83. Kapitel – Die Entengrütze

Heute war der erste Schultag nach den Ferien. Elie war mit seinem Roller, Anatol mit dem neuen himmelblauen Victoria-Fahrrad zur Schule gefahren. Ich hatte ihm eingeschärft, das Rad an einer sicheren Stelle abzustellen und auf jeden Fall an eine sehr stabile Verstrebung oder ein Straßenschild anzuschließen. Anatol hatte das fest versprochen – zumal wir dafür ein ganz besonders gutes Bordo-Schloß gekauft hatten. Etwas Sicheres gebe es kaum, hatte uns der freundliche Herr von Zweirad-Schmid garantiert.

Ich selbst war dann ins Büro gefahren, wo ich mich den Vormittag über in eine unangenehme Akte im Bereich des internationalen Kabelgeschäfts vertieft hatte. Hier drohte wohl demnächst ein Prozess – diesen galt es vorzubereiten und insbesondere seine Finanzierung abzusichern. Darauf folgte ein längeres Gespräch mit meinem Chef, der diverse Angelegenheiten mit mir durchgehen wollte.

Gegen 13 Uhr 30 – mein Chef hatte mich endlich in die Mittagspause entlassen – begab ich mich, noch ganz in Gedanken bei meinem Kabelprozess, nach Hause, um dort mit den Butlern zu mittag zu essen, mich etwas auszuruhen und dann gestärkt ins Büro zurückzukehren.

Als ich die Wohnungstür aufschliesse, erwarten mich Stille und tief schlafende Katzen. Weder Elie noch Anatol sind im Haus. Dies ist – um Viertel vor Zwei! – ganz ungewöhnlich. Die 6. Stunde ist um 13 Uhr 05 aus – die beiden Butler sind spätestens um 13 Uhr 20 zu Hause.

Mit einem mulmigen Gefühl nehme ich das Telephon zur Hand und wähle die Nummer des Max-Planck-Gymnasiums – in der Hoffnung, dort noch einen Lehrer zu erreichen. Bevor jedoch die Leitung frei wird, höre ich aus dem Treppenhaus Schluchzen – und es kommt näher.

Ich stürze zur Tür – eine schreckliche Vorahnung im Herzen – und sehe einen weinenden Anatol und einen besorgt guckenden Elie die Treppe hochklettern.

Voller Zorn frage, brülle ich fast: „Anatol, ist das neue Fahrrad etwa gestohlen worden!?“

Elie schüttelt den Kopf. „Nein, das Rad ist da – sicher unten im Fahrradkeller angekettet.“ Anatol nickt und wischt sich mit der Pfote die Tränen aus dem Gesicht. Sprechen kann er allerdings nicht.

Verständnislos sehe ich die Saurier an. „Was gibt es denn zu Weinen? Was ist passiert?“

Elie entschließt sich, mit der Sprache herauszurücken. „Es ist Angelos Schuld. Der hat angefangen!“

Jetzt erst sehe ich, dass Anatols Hemd zerrissen ist und seine Hose sehr schmutzig aussieht. Elie erfasst meinen Blick und bemerkt etwas spitz: „Deshalb ziehe ich lieber gar nichts an. Als Dinosaurier bin ich auch ohne Klamotten perfekt angezogen. So kann nichts schmutzig werden!“

„Was hat Angelo angefangen?“ Mit einem drohendem Unterton mache ich den beiden Butlern klar, dass ich eine Erklärung erwarte – und zwar sofort.

„Angelo hat über das neue Fahrrad gelästert. Anatol hatte es gerade vom dem Schulhof geholt und wir wollten nach Hause, da hat Angelo der ganzen Klasse erzählt, dass Victoria-Fahrräder Schrott von Vorgestern seien. Die hätten nicht mal eine Gangschaltung von Deore – dabei sei das doch heute Standard. Er rate Anatol, den Schrotthaufen zurückzubringen und sich was Anständiges zu kaufen. Er hat dann noch irgendsoeine Nobelmarke genannt, aber die hab ich nicht verstanden. Anatol hatte ihn dann schon im Schwitzkasten, und hat ihm eine reingehauen. Leider hat Anatol dabei nicht daran gedacht, dass Angelo den schwarzen Gürtel in Karate hat … nun ja, es ging nicht gut aus für Anatol. Nachsitzen musste er auch.“

Anatol schluchzt wieder laut auf. „Es ist so ungerecht!“ gelingt es ihm, zu rufen. Dann klettert er – mit Mühe – in sein Nestchen, zieht sich seinen Ritterumhang über den Kopf und ist nicht mehr ansprechbar.

Ich bin bestürzt. Wie kann es sein, dass ein Schüler den anderen so ärgern kann, nur weil dieser ein neues Fahrrad hat? Zumal Angelo das teuerste Hightech-Fahrrad besitzt, das man sich vorstellen kann … Neid konnte also in keinem Fall der Auslöser sein.

„Anatol, Du hättest Angelo einfach ignorieren sollen. Das wäre wohl das Beste gewesen. Nun hat er Dich auch noch verkloppt, weil Du auf ihn losgegangen bist.“

Anatol heult laut auf. „ICH habe den verhauen, dass das mal klar ist!“ Anatols Zustand spricht indessen eine andere Sprache – und Elies sorgenvoller Blick auch. Es muss ein relatives Massakker gewesen sein – gegen einen schwarzen Gürtel in Karate ist wenig auszurichten. Ich nehme mir vor, heute Abend Angelos Eltern anzurufen, um die Angelegenheit aufzuklären. Was Angelo diesmal an Ärger provoziert hat, kann so nicht hingenommen werden – auch wenn Anatols Reaktion nicht richtig war.

Dies teile ich den Sauriern mit und stelle dann das Mittagessen auf den Tisch. Ich versuche, die beiden mit ein paar Witzen auf angenehmere Gedanken zu bringen, leider erfolglos. Schließlich tröste ich Anatol mit dem Hinweis darauf, dass das schöne Fahrrad ja trotz aller Häme Angelos immer noch da sei, dass er damit herrliche Radtouren werde machen können und dass das Rad von allen ausprobierten am schnellsten gefahren sei. Anatol kann zumindest wieder ein bisschen lächeln.

Mit der Anweisung an die Butler, nun ihre Hausaufgaben zu erledigen, verabschiede ich mich und gehe zurück ins Büro. Für den Nachmittag ist eine längere Abteilungssitzung angesetzt, danach warten noch ein paar Akten auf mich – dann ist Feierabend.

In der Hoffnung, die beiden Saurier nun in besserer Stimmung anzutreffen, fahre ich nach Hause.

In der Wohnung brennt zwar Licht, aber ich sehe weder Elie noch Anatol. Die Katzen verlangen ihr Futter, welches ich ausgebe … dann sehe ich, dass ich 5 Nachrichten auf dem Anrufbeantworter habe: das Gerät blinkt wild. Dies ist mehr als ungewöhnlich – niemand hinterlässt dort sonst eine Nachricht. Ich betätige die Abspieltaste – und höre gleichzeitig ein leises Wimmern aus dem Sauriernestchen! Die beiden Butler sitzen – offenbar verschreckt – im Nest und trauen sich nicht unter der Decke hervor!

Noch bevor ich etwas sagen kann, spielt der Anrufbeantworter die erste gespeicherte Nachricht ab – besser: versucht sie abzuspielen: die Nachricht ist unverständlich. Die Person am anderen Ende der Leitung schreit mit sich überschlagender Stimme in den Apparat – fast glaube ich, mein Trommelfell werde platzen. Schnell drehe ich die Lautstärke herunter und versuche, Nachricht 2 und 3 abzuhören – erfolglos. Bei Nachricht Nummer 4 meine ich, herauszuhören, dass die Anrufer Angelos Eltern sind.

Scharf sehe ich die beiden Saurier an. „Was ist hier los?“ sage ich mit der strengsten, wütendsten Stimme, deren ich fähig bin.

Elie räuspert sich. „Nun ja … wir haben unsere Hausarbeiten gemacht … und damit waren wir so schnell fertig … ja und dann bin ich nochmal zu Angelo gegangen.“

„Und was dann…?“ frage ich drohend. „Nur weil Du zu Angelo gegangen bist, hinterlassen seine Eltern nicht 5 völlig hysterische Nachrichten auf unserem Anrufbeantworter!“

Elie druckst etwas herum. „Das war so gemein, was der mit Anatol gemacht hat! Ich finde, das kann man nicht so einfach gefallen lassen!“

„Ja, das stimmt. Genau aus diesem Grund wollte ich heute Abend mit Angelos Eltern sprechen. Wie zivilisierte Leute das tun. Nur irgendetwas scheint ja vorgefallen zu sein, wenn sie nun so außer sich sind. Was hast Du getan, Elie !?“Ich merke, wie mir die Zornesröte auf die Stirne steigt.

„Ich hab es nicht allein getan!“ schreit Elie. „Mirko und Edouard haben mitgemacht. Wir waren so sauer auf Angelo. Er ärgert Mirko und Edouard auch immer!“

„WAS HABT IHR GETAN ?!“ Ich bin nun so verärgert wie selten.

„Eigentlich haben wir gar nichts Schlimmes gemacht. Also nichts Gefährliches … wir waren im kleinen Wäldchen, am Bach. Da wo der Teich mit der Entengrütze ist …“

Mir schwant Furchtbares. Angelos Eltern haben eine riesige Villa mit strahlend weisser Fassade.

„Dann haben wir in unseren Eimerchen ganz viel Entengrütze und Algen gesammelt. Ja, und die haben wir dann an Angelos Fenster geschmissen. Das hat toll geklatscht, als das dagegen geflogen ist! Leider kam Angelos Mutter ziemlich bald aus dem Haus gelaufen und hat total geschimpft. Wir sind dann schnell weggelaufen. Dummerweise habe ich dabei meinen Eimer verloren – den mit meinem Namen drauf …“ Elie sieht zerknirscht zu Boden.

Ich muss mich setzen. Nun wird mir klar, warum ich aus den diversen Nachrichten auf dem Anrufbeantworter immer wieder das Wort „Fassadenreinigung“ wahrgenommen hatte. Ich hatte mich also nicht verhört.

Das Telephon klingelt. Die Nummer auf dem Display kenne ich mittlerweile: es sind Angelos Eltern.

Mit dem Mut der Verzweiflung hebe ich ab. Offenbar hat man sich am anderen Ende der Leitung zumindest ein wenig beruhigt – ich kann den Namen von Angelos Mutter verstehen. Sie schildert voller Entsetzen die Entengrützenaktion, scheint aber deren Vorgeschichte nicht zu kennen. Nachdem Frau Panquin ihrem Ärger über ihre nunmehr ungewollt begrünte Fassade Luft gemacht hat, setze ich sie von den vorhergegangenen Taten ihres Sprösslings in Kenntnis, und auch davon, dass ich mich deswegen heute abend bei ihr gemeldet hätte.

Frau Panquin ist fassungslos. Sie kündigt einen erneuten Anruf für den morgigen Tag an, wolle aber vorher „gewisse Dinge mit Angelo klären“. Dann hängt sie auf.

Ich werfe Elie und Anatol einen bitterbösen Blick zu. „Elie, Du gehst morgen höchstpersönlich zu Angelos Mutter und entschuldigst Dich bei ihr. Dann hilfst Du Angelo und seinen Eltern beim Säubern der Fassade! Angelo sollte sich bei Anatol für die hässlichen Bemerkungen entschuldigen, das wäre wohl nur angebracht.“

Zerknirscht zieht sich Elie ins Nestchen zurück, wo Anatol schon eingemummelt liegt.

Bevor er einschläft, verspricht Elie, das nächste Mal keine Entengrütze mehr an Angelos Fenster zu werfen. Er werde den Eimer mit der Grütze einfach direkt über Angelos Kopf auskippen. Das werde sicher nicht so großen Ärger machen wie jetzt die blöde weisse Fassade. Schließlich könne Frau Panquin ihren Angelo einfach in die Waschmaschine stecken.

Ich seufze. Was soll aus diesen Biestern nur werden…

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