78. Kapitel – Verlust… das geliebte Victoria-Fahrrad

Anatol weint seit vorhin nur noch. Sein wunderschönes azurblaues Victoria-Fahrrad ist weg – für immer.

Er hatte das Fahrrad in den Keller gestellt und es dort sicher geglaubt. Normalerweise war es immer abgeschlossen – aber für die Fahrt nach Montbard vor 10 Tagen hatten wir das Schloss von Anatols Rad genommen, um mein Fahrrad damit zu sichern. Anatol hatte dann vergessen, sein Rad wieder abzuschließen…

Ein früherer Nachbar war gestern im Haus gewesen, um Sachen abzuholen. Diese Gelegenheit hatte er genutzt, um den Leuten aus dem ersten Stock zu sagen, dass das blaue Fahrrad offenbar herrenlos sei – jeder könne es benutzen.

Meine Nachbarn aus dem ersten Stock hatten das Rad daher gestern ihrer Tochter geliehen. Diese war damit zu einem Open Air Konzert gefahren, hatte es dort mit anderen Rädern anschließen lassen, aber nicht aufgepasst, als die anderen Räder aufgeschlossen worden waren.

Als sie um 5 Uhr früh das Fahrrad suchte, war es weg.

Anatol hatte es 1979 geschenkt bekommen. Zu Weihnachten. Seitdem hatte es ihn nicht mehr verlassen. Der Butler weint und weint und weint – Ihr könnt es Euch gar nicht vorstellen.

Morgen gehe ich zur Polizei und erstatte Anzeige, aber ohne Hoffnung.

Was mache ich nur mit Anatol… das Fahrrad ist unersetzlich. Ein neues Rad wollten die Nachbarn bereits beschaffen, um Anatol zu trösten, oder ihm Geld für ein neues Rad geben – aber darum geht es nicht. Kein Geld dieser Welt wird jemals Anatols Fahrrad, das 1979 unter dem Weihnachtsbaum stand, ersetzen können.

Ich habe Anatol nun gesagt, dass es ok ist, wenn er um sein Fahrrad weint. Als meinem Vater 1984 sein Fahrrad – auch ein Victoria-Rad – gestohlen wurde, habe er auch geweint. Obwohl er schon 45 Jahre alt war.

Das Fahrrad meines Vaters habe ich jedoch ein Jahr später wieder gefunden… und zwar hatte ich jemanden damit durch die Stadt fahren sehen: diese Person hatte ich damals gestellt, das Fahrrad gesichert und die Polizei gerufen … so bekam mein Vater sein Rad wieder. Wunder geschehen manchmal.

Ich konnte Anatol mit dieser Geschichte etwas beruhigen. Vielleicht geschieht ja noch einmal ein Wunder. Andernfalls muss Anatol sich damit abfinden, dass unser schönes blaues Fahrrad in die ewigen Jagdgründe der Fahrräder eingegangen ist und nur in seiner Erinnerung weiterleben wird.

Eben ist Anatol in sein Nestchen gekrochen und will jetzt versuchen, zu schlafen. Dieser Tag hat ihn sehr mitgenommen.

Was heut müde gehet unter,
Hebt sich morgen neugeboren.
Manches bleibt in Nacht verloren –
Hüte dich, bleib wach und munter!

Joseph von Eichendorff

77. Kapitel – Anatol der Meisterkoch

Gestern hatte Anatol ganz entgegen seiner Gewohnheit den Kellerschlüssel verlangt. Er überlässt es sonst mir, in den Keller zu gehen – allenfalls trägt er Elie oder mir auf, ihm etwas aus dem Keller heraufzubringen, aber auch dies geschieht recht selten. Verblüfft hatte ich ihm den Schlüssel ausgehändigt und Anatol war tatsächlich höchstpersönlich in den Keller herabgestiegen.

Kurze Zeit später hatten wir ein lautes Klappern und Klirren im Treppenhaus gehört. Anatol war mit einem großen Beutel auf dem Rücken hereingekommen und hatte dann in der Küche unsere Marmeladengläser ausgepackt.IMG_2963 Diese werden im Keller gelagert und nur, wenn Marmelade gekocht werden soll, heraufgeholt.

Ich hatte begonnen, mich zu freuen. Anatol beabsichtigte offensichtlich, Marmelade herzustellen! Dies waren ganz wunderbare Aussichten.

„Glaub ja nicht, dass Du hier nicht mit eingespannt wirst!“ hatte Anatol geknurrt. „Alles kann ich nun nicht allein machen! Du bringst mich jetzt zum Markt, denn ich muss Obst aussuchen. Und ich brauche jemanden, der das alles trägt.“

Ich schlucke. Einen Kommandoton hat das Biest wieder am Leib – es ist unglaublich. Da ich aber an seinen Marmeladen-Kochkünsten interessiert bin, gebe ich nach.

IMG_2944Kurze Zeit später sind wir auf dem Markt. Anatol kauft Obst in Größenordnungen – mir ist schleierhaft, wie er das alles verarbeiten will. Bezahlen darf natürlich ich.

IMG_2951Schließlich ist alles in die Wohnung hochgetragen und in der Küche ausgepackt. Anatol ordnet an, dass zwei Drittel des Obstes (vorwiegend hat er Zwetschgen gekauft) sofort gewaschen und entkernt werden. Diese Arbeit bleibt selbstverständlich auch an mir hängen: Elie hat sich in weiser Voraussicht gleich nach dem Abwaschen der Pflaumen zu Anna nach Gegenüber geflüchtet.IMG_2953

Ich darf nun also schnipseln und entkernen.

Als 4 kg Pflaumen fertig entkernt sind, zuckert Anatol die eine Hälfte ein und stellt den Topf beiseite. „Das muss jetzt bis morgen Saft ziehen. Aus diesen Pflaumen möchte ich Konfitüre kochen – die anderen werden zu Pflaumenmus verarbeitet. Das sind zwei ganz unterschiedliche Rezepte.“IMG_2958

Die weiteren 2 kg Pflaumen gibt Anatol in die tiefe Backform. Ich merke an, dass die Backform für unsere Kochplatten ungeeignet sei, dass aber der zweite große Topf noch sauber sei.

Anatol schnaubt verächtlich. „Wer kocht heutzutage denn noch Pflaumenmus auf der Kochplatte. Nein – das Mus wird im Backofen gebacken!“

Ich bin baff. Dass man Pflaumenmus im Backofen machen könne, war mir gänzlich unbekannt. Anatol belehrt mich eines Besseren: die Backofenmethode sei deutlich bequemer und das so gebackene Mus schmecke zudem viel besser als das von der Kochplatte. Schließlich verrät mir Anatol auch sein Rezept. Ich bin nun außerordentlich gespannt.

IMG_2960Als erstes wärmt Anatol den Backofen auf ca. 160°C vor. Dann stellt er die Backform mit den Pflaumen, über die er ein wenig Vanillezucker gestreut hat, in den Ofen. Die Pflaumen müssten nun mindestens 4 Stunden backen. Ab und zu sei es angezeigt, einen Blick in den Ofen zu werfen, und gegebenenfalls auch umzurühren.IMG_2959

Sehr spät am Abend ist das Mus fertig. Es hat mehr als 5 Stunden vor sich hingeköchelt und ist dabei zu einer fast schwarzen, zähen IMG_2961Masse geworden. Diese füllt Anatol in ein Marmeladenglas ab und verschließt es. Danach zieht er sich in sein Sauriernest zurück und schläft ein. IMG_2962

Heute morgen ist Anatol schon um 5 Uhr 30 in der Küche. Er will nicht nur die Pflaumenmarmelade, die wir gestern angesetzt haben, kochen, sondern noch ein anderes Pflaumenmusrezept ausprobieren. Da dies bis mindestens 10 Uhr dauern wird und er danach sowohl das MIttag- als auch das Abendessen kochen will, bleibt ihm nichts anderes übrig, als sehr früh anzufangen.

Die Pflaumenmarmelade wird zunächst langsam erhitzt, bis sie schön vor sich hinköchelt. In diesem Zustand überwacht Anatol sie mit Argusaugen. Er lässt die Marmelade nun aufkochen – und will dabei mit dem langen Holzlöffel umrühren, damit die Marmelade nicht anbrennt.

Aber wo ist der lange Holzlöffel? Ratlos sehe ich Anatol an. „Wir hatten doch noch nie einen langen Holzlöffel, Anatol … also jedenfalls nicht, dass ich wüsste!“

Anatol schäumt vor Wut. Er stampft mit der Plüschtatze auf, dass es nur so knallt. „Wie soll ich denn jetzt die kochende Marmelade umrühren?! Kannst Du mir das mal verraten?“ brüllt er mit hochroten Kopf.

Leider kann der Butler manchmal gewisse Anfälle von Jähzorn nicht unterdrücken – ganz besonders, wenn ihm beim Kochen ein Strich durch die Rechnung gemacht wird.

Das Problem brennt uns nun im wahrsten Sinne des Wortes auf den Nägeln. Die Marmelade ist zur Weissglut gebracht – entsetzt sieht Anatol, wie sie wallet und siedet und brauset und zischt! IMG_2967

Todesmutig ziehe ich mir den Backhandschuh über, nehme einen Esslöffel zur Hand und rühre die brodelnde Masse, so gut es eben geht. Anatol fiept, da ihn ein Marmeladenspritzer getroffen hat. Ja, das brennt!

Nach 30 Minuten ist die Marmelade immer noch nicht fest. Ein übler Verdacht drängt sich mir auf. Hat das Untier etwa keinen Gelierzucker verwendet?

Anatol rümpft pikiert die Nase. „Gelierzucker ist erstens unnatürlich und zweitens überflüssig! Das Obst enthält schon Pektin. Zusätzliches Geliermittel macht die Marmelade zu Beton! Das wollen wir hier nicht.“

Dass unsere Marmelade nun dünnflüssig wie Wasser ist, wischt Anatol mit einer Handbewegung weg. „Papperlapapp!“ knurrt er. „Die wird schon fest werden!“

Endlich darf ich die Marmelade in die von Anatol vorbereiteten Gläser füllenIMG_2970. Von „wird schon fest werden“ kann jedoch keine Rede sein. Anatol schwenkt daher um auf „Die Marmelade schmeckt flüssig sowieso viel besser“.

In der Tat schmeckt die Marmelade köstlich. Wir werden sie eben mit Löffeln essen, soweit das nötig ist.

Das nächste Rezept steht an. Wie gestern soll es ein Pflaumenmus werden – im Backofen zubereitet. Diesmal aber nicht mit Vanillezucker, sondern mit etwas Zimt. Anatol liebt „Aachener Pflümli“ und gedenkt, mit der Zugabe eines Teelöffels Zimt quasi das Original herbeizuzaubern.

Schließlich sind die Pflaumen gewaschen, entkernt und mit ein wenig Zimt in der BackformIMG_2971. Anatol schiebt sie in den vorgeheizten Ofen.

Danach beginnt er, das MIttagessen vorzubereiten: es soll den capverdischen Eintopf mit rotem Quinoa geben. IMG_2978

Anatol wird die Küche heute wohl nicht mehr verlassen. Die gesamte Bügelwäsche hat er nämlich auch noch zu machen.

Ich stelle mich mental auf Tarifverhandlungen ein – der Butler wird die günstige Gelegenheit sicher nicht verstreichen lassen, heute abend eine Gehaltserhöhung zu verlangen. Ich kenne meine Pappenheimer.

Eine Prämie hat sich der Butler heute aber auf jeden Fall verdient.

76. Kapitel – Eine Vogelrettungsaktion

Die Ferien sind zuende. Schweren Herzens haben Anatol und Elie ihre Ranzen für den ersten Schultag gepackt. Auch ich muss morgen wieder zurück zur Arbeit. Dementsprechend gedrückt ist die Laune am Vorabend der „rentrée„, wie man hier in Frankreich sagt.

Um den nächsten Tag zumindest etwas angenehmer erscheinen zu lassen, schlage ich den beiden Sauriern vor, nach der Schule – also gegen 13 Uhr – bei mir auf der Arbeit vorbeizukommen, um zusammen dort zu MIttag zu essen und uns danach auf der Terrasse ein Eis zu genehmigen. So können wir uns doch ein wenig auf den ersten Schul- und Arbeitstag freuen.

Der Tag beginnt problemlos. Um 5 Uhr 20 klingelt der Wecker – pünktlich um 7 Uhr 30 verlassen wir gemeinsam das Haus.

Im Büro wartet das Chaos auf mich – 4 Wochen Abwesenheit müssen in der Mailbox aufgearbeitet werden. Die Kollegen freuen sich, mich wiederzusehen und um 9 Uhr 30 gibt es ein zweites Frühstück mit Tee und Croissant. Der Büroalltag hat ganz eindeutig auch schöne Seiten!

Es wird MIttag – gleich müssen die beiden Butler eintrudeln und mich zum Essen abholen. Da – das Telephon klingelt. Das werden sie sein.

Stattdessen ist mein Chef am Apparat. „Susanne, Deine beiden Saurier und ich haben einen verletzten Vogel hier auf der Terrasse gefunden! Ich wollte mich gerade zum Essen hinsetzen, da sah ich die beiden und das Vögelchen. Nun versuchen wir, den armen Vogel einzufangen. Anatol sagte, ich soll Dich anrufen; Du wüsstest, wie man da  vorgeht …“

IMG_2942Mit den Butlern muss doch wirklich immer etwas passieren. Zum Glück weiss ich in der Tat, was zu tun ist. Ich hole einen Pappkarton von der Poststelle und laufe hinaus auf die Terrasse. Dort gelingt es meinem Chef und mir, das verletzte Vögelchen in den Karton zu setzen. Anatol und Elie halten sich vorsichtig im Hintergrund – sie haben vor meinen Kollegen und meinem Chef doch etwas Angst. 

IMG_2941Das Vögelchen ist ganz verstört. Es drückt sich fest in die eine Ecke des Kartons – schnell wähle ich die Nummer des Vogelschutzvereins LPO.
Der diensthabende Mitarbeiter bittet uns, das Tierchen so schnell wie möglich ins Vogelschutzzentrum zu bringen. Dieses habe eine spezialisierte Vogelklinik, in der der kleine Patient sofort behandelt werden könne.

Da er als einziger ein Auto hat, bietet sich mein Chef an, den Vogel in die Klinik zu fahren. Er ist wirklich ein toller Chef!

In der Klinik wird man ihm mitteilen, dass es sich bei dem Vögelchen um einen relativ seltenen Singvogel, nämlich einen Fliegenschnäpper – genauer einen Trauerschnäpper – handele. Dieser wird sofort auf die Intensivstation gebracht.

Die hilfreichen Retter bekommen indessen ein großes Eis, bevor sie sich auf den Nachhauseweg machen, um dort die ersten Hausaufgaben des neuen Schuljahres in Angriff zu nehmen.

 

75. Kapitel – Die Waldbühne in Bremke

Gegen 20 Uhr steigen steigen Anatol und ich müde, aber glücklich die Treppe bis in den vierten Stock empor. Unsere Fahrradtour an der Kinzig entlang war phantastisch: einen so schönen Tag haben wir lang nicht mehr erlebt.

Nun dürfen wir uns auf eine sehr unaufgeräumte Wohnung freuen. Die Katzen waren den ganzen Tag allein und hatten Zeit, alles nach ihren Vorstellungen „einzurichten“.

Hinter der Tür wartet das Grauen. Weiträumig verteiltes Katzenstreu, Futterreste, ein mit Katzen-Spuckresten verziertes Bett und eine hungrige Katzentruppe bieten sich unserem entsetzten Blick. Allerdings hatten wir kaum mit einem anderen Zustand gerechnet. Schnell betreten wir den ungastlichen Ort und machen uns an die Auslot- und Entkernungsarbeiten. Wir werden bis MItternacht damit beschäftigt sein.

Anatol betätigt Staubsauger und Wischlappen, ich füttere die hungrige Bande und streichle die miauenden Fellbündel. Leider sieht die Wohnung wirklich aus, als wäre eine Bombe eingeschlagen.

Elie ist noch nicht wieder zuhause – das wundert mich nicht. Da es aber mittlerweile auf 21 Uhr zugeht, möchte ich doch bei Annas Eltern anrufen – schließlich soll der Saurier ihnen nicht allzulang auf die Nerven fallen. Als ich das Telephon in die Hand nehme, sehe ich, dass Annas Eltern bereits mehrfach angerufen haben. Ich hatte das Handy nicht gehört – die Lärmkulisse im Zug muss das wohl verhindert haben.

Mit einem mulmigen Gefühl wähle ich die Nummer von Annas Eltern. Annas Mutter ist sofort am Telephon. „Hallo! Wir haben schon versucht, Sie zu erreichen. Elie hat sich bei der Waldbühne einen Sonnenstich geholt. Es tut uns so leid! Der Arzt war gleich da – er hat uns glücklicherweise beruhigen können. Es ist nur ein leichter Sonnenstich. Elie hat den ganzen späten Nachmittag und Abend im Bett gelegen, und möchte auch immer noch nicht aufstehen. Etwas Suppe hat er aber getrunken. Möchten Sie kurz rüberkommen? Wir denken, er sollte am besten die Nacht einfach hierbleiben.“

Ein Schreck durchfährt mich. Elie ist in der Tat sehr licht- und hitzeempfindlich, er hat eine ganz helle, dünne Haut. Hat das Biest denn seinen Sonnenhut nicht aufgesetzt, wie ich ihm aufgetragen hatte?

Schnell laufe ich zu Anna nach gegenüber. Gut, dass wir so nah beieinander wohnen!

Elie liegt bleich und schlapp in Annas Bettchen. Anna hat sich ein kleines Piratenbett aufgebaut, von dem aus sie Elie gut überwacht. „Ich gebe ihm alle Viertelstunde ein Gläschen Saft zu trinken – Fridolin, der Arzthelfer, hat das so angeordnet. So bekommt Elie wieder Flüssigkeit!“

Annas Eltern entschuldigen sich vielmals für den Sonnenstich. Dabei können sie doch nichts dafür, dass Elie seinen Sonnenhut absichtlich zu Hause gelassen hat. Er findet, der Hut sähe „uncool“ aus – zudem kratze er!

Annas Vater hatte bei der Waldbühne zwar gleich gemerkt, dass die Sonne zu sehr brannte, und hatte Elie ein Taschentuch mit Knoten an jeder Ecke auf den Kopf gesetzt (das zum Stichwort „uncool“ – da wäre der Hut besser gewesen!), aber offenbar hatte das nicht gereicht. Kurz nach der Vorstellung sei Elie schwindlig und übel geworden – deshalb habe man sogleich nach Fridolin geschickt, welcher einen Sonnenstich diagnostiziert und Bettruhe sowie Flüssigkeitszufuhr angeordnet habe.

Seitdem gehe es Elie etwas besser – er wolle aber gar nicht aufstehen.

Ich sehe dem Spitzbuben sofort an, dass es ihm prächtig geht. Ganz offensichtlich möchte er aber nicht nach Hause, sondern lieber ein weiteres Mal bei Anna übernachten. Da Annas Eltern nichts dagegen haben und Anna ja sowieso schon ihr Piratenbett aufgebaut hat, lasse ich dem Halunken seinen Willen. Er war ja wirklich krank gewesen, und die letzten Tage waren wenig lustig für ihn gewesen.

Anna jubelt – sie freut sich, nicht allein zu sein. Übernachtungsbesuch von Freunden zu haben, ist ja auch etwas ganz Besonderes!

Ich bedanke mich bei Anna und ihren Eltern für die perfekte Pflege des Diplodocus, und kehre zu den Reinigungsarbeiten meines Augiasstalles zurück.

Kurz nach Mitternacht fallen Anatol und ich in unsere Betten – eine lange, traumlose Nacht liegt vor uns.

74. Kapitel – Anatol im Schwarzwald

Unsere neue Küche steht. Der Bar-Tisch ist fertig abgeschliffen und geölt, das Katzenmöbel aufgebaut und in Betrieb genommen.

cropped-img_29362.jpgEben haben wir zum ersten Mal am neuen Tisch gefrühstückt. Es ist ein ganz besonderes Erlebnis, an einem Tisch, den man selbst entworfen und gebaut hat, zu essen. Am liebsten würde Anatol nun alle unsere Möbel bauen – davon kann ich ihn glücklicherweise mit dem Hinweis, dass wir ja eigentlich alles haben, was wir brauchen, abhalten.

Das Telephon klingelt. Meine Freundin T. ist am Apparat – sie hat unsere traditionelle Sommer-Fahrradtour geplant und möchte mir die Strecke mitteilen. Da der morgige Tag schönes Wetter verspricht, schlägt sie vor, die Tour gleich für morgen anzusetzen. Ich bin einverstanden – und hoffe, dass Elie, der unter unseren Bauarbeiten doch recht gelitten hatte, die Fahrradtour positiv aufnehmen wird.

Stattdessen meint Elie nur knapp: „Ich kann da nicht mit. Annas Papa nimmt Anna und mich doch morgen nach Bremke in die Waldbühne mit – dort spielen sie Schneewittchen und die sieben Zwerge! Das hatte ich doch gestern gesagt …“

Es stimmt. Das Waldbühnen-Theaterstück hatte ich ganz vergessen. Anatol und ich sind dafür nun doch schon etwas zu alt … ich schlage also vor, dass Elie allein mit Anna und Annas Vater zur Waldbühne zu Schneewittchen und den sieben Zwergen fährt, und Anatol und ich mit dem Fahrrad in den Schwarzwald. Elie hat sowieso nur Augen für Anna, daher ist er sofort einverstanden.

Anatol hat nun viel vorzubereiten, denn das Fahrrad muss durchgecheckt, der Fahrplan studiert und aufgeschrieben und wichtige Utensilien in den Rucksack gepackt werden.

Elie darf heute abend bei Anna übernachten, damit die Abfahrt zur Waldbühne in aller Frühe auch reibungslos klappt. Er ist selig. Ich freue mich, dass diese Sommerferien nun doch noch richtig schön für Elie werden.

Früh klingelt der Wecker.

Angesichts unseres jüngsten Debakels bei der SNCF hat Anatol hat darauf bestanden, die SNCF zu meiden, direkt nach Kehl zum Bahnhof zu fahren und dort den Zug der Deutschen Bahn nach Offenburg zu besteigen. Mit der SNCF möchte Anatol nicht so bald wieder reisen, und idealerweise auch im Strasbourger Hauptbahnhof nicht mehr zusteigen. Ob unser unschönes Erlebnis den Saurier traumatisiert hat?

Der Weg nach Kehl beschert uns nun immerhin eine zusätzliche Strecke von 8 km. Diese sind allerdings schnell zurückgelegt. Kurze Zeit treffen wir in Offenburg ein und steigen dort in T.´s Zug zu.

Anatol versteht sich prächtig mit T. Die beiden beginnen sofort, sich angeregt zu unterhalten – mich überfällt hingegen eine bleierne Müdigkeit, da mir unsere Heimwerkerarbeit offenbar doch noch in den Knochen steckt. Ich werde den Beginn unserer Reise vollständig verschlafen.

Plötzlich tatzelt mir etwas Plüschiges ins Gesicht. Es ist Anatols Pfote. „Susanne, wir sind da. Du musst aufwachen! Wir steigen hier in Hausach aus.“

IMG_2887Schlaftrunken zerre ich mein Fahrrad aus dem Zug und frage mich entgeistert, wie ich bloß hierhergekommen bin? Dann erst fällt mir ein, dass heute unsere Fahrradtour stattfindet – ich reibe mir die Augen und denke, dass wir zunächst ein Frühstück brauchen. Meine beiden Reisebegleiter teilen diese Ansicht – und so kehren wir im schönen Hausach erst einmal ein.

Dann fahren wir los, den Kinzigtalradweg in Richtung Haslach entlang. DIe Sonne scheint, aber es ist kühl geworden – der Herbst steht vor der Tür. Anatol fröstelt; schnell wickelt er sich in mein Halstuch ein und verschwindet damit in meinem Rucksack. Dort schläft er tief und fest ein und meldet sich erst zum Mittagessen wieder. Ich hingegen genieße die angenehm kühler Temperatur – mir ist ja immer zu warm.

Wir haben indessen Haslach hinter uns gelassen und fahren in Richtung Zell. In Zell ist nämlich ein Besuch der legendären Keramikmanufaktur „Hahn & Henne“ geplant!

Kurz vor Zell schwinden meine Kräfte rapide. Ich merke, dass ich in den letzten Tagen zu viel gearbeitet und zu wenig geschlafen habe. Fast möchte ich mich ins Gras legen und aufgeben … Anatol ruft mich zur Ordnung. „Du fährst weiter! Was soll Deine Freundin denn von Dir denken? Dass Du eine völlig untrainierte Sofakartoffel – oder eher ein fauler Kartoffelsack! – geworden bist? Auf jetzt – gleich kehren wir ein!“

IMG_2891Ich bin so müde, dass ich das unverschämte Biest nicht einmal rüffeln kann. In der Tat brauche ich vor allem dringend eine Stärkung. Diese wartet im Landgasthof „Zum Pflug“ in Form von wunderbaren Bratkartoffeln auf uns.

Gestärkt brechen wir zu unserer nächsten Etappe auf: es gilt nun, die Keramikmanufaktur „Hahn & Henne“ in Zell zu erreichen – hier treffen wir etwa eine Stunde später ein.

Die Manufaktur bietet direkt an ihrem Standort einen Werksverkauf an, den Anatol sofort begeistert in Augenschein nimmt. Ganz besonders angetan hat es ihm die „Bienen-Kollektion“, von der er gar nicht mehr lassen will. Ich gebe nach und erstehe ein wunderschönes kleines IMG_2893Honigtöpfchen für den Butler, den ich darauf hinweise, dass Honig in seiner rein veganen Ernährung normalerweise nichts zu suchen hat.

Verschämt gibt Anatol zu, dass selbst streng vegan lebende Saurier wie der Stegosaurus und der Diplodocus durchaus manchmal Honig naschten. Dem will ich selbstverständlich nicht entgegentreten – zumal auch ich dem Honig alles andere als abhold bin.

Das Honigtöpfchen geht daher mit uns auf die weitere Reise. Wenn es einen veganen Inhalt bekommen soll, wird es auch Marmelade ganz wunderbar beherbergen, da sind wir uns sicher.

Unsere letzte Etappe ist das Städtchen Gengenbach. Malerisch inmitten der Weinberge gelegen, gilt Gengenbach als die „Perle unter den romantischen Fachwerkstädten“. Wir schlendern über den Marktplatz mit seinen Cafés und Konditoreien, und malen uns aus, wie herrlich jetzt eine echte Schwarzwälderkirsch-Torte schmecken müsse. Anatol zappelt im Rucksack: hiermit gibt er mir zu verstehen, dass auch er einer solchen Torte nicht abgeneigt wäre.

Ein kleines, verstecktes Café bietet als einziges noch Schwarzwälderkirsch-Torte an. Wir vergessen ob der Köstlichkeit alles um uns herum und sehen erst um 18 Uhr wieder auf die Uhr.

Schrecken erfasst uns. Unser Zug fährt gegen 19 Uhr in Offenburg ab! Anatol beginnt zu zittern – das Trauma des verpassten Zuges nach Montbard hängt ihm tatsächlich immer noch nach! Schnell springen wir auf unsere Fahrräder – bis Offenburg sind es 12 km.

Auf der Fahrt gegegnen wir freundlichen Ziegen

cropped-img_28892.jpg

cropped-img_28882.jpgund fahren am Fuße einer alten Burg durch die Weinberge:

IMG_2894Vier Minuten vor Abfahrt unseres Zuges treffen wir am Offenburger Hauptbahnhof ein. Ich trage das Fahrrad die Treppen hoch bis ans Gleis, springe mitsamt dem Rad in den Zug – die Türen schließen sich und der Zug fährt ab. Zitternd lassen Anatol und ich uns auf einen Behelfs-Sitz fallen: diesmal haben wir es geschafft!

Nun blieb kaum Zeit für eine ordentliche Verabschiedung von unserer Freundin. WIr können sie aber über SMS erreichen: auch sie hat ihren Zug bekommen und ist auf dem Weg nach Hause.

Die heutige Tour war großartig. Wir möchten die nächste Fahrradtour eigentlich am liebsten noch in diesem Jahr unternehmen!

Wie mag Elie wohl den Tag in der Bremker Waldbühne verbracht haben?

73. Kapitel – Anatol heimwerkt III

Der Haussegen hängt schief – und zwar gehörig.

Anatol und ich kamen vorhin ein weiteres Mal vom Baumarkt zurück, und fanden einen vor Wut schäumenden Elie vor.

Gestern wart Ihr im Baumarkt. Vorgestern wart Ihr im Baumarkt – zweimal sogar! Heute seid Ihr schon wieder dort gewesen, und ich sehe es kommen: sicher fahrt Ihr nachher noch mal hin! Währenddessen sitze ich hier rum und kann sehen, wie ich klarkomme! Heimwerken mag ich nun mal nicht, ich würde so viel lieber mit Euch ins Schwimmbad – oder einfach nur spazieren gehen. Vielleicht könnte man sich auch mal wieder unterhalten – und nicht nur hier und da knurren „gibst Du mir den Schraubenzieher rüber?“ Ich darf allein versauern! Ihr seid so GEMEIN!“

Heulend hatte sich Elie nach dieser Suada in sein Nestchen verkrochen. Ich sehe ein, dass es so nicht weitergehen kann. Wir müssen uns um Elie kümmern. Leider ist dies mitten in einem „Bauvorhaben“ wie dem der Küchenumgestaltung schwierig. Wir können ja nicht alles stehen und liegen lassen.

Anatol hat wie immer eine rettende Idee.

„Elie, drüben bei Anna ist das Fenster auf. Ist sie schon wieder aus den Ferien zurück?“

Elie streckt sein tränenüberströmtes Gesichtchen sofort aus dem Nestchen heraus. „Anna? Fenster auf? Echt jetzt?“

„Ja“ sagt Anatol. „Guck doch!“

Es stimmt. Bei Anna ist eindeutig jemand zuhause. Ich ergreife den Telephonhörer und wähle die Nummer von Anna. Nach kurzer Zeit geht Annas Vater ans Telephon.

„Guten Abend! Sind Sie schon wieder aus den Ferien zurück? Wir haben hier einen kleinen Saurier, der sich ganz unglaublich nach Anna sehnt. Könnten die beiden vielleicht morgen zusammen spielen?“

„Ach das wäre herrlich! Wir mussten die Ferien vorzeitig abbrechen, da wir einen ganz ungewöhnlich umfangreichen neuen Auftrag bekommen haben.“ Annas Eltern haben eine Schneiderei. „Den konnten wir nicht ausschlagen. So sind wir schon jetzt zurück und nicht erst in 10 Tagen. Das Drama können Sie sich vorstellen. Anna wird sehr froh sein, dass Elie da ist. Sie dachte, sie sei ganz allein hier! Elie darf gern heute Abend zu uns zum Abendbrot kommen – wir würden uns freuen!“

Schnell überbringe ich Elie die frohe Botschaft. Elie sagt kein Wort, er ist sprachlos vor Freude. Flugs wäscht er sich das Gesicht, wirft seinen Chèche über – und witscht zur Tür hinaus. „Ich komm heute später!“ ruft er noch – dann ist er weg.

Anatol und ich sehen uns glücklich an. Wir beide wissen, was wir zu tun haben: das Auto reservieren und auf zum Baumarkt. Toom hat heute bis 22 Uhr geöffnet!

72. Kapitel – Anatol heimwerkt II

Wie ich ja schon in Teil I andeutete, ist das neue Möbelstück zur Verkleidung der Katzenklos sehr massiv ausgefallen. Dies liegt in der Natur der Sache und ist kein Konstruktionsfehler. Der Wintergarten wirkt nun aber recht zugestellt. Eine weitere Umgestaltung ist dringend erforderlich, wollen wir nicht das Gefühl haben, uns im Wintergarten nicht einmal mehr umdrehen zu können.

Anatol hat daher das Auto reserviert (das Biest tut das mittlerweile ganz selbsttätig, ohne mich zu fragen!) und eine Liste von zu beschaffenden Dingen zusammengestellt. Insbesondere scheint er vorzuhaben, vor der Fensterfront eine richtige „Theke“ aufzustellen, an der man einerseits sehr schön zu Abend essen kann und von der aus die Katzen andererseits eine perfekte Aussicht in den gesamten Hinterhof genießen. Die Theke soll den Raum etwas auflockern und gleichzeitig ein angenehmer Ort werden, an dem man schnell – notfalls im Stehen – eine Kleinigkeit zu sich nehmen kann, wenn man es einmal etwas eiliger hat.

Um 14 Uhr fahren wir los – ein weiteres Mal ist der Toom in Kehl Sundheim unser Ziel. Mittlerweile kennen uns dort fast alle Verkäufer.

IMG_2906In Sundheim begeben wir uns zuerst zu Dreher, um uns zu stärken. Der Pflaumenkuchen dort ist unerreicht!

Danach nehmen wir uns einen großen Transportwagen und betreten die Metallabteilung von Toom. Hier sucht Anatol vier Tischbeine für die neu zu bauende Theke aus. Leider sind diese sehr teuer. Aber – ohne Tischbeine kein Tisch. Daran ist nichts zu ändern.

IMG_2910Auch die Öl- und Lackabteilung suchen wir auf – Anatol stöbert dort für sein Leben gern!

Öl oder Wachs brauchen wir jedoch heute nicht zu kaufen. Winfried riet uns, für die Akazienplatte das Kreidezeit-Hartöl Pure Solid zu verwenden, welches ich letztens gekauft, aber noch nie eingesetzt habe.

Verständlicherweise will Anatol nur noch Produkte von Kreidezeit. Erdzeitgeschichtlich folgt die Kreidezeit auf den Jura – die Zeit, der Anatol entstammt – und dies veranlasst Anatol dazu, die Öle und Wachse von Kreidezeit für ganz besonders hochwertig zu halten. In der Tat sind sie dies – aber nicht aus den eben genannten Gründen. Anatol ist dies gleichgültig: Öl muss von Kreidezeit sein, basta.

Kurze Zeit später verlassen wir mit Tischbeinen, Schrauben, Holzleim und Verstrebungen den Toom. Nun heisst es, das Vorhaben so schnell wie möglich in die Tat umzusetzen: eilig begeben wir uns nach Hause.

Nachdem alle Materialien in den 4. Stock befördert sind – hierbei hält Anatol sich meist vornehm zurück! – beginnt der Butler sofort, die geplante Theke bzw. den Bar-Tisch zu bauen. Als erstes schraubt er die Halterungen für die Beine in die Akazien-Platte.

IMG_2911

Die weiteren Arbeitsschritte sprechen für sich selbst:

IMG_2912IMG_2913IMG_2914IMG_2915Nun heisst es, die Platte noch einmal gut zu schleifen – Anatol tut dies zunächst mit der Exzenter-Schleifmaschine (240er Blatt), dann per Hand mit 320er, 400er und schließlich mit 600er Schleifpapier. Beim Schleifen ist Anatol Perfektionist – am liebsten würde er noch mit 1000er Blatt schmirgeln.

Dies ist heute aber nicht nötig – das 600er reicht, um eine wundervolle, spiegelglatte Holzoberfläche zu erhalten.

Diese wird nun mit dem Pure Solid von Kreidezeit eingestrichen: IMG_2916IMG_2917IMG_2920Anatol ist mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Nun muss das Öl trocknen. In etwa 30 Minuten wird Anatol das überschüssige Öl abwischen und die Platte aufpolieren.

Ich bin sehr gespannt.

Zur Fortsetzung!

71. Kapitel – Anatol heimwerkt I

IMG_2898

Nach mehreren Besuchen bei Ikea steht fest: Anatol bekommt keine neue Küche. Anatols Traumküche existiert nicht mehr, und die vorhandenen Küchen sind allesamt enttäuschend.

Die Küchenzeile bleibt daher so, wie sie ist. Anatol meint, er werde dort gewisse Verbesserungen anbringen können, ohne eine vollständige Umgestaltung vorzunehmen. Ich bestärke ihn in diesem Vorhaben.

Anders sieht es jedoch mit unserem Wintergarten aus. Dessen Einrichtung ist außerordentlich unbefriedigend: Der Wintergarten wird beherrscht von Katzenkörben, dem Katzentisch und 4 (in Worten: vier) Katzenklos.

Anatol schlägt daher vor, den Wintergarten in weiterhin katzengerechter, aber doch wohnlicher Art und Weise ganz neu auszugestalten. Dies bedeute zu allererst eine Verkleidung der wenig dekorativen Katzenklos.

Ich bin begeistert von dieser Idee. Der Wintergarten ist bisher der stiefmütterlich behandelte Raum unserer Wohnung. Genutzt wird er nur für die Katzen. Da es im Wintergarten im Sommer sehr heiss und im Winter empflindlich kalt wird, halten sich die Katzen jedoch dort nur selten auf. Eine Neueinrichtung, die mehr auf meine und die Bedürfnisse der Butler abgestimmt ist, erscheint daher angebracht.

IMG_2881Unser erster Gang führt uns in den Baumarkt – zu Toom. Hier wählt Anatol eine geölte Akazienholzplatte aus, die er auf die Maße 120×60 zuschneiden lässt.

Mit zwei 120cm langen Akazienholzplatten kommen wir zuhause an. Anatol hat zusätzlich Seitenteile aus Fichtenholz zuschneiden lassen, die er mit einem Farböl täuschend echt an die natürliche Färbung der Akazienplatte anpasst.

Da das Farböl sich ansonsten aber nicht wie ein Öl verhält, sondern eher wie eine Beize, begibt Anatol sich ins Woodworker-Forum, um Rat von Profis einzuholen. Nach dem obligatorischen Anschiss von übellaunigen Heimwerkerkollegen, den Anatol wie üblich etwas entnervt über sich ergehen lässt, kommt glücklicherweise Winfried zur Hilfe. Winfried weiss alles über Öle, Wachse, Lack und Holz. Auf seiner sehr hilfreichen Webseite erklärt er einfach und freundlich alles, was man über das Thema wissen muss. Im Woodworkerforum hat er uns schon mehrfach weitergeholfen. Seine Freundlichkeit und Kompetenz sind legendär – Anatol hält daher große Stücke auf ihn und fragt ihn um Rat, sobald er nicht mehr weiterweiss.

Auch heute kann Winfried wieder einmal helfen. Er rät Anatol, weiter zu schleifen und zu ölen – so sollte doch noch das Beste aus dem Holz zu machen sein.

Insgeheim möchte Anatol sich gerade ohrfeigen, Winfried nicht vor dem Kauf des Farböls um Rat gefragt zu haben.

IMG_2899Dies ist nun nicht zu ändern. Während das Leinöl in die gefärbten Fichtenplatten einzieht, bereitet Anatol die Halterungen für die Seitenteile vor; dann schraubt er diese fest.

Schließlich kann der Tisch umgedreht werden und sieht nun so IMG_2900aus:

Anatol ist stolz auf seine Handwerkskunst.

Ich hingegen bin skeptisch. Der Tisch ist massiv und nimmt – zumindest optisch – viel Platz in Anspruch. Der Rest des Raumes muss daran angepasst werden.

Eine weitere Heimwerkerarbeit wird sich daher an die hier dargestellte anschließen: Anatol beabsichtigt, einen Bar-Tisch zu bauen. Er soll aus der zweiten, noch übrigen Akazienholz-Platte hergestellt werden.

So umfangreiche Umwälzungen habe ich noch nie in dieser Wohnung vorgenommen. Etwas mulmig ist mir daher bei dem Vorhaben.

Anatol ist das jedoch egal. Er plant bereits den nächsten Besuch bei Toom.

zur Fortsetzung!

70. Kapitel – Der 19. August 1900

Heute vor 114 Jahren wurde meine Omi geboren – weit, weit weg von hier, im schönen Jastrow. Damals war es eine Stadt in Pommern – heute heisst es Jastrowie und liegt in Polen.

Elie und Anatol sind sehr traurig, dass sie diesen Geburtstag nicht mehr mit Omi feiern können – und ich natürlich auch. Anders als Anatol und Elie durfte ich aber viele wunderschöne Geburtstage mit Omi erleben.

An einen erinnere ich mich ganz besonders: den allerersten, den ich bewusst erlebt habe. Es mag Omis 73. oder 74. Geburtstag gewesen sein; ich weiss, dass ich damals noch nicht zur Schule ging. Gefeiert wurde er in der alten Wohnung in Leichlingen – die ganze Familie war da.

Im Esszimmer, das zwischen den beiden großen Flügeltüren lag, war der Tisch ausgezogen worden, um Platz für unzählige Kuchen und Torten zu bieten. Dies weiss ich noch ganz genau: der Geburtstagstisch beherbergte die köstlichsten Kuchen, die ich je gesehen hatte. Ob Omi sie alle selber gebacken hatte? Möglich ist es.

Eine Torte hatte es mir ganz besonders angetan. Sie hatte dunkelbraune und weisse Schichten und einen wunderschön gefältelten Sahneüberzug mit jeweils einer dunkelroten, glänzenden Kirsche auf jedem Stück. Ehrfürchtig und begierig zugleich stand ich vor dieser Torte und zeigte mit dem Finger darauf: „Die Torte da, die möchte ich essen!“

Mama – in ihrem weissen Sommerkleid mit den großen roten Punkten wunderschön – beeilte sich zu sagen „Diese Torte ist leider nicht für Kinder! Erstens ist sie viel zu mächtig, und dann ist auch noch viel Alkohol darin. Davon kannst Du leider kein Stück haben. Du würdest es sowieso nicht aufessen können.“

Gebrüll war meine – berechtigte! – Antwort. Sofort eilte Omi zur Hilfe.

„Das ist doch die Schwarzwälderkirschtorte. Meine Lieblingstorte! Davon darf sie ein kleines Stückchen probieren. Was übrig bleibt, esse ich auf, keine Sorge. Und Alkohol ist so gut wie keiner drin!“ sagte Omi augenzwinkernd und servierte mir ein aus meiner Sicht riesiges Stück, welches ich in der Tat nicht mal zu einem Drittel schaffte. Die übrigen zwei Drittel kamen auf Omis Teller und verschwanden alsbald.

Seitdem war die Schwarzwälderkirschtorte nicht nur Omis, sondern auch meine Lieblingstorte. Leider ist es sehr schwer, eine richtig gute wie die von Omis Geburtstag zu finden. Anatol verspricht mir deshalb gerade, sich das Rezept näher anzusehen und eine vegane Alternative zu entwerfen!

Herzlichen Glückwunsch zum 114. Geburtstag, liebe Omi!

69. Kapitel – Abendphantasien

„…fröhlich verrauscht des Markts
Geschäft’ger Lärm; in stiller Laube
Glänzt das gesellige Mahl den Freunden.“

31. Juli 2014 – Heute war mein letzter Arbeitstag vor den großen Sommerferien. Müde schleppe ich mich durchs Treppenhaus bis in den vierten Stock. Die Nachbarn sind schon beim Abendessen. Man hört fröhliche Stimmen und Lachen durch die Türen dringen, der Duft von köstlichen Speisen liegt in der Luft.

Hungrig und abgekämpft komme ich an die Wohnungstür. Ich drehe den Schlüssel im Schloss und hoffe inständig, dass mich die Butler nicht vergessen haben. Jetzt eine dunkle, verlassene Wohnung vorzufinden – es wäre deprimierend.

Aber nein – eine solche Wohnung erwartet mich glücklicherweise nicht. Als ich die Tür öffne, höre ich die Saurier in der Küche lachen und schwatzen. Der große Schmortopf steht auf dem Herd – ein herrlich duftendes Curry köchelt darin. Anatol hat dazu einen Salat vorbereitet und entkorkt gerade eine Flasche Wein. Der Tisch im Esszimmer ist gedeckt; die Butler haben zur Feier des Tages sogar Kerzen angezündet. Ein Candle-Light-Dinner mit den Sauriern – ich bin erfreut. So schön hatte ich mir den heutigen Abend nicht ausgemalt.

Elie hüpft von der Küchenanrichte herunter. „Wir haben endlich Ferien!“ ruft er vergnügt. „Fahren wir denn auch weg? Alle meine Freunde sind verreist – Angelo ist sogar in Amerika!“

Anatol weiss, dass Wegfahren schon wegen der Katzen gar nicht möglich ist. Er dämpft Elies Elan und meint „Lass uns jetzt erst mal zu Abend essen. Vielleicht können wir dabei die eine oder andere Ferien-Aktion planen?“

Nachdem das Curry verspeist und der Nachtisch (selbstgemachtes veganes Himbeer-Joghurt-Eis) serviert ist, beginnt Anatol, auf seinem Stuhl hin und her zu rutschen. Unentschlossen druckst er herum, und rückt schließlich mit der Sprache heraus.

„Ihr wisst ja, dass ich so gut wie den ganzen Tag und einen Teil des Abends in unserer Küche verbringe. Die Küche ist mein Haupt-Arbeitsplatz!“

Wir nicken.

„Ja – aber diese Küche ist eine einzige Katastrophe! Man kann darin nicht arbeiten. Nichts ist an der richtigen Stelle, wir haben keine Schubladen, aus denen man schnell die Utensilien hervorholen kann, es gibt keine Hängeschränke über der Arbeitsplatte – diese Küche ist unbrauchbar!“

Anatol hat sich in Rage geredet – sein grünes Dinosaurierköpfchen hat eine rötliche Farbe angenommen. Ich weiss, dass mit dem Butler dann nicht zu spaßen ist.

„Anatol, das ist mir alles bewusst. Aber was können wir tun? Diese Küche ist nun mal so – daran kann ich nichts ändern.“

„Papperlapapp! Die Küche ist riesig – wir müssten sie nur einmal richtig einrichten. So zum Beispiel!“ Anatol springt auf und kramt in einem Zeitschriftenstapel herum. Endlich hat er gefunden, was er uns zeigen will: den Möbel-Prospekt eines schwedischen Einrichtungshauses.

„Da! Guck Dir diese Traumküche an! Und die will ich haben!“

Ikea KücheIch seufze. „Ja Anatol. Diese Küche möchte ich auch haben. Dabei bleibt es aber leider: beim „ich möchte„. Wir können uns erstens eine solche Küche nicht leisten, und haben zweitens hier gar keinen Platz dafür. Wo willst Du denn das alles unterbringen, was Du da auf dem Bild siehst?“

Anatol schluckt. Er weiss, dass die Küchenphantasie eine Utopie bleiben wird. Dennoch sollten wir Verbesserungen in Küche und Wohnzimmer anbringen, findet er.

Da er hiermit Recht hat, stehe ich auf und reserviere das Car-Sharing-Auto für den nächsten Morgen. „Anatol, morgen geht es zu Ikea. Da lassen wir uns inspirieren! Vielleicht finden wir ja die eine oder andere gute Idee, um die Wohnung praktischer und wohnlicher zu gestalten.“

Anatol liebt Besuche bei Ikea.

Elie hingegen lässt traurig den Kopf hängen. „Ich hasse Ikea. Ich hasse Möbelgeschäfte und Baumärkte. Nur Ihr beiden wollt da immer hin! Was soll ich denn morgen machen? Tolle Ferien sind das…!“ Elies Stimme zittert.

„Elie, Du könntest morgen ins Schwimmbad gehen!“ schlägt Anatol vor.

„Ja toll – allein? Du weisst doch, dass alle meine Freunde wegefahren sind – es ist niemand mehr da, den ich kenne! Im Schwimmbad sind jetzt nur die Großen – die, die mich letztes Jahr immer geärgert haben! Vor denen habe ich Angst, wenn ich da allein bin – die schmeissen mich ins tiefe Becken und tauchen mich unter!“

Es stimmt – ein Schwimmbadbesuch ganz ohne Begleitung ist keine gute Idee.

Halbherzig schlage ich vor, dass Elie ins Ikea-Kinderparadies gehen könne, während Anatol und ich die Möbel ansehen. Nun bricht Elie in Geheul aus. „Das Ikea-Kinderparadies hasse ich noch mehr als Ikea und Baumarkt zusammen! Da werde ich immer unter diesen bescheuerten Bällen begraben – schrecklich ist das! Ihr könnt mich mal!“ schreit er.

Ich sehe ein, dass das Ikea-Kinderparadies für Elie ein weiterer Ort des Schreckens ist und biete eine Alternative an: „Elie, möchtest Du morgen vormittag vielleicht einfach zu unseren netten Nachbarn aus dem ersten Stock? Vielleicht gehen sie sogar ins Schwimmbad!“

Elie akzeptiert dies nach kurzem Zögern, wenn auch widerwillig. „Wehe, wenn ich meine ganzen Ferien bei den Nachbarn im ersten Stock verbringen muss – nur weil Ihr die ganze Zeit Wohnungsverschönerung betreibt! Ich will, dass wir auch was Richtiges unternehmen – so wie normale Menschen das in ihren Ferien tun!“

Ich überlege. Welche Ferienattraktion könnte sich bieten, die einerseits gut erreichbar und andererseits nicht zu ruinös ist? Ich erinnere mich an einen Ausflug, den ich vor bald 40 Jahren mit meinen Eltern, meiner Schwester und unserem damals ganz jungen Hund Trolli an die Edertalsperre gemacht habe – im Sommer 1975 muss das gewesen sein. Es ist lang her.

„Elie, wir könnten nächste Woche an den Edersee fahren und dort Boot fahren. Wenn Ihr brav seid, könnten wir sogar darüber nachdenken, dort eine Nacht zu bleiben – im Zelt oder unter freiem Himmel! Voraussetzung wäre allerdings, dass wir jemanden finden, der die Katzen versorgt. Und es muss natürlich warm genug sein.“

Elie strahlt. Die Ferien sind gerettet.

Vorerst steht jedoch der Besuch bei Ikea an.

68. Kapitel – Eine Reise ins Burgund: Abenteuer SNCF

Seit Tagen freue ich mich auf meine Reise zu Bébé und Gaia, den Streunerkatzen, die ich vor mehreren Jahren hungrig und krank auf einem Parkplatz gefunden habe. Freunde aus dem Burgund haben die beiden bei sich aufgenommen, und Bébé und Gaia konnten endlich den harten Asphalt ihres « Parking » gegen ein warmes, weiches Bettchen im schönen Montbard eintauschen. Dorthin soll die Reise gehen : zu Nicolas und Vanessa.

I.

Elie hatte schon frühzeitig angekündigt, dass er diesmal nicht mitkommen werde. Anna – seine heimliche Geliebte – sei aus den Sommerferien zurück und er wolle sie ins Schwimmbad einladen. Anatol hatte etwas skeptisch eingewandt, Anna sei doch sicher schon mit Angelo verabredet – worauf Elie einen Tobsuchtsanfall bekommen hatte.

Angelo ist der ewige Widersacher der Butler – ihre Nemesis. Was ihnen misslingt : Angelo gelingt es. Elie hat eine 5 in Mathe ? Angelo ist Klassenbester. Anatol müht sich erfolglos an einer Etüde von Ševčík ab – Angelo spielt sie mit Bravour. Elie ist in Anna verliebt : sie geht mit Angelo. Aus finanziellen und katzentechnischen Gründen müssen unsere Sommerferien auf Balkonien stattfinden – Angelo reist mit seiner Familie nach Kalifornien (nach Santa Monica, um genau zu sein). Die Liste seiner Triumphe ist lang, und selbiges gilt für die der Misserfolge unserer beiden Helden.

Elie malt sich trotz allem Chancen bei Anna aus – Angelo ist nämlich noch nicht wieder aus Santa Monica zurück. Daher ist Elie sicher, dass Anna die Einladung ins Schwimmbad im Brauweg – das mit der tollen neuen Rutsche ! – nicht ablehnen wird.

Seit vorgestern bereitet Elie den Schwimmbadbesuch akribisch vor. Er hat Karten gekauft, die Badehose bereitgelegt, ebenso das Sonnenöl und den großen blauen Ball zum Aufpusten (den mit dem Nivea-Logo, den es mal als Werbegeschenk in der Droguerie gegeben hatte).

Nun muss nur noch Anna mitkommen. Anatol und ich hegen Zweifel daran, aber wir wollen Elie die Vorfreude nicht nehmen. Insbesondere die Tatsache, dass Elie bisher Angst davor hatte, auf die Rutsche zu klettern und dann ins Wasser zu rutschen, macht uns skeptisch ob des von Elie angestrebten smarten Auftretens gegenüber Anna. Letztes Mal im Schwimmbad hatte Elie sich nicht einmal auf meinem Arm auf die Rutsche getraut. Überflüssig zu erwähnen, dass Angelo bereits vom 10-Meter Turm springt. Aber er ist im Moment nicht da, und so kann Elie bestimmt einen schönen Nachmittag ganz allein mit Anna verbringen.

II.

Anatol und ich haben hingegen andere Sorgen. Bei der Reiseplanung ist Anatol aufgefallen, dass der einzige akzeptable Zug nach Montbard um 6 Uhr 51 in Strasbourg losfährt – unglaublich früh. Wollen wir den Zug sicher bekommen, müssen wir um 4 Uhr 30 aufstehen. Das ist unangenehm, aber machbar. Anatol besorgt die – sündhaft teuren – Billets und kümmert sich darum, dass alles für den nächsten Morgen bereitsteht. Das Frühstück ist schon am Vorabend vorbereitet, meine Bluse gebügelt, Geschenke für Nicolas, Vanessa und die Katzen eingepackt.

Um 4 Uhr 30 klingelt der Wecker.

Mühsam wühle ich mich aus dem Bett und beginne den allmorgendlichen Putzmarathon. Die Katzenklos, das Katzenfutter, unser Frühstück … als alles erledigt ist und ich aus der Dusche komme, ist es bereits 5 Uhr 30. Anatol wippt nervös auf den Fußspitzen und mahnt mich zur Eile. « Wir verpassen noch den Zug ! Leg einen Zahn zu ! »

Elie schlummert tief und fest im Nestchen.

Als wir um 6 Uhr 33 die Wohnung verlassen, zetert Anatol lauthals. Es stimmt : wir sind spät dran. Aber der Bahnhof ist nicht weit – wir parken das Fahrrad wie immer in dem überwachten Parkplatz direkt an den Gleisen. Dann laufe ich los, um schnell zum Zug zu kommen.

Etwas später werde ich jäh gestoppt. Der Aufgang zu den Gleisen (dort erfährt man normalerweise auch, wo die Züge abfahren) ist abgesperrt und die Gleisanzeigen sind deaktiviert. « KEIN DURCHGANG ! RENOVIERUNGSARBEITEN ! » steht mit großen, unfreundlichen Buchstaben an der Barriere. Was nun ? Ist vielleicht an einer anderen Stelle ein Durchkommen ?

Nein. Der Zugang zu den Gleisen ist hier heute definitiv nicht möglich. Entsetzen erfasst mich. Unser Zug fährt in 7 Minuten ab !

Mit zitternden Händen und einer vor Wut explodierenden Handtasche (der Saurier kann kaum an sich halten) schließe ich das Fahrrad wieder auf, fahre den großen Umweg zum anderen Bahnhofseingang, schließe das Fahrrad dort fest – und laufe so schnell ich kann in die Bahnhofshalle, zu der großen Anzeigetafel.

Auf welchem Gleis fährt der Zug ab ? Die Anzeigetafel weist ihn nicht mehr aus. Es ist 6 Uhr 49. Die verbleibenden 2 Minuten wären im Grunde genug, um den Zug zu erreichen – aber nicht, wenn man das Gleis nicht kennt !

Verzweifelt irre ich durch die Gänge – ich fühle mich an einen meiner klassischen Alpträume erinnert ! – und versuche, unser Gleis zu finden. Anatol hält den Atem an – ausnahmsweise hat er das Schimpfen eingestellt.

Da ! Ein Zug auf Gleis 5 könnte der Richtige sein … ich lese in fieberhafter Eile die Haltebahnhöfe auf der Anzeigetafel durch : ja, das ist unser Zug ! Um diese Erkenntnis reicher kann ich jedoch nur noch die Abfahrt des Zuges konstatieren – ohne Anatol und mich.

Keuchend und mit weit aufgerissenen Augen stehen wir auf dem Gleis, während sich der Zug entfernt – unverschämt mit dem hinteren Abteil wackelnd, als wolle er uns sagen : « Ihr kommt nicht mit »!

Anatol bricht in Tränen aus. Ich spüre eine unbändige Wut in mir hochsteigen. Um 4 Uhr 30 sind wir aufgestanden – nur um diesem frechen Waggon hinterherzusehen !

Der nächste Zug geht – das wissen wir bereits – über zwei Stunden später. Er ist deutlich teurer, braucht dafür aber 4 Stunden anstatt 3 bis Montbard. Gibt es vielleicht doch eine andere Möglichkeit, nach Montbard zu kommen ?

Unverzüglich begeben wir uns in die Schalterhalle der SNCF. Eine übellaunige Bahnangestellte empfängt uns. Ich schildere das Missgeschick, das nicht passiert wäre, wenn ich auf der Anzeigetafel das Gleis meines Zuges hätte erfahren können !

Hier belehrt mich die Dame, dass die SNCF aus Sicherheitsgründen zwei Minuten vor Abfahrt gar keine Gleisinformationen mehr erteilt. Die Leute würden sonst versuchen, rennend den Zug zu erreichen ; dies könne zu Unfällen führen.

Mein Hinweis, dass es noch viel sicherer wäre, den Passagieren das Betreten der Züge gleich ganz zu verwehren, trifft nicht auf Wohlgefallen bei der Dame. Mit der Information, dass der Umtausch der Fahrkarte 12 Euro koste, verabschiedet sie mich ohne ein Wort des Mitgefühls.

« Das darf doch alles nicht wahr sein ! » brüllt es da aus meiner Handtasche. « So eine bodenlose Unverschämtheit ist mir noch nie widerfahren! » Anatol kann sich nicht mehr beherrschen und macht Anstalten, aus der Tasche herauszuklettern – vermutlich, um die Dame von der SNCF zu beschimpfen, ja möglicherweise tätlich anzugreifen. Dies unterbinde ich, indem ich die Handtsche mitsamt dem tobenden Saurier in meinen Rucksack stopfe. Mir reicht die missglückte Bahnfahrt – eine Anzeige wegen Beleidigung oder gar Körperverletzung von Amtspersonen muss nicht noch hinzukommen. Den verständnislosen Blick der Bahnbeamten auf meine Handtasche strafe ich mit Nichtachtung. Soll sie doch denken, was sie will.

Eilig verlasse ich die Schalterhalle, eine neue Fahrkarte – noch teurer als die erste – in der Hand. Unser Ersatzzug fährt um 7 Uhr 21, wird zwei Stunden Aufenthalt in Mulhouse haben, dann eine weitere Stunde in Dijon, bevor wir um 13 Uhr 10 (anstatt um 10 Uhr 6) in Montbard ankommen sollen. Die Rückfahrt ist für 18 Uhr 53 geplant. In der Zwischenzeit sollen sich sintflutartige Regenfälle über Montbard ergießen.

Wir hoffen, dass der Schwimmbadbesuch von Elie und Anna gelungener ablaufen wird als der Beginn unserer Reise ins Burgund, und besteigen um 7 Uhr 21 unseren Zug.

Kurze Zeit später treffen wir in Mulhouse ein, wo wir zwei Stunden Aufenthalt haben, bevor der Anschlußzug nach Dijon eintrifft. Zwei Stunden, die wir uns auf dem Bahnhof um die Ohren schlagen müssen. Anatol stöhnt.

IMG_2812Zunächst verlassen wir den Bahnhof, in der Hoffnung, ein Café oder einen Salon de thé zu finden. Draußen erwartet uns jedoch das Nichts – und viel Regen.

Schnell kehren wir in den Bahnhof zurück. Nach kurzer Suche findet sich dort ein richtiges Café, in dem wir mit grünem Tee und Croissants bewirtet werden. Der erste Lichtblick des Tages ! Anatol hat sich in mein Halstuch eingewickelt, denn es ist empfindlich kalt geworden.IMG_2813

Deutlich später kommen wir in Dijon an, haben eine weitere Stunde Aufenthalt, bevor wir unseren letzten Anschlußzug nehmen. Um 13 Uhr erreichen wir – Stunden nach der geplanten Ankunft – unseren Zielort, wo wir bereits sehnlich erwartet werden. Kaum sind wir aus dem Zug gestiegen, bricht die Sintflut über uns herein.

IMG_2820Der Nachmittag vergeht sehr angenehm mit Katzenstreicheln, veganen Leckereien und anregenden Gesprächen. Leider bleibt bis zur Abfahrt um kurz vor 19 Uhr nur wenig Zeit.IMG_2831

Die Rückfahrt beginnt zunächst problemlos, wird aber durch einen auf den Gleisen liegenden Baum jäh unterbrochen. Während wir auf das Freiräumen des Gleises warten, schlägt Anatol vor, den veganen Proviant, den unsere Freunde uns mitgegeben haben, zum Abendbrot zu servieren. Er habe jedenfalls Hunger.IMG_2836

Indessen ist eine Verspätung von fast einer Stunde zusammengekommen. Wir werden daher auch für die Rückfahrt etwas über vier Stunden brauchen.

Wie mag der heutige Tag für Elie verlaufen sein?

66. Kapitel – Im Supermarkt: ein Drabble

Freudestrahlend kommt Elie vom Einkaufen. “Heute war alles kostenlos!” ruft er uns entgegen, eine große Einkaufstüte hinter sich herzerrend.

“Das kann nicht sein,” sage ich. Anatol runzelt die Stirn.

“Ich sag Euch, da war kein Kassierer! Die anderen Leute haben ihre Sachen vor einen Bildschirm gehalten; das hat gepiept. Konnte ich aber nicht genau sehen: bin zu klein.”

Ich erstarre. Anatol verdreht die Augen.

Der COOP hat kürzlich auf automatische Kassen umgestellt.

“Wie bist Du aus dem Laden herausgekommen?” frage ich entsetzt. “Na zu Fuß!” Elie ist nicht groß genug, um die Diebstahlsicherung auszulösen.

Der heutige Einkauf war sehr preiswert.

IMG_2678

 

_________________

Diese Geschichte ist ein sogenannter „Drabble„. Ein Drabble ist eine Geschichte, die aus genau 100 Wörtern besteht – es ist gar nicht einfach, einen Drabble zu schreiben. Ich hoffe, wir haben uns nicht verzählt: Anatol hat auch noch mal nachgezählt.

Auf die Idee mit dem Drabble kam Anatol, als er im dem tollen Blog von Wortman stöberte, wo es außer Drabbles noch viele andere interessante und schöne Geschichten zu lesen gibt!

 

65. Kapitel – Schreibprobleme

Was ist los mit dem Blog? Wieso kommen keine neuen Beiträge? Ist die Schreibblockade, die sich bisher nur auf meine Novelle beschränkte, nun auch auf den Blog übergegangen?

Nein, so ist es zum Glück nicht. Seit einigen Wochen habe ich eine sehr hartnäckige Sehnenscheidenentzündung im rechten Arm; teilweise konnte ich sogar gar nicht schreiben, auch bei der Arbeit nicht.

Deshalb muss ich mich schonen, damit es dem Arm bald besser geht.

Anatol hat bereits eine Handgelenksschiene (eine sogenannte Orthese) beschafft und mir vorhin Kühlelemente auf den Arm gelegt. Das lindert etwas.

Nachher muss ich diese Schiene mal länger tragen – schreiben ist damit mühsam. Anatol will eigentlich, dass ich im Moment gar nichts schreibe.

Aber wir melden uns bald wieder!

IMG_2642

 

64. Kapitel – Beim Arzt

Es ist 7 Uhr 30. Auf Zehenspitzen will ich die Wohnung verlassen – heimlich und ohne mich zu verabschieden. Heute ist ein besonderer Tag: am Vormittag habe ich den Termin bei der Neurologin, auf den ich seit Monaten warte.

Eine lästige Unruhe hat mich seit ein paar Tagen beschlichen. Was, wenn die Ärztin mich wieder zum MRT in die Röhre schicken oder mir meine Migränemedikamente wegnehmen will? Wenn sie mich zur Einnahme von Antiepileptika zwingen oder gar versuchen will, mir weiszumachen, dass ich mir die Migräne nur einbilde und mich nicht so anstellen soll …?

Diese und ähnliche Horrorszenarien spuken mir im Kopf herum, seit der Termin näher rückt. Aus diesem Grunde habe ich gestern heimlich entschieden, das Ganze einfach zu „vergessen“ – und aus allen Wolken zu fallen, wenn die Butler mich heute Abend nach meinem Arzttermin fragen werden.

Nun ist es wichtig, unauffällig aus der Wohnung zu verschwinden, um nicht noch einmal an den Termin „erinnert“ werden zu können. Die Flucht gelingt – keiner der beiden Butler ruft mir hinterher „Aber denk bitte an den Arzttermin!“. Elie schlummert im Nestchen, und Anatol muss wohl in der Küche zugange sein. Vorsichtig ziehe ich die Tür ins Schloß und schleiche die Treppe hinunter.

Kurze Zeit später bin ich im Büro und beginne wie jeden Morgen, meine Korrespondenz des Vortages zu sortieren und zu archivieren. Dann bereite ich den Tagesplan vor und stelle erfreut fest, dass heute mehrere schwierige Sitzungen anstehen, welche ein Vergessen des Arzttermins durchaus rechtfertigen.

Erleichtert atme ich auf. Heute werde ich der Röhre wohl entkommen.

Gerade will ich mich an die Arbeit machen – eine komplizierte Frage zur Markenparodie muss gelöst werden – da ertönt es messerscharf „So! Du hattest also nicht vor, den Arzttermin wahrzunehmen, den Du gleich hast?“

Ich zucke zusammen und drehe ich um. Anatol springt aus meiner Handtasche hervor und sieht mich böse an. IMG_2605„Vorhin bist Du heimlich aus der Wohnung geschlichen. Sonst verabschiedest Du Dich von den Katzen und von uns. Den Arzttermin hast Du schon länger nicht mehr erwähnt! Das hat meinen Verdacht geweckt. Und ich sehe mich bestätigt! Gerade hast Du eine Sitzung um 10 Uhr 30 anberaumt, obwohl Du genau weisst, dass dann der Termin ist! Er steht ja sogar in Deinem Computer!“

In diesem Moment poppt in der Tat – passend zur Suada des Sauriers – ein Erinnerungsfenster auf dem Bildschirm auf. „Neurologin um 10 Uhr 30!“ sagt es mir.

Zerknirscht gebe ich zu, dass ich mir den Termin noch hatte „offenhalten“ wollen – auf Grund der starken Arbeitsbelastung.

Anatol schnaubt wütend. „Um 10 Uhr fahren wir los zu diesem Termin! Keine Widerrede! Gut, dass ich mitgekommen bin. Ich hatte es seit ein paar Tagen im Gefühl, dass Du Dich drücken wolltest!“IMG_2603

Dem widerspreche ich selbstverständlich. Von „sich drücken wollen“ könne keine Rede sein – wegen meiner hohen Arbeitsbelastung sei es leider nicht immer möglich, solche Termine einzuhalten.

Da es nun aber erst 7 Uhr 45 sei, habe Anatol sich in meine Handtasche zurückzuziehen. Bald kämen die Kollegen, und da habe er unsichtbar zu sein.

IMG_2604Anatol folgt dieser Aufforderung sogar – nicht ohne mir jedoch gedroht zu haben, ab 10 Uhr Zeter und Mordio zu schreien, falls ich mich dann nicht auf den Weg zum Arzt machte.

Da ich keinen Wert darauf lege, von den Kollegen mit einem schimpfenden kleinen Saurier in der Handtasche überrascht zu werden, stehe ich um 10 Uhr von meinem Schreibtisch auf, nehme meine Tasche und sage meinem Chef, dass ich nun kurz zum Arzt gehe, aber in Kürze wieder da sein werde.

Der Chef nickt nur kurz, winkt mir zum Abschied „Bis nachher!“ zu – und vertieft sich wieder in seine Akten. Die zappelnde Handtasche bemerkt er glücklicherweise nicht.

Die Praxis von Dr. Gisèle ist nicht weit weg. Kurze Zeit später sind wir bei der Anmeldung und müssen noch etwas im Wartezimmer sitzen. Anatol habe ich eingeschärft, absolute Ruhe zu bewahren. Nicht, dass wir beiden noch in der Zwangsjacke bei den Männern mit den weissen Kitteln enden – das ist nun wirklich überflüssig.

Nun werde ich ins Behandlungszimmer gerufen. Anatol ist mucksmäuschenstill – vermutlich hat ihm die Warnung vor der Zwangsjacke doch Angst eingejagt.

Dr. Gisèle will meine gesamte Migränegeschichte hören. Sie nimmt sich Zeit und stellt mir Fragen. Gegen die Migränediät hat sie nichts. Magnesium, Vitamin B 2 und Q10 findet sie eine gute Idee. Dann will sie mich von oben bis unten abklopfen – da scheint alles zu stimmen. Ich höre ein leichtes Kichern aus der Tasche, welches aber sogleich wieder verstummt.

Ein erneutes MRT (die berüchtigte Röhre) hält Dr. Gisèle nicht für erforderlich. Ich atme auf.

Dann erläutert sie die gängigen Prophylaxen – Betablocker und Antiepileptika. Auf meinen erschrockenen Blick hin meint sie, sie sei nicht davon überzeugt, dass diese Medikamente für mich zum jetzigen Zeitpunkt die richtigen seien. Sie schlägt mir vor, die Prophylaxe mit Magnesium, Vit B, Q10 und der Migränediät weiterzuführen und die Entwicklung abzuwarten. Wenn die Migräne schlimmer würde, solle ich doch die Betablocker versuchen.

Mit einem Rezept für ein Triptanspray verlasse ich die Praxis. Anatol tobt in der Tasche herum, weil er sofort in die Apotheke will und das Spray kaufen. Das unterbinde ich jedoch; wir können das Spray auch am Samstag noch kaufen. Nun muss ich aber zurück zur Arbeit. Anatol lasse ich aus meiner Tasche hüpfen, als wir durch meine Straße fahren – der Butler hat den Schlüssel und findet allein nach Hause.

Der Tag vergeht nun ohne weiterer besondere Vorkommnisse. Ich bin glücklich, dass ich meinen Arztermin hinter mir habe!

Als ich Abends müde nach Hause komme, warten die Butler „zur Belohnung“ mit dieser Überraschung auf mich:

IMG_2609

Vielleicht sollte ich öfter zum Arzt gehen?

 

 

 

 

 

63. Kapitel – With a little help from my … Omi !

Es ist kurz nach eins. Anatol hat das Mittagessen bald fertig, während ich noch an meiner Novelle schreibe, mit der ich endlich ein gutes Stück weitergekommen bin.

„Anatol, ist Elie denn noch nicht zu Hause?“ rufe ich in die Küche. Dort ertönt ein Klappern, irgendetwas muss dem Butler heruntergefallen sein.

„Was erschrickst Du mich so! Fast hätte ich mich beim Kartoffeln-Abgießen verbrüht. Nein, Elie ist noch nicht da. Komisch – die Schule war doch heute nach der 5. Stunde aus, nicht?“

Das ist richtig. Elie hätte eigentlich um zwanzig vor eins hier sein müssen. Ich beginne, mir Sorgen zu machen. „Anatol, kannst Du gucken, wo Elie steckt? Den Schulweg abgehen oder so? Ich würde gern noch etwas weiterschreiben.“

„Unmöglich. Ich bin noch nicht mit dem Essen fertig – gerade erst fange ich mit der Soße für den Nachtisch an. Ich kann jetzt nicht weg. Sonst gibt es heute Mittag kein Essen.“

Seufzend stehe ich auf. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als mich selbst aufs Rad zu schwingen und nach Elie zu suchen.

Schnell fahre ich den Hainholzweg hinunter, über den Friedländerweg in Richtung Cheltenhampark. Dort, direkt am Parkeingang, steht Elies Roller – das Handarbeits-Täschchen am Lenker baumelnd.
IMG_2574

 

Wo ist Elie?

Ich höre ein leises Wimmern. Zwei Schritte weiter finde ich den Dinosaurier, unter einem Baum sitzend – in Tränen aufgelöst.IMG_2577

„Was ist denn passiert? Anatol und ich haben uns Sorgen gemacht! Hat Dich jemand geärgert?“

„Nein!“ heult Elie. „Es ist die Spinne!“ Auf meinen entgeisterten Bick hin fängt Elie an, sein Missgeschick zu erzählen. Er sei um halb eins aus der Schule gekommen. Mit seinem Roller sei er durch den Park gefahren und am Kornelkirschenbaum vorbeigekommen. Dort habe er den Roller kurz abgestellt und ein paar Kornelkirschen gepflückt. Als er dann mit dem Roller habe weiterfahren wollen, sei ihm eine Spinne aufgefallen, die heimtückisch sich vom Lenker direkt in sein Handarbeits-Täschchen abgeseilt habe und dann in den Tiefen des Täschchens verschwunden sei.

Elie hat panische Angst vor Spinnen. Es sei ihm unmöglich gewesen, den Roller mit dem am Lenker hängenden Täschchen und der mutmaßlich sich darin befindenden Spinne zu berühren und nach Hause zu fahren. Er habe sich daher in sicherer Entfernung hingesetzt, die Tasche im Auge behalten, und darauf gewartet, dass die Spinne wieder aus der Tasche herausklettere. So warte er seit einer halben Stunde.

Ich muss mich ebenfalls setzen. „Elie, Du weisst, dass Dir die hiesigen Spinnen überhaupt nichts tun können? Es gibt keinen Grund, vor ihnen Angst zu haben. Sie sind im Gegenteil sogar sehr nützliche Tiere, denn sie halten uns die Mücken vom Leib!“

Dann frage ich vorsichtig: „Wie groß ist diese Spinne überhaupt, die jetzt angeblich in Deinem Handarbeits-Täschchen sitzt?“

„Sie ist gigantisch!“ schreit Elie und zeigt mit seinen Tatzen eine etwa 2 mm große „Riesenspinne“ an.

„Ich werde die Spinne jetzt aus Deinem Täschchen herausholen, ok?“ sage ich, nehme das Täschchen vom Lenker und öffne es. Eine Spinne sehe ich nicht. Ich entnehme der Tasche das Nadelkissen, die Wollknäuel, Stricknadeln und Häkelhaken … aber keine Spinne.

„Elie, hier ist keine Spinne drin. Kann es sein, dass sich die Spinne gar nicht in das Täschchen hinuntergehangelt hat? Sondern dass sie sich brav bis auf den Boden abgeseilt hat und dann ihres Wegs gekrabbelt ist?“

„Nein nein, das kann nicht sein“ weint Elie. „Sie muss da drin sein, bestimmt! Hol sie bloß raus aus dem Täschchen! Ich kann die Sachen jetzt gar nicht mehr anfassen vor Angst – und das Schlimmste ist, dass ich bis übermorgen eine Nadelarbeit machen muss – Fräulein Evers will sie am Mittwoch haben! Die wird auch benotet!“ Elie ist verzweifelt.

„Elie, das ist verrückt. In deinem Täschchen ist KEINE Spinne. Es gibt deshalb auch keinen Grund, das Täschchen und die ganzen Sachen nicht mehr anzufassen. Wir fahren jetzt nach Hause, dann gibt es Essen und heute Nachmittag fängst Du an, diese Nadelarbeit vorzubereiten. Wenn Du Fräulein Evers erzählst, dass Du die Hausarbeit nicht gemacht hast, weil angeblich eine Spinne in Dein Handarbeits-Täschchen gekrochen ist, wird sie bestimmt noch wütender auf Dich als sie es sowieso schon ist.“

Elie ist in „Textil- und Handarbeiten“ leider mit Abstand der schlechteste Schüler der Klasse, was aber nicht daran liegt, dass er unbegabt ist. Nein: Elie weigert sich beharrlich, die von der Lehrerin vorgegebenen Themen zu beachten.

Wenn er ein Wandbild aus Stoff besticken soll, fertigt Elie lieber eine Umhängetasche an. Begründung: „Wandbilder sind doof! Umhängetaschen sind toll.“ Wenn ein Webstoff hergestellt werden soll, baut Elie aus den Webschiffchen Pfeil und Bogen und schießt damit auf Fräulein Evers. Den kleinen Schulwebrahmen funktioniert er zu einem Saiteninstrument um und zupft darauf herum. Im Kunstunterricht, den ebenfalls Fräulein Evers gibt, malt Elie, was ihm gerade einfällt – nicht aber die von der Lehrerin festgelegten Motive. Dem Panther, der in einem Dschungelbild auftauchen soll, gesellt er ein Pantherbaby hinzu („Es ist kein Panther, sondern eine Pantherin, und das hier ist ihr Pantherbaby!“). Auf den Befehl, das Pantherbaby mit Deckweiss zu übermalen, da es nicht ins Sujet gehöre, antwortet Elie mit Wutgeheul. Das Pantherbaby bleibt – Elie kassiert dafür eine 5. Er hat sein Pantherbaby gerettet – nur das zählt.

Die anderen Schüler, allen voran der smarte Angelo, schütteln den Kopf. Doch Elie bleibt ein rebellischer Geist. Fräulein Evers gesteht zwar zu, dass Elie durchaus kreative Ideen habe. Diese würden jedoch ihren Unterricht sprengen. Elie hat daher in Kunst und Handarbeiten eine 6.

Es wird nun Zeit, diese Note zumindest in eine 5, besser noch in eine 4 zu verwandeln – das gibt sogar Elie zu. Aus diesem Grund will er auch die Textil-Hausarbeit richtig gut machen.

Wie dem auch sei – eine weitere eingehende Untersuchung der Handarbeitstasche fördert keine Spinne zu Tage. Widerstrebend nimmt Elie endlich seinen Roller und wir können nach Hause fahren, wo Anatol mit einer leckeren Kartoffelsuppe auf uns wartet. Zum Nachtisch gibt es Apfelstrudel mit Vanille-Soße!

Nach dem Mittagsschlaf lasse ich mir von Elie die besagte Nadelarbeit, die Fräulein Evers ihm aufgegeben hat, zeigen. Elie soll aus Stoffresten ein Nadelbuch nähen. Im Grunde eine schöne Aufgabe, denn es soll ein nützlicher Gegenstand hergestellt werden. Nur wie soll Elie das schaffen? Er ist mit Nadel und Faden völlig überfordert. Schon will er wieder in Tränen ausbrechen. Ich selbst bin ebenfalls ratlos.

Hier mischt Anatol sich ein. „Das wäre ein klarer Fall für Omi. Sie würde das perfekte Nadelbuch nähen!“

IMG_2579

Es stimmt. Ich erinnere mich: meine Omi war mir bei derlei Aufgaben immer eine große Hilfe gewesen. Sie hatte mir die Handarbeiten aber nicht abgenommen, sondern hatte mir gezeigt, wie man näht und mit welchen Tricks eine Nadelarbeit richtig gut wird. Die eine oder andere Naht hatte sie mir aber auch einfach genäht. Omi war großartig. Leider hatte ich das Handarbeiten später ganz aufgegeben und die von Omi erlernten Dinge wieder vergessen.

Elie weiss nicht, dass wir Omi nicht mehr um Rat fragen können. Hoffnungsvoll meint er „Dann rufen wir Omi doch einfach gleich an!“ Anatol erklärt Elie, dass das leider nicht mehr möglich ist, und erntet Verzweiflungsgeheul.

Ich spreche ein Machtwort: die Handarbeit wird für heute eingestellt. Morgen sei immer noch genügend Zeit, um das Nadelbuch anzufertigen. Heute habe Elie ausreichend Aufregung erlebt, und schließlich seien auch noch die Rechen- und Sachkundehausaufgaben zu bewältigen. Das Nadelbuch müssen nun warten.

Ich nehme die Stoffreste und die anderen Nähsachen von Elie an mich, lege sie in mein Nähkästchen zu den Handarbeitsutensilien, die Omi mir zum Teil noch geschenkt hatte, und schließe das Kästchen in den Schrank ein.

Dann überlege ich fieberhaft, was zu tun ist. Eins ist klar: weder Anatol noch ich geschweige denn Elie sind in der Lage, das geforderte Nadelbuch zu nähen.

Der Dienstag verstreicht, ohne dass wir an das Nadelbuch denken. Am Dienstag Abend fällt Elie siedendheiss ein, dass die Handarbeit noch nicht fertig, ja nicht einmal begonnen ist. Was nun? Die Arbeit muss morgen in der Schule abgegeben werden!

IMG_2582Ich lasse mir das Nähkästchen von Elie bringen. Wir müssen nun improvisieren. Anatol guckt mir gespannt über die Schulter – wie werden wir wohl aus ein paar Stoffresten ein regelrechtes Nadelbuch zaubern? Irgendeine Notlösung muss uns nun einfallen, daran führt kein Weg vorbei.

Elie stellt das Nähkästchen auf den Tisch und öffnet es.

Und da – oh Wunder! – ein prachtvolles, aus den Stoffresten zusammengenähtes und wunderschön besticktes Nadelbuch liegt ganz obenauf im Nähkästchen. Elie ist sprachlos – ebenso wie Anatol und ich.IMG_2583

Ich nehme das Nadelbuch aus dem Kästchen heraus. In das Buch sind schon die Nadeln und auch meine Handarbeitsschere – die, die Omi mir damals geschenkt hatte, und die mich mein ganzes Leben lang begleiten soll – eingesteckt.

IMG_2585Elie steht der Mund offen. Anatol sieht mich ungläubig an und flüstert atemlos: „Meinst Du, Omi  ist gekommen und hat das für Elie genäht? Nur wie …?“

Ich kann ebenfalls nicht erklären, was hier passiert sein mag.

IMG_2587Elie wird mit dem hübschen Nadelbuch seine erste Eins in Handarbeiten bekommen. Die Note ist nicht verdient, da Elie das Büchlein nicht selbst genäht hat. Elie ist aber so glücklich über das Nadelbuch, dass er sich ins Handarbeiten regelrecht hineinstürzen wird. Er wird später einer der besten Schüler von Fräulein Evers werden, sehr zum Erstaunen letzterer.

Ich werde Elie nicht verraten, dass ich am Dienstag Vormittag zu Annas Eltern ins Schneideratelier gegangen war und dort die missliche Lage erklärt hatte. Annas Eltern waren glücklicherweise sehr verständnisvoll gewesen und hatten ein wunderschönes Nadelbuch für Elie genäht – so wie Omi mir damals auch bei meinem Nadelbuch geholfen hatte.

Ob Fräulein Evers die Hausarbeit Elie nur auferlegt hat, um ihm die Chance zu geben, mit etwas „Nachhilfe“ zumindest eine  ordentliche Arbeit vorweisen zu können und so im Zeugnis der 3. Klasse in Handarbeiten keine 6, sondern eine 5 zu bekommen, wird jedoch niemand von uns je erfahren.

IMG_2581 2

 Von links nach rechts: Onkel Lothar, Judith, Omi – und ich,

am 19. August 1980.

 

 

62. Kapitel – Kirschenstieltee

Leider ist mir die große Hitze der vergangenen Woche nicht besonders gut bekommen. Schwindel, ein nur noch unzulänglich funktionierendes Durchblutungssytem und stark geschwollene Beine hatten mich sogar mit dem Gedanken spielen lassen, zum Arzt zu gehen.

Anatol hatte das mit dem Hinweis darauf unterbunden, dass Fridolin vollkommen überlastet sei und keine weiteren Patienten aufnehmen könne. Meine Beschwerden seien „zu 100% hausgemacht“ hatte er – fast schon unverschämt! – behauptet. Es brauche keinen Arzt, um so etwas zu behandeln.

„Du bewegst Dich überhaupt nicht. Den ganzen Tag sitzt Du bei der Arbeit vor dem Computer! Mittags, wenn ich nicht aufpassen kann, ziehst Du Dir Pommes rein, die so salzig sind, dass kein Mensch es aushalten kann. Das habe ich zum Glück von Fridolin erfahren, der Beziehungen zu Deinen Kollegen hat – sonst hätte ich das ja niemals mitbekommen! Du trinkst – wenn überhaupt – höchstens 3-4 Glas Wasser am Tag. Abends salzt Du Dir alles nach, was ich gekocht habe – obwohl schon Salz dran ist! Es ist ein Wunder, dass es Dir nicht viel schlechter geht.“

Ich wehre mich gegen diese Anschuldigungen – halbherzig, das muss ich sagen. Leider hat Anatol mit dem, was er sagt, nicht ganz Unrecht. Ich habe tatsächlich zu wenig Bewegung, und etwas zu viel Salz esse ich auch. Nur warum soll das so schlimm sein? Ungesalzen schmeckt doch einfach nichts!

Anatol knurrt wütend. „Es geht nicht darum, ganz salzfrei zu essen. Ich hoffe, dass Du das niemals musst – salzloses Essen schmeckt nämlich wie Pappmachée! Wenn ich koche, kommt etwas Salz ins Essen. Aber von heute an wird nichts mehr nachgesalzen! Damit ist es vorbei: den Salzstreuer schließe ich jetzt weg.“

Ich schlucke. In der Tat habe ich bemerkt, dass der Salzkonsum in den letzten Monaten stark angestiegen war. Ich hatte das auf die Saurier geschoben. Nun sieht es so aus, als ob ich allein das ganze Salz vertilgt haben soll … ich kann es fast nicht glauben.

„Und wie sehen Deine Empfehlungen aus, Anatol?“ Ich habe das Gefühl, dass der Butler nun mit einer ganzen Reihe von Maßnahmen aufwarten wird – und da irre ich nicht.

IMG_2552„Für heute Abend habe ich einen griechischen Salat vorbereitet. Da ich weiss, dass Du ihn sonst nicht isst, habe ich – ausnahmsweise! – ein wenig Feta hineingetan. Der Salat ist also nur vegetarisch, nicht vegan. Das bleibt eine Ausnahme. Salz ist gar keines dran – der Feta ist salzig genug. Überhaupt wird es in Zukunft viel öfter Salat geben. Rohkost ist sehr gesund, besonders für Dich!“

Ich freue mich. Griechischen Salat habe ich seit Jahren nicht mehr gegessen. Anatol hat in der Küche schon alles fertig vorbereitet: Gurke, Paprika, Tomate, Oliven und den Feta. Ein wenig Oregano und Thymian werden noch über den Salat gestreut, Olivenöl darüber – fertig ist der deliziöse griechische Salat.

IMG_2560Da viele Oliven übrig geblieben sind, legt Anatol sie ein. Zuerst übergießt er die Oliven mit Olivenöl, dann gibt er 3 kleine Chilischoten dazu, herbes de Provence und viel gehackten Knoblauch. In ein bis zwei Tagen werden wir sie genießen können!

Wenn meine Behandlung dergestalt aussehen soll, dass ich so feine Salate und Oliven mit Knoblauch essen soll, will ich mich gar nicht dagegen sträuben!

IMG_2556Anatol serviert den Salat. Er ist jedoch noch nicht fertig mit mir.

„Ab jetzt achte ich noch mehr darauf, dass Du Dich gesund verhältst. Daher verordne ich – in Absprache mit Fridolin – Folgendes:

Morgens gibt es in Zukunft Kneipp-Bäder. Das sind Wechselduschen – und zwar vor allem kalte! So warm wie es im Moment ist, kann es Dir nur gut tun.

Zudem habe ich einen ganz speziellen Sud für Dich zubereitet, gegen die Wasseransammlungen in den Beinen. Er besteht aus einem Aufguss von Kirschenstielen, Eschenblättern und Hagebutten. Dieser ist genau auf Dich abgestimmt und sollte schnell helfen.Wenn es damit nicht besser wird, will Fridolin Dich doch sehen. Aber ich bin sicher, dass Deine Beschwerden sehr schnell nachlassen werden, wenn Du Dich an all das hältst, was ich gerade gesagt habe.“

IMG_2557Ich bin sprachlos. Im Moment weiss ich nicht, ob ich wütend oder erfreut reagieren soll. Anatol nimmt mir die Entscheidung ab, indem er mir seinen Kirschstielsud, der interessanterweise transparent wie Wasser ist, kredenzt: Etwas Widerlicheres habe ich noch nie getrunken!

Fast will ich dem Butler das Glas an den Kopf werfen.

Anatol bemerkt trocken, dass dieser Sud nicht schmecken, sondern helfen soll – und ab jetzt werde es jeden Tag einen Liter davon zu trinken geben.

Ich will das Biest gerade packen und ihm seinerseits den Sud eintrichtern – da hat es sich schon ganz nach oben auf den Schrank gerettet und tönt „Du wirst mir noch dankbar sein!“ – ich resigniere.

Länger als 2 Wochen werde ich diesen widerwärtigen Sud allerdings nicht trinken!

IMG_2558

61. Kapitel – Im Glutofen der Sonne

Anatol ist seit 4 Uhr morgens wach. Er hat alle Fenster aufgerissen und für Durchzug gesorgt. Leider ist die Luft draußen auf der Straße kaum kühler als hier in der Wohnung.

Heute soll der heisseste Tag des Jahres werden. Es sind 38°C angekündigt.

Anatol wedelt mit dem Thermometer herum. „Die ganze Nacht über hatten wir hier in der Wohnung 28°C. Das ist sehr, sehr warm. Wir müssen viel trinken, und vor allem dafür sorgen, dass auch die Katzen ausreichend Flüssigkeit zu sich nehmen.“

Katzen sind leider sehr schlechte Trinker, was ihnen nicht gut tut.

IMG_1537Elie hingegen freut sich über die Hitze. „Ich ziehe nachher meinen Chèche über, und gehe zu Lilian! Der hat ein ganz tolles Planschebecken, ein richtiges aus blauem Eisen, nicht nur so ein Gummibecken zum Aufblasen! Dort spielen wir ‚Lawrence of Arabia‘ !“

Richtig. Das Planschebecken. Ich erinnere mich: auch wir hatten, als wir Kinder waren, ein solches Planschebecken. Es wurde nur zu ganz seltenen Anlässen aufgepustet – dies erledigte mein Vater, der jedesmal danach vor Atemnot fast in Ohnmacht fiel, denn wir hatten keine Pumpe! – und dann mit etwa 10 cm Wasser befüllt. Wasser war schließlich teuer und man musste sparen. Ich denke aber auch, dass meine Eltern Angst hatten, dass in dem Becken etwas passieren könnte, wenn zuviel Wasser darin war.

Deshalb war das Planschebecken zwar jedesmal ein riesiges Fest, aber mehr als die Füße baden konnte man darin nicht wirklich.

Als wir noch in Leichlingen wohnten, hatten Nachbarn auch so ein Becken wie Lilian. Es war auch blau und musste nicht aufgeblasen werden, da es aus Metall war. Allerdings durften wir dort nur unter strenger Aufsicht planschen, denn das Becken war gut 40 cm tief. Ich war damals erst 2 oder 3 Jahre alt. Dementsprechen verschwommen sind meine Erinnerungen an dieses gigantische blaue Becken.

Anatol reisst mich aus meinen Gedanken. „Elie, Lilian wollte doch heute mit seinen Eltern zur Großmutter nach Meppen fahren. Das wird also nichts mit dem Planschbecken. Lilian ist heute nicht da.“

Fataler hätte die Wirkung nicht sein können. Elie bricht in verzweifeltes Wutgeheul aus. „Ich WILL aber heute ins Planschbecken! Dann müssen wir eben ins Freibad gehen!!“

Es ist nicht mal 7 Uhr, wir haben 30°C, die Katzenklos quellen über und ein Saurier dreht durch: Ich ertappe mich bei dem Wunsch, ebenfalls vor Wut zu heulen. Vor allem: bei 38°C gehe ich nicht in ein Freibad. Allein die Vorstellung von den Menschenmassen im Wasser lässt mich erschauern – vom Geräuschpegel einmal ganz abgesehen. Elie weiss das – um so größer ist seine Verzweiflung.

Glücklicherweise hat Anatol eine rettende Idee. „Wir könnten auf dem Balkon ein Planschbecken aufbauen. Vielleicht kann ich sogar ein Sonnensegel aufziehen. Dann haben wir etwas Schatten.“

Schlagartig verstummt das Geheul. Anatols Idee war gut. Elie beruhigt sich – zumindest vorübergehend. Ich spreche jedoch ein Machtwort. „Ihr beiden macht Euch jetzt bitte fertig. Währenddessen kümmere ich mich um die Katzen und putze die Küche. Danach gehe ich in die Dusche und Ihr bereitet bitte das Frühstück vor. Und wenn wir dann gefrühstückt haben, dann überlegen wir, wie wir das Planschbecken auf dem Balkon einrichten. Erst wird gefrühstückt – keine Widerrede!“

Die Butler sind mit diesem Ablauf glücklicherweise einverstanden.

Kurze Zeit später sind die Katzen gefüttert, die Küche ist geputzt und wir haben gefrühstückt.

Anatol fällt ein, dass der eine Trinkbrunnen von Keramik im Hof nicht in Betrieb ist. Den könnte man als Planschbecken einsetzen.

Meinen Regenschirm werde er zur Markise umfunktionieren, kündigt Anatol an, während ich die Trinkbrunnenschale abspüle und mit Wasser fülle. Elie holt indessen das Tüchlein von der „Sendung mit der Maus“ aus dem Badezimmer. Das sei ein prima Badehandtuch, findet er.

Bald ist alles aufgebaut. Die Saurier planschen fröhlich in dem Trinkbrunnen und spritzen sich gegenseitig naß. Jauchzen und Plätschern dringen vom Balkon in die Wohnung.

IMG_2499„Gibt es auch Eis?“ ruft Elie.

Nein, Eis gibt es nicht. Ich stelle aber in Aussicht, dass wir möglicherweise später am Nachmittag zur Eisdiele gehen und jedem eine Kugel Eis kaufen – wenn es bis dahin etwas kühler geworden ist.

IMG_2503

60. Kapitel – Ein ganz gewöhnlicher Samstag

Es ist 5 Uhr 20. Ein sonniger Sommermorgen bricht an. Schon bald soll sich die Stadt in einen Glutofen verwandeln – für 9 Uhr sind bereits 30°C angekündigt.

Anatol hat daher angeordnet, dass bis spätestens 7 Uhr gelüftet wird, dann alle Fenster geschlosssen und die Rolläden bis auf einen kleinen Spalt heruntergelassen werden. So halte man in südlichen Ländern das Haus innen schön kühl. Heute sei es notwendig, auch so zu verfahren.

Vorerst ist es in der Wohnung noch kühl. Die Katzen streichen um mich herum – offenbar hat man großen Appetit und will sofort frühstücken.

Mein heutiger Samstag soll recht entspannt werden. Nach der üblichen Wohnungsputzprozedur und dem Einkauf auf dem Markt steht ein Besuch bei Fridolin an – ich habe heute einen Termin zur Akupunktur. Dann bin ich bei einer Freudin eingeladen und später soll es in der Trattoria Pasta geben. Am Nachmittag habe ich einen Friseurtermin, und danach muss ich noch einmal kurz nach Kehl, um eine Bestellung abzuholen. Zwischen den jeweiligen Terminen liegt viel Zeit – heute soll es vor allem keinen Stress geben.

Anatol gefällt mein Programm. Er verkündet, er komme heute mit in die Stadt.

Elie hingegen möchte lieber zu Hause bleiben, er wird sich nämlich zum Mittagessen mit Lilian treffen. Ein Einkaufsbummel in der Stadt – nein, danach sei ihm gar nicht zumute, schon gar nicht bei einer solchen Hitze.

Anatol sitzt bereits in meiner Handtasche – ich fahre los.

Im Wartezimmer meines Hausarztes treffen wir Fridolin. Er hat einiges mit Anatol zu bereden, während ich meine Akupunktur-Séance habe. Was auch immer die beiden zu besprechen haben – ich soll es offenbar nicht erfahren; etwas Angenehmes scheint es eher nicht zu sein. Wie ich schon länger vermute, stimmt irgendetwas mit Fridolin nicht. Möglicherweise kann ich nachher etwas darüber aus Anatol herauskitzeln.

Kaum dass wir die Praxis verlassen haben, versucht Anatol unauffällig, mich wieder in den Levi’s Store zu lotsen – darauf hatte ich mich allerdings eingestellt. Heute wird es ihm aber nicht gelingen. Schließlich soll es nun keine Klamotten mehr geben – oder nur so wenig wie möglich.

IMG_2494 Wir fahren auf dem schnellsten Weg zu Isabelle, wo ein wunderbarer Jasmintee auf uns wartet.

Anatol und ich dürfen es uns auf dem Balkon gemütlich machen und die dort im Schatten noch angenehm frische Luft genießen. Wir fühlen uns so wohl, dass wir eigentlich gar nicht mehr weg wollen.Anatol bei Isabelle

Isabelle gießt uns einen Tee nach dem anderen ein und bietet uns herrliche Datteln und Feigen aus Marokko an.

Eigentlich sind wir hier im Schlaraffenland angekommen.

Anatol fragt „Müssen wir unbedingt in die Trattoria…? Hier ist es doch viel schöner …!“

In Wirklichkeit möchte der eitle Fatzke aber nur weiter von Isabelle photographiert werden – er hat nämlich gemerkt, dass Isabelle wunderschöne Photos macht. Nun will Anatol natürlich sein eigenes Portrait!

Isabelle tut ihm den Gefallen und schießt ein paar Bilder von Anatol, der sich bemüht, auf den Photos möglichst nicht zu lächeln – das sähe einfältig aus.

 

Anatol bei Isabelle2

Anatol groß

Leider ruft nun schon die nächste Verabredung – wir müssen Isabelle für heute verlassen. Aber wir werden bald wiederkommen!

In der Trattoria ist es unerträglich heiss. Der Pizzaofen arbeitet auf vollen Touren und alle 4 Gasflammen des Herds züngeln wild unter den Pasta-Töpfen hervor. Anatol ächzt. „Mir ist es viel zu warm hier! Können wir nicht zurück zu Isabelle…?“

„Anatol, wir müssen auf die Pasta warten. Gleich ist sie fertig. Wir nehmen sie dann mit zu Saït: in seinem Atelier ist es schön kühl. Da essen wir die Pasta.“

„Pasta, Pasta, Pasta – dieses neumodische Geschwätz geht mir auf die Nerven! Es sind NUDELN, ganz einfach. Warum muss man das heute hochtrabend „Pasta“ nennen?“

Anatol scheint die Sonne tatsächlich etwas zu sehr auf den Kopf geschienen zu haben. Normalerweise ist es nämlich er, der sich dieser Bobo-Terminologie befleißigt. Ich persönlich sage nie „Pasta“ – aber hier sind wir in einer italienischen Trattoria, und dort heisst es eben so. Diese Erklärung scheint Anatol für heute auszureichen, jedenfalls schimpft er nicht weiter. Vermutlich ist es ihm einfach zu heiss.

Kurze Zeit später haben wir unsere Nudeln vor uns auf dem Teller. Anatol erleidet hier weiteres Ungemach: seine „Pasta arrabiata“ ist derart „arrabiata“, dass sich der Saurier in einen feuerspeienden Drachen verwandelt.

Anatols Laune ist auf ihrem Tiefpunkt angelangt.

Einige Gläser Wasser löschen den Brand notdürftig, dann fahre ich mit einem zeternden und schimpfenden Saurier in der Handtasche zu meinem Friseurtermin. Ich schwöre mir, den Butler nie wieder bei einer solchen Hitze in die Stadt mitzunehmen.

Beim Friseur ist es angenehm kühl, und Anatol schläft – dem Himmel sei dank – endlich in meiner Tasche ein.

Nun steht noch unsere letzte Etappe an: die Fahrt nach Kehl. Da ich das Carsharing-Auto mit der Klimaanlage reservieren konnte, gehe ich davon aus, dass diese Fahrt nicht zu weiteren Verwerfungen führen sollte. Ich radle also frohgemut los.

Das Handy klingelt. Anatol schreckt aus seinem Mittagsschlaf hoch – ich hebe ab.

Eine vollkommen aufgewühlte Freundin meldet sich. Katze Edmee geht es sehr schlecht. Edmee kann nicht mehr aufs Katzenklo gehen, sie hat starke Schmerzen und scheint eine Harnblockade zu haben. Dies kann ein unmittelbar lebensbedrohender Zustand sein. Jedenfalls ist so etwas extrem schmerzhaft – es handelt sich um einen tierärztlichen Notfall und bedarf sofortiger Behandlung.

Fieberhaft denke ich nach. Nach Kehl fahre ich nun sowieso. Wenn ich das Auto länger reserviere, haben wir Zeit genug, um Edmee in die Tierklinik zu bringen.

Das Problem: Katze Edmee findet Fahrten zum Tierarzt noch schlimmer als ihre Krankheit und will sich nicht in den Katzenkorb bugsieren lassen. Die Verfrachtung in den Transportkorb kann leider etwas Zeit in Anspruch nehmen – das kenne ich bereits.

Ich drücke Anatol das Handy in die Pfoten. „Bitte reserviere das Auto bis 20 Uhr, Anatol. Dann rufst du bei Edmee an und fragst, ob sie schon im Korb ist – und organisierst den Treffpunkt etc.  Ich trete in die Pedalen und fahre so schnell es geht zum Auto, dabei kann ich nicht telephonieren.“

Vor Aufregung bebend tippt Anatol auf die Handytastatur. Es gelingt ihm, das Auto bis 20 Uhr zu buchen. Danach erfährt er, dass Edmee sogar schon im Kennel ist. Sie ist sehr geschwächt und konnte glücklicherweise überrumpelt werden. Wir können sie also schnellstens abholen.

Eine knappe Stunde später stehen wir mit Edmee vor der Tierklinik. Edmee hyperventiliert – ihr Mäulchen steht sperrangelweit auf. Bei Katzen ist das ein ganz schlechtes Zeichen.

Dementsprechend beklommen sind meine Freundin und ich.

Anatol versucht, Edmee durch gutes Zureden zu beruhigen.

Eine freundliche junge Tierärztin, die ich noch gar nicht kenne, kümmert sich sofort um Edmee. Edmee hat eine Blasenentzündung und braucht dringend Schmerzmittel und Entzündungshemmer. Nach 2 Spritzen beginnt Edmee, sich etwas besser zu fühlen – sie wird ruhiger und scheint deutlich weniger Schmerzen zu haben. Wir werden entlassen, sollen Edmee aber die nächsten Tage isolieren, um sie besser beobachten zu können. Notfalls sollen wir sofort wieder in die Klinik kommen, wenn sich der Zustand nicht bald verbessert.

Bis wir Edmee nach Hause gebracht und in den 5. Stock geschleppt haben, das Auto zurückgegeben haben und uns endlich auf den Heimweg machen können, ist es nach 19 Uhr.

Zuhause warten hungrige Katzen und der abendliche Hausputz auf uns.

Anatol möchte einen solchen Samstagsmarathon nicht noch einmal mitmachen müssen. Er verkriecht sich auf dem schnellsten Weg in sein Sauriernestchen. Der Großputz bleibt mir überlassen.

Ein ganz gewöhnlicher Samstag…

59. Kapitel – Die Straßen von San Francisco

Den ganzen Nachmittag habe ich mich mit einem steuerrechtlichen Problem herumgeärgert – einer seltenen Frage im Bereich der internationalen Koproduktion, gepaart mit einer Betriebsstättenproblematik und Abstechern ins Bilanzrecht. Um 19 Uhr fühle ich mich wie erschlagen, zumal das Problem weiterhin nicht gelöst ist.

Ich packe meine Sachen zusammen und will das Weite suchen, entschließe mich im letzten Moment aber doch, die abscheuliche Akte mit nach Hause zu nehmen. Möglicherweise kann ich sie am Abend doch noch erledigen: Elie und Anatol sind heute nicht zu Hause, und so habe ich etwas Ruhe.

Die beiden Butler sind bei Ante, einem Klassenkameraden von Elie eingeladen. Ante kommt aus Jugoslawien (heute wäre Antes Heimat vermutlich Kroatien); seine Eltern sind Gastarbeiter in einer Göttinger Fabrik. Weder sie noch Ante sprechen richtig Deutsch; leider sind Antes schulische Leistungen daher sehr mäßig. Herr Bock, der Klassenlehrer, hat Ante deshalb neben Elie gesetzt. Elie soll Ante alles erklären, was Ante nicht versteht. Gleichzeitig soll er Ante etwas ruhig halten, denn Ante ist äußerst zappelig. Kein Wunder – wenn man den halben Tag in der Schule stillsitzen muss und dabei nichts vom Unterricht mitbekommt, weil man die Sprache nicht beherrscht, dann kann man schon etwas ungeduldig werden.

Elie hatte vor ein paar Tagen erzählt, dass Antes Mutter in die Schule gekommen sei, um den Lehrer zu sprechen. Ante hatte dabei ein wenig „übersetzt“, und da Elie vorher mit Ante gespielt hatte, hatte er das Gespräch mitbekommen. Herr Bock hatte Antes Mutter nahegelegt, zu Hause mit Ante nur Deutsch zu sprechen, damit Ante es lerne. Elie hatte das zuerst logisch gefunden – dann war ihm aber klargeworden, dass es mit dem „zu Hause nur Deutsch sprechen“ etwas schwierig war, wenn niemand Deutsch konnte.

Zunächst hatte Ante ihm vor allem leid getan, denn er wurde oft wegen seines fehlerhaften Deutsch von den anderen Schülern gehänselt. Elie hatte sich mit ihm angefreundet. Danach hatte Elie aber bemerkt, dass die Freundschaft mit Ante große Vorteile mit sich brachte: Ante war deutlich größer und stärker als Elie. Auf dem Schulhof traute sich niemand mehr, Elie zu ärgern – nicht einmal Angelo. Auch die Hänseleien wegen Antes Deutsch hatten bald aufgehört, denn Ante wusste sich sehr entschlossen zur Wehr zu setzen, wenn es sein musste.

Ante war ein paarmal bei uns zum Mittagessen gewesen, wenn er nicht nach Hause gehen konnte, weil die Eltern und die Geschwister mittags nicht da waren. Ganz besonders die Pfannekuchen mit der Erdbeermarmelade hatten es ihm angetan! Um sich dafür zu revanchieren, hatte er nun Anatol und Elie diesen Freitag Nachmittag und sogar zum Übernachten eingeladen.

Um sicher zu gehen, dass seine Eltern auch damit einverstanden waren, hatte ich vor ein paar Tagen bei Ante angerufen, hatte dort aber nur einen großen Bruder erreicht, der mir versicherte „Eltern arbeiten jetzt. Anatol und Elie sehr willkommen – für Freitag!“ Ich hatte mich sehr  herzlich bedankt, Grüße an die Eltern ausgerichtet und Anatol und Elie eingeschärft, sich ordentlich zu benehmen, von allem zu probieren, was ihnen angeboten wurde und beim Tischdecken und Abwaschen zu helfen.

Anatol und Elie sind heute mittag nach der Schule also nicht nach Hause, sondern zu Ante gegangen.

Etwas spät fällt mir ein, dass ich nicht einmal Antes Adresse habe – aber da mir ja die Telephonnummer vorliegt, denke ich mir nichts weiter dabei.

Ich widme mich nun eingehend meiner steuerrechtlichen Problematik, und vergesse für einige Stunden alles um mich herum.

Das Schrillen des Telephons reisst mich aus meinen Forschungen auf.

Ich hebe ab. Am Telephon ist ein völlig aufgelöster Anatol. Er kann kaum sprechen. „Bitte komm sofort – wir brauchen Hilfe! Ich hab nur noch 10 Pfennig zum Telephonieren! Wir sind mit Ante in der Kneipe im Maschmühlenweg – nebenan ist ein halb abgerissenes Haus, und da ist eine schwerverletzte Katze! Wir müssen sie retten!“

Die Verbindung bricht ab.

Entgeistert sehe ich auf die Uhr. Es ist 22 Uhr durch! Ich habe über meine Akte völlig die Zeit vergessen. Was um Himmels Willen machen drei kleine Dinojungen nach 22 Uhr – mitten in der Nacht ! – in einer Kneipe im Göttinger Maschmühlenweg – der schlimmsten Gegend Göttingens überhaupt? Schließlich glaube ich sie wohlversorgt bei Ante zu Hause – und dort schon lange im Bett!

Und dann die verletzte Katze – die muss natürlich gerettet werden. Mit dem Fahrrad ein unmögliches Unterfangen – ich klingele kurzentschlossen bei den Nachbarn, bei denen noch Licht brennt und bekomme das Auto ausgeliehen. Schnell hole ich den großen Transportkorb aus dem Keller, nehme ein paar Döschen Katzenfutter dazu – und fahre los.

Kurze Zeit später biege ich in den Maschmühlenweg ein – eine verrufene Gegend. Vor der Kneipe sehe ich das Grüppchen stehen: Anatol winkt verzweifelt, Elie versucht, sich hinter Ante zu verstecken. Ich steige wutentbrannt aus dem Auto aus, erkläre den Spitzbuben jedoch zu allererst, dass es nun nicht Zeit für Schimpfe sei – zuerst muss die Katze gerettet werden. Danach hätte ich ein erstes Wort mit allen Beteiligten zu reden.

Ante sieht sehr betroffen aus. Er versucht, mir das Geschehene zu erklären. „Alles nur meine Schuld. Elie und Anatol wussten nicht. Meine Eltern heute arbeiten. Deshalb wir in Kneipe. Leute dort kümmern sich!“

Ich bedeute Ante, dass ich ihm keinen Vorwurf mache. Meinen beiden Butlern hingegen werfe ich einen bösen Blick zu. Sie hätten mich anrufen müssen, als klar war, dass Antes Eltern heute arbeiten mussten. Die drei hätten schließlich auch zu uns kommen können – und nicht allein auf der Straße oder in einer Kneipe herumstromern müssen!

IMG_0416Anatol zeigt mir den Hinterhof, wo die Katze sich angeblich aufhalte. „Die Katze kann nicht richtig laufen! Sie zieht die Hinterbeine hinter sich her und kann nicht damit auftreten – sie fällt immer wieder um!“ Ich vermute Schlimmstes. Das Tier ist offensichtlich schwer verletzt.

Der Hinterhof ist voller Holzreste, Bauschutt und Glasscherben. Das Dachgeschoss des Hinterhauses ist bereits abgerissen – der Rest wird in Kürze folgen. Eine Katze kann hier nicht überleben – schon gar nicht, wenn sie verletzt ist.

Da – ich sehe das Tier. Eine rot-weisse Katze, sicher ein Kater. Ich öffne eine Dose – da versucht das Tier bereits, sich zu nähern. In der Tat kann der Kater die Hinterbeine nicht richtig aufsetzen, er muss auf dem schnellsten Wege zum Tierarzt. Ante sagt „Katz hier in Gefahr. Muss weit weg gebracht werden! Braucht auch Arzt!“ Ante hat alles zusammengefasst.

Wir stellen den Transportkorb in die Nähe des Tieres, etwas Futter ganz weit hinten in den Korb … und setzen uns hinter den Korb, um das Türchen schließen zu können, wenn der Kater drinnen ist.

Nun sehen wir voller Entsetzen, wie der arme Kater sich mit den Vorderpfoten bis zu dem Transportkorb schleppt. Er schafft es, in den Korb hineinzuklettern – verschwindet ganz darin und fängt gierig an, zu fressen. In diesem Augenblick schließe ich geräuschlos das Türchen, breite eine große dunkle Decke über den Korb – und der Kater ist in Sicherheit. Anatol jubelt!

Ante fragt „Kommt Katze jetzt in Tierklinik?“ Ich nicke. Ante sieht erleichtert aus. Er muss sich um das Tier große Sorgen gemacht haben. Elie bekommt von der Fangaktion nichts mit, denn er liegt im Auto meiner Nachbarn und schläft.

Ich setze den Transportkorb mit dem Kater, der nun ordentlich randaliert, in den Kofferraum, wo er nicht umfallen kann. Anatol und Ante lasse ich auf die Rückbank zu Elie, der tief und fest schläft.

Anatol druckst herum. Irgendetwas will er nicht sagen, Ante stubst ihn aber immer wieder an. Ich frage: „Anatol, was gibt es? Da ist doch etwas!“

Anatol gibt verschämt zu, dass sie die Kneipenrechnung noch nicht beglichen haben. Ante habe sein Essen bezahlt, Elie und Anatol hätten nicht genug Geld dabei gehabt. Ob ich das bitte übernehmen könne.

Ich bin außer mir. Eine Kneipenrechnung haben die beiden Butler auch noch produziert! Ich klappe die Autotür zu, befehle Anatol, sich nicht zu entfernen, und betrete die Kneipe.

Ein leutseliger Wirt steht gläserwienernd hinter dem Tresen. Er weiss, für wen ich bezahlen möchte, noch bevor ich etwas sage. „Sie zahlen für die zwei kleinen Dinos“ stellt er fest. Ich bestätige das. „Ok … Ante hat schon bezahlt, er zahlt immer sofort. Für Ihre zwei Kleinen macht das zusammen 10 Mark 45. Was haben sie gekriegt … Bratkartoffeln, Spiegelei, Cola und Salat. Und zum Nachtisch Schokoladeneis.“ Ich zahle und will mich schnell entfernen. Der Wirt fügt hinzu „Schade – Ihre beiden hatten sich wie die Schneekönige auf „Die Straßen von San Francisco“ gefreut. Jetzt konnten sie die Folge gar nicht gucken.“

Ich wähne mich einer Ohnmacht nahe. Auf meinen fassungslosen Blick hin beeilt sich der Wirt, mir die Sachlage zu erklären. „Wissen Sie, wenn die Eltern nachts arbeiten müssen und die Kinder bei uns essen, müssen wir sie irgendwie bei Laune halten. Freitags dürfen sie dann hier „Die Straßen von San Francisco“ gucken. Wenn das zuende ist, sind die Eltern meist von der Arbeit wieder da und nehmen sie mit nach Hause. Ja ich  weiss, dass das sehr spät ist. Aber ich hab die Kleinen lieber hier drinnen vor dem Fernseher als draußen auf der Straße. Und Ihre beiden planen das ja schon lange, hier in die Abendvorstellung zu kommen. Warum kommen Sie nicht auch mal mit?“

Ich bin sprachlos! Die ganze Geschichte scheint von Anatol und Elie (Rädelsführer muss allerdings Anatol sein – da bin ich mir sicher!) seit Wochen eingefädelt. Die beiden dürfen „Die Straßen von San Francisco“ zu Hause nicht sehen, da die Serie erst um 22 Uhr 30 anfängt und zumindest für Elie ganz ungeeignet ist. Er ist dafür viel zu klein. Das hat die beiden jedoch nicht abgehalten, sich hier in der Kneipe einen regelrechten Kinobesuch zu organisieren!

Allerdings kam ihnen der verletzte Kater „in die Quere“ – ich bin froh, dass die beiden Übeltäter ihre Spätvorstellung geopfert haben, um das draußen umherirrende Tier zu retten.

Als erstes bringe ich Ante nach Hause. Sein großer Bruder ist da – so muss ich zumindest kein schlechtes Gewissen haben, Ante allein dazulassen.

IMG_0420Die nächste Fahrt geht in die Tierklinik, wo der Kater – Anatol hat ihn in der Zwischenzeit „Emile“ getauft – in der Obhut der diensthabenden Ärztin gelassen wird.

Der Kater kann nicht auf den Hinterpfoten stehen. Die Ärztin ist besorgt, verspricht aber, alles in ihrer Macht stehende zu tun, um Emile zu helfen.

Emile muss die Nacht in der Tierklinik verbringen.

Es ist nun Mitternacht. Endlich fahren wir nach Hause. Ich stelle das Auto ab, werfe meinen Nachbarn den Autoschlüssel in den Briefkasten und steige müde die Treppe hinauf. Anatol und Elie schlummern in meiner Tasche.

Ich setze sie in ihr Nestchen und falle ins Bett. Morgen ist Samstag, und ich werde genug Zeit haben, den Butlern gehörig die Leviten zu lesen.

Epilog

Ante wird 1978 nach der dritten Klasse die Bonifatiusschule verlassen. Ob seine Familie und er nach Jugoslawien zurückkehren, werde ich nie erfahren. Ich werde Ante nie wiedersehen.  Ich hoffe, dass – wo immer Ante heute sein mag – es ihm dort gut geht.

Emile stellt sich am Morgen nach der Fangaktion als unkastrierter, nicht identifizierter und sehr lieber Kater heraus. Emile ist offensichtlich schwerbehindert, hat aber weder Brüche noch Verletzungen. Trotz gründlichster Untersuchungen – Emile wird sogar eine MRT über sich ergehen lassen – wird die Ursache für seine Behinderung nicht gefunden werden. Emile wird schließlich als Ataxiekater in seine neue Familie vermittelt. Dort lebt er auch heute noch glücklich mit mehreren Katzenkameraden.

Meine Butler werden am Morgen nach ihrer Eskapade eine gehörige verbale Abreibung erfahren.

Ich werde aber erwägen, ihnen möglicherweise in Zukunft doch zu erlauben, „Die Straßen von San Francisco“ zu sehen – wenn auch unter Aufsicht.

58. Kapitel – Erneuerungen: ein Besuch bei Levi’s

Es ist Samstagmorgen – eben komme ich aus der Dusche. Ich freue mich, denn die Sonne scheint und der Tag verspricht, wunderschön zu werden. Gleich nach dem Frühstück steht ein Großeinkauf auf dem Markt an, danach möchte ich eine Freundin in der Stadt besuchen. Da die Butler samstags frei haben, werde ich heute mittag – wie jeden Samstag – mit Freunden in der Trattoria essen.

Schnell will ich in meine Jeans schlüpfen, da geschieht das Unglück. Ein häßliches reissendes Geräusch – die Jeans ist aufgeplatzt. Ich bin bestürzt.

„Anatol!“ rufe ich. „Meine Jeans ist im Eimer! Kannst Du mir bitte die andere bringen, die leichte? Es soll heute recht warm werden. Die kaputte nehme ich mit zu Saït, er kann sie bestimmt reparieren – das hoffe ich wenigstens.“ Saït ist unser Schneider.

Anatol öffnet den Kleiderschrank im Schlafzimmer und wühlt sich durch das Jeans-Fach. Endlich zerrt er die Jeans heraus, die ich heute anziehen möchte. Aber anstatt sie mir zu bringen, schmeisst er die Jeans hinter sich auf das Parkett und fängt an, die gesamten anderen Hosen aus dem Fach zu reissen.

„Sieh Dir das nur mal an!“ zetert er. „Hier haben wir ausgebleichte, formlose Jeans Nr. 1.  Das ist ausgefranste, verbeulte Jeans Nr. 2! Nun kommen verwaschene, unförmige Jeans Nr. 3 bis 6! Und hier – endlich! – kommt Deine einzige anständige Hose, die weder ausgebleicht noch verwaschen noch ohne Form ist. Nur kannst Du sie heute nicht anziehen – sie ist ja viel zu warm! Ich lasse Dich mit dem abgewetzten Krempel nicht mehr auf die Straße. Es sieht schlimm aus! Hast Du Dich mal von hinten gesehen?“

Ich bin sprachlos. Was nimmt dieses Biest sich heraus? Es stimmt allerdings, dass ich meine Jeans-Sammlung schon seit langer Zeit besitze. Ich liebe jedes einzelne Stück davon. Was können meine Jeans denn nur haben – insbesondere „von hinten betrachtet“!?

„Deine Jeans – jedenfalls die für den Sommer! – sind so ausgeleiert, dass sie Falten werfen! Von hinten sieht es unmöglich aus. Du kannst damit nicht mehr zur Arbeit gehen, und eigentlich will ich Dich so nicht mal auf den Markt lassen. Eine Schande ist es!“

Ich glaube, meine Mutter zu hören. Meine Jeans sind doch noch fast neu – ich habe sie vor nicht einmal 10 Jahren gekauft!

Anatol schüttelt den Kopf. „Wir kaufen Dir heute neue Jeans. So geht es nicht mehr weiter!“

Ich wehre dieses Ansinnen sofort ab. Gerade erst hatte ich die Matrosenbluse und die Trägertops gekauft, nun muss es gut sein. Schließlich wollte ich dieses Jahr eigentlich gar keine neuen Klamotten erstehen.

„Anatol, es gibt für mich keine Jeans. Bei Somewhere haben sie nur Karottenhosen. Die kann ich nicht tragen – mit Karottenhosen sehe ich aus wie Rumpelstilzchen. Bei Esprit gibt es die elegante Bootcuthose seit Monaten nicht in meiner Größe – und zudem ist sie viel zu warm für den Sommer. Promod hat nur die ganz ausgebleichten Jeans. Bei Mexx gibt es keine Bootcut-Jeans, und in die von Zara passe ich nicht rein. Tja, das war es dann mit Jeans.“ Diesen Argumenten wird Anatol nichts entgegenzusetzen haben, denke ich.

Weit gefehlt. „Und Du glaubst, dass es nur in diesen Läden Jeans zu kaufen gibt?“ fragt Anatol – eine rhetorische Frage. Er weiss, dass ich nur ungern die mir bekannten Marken wechsle. Insbesondere sind mir teure Designerläden ein Greuel. Dort kaufe ich nichts. Anatol ist das bekannt. Dennoch hat er einen weiteren Pfeil im Köcher, das sehe ich ihm an.

„Wir gehen heute vormittag zu Levi’s. Bei Levi’s haben sie richtig schicke Hosen und perfekte Passformen. Da finden wir was für Dich, womit man Dich auf die Straße lassen kann!“

Ich traue meinen Ohren nicht. Levi’s? Das ist viel zu teuer – und außerdem habe ich gelesen, dass die sogenannten „Markenjeans“ keinen Deut besser seien als die billigen von Promod und Co. Auch sollen sie voller Pestizide sein!

„Das mag alles sein, auch wenn ich es nicht in allen Fällen glaube. Ja – und Pestizide sind in vielen Jeans drin, in den billigen und den teuren. Das nimmt sich nichts. All das ist kein Grund, mit so abgewetzten Jeans rumzulaufen, wie Du es tust! Ob Du willst oder nicht, wir gehen jetzt zu Levi’s.“

Antol springt in meine Handtasche und schweigt. Ich weiss, dass er nicht mehr mit mir sprechen wird, bevor wir nicht in diesem Levi’s-Store waren. Ich finde die Methode des Butlers zwar unverschämt, muss aber zugeben, dass meine letzten Levi’s-Jeans (1993 in Freiburg gekauft und später leider mehreren unerwünschten Kilos zum Opfer gefallen) mir in der Tat bis heute unvergesslich sind. Etwas abschreckend ist bei Levi’s jedoch – und dies ist ein gewichtiges Argument – der Preis.

Der Einkauf auf dem Markt ist schnell erledigt. Ich lasse Anatol seinen Willen und fahre mit ihm in die Stadt, in den besagten Store. Dort angekommen, schärfe ich Anatol allerdings ein, dass er in meiner Tasche zu bleiben hat. Vor den Verkäufern möchte ich mich nicht zum Gespött machen.

Ich mag Jeans-Läden – wieso auch immer. Die meisten Dinge dort stehen mir gar nicht: ich kann weder die gerade geschnittenen Jeans gut tragen noch die allgegenwärtigen Holzfällerhemden – geschweige denn die aktuell wieder in Mode gekommenen „Slim“-Jeans. Es ist einfach nicht mein Stil. Dennoch gefällt mir die Atmosphäre in diesen Läden. Vielleicht, weil es solche Geschäfte in meiner Kindheit nicht gab, und ich sie – wie die große Freiheit – erst in meinem Studium entdeckte? Als Kinder trugen wir keine Jeans. Wir hatten Lederhosen: im Sommer eine kurze, im Winter eine knielange. Meine allererste Jeans erstand ich mit 17 Jahren in „Tuti´s Shop“ in Göttingen – einer Boutique, die Kleidung im Sarah-Kay-Stil anbot…

73f26367

In der „Girls“-Abteilung des Levi’s-Ladens fällt mir angenehm auf, dass die anwesenden Kundinnen in etwa so alt sind wie ich bzw. sogar älter. Wenn ich etwas nicht mag, sind das Boutiquen, in denen sowohl Kundschaft als auch Verkaufspersonal 25 Jahre jünger sind als ich. Die heutigen Käufer von Levi’s entstammen aber offenbar sämtlich der großen Zeit der einstmals legendären Marke: den 60er Jahren.

Ein freundlicher Verkäufer fragt, ob er mir behilflich sein könne. Ja, das kann er. Ich weiss genau, was ich will – und hoffe insgeheim, dass es hier nicht zu finden sein wird – nämlich eine Bootcut-Jeans in dunklem Denim, Größe 27/32.

Triumphierend mustere ich den Verkäufer – sicher hat er das Gewünschte nicht da und wir können wieder gehen.

Hier irre ich jedoch. Der junge Mann geht zielsicher auf ein Regal zu, zieht mit einem Griff die beschriebene Jeans – dark denim, Bootcut, 27/32 – heraus und präsentiert sie mir. „Sie können sie dort in der Umkleide anprobieren. Bitte sagen Sie mir dann, ob sie passt – wenn nicht, bringe ich Ihnen sofort eine andere Größe.“ Der Verkäufer bleibt in der Nähe der Umkleidekabinen und hält sich offenbar für den weiteren Verlauf meines Besuchs in der Boutique zu meiner Verfügung.

Ich weiss nicht, wann ich das letzte Mal in einem Klamottenladen so zuvorkommend und individuell bedient worden bin. Mit der Bootcutjeans in der einen und einer vor Aufregung zappelnden Handtasche ziehe ich mich in eine Kabine zurück. Man kann sie sogar von innen verriegeln. Dies tue ich, bevor ich die Handtasche öffne.

IMG_2491Anatol springt aufgeregt wie ein tasmanischer Teufel aus meiner Tasche. „Zeig zeig zeig!“ ruft er. „Pssssst! Anatol, gib Ruhe! Der Verkäufer darf Dich nicht bemerken, auf gar keinen Fall!“ flüstere ich.

Schnell ziehe ich die Jeans über. Sie passt wie angegossen.

Anatol ist außer sich vor Begeisterung. „Siehst Du? Ich habs Dir gesagt! Die Jeans von Levi’s sind super. Sie machen den besten Po!“

Ich bin schockiert. „Anatol, was sind das für Redensarten? So etwas will ich nicht hören!“

IMG_2489Anatol gibt zu, dass er sich den Satz von Benedict, einem Schulkameraden abgehört habe. Von Benedict scheint auch die Begeisterung für Levi’s zu kommen. Ich ersuche Anatol, zumindest Benedicts Ausdrucksweise schnellstens wieder zu vergessen.

Dann verlasse ich die Umkleidekabine, um die Jeans vor dem großen Spiegel zu begutachten. Auch hier kann ich nur bemerken, wie perfekt, wenn auch eng, die Hose sitzt. Der Verkäufer stellt in Aussicht, dass sich die Jeans etwas weiten werde – ich dürfe sie auf keinen Fall zu groß kaufen. Auch weist er mich darauf hin, dass dieses Modell nicht mehr nachgeliefert werde – die nächste Kollektion werde es nicht mehr enthalten.

Ein Fiepen und Kratzen dringt aus meiner Umkleidekabine. Anatol kann offenbar nicht an sich halten und will mir etwas sagen. Der Verkäufer sieht mich verunsichert an. „Hatten Sie denn einen Hund dabei? Den habe ich gar nicht bemerkt…“ bemerkt er fragend. „Nein, das ist mein Handy!“ erwidere ich schnell und verschwinde in der Umkleidekabine.

„Anatol, bei Dir piepts wohl! Der Verkäufer hat Dich gehört – und die anderen Kundinnen sicher auch! Was denkst Du Dir denn nur dabei? Nun muss absolute Ruhe sein!“

IMG_2492Anatol flüstert atemlos „Du hast Doch gehört, was der Mann gesagt hat! Die tolle Jeans ist ein Auslaufmodell! Da musst Du zwei von kaufen. Dann kannst Du sie häufiger wechseln und sie nutzen sich nicht so schnell ab. Sei froh, dass Du endlich eine so gut sitzende Jeans gefunden hast.“

Mich trifft der Schlag. Gleich zwei solcher Jeans soll ich kaufen? Anatol nickt. „Das geht. Ich weiss es. Du solltest es unbedingt tun!“

‚Dieser Saurier wird mich ruinieren‘ denke ich im Stillen. Dennoch probiere ich eine zweite Jeans an – auch sie sitzt perfekt.

Seufzend begebe ich mich zur Kasse – weiss ich doch, dass das Biest keine Ruhe geben wird, bevor ich die Hosen nicht käuflich erworben habe.

An der Kasse steht eine ältere Dame – ebenfalls Kundin – und beglückwünscht mich zu meinem Kauf. Sie selbst kaufe nur noch hier ein – so begeistert sei sie von der Qualität, der bequemen Passform und dem Kundenservice. Sichtlich gebauchpinselt von dieser Gratis-Werbung packt der Verkäufer meine Hosen in eine Papptüte und ermuntert mich, das Geschäft bald wieder zu beehren. Ich halte mich dazu bedeckt, reiche dem Verkäufer verschämt meine Kreditkarte und verlasse schleunig den Laden – erschlagen ob des soeben ausbezahlten Betrages.

Den Butler weise ich an, genaueste Recherchen zu Nachhaltigkeit und sozialem Engagement der Marke anzustellen. Nach dem Kauf ist die natürlich etwas spät.

Der Nachhauseweg beruhigt mich zumindest insoweit, als ich beginne, mich über die schönen Jeans zu freuen.

Im Briefkasten finde ich einen Brief meiner Krankenkasse vor. Mit einem mulmigen Gefühl öffne ich ihn. Derlei Schreiben sind meist kein gutes Zeichen.

Diesmal ist dem aber nicht so. Die Krankenkasse berichtet erfreut, dass sie auf Grund besonders umsichtigen Wirtschaftens einen Betrag an jedes ihrer Mitglieder auszahlen könne.

Der Betrag deckt den Kauf der Levi’s fast vollständig ab. Ich bin sprachlos.

Anatol grinst mich spitzbübisch an. „Ich habe doch gesagt, Du kannst die Hosen kaufen. So etwas darfst Du mir ruhig glauben.“

Misstrauisch beäuge ich das Kuvert. Aber der Brief war ungeöffnet. Wie zum Teufel konnte das Biest das wissen …?

Anatol schweigt sich jedoch hierzu aus.

57. Kapitel – Das Referat

Bald sind Schulferien. Für Anatol steht vorher noch das große Physik-Referat an, das er vor der ganzen Klasse – und insbesondere vor Angelo, dem Physikcrack – halten muss. In wenigen Tagen ist es soweit. Anatol ist sehr aufgeregt.

Warum das Referat? Anatol ist in Physik nicht sonderlich begabt. All meine Versuche, ihm Nachhilfe zu geben, sind kläglich gescheitert. Das Schuljahr zog sich mit Vieren und Fünfen in Physik hin, bis der Physiklehrer Herr Hildebrandt endlich im 2. Halbjahr ankündigte, man werde nun bis zum Ende des Schujahres Atomphysik durchnehmen.

Obwohl ich es mir mit rechten Dingen nicht erklären kann, schreibt Anatol in Physik plötzlich Einsen. Das Gebiet macht ihm Spaß, und immer öfter sehe ich ihn in sein Physikbuch und diverse andere Physik-Unterlagen vertieft am Schreibtisch sitzen. Woher die Begeisterung für dieses Fach kommt, kann ich nicht nachvollziehen. Anatol meint dazu nur „Ich verstehe das einfach. Atomphysik ist ganz logisch aufgebaut. Deshalb sind die Physikarbeiten für mich nicht schwierig. Bei der schreckliche Elektrophysik habe ich nie auch nur das Mindeste begriffen.“

In der Tat denke ich mit Grauen an die tränenverschmierten Physikarbeiten zurück, unter denen in großen roten Buchstaben das vernichtende Urteil „Ungenügend!“ stand. Die letzte Arbeit, die ungläubig mit einer „Eins“ unterzeichnet war, war hingegen ein Fest gewesen.

Herr Hildebrandt hatte die Wandlung Anatols vom Klassenletzten zum Einserkandidaten mit Freude beobachtet und war nun gewillt, Anatol in Physik eine glatte Eins im Schulzeugnis zu geben. Da aber ein Schüler von einer Vier minus nicht auf eine Eins hochgesetzt werden kann, ohne dass das Lehrerkollegium einbezogen wird, hatte Herr Hildebrandt eine Konferenz einberufen, auf der Anatols Fall besprochen wurde. In der folgenden Physikstunde hatte er dann erklärt, Anatol habe einen zusätzlichen Leistungsnachweis zu erbringen, sprich ein Referat über Atomphysik zu halten. Wenn dieses ebenfalls mit einer Eins bewertet würde, stehe der Eins im Jahreszeugnis nichts mehr im Wege. Dies habe das Lehrerkollegium entschieden.

Angelo, der Überflieger, hatte in der Pause verkündet, ein solches Referat sei außerhalb Anatols intellektueller Reichweite. Wer die letzten zwei Schuljahre in Physik nur mit Mühe die Vier habe halten können, der käme nicht auf eine Eins, das sei ausgeschlossen.

Angelo darf, obwohl mehrere Jahre jünger als Anatol, am Physikunterricht der Oberstufe teilnehmen, da er vor einem Jahr den ersten Preis bei „Dinojugend forscht“ gewonnen hat.

Anatol hatte voller Wut geantwortet „Wir werden ja sehen!“ und war dann schnell nach Hause gegangen. In Wirklichkeit befürchtet er natürlich, dass Angelo Recht behält. Das ist auch der Grund, warum er nun in jeder freien Minute sein Physikreferat überarbeitet. Leider kann ich ihm auf diesem Gebiet nicht wirklich helfen, und Elie öffnet nur große Augen, wenn er das Wort „Atom“ hört.

IMG_2457„Das Zeug haben sie doch in diesen Atomkraftwerken, die wir alle nicht mehr wollen! Das ist es doch? Ich will darüber lieber gar nichts wissen, ich habe Angst vor den Atomen! Deshalb habe ich auf meinem Ranzen ja auch einen Aufkleber mit „Atomkraft nein Danke“ drauf, und mein Zimmer ist zur atomwaffenfreien Zone erklärt!“

Elie hat vor kurzem „Die Wolke“ von Gudrun Pausewang gelesen und ist seitdem erklärter Gegner von Atomwaffen und Kernkraft. Zum Glück weiss er nicht so genau, woher unser Strom kommt.

Anatol stöhnt. „Elie, ich beschäftige mich rein theoretisch mit Atomphysik. Da ist nichts mit nuklearer Strahlung oder so. In meinem Referat geht es nicht um Kernspaltung. Es ist völlig ungefährlich. Du brauchst nicht mal in Deine atomwaffenfreie Zone zu gehen, um in Sicherheit zu sein. Außerdem bist Du sowieso die ganze Zeit von Atomen umgeben – selbst in Deinem atomwaffenfreien Zimmer. Alles besteht aus Atomen. Übrigens kann man sogar Atomphysiker sein und sich trotzdem gegen Atomwaffen und Kernkraftwerke aussprechen.“

Elie leuchtet dies nicht ein. Seine große Angst – neben der vor einem Atomkrieg – ist die, dass Anatol sich bei seinem Referat unendlich blamieren und Angelo ihn in Elies Klasse, in die er eigentlich geht, zum allgemeinen Gespött machen könnte – womit dann auch Elie der Lächerlichkeit preisgegeben wäre.

Diese Sorge ist durchaus berechtigt – hat doch Angelo angekündigt, dass er jetzt schon Zwischenfragen für das Referat im Sinn habe, von denen er ausginge, dass Anatol sie jedenfalls nicht werde beantworten können.

Heute ist der große Tag. In der Physik-Doppelstunde soll Anatol sein Referat halten. Gefasst, den Ranzen fest auf den Rücken geschnallt verlässt er das Haus. Das Lampenfieber sieht man ihm von weitem an.

Am Tag zuvor hatte Anatol darauf bestanden, das Referat einmal vor Elie zu halten – zur Probe. Ich durfte dabei nicht anwesend sein; angeblich hätte ich sowieso nichts verstanden. In Wirklichkeit war Anatol die Probevorlesung peinlich gewesen und so kam allein Elie in ihren Genuß. Eine dreiviertel Stunde hatte das Ganze gedauert, denn Anatol soll mit dem Referat eine Schulstunde füllen. Das war die Vorgabe von Herrn Hildebrandt gewesen. Nach 45 Minuten hatte ich verstohlen ins Dino-Zimmer geguckt: Anatol hatte mit hochrotem Kopf seine Unterlagen studiert, in denen er irgendeine Gleichung zu suchen schien; Elie war eingeschlafen und schnurchelte auf dem Sofa vor sich hin. Das hochwissenschaftliche Thema sei für Elie offenbar zu komplex gewesen, so Anatol. Nun gut.

Heute ab halb 11 heisst es also Daumen drücken. An der Physikstunde kann ich natürlich nicht teilnehmen.

Gegen 13 Uhr, kurz vor Schulschluss, stehe ich aber dennoch vor dem Max-Planck-Gymnasium, um die beiden Dinos auf dem Nachhauseweg abzufangen und zu erfahren, wie das Referat verlaufen ist.

Die Schultüre öffnet sich, und unzählige Schüler verlassen lachend und lärmend die Schule. Wo sind Anatol und Elie? Die Schule leert sich – ein paar Nachzügler verlassen das Gebäude noch, dann fällt die Tür mit einem Knarren ins Schloss.

Wo sind meine beiden Saurier?

Ich betrete die Schule, auf die ich selbst vor Jahren gegangen bin: ein eleganter Bau der Gründerzeit mit einem atemberaubend schönen Treppenaufgang.

Heute habe ich allerdings für die Treppe keine Augen, denn ich suche meine Butler.

Eine Lehrerin kommt mir entgegen – ich frage sie nach den beiden Dinos. Sie wirft mir einen strengen Blick zu. „Elie sitzt nach. Er hat einen anderen Schüler angegriffen. Das Lehrerkollegium erwägt einen Schulverweis.“

Mir rutscht das Herz in die Hose. „Elie??“ frage ich entsetzt. „Elie hat sich noch nie aggressiv verhalten. Es muss sich um ein Missverständnis handeln! Und was ist mit Anatol?“

Die Dame führt mich zum Lehrerzimmer. „Anatol hatte heute ein Referat, in dem seine Fähigkeiten in Physik überprüft werden sollten. Da das Referat auf Grund eines Zwischenfalls nicht ordnungsgemäß zuende geführt werden konnte, hält er es nun noch einmal im Lehrerzimmer. Bitte warten Sie hier, bis Anatol fertig ist.“

Davon kann keine Rede sein. Ich warte hier auf keinen Fall, während Elie in Einzelhaft nachsitzt. Ich verlange, Elie sofort sehen zu dürfen. Die Lehrerin will dies zunächst nicht gewähren, nachdem ich aber mit Nachdruck darauf bestehe, werde ich in den „Karzer“ geführt. Ich bin schockiert. Eine solche Einrichtung gab es zu meiner Zeit nicht in dieser Schule.

Die Dame mustert mich scharf. „Sie müssen in den 70er und 80er Jahren zur Schule gegangen sein. Damals war ja alles erlaubt. Sogar Schulbesetzungen wurden geduldet. Diese Zeiten sind vorbei!“

Ich schlucke. Das ist nicht die Schule, die ich einmal gekannt habe.

Die Lehrerin öffnet ein kleines Schulzimmer – den „Karzer“. Erleichtert sehe ich Elie an einer Schulbank sitzen, ein freundlicher Lehrer muss ihm Papier und Wachsmaler dagelassen haben. Elie springt von der Bank auf und ist mit einem Satz auf meinem Arm. Um seine Fassung ist es geschehen: hemmungslos beginnt er zu weinen.

„Sie wollen mich von der Schule werfen!“ schluchzt er. „Dabei ist es alles nur Angelos Schuld!“

„Elie, beruhige Dich. Ich bin sicher, dass sich alles klären lässt. Warum ist Anatol nicht bei Dir geblieben? Ich hätte das eigentlich von ihm erwartet!“

„Anatol ist in die Lehrerkonferenz einbestellt worden, sie wollten ihm noch Fragen stellen. Da konnte er nicht weg. Ich habe dann in dem Raum hier gesessen und gemalt. Herr Hildebrandt war gar nicht besonders böse auf mich. Er hat mir erlaubt, ein paar Bilder zu malen, während ich auf Anatol warten sollte. Nur die neue Lehrerin, die immer so streng ist, war sehr ungehalten mit mir. Sie spricht immer von Disziplin und Ordnung. Wir sollen lernen, Autoritäten anzuerkennen, sagt sie. Ich verstehe das nicht!“

Ich bin fassungslos. Was ist mit meiner alten Schule geschehen? Als ich 1979 dort in die 5. Klasse kam, sprach niemand von Autorität und Disziplin … wir hatten ein gutes Verhältnis zu allen Lehrern. Nicht einmal der Direktor hatte mit mir geschimpft, als er mich eines Tages von der großen Linde herunterholen musste, auf die ich in der Pause geklettert war. Er hatte nur gesagt „Kleines, das ist gefährlich. Tu das bitte nicht. Du könnstest Dich verletzen.“

Eine antiautoritäre Reformschule war das MPG nicht, das stimmt. Aber eine Disziplinaranstalt mitsamt einem Karzer – das hatte es hier nie gegeben.

Ich nehme mir vor, der autoritären Lehrerin bei Gelegenheit einen Vortrag über Reformpädagogik zu halten, obwohl ich weiss, dass diese zur Zeit alles andere als in Mode ist. Aber dafür habe ich im MPG gelernt, dass man manchmal gegen den Strom schwimmen muss.

Ich will nun wissen, was vorgefallen ist.

Elie schildert mir die Ereignisse des Vormittags. Anatols Referat habe in der 6. Stunde, der letzten Stunde vor Schulschluss stattgefunden. Er – Elie – habe in dieser Stunde frei gehabt, und da er Anatols Referat im Original habe miterleben wollen, habe er sich heimlich in den Physikraum eingeschlichen. Einigen Schülern aus Anatols Klasse sei er natürlich aufgefallen, aber die hätten ihn hinter ihren Büchern und Federmäppchen versteckt gehalten. So habe Herr Hildebrandt nichts gemerkt.

Anatol habe kaum angefangen zu sprechen, da habe Angelo ihn bereits unterbrochen, und eine Zwischenfrage zur Quantenphysik gestellt. Er hoffe doch, dass Anatol auch dieses Thema behandeln werde? Anatol habe geantwortet, sein Referat widme sich selbstverständlich auch der Quantenphysik. Er werde etwas später dazu kommen und bitte um ein wenig Geduld. Herr Hildebrandt sei außerordentlich beeindruckt gewesen, denn Quantenphysik steht nicht einmal ansatzweise auf dem Lehrplan.

Zunächst habe Anatol die verschiedenen Kernmodelle dargestellt – das sei offenbar für Anfänger gewesen, denn Angelo habe ungeduldig mit seinem Bleistift auf die Schulbank getrommelt. Kurze Zeit später kam die nächste Zwischenfrage. Ob Anatol denn nicht bald auf die Relativitätstheorie zu sprechen kommen wolle? Anatol habe dies bejaht. Das komme gleich!

Herr Hildebrandt habe sich verwundert am Kopf gekratzt. Er hatte sichtlich nicht erwartet, dass Anatol in seinem Referat so weit ausholen würde.

Die nächste Frage von Angelo habe nur kurz auf sich warten lassen. Mit Nachdruck forderte er, dass Anatol an dieser Stelle die berühmte Schrödingergleichung erläutere, und zwar im Hinblick auf nichtrelativistische Quantensysteme – falls Anatol denn wisse, was das sei.

Hier habe Elie sich nicht mehr zurückhalten können. Zum einen habe er die ständige Fragerei als unfair empfunden, zum anderen habe er aber auch befürchtet, dass das Referat sich so noch weit in den Nachmittag hineinziehen würde. Er habe eine solch unbändige Wut auf den smarten Überflieger – Preisträger von Dinojugend forscht und Dinojugend musiziert, schlimmer noch: neuer Schwarm von Anna, Elies heimlicher Liebe – bekommen, dass er das Physikbuch seines Banknachbarn ergriffen, sich mit dem heiseren Schrei „Deine Quanten werd ich Dir zeigen!“ auf Angelo gestürzt und unter Gebrüll mit dem Physikbuch auf den Primus eingeprügelt habe.

Anatols Referat sei damit beendet gewesen. Da es unmöglich erschien, die Aufmerksamkeit der johlenden Schulklasse wieder zu Anatols Vortrag zurückzuholen, seien die Schüler nach Hause geschickt und Anatol ins Lehrerkollegium gebracht worden, wo er das Referat zuende halten durfte.

Elie habe indessen die Zeit mit Malen überbrücken sollen. Die gestrenge Lehrerin habe ihm gesagt, er könne für den Vorfall mit dem Physikbuch von der Schule geworfen werden. Das habe ihm große Angst gemacht. Er habe doch nur Anatol verteidigen wollen … und er habe es nicht mehr ausgehalten, dass das Referat sich länger und länger dahingezogen habe.

Die Tür öffnet sich. Herr Hildebrandt tritt ein, Anatol neben sich. „Anatol hat seine Eins im Zeugnis!“ verkündet er freudestrahlend. „Sein Referat war eine großartige Leistung. Mit Elie sollten Sie hingegen einmal ein ernstes Wort reden. Und nun dürfen Sie endlich in die Mittagspause.“ Er hält uns die Tür auf, flüstert Elie zu „Elie, Schulbücher sind zum Lesen da – nicht zum Schlagen!“ und entlässt uns mit einem Zwinkern in die Freiheit.

Elie will nun doch etwas wissen. „Die ganzen Fragen von Angelo – die zur Quantenphysik, zur Relativitätstheorie und dieser komischen unrealistischen Gleichung – hattest Du das denn alles in deinem Referat drin?“

„Nein.“ sagt Anatol. „Die Fragen von Angelo konnte ich unmöglich beantworten. Das war mir von vorneherein klar. Deshalb hatte ich mir überlegt, ihn mit den Antworten auf später zu vertrösten. Solange, bis mich die Schulklingel irgendwann gerettet hätte. Nun ja, das hast Du ja dann übernommen …“

IMG_1939Elie ist zutiefst zerknirscht. Er möchte am liebsten im Erdboden versinken.

„Du hast also nur geblufft, als Du behauptet hast, das käme alles noch? Und ich dachte, ich sitze da um vier Uhr nachmittags noch … Oh Mann… “

Nun können die Ferien beginnen.

56. Kapitel – Intendanzprobleme II

Nach dem Frühstück begebe ich mich als erstes zu meinem Hausarzt, zur Akupunktur.

IMG_2316Dort treffe ich Fridolin, der wie üblich damit beschäftigt ist, Krankenakten zu sortieren, die im Wartezimmer ausliegenden Zeitschriften zu ordnen und Termine zu vergeben. Fridolin erledigt seine Aufgaben zügig und unaufgeregt – er strahlt Ruhe und Souveränität aus. Es heisst, dass manche Patienten nur hier zum Arzt gehen, um Fridolin zu treffen. Allein seine Anwesenheit scheint sich auf viele Patienten positiv auszuwirken.

Dennoch habe ich auch heute wieder den Eindruck, dass Fridolin angespannt ist – so gut er es zu verbergen sucht. Aber auch diesmal ergibt sich leider keine Gelegenheit, ihn diskret darauf anzusprechen.

Die Sommerkollektion von Somewhere erwähne ich aber – ich weiss, dass Fridolin samstags nach Praxisschluss zu Somewhere geht, um dort im Lager zu arbeiten. Zudem ist er auch für die Dekoration der Boutique zuständig – daher kennt er die Kollektion perfekt.

„Fridolin, Anatol und Elie haben alle meine Sommertops in die Kleidersammlung gegeben.“ Hier flunkere ich ein klein wenig. „Es wird jetzt Sommer – letzte Woche hatten wir ja schon 28°C. Ich brauche also dringend ein paar anständige Sommersachen. Habt Ihr so etwas in der Kollektion? Es sollte auch bürogeeignet sein. Am liebsten aus Leinen – das kühlt am besten.“

Ich weiss, dass ich dabei bin, mein „Konsum-Verzichts-Gelübde“ sträflichst zu missachten. Aber was soll ich tun – ich habe kaum noch Sommertops, und schon bald wird es wieder warm werden.

Fridolin denkt kurz nach. „Ja, ich denke, da müssten wir ein paar hübsche Sachen haben. Die aktuelle Sommerkollektion ist eine der schönsten, die ich dort gesehen habe. Wenn Du nicht so viel Geld loswerden möchtest, rate ich Dir, die Schals und Halstücher lieber nicht anzusehen. Sie sind absolut tödlich. Aber auch wenn es nur ein oder zwei schöne Tops sein sollen, dann wirst Du sicher Dein Glück finden.“

Ich danke Fridolin und suche nach einer Rechtfertigung vor mir selbst… soll ich mir die Tops ansehen? Ich weiss, dass ich dann sicher etwas kaufen werde. Schließlich habe ich zum Geburtstag etwas Geld geschenkt bekommen, mit der Auflage, davon etwas Schönes zu erstehen …

IMG_2319Vor der Boutique zögere ich. Soll ich das Geschäft wirklich betreten?

Kurzentschlossen drücke ich die Tür auf – und bin von wunderschönen Kleidungsstücken umgeben, die ich unmöglich alle ansehen, geschweige denn anprobieren kann.IMG_2323

Der eigentliche Zweck meines Besuchs in dem Modetempel ist es ja, die fehlenden Sommertops zu ersetzen – und zwar durch etwas, das ich auch im Büro tragen kann. Gleich finde ich zwei wunderschöne Oberteile in hellgrau und weiss, die ich sofort zurücklegen lasse.

IMG_2324

Wie Fridolin bereits andeutete, sind die Halstücher bestrickend schön. Ich erliege einer dieser Kostbarkeiten, und verlasse schließlich mit Sommertops, einer Matrosenbluse aus Leinen und einem exotisch eleganten Foulard die Boutique. Aufgrund meiner Geburtstags-Punkte und der hier sogenannten „Ventes privées“ zahle ich nur die Hälfte des eigentlichen Preises. Das wird den Butlern sicher gefallen !IMG_2353

Mit einer nicht exzessiv großen Tüte komme ich nach Hause.

„Anatol! Elie!“ rufe ich. „Fridolin hat mich großartig beraten. Ich habe ein paar wunderschöne Teile als Ersatz für die weggegebenen Tops gefunden!“

Anatol guckt betreten aus dem Schlafzimmer. Elie sitzt auf dem Kleiderschrank und sieht ebenfalls recht verlegen aus. Kleinlaut meint Anatol, man habe nach der morgendlichen Kontroverse etwas aufräumen wollen und dabei auch weniger genutzte Fächer des Schrankes ausgeräumt. Hierbei sei eine Kiste aufgefallen, die man geöffnet habe.

Die Kiste habe alle vermissten Tops – fein säuberlich zusammengelegt – beherbergt. Offenbar habe man letztere nämlich nicht in die Kleidersammlung gegeben, sondern in der Kiste verwahrt.

Ich muss mich setzen.

„Heisst das, dass ich nicht nur neue Klamotten in einen dem Minimalismus verpflichteten Haushalt gebracht habe, sondern dass die gesamten Altlasten immer noch da sind?“ frage ich entsetzt.

„Ja, genau das heisst es“ gibt Anatol beschämt zu.

„Tja.“ sage ich nur. „Daran kann man wohl nun nichts mehr ändern.“

Überglücklich, dass mein geliebtes, altes, grünes Top, dass so perfekt zu meinem Lieblingsanzug passt, wieder da ist, beginne ich, die neu erstandenen Oberteile auszupacken.

Minimalismus ist toll. Aber manchmal darf er auch etwas warten.

IMG_2345

55. Kapitel – Intendanzprobleme I

Fassungslos durchwühle ich meine T-Shirt-Schublade.

„Anatol!“ rufe,  nein: schreie ich. „Wo sind meine Trägertops!?“ Ich bin außer mir.

Verschlafen reibt Anatol sich die Augen. Der Faulpelz hatte noch geschlafen – obwohl es schon 7 Uhr 30 durch ist!

„Deine Trägertops…? Wo die sind? Ja keine Ahnung! Woher soll ich das denn wissen. DU trägst die doch.“

„Sieh Dir meine Schublade an! Sie ist leer!! Hier sollten alle meine Tops drin sein – die grünen, die in rosa und die weissen. Aber jetzt liegen hier nur noch 3 weisse Tops drin! Wo sind die anderen?!“

Anatol zuckt die Schultern.

„Oh Du Spitzbube, Du weisst es doch ganz sicher!“ rufe ich und will den Butler packen. In Windeseile ist er da aber schon aufs Regal geklettert – und befindet sich außerhalb meiner Reichweite. Er weiss, dass ich sehr ungemütlich werde, wenn es um meine Klamotten geht.

Elie lugt aus der Küche hervor. Zumindest er hat sich schon am Kühlschrank zu schaffen gemacht – ich denke, um das Frühstück vorzubereiten.

„Ist heute dicke Luft?“ fragt er schüchtern.

Anatol gibt – vom sicheren Regal aus – ein Schnauben von sich. „Sie hat ihre Sachen nicht aufgeräumt, findet nichts mehr und ICH soll Schuld sein.“

Elie druckst herum. Irgendetwas will er uns nicht sagen. „Elie!“ sage ich mit drohendem Unterton. „Wo sind meine Sachen!?“

„Aber die haben wir doch alle aussortiert. Für die Kleidersammlung. Weisst Du noch – als wir entrümpelt haben. Im März. Du hast noch einen ganzen Blogeintrag dazu geschrieben, und sogar eine Kategorie „Entrümpeln“ in den Blog eingefügt.“

Siedend heiss fällt es mir ein. Ja, da war etwas gewesen. Kann es sein, dass ich selbst meine guten alten Trägertops aussortiert habe??

Anatol krabbelt vom Regal herunter. „Ich bin dann ja wohl entlastet. Gibt es mal einen Kaffee für mich, bitte? So ein böses Erwachen an einem Samstag Morgen hatte ich lange nicht.“ Er wirft mir einen scharfen Blick aus dem Augenwinkel zu.

So geht es nun nicht. „Wieso hast Du mich nicht davon abgehalten, all die schönen Sachen wegzugeben, Anatol! Das gehört klar zu Deinen Aufgaben!“ Ich bin außerordentlich aufgebracht.

Anatol schüttelt den Kopf. „Wenn DU etwas weggeben willst, dann ist das Deine Entscheidung. Und jetzt will ich nichts mehr davon hören. Die alten Klamotten waren sowieso zu klein geworden – und ich kann nichts dafür, dass Du Dir dieses Jahr keine neuen kaufen willst. Nun musst Du den Sommer eben mit 3 Trägertops überstehen.“

Ich würde am liebsten in Tränen ausbrechen. Mein schönes grünes Top, das ich mir 2001 gekauft hatte, und das so gut zu dem einen Anzug passte – das konnte ich doch unmöglich weggegeben haben…

Elie gießt mir einen Tee ein. Er meint, es sei doch gut, in der Schublade wieder soviel Platz zu haben. Ich sollte mich nicht so grämen wegen der alten Klamotten. Er selbst trage außer seinem Chèche oder meinem Kapuzenschal eigentlich nie Kleider. Sowas sei ganz überflüssig.

Letzterem kann ich mich nicht anschließen. Mir fällt aber ein, dass ich gerade erst einen Gutschein für meinen Lieblingsladen Somewhere bekommen habe… aber da gibt es ja noch meine Kleider“diät“ … was soll ich tun?

Elie flüstert mir zu: „Fridolin hat mir gesagt, dass sie bei Somewhere eine wunderschöne Sommerkollektion haben. Du kannst doch heimlich da mal gucken …? Vielleicht haben sie das eine oder andere kleine Trägertop für Dich.“

Elie ist ein Schatz. Ich weiss allerdings noch nicht, ob ich seinen Rat befolgen werde.

Nun gibt es Frühstück – ohne dicke Luft.

Hier geht es zur Fortsetzung: Intendanzprobleme II

 

54. Kapitel – Am Starnberger See

Seit mehreren Monaten liegt sie mir auf der Seele – die unerbittlich näherrückende Dienstreise zum Starnberger See. Zwei ganze Tage und eine Nacht werde ich verreist sein – Katzen und Dinosaurier sind allein zu Haus !

Heute ist es so weit: Meine Reisetasche ist gepackt. Anatol hat mehrmals kontrolliert, ob ich auch alles habe. Schlafanzug, Seife, Shampoo … etwas Wäsche zum Wechseln und eine warme Jacke : alles hat er erst in einer Liste zusammengestellt und dann in Windeseile in die Tasche gepackt.

Ich hoffe, dass er nichts vergessen hat.

Für die Katzen ist gesorgt : eine liebe Freundin kommt zum Catsitten. Aber wird Tonio sein Medikament nehmen ? Werden Loup und Riri sich nicht hauen ? Und wird Noah die armen Katzenmädchen, die er so gern durch die Zimmer jagt, in Frieden lassen ?

All dies geht mir durch den Kopf – aber ich weiss ja, dass immer noch die beiden Butler da sind und notfalls eingreifen können.

Mein Zug geht um kurz vor 14 Uhr. Ich habe genügend Zeit, um vor der Abfahrt noch einmal nach Hause zu gehen, die Katzen zu füttern und mein glücklicherweise leichtes Reisegepäck abzuholen. Zum Bahnhof kann ich sogar mit dem Fahrrad fahren.

Von den Butlern keine Spur, als ich aus dem Haus gehe. Ich vermute, sie haben sich in den Park verdrückt, um meiner Reisenervosität zu entrinnen. Seit gestern schimpft Anatol, ich sei so aufgeregt, als ginge es auf eine Weltreise! Dabei würde ich nur für anderthalb Tage an den Starnberger See fahren – dies sei nun wirklich nichts, weshalb man sich so beunruhigen müsse.

Sicher hat er Recht. Aber derlei Reisen bringen mich einfach aus dem Konzept – immer befürchte ich, irgend etwas Wichtiges vergessen zu haben. Nun bin ich aber unterwegs – und üblicherweise legt sich die Aufregung, sobald ich losfahre.

IMG_2265Mein Fahrrad schließe ich am Bahnhof im überwachten Fahrradparkplatz an, und begebe mich dann aufs Gleis. Kurze Zeit später kommt der Zug. Ich steige ein – die Reise hat begonnen !

Meine freundliche Kollegin aus dem Büro hat mir einen komfortablen Fensterplatz reserviert, den ich schnell finde.

Meine Nervosität ist einem ordentlichen Hunger gewichen. Anatol hatte das vorhergesehen und mir deshalb schon heute morgen ein reichlich bemessenes Lunchpaket mit Butterbroten und etwas Salat eingepackt. Auf diesen Proviant freue ich mich nun sehr.

IMG_2277Ich öffne meine Tasche – und sehe entsetzt, dass ich nicht allein auf Reisen gegangen bin.

Gleich obenauf, in meinen Pulli eingemummelt, befinden sich zwei blinde Passagiere, für die ich keinerlei Reisegepäck geschweige denn eine Fahrkarte habe: Anatol und Elie haben sich in die Reisetasche hineingeschmuggelt und sind mitgekommen!

Anatol guckt mich spitzbübisch an. « Glaubst Du wirklich, wir hätten Dich allein zum Starnberger See fahren lassen ? Wir wollen schließlich auch etwas sehen von der Welt, und am Starnberger See soll es wunderschön sein ! » Elie fügt fröhlich hinzu :  « Wir wollen mit auf die Abenteuerreise! »

Mir verschlägt es die Sprache. Mit den beiden Burschen kann ich auf dieser Reise überhaupt nichts anfangen ! Wie soll ich den anderen Teilnehmern der juristischen Konferenz erklären, dass ich mit zwei Stoffdinosauriern anreise ?

« Anatol, was hast Du Dir dabei gedacht ! Ihr fahrt gerade schwarz in der Bahn! Und das hier ist keine „Abenteuerreise“ – ich bin dienstlich unterwegs! Morgen findet eine Markenrechtskonferenz statt, an der ich teilnehme! Da könnt Ihr unmöglich auftauchen. Zudem werde ich den heutigen Abend und den ganzen Tag morgen mit meinen Kollegen verbringen – was wollt Ihr denn in der Zeit machen ? Allein am See lasse ich Euch auf keinen Fall ! Und wer passt jetzt auf die Katzen auf ? »

Ich bin außer mir.

Elie findet, dass ich wieder einmal überreagiere. « Wir sind absolut brav während Deiner Konferenz. Notfalls schlafen wir einfach in Deiner Tasche. Aber heute abend und morgen früh können wir doch an den See ! Warum soll das nicht möglich sein ? »

« Und die Fahrkarte, die Ihr beiden nicht gelöst habt ? Was machen wir, wenn Ihr kontrolliert werdet ? » flüstere ich – denn wer weiss, wer hier gerade mithört!

IMG_2272Anatol behauptet schlichtweg, die Beförderung von Dinosauriern mit der Bahn sei kostenlos. Er habe die allgemeinen Beförderungsbedingungen der Deutschen Bahn genauestens studiert – und nirgendwo stünde, dass Dinosaurier einen Fahrschein zu lösen hätten.

Ich bin mir nicht sicher, ob diese Argumentation frei von Denkfehlern ist, vermute aber, dass es wohl das Beste sein wird, wenn wir dem Schaffner nicht sagen, dass noch zwei Dinos mitreisen. Auch wenn mir nicht sehr wohl dabei ist, denke ich aber doch, dass wir so einigen Problemen aus dem Weg gehen werden.

Der Zug kommt in Stuttgart an ; die Butler haben sich nun wieder brav im Koffer versteckt. Wir müssen hier nach München umsteigen – aber die Bahn macht uns einen Strich durch die Rechnung : der Anschlusszug ist über eine halbe Stunde verspätet. Wo er abfahren wird und wann genau – es kann uns niemand sagen. Ziellos irren wir durch den Bahnhof, der einer Großbaustelle gleicht – es muss doch hier eine Auskunft geben… !

Ein freundlicher junger Mann versichert mir, dass der Zug nach München ganz bestimmt auf Gleis 15 abfährt – allerdings erst in etwa einer halben Stunde.

IMG_2267Wir setzen uns auf eine Bank und warten. Der Wind pfeift über die Gleise – es ist kalt geworden. Ich bin froh, dass Anatol heute morgen darauf bestanden hat, dass ich doch die warme Jacke mitnehme. Die Butler sitzen in der Reisetasche, weich und warm in meinen Pulli eingekuschelt. Mittlerweile freue ich mich, dass sie mitgekommen sind. Bald werden wir zu dritt den Starnberger See unsicher machen !

Endlich fährt unser Zug ein – und wenige Stunden später sind wir an unserem Ziel angekommen. Ich befehle den Butlern, sich in meiner Reisetasche zu verstecken und dort mucksmäuschenstill zu sein. Ich werde nämlich am Bahnhof von einer Kollegin abgeholt, die mich nicht in Begleitung von zwei Stoffdinosauriern in Empfang nehmen soll.

Unsere erste Fahrt geht in die Kanzlei meiner Kollegin. Dort sind bereits alle anderen Teilnehmer der Konferenz versammelt.

Da es in der Tasche fiept und rumort, tippe ich leicht mit dem Fuß daran. Nun muss absolute Ruhe herrschen ! Ich kann mich hier nicht zum Spott aller Kollegen machen. Schließlich habe ich einen Ruf zu verlieren.

Die Tasche bleibt nun still – in einem unbeobachteten Moment kann ich aber doch einen Blick hineinwerfen, mich überzeugen, dass dort alles ok ist, und eine weitere eindringliche Ermahnung an die Saurier aussprechen !

Das Abendprogramm der Konferenz beginnt.

Zunächst steht ein Besuch im weltberühmten Buchheim-Museum an. Das Museum, welches unter anderem eine beeindruckende Sammlung expressionistischer Gemälde beherbert, liegt direkt am Starnberger See. Um es zu erreichen, müssen wir durch einen Park spazieren – da ich allerdings nicht allein, sondern mit meinen Juristenkollegen unterwegs bin, können die Butler hier nicht mit.

Oder doch? Ich habe eine Idee. Unter dem Vorwand, etwas im Auto vergessen zu haben, laufe ich noch einmal zurück zum Parkplatz. Dort lasse ich die beiden Saurier aus der Reisetasche heraus und schärfe ihnen ein, der Gruppe – und vor allem mir! – in gebührendem Abstand zu folgen und dann vorsichtig mit ins Museum zu kommen, immer gut versteckt. Schließlich möchte ich ihnen den Besuch dieses außergewöhnlichen Ortes mit so unterschiedlichen Kunstsammlungen nicht vorenthalten. Außerdem befürchte ich, dass die beiden Butler, wenn sie zu lange in der Tasche eingeschlossen sind, doch irgendwann anfangen, zu randalieren – eine Situation, deren Peinlichkeit ich mir gar nicht vorstellen möchte.

IMG_2283Der Parkweg führt uns durch einen Wald vorbei an einem chinesischen Pavillon herunter zum See und zum Museum. Unsere Konferenzleiterin macht ein Photo von mir.

Die Reise beginnt, mir Spaß zu machen. Ich denke, man sieht es auf dem Photo.

Etwa 50 Meter hinter uns sehe ich die Saurier durchs tiefe Gras schleichen. Sie sind außerordentlich vorsichtig und diskret – niemand bemerkt die beiden, nicht einmal, als sie hinter einem Museumstransporter versteckt durch eine Nebentür heimlich ins Museum schlüpfen.

Das Museum hat für gewöhnliche Besucher bereits geschlossen. Wir bekommen eine eigens für uns bestellte Privatführung – außer uns befindet sich niemand im Museum! Die Räume sind hoch und sehr hell, die Architektur erinnert an das berühmte Bauhaus. Wenn man das Museum vom See aus betrachtet, stellt man fest, dass es die Form eines Schiffes hat. Die streng moderne, vollkommen schnörkellose Bauweise lässt für unsere Saurier fast keine Verstecke.

Ich beginne, mir Sorgen zu machen: und wenn meine Idee, die beiden mit ins Museum zu lassen, uns nun auffliegen lässt?

Mit einem mulmigen Gefühl sehe ich, wie die beiden Spitzbuben sich zunächst in der völkerkundlichen Sammlung afrikanischer Stammesmasken verbergen. Regungslos verharren sie hinter und neben den Masken – sie fügen sich so gut in die Sammlung ein, dass niemand sie bemerkt. Ich atme etwas auf.

Wir erfahren, dass Lothar-Günther Buchheim der Autor des Romans „Das Boot“ ist. Den gleichnamigen Film von Wolfgang Petersen kennt wohl jeder – ein weiterer meiner Lieblingsfilme. Das Museum hat ein nachgebautes U-Boot ausgestellt, welches die beklemmende Atmosphäre des Films sehr eindrucksvoll wiedergibt. Besucher dürfen den Nachbau allerdings nicht betreten – dies beruhigt mich, denn Anatol und Elie haben sich in einer der U-Boot-Kojen versteckt – keck schielen sie aus ihrem Schlupfwinkel hervor. Ich merke, dass es bald Zeit für eine Ermahnung ist! Die beiden werden mir etwas zu übermütig

Die Museumsführerin, die mitreissend Lebenslauf und künstlerischen Werdegang Lothar-Günther Buchheims erzählt, zeigt uns nun die spektakuläre Expressionisten-Sammlung, die das Museum ausstellt. Diese zieht meine Kollegen und mich so in ihren Bann, dass wir keine Augen mehr für anderes haben. Die Butler nutzen dies aus und stromern ganz unbehelligt durch das Museum, hier und da ein expressionistisches Werk bewundernd. Besonders Elie bleibt bei manchen Bildern der Mund offenstehen. Er wird mich später fragen, ob er auch Maler werden dürfe – so wie Emil Nolde und Ernst Ludwig Kirchner, deren Bilder es ihm besonders angetan haben.

Viel zu schnell ist die Führung vorbei. In einem unbeobachteten Moment sammle ich meine Butler auf, wickle sie in meinen Pulli ein und stopfe sie – „Keine Widerrede!“ – in meine Handtasche. Wir können jetzt kein Risiko eingehen.

IMG_2285Kurze Zeit später sind wir im Restaurant, direkt am Seeufer. Anatol und Elie bleiben brav in meiner Handtasche versteckt; schließlich sitzen sie jetzt inmitten einer größeren Juristenrunde – das macht ihnen ausreichend Angst, um sie ruhig zu halten. Von Zeit zu Zeit stecke ich ihnen einen Leckerbissen zu, was glücklicherweise unbemerkt bleibt.

Der Abend ist sehr gesellig und geht erst gegen Mitternacht zuende.

Müde stolpere ich in mein Hotelzimmer – unser Hotelzimmer, um genau zu sein.

Dort stelle ich mit Entsetzen fest, dass die Heizung auf Hochtouren läuft und sich weder durch Drehen am Thermostat noch durch gutes Zureden davon abbringen lässt, weiter zu heizen.

Ich kann allerdings nur ohne Heizung schlafen – wenn es nicht sehr kühl in meinem Zimmer ist, brauche ich an Nachtruhe nicht zu denken.

Anatol werkelt noch eine Weile an der Heizung herum, gibt dann aber zu, dass er hier nichts ausrichten kann. Es ist halb ein Uhr Nachts. Die Heizung glüht.

In meiner Verzweiflung begebe ich mich zurück ins Restaurant, das zum Hotel gehört. Ein freundlicher Herr sagt zu, die Heizung sofort zu reparieren – also abzustellen.

Eine halbe Stunde später scheint der Thermostat-Schaden behoben, und ich falle beruhigt ins Bett.

Früh werde ich durch eindringliches Zureden geweckt. Die Butler sind schon länger wach und möchten nun zum See.

IMG_2311Am liebsten möchte ich mich auf die andere Seite drehen und weiterschlafen, aber um 10 Uhr wird die Konferenz beginnen, und vorher will auch ich unbedingt an den See. Ich springe auf, mache mich fertig, und schon sind wir auf dem Weg ans Seeufer:

IMG_2289

 

IMG_2292

IMG_2295

 

IMG_2296

IMG_2309

 

IMG_2306

IMG_2293

 

Anatol und Elie können gar nicht genug vom See bekommen. Aber um 10 Uhr beginnt meine Konferenz, und wir haben noch nicht gepackt.

Den Rest des Tages werde ich nur eingeschränkt mitbekommen. Kurze Zeit, nach dem die Konferenz angefangen hat, setzt unvermittelt eine Migräne ein, wie ich sie in dieser Intensität selten erlebe. Von Medikamenten zeigt sie sich vollkommen unbeeindruckt, vermittelt mir aber bald, dass alles bisher Eingenommene schnellstens und auf dem gleichen Weg, wie es in meinen Magen gekommen ist, wieder heraus muss.

Ich schaffe es noch, mich bei meinen Kollegen zu entschuldigen und verbringe die Mittagspause abwechselnd auf einer Bank liegend hinter ein paar Tischen versteckt und in den sonstigen in solchen Fällen einschlägigen Örtlichkeiten.

Anatol und Elie sind außer sich vor Sorge, und sie sind damit nicht allein, denn meine liebe Kollegin, die die Konferenz leitet, möchte einen Arzt rufen, so verheerend sehe ich aus. Zum Glück kann ich das verhindern.

An Peinlichkeit ist die Situation dennoch nicht mehr zu überbieten.

Zum Glück geht es mir am späteren Nachmittag zumindest so weit besser, dass ich den Rest der Konferenz am Tisch sitzend mitverfolgen kann.

Erst im Zug, als wir in München Pasing einfahren, sagt eine Kollegin „Sie fangen gerade an, wieder ein wenig Farbe ins Gesicht zu bekommen. Geht es Ihnen besser?“ Ich kann dies bejahen; wirklich gut geht es mir allerdings erst in Stuttgart.

Im Nachhinein möchte ich vor Scham in den Boden versinken, aber die Kollegen sagen einhellig, für Migräne könne niemand etwas, und sie hofften, mich beim nächsten Treffen bei besserer Gesundheit begrüßen zu können.

Anatol schimpft allerdings, ich hätte den Termin beim Neurologen schon vor Monaten ausmachen sollen. Ich weiss, dass er wieder einmal Recht hat, und bin zum ersten Mal froh darüber, dass der Termin nun endlich näher rückt.

Um eine Geschichte der Kategorie „Dein peinlichstes Erlebnis mit der Migräne“ reicher, gedenke ich, Violetta in ihrem Migräne-Blog recht bald von der blamablen Begebenheit zu erzählen: Wenn man schon Migräne hat, muss man zumindest ab und zu mal darüber lachen können.

Um 21 Uhr treffen wir in Strasbourg ein; die Katzen sind wohlauf und haben sich mit meiner Freundin sichtlich wohl gefühlt.

Wir können also demnächst wieder auf Reisen gehen – nur bitte ohne Migräne.