119. Kapitel – Mobberdämmerung

Was bisher geschah:

Boshafte Klassenkameraden – insbesondere der smarte Angelo – haben sich angewöhnt, Anatol zu drangsalieren. Dem heutigen Brauch folgend, derlei Problemen mittels einer psychologischen Behandlung bzw. eines Coachings abzuhelfen, habe ich Anatol bei einem Anti-Mobbingkurs mit Schlagfertigkeitstraining angemeldet.

Diesen Kurs hat Anatol eine Woche lang besucht. Sein Selbstbewusstsein ist gegen Ende dieses Kurses – ein wenig zu unserem Bedauern – ins fast Unermessliche gestiegen. Ob das in der kommenden Woche anstehende Aufeinandertreffen der nun auf Gleichstand gebrachten Egos der Kontrahenten einen positiven Ausgang nehmen wird – wir wagen es nicht vorherzusagen.

Anatol übt in seinem Zimmer ein letztes Mal seine Schlagfertigkeitslektionen, während Elie und ich im Wohnzimmer einen Nachmittagstee trinken.

Elie zieht die Stirn in Falten. „Das gibt ein Drama – ich sehe es kommen. Diese ganzen Kurse und Coachings, da glaube ich nicht dran! Die dienen doch nur dazu, schüchternen Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen. Wenn sie dann ihrem mobbenden Chef die perfekte schlagfertige Antwort geben, sind sie auch noch ihre Stelle los! Oder glaubst Du, dass irgendjemand seinem Mobber-Chef sagen wird ‚Übrigens, wie weit ist es mit Ihrer Scheidung?‘, wenn der Chef wieder mal eine fiese Bemerkung macht? Das tut doch niemand. Und wenn, dann braucht er danach einen neuen Job. Nein, aus meiner Sicht ist das alles Nepp! Gegen Mobbing muss man anders vorgehen.“

Im Grunde teile ich Elies Meinung. Mobbing sollte man mit rechtlichen Maßnahmen bekämpfen können – aber wir alle wissen, wie schwer das ist. Dem Mobber mit schlauen Sprüchen kommen, wenn er bereits die Oberhand hat, das scheint auch mir sehr gewagt.

Anatol ist indessen fest davon überzeugt, dass es ihm gelingen wird, der Schikane innerhalb kurzer Zeit Herr zu werden. Was gibt ihm diese Sicherheit? Anatol erklärt es uns.

„Beim Coaching haben wir Situationen durchgespielt, die mir tatsächlich mit Angelo passiert sind. Die Coachin hat das alles mit mir analysiert – und nun bin ich der festen Überzeugung, dass Angelo ein Blender ist. Er hat in Wirklichkeit nur wenig Ahnung! Es traut sich aber niemand, mal genauer nachzufragen. Übrigens habe ich gegoogelt: auf der Webseite von Dinojugend forscht steht er nirgends als Preisträger drauf. Vielleicht hat er das nur erfunden! Ich werde mich jedenfalls von dem nicht mehr piesacken lassen.“

Siegessicher verlässt Anatol heute früh das Haus. Ich setze mich an den Computer, um den zweiten Teil meiner Novelle in Angriff zu nehmen, aber es kommen mir keine Ideen. Um 10 Uhr lösche ich alles heute Geschriebene und mache mich daran, die Abstellkammer aufzuräumen. Zu sehr beschäftigen mich die Gedanken an Anatols geplante Anti-Mobbing-Aktion.

Nun ist es 13 Uhr – bald sollten die beiden Butler aus der Schule kommen… jodoch betritt um viertel nach Eins nur Elie die Wohnung.

„Anatol sitzt nach,“ erklärt er lakonisch. „Sie denken darüber nach, ihn der Schule zu verweisen. Also die Lehrerkonferenz. Na ja, ich habs ja gesagt.“

Entsetzt will ich die ganze Geschichte hören, bevor ich den Schuldirektor anrufen werde. Elie fasst den explosiven Vormittag zusammen.

Zur ersten „Begegnung“ mit dem Widersacher sei es in der Französischstunde gekommen. Angelo, der Überflieger, habe bei einer Antwort Anatols einen kleinen Aussprachefehler ins Lächerliche gezogen – worauf seine Clique in hämisches Gelächter ausgebrochen sei. Anatol habe dies allerdings nicht auf sich beruhen lassen, sondern habe dem „Feind“ entgegengeschleudert, wenn er so schlau sei, solle er doch mal den Subjonctif I des Verbs acquérir in der ersten Person sagen. Er würde auf die Antwort notfalls auch warten!

Da Angelo diese Konjugation nicht beherrschte (was ihm im Grunde nicht vorzuwerfen war, da man dieses Verb noch nicht im Unterricht behandelt hatte), obwohl er sich selbst als den ultimativen Französisch-Crack bezeichnete, habe Anatol diesmal die Lacher auf seiner Seite gehabt – nämlich die Schüler, die ebenfalls unter der Knute des Klassenbesten litten.

In der nachfolgenden Pause habe Angelo Anatol mit seiner Clique umringt. Elie, Mirko und Edouard sei das Herz tief in die Hose gerutscht, da sie die Vergeltung der Bande fürchteten. Anatol habe ihnen jedoch vorher gesagt, es werde gewiss nichts passieren. Sollte die Clique ihn auf dem Schulhof tätlich angreifen, habe er endlich einen Beweis für die Boshaftigkeiten, den auch die Lehrer nicht mehr würden ignorieren können. Größere Sorgen mache er sich um den Nachhauseweg, aber dafür habe er auch eine Lösung parat.

Es sei dann zunächst zu einem verbalen Schlagabtausch gekommen. Angelo habe Anatol als „grünen Wurm“ bezeichnet, der einen „Zwergenaufstand probe“. Dies werde ihm schlecht bekommen, wie er noch sehen werde.

Anatol, nun wieder im Vollbesitz seiner legendären Unverfrorenheit, habe darauf geantwortet, er sei lieber ein grüner Wurm, als ein „arroganter, aufgeblasener Lackaffe“. Da Angelo daraufhin vor Wut zu platzen drohte und sich Tätlichkeiten ankündigten, habe Anatol sein Heil in schleuniger Flucht gesucht. In Anbetracht der starken zahlenmäßigen Übermacht des Gegners sei dieser Rückzug nicht ehrlos gewesen. Angelo habe den Flüchtigen jedoch eingeholt, worauf sich ein kurzes Handgemenge entsponnen habe.

Anatol habe es glücklicherweise geschafft, sich aus der Umklammerung des Widersachers zu lösen und flugs auf die große Buche auf dem Schulhof zu klettern. Angelo, vor Wut schäumend, sei bei der Verfolgung Anatols in einer günstig am Fuße der Buche gelegenen Schlammpfütze ausgerutscht und morastbekleistert aus der Lache gestiegen. In diesem Moment habe Anatol begonnen, den bekleckerten Gegenspieler unter lautem Gezeter mit offenbar eigens zu diesem Zwecke mitgeführten, schon etwas älteren Tomaten zu bewerfen.

Ein prompt herbeigeeilter Lehrer habe dem Spektakel schließlich ein Ende bereitet.

Angelo sei in den Waschraum gebracht worden, wo er einer notdürftigen Reinigung unterzogen worden sei. Anatol habe man in das Büro des Direktors geführt. Dieser habe zunächst versucht, Anatol einzuschüchtern – was indessen nicht gelungen sei. Anatol habe auf der Anwesenheit seines Vertrauenslehrers bei der Vernehmung  bestanden. Erst als Herr Hildebrandt ins Zimmer des Direktors gekommen sei, habe Anatol den gesamten Verlauf des Mobbings von seinem Beginn an erzählt. Dies und die danach ad hoc einberufene Lehrerkonferenz habe fast drei Stunden gedauert. Am Unterricht haben weder Angelo noch Anatol mehr teilgenommen.

All dies wisse Elie von Herrn Hildebrandt, der ihn bei Schulschluss in Kenntnis gesetzt habe. Vorerst habe man offenbar entschieden, Anatol wegen des Tomatenwerfens, welches als überproportionale Handlung und nicht als notwendige Verteidigung beurteilt worden sei, eine Stunde nachsitzen zu lassen. Darüberhinausgehende Maßnahmen seien allerdings noch nicht beschlossen. Der Direktor habe zunächst vorgehabt, Anatol von der Schule zu werfen, sei damit aber am entschiedenen Widerstand des Lehrerkollegiums gescheitert.

Angelo habe man heute an der Schule nicht mehr gesehen.

Elie lässt den Kopf hängen. „All das wird noch ein Nachspiel haben. Und kein gutes!“

Ich hingegen bin insgeheim stolz auf meinen Butler. Er hat Mut bewiesen, und sich die Ungerechtigkeiten des durchtriebenen Angelo nicht gefallen lassen. Egal was das für Folgen haben wird: wir werden damit klarkommen. Zudem bin ich sicher, dass Anatols Vertrauenslehrer, Herr Hildebrandt, aber auch der Lateinlehrer Herr Justus auf Anatols Seite stehen werden. Beide sind regelmäßig Zielscheibe von Angelos Spitzen, da ihr Unterricht angeblich „nicht ausreichend wissenschaftlich qualifiziert“ sei.

Als Anatol am frühen Nachmittag aus der Schule kommt, haben Elie und ich Pfannkuchen mit Erdbeermarmelade vorbereitet.

Anatol ist müde, aber gefasst. Er meint, dass es ab jetzt kein weiteres Mobbing mehr geben werde. Die Lehrerkonferenz habe beschlossen, dagegen ganz allgemein vorzugehen. Herr Hildebrandt sei zum Mobbing-Referenten ernannt worden. Sobald man sich als Opfer von Schikane oder Hänseleien sehe, könne man sich nun an ihn wenden. Stolz vertilgt Anatol seine Pfannkuchen. Dann verkriecht er sich, von Emotionen überwältigt, weinend in seinem Nest. Aber diesmal ist es ein gutes Weinen!

Am nächsten Tag werden wir von Herr Hildebrandt erfahren, dass Angelo für ein Auslandssemester an die Harvard-Universität gerufen worden sei. Ob das stimmt, oder ob es nur eine Bemäntelung für ein Aussetzen ist, ist uns egal. Angelo wird erst in sechs Monaten wieder aufs MPG zurückkehren und dann voraussichtlich in eine andere Klasse gehen.

Von jetzt an gehen Anatol und seine Freunde wieder unbeschwert in die Schule.

Nachtrag:

Mobbing in der Schule ist ein sehr ernstes Thema. Wenn Ihr Opfer von Hänseleien und Schikane seid: sprecht mit Euren Eltern und mit den Lehrern darüber. Sucht Verbündete und bleibt nicht allein. Wartet nicht ab, sondern handelt schnell. Gebt dem Mobber keine Macht über Euch, indem Ihr es über einen längeren Zeitraum ertragt. Es wird nicht von allein besser!

Jeder kann Opfer von Mobbing werden. Das Opfer von Mobbing ist niemals schuld daran – schuld ist allein der Täter! Lasst Euch nicht einreden, dass Ihr selbst Ursache des Mobbings seid. Oft ist der Täter neidisch; manchmal entscheidet aber auch nur der Zufall darüber, dass man Opfer von Mobbing wird. Niemand hat es verdient, gemobbt zu werden!

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