68. Kapitel – Eine Reise ins Burgund: Abenteuer SNCF

Seit Tagen freue ich mich auf meine Reise zu Bébé und Gaia, den Streunerkatzen, die ich vor mehreren Jahren hungrig und krank auf einem Parkplatz gefunden habe. Freunde aus dem Burgund haben die beiden bei sich aufgenommen, und Bébé und Gaia konnten endlich den harten Asphalt ihres « Parking » gegen ein warmes, weiches Bettchen im schönen Montbard eintauschen. Dorthin soll die Reise gehen : zu Nicolas und Vanessa.

I.

Elie hatte schon frühzeitig angekündigt, dass er diesmal nicht mitkommen werde. Anna – seine heimliche Geliebte – sei aus den Sommerferien zurück und er wolle sie ins Schwimmbad einladen. Anatol hatte etwas skeptisch eingewandt, Anna sei doch sicher schon mit Angelo verabredet – worauf Elie einen Tobsuchtsanfall bekommen hatte.

Angelo ist der ewige Widersacher der Butler – ihre Nemesis. Was ihnen misslingt : Angelo gelingt es. Elie hat eine 5 in Mathe ? Angelo ist Klassenbester. Anatol müht sich erfolglos an einer Etüde von Ševčík ab – Angelo spielt sie mit Bravour. Elie ist in Anna verliebt : sie geht mit Angelo. Aus finanziellen und katzentechnischen Gründen müssen unsere Sommerferien auf Balkonien stattfinden – Angelo reist mit seiner Familie nach Kalifornien (nach Santa Monica, um genau zu sein). Die Liste seiner Triumphe ist lang, und selbiges gilt für die der Misserfolge unserer beiden Helden.

Elie malt sich trotz allem Chancen bei Anna aus – Angelo ist nämlich noch nicht wieder aus Santa Monica zurück. Daher ist Elie sicher, dass Anna die Einladung ins Schwimmbad im Brauweg – das mit der tollen neuen Rutsche ! – nicht ablehnen wird.

Seit vorgestern bereitet Elie den Schwimmbadbesuch akribisch vor. Er hat Karten gekauft, die Badehose bereitgelegt, ebenso das Sonnenöl und den großen blauen Ball zum Aufpusten (den mit dem Nivea-Logo, den es mal als Werbegeschenk in der Droguerie gegeben hatte).

Nun muss nur noch Anna mitkommen. Anatol und ich hegen Zweifel daran, aber wir wollen Elie die Vorfreude nicht nehmen. Insbesondere die Tatsache, dass Elie bisher Angst davor hatte, auf die Rutsche zu klettern und dann ins Wasser zu rutschen, macht uns skeptisch ob des von Elie angestrebten smarten Auftretens gegenüber Anna. Letztes Mal im Schwimmbad hatte Elie sich nicht einmal auf meinem Arm auf die Rutsche getraut. Überflüssig zu erwähnen, dass Angelo bereits vom 10-Meter Turm springt. Aber er ist im Moment nicht da, und so kann Elie bestimmt einen schönen Nachmittag ganz allein mit Anna verbringen.

II.

Anatol und ich haben hingegen andere Sorgen. Bei der Reiseplanung ist Anatol aufgefallen, dass der einzige akzeptable Zug nach Montbard um 6 Uhr 51 in Strasbourg losfährt – unglaublich früh. Wollen wir den Zug sicher bekommen, müssen wir um 4 Uhr 30 aufstehen. Das ist unangenehm, aber machbar. Anatol besorgt die – sündhaft teuren – Billets und kümmert sich darum, dass alles für den nächsten Morgen bereitsteht. Das Frühstück ist schon am Vorabend vorbereitet, meine Bluse gebügelt, Geschenke für Nicolas, Vanessa und die Katzen eingepackt.

Um 4 Uhr 30 klingelt der Wecker.

Mühsam wühle ich mich aus dem Bett und beginne den allmorgendlichen Putzmarathon. Die Katzenklos, das Katzenfutter, unser Frühstück … als alles erledigt ist und ich aus der Dusche komme, ist es bereits 5 Uhr 30. Anatol wippt nervös auf den Fußspitzen und mahnt mich zur Eile. « Wir verpassen noch den Zug ! Leg einen Zahn zu ! »

Elie schlummert tief und fest im Nestchen.

Als wir um 6 Uhr 33 die Wohnung verlassen, zetert Anatol lauthals. Es stimmt : wir sind spät dran. Aber der Bahnhof ist nicht weit – wir parken das Fahrrad wie immer in dem überwachten Parkplatz direkt an den Gleisen. Dann laufe ich los, um schnell zum Zug zu kommen.

Etwas später werde ich jäh gestoppt. Der Aufgang zu den Gleisen (dort erfährt man normalerweise auch, wo die Züge abfahren) ist abgesperrt und die Gleisanzeigen sind deaktiviert. « KEIN DURCHGANG ! RENOVIERUNGSARBEITEN ! » steht mit großen, unfreundlichen Buchstaben an der Barriere. Was nun ? Ist vielleicht an einer anderen Stelle ein Durchkommen ?

Nein. Der Zugang zu den Gleisen ist hier heute definitiv nicht möglich. Entsetzen erfasst mich. Unser Zug fährt in 7 Minuten ab !

Mit zitternden Händen und einer vor Wut explodierenden Handtasche (der Saurier kann kaum an sich halten) schließe ich das Fahrrad wieder auf, fahre den großen Umweg zum anderen Bahnhofseingang, schließe das Fahrrad dort fest – und laufe so schnell ich kann in die Bahnhofshalle, zu der großen Anzeigetafel.

Auf welchem Gleis fährt der Zug ab ? Die Anzeigetafel weist ihn nicht mehr aus. Es ist 6 Uhr 49. Die verbleibenden 2 Minuten wären im Grunde genug, um den Zug zu erreichen – aber nicht, wenn man das Gleis nicht kennt !

Verzweifelt irre ich durch die Gänge – ich fühle mich an einen meiner klassischen Alpträume erinnert ! – und versuche, unser Gleis zu finden. Anatol hält den Atem an – ausnahmsweise hat er das Schimpfen eingestellt.

Da ! Ein Zug auf Gleis 5 könnte der Richtige sein … ich lese in fieberhafter Eile die Haltebahnhöfe auf der Anzeigetafel durch : ja, das ist unser Zug ! Um diese Erkenntnis reicher kann ich jedoch nur noch die Abfahrt des Zuges konstatieren – ohne Anatol und mich.

Keuchend und mit weit aufgerissenen Augen stehen wir auf dem Gleis, während sich der Zug entfernt – unverschämt mit dem hinteren Abteil wackelnd, als wolle er uns sagen : « Ihr kommt nicht mit »!

Anatol bricht in Tränen aus. Ich spüre eine unbändige Wut in mir hochsteigen. Um 4 Uhr 30 sind wir aufgestanden – nur um diesem frechen Waggon hinterherzusehen !

Der nächste Zug geht – das wissen wir bereits – über zwei Stunden später. Er ist deutlich teurer, braucht dafür aber 4 Stunden anstatt 3 bis Montbard. Gibt es vielleicht doch eine andere Möglichkeit, nach Montbard zu kommen ?

Unverzüglich begeben wir uns in die Schalterhalle der SNCF. Eine übellaunige Bahnangestellte empfängt uns. Ich schildere das Missgeschick, das nicht passiert wäre, wenn ich auf der Anzeigetafel das Gleis meines Zuges hätte erfahren können !

Hier belehrt mich die Dame, dass die SNCF aus Sicherheitsgründen zwei Minuten vor Abfahrt gar keine Gleisinformationen mehr erteilt. Die Leute würden sonst versuchen, rennend den Zug zu erreichen ; dies könne zu Unfällen führen.

Mein Hinweis, dass es noch viel sicherer wäre, den Passagieren das Betreten der Züge gleich ganz zu verwehren, trifft nicht auf Wohlgefallen bei der Dame. Mit der Information, dass der Umtausch der Fahrkarte 12 Euro koste, verabschiedet sie mich ohne ein Wort des Mitgefühls.

« Das darf doch alles nicht wahr sein ! » brüllt es da aus meiner Handtasche. « So eine bodenlose Unverschämtheit ist mir noch nie widerfahren! » Anatol kann sich nicht mehr beherrschen und macht Anstalten, aus der Tasche herauszuklettern – vermutlich, um die Dame von der SNCF zu beschimpfen, ja möglicherweise tätlich anzugreifen. Dies unterbinde ich, indem ich die Handtsche mitsamt dem tobenden Saurier in meinen Rucksack stopfe. Mir reicht die missglückte Bahnfahrt – eine Anzeige wegen Beleidigung oder gar Körperverletzung von Amtspersonen muss nicht noch hinzukommen. Den verständnislosen Blick der Bahnbeamten auf meine Handtasche strafe ich mit Nichtachtung. Soll sie doch denken, was sie will.

Eilig verlasse ich die Schalterhalle, eine neue Fahrkarte – noch teurer als die erste – in der Hand. Unser Ersatzzug fährt um 7 Uhr 21, wird zwei Stunden Aufenthalt in Mulhouse haben, dann eine weitere Stunde in Dijon, bevor wir um 13 Uhr 10 (anstatt um 10 Uhr 6) in Montbard ankommen sollen. Die Rückfahrt ist für 18 Uhr 53 geplant. In der Zwischenzeit sollen sich sintflutartige Regenfälle über Montbard ergießen.

Wir hoffen, dass der Schwimmbadbesuch von Elie und Anna gelungener ablaufen wird als der Beginn unserer Reise ins Burgund, und besteigen um 7 Uhr 21 unseren Zug.

Kurze Zeit später treffen wir in Mulhouse ein, wo wir zwei Stunden Aufenthalt haben, bevor der Anschlußzug nach Dijon eintrifft. Zwei Stunden, die wir uns auf dem Bahnhof um die Ohren schlagen müssen. Anatol stöhnt.

IMG_2812Zunächst verlassen wir den Bahnhof, in der Hoffnung, ein Café oder einen Salon de thé zu finden. Draußen erwartet uns jedoch das Nichts – und viel Regen.

Schnell kehren wir in den Bahnhof zurück. Nach kurzer Suche findet sich dort ein richtiges Café, in dem wir mit grünem Tee und Croissants bewirtet werden. Der erste Lichtblick des Tages ! Anatol hat sich in mein Halstuch eingewickelt, denn es ist empfindlich kalt geworden.IMG_2813

Deutlich später kommen wir in Dijon an, haben eine weitere Stunde Aufenthalt, bevor wir unseren letzten Anschlußzug nehmen. Um 13 Uhr erreichen wir – Stunden nach der geplanten Ankunft – unseren Zielort, wo wir bereits sehnlich erwartet werden. Kaum sind wir aus dem Zug gestiegen, bricht die Sintflut über uns herein.

IMG_2820Der Nachmittag vergeht sehr angenehm mit Katzenstreicheln, veganen Leckereien und anregenden Gesprächen. Leider bleibt bis zur Abfahrt um kurz vor 19 Uhr nur wenig Zeit.IMG_2831

Die Rückfahrt beginnt zunächst problemlos, wird aber durch einen auf den Gleisen liegenden Baum jäh unterbrochen. Während wir auf das Freiräumen des Gleises warten, schlägt Anatol vor, den veganen Proviant, den unsere Freunde uns mitgegeben haben, zum Abendbrot zu servieren. Er habe jedenfalls Hunger.IMG_2836

Indessen ist eine Verspätung von fast einer Stunde zusammengekommen. Wir werden daher auch für die Rückfahrt etwas über vier Stunden brauchen.

Wie mag der heutige Tag für Elie verlaufen sein?

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