103. Kapitel – Rauhnächte: Im Herzen der Finsternis

Heute ist der 21. Dezember. Die kommende Nacht wird die längste und dunkelste des Jahres werden – die Nacht der Wintersonnenwende. Wir befinden uns im Herzen der Finsternis.

Seit gestern Nachmittag vertreibt Anatol uns die Zeit mit dem Erzählen von Schauergeschichten. Bereits gegen 16 Uhr hatte draußen die Abenddämmerung eingesetzt. Um 16 Uhr 30 war es dunkel gewesen: der beste Zeitpunkt, um mit einer Tasse Tee am Kamin zu sitzen und Gruselgeschichten zu hören. Einen Kamin haben wir zwar nicht, aber zur Not tun es ja auch das Teestövchen und ein paar Teelichter.

Anatol hatte es tatsächlich geschafft, Elie mit den Gespenstergeschichten aus seiner Einsiedelei und Trübsal herauszulocken. Der Tee und die gestern auf dem Markt erstandenen feinen Bredele hatten ihr Übriges getan: Elie hatte sogar einmal gelacht – als das bitterböse Gespenst in die heimtückisch von ihm aufgestellte Falle (ein kalter Krötentümpel voller Entengrütze) selbst hineingefallen war.

Später hatte Elie sich wieder zurückgezogen, während Anatol und ich das Abendessen vorbereitet hatten. Der Abend war friedlich und ohne besondere Vorkommnisse verlaufen und alle waren zeitig ins Bett gegangen.

Heute bin ich schon sehr früh auf, muss doch das ganze Haus aufgeräumt und geputzt werden. Dass dies ausgerechnet sonntags geschehen muss, ist eine Schande – aber der gestrige Tag war einfach zu kurz. Anatol lässt es sich nicht nehmen, immer wieder darauf hinzuweisen, dass in den bald beginnenden Rauhnächten keinerlei Hausarbeit besorgt werden dürfe – dies bringe Unglück. Vielmehr müsse das Haus schon vor den besagten Rauhnächten aufgeräumt, sauber und ordentlich sein. Heute sei – bei Tageslicht – der letzte Moment gekommen, dies zu erledigen.

Da ich derlei Aberglauben nichts abgewinnen kann, kündige ich schon jetzt an, dass ich heute abend – Rauhnacht hin oder her – in jedem Fall meine Blusen bügeln werde. Dies tue ich jeden Sonntag Abend, und ich sehe keine Veranlassung, von dieser Gewohnheit abzuweichen.

„Unselige!“ ruft Elie aus seinem Versteck heraus. „Ausgerechnet heute Nacht wird doch die wilde Jagd durch die Lüfte ziehen! Man darf sie nicht durch solche Hausarbeiten stören! Du wirst Unheil auf uns ziehen, ich sehe es kommen!“

Ich bin sprachlos. „Elie, Du wirst doch nicht diesen alten Geschichten Glauben schenken! Ich fasse es nicht … es gibt keine ‚wilde Jagd‘, und selbst wenn es eine gäbe, würde sie mich nicht davon abhalten, hier in meinem Haus genau das zu tun, was ich will! Schließlich leben wir in einem aufgeklärten Zeitalter.“

Anatol schnaubt verächtlich. „Als ein aufgeklärtes Zeitalter würde ich die heutige Epoche nicht bezeichnen … Zeiten, in denen Politiker uns weismachen wollen, dass der Religionsunterricht ins Fach Biologie gehört, und wo Kinder in Schulen umgebracht werden, nur weil sie etwas lernen wollen – nein, die würde ich nicht als ‚aufgeklärt‘ bezeichnen.“

Hier gebe ich Anatol zwar recht, merke aber dennoch an, dass ich – „wilde Jagd“ oder nicht – morgen nicht mit ungebügelten Kleidern ins Büro gehen werde.

Elie wirft vorwurfsvoll ein: „Du bist kein spiritueller Mensch!“

Ich nicke. „Das stimmt. An derlei Blödsinn habe ich noch nie geglaubt, und ich bin in der Tat überhaupt kein spiritueller Mensch.“ Und etwas hitzig füge ich hinzu: „Stört das hier jemanden?“

Elie seufzt und verkriecht sich wieder in sein Nestchen, das sich in eine wahre Fundgrube von Liebesgedichten, Romanen und mystischen Abhandlungen verwandelt hat. Unter dem Kopfkissen glaube ich Novalis‘ Hymnen an die Nacht zu erspähen, kann mir indes nicht vorstellen, dass Elie davon auch nur ein Wort zu verstehen imstande ist.

Anatol unkt: „Wir werden es ja sehen, ob das Folgen haben wird. Ich jedenfalls werde ganz sicher keine Hausarbeit verrichten in den kommenden Tagen.“

Ich beginne, zu verstehen. Die „wilde Jagd“ dient den Butlern ganz einfach als Vorwand, während der Weihnachtsfeiertage alle Arbeit mir zu überlassen. Aber hier hat man die Rechnung ohne den Wirt gemacht!

„Natürlich werdet Ihr in den nächsten Tagen im Haushalt arbeiten. Sieh nur die Wäscheberge in der Waschküche! Dazu stehen die gesamten Weihnachtsvorbereitungen noch an – und ab morgen bin ich wieder im Büro. Lasst die „wilde Jagd“ meine Sorge sein: notfalls werde ich das Gesochs mit unserem Kärcher in die Flucht schlagen. Keine Widerrede!“

Ich bin wütend. Was werden sich die Biester wohl noch ausdenken, um mir ihre Arbeit aufzuhalsen?

Anatol setzt halbherzig zum Krakeelen an, verkneift sich jedoch selbiges nach einem scharfen Blick meinerseits. Er merkt, dass ich beim nächsten Widerwort an die Decke gehen werde.

Kleinlaut macht sich der Butler nun in der Küche zu schaffen; mit Genugtuung sehe ich, dass er die Suppe aufgesetzt hat und uns bald ein köstliches Sonntagsmahl kredenzen wird. Mein Groll verfliegt.

Der Nachmittag vergeht. IMG_3309Ich rege einen Spaziergang im Park an, bevor unsere Teestunde beginnt… die Saurier scheinen ihre Angst vor der wilden Jagd ad acta gelegt zu haben: ohne Murren hüpfen sie die Treppe herunter und scheinen sich sogar über den Auslauf an der frischen Luft zu freuen.

Bei Anbruch der Dunkelheit sind wir wieder zu Hause. Anatol setzt das Teewasser auf und zündet Kerzen an. Elie will noch ein wenig lesen, bevor wir uns an den Teetisch setzen. Ich baue – wie jeden Sonntag Nachmittag – das Bügelbrett auf und lege die Bügelwäsche zurecht.

Die meisten Menschen bügeln nicht gern. Nicht, dass Bügeln eine meiner Lieblingsbeschäftigungen wäre – dennoch empfinde ich diese Tätigkeit als recht angenehm. Beim Bügeln kann man wunderbar entspannen… das Ergebnis ist schön glatte, sauber duftende Wäsche, die Arbeit selbst ist nicht anstrengend … ich kenne durchaus lästigere Hausarbeit.

Stirnrunzelnd beobachtet Anatol meine Bügel-Vorbereitungen. Ich sehe ihn scharf an: ich will jetzt keine dummen Bemerkungen hören, und das weiss der Butler auch ganz genau. Elie hingegen kann sich nicht zurückhalten: „Ich bringe mich jetzt in Sicherheit! Nämlich unter meine Bettdecke. Wehe, wenn mir was passiert mit der wilden Jagd!“

Wutschnaubend packe ich den Burschen am Schlafittchen. „Weisst Du, wo Du absolut in Sicherheit vor deiner wilden Jagd bist? Ja – im Katzenkennel! Und darein wirst Du jetzt gesteckt, bis ich fertiggebügelt habe!“ IMG_3303

Der Saurier zappelt und schreit Zeter und Mordio, kann aber gegen mich nichts ausrichten.

Gleichzeitig wünscht er sich ja Schutz vor dem wilden Heer. Den kann ich bieten: in der Abstellkammer – hinter Gittern. Ich schließe die Tür der Rumpelkammer und ignoriere das Protestgeschrei.

Dann schließe ich voller Wut das Bügeleisen zum Aufheizen an den Strom.

Anatol setzt sich in den Abstellraum und versucht, Elie zu beruhigen. „Ich glaube, wir haben sie auf die Palme gebracht, Elie. Sie wird sicher nicht lange sauer sein. In einer halben Stunde kannst Du da bestimmt wieder raus. Soll ich Dir was vorlesen? Die Geschichte mit der wilden Jagd ist doch nur eine alte Legende. Ehrlich gesagt glaube ich auch nicht dran. Es macht einfach so einen Spaß, die zu erzählen!“

Elie ist fassungslos. „Nur eine alte Legende? Und ich hab so Angst gehabt, Anatol! Ich dachte, da kommt wirklich ein wildes Heer und nimmt uns mit!! Grad wo wir doch so klein und handlich sind …“ Elie weiss sichtlich nicht, ob er weinen oder Anatol eine Abreibung verpassen soll – an letzterem hindert ihn allerdings glücklicherweise der vergitterte Katzenkennel. Aus diesem Grund befreit der Butler seinen Kumpanen auch nicht aus dem Kennel.

Das Bügeleisen ist nun heiss – ich beginne mit dem Plätten meiner weissen Blusen. Aus dem Radio klingt Musik, ich habe noch eine Tasse Tee und das Geplänkel der Saurier wird durch die Tür der Abstellkammer gedämpft. Der Nachmittag beginnt langsam, mir wieder Freude zu bereiten.

Plötzlich rauscht das Radio. Das Signal wird schwächer – und ist nun ganz weg. Ich versuche, einen anderen Sender einzustellen, aber der gesamte Radioempfang scheint gestört zu sein.

Anatol ruft: „Mach einfach den Computer an – da kriegen wir das Radio auch rein!“, aber noch bevor ich zum Laptop gehen kann, setzt ein dumpfes Dröhnen, welches die ganze Wohnung erfasst, ein. Es scheint aus dem Dachgeschoß zu kommen, möglicherweise sogar vom Dach selbst.

Ich bin perplex. „Es hört sich fast so an, als wolle ein Hubschrauber auf unserem Dach landen! Was kann denn das nur sein?“

Elie wirft sich in Panik an die Gittertür des Kennels. „Das ist das wilde Heer! Es ist über uns auch dem Dach und will uns holen! Genau so war es in Anatols Geschichte erzählt! Anatol, so ist es doch?“ schreit Elie, voller Entsetzen.

IMG_3308Anatol ist indessen nicht mehr zu sehen. Er hat sich beim ersten Anzeichen des Nahens der wilden Jagd unter den Küchenschrank gerettet: nur eine kleine grüne Schwanzspitze ragt noch unter dem Schrank hervor.

Um Elie, der völlig hysterisch im Kennel hin und herschießt, nicht ganz allein seiner Angst zu überlassen, öffne ich den Kennel und setze ihn in die Kapuze meines Pullis. IMG_3306Hier beruhigt sich der angstbebende Saurier endlich.

Das Geheule und Dröhnen über uns hat indessen weiter zugenommen. Auch die Katzen haben sich – als mutige Raubtiere – in ihre Verstecke zurückgezogen. Sollte an der Legende um die wilde Jagd doch etwas Wahres sein?

Wir werden es bald herausfinden, denn das Gelärme ist nun direkt über uns. Ich beschließe, mich dem Grauen zu stellen und öffne die Etagentür einen kleinen Spalt. Elie heult voller Entsetzen „Lass bloß die Tür zu! Sie ziehen uns raus, ins wilde Heer!“

Ich zögere einen Moment, will aber nun wissen, was hier los ist. Mit einem Ruck öffne ich die Tür ganz – und ohrenbetäubender Lärm umgibt uns. Er kommt aus dem 5. Stock, und ich bin mir immer sicherer, dass er eine irdische Ursache hat.

Mein neuer Nachbar in der 5. Etage macht uns auf. „Bitte entschuldigen Sie!“ schreit er, einen gigantischen und sichtlich uralten Staubsauger hinter sich herzerrend. Er zieht das Kabel aus der Steckdose – der Lärm ebbt ab.

„Es tut mir leid, dass ich ausgerechnet heute, am 4. Advent, dieses Ungetüm betätigen muss – mein Staubsauger ist kaputt, und dieses Gerät habe ich ausgeliehen. Ich bin jetzt fertig mit Saugen. Nächste Woche ist mein eigener Staubsauger wieder heil, und das Ungeheuer kann zurück in seinen angestammten Wirkungskreis.“

Ich beeile mich zu sagen, dass der Lärm nicht weiter störe, dass ich mich nur gesorgt hätte, ob auch alles in Ordnung sei.

Nun fällt mir auf, dass mich mein Nachbar mit starrem Blick fixiert. „Da … da sitzt etwas in ihrer Kapuze!“ stammelt er. „Das … Ding … lebt das …?“

Ich beruhige meinen Nachbarn. Es handele sich um meine Haus-Echse, die vor Lärm besondere Angst habe und sich daher in meine Kapuze geflüchtet habe. Sie komme nun sofort in ihr Terrarium zurück. Im übrigen beisse sie nicht und sei ein reiner Pflanzenfresser.

Verschreckt taucht Elie ganz in die Kapuze ab. Indigniert murmelt er „Ich bin kein ‚Ding‘!“

Eilig verabschiede ich mich und kehre in unsere Wohnung zurück, wo das Radio nun wieder funktioniert. Offenbar hatte der Urzeit-Sauger elektromagnetische Interferenzen verursacht, die den Radioempfang gestört hatten.

„Anatol, du kannst aus Deinem Versteck kommen. Das wilde Heer hat mit Staubsaugen aufgehört und wird so bald nicht weitermachen. Aber das Bügeln, das könntest Du jetzt übernehmen!“

Betreten krabbelt der Butler unter dem Schrank hervor. „Ich hatte Angst!“ sagt er vorwurfsvoll. Elie pflichtet ihm bei. „Ich auch! Und gib es zu: DU hattest auch etwas Angst! Als das Radio ausgefallen ist. Ich habe es genau gemerkt!“

Ich räume ein, dass es mich ein klein wenig – angenehm – gegruselt habe, als das Radio nur noch Rauschen von sich gegeben habe. Mehr allerdings nicht! Dann ordne ich an, dass die Hausarbeit für heute beendet sei, und wir nun bei einem guten Tee weitere von Anatols Schauergeschichten anhören.

Morgen ins Büro werde ich ein bügelfreies Oberteil anziehen.

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