in Pullis und den dicken Mantel, Schal um und die Mütze auf den Kopf – und dann aufs Fahrrad, denn ein anderes Transportmittel haben wir nicht.

Das Gezeter des Sauriers wird leiser und leiser, je weiter ich mich entferne. Elie hat mir noch die warmen Handschuhe hinterhergetragen. Nun geht es hinaus ins Schneetreiben.

Das Wartezimmer ist noch ganz leer, das ist ein Glück. Fridolins Abwesenheit fällt mir einmal mehr schmerzlich auf. Im letzten Sommer hatte er plötzlich alle seine Dienste quittiert und war fortgezogen. Anatol behauptet, er werde wiederkommen – aber bis heute hat niemand ein Lebenszeichen von Fridolin erhalten.

Eine Viertelstunde später verlasse ich die Praxis mit einem ellenlagen Rezept, einer Krankschreibung für zwei Tage und der Diagnose „Bronchitis“.

Das Handy klingelt. Anatol beordert mich auf dem schnellsten Wege nach Hause zurück. Ich solle nicht vor der noch geschlossenen Apotheke im Schneesturm warten – um die Beschaffung der Medikamente werde er sich kümmern. Stattdessen solle ich schnurstracks zurückfahren, da ein heisser Hustentee bereits auf mich warte.

‚Elie muss Anatol ein paar Takte gesagt haben‘, denke ich mir.

Als ich etwas später die Wohung betrete, steht der Tee auf dem Stövchen und das Bett ist frisch bezogen. Ein dickes Brot mit Schokolade liegt auf dem Teller. Anatol nimmt das Rezept für die Apotheke an sich und läuft los, um meine Medikamente zu kaufen. Mittlerweile hat die Apotheke endlich auf.

Nun merke ich, wie müde und krank ich wirklich bin. Ich lege mich ins Bett und schlafe augenblicklich ein.

Als ich aufwache, sitzt Anatol mit einem ganzen Berg von Medikamentenschachteln vor mir. Wir sind in Frankreich, und hier gilt: Viel hilft viel! Antibiotikum, Fiebersenker, Hustensaft und noch ein Mittel gegen Magenbeschwerden nach all den Medikamenten – all das trichtert Anatol mir, ohne dass ich mich wehren könnte, ein. Widerstand ist in meinem Zustand ohnehin zwecklos.

Als das Tier mir den Rücken zukehrt, um noch etwas Tee aus der Küche zu holen, genehmige ich mir schnell einen zweiten – und noch einen dritten – Esslöffel des köstlichen Hustensafts. Was soll schon passieren? Es ist ja nur Saft.

Wieder falle ich in einen Dämmerschlaf, der von bizarren Träumen begleitet wird. Ein Kollege isst voller Wut meine nicht erledigten Akten auf – die Personalchefin befiehlt, dass morgens im Büro Croissants gereicht werden müssen; wohlmeinende Kolleginnen richten ein Katzenklo im Photokopierraum ein.

Als ich aus dem fiebrigen Zustand und seinen Gaukelbildern wieder auftauche, dreht sich mir alles. Ich versuche, aufzustehen, aber es geht nicht. Ich rufe den Butler, aber ich kann nur ein Lallen von mir geben.

Entsetzt stürzen die Saurier herbei. Anatol schnauzt mich an: „Bleib liegen! Du schwankst ja!“ Ich falle zurück ins Bett, kann allerdings keinen Laut von mir geben. Elie hält stirnrunzelnd die Hustensaftflasche in der Hand.

„Findest Du nicht, da fehlt etwas viel Hustensaft, Anatol? Da sind mindestens 3 Esslöffel draus weggetrunken, oder?“

Anatol sieht mich fassungslos an. „Hast Du etwa …?“ Er kann den Satz nicht vollenden.

„Ja, ich hab noch was Saft …“ schaffe ich mühsam, zu artikulieren.

„Das Zeug ist hochdosiertes Codein!“ schreit Anatol. „Das gibt es nur auf Rezept – und mehr als einen Löffel darf man pro Dosis gar nicht nehmen!“

Und zu Elie gewandt: „Schließ mir den Saft weg, aber sofort! Der Plunder ist suchtfördernd!“

Ich bin pikiert. Von ein, zwei Löffeln Hustensaft wird man nicht süchtig. Der Saft schmeckt aber auch zu gut. Zudem wirkt er: gehustet habe ich kaum noch.

Ich lege mich zurück ins Bett und schlafe ein – diesmal in einen langen, glücklicherweise traumlosen Schlaf.

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112. Kapitel – Verhandlungen

Anatol ist noch da. Zwar hatte er gestern demonstrativ seine Siebensachen gepackt – als es dann aber hieß, bei -1 °C in den Schneeregen hinauszuziehen und alle Brücken hinter sich abzubrechen … da war der Butler doch umgekehrt.

Ich habe insofern Glück, als die Krise nicht im Sommer bei gutem Wetter eingetreten ist.

IMG_3464Nun sitzt das Untier in seinem warmen, weichen Nestchen im Regal und hält von dort aus Brandreden. Fast glaubt man, einen zweiten Philipp Scheidemann vor sich zu haben, der vom Balkon herunter die Republik ausruft.

„Unmenschliche Zustände! Unzumutbar! Streik – Revolution! Wehr Dich!“ So geht es in einer Tour.

Indessen muss ich den Haushalt übernehmen, denn der Butler hat sich entschlossen, anstelle seiner Kündigung einen handfesten Streik durchzuexerzieren.

„Deinen Direktoren ist es egal, wenn Du demnächst bei der Arbeit zusammenklappst! Ruh Dich doch wenigstens mal aus! Nimm ein paar Tage Urlaub – und fahr mit uns irgendwohin, wo es schön ist. Wir versauern hier! “

Ich seufze. Unrecht hat der Saurier nicht. Aber was soll ich tun – Urlaub gibt es im Moment nicht und die Arbeit platzt aus allen Nähten. Meinem Chef und den Kollegen geht es nicht besser als mir. Schlimmer noch – wir alle haben Angst, dass man uns bei der ersten sich bietenden Gelegenheit gegen neue, noch unverbrauchte Arbeitsbienen austauschen lassen könnte.

Anatol ist sprachlos. „Das schlägt doch dem Fass den Boden aus!“ zetert er. „Du machst Dich auf der Arbeit kaputt, weil Du ANGST hast, rausgeschmissen zu werden? Dabei sagst Du doch immer, Du magst Deine Arbeit! Aber wie soll man sowas mögen – wenn man Angst hat, ersetzt zu werden?“

Ich versuche – vergeblich – dem Butler zu erklären, dass ich meine Arbeit liebe und sie eben deshalb nicht verlieren will. Leider lässt sich das Tier nicht überzeugen. Es hat sich in Rage geredet und lässt nicht locker.

„Das ist Sklaverei!“ brüllt der Butler. „Selbstverschuldete Sklaverei!“

Ich widerstehe dem Drang, das Tier zu packen, es in einen Karton zu setzen und in den Keller zu sperren – statt dessen stecke ich ihm einen Löffel Kürbissuppe, die ich soeben gekocht habe, ins Maul. Schmatzend verstummt das Biest. Die Suppe findet offenbar Anklang.

Leider ist es nicht falsch, was der Saurier sagt. Nur was soll ich tun? Ich mag meine Arbeit, die Kollegen und meinen Chef. Es ist nur seit etwa 2 Jahren deutlich zuviel des Guten.

Ich verspreche Anatol, sobald es geht, Urlaub zu nehmen – und dann über unsere Zukunft nachzudenken.

Anatol hat sich jedoch bereits in seinen Suppenteller vertieft. Die Suppe ist vorerst interessanter als alles andere.

111. Kapitel – Der Haussegen …

… hängt gewaltig schief.

Anatol hat mich gestern abend zusammengestaucht. Ich sei zu oft weg, würde nur noch arbeiten – und Kommunikation fände auch keine mehr statt. Seit Wochen hätten wir nicht gemeinsam gegessen – ich sei nur noch zum Schlafen und Duschen zu Hause.

Leider hat der Butler recht.

Ich bin mindestens 12 Stunden pro Tag im Büro, abends checke ich Mails (und beantworte sie) – am Wochenende sieht es ähnlich aus.

Bin ich dabei, ein Workoholic zu werden? Ich hatte das eigentlich immer für unmöglich gehalten. So etwas passiert nur hochbezahlten Bankern oder Managern – dachte ich. Nun stelle ich fest, dass es in meinem Leben nur eine einzige Priorität gibt: meine Arbeit.

Klar, von meiner Arbeit lebe ich. Und sie macht mir Spaß.

Meine Freunde sagen mir, ich solle ein „Sabbatical“ nehmen. Nur wozu? Ich liebe meinen Job. Weshalb dann ein Sabbatjahr?

Dennoch kann es wie bisher nicht weitergehen. Meine Butler leiden, die Katzen leiden. Meine Gesundheit leidet. Nächste Woche wollen die Ärzte mich sehen, und ich befürchte, sie haben keine guten Nachrichten. Dazu dann zu gegebener Zeit.

Und schließlich – fast das Wichtigste: der Blog leidet.

Es muss etwas geschehen. Ich weiss nur nicht was.

Anatol hat heute morgen seine Kündigung eingereicht – ich habe sie zurückgewiesen. Aber was, wenn das Tier heute abend trotzdem weg ist?

Ich habe Angst.

Rat ist ausdrücklich erwünscht. Ich danke Euch.

110. Kapitel – Zweiundzwanzig (22 !) Tage …

… ohne einen einzigen Blogeintrag!

Hier schreibt Anatol. Ja, und ich bin sauer. SIE (Ihr wisst schon wer) schreibt nicht. Sie macht auch sonst nichts mehr! Morgens um 7 haut sie ab zur Arbeit und kommt dann abends zwischen 19 und 20 Uhr zurück. Vollkommen kaputt und fertig, spricht mit keinem und verkriecht sich nach kurzer Zeit ins Bett. Am nächsten Morgen geht es dann von Neuem so los.

Alles bleibt an mir und Elie hängen! Sogar im Blog muss ich nun schon selbst schreiben.

Ich ertrag das nicht mehr. Morgen sage ich ihr, dass ich endgültig kündige.

So geht es nicht weiter.

108. Kapitel – Frohes neues Jahr!

Anatol, Elie und ich wünschen Euch ein glückliches neues Jahr, in dem alle Eure Wünsche in Erfüllung gehen mögen!

Wie feiern wir? Die Butler versuchen gerade verzweifelt, auf dem Balkon ein paar Wunderkerzen zu zünden; dies ist bisher leider nicht gelungen.

Ansonsten ist Silvester dieses Jahr recht unspektakulär – anders als letztes Jahr, wo die beiden Spitzbuben wegen illegalen Sprengstoffbesitzes von der Polizei aufgegriffen und festgenommen worden waren.

Gleich werden wir auf 2015 anstoßen. Prost Neujahr!

Eben ruft Anatol mich auf den Balkon – die Wunderkerzen haben nun endlich „gezündet“ – die Butler sind selig!

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107. Kapitel – 2015 wird minimalistisch!

Anatol ist vollkommen aus dem Häuschen. Beim Surfen im Netz hat er einen neuen Blog gefunden, der sich mit Minimalismus beschäftigt: Einfach bewusst. Anatol ist begeistert.

Ich runzle die Stirn. „Anatol, solche Blogs gibt es doch wie Sand am Meer. Was ist an diesem denn so besonders?“

„Das ist ein veganer minimalistischer Blog! Bisher habe ich noch nie so einen gefunden – zumindest erinnere ich mich nicht. Endlich mal jemand, der nicht nur Esoterik-Tipps zum Entrümpeln gibt, sondern auch für Tierschutz eintritt!“

Ich bin in der Tat verblüfft. Der „Einfach bewusst-Blog“ spricht auch mir aus der Seele. Letztens hatte ich mich wieder einmal dabei ertappt, wie ich mir wünschte, ein Erdrutsch oder welche (ansonsten harmlose) Naturgewalt auch immer möge unseren gesamten Krempel verschlingen … und dabei selbstverständich Katzen, Saurier und mich verschonen.

Dementsprechend hat es mir insbesondere dieser Beitrag angetan: 25 weitere Tipps, wie Du minimalistischer leben kannst. Diese Ratschläge wollen Anatol, Elie und ich im kommenden Jahr umsetzen – und so Widerstand leisten gegen die Konsumgesellschaft, die uns umgibt.

Ein zentraler Punkt, wenn nicht gar Dreh- und Angelpunkt unserer Gesellschaft ist es, unermüdlich mehr und mehr Dinge anzuhäufen. „Ich habe, also bin ich“ ist der Wahlspruch des modernen Menschen. Anatol, Elie und mir ist das Ansammeln von Sachen ein Gräuel. Wir würden gern so vieles loswerden! Eine unerwünschte Nebenwirkung unserer Überflussgesellschaft – dass wir uns weniger wünschen?

Früher hatten die Menschen nicht viel und oft nicht einmal genug vom Lebensnotwendigen … wir hingegen ersticken im Zuviel des Überflüssigen. Die meisten Sachen, die ich habe, brauche ich im Grunde gar nicht. Für mich und die Saurier würde eine hübsche – und möglichst leere – Ein-Zimmer-Wohnung ausreichen (hier würden indessen die Katzen streiken).

Oft schon habe ich mich gefragt, warum ich mich so gern von all den Dingen trennen würde, die ich im Laufe der Jahre angesammelt habe – muss es doch gute Gründe dafür gegeben haben, diese Sachen anzuschaffen. Viele der Dinge sind nützlich – warum will ich sie loswerden? Hier fällt mir mein erstes Studentenzimmer in Gießen ein. Es gab darin nur ein Bett, einen kleinen Schrank, ein Regal und meinen Schreibtisch. In diesem Zimmer hatte ich alles, was ich brauchte – vor allem aber: eine offene Zukunft. Mein Leben war damals ein weisses Blatt – nun ist es ein zugestellter, voller Raum.

Natürlich werde ich nie wieder 19 sein und die selbe unbeschriebene Zukunft haben wie damals. Das ist nicht schlimm.  Angehäuften Ballast abwerfen zu können, das Gefühl zu haben, nur das Notwendige zu besitzen und frei zu sein: das ist dennoch eine phantastische Aussicht.

Gerade Weihnachten und Geburtstage sind kritische Momente im Leben eines Minimalisten. Wohlmeinende Mitmenschen setzen ihren Ehrgeiz daran, uns mit Dingen zu versorgen, die wir nicht brauchen – und die wir nicht unterbringen können. Echte Freunde erkenne ich daran, dass sie mir entweder gar nichts schenken oder nur ganz „kleine“ Dinge – insbesondere solche, die mich für den Moment erfreuen, sich von selbst „verbrauchen“ und eine schöne Erinnerung hinterlassen. So ein herrliches Geschenk hat Uyen mir dieses Weihnachten gemacht: zwei köstliche Marmeladen und einen ebensolchen Dattel-Essig.

Wie erreichen wir diese Wunschvorstellung – freie, lichte Räume, die Platz für die Zukunft lassen …? Welche der Tipps von „Einfach bewusst“ wollen wir zuerst realisieren?

Anatol hüpft aufgeregt hin und her. „Der tollste Tipp ist Tipp Nr. 3: „Trenne Dich einen Monat lang täglich von zehn Dingen. Wenn Du das Experiment verlängerst, hast Du nach anderthalb Jahren 5.555 Dinge verkauft, verschenkt, gespendet und entsorgt“.

Ich räuspere mich. „Anatol, zehn Dinge am Tag sind sehr viel… vielleicht fangen wir mal mit zwei, nun gut: drei Dingen pro Tag an…?“ Dass die Butler in meiner Abwesenheit mir liebgewonnene Dinge entsorgen, bereitet mir doch Bauchschmerzen.

Anatol ist damit sichtlich nicht einverstanden – ich setze mich jedoch durch und stelle die folgenden Entrümpelungsregeln auf:

  • Regel Nr. 1: es wird nichts entsorgt, wenn ich nicht da bin.
  • Regel Nr. 2: wir streben an, pro Tag 1-5 Dinge zu entsorgen (insbesondere zu spenden).
  • Regel Nr. 3: es wird nur noch das Nötigste angeschafft.
  • Regel Nr. 4: vom 1. Januar 2015 an wird ein dreimonatiger Kaufstopp für alles, was nicht lebenswichtig ist, verhängt.

Heimlich denke ich ‚Wie gut, dass ich gerade heute die neue Teekanne bestellt und auch bereits bezahlt habe…‘ Denn selbstverständlich besitzen wir bereits eine – nein zwei … nein noch mehr Teekannen. Am 1. Januar wäre die schöne Kanne unter das verhängte Kaufembargo gefallen.

Anatol sieht mich scharf an – ihm muss etwas aufgefallen sein. Da ich aber seinen Geschmack für schöne Gegenstände kenne, weiss ich, dass er mir die Teekanne nicht vorhalten wird.

Unsere nächste Amtshandlung wird sein, mehrere große Kartons zu beschaffen. Die Entrümpelung kann beginnen.

106. Kapitel – Anatol backt Springerle

Der kritischste Tag des Jahres ist angebrochen – der erste Weihnachtsfeiertag. Heute backt Anatol. Nachdem er den Rotkohl aufgesetzt hat, holt er die Backutensilien aus dem Küchenschrank und kündigt an, was wir sowieso bereits wissen – und fürchten:

„Ich backe jetzt die Springerle!“

Wir wissen nicht, woran es liegt – ist doch Anatol ansonsten ein Meisterkoch: die Springerle misslingen Anatol beharrlich. Jahr für Jahr macht er sich aufs Neue ans Springerlebacken – und jahraus jahrein muss er neue Fehlschläge einstecken. Das eine Mal bleiben die Springerle im Model kleben, das andere Mal zerbröckeln sie. In einem Jahr sind die Springerle wie aus Stahlbeton, dann wieder matschiger Krümelkram. Anatol sieht das Springerlefiasko mittlerweile als persönliche Heimsuchung – und Herausforderung – an.

„Was habe ich den Springerle nur getan“ seufzt Anatol jedes Jahr, wenn sein obligatorischer Wutausbruch vorbei ist. Elie und ich passen den Moment, in dem Anatols Wut sich springerlebedingt in der Küche entlädt, ab, um gerade dann „kurz weg“ zu sein. Hernach bauen wir den Butler mit Lob und einer Tasse Tee wieder auf. Dies wird indes jedes Jahr schwieriger.

Dieses Jahr wird – wie üblich – ein neues Rezept ausprobiert. Während Anatol in der Küche werkelt, nimmt Elie mich beiseite.

„Was tun wir, wenn seine Aniskekse wieder mal Mist sind …?“ flüstert er mir ängstlich zu. „Ich kann doch dieses Jahr nicht zu Anna rüber. Du weiss schon – Angelo ist da.“ Ich kratze mich ratlos am Kopf. „Ich weiss es nicht, Elie. Ich befürchte jedoch Schlimmstes. Vorhin habe ich mir das Rezept angesehen. Ich denke, das kann nicht gutgehen.“

IMG_3370Anatol hatte sich eine ganz neue Art, die Springerle zuzubereiten, ausgedacht. Händereibend hatte er in der Küche gestanden und gemeint „Diesmal muss es klappen!“

Veganer Ei-Ersatz, Puderzucker und Hirschhornsalz waren bald mit dem Mehl verknetet. Ich hatte darauf bestanden, dass diesmal ein richtiger Ei-Ersatz angeschafft wird, aber Anatol hatte das abgelehnt. „Das geht auch mit Mondamin!“ hatte er gesagt.

IMG_3371Ich bezweifle dies. Unser Mondamin – ein Geschenk einer sparsamen Freundin, die nichts wegwerfen kann – war bereits im Jahre 2008 abgelaufen.

Auch, wenn Maisstärke vielleicht nicht verdirbt – geschmacklich besser wird sie in der langen Zeit nicht. Anatol hatte jedoch gemeint, „das ginge noch“.

Da wir kein Weizenmehl mehr verwenden dürfen (Anatol hält das für ungesund), hat Anatol Einkorn- und Kamutmehl ins Springerlerezept gegeben. Ob das schmeckt …?

Anatol ist sich seiner Sache – wie jedes Jahr – ganz sicher. Die Springerle müssen heute gelingen. Ein erneutes Scheitern ist einfach ausgeschlossen.

IMG_3372Optisch sind die Springerle nicht zu beanstanden. Die Model haben ganze Arbeit geleistet, diesmal ist auch nichts kleben geblieben.

Der Ofen wird auf 140° Umluft eingestellt, und der Springerleteig 30 Minuten darin gebacken.

Als der Backofen sein fröhliches „Ping“ von sich gibt, welches das Ende der Backzeit ankündigt, schlüpft Elie zur Tür heraus. „Ich bin bei Mirko! Bis nachher!“ ruft er uns noch zu – und ist verschwunden.

Ich habe keinen Vorwand, unter dem ich mich absetzen könnte – daher greife ich zu einer Notlüge. „Anatol, ich fühle mich nicht besonders gut. Ich lege mich kurz hin!“ sage ich schnell und schleiche ins Schlafzimmer, wo ich den Wut-Urschrei des Sauriers erwarte.

Dieser unterbleibt jedoch. Ich lasse mehrere Minuten verstreichen – kein Wutgeheul erklingt.

War es möglich? Sollten die Springerle diesmal gelungen sein?

Vorsichtig verlasse ich das Schlafzimmer und höre fröhliches Pfeifen aus der Küche. Verwundert sieht Anatol mich an. „Geht es Dir schon besser?“ fragt er stirnerunzelnd.

IMG_3373Ich gehe auf die Frage nicht ein, denn mein Blick fällt auf etwas geradezu Unglaubliches: ein Backblech voller offensichtlich perfekt gelungener Springerle.

Diese schneidet Anatol nun mit dem großen Brotmesser aus.

So stolz habe ich den Butler lange nicht gesehen.

Hier sehen wir das Ergebnis seiner Hartnäckigkeit. Ich hätte nie gedacht, dass ich dies erleben würde: Anatol vor einem Teller schöner Springerle. IMG_3376Aber schmecken die Aniskekse auch …?

Im Hinblick auf die seltsamen Ingredienzien – insbesondere das prähistorische Mondamin – bin ich skeptisch.

Anatol belehrt mich, dass Springerle nicht sofort gegessen werden. Sie sollten mehrere Wochen ruhen, bevor sich die die ihnen eigene Konsistenz und ihr Geschmack ausgeformt haben.

Ungeduldig wie das Tier ist, knabbert es hingegen bald an einem Randstück, um sein Werk zu begutachten. „Hm.“ meint es. „Das nächste Mal nehmen wir eher kein Mondamin. Ich denke, ich werde mal No-Egg versuchen. Und vielleicht sollten wir doch auf Weissmehl umsteigen, zumindest auf Dinkelmehl. Aber: sie schmecken!“

Ich probiere ein Stückchen und bin verblüfft. Die Springerle schmecken wirklich gut.

Bald ist ein großer Teil des Gebäcks verschwunden – den Rest heben wir für Elie auf.

Welches Rezept hat Anatol verwendet?

Das ursprüngliche Rezept stammt von chefkoch.de; dieses hat Anatol in ein veganes Rezept umgewandelt und die Mengen halbiert:

– Anstelle eines Eis: 1 gehäufter Esslöffel Mondamin (bitte frisches verwenden und nicht wie Anatol uraltes, abgelaufenes!)
– 125g Puderzucker
– etwas Natron / Bicarbonat (ca. 1/4 TL)
– 1-2 EL Wasser (nach Gefühl)
Dies alles wird lange Zeit schaumig geschlagen. Im Rezept steht 45 Minuten, aber das haben wir nicht geschafft. Zu dem schaumigen Gemisch kommt 1 Messerspitze Hischhornsalz, welches Anatol in ca. 1/2 TL Wodka aufgelöst hat. Danach wird alles weiter gerührt.
Dazu werden dann 125g Mehl (am besten gesiebt) gegeben, und alles gut mit dem Handmixer geknetet.

Der Teig soll dann eine Nacht ruhen, aber das hat Anatol zu lang gedauert. Er hat den Teig direkt ausgerollt, die Springerleformen darauf gedrückt (gut mit Mehl bestäuben!) und dann den Teig in ein gefettetes und mit Anissamen bestreutes Blech gegeben.

Danach kam der Teig bei 140° Umluft für 30 Minuten in den Backofen.

Anatol, Elie und ich wünschen guten Appetit, raten aber zur Verwendung eines richtigen Ei-Ersatzes, z.B. No-Egg.

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105. Kapitel – Heiligabend mit den Dinos

Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest
uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl.

Heiligabend ist da. Als ich heute morgen aus dem Haus gehe, sind die Butler glücklicherweise nicht mehr im gleichen desolaten Gemütszustand wie gestern – habe ich doch versprochen, möglichst um 18 Uhr schon zu Hause zu sein und mich dann nur noch um Bescherung und Weihnachtsessen zu kümmern.

Zudem habe ich den Sauriern erlaubt, heute Nachmittag die Silas-DVD anzugucken, um so das „Warten aufs Christkind“ erträglicher zu machen. So werden sie wohl nicht allzuviel dummes Zeug anstellen. Vorher – so habe ich ihnen aufgetragen – sei jedoch die Wohnung aufzuräumen und zu putzen. Erst dann dürfe Silas geguckt werden.

„Ja ja!“ hatten die Butler mir hinterhergerufen. „Das machen wir alles! Wir sehen Dich dann um 18 Uhr – komm nicht zu spät!“

In der freudigen Erwartung einer sauberen, aufgeräumten Weihnachtswohnung verabschiede ich mich und begebe mich zur Arbeit.

BüroIm Büro türmen sich die Akten auf meinem Schreibtisch.

Alles, was wohlmeinende Kollegen noch vor den Weihnachtsfeiertagen erledigt sehen wollen, ist in meinem Eingangskörbchen – welches allein gar nicht ausreicht – gelandet. Die Stapel müssen noch am heutigen Tag verschwinden … seufzend mache ich mich an die Arbeit.

Gegen 15 Uhr klingelt das Telephon. Es ist Anatol. „Wir haben alles fertig aufgeräumt und geputzt. Dürfen wir jetzt schon Silas gucken?“

Ich willige ein. Silas war die erste ZDF-Weihnachtsserie, die ich gesehen habe – ich war damals begeistert gewesen. „Silas“ zu Weihnachten ist auf jeden Fall erlaubt. Zudem muss ich ja auch noch weiterarbeiten. Vor 18 Uhr werde ich nicht gehen können, befürchte ich.

Um 16 Uhr leert sich das Haus. Die Lichter in den Büros werden eines nach dem anderen gelöscht – schließlich bleiben auch die Gänge dunkel.

IMG_3327Da – ein Geräusch dringt in mein Büro. Ein Schaben, Türklappen … dann höre ich Stimmen. Das Licht ist aber nicht angegangen. Sind das etwa Einbrecher? Leise schleiche ich zu meiner Bürotür, die einen Spalt offensteht. Im Gang bietet sich mir dieses Bild: die Butler müssen sich durch den Einlass geschmuggelt haben, die Treppe hochgeklettert sein bis in den 3. Stock – und dann bis zu meinem Büro geschlichen sein. Den Bewegungsmelder für das Licht haben sie offensichtlich nicht ausgelöst. Es ist stockdunkel um uns herum.

In diese dunkle Stille kräht Elie hinein: „Wir holen Dich ab! Schluß mit Arbeiten. Dein berufliches Harakiri-Kamikaze ist zuende!“

Anatol nickt. „Pack Deinen Kram zusammen. Du hast genug getan. Wir haben noch viel vor, und dazu brauchen wir dich.“

Ich seufze. Die beiden haben recht. Das meiste habe ich sowieso erledigt, und alles andere muss nun bis nach Weihnachten warten. Ich nehme meine Tasche, den Mantel – Weihnachten kann endlich beginnen!

Anatol ordnet als erstes an, dass wir nicht nach Hause fahren, sondern uns zum Place de Bordeaux begeben – zum Weihnachtsbaumstand. Ich sträube mich. „Wir können keinen Weihnachtsbaum kaufen. Die Katzen zerpflücken uns den, der hält keine 2 Tage. Wenn Tonio nicht auch noch dagegen pieselt.“

IMG_3310Elie wendet fröhlich ein „Nein, wir kaufen jetzt keinen Baum. Das brauchen wir auch nicht. Wir haben ja schon einen gekauft! Er ist dort versteckt, weil wir ihn nicht bis nach Hause tragen konnten!“

Mich trifft der Schlag. Seit Jahren habe ich keinen Weihnachtsbaum – zu groß ist die Angst vor den pelzigen Massenvernichtungswaffen, die hier im Haus ihr Unwesen treiben.

Nun sieht es jedoch so aus, als müssten wir uns der Katzengefahr stellen.

Ich freue mich. Von allein hätte ich den Baum sicher nicht angeschafft. Nun bin ich froh, dass die Butler die Sache in die Hand genommen haben.

Kurze Zeit später steht der Baum vor der HaustürIMG_3329. Die Butler freuen sich wie die Schneekönige!

Wir entschließen uns, den Stier bei den Hörnern zu packen und den Baum sofort mitten im Wohnzimmer aufzustellen.

Die Katzen reagieren schockiert, aber nicht indigniert. Sofort umringen sie den Baum – jedenfalls die Mutigeren. Andere ziehen es vor, sich zunächst zu verstecken.

Elie findet, dass nun der richtige Zeitpunkt für die Bescherung gekommen sei. Als erstes wird das Paket von Uyen auf den Gabentisch gestellt: dies soll ich sofort auspacken.

Voller Vorfreude öffne ich das Päckchen. Eine herrliche Dattel-Balsam-Creme kommt zum Vorschein, eine Rosenkonfitüre und eine Feigen-Orangenmarmelade. Ich bin sehr gerührt. Schon bald werden wir die Köstlichkeiten probieren!

Anatol zieht ein weiteres Paket hervor. Es kommt von Ewert und enthält mehrere wundervolle Teesorten. Das Geschenk der Butler an mich ist nicht ganz uneigennützig, aber das macht nichts. Wir trinken eben gern zusammen Tee!

Nun bin ich dran mit Geschenkeausgeben: Anatol bekommt die von ihm so schmerzlich vermissten Gewürze und Backmittel: Anis (gemahlen und als Samen) und Hirschhornsalz (letzteres selbstverständlich rein vegan). Alles ist natürlich von Ewert, unserer besten Adresse.

Elie rutscht ungeduldig hin und her. „Und ich? Krieg ich nichts?“ jammert er.

Anatol hat auch hier ein kleines Päckchen parat. Elie zieht einen aparten Schal aus der Verpackung – und verwandelt sich in einen Dandy.

Die Katzen sind unterdessen damit beschäftigt, die geschmückte Tanne zu zerlegen. Noch ist es ihnen allerdings nicht gelungen. Wir werden den Baum zumindest bis heute Nacht stehen lassen und ihn dann ins sichere Treppenhaus verfrachten.

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IMG_3341IMG_3344IMG_3345IMG_3348IMG_3349Wir hoffen nun, dass Weihnachten hier nicht so endet wie bei diesen armen Menschen:

IMG_3355WIR WÜNSCHEN ALLEN UNSEREN LESERN VON HERZEN EIN FRÖHLICHES, FRIEDVOLLES UND GESEGNETES WEIHNACHTSFEST !

104. Kapitel – Weihnachtsferien?

Der heutige Abend endet äußerst unweihnachtlich. Ich werde morgen den ganzen Tag arbeiten müssen, und die entsprechende Ankündigung missfällt beiden Sauriern außerordentlich. Leider ist nichts daran zu ändern – die Enttäuschung der Butler ist immens.

„Wir wollten zusammen die Bescherung vorbereiten! Und jetzt bist Du gar nicht da!“ heult Elie.

Ich bin selbst etwas traurig. Aber da alle anderen Kollegen verreisen, hatte ich angeboten, zu Weihnachten und Neujahr im Büro zu bleiben. Dies rächt sich nun: Zwei aufgebrachte Saurier werfen mir vor,  sie sträflich zu vernachlässigen – und lassen sich durch nichts besänftigen.

Als ich hinzufüge, dass ich in den kommenden Tagen zudem noch die beiden Nachbarskatzen hüten werde, ist die Familientragödie komplett. Elie verkriecht sich weinend in sein Versteck – Anatol bleibt kopfschüttelnd auf dem Esstisch sitzen und schweigt mich an.

Ich beginne nun selbst, einen gewissen Ärger zu verspüren. Schließlich gehe ich nicht zum Spaß ins Büro! Auch mir würde es besser gefallen, morgen ohne Stress das Weihnachtsessen zu kochen, das Weihnachtszimmer vorzubereiten und mich auf die Bescherung zu freuen. Stattdessen werde ich gegen 19 Uhr von der Arbeit kommen, müde und abgearbeitet, und nach einer expeditiven Bescherung spätestens um 21 Uhr ins Bett fallen. Und das alles nur, um den Sauriern und den Katzen einen gewissen Lebensstandard zu ermöglichen.

Gekränkt gehe ich ins Bett.

Als das Licht aus ist und alle Geräusche verstummt sind, höre ich aus dem Sauriernestchen leise Stimmen. Anatol und Elie scheinen flüsternd etwas auszuhecken. Als ich Elie sogar einmal kichern höre, fange ich an, mich zu entspannen.

Vielleicht sind die beiden mir nicht ewig böse.

103. Kapitel – Rauhnächte: Im Herzen der Finsternis

Heute ist der 21. Dezember. Die kommende Nacht wird die längste und dunkelste des Jahres werden – die Nacht der Wintersonnenwende. Wir befinden uns im Herzen der Finsternis.

Seit gestern Nachmittag vertreibt Anatol uns die Zeit mit dem Erzählen von Schauergeschichten. Bereits gegen 16 Uhr hatte draußen die Abenddämmerung eingesetzt. Um 16 Uhr 30 war es dunkel gewesen: der beste Zeitpunkt, um mit einer Tasse Tee am Kamin zu sitzen und Gruselgeschichten zu hören. Einen Kamin haben wir zwar nicht, aber zur Not tun es ja auch das Teestövchen und ein paar Teelichter.

Anatol hatte es tatsächlich geschafft, Elie mit den Gespenstergeschichten aus seiner Einsiedelei und Trübsal herauszulocken. Der Tee und die gestern auf dem Markt erstandenen feinen Bredele hatten ihr Übriges getan: Elie hatte sogar einmal gelacht – als das bitterböse Gespenst in die heimtückisch von ihm aufgestellte Falle (ein kalter Krötentümpel voller Entengrütze) selbst hineingefallen war.

Später hatte Elie sich wieder zurückgezogen, während Anatol und ich das Abendessen vorbereitet hatten. Der Abend war friedlich und ohne besondere Vorkommnisse verlaufen und alle waren zeitig ins Bett gegangen.

Heute bin ich schon sehr früh auf, muss doch das ganze Haus aufgeräumt und geputzt werden. Dass dies ausgerechnet sonntags geschehen muss, ist eine Schande – aber der gestrige Tag war einfach zu kurz. Anatol lässt es sich nicht nehmen, immer wieder darauf hinzuweisen, dass in den bald beginnenden Rauhnächten keinerlei Hausarbeit besorgt werden dürfe – dies bringe Unglück. Vielmehr müsse das Haus schon vor den besagten Rauhnächten aufgeräumt, sauber und ordentlich sein. Heute sei – bei Tageslicht – der letzte Moment gekommen, dies zu erledigen.

Da ich derlei Aberglauben nichts abgewinnen kann, kündige ich schon jetzt an, dass ich heute abend – Rauhnacht hin oder her – in jedem Fall meine Blusen bügeln werde. Dies tue ich jeden Sonntag Abend, und ich sehe keine Veranlassung, von dieser Gewohnheit abzuweichen.

„Unselige!“ ruft Elie aus seinem Versteck heraus. „Ausgerechnet heute Nacht wird doch die wilde Jagd durch die Lüfte ziehen! Man darf sie nicht durch solche Hausarbeiten stören! Du wirst Unheil auf uns ziehen, ich sehe es kommen!“

Ich bin sprachlos. „Elie, Du wirst doch nicht diesen alten Geschichten Glauben schenken! Ich fasse es nicht … es gibt keine ‚wilde Jagd‘, und selbst wenn es eine gäbe, würde sie mich nicht davon abhalten, hier in meinem Haus genau das zu tun, was ich will! Schließlich leben wir in einem aufgeklärten Zeitalter.“

Anatol schnaubt verächtlich. „Als ein aufgeklärtes Zeitalter würde ich die heutige Epoche nicht bezeichnen … Zeiten, in denen Politiker uns weismachen wollen, dass der Religionsunterricht ins Fach Biologie gehört, und wo Kinder in Schulen umgebracht werden, nur weil sie etwas lernen wollen – nein, die würde ich nicht als ‚aufgeklärt‘ bezeichnen.“

Hier gebe ich Anatol zwar recht, merke aber dennoch an, dass ich – „wilde Jagd“ oder nicht – morgen nicht mit ungebügelten Kleidern ins Büro gehen werde.

Elie wirft vorwurfsvoll ein: „Du bist kein spiritueller Mensch!“

Ich nicke. „Das stimmt. An derlei Blödsinn habe ich noch nie geglaubt, und ich bin in der Tat überhaupt kein spiritueller Mensch.“ Und etwas hitzig füge ich hinzu: „Stört das hier jemanden?“

Elie seufzt und verkriecht sich wieder in sein Nestchen, das sich in eine wahre Fundgrube von Liebesgedichten, Romanen und mystischen Abhandlungen verwandelt hat. Unter dem Kopfkissen glaube ich Novalis‘ Hymnen an die Nacht zu erspähen, kann mir indes nicht vorstellen, dass Elie davon auch nur ein Wort zu verstehen imstande ist.

Anatol unkt: „Wir werden es ja sehen, ob das Folgen haben wird. Ich jedenfalls werde ganz sicher keine Hausarbeit verrichten in den kommenden Tagen.“

Ich beginne, zu verstehen. Die „wilde Jagd“ dient den Butlern ganz einfach als Vorwand, während der Weihnachtsfeiertage alle Arbeit mir zu überlassen. Aber hier hat man die Rechnung ohne den Wirt gemacht!

„Natürlich werdet Ihr in den nächsten Tagen im Haushalt arbeiten. Sieh nur die Wäscheberge in der Waschküche! Dazu stehen die gesamten Weihnachtsvorbereitungen noch an – und ab morgen bin ich wieder im Büro. Lasst die „wilde Jagd“ meine Sorge sein: notfalls werde ich das Gesochs mit unserem Kärcher in die Flucht schlagen. Keine Widerrede!“

Ich bin wütend. Was werden sich die Biester wohl noch ausdenken, um mir ihre Arbeit aufzuhalsen?

Anatol setzt halbherzig zum Krakeelen an, verkneift sich jedoch selbiges nach einem scharfen Blick meinerseits. Er merkt, dass ich beim nächsten Widerwort an die Decke gehen werde.

Kleinlaut macht sich der Butler nun in der Küche zu schaffen; mit Genugtuung sehe ich, dass er die Suppe aufgesetzt hat und uns bald ein köstliches Sonntagsmahl kredenzen wird. Mein Groll verfliegt.

Der Nachmittag vergeht. IMG_3309Ich rege einen Spaziergang im Park an, bevor unsere Teestunde beginnt… die Saurier scheinen ihre Angst vor der wilden Jagd ad acta gelegt zu haben: ohne Murren hüpfen sie die Treppe herunter und scheinen sich sogar über den Auslauf an der frischen Luft zu freuen.

Bei Anbruch der Dunkelheit sind wir wieder zu Hause. Anatol setzt das Teewasser auf und zündet Kerzen an. Elie will noch ein wenig lesen, bevor wir uns an den Teetisch setzen. Ich baue – wie jeden Sonntag Nachmittag – das Bügelbrett auf und lege die Bügelwäsche zurecht.

Die meisten Menschen bügeln nicht gern. Nicht, dass Bügeln eine meiner Lieblingsbeschäftigungen wäre – dennoch empfinde ich diese Tätigkeit als recht angenehm. Beim Bügeln kann man wunderbar entspannen… das Ergebnis ist schön glatte, sauber duftende Wäsche, die Arbeit selbst ist nicht anstrengend … ich kenne durchaus lästigere Hausarbeit.

Stirnrunzelnd beobachtet Anatol meine Bügel-Vorbereitungen. Ich sehe ihn scharf an: ich will jetzt keine dummen Bemerkungen hören, und das weiss der Butler auch ganz genau. Elie hingegen kann sich nicht zurückhalten: „Ich bringe mich jetzt in Sicherheit! Nämlich unter meine Bettdecke. Wehe, wenn mir was passiert mit der wilden Jagd!“

Wutschnaubend packe ich den Burschen am Schlafittchen. „Weisst Du, wo Du absolut in Sicherheit vor deiner wilden Jagd bist? Ja – im Katzenkennel! Und darein wirst Du jetzt gesteckt, bis ich fertiggebügelt habe!“ IMG_3303

Der Saurier zappelt und schreit Zeter und Mordio, kann aber gegen mich nichts ausrichten.

Gleichzeitig wünscht er sich ja Schutz vor dem wilden Heer. Den kann ich bieten: in der Abstellkammer – hinter Gittern. Ich schließe die Tür der Rumpelkammer und ignoriere das Protestgeschrei.

Dann schließe ich voller Wut das Bügeleisen zum Aufheizen an den Strom.

Anatol setzt sich in den Abstellraum und versucht, Elie zu beruhigen. „Ich glaube, wir haben sie auf die Palme gebracht, Elie. Sie wird sicher nicht lange sauer sein. In einer halben Stunde kannst Du da bestimmt wieder raus. Soll ich Dir was vorlesen? Die Geschichte mit der wilden Jagd ist doch nur eine alte Legende. Ehrlich gesagt glaube ich auch nicht dran. Es macht einfach so einen Spaß, die zu erzählen!“

Elie ist fassungslos. „Nur eine alte Legende? Und ich hab so Angst gehabt, Anatol! Ich dachte, da kommt wirklich ein wildes Heer und nimmt uns mit!! Grad wo wir doch so klein und handlich sind …“ Elie weiss sichtlich nicht, ob er weinen oder Anatol eine Abreibung verpassen soll – an letzterem hindert ihn allerdings glücklicherweise der vergitterte Katzenkennel. Aus diesem Grund befreit der Butler seinen Kumpanen auch nicht aus dem Kennel.

Das Bügeleisen ist nun heiss – ich beginne mit dem Plätten meiner weissen Blusen. Aus dem Radio klingt Musik, ich habe noch eine Tasse Tee und das Geplänkel der Saurier wird durch die Tür der Abstellkammer gedämpft. Der Nachmittag beginnt langsam, mir wieder Freude zu bereiten.

Plötzlich rauscht das Radio. Das Signal wird schwächer – und ist nun ganz weg. Ich versuche, einen anderen Sender einzustellen, aber der gesamte Radioempfang scheint gestört zu sein.

Anatol ruft: „Mach einfach den Computer an – da kriegen wir das Radio auch rein!“, aber noch bevor ich zum Laptop gehen kann, setzt ein dumpfes Dröhnen, welches die ganze Wohnung erfasst, ein. Es scheint aus dem Dachgeschoß zu kommen, möglicherweise sogar vom Dach selbst.

Ich bin perplex. „Es hört sich fast so an, als wolle ein Hubschrauber auf unserem Dach landen! Was kann denn das nur sein?“

Elie wirft sich in Panik an die Gittertür des Kennels. „Das ist das wilde Heer! Es ist über uns auch dem Dach und will uns holen! Genau so war es in Anatols Geschichte erzählt! Anatol, so ist es doch?“ schreit Elie, voller Entsetzen.

IMG_3308Anatol ist indessen nicht mehr zu sehen. Er hat sich beim ersten Anzeichen des Nahens der wilden Jagd unter den Küchenschrank gerettet: nur eine kleine grüne Schwanzspitze ragt noch unter dem Schrank hervor.

Um Elie, der völlig hysterisch im Kennel hin und herschießt, nicht ganz allein seiner Angst zu überlassen, öffne ich den Kennel und setze ihn in die Kapuze meines Pullis. IMG_3306Hier beruhigt sich der angstbebende Saurier endlich.

Das Geheule und Dröhnen über uns hat indessen weiter zugenommen. Auch die Katzen haben sich – als mutige Raubtiere – in ihre Verstecke zurückgezogen. Sollte an der Legende um die wilde Jagd doch etwas Wahres sein?

Wir werden es bald herausfinden, denn das Gelärme ist nun direkt über uns. Ich beschließe, mich dem Grauen zu stellen und öffne die Etagentür einen kleinen Spalt. Elie heult voller Entsetzen „Lass bloß die Tür zu! Sie ziehen uns raus, ins wilde Heer!“

Ich zögere einen Moment, will aber nun wissen, was hier los ist. Mit einem Ruck öffne ich die Tür ganz – und ohrenbetäubender Lärm umgibt uns. Er kommt aus dem 5. Stock, und ich bin mir immer sicherer, dass er eine irdische Ursache hat.

Mein neuer Nachbar in der 5. Etage macht uns auf. „Bitte entschuldigen Sie!“ schreit er, einen gigantischen und sichtlich uralten Staubsauger hinter sich herzerrend. Er zieht das Kabel aus der Steckdose – der Lärm ebbt ab.

„Es tut mir leid, dass ich ausgerechnet heute, am 4. Advent, dieses Ungetüm betätigen muss – mein Staubsauger ist kaputt, und dieses Gerät habe ich ausgeliehen. Ich bin jetzt fertig mit Saugen. Nächste Woche ist mein eigener Staubsauger wieder heil, und das Ungeheuer kann zurück in seinen angestammten Wirkungskreis.“

Ich beeile mich zu sagen, dass der Lärm nicht weiter störe, dass ich mich nur gesorgt hätte, ob auch alles in Ordnung sei.

Nun fällt mir auf, dass mich mein Nachbar mit starrem Blick fixiert. „Da … da sitzt etwas in ihrer Kapuze!“ stammelt er. „Das … Ding … lebt das …?“

Ich beruhige meinen Nachbarn. Es handele sich um meine Haus-Echse, die vor Lärm besondere Angst habe und sich daher in meine Kapuze geflüchtet habe. Sie komme nun sofort in ihr Terrarium zurück. Im übrigen beisse sie nicht und sei ein reiner Pflanzenfresser.

Verschreckt taucht Elie ganz in die Kapuze ab. Indigniert murmelt er „Ich bin kein ‚Ding‘!“

Eilig verabschiede ich mich und kehre in unsere Wohnung zurück, wo das Radio nun wieder funktioniert. Offenbar hatte der Urzeit-Sauger elektromagnetische Interferenzen verursacht, die den Radioempfang gestört hatten.

„Anatol, du kannst aus Deinem Versteck kommen. Das wilde Heer hat mit Staubsaugen aufgehört und wird so bald nicht weitermachen. Aber das Bügeln, das könntest Du jetzt übernehmen!“

Betreten krabbelt der Butler unter dem Schrank hervor. „Ich hatte Angst!“ sagt er vorwurfsvoll. Elie pflichtet ihm bei. „Ich auch! Und gib es zu: DU hattest auch etwas Angst! Als das Radio ausgefallen ist. Ich habe es genau gemerkt!“

Ich räume ein, dass es mich ein klein wenig – angenehm – gegruselt habe, als das Radio nur noch Rauschen von sich gegeben habe. Mehr allerdings nicht! Dann ordne ich an, dass die Hausarbeit für heute beendet sei, und wir nun bei einem guten Tee weitere von Anatols Schauergeschichten anhören.

Morgen ins Büro werde ich ein bügelfreies Oberteil anziehen.

102. Kapitel – Teatime

Ein Faulenzertag neigt sich dem Ende zu. Im Grunde mein letzter „richtiger“ Ferientag – am Montag muss ich wieder arbeiten. Eigentlich hatte ich heute Nachmittag noch einmal mit den Sauriern auf den Weihnachtsmarkt gehen wollen, aber das Wetter ist alles andere als einladend.

So streiche ich den Besuch auf dem Weihnachtsmarkt und entscheide, dass nun Zeit für unsere Teezeremonie ist. Ich setze den Teekessel auf, nein: betätige den Wasserkocher, und beginne, den Tee vorzubereiten.

Das Telephon klingelt. Es ist die Poststelle bei der Arbeit. Ein Paket ist eingetroffen, welches ich möglichst bald abholen soll. Ich seufze. Ja, ich hatte etwas für die Katzen bestellt … nun muss ich doch nach draußen.

Mißmutig trage ich den Butlern auf, sich um den Tee zu kümmern (dies ist ohnehin ihre Aufgabe), da ich sicher nicht lange brauchen werde, um das Päckchen abzuholen. Ich habe überhaupt keine Lust, ins naßkalte Grau nach draußen zu müssen…

Als ich eine halbe Stunde später wiederkomme, haben die beiden Butler sich geradezu selbst übertroffen.

IMG_3291Der Five o’clock Tea zieht in seiner Kanne auf dem Stövchen, der Kandis ist schon in der Teeschale … sogar Elie hat seine Ermitage kurzfristig verlassen und möchte Tee mit uns trinken.

Der schönste Moment des Tages beginnt.