90. Kapitel – Die Dampfnudeln

Seit Montag freue ich mich darauf: auf die Dampfnudeln, die der chef unseres französischen Betriebsrestaurants für diese Woche angekündigt hat. Das Restaurant hat eine deutsche Woche ausgerufen und kocht seit Wochenbeginn deutsche – vor allem süddeutsche – Köstlichkeiten. Ich habe mich vorwiegend an die Süßspeisen gehalten und vorgestern einen herrlichen Apfelstrudel mit Vanilleeis (welcher, wie Eva ganz richtig bemerkt, nicht aus Deutschland, sondern aus Österreich stammt – in unserer Küche kennt man den Unterschied allerdings nicht; auch da gibt es einiges aufzuarbeiten…) und gestern einen leckeren bayrischen Apfelkuchen genossen.

Allein die Dampfnudeln stehen noch aus. Heute soll es sie geben: frohgemut begebe ich mich in unsere Kantine – um dort feststellen zu müssen, dass meine Dampfnudeln von der Speisekarte gestrichen sind.

Ich bin sprachlos. Was ist unserem Koch nur eingefallen? Vorwurfsvoll blicke ich den maître queux an.

Zerknirscht gibt dieser zu, im letzten Moment vor den Dampfnudeln gekniffen zu haben. Man habe sich einfach nicht getraut, dieses Gericht herzustellen. Keiner der französischen Kochgehilfen – und er selbst auch nicht – habe jemals Dampfnudeln zubereitet. Daher habe man sie kleinlaut wieder aus dem Programm genommen.

Dann fragt der Koch mich doch tatsächlich, ob nicht mein legendärer Butler aushelfen wolle. Man brauche ganz klar einen erfahrenen cordon bleu, um die Dampfnudeln zu kochen. Ob Anatol sich nicht bereiterklären wolle, einzuspringen… man wisse sich sonst keinen Rat mehr.

Ich verspreche, Anatol darum zu bitten. Der Gute wird irgendwann vor Einbildung nicht mehr durch die Tür passen.