78. Kapitel – Verlust… das geliebte Victoria-Fahrrad

Anatol weint seit vorhin nur noch. Sein wunderschönes azurblaues Victoria-Fahrrad ist weg – für immer.

Er hatte das Fahrrad in den Keller gestellt und es dort sicher geglaubt. Normalerweise war es immer abgeschlossen – aber für die Fahrt nach Montbard vor 10 Tagen hatten wir das Schloss von Anatols Rad genommen, um mein Fahrrad damit zu sichern. Anatol hatte dann vergessen, sein Rad wieder abzuschließen…

Ein früherer Nachbar war gestern im Haus gewesen, um Sachen abzuholen. Diese Gelegenheit hatte er genutzt, um den Leuten aus dem ersten Stock zu sagen, dass das blaue Fahrrad offenbar herrenlos sei – jeder könne es benutzen.

Meine Nachbarn aus dem ersten Stock hatten das Rad daher gestern ihrer Tochter geliehen. Diese war damit zu einem Open Air Konzert gefahren, hatte es dort mit anderen Rädern anschließen lassen, aber nicht aufgepasst, als die anderen Räder aufgeschlossen worden waren.

Als sie um 5 Uhr früh das Fahrrad suchte, war es weg.

Anatol hatte es 1979 geschenkt bekommen. Zu Weihnachten. Seitdem hatte es ihn nicht mehr verlassen. Der Butler weint und weint und weint – Ihr könnt es Euch gar nicht vorstellen.

Morgen gehe ich zur Polizei und erstatte Anzeige, aber ohne Hoffnung.

Was mache ich nur mit Anatol… das Fahrrad ist unersetzlich. Ein neues Rad wollten die Nachbarn bereits beschaffen, um Anatol zu trösten, oder ihm Geld für ein neues Rad geben – aber darum geht es nicht. Kein Geld dieser Welt wird jemals Anatols Fahrrad, das 1979 unter dem Weihnachtsbaum stand, ersetzen können.

Ich habe Anatol nun gesagt, dass es ok ist, wenn er um sein Fahrrad weint. Als meinem Vater 1984 sein Fahrrad – auch ein Victoria-Rad – gestohlen wurde, habe er auch geweint. Obwohl er schon 45 Jahre alt war.

Das Fahrrad meines Vaters habe ich jedoch ein Jahr später wieder gefunden… und zwar hatte ich jemanden damit durch die Stadt fahren sehen: diese Person hatte ich damals gestellt, das Fahrrad gesichert und die Polizei gerufen … so bekam mein Vater sein Rad wieder. Wunder geschehen manchmal.

Ich konnte Anatol mit dieser Geschichte etwas beruhigen. Vielleicht geschieht ja noch einmal ein Wunder. Andernfalls muss Anatol sich damit abfinden, dass unser schönes blaues Fahrrad in die ewigen Jagdgründe der Fahrräder eingegangen ist und nur in seiner Erinnerung weiterleben wird.

Eben ist Anatol in sein Nestchen gekrochen und will jetzt versuchen, zu schlafen. Dieser Tag hat ihn sehr mitgenommen.

Was heut müde gehet unter,
Hebt sich morgen neugeboren.
Manches bleibt in Nacht verloren –
Hüte dich, bleib wach und munter!

Joseph von Eichendorff

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