113. Kapitel – Krank

„Da haben wir es!“ zetert Anatol voller Wut. „Du hast Dich so überarbeitet, dass Du nun krank geworden bist. Bravo!“

Der Butler ist fuchsteufelswild, muss er jetzt nicht nur den Haushalt und die Katzen, sondern auch noch einen kranken, seiner Meinung nach äußerst wehleidigen Menschen versorgen.

Seit gestern hat sie mich erwischt: die Grippe – bzw. ein grippaler Infekt. Dieser ist wohl eher einem üblen Virus zu verdanken als meiner Arbeitshaltung.

Anatol hatte gestern schon geunkt, ich würde heute wohl kaum zu Arbeit gehen können. Mit letzter Kraft hatte ich mich noch gegen derlei böse Prophezeiungen gewehrt. Morgens beim Aufwachen ist jedoch klar: bellender Husten, Halsschmerzen, Kopf- und Gliederschmerzen … mit Arbeiten wird es heute nichts.

Wutschnaubend ergreift Anatol das Telephon. „Nun muss ich Dich auch noch zum Arzt schaffen! Kannst Du mir mal verraten, wie ich das tun soll?“ Wehrlos bin ich den verbalen Attacken des Untieres ausgeliefert – es geht mir einfach zu schlecht, um den Butler zurechtzuweisen.

Elie streichelt mir über den Kopf. „Anatol ist gerade etwas überfordert. Ich glaube, er macht sich ziemliche Sorgen – und dann brüllt er immer so rum. In Wirklichkeit hat er nur Angst, dass Dir etwas zustoßen könnte“, sagt er leise.

„WAS BITTE?“ schreit Anatol ins Telephon. „Sie soll in die Praxis kommen? Das ist ganz unmöglich! Sie ist nicht transportfähig! Wie – keine Hausbesuche? Das darf doch nicht wahr sein!“ Wütend hängt der Butler ein.

„Der Arzt macht keine Hausbesuche. Fridolin arbeitet ja leider nicht mehr bei ihm – er wäre sicher gekommen. Du musst also dort hin. Und zwar sofort. Später ist alles mit Terminen voll.“

Ich seufze. Nun heisst es also, mich einpacken in Pullis und den dicken Mantel, Schal um und die Mütze auf den Kopf – und dann aufs Fahrrad, denn ein anderes Transportmittel haben wir nicht.

Das Gezeter des Sauriers wird leiser und leiser, je weiter ich mich entferne. Elie hat mir noch die warmen Handschuhe hinterhergetragen. Nun geht es hinaus ins Schneetreiben.

Das Wartezimmer ist noch ganz leer, das ist ein Glück. Fridolins Abwesenheit fällt mir einmal mehr schmerzlich auf. Im letzten Sommer hatte er plötzlich alle seine Dienste quittiert und war fortgezogen. Anatol behauptet, er werde wiederkommen – aber bis heute hat niemand ein Lebenszeichen von Fridolin erhalten.

Eine Viertelstunde später verlasse ich die Praxis mit einem ellenlagen Rezept, einer Krankschreibung für zwei Tage und der Diagnose „Bronchitis“.

Das Handy klingelt. Anatol beordert mich auf dem schnellsten Wege nach Hause zurück. Ich solle nicht vor der noch geschlossenen Apotheke im Schneesturm warten – um die Beschaffung der Medikamente werde er sich kümmern. Stattdessen solle ich schnurstracks zurückfahren, da ein heisser Hustentee bereits auf mich warte.

‚Elie muss Anatol ein paar Takte gesagt haben‘, denke ich mir.

Als ich etwas später die Wohung betrete, steht der Tee auf dem Stövchen und das Bett ist frisch bezogen. Ein dickes Brot mit Schokolade liegt auf dem Teller. Anatol nimmt das Rezept für die Apotheke an sich und läuft los, um meine Medikamente zu kaufen. Mittlerweile hat die Apotheke endlich auf.

Nun merke ich, wie müde und krank ich wirklich bin. Ich lege mich ins Bett und schlafe augenblicklich ein.

Als ich aufwache, sitzt Anatol mit einem ganzen Berg von Medikamentenschachteln vor mir. Wir sind in Frankreich, und hier gilt: Viel hilft viel! Antibiotikum, Fiebersenker, Hustensaft und noch ein Mittel gegen Magenbeschwerden nach all den Medikamenten – all das trichtert Anatol mir, ohne dass ich mich wehren könnte, ein. Widerstand ist in meinem Zustand ohnehin zwecklos.

Als das Tier mir den Rücken zukehrt, um noch etwas Tee aus der Küche zu holen, genehmige ich mir schnell einen zweiten – und noch einen dritten – Esslöffel des köstlichen Hustensafts. Was soll schon passieren? Es ist ja nur Saft.

Wieder falle ich in einen Dämmerschlaf, der von bizarren Träumen begleitet wird. Ein Kollege isst voller Wut meine nicht erledigten Akten auf – die Personalchefin befiehlt, dass morgens im Büro Croissants gereicht werden müssen; wohlmeinende Kolleginnen richten ein Katzenklo im Photokopierraum ein.

Als ich aus dem fiebrigen Zustand und seinen Gaukelbildern wieder auftauche, dreht sich mir alles. Ich versuche, aufzustehen, aber es geht nicht. Ich rufe den Butler, aber ich kann nur ein Lallen von mir geben.

Entsetzt stürzen die Saurier herbei. Anatol schnauzt mich an: „Bleib liegen! Du schwankst ja!“ Ich falle zurück ins Bett, kann allerdings keinen Laut von mir geben. Elie hält stirnrunzelnd die Hustensaftflasche in der Hand.

„Findest Du nicht, da fehlt etwas viel Hustensaft, Anatol? Da sind mindestens 3 Esslöffel draus weggetrunken, oder?“

Anatol sieht mich fassungslos an. „Hast Du etwa …?“ Er kann den Satz nicht vollenden.

„Ja, ich hab noch was Saft …“ schaffe ich mühsam, zu artikulieren.

„Das Zeug ist hochdosiertes Codein!“ schreit Anatol. „Das gibt es nur auf Rezept – und mehr als einen Löffel darf man pro Dosis gar nicht nehmen!“

Und zu Elie gewandt: „Schließ mir den Saft weg, aber sofort! Der Plunder ist suchtfördernd!“

Ich bin pikiert. Von ein, zwei Löffeln Hustensaft wird man nicht süchtig. Der Saft schmeckt aber auch zu gut. Zudem wirkt er: gehustet habe ich kaum noch.

Ich lege mich zurück ins Bett und schlafe ein – diesmal in einen langen, glücklicherweise traumlosen Schlaf.

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