65. Kapitel – Schreibprobleme

Was ist los mit dem Blog? Wieso kommen keine neuen Beiträge? Ist die Schreibblockade, die sich bisher nur auf meine Novelle beschränkte, nun auch auf den Blog übergegangen?

Nein, so ist es zum Glück nicht. Seit einigen Wochen habe ich eine sehr hartnäckige Sehnenscheidenentzündung im rechten Arm; teilweise konnte ich sogar gar nicht schreiben, auch bei der Arbeit nicht.

Deshalb muss ich mich schonen, damit es dem Arm bald besser geht.

Anatol hat bereits eine Handgelenksschiene (eine sogenannte Orthese) beschafft und mir vorhin Kühlelemente auf den Arm gelegt. Das lindert etwas.

Nachher muss ich diese Schiene mal länger tragen – schreiben ist damit mühsam. Anatol will eigentlich, dass ich im Moment gar nichts schreibe.

Aber wir melden uns bald wieder!

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64. Kapitel – Beim Arzt

Es ist 7 Uhr 30. Auf Zehenspitzen will ich die Wohnung verlassen – heimlich und ohne mich zu verabschieden. Heute ist ein besonderer Tag: am Vormittag habe ich den Termin bei der Neurologin, auf den ich seit Monaten warte.

Eine lästige Unruhe hat mich seit ein paar Tagen beschlichen. Was, wenn die Ärztin mich wieder zum MRT in die Röhre schicken oder mir meine Migränemedikamente wegnehmen will? Wenn sie mich zur Einnahme von Antiepileptika zwingen oder gar versuchen will, mir weiszumachen, dass ich mir die Migräne nur einbilde und mich nicht so anstellen soll …?

Diese und ähnliche Horrorszenarien spuken mir im Kopf herum, seit der Termin näher rückt. Aus diesem Grunde habe ich gestern heimlich entschieden, das Ganze einfach zu „vergessen“ – und aus allen Wolken zu fallen, wenn die Butler mich heute Abend nach meinem Arzttermin fragen werden.

Nun ist es wichtig, unauffällig aus der Wohnung zu verschwinden, um nicht noch einmal an den Termin „erinnert“ werden zu können. Die Flucht gelingt – keiner der beiden Butler ruft mir hinterher „Aber denk bitte an den Arzttermin!“. Elie schlummert im Nestchen, und Anatol muss wohl in der Küche zugange sein. Vorsichtig ziehe ich die Tür ins Schloß und schleiche die Treppe hinunter.

Kurze Zeit später bin ich im Büro und beginne wie jeden Morgen, meine Korrespondenz des Vortages zu sortieren und zu archivieren. Dann bereite ich den Tagesplan vor und stelle erfreut fest, dass heute mehrere schwierige Sitzungen anstehen, welche ein Vergessen des Arzttermins durchaus rechtfertigen.

Erleichtert atme ich auf. Heute werde ich der Röhre wohl entkommen.

Gerade will ich mich an die Arbeit machen – eine komplizierte Frage zur Markenparodie muss gelöst werden – da ertönt es messerscharf „So! Du hattest also nicht vor, den Arzttermin wahrzunehmen, den Du gleich hast?“

Ich zucke zusammen und drehe ich um. Anatol springt aus meiner Handtasche hervor und sieht mich böse an. IMG_2605„Vorhin bist Du heimlich aus der Wohnung geschlichen. Sonst verabschiedest Du Dich von den Katzen und von uns. Den Arzttermin hast Du schon länger nicht mehr erwähnt! Das hat meinen Verdacht geweckt. Und ich sehe mich bestätigt! Gerade hast Du eine Sitzung um 10 Uhr 30 anberaumt, obwohl Du genau weisst, dass dann der Termin ist! Er steht ja sogar in Deinem Computer!“

In diesem Moment poppt in der Tat – passend zur Suada des Sauriers – ein Erinnerungsfenster auf dem Bildschirm auf. „Neurologin um 10 Uhr 30!“ sagt es mir.

Zerknirscht gebe ich zu, dass ich mir den Termin noch hatte „offenhalten“ wollen – auf Grund der starken Arbeitsbelastung.

Anatol schnaubt wütend. „Um 10 Uhr fahren wir los zu diesem Termin! Keine Widerrede! Gut, dass ich mitgekommen bin. Ich hatte es seit ein paar Tagen im Gefühl, dass Du Dich drücken wolltest!“IMG_2603

Dem widerspreche ich selbstverständlich. Von „sich drücken wollen“ könne keine Rede sein – wegen meiner hohen Arbeitsbelastung sei es leider nicht immer möglich, solche Termine einzuhalten.

Da es nun aber erst 7 Uhr 45 sei, habe Anatol sich in meine Handtasche zurückzuziehen. Bald kämen die Kollegen, und da habe er unsichtbar zu sein.

IMG_2604Anatol folgt dieser Aufforderung sogar – nicht ohne mir jedoch gedroht zu haben, ab 10 Uhr Zeter und Mordio zu schreien, falls ich mich dann nicht auf den Weg zum Arzt machte.

Da ich keinen Wert darauf lege, von den Kollegen mit einem schimpfenden kleinen Saurier in der Handtasche überrascht zu werden, stehe ich um 10 Uhr von meinem Schreibtisch auf, nehme meine Tasche und sage meinem Chef, dass ich nun kurz zum Arzt gehe, aber in Kürze wieder da sein werde.

Der Chef nickt nur kurz, winkt mir zum Abschied „Bis nachher!“ zu – und vertieft sich wieder in seine Akten. Die zappelnde Handtasche bemerkt er glücklicherweise nicht.

Die Praxis von Dr. Gisèle ist nicht weit weg. Kurze Zeit später sind wir bei der Anmeldung und müssen noch etwas im Wartezimmer sitzen. Anatol habe ich eingeschärft, absolute Ruhe zu bewahren. Nicht, dass wir beiden noch in der Zwangsjacke bei den Männern mit den weissen Kitteln enden – das ist nun wirklich überflüssig.

Nun werde ich ins Behandlungszimmer gerufen. Anatol ist mucksmäuschenstill – vermutlich hat ihm die Warnung vor der Zwangsjacke doch Angst eingejagt.

Dr. Gisèle will meine gesamte Migränegeschichte hören. Sie nimmt sich Zeit und stellt mir Fragen. Gegen die Migränediät hat sie nichts. Magnesium, Vitamin B 2 und Q10 findet sie eine gute Idee. Dann will sie mich von oben bis unten abklopfen – da scheint alles zu stimmen. Ich höre ein leichtes Kichern aus der Tasche, welches aber sogleich wieder verstummt.

Ein erneutes MRT (die berüchtigte Röhre) hält Dr. Gisèle nicht für erforderlich. Ich atme auf.

Dann erläutert sie die gängigen Prophylaxen – Betablocker und Antiepileptika. Auf meinen erschrockenen Blick hin meint sie, sie sei nicht davon überzeugt, dass diese Medikamente für mich zum jetzigen Zeitpunkt die richtigen seien. Sie schlägt mir vor, die Prophylaxe mit Magnesium, Vit B, Q10 und der Migränediät weiterzuführen und die Entwicklung abzuwarten. Wenn die Migräne schlimmer würde, solle ich doch die Betablocker versuchen.

Mit einem Rezept für ein Triptanspray verlasse ich die Praxis. Anatol tobt in der Tasche herum, weil er sofort in die Apotheke will und das Spray kaufen. Das unterbinde ich jedoch; wir können das Spray auch am Samstag noch kaufen. Nun muss ich aber zurück zur Arbeit. Anatol lasse ich aus meiner Tasche hüpfen, als wir durch meine Straße fahren – der Butler hat den Schlüssel und findet allein nach Hause.

Der Tag vergeht nun ohne weiterer besondere Vorkommnisse. Ich bin glücklich, dass ich meinen Arztermin hinter mir habe!

Als ich Abends müde nach Hause komme, warten die Butler „zur Belohnung“ mit dieser Überraschung auf mich:

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Vielleicht sollte ich öfter zum Arzt gehen?

 

 

 

 

 

63. Kapitel – With a little help from my … Omi !

Es ist kurz nach eins. Anatol hat das Mittagessen bald fertig, während ich noch an meiner Novelle schreibe, mit der ich endlich ein gutes Stück weitergekommen bin.

„Anatol, ist Elie denn noch nicht zu Hause?“ rufe ich in die Küche. Dort ertönt ein Klappern, irgendetwas muss dem Butler heruntergefallen sein.

„Was erschrickst Du mich so! Fast hätte ich mich beim Kartoffeln-Abgießen verbrüht. Nein, Elie ist noch nicht da. Komisch – die Schule war doch heute nach der 5. Stunde aus, nicht?“

Das ist richtig. Elie hätte eigentlich um zwanzig vor eins hier sein müssen. Ich beginne, mir Sorgen zu machen. „Anatol, kannst Du gucken, wo Elie steckt? Den Schulweg abgehen oder so? Ich würde gern noch etwas weiterschreiben.“

„Unmöglich. Ich bin noch nicht mit dem Essen fertig – gerade erst fange ich mit der Soße für den Nachtisch an. Ich kann jetzt nicht weg. Sonst gibt es heute Mittag kein Essen.“

Seufzend stehe ich auf. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als mich selbst aufs Rad zu schwingen und nach Elie zu suchen.

Schnell fahre ich den Hainholzweg hinunter, über den Friedländerweg in Richtung Cheltenhampark. Dort, direkt am Parkeingang, steht Elies Roller – das Handarbeits-Täschchen am Lenker baumelnd.
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Wo ist Elie?

Ich höre ein leises Wimmern. Zwei Schritte weiter finde ich den Dinosaurier, unter einem Baum sitzend – in Tränen aufgelöst.IMG_2577

„Was ist denn passiert? Anatol und ich haben uns Sorgen gemacht! Hat Dich jemand geärgert?“

„Nein!“ heult Elie. „Es ist die Spinne!“ Auf meinen entgeisterten Bick hin fängt Elie an, sein Missgeschick zu erzählen. Er sei um halb eins aus der Schule gekommen. Mit seinem Roller sei er durch den Park gefahren und am Kornelkirschenbaum vorbeigekommen. Dort habe er den Roller kurz abgestellt und ein paar Kornelkirschen gepflückt. Als er dann mit dem Roller habe weiterfahren wollen, sei ihm eine Spinne aufgefallen, die heimtückisch sich vom Lenker direkt in sein Handarbeits-Täschchen abgeseilt habe und dann in den Tiefen des Täschchens verschwunden sei.

Elie hat panische Angst vor Spinnen. Es sei ihm unmöglich gewesen, den Roller mit dem am Lenker hängenden Täschchen und der mutmaßlich sich darin befindenden Spinne zu berühren und nach Hause zu fahren. Er habe sich daher in sicherer Entfernung hingesetzt, die Tasche im Auge behalten, und darauf gewartet, dass die Spinne wieder aus der Tasche herausklettere. So warte er seit einer halben Stunde.

Ich muss mich ebenfalls setzen. „Elie, Du weisst, dass Dir die hiesigen Spinnen überhaupt nichts tun können? Es gibt keinen Grund, vor ihnen Angst zu haben. Sie sind im Gegenteil sogar sehr nützliche Tiere, denn sie halten uns die Mücken vom Leib!“

Dann frage ich vorsichtig: „Wie groß ist diese Spinne überhaupt, die jetzt angeblich in Deinem Handarbeits-Täschchen sitzt?“

„Sie ist gigantisch!“ schreit Elie und zeigt mit seinen Tatzen eine etwa 2 mm große „Riesenspinne“ an.

„Ich werde die Spinne jetzt aus Deinem Täschchen herausholen, ok?“ sage ich, nehme das Täschchen vom Lenker und öffne es. Eine Spinne sehe ich nicht. Ich entnehme der Tasche das Nadelkissen, die Wollknäuel, Stricknadeln und Häkelhaken … aber keine Spinne.

„Elie, hier ist keine Spinne drin. Kann es sein, dass sich die Spinne gar nicht in das Täschchen hinuntergehangelt hat? Sondern dass sie sich brav bis auf den Boden abgeseilt hat und dann ihres Wegs gekrabbelt ist?“

„Nein nein, das kann nicht sein“ weint Elie. „Sie muss da drin sein, bestimmt! Hol sie bloß raus aus dem Täschchen! Ich kann die Sachen jetzt gar nicht mehr anfassen vor Angst – und das Schlimmste ist, dass ich bis übermorgen eine Nadelarbeit machen muss – Fräulein Evers will sie am Mittwoch haben! Die wird auch benotet!“ Elie ist verzweifelt.

„Elie, das ist verrückt. In deinem Täschchen ist KEINE Spinne. Es gibt deshalb auch keinen Grund, das Täschchen und die ganzen Sachen nicht mehr anzufassen. Wir fahren jetzt nach Hause, dann gibt es Essen und heute Nachmittag fängst Du an, diese Nadelarbeit vorzubereiten. Wenn Du Fräulein Evers erzählst, dass Du die Hausarbeit nicht gemacht hast, weil angeblich eine Spinne in Dein Handarbeits-Täschchen gekrochen ist, wird sie bestimmt noch wütender auf Dich als sie es sowieso schon ist.“

Elie ist in „Textil- und Handarbeiten“ leider mit Abstand der schlechteste Schüler der Klasse, was aber nicht daran liegt, dass er unbegabt ist. Nein: Elie weigert sich beharrlich, die von der Lehrerin vorgegebenen Themen zu beachten.

Wenn er ein Wandbild aus Stoff besticken soll, fertigt Elie lieber eine Umhängetasche an. Begründung: „Wandbilder sind doof! Umhängetaschen sind toll.“ Wenn ein Webstoff hergestellt werden soll, baut Elie aus den Webschiffchen Pfeil und Bogen und schießt damit auf Fräulein Evers. Den kleinen Schulwebrahmen funktioniert er zu einem Saiteninstrument um und zupft darauf herum. Im Kunstunterricht, den ebenfalls Fräulein Evers gibt, malt Elie, was ihm gerade einfällt – nicht aber die von der Lehrerin festgelegten Motive. Dem Panther, der in einem Dschungelbild auftauchen soll, gesellt er ein Pantherbaby hinzu („Es ist kein Panther, sondern eine Pantherin, und das hier ist ihr Pantherbaby!“). Auf den Befehl, das Pantherbaby mit Deckweiss zu übermalen, da es nicht ins Sujet gehöre, antwortet Elie mit Wutgeheul. Das Pantherbaby bleibt – Elie kassiert dafür eine 5. Er hat sein Pantherbaby gerettet – nur das zählt.

Die anderen Schüler, allen voran der smarte Angelo, schütteln den Kopf. Doch Elie bleibt ein rebellischer Geist. Fräulein Evers gesteht zwar zu, dass Elie durchaus kreative Ideen habe. Diese würden jedoch ihren Unterricht sprengen. Elie hat daher in Kunst und Handarbeiten eine 6.

Es wird nun Zeit, diese Note zumindest in eine 5, besser noch in eine 4 zu verwandeln – das gibt sogar Elie zu. Aus diesem Grund will er auch die Textil-Hausarbeit richtig gut machen.

Wie dem auch sei – eine weitere eingehende Untersuchung der Handarbeitstasche fördert keine Spinne zu Tage. Widerstrebend nimmt Elie endlich seinen Roller und wir können nach Hause fahren, wo Anatol mit einer leckeren Kartoffelsuppe auf uns wartet. Zum Nachtisch gibt es Apfelstrudel mit Vanille-Soße!

Nach dem Mittagsschlaf lasse ich mir von Elie die besagte Nadelarbeit, die Fräulein Evers ihm aufgegeben hat, zeigen. Elie soll aus Stoffresten ein Nadelbuch nähen. Im Grunde eine schöne Aufgabe, denn es soll ein nützlicher Gegenstand hergestellt werden. Nur wie soll Elie das schaffen? Er ist mit Nadel und Faden völlig überfordert. Schon will er wieder in Tränen ausbrechen. Ich selbst bin ebenfalls ratlos.

Hier mischt Anatol sich ein. „Das wäre ein klarer Fall für Omi. Sie würde das perfekte Nadelbuch nähen!“

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Es stimmt. Ich erinnere mich: meine Omi war mir bei derlei Aufgaben immer eine große Hilfe gewesen. Sie hatte mir die Handarbeiten aber nicht abgenommen, sondern hatte mir gezeigt, wie man näht und mit welchen Tricks eine Nadelarbeit richtig gut wird. Die eine oder andere Naht hatte sie mir aber auch einfach genäht. Omi war großartig. Leider hatte ich das Handarbeiten später ganz aufgegeben und die von Omi erlernten Dinge wieder vergessen.

Elie weiss nicht, dass wir Omi nicht mehr um Rat fragen können. Hoffnungsvoll meint er „Dann rufen wir Omi doch einfach gleich an!“ Anatol erklärt Elie, dass das leider nicht mehr möglich ist, und erntet Verzweiflungsgeheul.

Ich spreche ein Machtwort: die Handarbeit wird für heute eingestellt. Morgen sei immer noch genügend Zeit, um das Nadelbuch anzufertigen. Heute habe Elie ausreichend Aufregung erlebt, und schließlich seien auch noch die Rechen- und Sachkundehausaufgaben zu bewältigen. Das Nadelbuch müssen nun warten.

Ich nehme die Stoffreste und die anderen Nähsachen von Elie an mich, lege sie in mein Nähkästchen zu den Handarbeitsutensilien, die Omi mir zum Teil noch geschenkt hatte, und schließe das Kästchen in den Schrank ein.

Dann überlege ich fieberhaft, was zu tun ist. Eins ist klar: weder Anatol noch ich geschweige denn Elie sind in der Lage, das geforderte Nadelbuch zu nähen.

Der Dienstag verstreicht, ohne dass wir an das Nadelbuch denken. Am Dienstag Abend fällt Elie siedendheiss ein, dass die Handarbeit noch nicht fertig, ja nicht einmal begonnen ist. Was nun? Die Arbeit muss morgen in der Schule abgegeben werden!

IMG_2582Ich lasse mir das Nähkästchen von Elie bringen. Wir müssen nun improvisieren. Anatol guckt mir gespannt über die Schulter – wie werden wir wohl aus ein paar Stoffresten ein regelrechtes Nadelbuch zaubern? Irgendeine Notlösung muss uns nun einfallen, daran führt kein Weg vorbei.

Elie stellt das Nähkästchen auf den Tisch und öffnet es.

Und da – oh Wunder! – ein prachtvolles, aus den Stoffresten zusammengenähtes und wunderschön besticktes Nadelbuch liegt ganz obenauf im Nähkästchen. Elie ist sprachlos – ebenso wie Anatol und ich.IMG_2583

Ich nehme das Nadelbuch aus dem Kästchen heraus. In das Buch sind schon die Nadeln und auch meine Handarbeitsschere – die, die Omi mir damals geschenkt hatte, und die mich mein ganzes Leben lang begleiten soll – eingesteckt.

IMG_2585Elie steht der Mund offen. Anatol sieht mich ungläubig an und flüstert atemlos: „Meinst Du, Omi  ist gekommen und hat das für Elie genäht? Nur wie …?“

Ich kann ebenfalls nicht erklären, was hier passiert sein mag.

IMG_2587Elie wird mit dem hübschen Nadelbuch seine erste Eins in Handarbeiten bekommen. Die Note ist nicht verdient, da Elie das Büchlein nicht selbst genäht hat. Elie ist aber so glücklich über das Nadelbuch, dass er sich ins Handarbeiten regelrecht hineinstürzen wird. Er wird später einer der besten Schüler von Fräulein Evers werden, sehr zum Erstaunen letzterer.

Ich werde Elie nicht verraten, dass ich am Dienstag Vormittag zu Annas Eltern ins Schneideratelier gegangen war und dort die missliche Lage erklärt hatte. Annas Eltern waren glücklicherweise sehr verständnisvoll gewesen und hatten ein wunderschönes Nadelbuch für Elie genäht – so wie Omi mir damals auch bei meinem Nadelbuch geholfen hatte.

Ob Fräulein Evers die Hausarbeit Elie nur auferlegt hat, um ihm die Chance zu geben, mit etwas „Nachhilfe“ zumindest eine  ordentliche Arbeit vorweisen zu können und so im Zeugnis der 3. Klasse in Handarbeiten keine 6, sondern eine 5 zu bekommen, wird jedoch niemand von uns je erfahren.

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 Von links nach rechts: Onkel Lothar, Judith, Omi – und ich,

am 19. August 1980.

 

 

62. Kapitel – Kirschenstieltee

Leider ist mir die große Hitze der vergangenen Woche nicht besonders gut bekommen. Schwindel, ein nur noch unzulänglich funktionierendes Durchblutungssytem und stark geschwollene Beine hatten mich sogar mit dem Gedanken spielen lassen, zum Arzt zu gehen.

Anatol hatte das mit dem Hinweis darauf unterbunden, dass Fridolin vollkommen überlastet sei und keine weiteren Patienten aufnehmen könne. Meine Beschwerden seien „zu 100% hausgemacht“ hatte er – fast schon unverschämt! – behauptet. Es brauche keinen Arzt, um so etwas zu behandeln.

„Du bewegst Dich überhaupt nicht. Den ganzen Tag sitzt Du bei der Arbeit vor dem Computer! Mittags, wenn ich nicht aufpassen kann, ziehst Du Dir Pommes rein, die so salzig sind, dass kein Mensch es aushalten kann. Das habe ich zum Glück von Fridolin erfahren, der Beziehungen zu Deinen Kollegen hat – sonst hätte ich das ja niemals mitbekommen! Du trinkst – wenn überhaupt – höchstens 3-4 Glas Wasser am Tag. Abends salzt Du Dir alles nach, was ich gekocht habe – obwohl schon Salz dran ist! Es ist ein Wunder, dass es Dir nicht viel schlechter geht.“

Ich wehre mich gegen diese Anschuldigungen – halbherzig, das muss ich sagen. Leider hat Anatol mit dem, was er sagt, nicht ganz Unrecht. Ich habe tatsächlich zu wenig Bewegung, und etwas zu viel Salz esse ich auch. Nur warum soll das so schlimm sein? Ungesalzen schmeckt doch einfach nichts!

Anatol knurrt wütend. „Es geht nicht darum, ganz salzfrei zu essen. Ich hoffe, dass Du das niemals musst – salzloses Essen schmeckt nämlich wie Pappmachée! Wenn ich koche, kommt etwas Salz ins Essen. Aber von heute an wird nichts mehr nachgesalzen! Damit ist es vorbei: den Salzstreuer schließe ich jetzt weg.“

Ich schlucke. In der Tat habe ich bemerkt, dass der Salzkonsum in den letzten Monaten stark angestiegen war. Ich hatte das auf die Saurier geschoben. Nun sieht es so aus, als ob ich allein das ganze Salz vertilgt haben soll … ich kann es fast nicht glauben.

„Und wie sehen Deine Empfehlungen aus, Anatol?“ Ich habe das Gefühl, dass der Butler nun mit einer ganzen Reihe von Maßnahmen aufwarten wird – und da irre ich nicht.

IMG_2552„Für heute Abend habe ich einen griechischen Salat vorbereitet. Da ich weiss, dass Du ihn sonst nicht isst, habe ich – ausnahmsweise! – ein wenig Feta hineingetan. Der Salat ist also nur vegetarisch, nicht vegan. Das bleibt eine Ausnahme. Salz ist gar keines dran – der Feta ist salzig genug. Überhaupt wird es in Zukunft viel öfter Salat geben. Rohkost ist sehr gesund, besonders für Dich!“

Ich freue mich. Griechischen Salat habe ich seit Jahren nicht mehr gegessen. Anatol hat in der Küche schon alles fertig vorbereitet: Gurke, Paprika, Tomate, Oliven und den Feta. Ein wenig Oregano und Thymian werden noch über den Salat gestreut, Olivenöl darüber – fertig ist der deliziöse griechische Salat.

IMG_2560Da viele Oliven übrig geblieben sind, legt Anatol sie ein. Zuerst übergießt er die Oliven mit Olivenöl, dann gibt er 3 kleine Chilischoten dazu, herbes de Provence und viel gehackten Knoblauch. In ein bis zwei Tagen werden wir sie genießen können!

Wenn meine Behandlung dergestalt aussehen soll, dass ich so feine Salate und Oliven mit Knoblauch essen soll, will ich mich gar nicht dagegen sträuben!

IMG_2556Anatol serviert den Salat. Er ist jedoch noch nicht fertig mit mir.

„Ab jetzt achte ich noch mehr darauf, dass Du Dich gesund verhältst. Daher verordne ich – in Absprache mit Fridolin – Folgendes:

Morgens gibt es in Zukunft Kneipp-Bäder. Das sind Wechselduschen – und zwar vor allem kalte! So warm wie es im Moment ist, kann es Dir nur gut tun.

Zudem habe ich einen ganz speziellen Sud für Dich zubereitet, gegen die Wasseransammlungen in den Beinen. Er besteht aus einem Aufguss von Kirschenstielen, Eschenblättern und Hagebutten. Dieser ist genau auf Dich abgestimmt und sollte schnell helfen.Wenn es damit nicht besser wird, will Fridolin Dich doch sehen. Aber ich bin sicher, dass Deine Beschwerden sehr schnell nachlassen werden, wenn Du Dich an all das hältst, was ich gerade gesagt habe.“

IMG_2557Ich bin sprachlos. Im Moment weiss ich nicht, ob ich wütend oder erfreut reagieren soll. Anatol nimmt mir die Entscheidung ab, indem er mir seinen Kirschstielsud, der interessanterweise transparent wie Wasser ist, kredenzt: Etwas Widerlicheres habe ich noch nie getrunken!

Fast will ich dem Butler das Glas an den Kopf werfen.

Anatol bemerkt trocken, dass dieser Sud nicht schmecken, sondern helfen soll – und ab jetzt werde es jeden Tag einen Liter davon zu trinken geben.

Ich will das Biest gerade packen und ihm seinerseits den Sud eintrichtern – da hat es sich schon ganz nach oben auf den Schrank gerettet und tönt „Du wirst mir noch dankbar sein!“ – ich resigniere.

Länger als 2 Wochen werde ich diesen widerwärtigen Sud allerdings nicht trinken!

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61. Kapitel – Im Glutofen der Sonne

Anatol ist seit 4 Uhr morgens wach. Er hat alle Fenster aufgerissen und für Durchzug gesorgt. Leider ist die Luft draußen auf der Straße kaum kühler als hier in der Wohnung.

Heute soll der heisseste Tag des Jahres werden. Es sind 38°C angekündigt.

Anatol wedelt mit dem Thermometer herum. „Die ganze Nacht über hatten wir hier in der Wohnung 28°C. Das ist sehr, sehr warm. Wir müssen viel trinken, und vor allem dafür sorgen, dass auch die Katzen ausreichend Flüssigkeit zu sich nehmen.“

Katzen sind leider sehr schlechte Trinker, was ihnen nicht gut tut.

IMG_1537Elie hingegen freut sich über die Hitze. „Ich ziehe nachher meinen Chèche über, und gehe zu Lilian! Der hat ein ganz tolles Planschebecken, ein richtiges aus blauem Eisen, nicht nur so ein Gummibecken zum Aufblasen! Dort spielen wir ‚Lawrence of Arabia‘ !“

Richtig. Das Planschebecken. Ich erinnere mich: auch wir hatten, als wir Kinder waren, ein solches Planschebecken. Es wurde nur zu ganz seltenen Anlässen aufgepustet – dies erledigte mein Vater, der jedesmal danach vor Atemnot fast in Ohnmacht fiel, denn wir hatten keine Pumpe! – und dann mit etwa 10 cm Wasser befüllt. Wasser war schließlich teuer und man musste sparen. Ich denke aber auch, dass meine Eltern Angst hatten, dass in dem Becken etwas passieren könnte, wenn zuviel Wasser darin war.

Deshalb war das Planschebecken zwar jedesmal ein riesiges Fest, aber mehr als die Füße baden konnte man darin nicht wirklich.

Als wir noch in Leichlingen wohnten, hatten Nachbarn auch so ein Becken wie Lilian. Es war auch blau und musste nicht aufgeblasen werden, da es aus Metall war. Allerdings durften wir dort nur unter strenger Aufsicht planschen, denn das Becken war gut 40 cm tief. Ich war damals erst 2 oder 3 Jahre alt. Dementsprechen verschwommen sind meine Erinnerungen an dieses gigantische blaue Becken.

Anatol reisst mich aus meinen Gedanken. „Elie, Lilian wollte doch heute mit seinen Eltern zur Großmutter nach Meppen fahren. Das wird also nichts mit dem Planschbecken. Lilian ist heute nicht da.“

Fataler hätte die Wirkung nicht sein können. Elie bricht in verzweifeltes Wutgeheul aus. „Ich WILL aber heute ins Planschbecken! Dann müssen wir eben ins Freibad gehen!!“

Es ist nicht mal 7 Uhr, wir haben 30°C, die Katzenklos quellen über und ein Saurier dreht durch: Ich ertappe mich bei dem Wunsch, ebenfalls vor Wut zu heulen. Vor allem: bei 38°C gehe ich nicht in ein Freibad. Allein die Vorstellung von den Menschenmassen im Wasser lässt mich erschauern – vom Geräuschpegel einmal ganz abgesehen. Elie weiss das – um so größer ist seine Verzweiflung.

Glücklicherweise hat Anatol eine rettende Idee. „Wir könnten auf dem Balkon ein Planschbecken aufbauen. Vielleicht kann ich sogar ein Sonnensegel aufziehen. Dann haben wir etwas Schatten.“

Schlagartig verstummt das Geheul. Anatols Idee war gut. Elie beruhigt sich – zumindest vorübergehend. Ich spreche jedoch ein Machtwort. „Ihr beiden macht Euch jetzt bitte fertig. Währenddessen kümmere ich mich um die Katzen und putze die Küche. Danach gehe ich in die Dusche und Ihr bereitet bitte das Frühstück vor. Und wenn wir dann gefrühstückt haben, dann überlegen wir, wie wir das Planschbecken auf dem Balkon einrichten. Erst wird gefrühstückt – keine Widerrede!“

Die Butler sind mit diesem Ablauf glücklicherweise einverstanden.

Kurze Zeit später sind die Katzen gefüttert, die Küche ist geputzt und wir haben gefrühstückt.

Anatol fällt ein, dass der eine Trinkbrunnen von Keramik im Hof nicht in Betrieb ist. Den könnte man als Planschbecken einsetzen.

Meinen Regenschirm werde er zur Markise umfunktionieren, kündigt Anatol an, während ich die Trinkbrunnenschale abspüle und mit Wasser fülle. Elie holt indessen das Tüchlein von der „Sendung mit der Maus“ aus dem Badezimmer. Das sei ein prima Badehandtuch, findet er.

Bald ist alles aufgebaut. Die Saurier planschen fröhlich in dem Trinkbrunnen und spritzen sich gegenseitig naß. Jauchzen und Plätschern dringen vom Balkon in die Wohnung.

IMG_2499„Gibt es auch Eis?“ ruft Elie.

Nein, Eis gibt es nicht. Ich stelle aber in Aussicht, dass wir möglicherweise später am Nachmittag zur Eisdiele gehen und jedem eine Kugel Eis kaufen – wenn es bis dahin etwas kühler geworden ist.

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60. Kapitel – Ein ganz gewöhnlicher Samstag

Es ist 5 Uhr 20. Ein sonniger Sommermorgen bricht an. Schon bald soll sich die Stadt in einen Glutofen verwandeln – für 9 Uhr sind bereits 30°C angekündigt.

Anatol hat daher angeordnet, dass bis spätestens 7 Uhr gelüftet wird, dann alle Fenster geschlosssen und die Rolläden bis auf einen kleinen Spalt heruntergelassen werden. So halte man in südlichen Ländern das Haus innen schön kühl. Heute sei es notwendig, auch so zu verfahren.

Vorerst ist es in der Wohnung noch kühl. Die Katzen streichen um mich herum – offenbar hat man großen Appetit und will sofort frühstücken.

Mein heutiger Samstag soll recht entspannt werden. Nach der üblichen Wohnungsputzprozedur und dem Einkauf auf dem Markt steht ein Besuch bei Fridolin an – ich habe heute einen Termin zur Akupunktur. Dann bin ich bei einer Freudin eingeladen und später soll es in der Trattoria Pasta geben. Am Nachmittag habe ich einen Friseurtermin, und danach muss ich noch einmal kurz nach Kehl, um eine Bestellung abzuholen. Zwischen den jeweiligen Terminen liegt viel Zeit – heute soll es vor allem keinen Stress geben.

Anatol gefällt mein Programm. Er verkündet, er komme heute mit in die Stadt.

Elie hingegen möchte lieber zu Hause bleiben, er wird sich nämlich zum Mittagessen mit Lilian treffen. Ein Einkaufsbummel in der Stadt – nein, danach sei ihm gar nicht zumute, schon gar nicht bei einer solchen Hitze.

Anatol sitzt bereits in meiner Handtasche – ich fahre los.

Im Wartezimmer meines Hausarztes treffen wir Fridolin. Er hat einiges mit Anatol zu bereden, während ich meine Akupunktur-Séance habe. Was auch immer die beiden zu besprechen haben – ich soll es offenbar nicht erfahren; etwas Angenehmes scheint es eher nicht zu sein. Wie ich schon länger vermute, stimmt irgendetwas mit Fridolin nicht. Möglicherweise kann ich nachher etwas darüber aus Anatol herauskitzeln.

Kaum dass wir die Praxis verlassen haben, versucht Anatol unauffällig, mich wieder in den Levi’s Store zu lotsen – darauf hatte ich mich allerdings eingestellt. Heute wird es ihm aber nicht gelingen. Schließlich soll es nun keine Klamotten mehr geben – oder nur so wenig wie möglich.

IMG_2494 Wir fahren auf dem schnellsten Weg zu Isabelle, wo ein wunderbarer Jasmintee auf uns wartet.

Anatol und ich dürfen es uns auf dem Balkon gemütlich machen und die dort im Schatten noch angenehm frische Luft genießen. Wir fühlen uns so wohl, dass wir eigentlich gar nicht mehr weg wollen.Anatol bei Isabelle

Isabelle gießt uns einen Tee nach dem anderen ein und bietet uns herrliche Datteln und Feigen aus Marokko an.

Eigentlich sind wir hier im Schlaraffenland angekommen.

Anatol fragt „Müssen wir unbedingt in die Trattoria…? Hier ist es doch viel schöner …!“

In Wirklichkeit möchte der eitle Fatzke aber nur weiter von Isabelle photographiert werden – er hat nämlich gemerkt, dass Isabelle wunderschöne Photos macht. Nun will Anatol natürlich sein eigenes Portrait!

Isabelle tut ihm den Gefallen und schießt ein paar Bilder von Anatol, der sich bemüht, auf den Photos möglichst nicht zu lächeln – das sähe einfältig aus.

 

Anatol bei Isabelle2

Anatol groß

Leider ruft nun schon die nächste Verabredung – wir müssen Isabelle für heute verlassen. Aber wir werden bald wiederkommen!

In der Trattoria ist es unerträglich heiss. Der Pizzaofen arbeitet auf vollen Touren und alle 4 Gasflammen des Herds züngeln wild unter den Pasta-Töpfen hervor. Anatol ächzt. „Mir ist es viel zu warm hier! Können wir nicht zurück zu Isabelle…?“

„Anatol, wir müssen auf die Pasta warten. Gleich ist sie fertig. Wir nehmen sie dann mit zu Saït: in seinem Atelier ist es schön kühl. Da essen wir die Pasta.“

„Pasta, Pasta, Pasta – dieses neumodische Geschwätz geht mir auf die Nerven! Es sind NUDELN, ganz einfach. Warum muss man das heute hochtrabend „Pasta“ nennen?“

Anatol scheint die Sonne tatsächlich etwas zu sehr auf den Kopf geschienen zu haben. Normalerweise ist es nämlich er, der sich dieser Bobo-Terminologie befleißigt. Ich persönlich sage nie „Pasta“ – aber hier sind wir in einer italienischen Trattoria, und dort heisst es eben so. Diese Erklärung scheint Anatol für heute auszureichen, jedenfalls schimpft er nicht weiter. Vermutlich ist es ihm einfach zu heiss.

Kurze Zeit später haben wir unsere Nudeln vor uns auf dem Teller. Anatol erleidet hier weiteres Ungemach: seine „Pasta arrabiata“ ist derart „arrabiata“, dass sich der Saurier in einen feuerspeienden Drachen verwandelt.

Anatols Laune ist auf ihrem Tiefpunkt angelangt.

Einige Gläser Wasser löschen den Brand notdürftig, dann fahre ich mit einem zeternden und schimpfenden Saurier in der Handtasche zu meinem Friseurtermin. Ich schwöre mir, den Butler nie wieder bei einer solchen Hitze in die Stadt mitzunehmen.

Beim Friseur ist es angenehm kühl, und Anatol schläft – dem Himmel sei dank – endlich in meiner Tasche ein.

Nun steht noch unsere letzte Etappe an: die Fahrt nach Kehl. Da ich das Carsharing-Auto mit der Klimaanlage reservieren konnte, gehe ich davon aus, dass diese Fahrt nicht zu weiteren Verwerfungen führen sollte. Ich radle also frohgemut los.

Das Handy klingelt. Anatol schreckt aus seinem Mittagsschlaf hoch – ich hebe ab.

Eine vollkommen aufgewühlte Freundin meldet sich. Katze Edmee geht es sehr schlecht. Edmee kann nicht mehr aufs Katzenklo gehen, sie hat starke Schmerzen und scheint eine Harnblockade zu haben. Dies kann ein unmittelbar lebensbedrohender Zustand sein. Jedenfalls ist so etwas extrem schmerzhaft – es handelt sich um einen tierärztlichen Notfall und bedarf sofortiger Behandlung.

Fieberhaft denke ich nach. Nach Kehl fahre ich nun sowieso. Wenn ich das Auto länger reserviere, haben wir Zeit genug, um Edmee in die Tierklinik zu bringen.

Das Problem: Katze Edmee findet Fahrten zum Tierarzt noch schlimmer als ihre Krankheit und will sich nicht in den Katzenkorb bugsieren lassen. Die Verfrachtung in den Transportkorb kann leider etwas Zeit in Anspruch nehmen – das kenne ich bereits.

Ich drücke Anatol das Handy in die Pfoten. „Bitte reserviere das Auto bis 20 Uhr, Anatol. Dann rufst du bei Edmee an und fragst, ob sie schon im Korb ist – und organisierst den Treffpunkt etc.  Ich trete in die Pedalen und fahre so schnell es geht zum Auto, dabei kann ich nicht telephonieren.“

Vor Aufregung bebend tippt Anatol auf die Handytastatur. Es gelingt ihm, das Auto bis 20 Uhr zu buchen. Danach erfährt er, dass Edmee sogar schon im Kennel ist. Sie ist sehr geschwächt und konnte glücklicherweise überrumpelt werden. Wir können sie also schnellstens abholen.

Eine knappe Stunde später stehen wir mit Edmee vor der Tierklinik. Edmee hyperventiliert – ihr Mäulchen steht sperrangelweit auf. Bei Katzen ist das ein ganz schlechtes Zeichen.

Dementsprechend beklommen sind meine Freundin und ich.

Anatol versucht, Edmee durch gutes Zureden zu beruhigen.

Eine freundliche junge Tierärztin, die ich noch gar nicht kenne, kümmert sich sofort um Edmee. Edmee hat eine Blasenentzündung und braucht dringend Schmerzmittel und Entzündungshemmer. Nach 2 Spritzen beginnt Edmee, sich etwas besser zu fühlen – sie wird ruhiger und scheint deutlich weniger Schmerzen zu haben. Wir werden entlassen, sollen Edmee aber die nächsten Tage isolieren, um sie besser beobachten zu können. Notfalls sollen wir sofort wieder in die Klinik kommen, wenn sich der Zustand nicht bald verbessert.

Bis wir Edmee nach Hause gebracht und in den 5. Stock geschleppt haben, das Auto zurückgegeben haben und uns endlich auf den Heimweg machen können, ist es nach 19 Uhr.

Zuhause warten hungrige Katzen und der abendliche Hausputz auf uns.

Anatol möchte einen solchen Samstagsmarathon nicht noch einmal mitmachen müssen. Er verkriecht sich auf dem schnellsten Weg in sein Sauriernestchen. Der Großputz bleibt mir überlassen.

Ein ganz gewöhnlicher Samstag…

59. Kapitel – Die Straßen von San Francisco

Den ganzen Nachmittag habe ich mich mit einem steuerrechtlichen Problem herumgeärgert – einer seltenen Frage im Bereich der internationalen Koproduktion, gepaart mit einer Betriebsstättenproblematik und Abstechern ins Bilanzrecht. Um 19 Uhr fühle ich mich wie erschlagen, zumal das Problem weiterhin nicht gelöst ist.

Ich packe meine Sachen zusammen und will das Weite suchen, entschließe mich im letzten Moment aber doch, die abscheuliche Akte mit nach Hause zu nehmen. Möglicherweise kann ich sie am Abend doch noch erledigen: Elie und Anatol sind heute nicht zu Hause, und so habe ich etwas Ruhe.

Die beiden Butler sind bei Ante, einem Klassenkameraden von Elie eingeladen. Ante kommt aus Jugoslawien (heute wäre Antes Heimat vermutlich Kroatien); seine Eltern sind Gastarbeiter in einer Göttinger Fabrik. Weder sie noch Ante sprechen richtig Deutsch; leider sind Antes schulische Leistungen daher sehr mäßig. Herr Bock, der Klassenlehrer, hat Ante deshalb neben Elie gesetzt. Elie soll Ante alles erklären, was Ante nicht versteht. Gleichzeitig soll er Ante etwas ruhig halten, denn Ante ist äußerst zappelig. Kein Wunder – wenn man den halben Tag in der Schule stillsitzen muss und dabei nichts vom Unterricht mitbekommt, weil man die Sprache nicht beherrscht, dann kann man schon etwas ungeduldig werden.

Elie hatte vor ein paar Tagen erzählt, dass Antes Mutter in die Schule gekommen sei, um den Lehrer zu sprechen. Ante hatte dabei ein wenig „übersetzt“, und da Elie vorher mit Ante gespielt hatte, hatte er das Gespräch mitbekommen. Herr Bock hatte Antes Mutter nahegelegt, zu Hause mit Ante nur Deutsch zu sprechen, damit Ante es lerne. Elie hatte das zuerst logisch gefunden – dann war ihm aber klargeworden, dass es mit dem „zu Hause nur Deutsch sprechen“ etwas schwierig war, wenn niemand Deutsch konnte.

Zunächst hatte Ante ihm vor allem leid getan, denn er wurde oft wegen seines fehlerhaften Deutsch von den anderen Schülern gehänselt. Elie hatte sich mit ihm angefreundet. Danach hatte Elie aber bemerkt, dass die Freundschaft mit Ante große Vorteile mit sich brachte: Ante war deutlich größer und stärker als Elie. Auf dem Schulhof traute sich niemand mehr, Elie zu ärgern – nicht einmal Angelo. Auch die Hänseleien wegen Antes Deutsch hatten bald aufgehört, denn Ante wusste sich sehr entschlossen zur Wehr zu setzen, wenn es sein musste.

Ante war ein paarmal bei uns zum Mittagessen gewesen, wenn er nicht nach Hause gehen konnte, weil die Eltern und die Geschwister mittags nicht da waren. Ganz besonders die Pfannekuchen mit der Erdbeermarmelade hatten es ihm angetan! Um sich dafür zu revanchieren, hatte er nun Anatol und Elie diesen Freitag Nachmittag und sogar zum Übernachten eingeladen.

Um sicher zu gehen, dass seine Eltern auch damit einverstanden waren, hatte ich vor ein paar Tagen bei Ante angerufen, hatte dort aber nur einen großen Bruder erreicht, der mir versicherte „Eltern arbeiten jetzt. Anatol und Elie sehr willkommen – für Freitag!“ Ich hatte mich sehr  herzlich bedankt, Grüße an die Eltern ausgerichtet und Anatol und Elie eingeschärft, sich ordentlich zu benehmen, von allem zu probieren, was ihnen angeboten wurde und beim Tischdecken und Abwaschen zu helfen.

Anatol und Elie sind heute mittag nach der Schule also nicht nach Hause, sondern zu Ante gegangen.

Etwas spät fällt mir ein, dass ich nicht einmal Antes Adresse habe – aber da mir ja die Telephonnummer vorliegt, denke ich mir nichts weiter dabei.

Ich widme mich nun eingehend meiner steuerrechtlichen Problematik, und vergesse für einige Stunden alles um mich herum.

Das Schrillen des Telephons reisst mich aus meinen Forschungen auf.

Ich hebe ab. Am Telephon ist ein völlig aufgelöster Anatol. Er kann kaum sprechen. „Bitte komm sofort – wir brauchen Hilfe! Ich hab nur noch 10 Pfennig zum Telephonieren! Wir sind mit Ante in der Kneipe im Maschmühlenweg – nebenan ist ein halb abgerissenes Haus, und da ist eine schwerverletzte Katze! Wir müssen sie retten!“

Die Verbindung bricht ab.

Entgeistert sehe ich auf die Uhr. Es ist 22 Uhr durch! Ich habe über meine Akte völlig die Zeit vergessen. Was um Himmels Willen machen drei kleine Dinojungen nach 22 Uhr – mitten in der Nacht ! – in einer Kneipe im Göttinger Maschmühlenweg – der schlimmsten Gegend Göttingens überhaupt? Schließlich glaube ich sie wohlversorgt bei Ante zu Hause – und dort schon lange im Bett!

Und dann die verletzte Katze – die muss natürlich gerettet werden. Mit dem Fahrrad ein unmögliches Unterfangen – ich klingele kurzentschlossen bei den Nachbarn, bei denen noch Licht brennt und bekomme das Auto ausgeliehen. Schnell hole ich den großen Transportkorb aus dem Keller, nehme ein paar Döschen Katzenfutter dazu – und fahre los.

Kurze Zeit später biege ich in den Maschmühlenweg ein – eine verrufene Gegend. Vor der Kneipe sehe ich das Grüppchen stehen: Anatol winkt verzweifelt, Elie versucht, sich hinter Ante zu verstecken. Ich steige wutentbrannt aus dem Auto aus, erkläre den Spitzbuben jedoch zu allererst, dass es nun nicht Zeit für Schimpfe sei – zuerst muss die Katze gerettet werden. Danach hätte ich ein erstes Wort mit allen Beteiligten zu reden.

Ante sieht sehr betroffen aus. Er versucht, mir das Geschehene zu erklären. „Alles nur meine Schuld. Elie und Anatol wussten nicht. Meine Eltern heute arbeiten. Deshalb wir in Kneipe. Leute dort kümmern sich!“

Ich bedeute Ante, dass ich ihm keinen Vorwurf mache. Meinen beiden Butlern hingegen werfe ich einen bösen Blick zu. Sie hätten mich anrufen müssen, als klar war, dass Antes Eltern heute arbeiten mussten. Die drei hätten schließlich auch zu uns kommen können – und nicht allein auf der Straße oder in einer Kneipe herumstromern müssen!

IMG_0416Anatol zeigt mir den Hinterhof, wo die Katze sich angeblich aufhalte. „Die Katze kann nicht richtig laufen! Sie zieht die Hinterbeine hinter sich her und kann nicht damit auftreten – sie fällt immer wieder um!“ Ich vermute Schlimmstes. Das Tier ist offensichtlich schwer verletzt.

Der Hinterhof ist voller Holzreste, Bauschutt und Glasscherben. Das Dachgeschoss des Hinterhauses ist bereits abgerissen – der Rest wird in Kürze folgen. Eine Katze kann hier nicht überleben – schon gar nicht, wenn sie verletzt ist.

Da – ich sehe das Tier. Eine rot-weisse Katze, sicher ein Kater. Ich öffne eine Dose – da versucht das Tier bereits, sich zu nähern. In der Tat kann der Kater die Hinterbeine nicht richtig aufsetzen, er muss auf dem schnellsten Wege zum Tierarzt. Ante sagt „Katz hier in Gefahr. Muss weit weg gebracht werden! Braucht auch Arzt!“ Ante hat alles zusammengefasst.

Wir stellen den Transportkorb in die Nähe des Tieres, etwas Futter ganz weit hinten in den Korb … und setzen uns hinter den Korb, um das Türchen schließen zu können, wenn der Kater drinnen ist.

Nun sehen wir voller Entsetzen, wie der arme Kater sich mit den Vorderpfoten bis zu dem Transportkorb schleppt. Er schafft es, in den Korb hineinzuklettern – verschwindet ganz darin und fängt gierig an, zu fressen. In diesem Augenblick schließe ich geräuschlos das Türchen, breite eine große dunkle Decke über den Korb – und der Kater ist in Sicherheit. Anatol jubelt!

Ante fragt „Kommt Katze jetzt in Tierklinik?“ Ich nicke. Ante sieht erleichtert aus. Er muss sich um das Tier große Sorgen gemacht haben. Elie bekommt von der Fangaktion nichts mit, denn er liegt im Auto meiner Nachbarn und schläft.

Ich setze den Transportkorb mit dem Kater, der nun ordentlich randaliert, in den Kofferraum, wo er nicht umfallen kann. Anatol und Ante lasse ich auf die Rückbank zu Elie, der tief und fest schläft.

Anatol druckst herum. Irgendetwas will er nicht sagen, Ante stubst ihn aber immer wieder an. Ich frage: „Anatol, was gibt es? Da ist doch etwas!“

Anatol gibt verschämt zu, dass sie die Kneipenrechnung noch nicht beglichen haben. Ante habe sein Essen bezahlt, Elie und Anatol hätten nicht genug Geld dabei gehabt. Ob ich das bitte übernehmen könne.

Ich bin außer mir. Eine Kneipenrechnung haben die beiden Butler auch noch produziert! Ich klappe die Autotür zu, befehle Anatol, sich nicht zu entfernen, und betrete die Kneipe.

Ein leutseliger Wirt steht gläserwienernd hinter dem Tresen. Er weiss, für wen ich bezahlen möchte, noch bevor ich etwas sage. „Sie zahlen für die zwei kleinen Dinos“ stellt er fest. Ich bestätige das. „Ok … Ante hat schon bezahlt, er zahlt immer sofort. Für Ihre zwei Kleinen macht das zusammen 10 Mark 45. Was haben sie gekriegt … Bratkartoffeln, Spiegelei, Cola und Salat. Und zum Nachtisch Schokoladeneis.“ Ich zahle und will mich schnell entfernen. Der Wirt fügt hinzu „Schade – Ihre beiden hatten sich wie die Schneekönige auf „Die Straßen von San Francisco“ gefreut. Jetzt konnten sie die Folge gar nicht gucken.“

Ich wähne mich einer Ohnmacht nahe. Auf meinen fassungslosen Blick hin beeilt sich der Wirt, mir die Sachlage zu erklären. „Wissen Sie, wenn die Eltern nachts arbeiten müssen und die Kinder bei uns essen, müssen wir sie irgendwie bei Laune halten. Freitags dürfen sie dann hier „Die Straßen von San Francisco“ gucken. Wenn das zuende ist, sind die Eltern meist von der Arbeit wieder da und nehmen sie mit nach Hause. Ja ich  weiss, dass das sehr spät ist. Aber ich hab die Kleinen lieber hier drinnen vor dem Fernseher als draußen auf der Straße. Und Ihre beiden planen das ja schon lange, hier in die Abendvorstellung zu kommen. Warum kommen Sie nicht auch mal mit?“

Ich bin sprachlos! Die ganze Geschichte scheint von Anatol und Elie (Rädelsführer muss allerdings Anatol sein – da bin ich mir sicher!) seit Wochen eingefädelt. Die beiden dürfen „Die Straßen von San Francisco“ zu Hause nicht sehen, da die Serie erst um 22 Uhr 30 anfängt und zumindest für Elie ganz ungeeignet ist. Er ist dafür viel zu klein. Das hat die beiden jedoch nicht abgehalten, sich hier in der Kneipe einen regelrechten Kinobesuch zu organisieren!

Allerdings kam ihnen der verletzte Kater „in die Quere“ – ich bin froh, dass die beiden Übeltäter ihre Spätvorstellung geopfert haben, um das draußen umherirrende Tier zu retten.

Als erstes bringe ich Ante nach Hause. Sein großer Bruder ist da – so muss ich zumindest kein schlechtes Gewissen haben, Ante allein dazulassen.

IMG_0420Die nächste Fahrt geht in die Tierklinik, wo der Kater – Anatol hat ihn in der Zwischenzeit „Emile“ getauft – in der Obhut der diensthabenden Ärztin gelassen wird.

Der Kater kann nicht auf den Hinterpfoten stehen. Die Ärztin ist besorgt, verspricht aber, alles in ihrer Macht stehende zu tun, um Emile zu helfen.

Emile muss die Nacht in der Tierklinik verbringen.

Es ist nun Mitternacht. Endlich fahren wir nach Hause. Ich stelle das Auto ab, werfe meinen Nachbarn den Autoschlüssel in den Briefkasten und steige müde die Treppe hinauf. Anatol und Elie schlummern in meiner Tasche.

Ich setze sie in ihr Nestchen und falle ins Bett. Morgen ist Samstag, und ich werde genug Zeit haben, den Butlern gehörig die Leviten zu lesen.

Epilog

Ante wird 1978 nach der dritten Klasse die Bonifatiusschule verlassen. Ob seine Familie und er nach Jugoslawien zurückkehren, werde ich nie erfahren. Ich werde Ante nie wiedersehen.  Ich hoffe, dass – wo immer Ante heute sein mag – es ihm dort gut geht.

Emile stellt sich am Morgen nach der Fangaktion als unkastrierter, nicht identifizierter und sehr lieber Kater heraus. Emile ist offensichtlich schwerbehindert, hat aber weder Brüche noch Verletzungen. Trotz gründlichster Untersuchungen – Emile wird sogar eine MRT über sich ergehen lassen – wird die Ursache für seine Behinderung nicht gefunden werden. Emile wird schließlich als Ataxiekater in seine neue Familie vermittelt. Dort lebt er auch heute noch glücklich mit mehreren Katzenkameraden.

Meine Butler werden am Morgen nach ihrer Eskapade eine gehörige verbale Abreibung erfahren.

Ich werde aber erwägen, ihnen möglicherweise in Zukunft doch zu erlauben, „Die Straßen von San Francisco“ zu sehen – wenn auch unter Aufsicht.

58. Kapitel – Erneuerungen: ein Besuch bei Levi’s

Es ist Samstagmorgen – eben komme ich aus der Dusche. Ich freue mich, denn die Sonne scheint und der Tag verspricht, wunderschön zu werden. Gleich nach dem Frühstück steht ein Großeinkauf auf dem Markt an, danach möchte ich eine Freundin in der Stadt besuchen. Da die Butler samstags frei haben, werde ich heute mittag – wie jeden Samstag – mit Freunden in der Trattoria essen.

Schnell will ich in meine Jeans schlüpfen, da geschieht das Unglück. Ein häßliches reissendes Geräusch – die Jeans ist aufgeplatzt. Ich bin bestürzt.

„Anatol!“ rufe ich. „Meine Jeans ist im Eimer! Kannst Du mir bitte die andere bringen, die leichte? Es soll heute recht warm werden. Die kaputte nehme ich mit zu Saït, er kann sie bestimmt reparieren – das hoffe ich wenigstens.“ Saït ist unser Schneider.

Anatol öffnet den Kleiderschrank im Schlafzimmer und wühlt sich durch das Jeans-Fach. Endlich zerrt er die Jeans heraus, die ich heute anziehen möchte. Aber anstatt sie mir zu bringen, schmeisst er die Jeans hinter sich auf das Parkett und fängt an, die gesamten anderen Hosen aus dem Fach zu reissen.

„Sieh Dir das nur mal an!“ zetert er. „Hier haben wir ausgebleichte, formlose Jeans Nr. 1.  Das ist ausgefranste, verbeulte Jeans Nr. 2! Nun kommen verwaschene, unförmige Jeans Nr. 3 bis 6! Und hier – endlich! – kommt Deine einzige anständige Hose, die weder ausgebleicht noch verwaschen noch ohne Form ist. Nur kannst Du sie heute nicht anziehen – sie ist ja viel zu warm! Ich lasse Dich mit dem abgewetzten Krempel nicht mehr auf die Straße. Es sieht schlimm aus! Hast Du Dich mal von hinten gesehen?“

Ich bin sprachlos. Was nimmt dieses Biest sich heraus? Es stimmt allerdings, dass ich meine Jeans-Sammlung schon seit langer Zeit besitze. Ich liebe jedes einzelne Stück davon. Was können meine Jeans denn nur haben – insbesondere „von hinten betrachtet“!?

„Deine Jeans – jedenfalls die für den Sommer! – sind so ausgeleiert, dass sie Falten werfen! Von hinten sieht es unmöglich aus. Du kannst damit nicht mehr zur Arbeit gehen, und eigentlich will ich Dich so nicht mal auf den Markt lassen. Eine Schande ist es!“

Ich glaube, meine Mutter zu hören. Meine Jeans sind doch noch fast neu – ich habe sie vor nicht einmal 10 Jahren gekauft!

Anatol schüttelt den Kopf. „Wir kaufen Dir heute neue Jeans. So geht es nicht mehr weiter!“

Ich wehre dieses Ansinnen sofort ab. Gerade erst hatte ich die Matrosenbluse und die Trägertops gekauft, nun muss es gut sein. Schließlich wollte ich dieses Jahr eigentlich gar keine neuen Klamotten erstehen.

„Anatol, es gibt für mich keine Jeans. Bei Somewhere haben sie nur Karottenhosen. Die kann ich nicht tragen – mit Karottenhosen sehe ich aus wie Rumpelstilzchen. Bei Esprit gibt es die elegante Bootcuthose seit Monaten nicht in meiner Größe – und zudem ist sie viel zu warm für den Sommer. Promod hat nur die ganz ausgebleichten Jeans. Bei Mexx gibt es keine Bootcut-Jeans, und in die von Zara passe ich nicht rein. Tja, das war es dann mit Jeans.“ Diesen Argumenten wird Anatol nichts entgegenzusetzen haben, denke ich.

Weit gefehlt. „Und Du glaubst, dass es nur in diesen Läden Jeans zu kaufen gibt?“ fragt Anatol – eine rhetorische Frage. Er weiss, dass ich nur ungern die mir bekannten Marken wechsle. Insbesondere sind mir teure Designerläden ein Greuel. Dort kaufe ich nichts. Anatol ist das bekannt. Dennoch hat er einen weiteren Pfeil im Köcher, das sehe ich ihm an.

„Wir gehen heute vormittag zu Levi’s. Bei Levi’s haben sie richtig schicke Hosen und perfekte Passformen. Da finden wir was für Dich, womit man Dich auf die Straße lassen kann!“

Ich traue meinen Ohren nicht. Levi’s? Das ist viel zu teuer – und außerdem habe ich gelesen, dass die sogenannten „Markenjeans“ keinen Deut besser seien als die billigen von Promod und Co. Auch sollen sie voller Pestizide sein!

„Das mag alles sein, auch wenn ich es nicht in allen Fällen glaube. Ja – und Pestizide sind in vielen Jeans drin, in den billigen und den teuren. Das nimmt sich nichts. All das ist kein Grund, mit so abgewetzten Jeans rumzulaufen, wie Du es tust! Ob Du willst oder nicht, wir gehen jetzt zu Levi’s.“

Antol springt in meine Handtasche und schweigt. Ich weiss, dass er nicht mehr mit mir sprechen wird, bevor wir nicht in diesem Levi’s-Store waren. Ich finde die Methode des Butlers zwar unverschämt, muss aber zugeben, dass meine letzten Levi’s-Jeans (1993 in Freiburg gekauft und später leider mehreren unerwünschten Kilos zum Opfer gefallen) mir in der Tat bis heute unvergesslich sind. Etwas abschreckend ist bei Levi’s jedoch – und dies ist ein gewichtiges Argument – der Preis.

Der Einkauf auf dem Markt ist schnell erledigt. Ich lasse Anatol seinen Willen und fahre mit ihm in die Stadt, in den besagten Store. Dort angekommen, schärfe ich Anatol allerdings ein, dass er in meiner Tasche zu bleiben hat. Vor den Verkäufern möchte ich mich nicht zum Gespött machen.

Ich mag Jeans-Läden – wieso auch immer. Die meisten Dinge dort stehen mir gar nicht: ich kann weder die gerade geschnittenen Jeans gut tragen noch die allgegenwärtigen Holzfällerhemden – geschweige denn die aktuell wieder in Mode gekommenen „Slim“-Jeans. Es ist einfach nicht mein Stil. Dennoch gefällt mir die Atmosphäre in diesen Läden. Vielleicht, weil es solche Geschäfte in meiner Kindheit nicht gab, und ich sie – wie die große Freiheit – erst in meinem Studium entdeckte? Als Kinder trugen wir keine Jeans. Wir hatten Lederhosen: im Sommer eine kurze, im Winter eine knielange. Meine allererste Jeans erstand ich mit 17 Jahren in „Tuti´s Shop“ in Göttingen – einer Boutique, die Kleidung im Sarah-Kay-Stil anbot…

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In der „Girls“-Abteilung des Levi’s-Ladens fällt mir angenehm auf, dass die anwesenden Kundinnen in etwa so alt sind wie ich bzw. sogar älter. Wenn ich etwas nicht mag, sind das Boutiquen, in denen sowohl Kundschaft als auch Verkaufspersonal 25 Jahre jünger sind als ich. Die heutigen Käufer von Levi’s entstammen aber offenbar sämtlich der großen Zeit der einstmals legendären Marke: den 60er Jahren.

Ein freundlicher Verkäufer fragt, ob er mir behilflich sein könne. Ja, das kann er. Ich weiss genau, was ich will – und hoffe insgeheim, dass es hier nicht zu finden sein wird – nämlich eine Bootcut-Jeans in dunklem Denim, Größe 27/32.

Triumphierend mustere ich den Verkäufer – sicher hat er das Gewünschte nicht da und wir können wieder gehen.

Hier irre ich jedoch. Der junge Mann geht zielsicher auf ein Regal zu, zieht mit einem Griff die beschriebene Jeans – dark denim, Bootcut, 27/32 – heraus und präsentiert sie mir. „Sie können sie dort in der Umkleide anprobieren. Bitte sagen Sie mir dann, ob sie passt – wenn nicht, bringe ich Ihnen sofort eine andere Größe.“ Der Verkäufer bleibt in der Nähe der Umkleidekabinen und hält sich offenbar für den weiteren Verlauf meines Besuchs in der Boutique zu meiner Verfügung.

Ich weiss nicht, wann ich das letzte Mal in einem Klamottenladen so zuvorkommend und individuell bedient worden bin. Mit der Bootcutjeans in der einen und einer vor Aufregung zappelnden Handtasche ziehe ich mich in eine Kabine zurück. Man kann sie sogar von innen verriegeln. Dies tue ich, bevor ich die Handtasche öffne.

IMG_2491Anatol springt aufgeregt wie ein tasmanischer Teufel aus meiner Tasche. „Zeig zeig zeig!“ ruft er. „Pssssst! Anatol, gib Ruhe! Der Verkäufer darf Dich nicht bemerken, auf gar keinen Fall!“ flüstere ich.

Schnell ziehe ich die Jeans über. Sie passt wie angegossen.

Anatol ist außer sich vor Begeisterung. „Siehst Du? Ich habs Dir gesagt! Die Jeans von Levi’s sind super. Sie machen den besten Po!“

Ich bin schockiert. „Anatol, was sind das für Redensarten? So etwas will ich nicht hören!“

IMG_2489Anatol gibt zu, dass er sich den Satz von Benedict, einem Schulkameraden abgehört habe. Von Benedict scheint auch die Begeisterung für Levi’s zu kommen. Ich ersuche Anatol, zumindest Benedicts Ausdrucksweise schnellstens wieder zu vergessen.

Dann verlasse ich die Umkleidekabine, um die Jeans vor dem großen Spiegel zu begutachten. Auch hier kann ich nur bemerken, wie perfekt, wenn auch eng, die Hose sitzt. Der Verkäufer stellt in Aussicht, dass sich die Jeans etwas weiten werde – ich dürfe sie auf keinen Fall zu groß kaufen. Auch weist er mich darauf hin, dass dieses Modell nicht mehr nachgeliefert werde – die nächste Kollektion werde es nicht mehr enthalten.

Ein Fiepen und Kratzen dringt aus meiner Umkleidekabine. Anatol kann offenbar nicht an sich halten und will mir etwas sagen. Der Verkäufer sieht mich verunsichert an. „Hatten Sie denn einen Hund dabei? Den habe ich gar nicht bemerkt…“ bemerkt er fragend. „Nein, das ist mein Handy!“ erwidere ich schnell und verschwinde in der Umkleidekabine.

„Anatol, bei Dir piepts wohl! Der Verkäufer hat Dich gehört – und die anderen Kundinnen sicher auch! Was denkst Du Dir denn nur dabei? Nun muss absolute Ruhe sein!“

IMG_2492Anatol flüstert atemlos „Du hast Doch gehört, was der Mann gesagt hat! Die tolle Jeans ist ein Auslaufmodell! Da musst Du zwei von kaufen. Dann kannst Du sie häufiger wechseln und sie nutzen sich nicht so schnell ab. Sei froh, dass Du endlich eine so gut sitzende Jeans gefunden hast.“

Mich trifft der Schlag. Gleich zwei solcher Jeans soll ich kaufen? Anatol nickt. „Das geht. Ich weiss es. Du solltest es unbedingt tun!“

‚Dieser Saurier wird mich ruinieren‘ denke ich im Stillen. Dennoch probiere ich eine zweite Jeans an – auch sie sitzt perfekt.

Seufzend begebe ich mich zur Kasse – weiss ich doch, dass das Biest keine Ruhe geben wird, bevor ich die Hosen nicht käuflich erworben habe.

An der Kasse steht eine ältere Dame – ebenfalls Kundin – und beglückwünscht mich zu meinem Kauf. Sie selbst kaufe nur noch hier ein – so begeistert sei sie von der Qualität, der bequemen Passform und dem Kundenservice. Sichtlich gebauchpinselt von dieser Gratis-Werbung packt der Verkäufer meine Hosen in eine Papptüte und ermuntert mich, das Geschäft bald wieder zu beehren. Ich halte mich dazu bedeckt, reiche dem Verkäufer verschämt meine Kreditkarte und verlasse schleunig den Laden – erschlagen ob des soeben ausbezahlten Betrages.

Den Butler weise ich an, genaueste Recherchen zu Nachhaltigkeit und sozialem Engagement der Marke anzustellen. Nach dem Kauf ist die natürlich etwas spät.

Der Nachhauseweg beruhigt mich zumindest insoweit, als ich beginne, mich über die schönen Jeans zu freuen.

Im Briefkasten finde ich einen Brief meiner Krankenkasse vor. Mit einem mulmigen Gefühl öffne ich ihn. Derlei Schreiben sind meist kein gutes Zeichen.

Diesmal ist dem aber nicht so. Die Krankenkasse berichtet erfreut, dass sie auf Grund besonders umsichtigen Wirtschaftens einen Betrag an jedes ihrer Mitglieder auszahlen könne.

Der Betrag deckt den Kauf der Levi’s fast vollständig ab. Ich bin sprachlos.

Anatol grinst mich spitzbübisch an. „Ich habe doch gesagt, Du kannst die Hosen kaufen. So etwas darfst Du mir ruhig glauben.“

Misstrauisch beäuge ich das Kuvert. Aber der Brief war ungeöffnet. Wie zum Teufel konnte das Biest das wissen …?

Anatol schweigt sich jedoch hierzu aus.

57. Kapitel – Das Referat

Bald sind Schulferien. Für Anatol steht vorher noch das große Physik-Referat an, das er vor der ganzen Klasse – und insbesondere vor Angelo, dem Physikcrack – halten muss. In wenigen Tagen ist es soweit. Anatol ist sehr aufgeregt.

Warum das Referat? Anatol ist in Physik nicht sonderlich begabt. All meine Versuche, ihm Nachhilfe zu geben, sind kläglich gescheitert. Das Schuljahr zog sich mit Vieren und Fünfen in Physik hin, bis der Physiklehrer Herr Hildebrandt endlich im 2. Halbjahr ankündigte, man werde nun bis zum Ende des Schujahres Atomphysik durchnehmen.

Obwohl ich es mir mit rechten Dingen nicht erklären kann, schreibt Anatol in Physik plötzlich Einsen. Das Gebiet macht ihm Spaß, und immer öfter sehe ich ihn in sein Physikbuch und diverse andere Physik-Unterlagen vertieft am Schreibtisch sitzen. Woher die Begeisterung für dieses Fach kommt, kann ich nicht nachvollziehen. Anatol meint dazu nur „Ich verstehe das einfach. Atomphysik ist ganz logisch aufgebaut. Deshalb sind die Physikarbeiten für mich nicht schwierig. Bei der schreckliche Elektrophysik habe ich nie auch nur das Mindeste begriffen.“

In der Tat denke ich mit Grauen an die tränenverschmierten Physikarbeiten zurück, unter denen in großen roten Buchstaben das vernichtende Urteil „Ungenügend!“ stand. Die letzte Arbeit, die ungläubig mit einer „Eins“ unterzeichnet war, war hingegen ein Fest gewesen.

Herr Hildebrandt hatte die Wandlung Anatols vom Klassenletzten zum Einserkandidaten mit Freude beobachtet und war nun gewillt, Anatol in Physik eine glatte Eins im Schulzeugnis zu geben. Da aber ein Schüler von einer Vier minus nicht auf eine Eins hochgesetzt werden kann, ohne dass das Lehrerkollegium einbezogen wird, hatte Herr Hildebrandt eine Konferenz einberufen, auf der Anatols Fall besprochen wurde. In der folgenden Physikstunde hatte er dann erklärt, Anatol habe einen zusätzlichen Leistungsnachweis zu erbringen, sprich ein Referat über Atomphysik zu halten. Wenn dieses ebenfalls mit einer Eins bewertet würde, stehe der Eins im Jahreszeugnis nichts mehr im Wege. Dies habe das Lehrerkollegium entschieden.

Angelo, der Überflieger, hatte in der Pause verkündet, ein solches Referat sei außerhalb Anatols intellektueller Reichweite. Wer die letzten zwei Schuljahre in Physik nur mit Mühe die Vier habe halten können, der käme nicht auf eine Eins, das sei ausgeschlossen.

Angelo darf, obwohl mehrere Jahre jünger als Anatol, am Physikunterricht der Oberstufe teilnehmen, da er vor einem Jahr den ersten Preis bei „Dinojugend forscht“ gewonnen hat.

Anatol hatte voller Wut geantwortet „Wir werden ja sehen!“ und war dann schnell nach Hause gegangen. In Wirklichkeit befürchtet er natürlich, dass Angelo Recht behält. Das ist auch der Grund, warum er nun in jeder freien Minute sein Physikreferat überarbeitet. Leider kann ich ihm auf diesem Gebiet nicht wirklich helfen, und Elie öffnet nur große Augen, wenn er das Wort „Atom“ hört.

IMG_2457„Das Zeug haben sie doch in diesen Atomkraftwerken, die wir alle nicht mehr wollen! Das ist es doch? Ich will darüber lieber gar nichts wissen, ich habe Angst vor den Atomen! Deshalb habe ich auf meinem Ranzen ja auch einen Aufkleber mit „Atomkraft nein Danke“ drauf, und mein Zimmer ist zur atomwaffenfreien Zone erklärt!“

Elie hat vor kurzem „Die Wolke“ von Gudrun Pausewang gelesen und ist seitdem erklärter Gegner von Atomwaffen und Kernkraft. Zum Glück weiss er nicht so genau, woher unser Strom kommt.

Anatol stöhnt. „Elie, ich beschäftige mich rein theoretisch mit Atomphysik. Da ist nichts mit nuklearer Strahlung oder so. In meinem Referat geht es nicht um Kernspaltung. Es ist völlig ungefährlich. Du brauchst nicht mal in Deine atomwaffenfreie Zone zu gehen, um in Sicherheit zu sein. Außerdem bist Du sowieso die ganze Zeit von Atomen umgeben – selbst in Deinem atomwaffenfreien Zimmer. Alles besteht aus Atomen. Übrigens kann man sogar Atomphysiker sein und sich trotzdem gegen Atomwaffen und Kernkraftwerke aussprechen.“

Elie leuchtet dies nicht ein. Seine große Angst – neben der vor einem Atomkrieg – ist die, dass Anatol sich bei seinem Referat unendlich blamieren und Angelo ihn in Elies Klasse, in die er eigentlich geht, zum allgemeinen Gespött machen könnte – womit dann auch Elie der Lächerlichkeit preisgegeben wäre.

Diese Sorge ist durchaus berechtigt – hat doch Angelo angekündigt, dass er jetzt schon Zwischenfragen für das Referat im Sinn habe, von denen er ausginge, dass Anatol sie jedenfalls nicht werde beantworten können.

Heute ist der große Tag. In der Physik-Doppelstunde soll Anatol sein Referat halten. Gefasst, den Ranzen fest auf den Rücken geschnallt verlässt er das Haus. Das Lampenfieber sieht man ihm von weitem an.

Am Tag zuvor hatte Anatol darauf bestanden, das Referat einmal vor Elie zu halten – zur Probe. Ich durfte dabei nicht anwesend sein; angeblich hätte ich sowieso nichts verstanden. In Wirklichkeit war Anatol die Probevorlesung peinlich gewesen und so kam allein Elie in ihren Genuß. Eine dreiviertel Stunde hatte das Ganze gedauert, denn Anatol soll mit dem Referat eine Schulstunde füllen. Das war die Vorgabe von Herrn Hildebrandt gewesen. Nach 45 Minuten hatte ich verstohlen ins Dino-Zimmer geguckt: Anatol hatte mit hochrotem Kopf seine Unterlagen studiert, in denen er irgendeine Gleichung zu suchen schien; Elie war eingeschlafen und schnurchelte auf dem Sofa vor sich hin. Das hochwissenschaftliche Thema sei für Elie offenbar zu komplex gewesen, so Anatol. Nun gut.

Heute ab halb 11 heisst es also Daumen drücken. An der Physikstunde kann ich natürlich nicht teilnehmen.

Gegen 13 Uhr, kurz vor Schulschluss, stehe ich aber dennoch vor dem Max-Planck-Gymnasium, um die beiden Dinos auf dem Nachhauseweg abzufangen und zu erfahren, wie das Referat verlaufen ist.

Die Schultüre öffnet sich, und unzählige Schüler verlassen lachend und lärmend die Schule. Wo sind Anatol und Elie? Die Schule leert sich – ein paar Nachzügler verlassen das Gebäude noch, dann fällt die Tür mit einem Knarren ins Schloss.

Wo sind meine beiden Saurier?

Ich betrete die Schule, auf die ich selbst vor Jahren gegangen bin: ein eleganter Bau der Gründerzeit mit einem atemberaubend schönen Treppenaufgang.

Heute habe ich allerdings für die Treppe keine Augen, denn ich suche meine Butler.

Eine Lehrerin kommt mir entgegen – ich frage sie nach den beiden Dinos. Sie wirft mir einen strengen Blick zu. „Elie sitzt nach. Er hat einen anderen Schüler angegriffen. Das Lehrerkollegium erwägt einen Schulverweis.“

Mir rutscht das Herz in die Hose. „Elie??“ frage ich entsetzt. „Elie hat sich noch nie aggressiv verhalten. Es muss sich um ein Missverständnis handeln! Und was ist mit Anatol?“

Die Dame führt mich zum Lehrerzimmer. „Anatol hatte heute ein Referat, in dem seine Fähigkeiten in Physik überprüft werden sollten. Da das Referat auf Grund eines Zwischenfalls nicht ordnungsgemäß zuende geführt werden konnte, hält er es nun noch einmal im Lehrerzimmer. Bitte warten Sie hier, bis Anatol fertig ist.“

Davon kann keine Rede sein. Ich warte hier auf keinen Fall, während Elie in Einzelhaft nachsitzt. Ich verlange, Elie sofort sehen zu dürfen. Die Lehrerin will dies zunächst nicht gewähren, nachdem ich aber mit Nachdruck darauf bestehe, werde ich in den „Karzer“ geführt. Ich bin schockiert. Eine solche Einrichtung gab es zu meiner Zeit nicht in dieser Schule.

Die Dame mustert mich scharf. „Sie müssen in den 70er und 80er Jahren zur Schule gegangen sein. Damals war ja alles erlaubt. Sogar Schulbesetzungen wurden geduldet. Diese Zeiten sind vorbei!“

Ich schlucke. Das ist nicht die Schule, die ich einmal gekannt habe.

Die Lehrerin öffnet ein kleines Schulzimmer – den „Karzer“. Erleichtert sehe ich Elie an einer Schulbank sitzen, ein freundlicher Lehrer muss ihm Papier und Wachsmaler dagelassen haben. Elie springt von der Bank auf und ist mit einem Satz auf meinem Arm. Um seine Fassung ist es geschehen: hemmungslos beginnt er zu weinen.

„Sie wollen mich von der Schule werfen!“ schluchzt er. „Dabei ist es alles nur Angelos Schuld!“

„Elie, beruhige Dich. Ich bin sicher, dass sich alles klären lässt. Warum ist Anatol nicht bei Dir geblieben? Ich hätte das eigentlich von ihm erwartet!“

„Anatol ist in die Lehrerkonferenz einbestellt worden, sie wollten ihm noch Fragen stellen. Da konnte er nicht weg. Ich habe dann in dem Raum hier gesessen und gemalt. Herr Hildebrandt war gar nicht besonders böse auf mich. Er hat mir erlaubt, ein paar Bilder zu malen, während ich auf Anatol warten sollte. Nur die neue Lehrerin, die immer so streng ist, war sehr ungehalten mit mir. Sie spricht immer von Disziplin und Ordnung. Wir sollen lernen, Autoritäten anzuerkennen, sagt sie. Ich verstehe das nicht!“

Ich bin fassungslos. Was ist mit meiner alten Schule geschehen? Als ich 1979 dort in die 5. Klasse kam, sprach niemand von Autorität und Disziplin … wir hatten ein gutes Verhältnis zu allen Lehrern. Nicht einmal der Direktor hatte mit mir geschimpft, als er mich eines Tages von der großen Linde herunterholen musste, auf die ich in der Pause geklettert war. Er hatte nur gesagt „Kleines, das ist gefährlich. Tu das bitte nicht. Du könnstest Dich verletzen.“

Eine antiautoritäre Reformschule war das MPG nicht, das stimmt. Aber eine Disziplinaranstalt mitsamt einem Karzer – das hatte es hier nie gegeben.

Ich nehme mir vor, der autoritären Lehrerin bei Gelegenheit einen Vortrag über Reformpädagogik zu halten, obwohl ich weiss, dass diese zur Zeit alles andere als in Mode ist. Aber dafür habe ich im MPG gelernt, dass man manchmal gegen den Strom schwimmen muss.

Ich will nun wissen, was vorgefallen ist.

Elie schildert mir die Ereignisse des Vormittags. Anatols Referat habe in der 6. Stunde, der letzten Stunde vor Schulschluss stattgefunden. Er – Elie – habe in dieser Stunde frei gehabt, und da er Anatols Referat im Original habe miterleben wollen, habe er sich heimlich in den Physikraum eingeschlichen. Einigen Schülern aus Anatols Klasse sei er natürlich aufgefallen, aber die hätten ihn hinter ihren Büchern und Federmäppchen versteckt gehalten. So habe Herr Hildebrandt nichts gemerkt.

Anatol habe kaum angefangen zu sprechen, da habe Angelo ihn bereits unterbrochen, und eine Zwischenfrage zur Quantenphysik gestellt. Er hoffe doch, dass Anatol auch dieses Thema behandeln werde? Anatol habe geantwortet, sein Referat widme sich selbstverständlich auch der Quantenphysik. Er werde etwas später dazu kommen und bitte um ein wenig Geduld. Herr Hildebrandt sei außerordentlich beeindruckt gewesen, denn Quantenphysik steht nicht einmal ansatzweise auf dem Lehrplan.

Zunächst habe Anatol die verschiedenen Kernmodelle dargestellt – das sei offenbar für Anfänger gewesen, denn Angelo habe ungeduldig mit seinem Bleistift auf die Schulbank getrommelt. Kurze Zeit später kam die nächste Zwischenfrage. Ob Anatol denn nicht bald auf die Relativitätstheorie zu sprechen kommen wolle? Anatol habe dies bejaht. Das komme gleich!

Herr Hildebrandt habe sich verwundert am Kopf gekratzt. Er hatte sichtlich nicht erwartet, dass Anatol in seinem Referat so weit ausholen würde.

Die nächste Frage von Angelo habe nur kurz auf sich warten lassen. Mit Nachdruck forderte er, dass Anatol an dieser Stelle die berühmte Schrödingergleichung erläutere, und zwar im Hinblick auf nichtrelativistische Quantensysteme – falls Anatol denn wisse, was das sei.

Hier habe Elie sich nicht mehr zurückhalten können. Zum einen habe er die ständige Fragerei als unfair empfunden, zum anderen habe er aber auch befürchtet, dass das Referat sich so noch weit in den Nachmittag hineinziehen würde. Er habe eine solch unbändige Wut auf den smarten Überflieger – Preisträger von Dinojugend forscht und Dinojugend musiziert, schlimmer noch: neuer Schwarm von Anna, Elies heimlicher Liebe – bekommen, dass er das Physikbuch seines Banknachbarn ergriffen, sich mit dem heiseren Schrei „Deine Quanten werd ich Dir zeigen!“ auf Angelo gestürzt und unter Gebrüll mit dem Physikbuch auf den Primus eingeprügelt habe.

Anatols Referat sei damit beendet gewesen. Da es unmöglich erschien, die Aufmerksamkeit der johlenden Schulklasse wieder zu Anatols Vortrag zurückzuholen, seien die Schüler nach Hause geschickt und Anatol ins Lehrerkollegium gebracht worden, wo er das Referat zuende halten durfte.

Elie habe indessen die Zeit mit Malen überbrücken sollen. Die gestrenge Lehrerin habe ihm gesagt, er könne für den Vorfall mit dem Physikbuch von der Schule geworfen werden. Das habe ihm große Angst gemacht. Er habe doch nur Anatol verteidigen wollen … und er habe es nicht mehr ausgehalten, dass das Referat sich länger und länger dahingezogen habe.

Die Tür öffnet sich. Herr Hildebrandt tritt ein, Anatol neben sich. „Anatol hat seine Eins im Zeugnis!“ verkündet er freudestrahlend. „Sein Referat war eine großartige Leistung. Mit Elie sollten Sie hingegen einmal ein ernstes Wort reden. Und nun dürfen Sie endlich in die Mittagspause.“ Er hält uns die Tür auf, flüstert Elie zu „Elie, Schulbücher sind zum Lesen da – nicht zum Schlagen!“ und entlässt uns mit einem Zwinkern in die Freiheit.

Elie will nun doch etwas wissen. „Die ganzen Fragen von Angelo – die zur Quantenphysik, zur Relativitätstheorie und dieser komischen unrealistischen Gleichung – hattest Du das denn alles in deinem Referat drin?“

„Nein.“ sagt Anatol. „Die Fragen von Angelo konnte ich unmöglich beantworten. Das war mir von vorneherein klar. Deshalb hatte ich mir überlegt, ihn mit den Antworten auf später zu vertrösten. Solange, bis mich die Schulklingel irgendwann gerettet hätte. Nun ja, das hast Du ja dann übernommen …“

IMG_1939Elie ist zutiefst zerknirscht. Er möchte am liebsten im Erdboden versinken.

„Du hast also nur geblufft, als Du behauptet hast, das käme alles noch? Und ich dachte, ich sitze da um vier Uhr nachmittags noch … Oh Mann… “

Nun können die Ferien beginnen.

56. Kapitel – Intendanzprobleme II

Nach dem Frühstück begebe ich mich als erstes zu meinem Hausarzt, zur Akupunktur.

IMG_2316Dort treffe ich Fridolin, der wie üblich damit beschäftigt ist, Krankenakten zu sortieren, die im Wartezimmer ausliegenden Zeitschriften zu ordnen und Termine zu vergeben. Fridolin erledigt seine Aufgaben zügig und unaufgeregt – er strahlt Ruhe und Souveränität aus. Es heisst, dass manche Patienten nur hier zum Arzt gehen, um Fridolin zu treffen. Allein seine Anwesenheit scheint sich auf viele Patienten positiv auszuwirken.

Dennoch habe ich auch heute wieder den Eindruck, dass Fridolin angespannt ist – so gut er es zu verbergen sucht. Aber auch diesmal ergibt sich leider keine Gelegenheit, ihn diskret darauf anzusprechen.

Die Sommerkollektion von Somewhere erwähne ich aber – ich weiss, dass Fridolin samstags nach Praxisschluss zu Somewhere geht, um dort im Lager zu arbeiten. Zudem ist er auch für die Dekoration der Boutique zuständig – daher kennt er die Kollektion perfekt.

„Fridolin, Anatol und Elie haben alle meine Sommertops in die Kleidersammlung gegeben.“ Hier flunkere ich ein klein wenig. „Es wird jetzt Sommer – letzte Woche hatten wir ja schon 28°C. Ich brauche also dringend ein paar anständige Sommersachen. Habt Ihr so etwas in der Kollektion? Es sollte auch bürogeeignet sein. Am liebsten aus Leinen – das kühlt am besten.“

Ich weiss, dass ich dabei bin, mein „Konsum-Verzichts-Gelübde“ sträflichst zu missachten. Aber was soll ich tun – ich habe kaum noch Sommertops, und schon bald wird es wieder warm werden.

Fridolin denkt kurz nach. „Ja, ich denke, da müssten wir ein paar hübsche Sachen haben. Die aktuelle Sommerkollektion ist eine der schönsten, die ich dort gesehen habe. Wenn Du nicht so viel Geld loswerden möchtest, rate ich Dir, die Schals und Halstücher lieber nicht anzusehen. Sie sind absolut tödlich. Aber auch wenn es nur ein oder zwei schöne Tops sein sollen, dann wirst Du sicher Dein Glück finden.“

Ich danke Fridolin und suche nach einer Rechtfertigung vor mir selbst… soll ich mir die Tops ansehen? Ich weiss, dass ich dann sicher etwas kaufen werde. Schließlich habe ich zum Geburtstag etwas Geld geschenkt bekommen, mit der Auflage, davon etwas Schönes zu erstehen …

IMG_2319Vor der Boutique zögere ich. Soll ich das Geschäft wirklich betreten?

Kurzentschlossen drücke ich die Tür auf – und bin von wunderschönen Kleidungsstücken umgeben, die ich unmöglich alle ansehen, geschweige denn anprobieren kann.IMG_2323

Der eigentliche Zweck meines Besuchs in dem Modetempel ist es ja, die fehlenden Sommertops zu ersetzen – und zwar durch etwas, das ich auch im Büro tragen kann. Gleich finde ich zwei wunderschöne Oberteile in hellgrau und weiss, die ich sofort zurücklegen lasse.

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Wie Fridolin bereits andeutete, sind die Halstücher bestrickend schön. Ich erliege einer dieser Kostbarkeiten, und verlasse schließlich mit Sommertops, einer Matrosenbluse aus Leinen und einem exotisch eleganten Foulard die Boutique. Aufgrund meiner Geburtstags-Punkte und der hier sogenannten „Ventes privées“ zahle ich nur die Hälfte des eigentlichen Preises. Das wird den Butlern sicher gefallen !IMG_2353

Mit einer nicht exzessiv großen Tüte komme ich nach Hause.

„Anatol! Elie!“ rufe ich. „Fridolin hat mich großartig beraten. Ich habe ein paar wunderschöne Teile als Ersatz für die weggegebenen Tops gefunden!“

Anatol guckt betreten aus dem Schlafzimmer. Elie sitzt auf dem Kleiderschrank und sieht ebenfalls recht verlegen aus. Kleinlaut meint Anatol, man habe nach der morgendlichen Kontroverse etwas aufräumen wollen und dabei auch weniger genutzte Fächer des Schrankes ausgeräumt. Hierbei sei eine Kiste aufgefallen, die man geöffnet habe.

Die Kiste habe alle vermissten Tops – fein säuberlich zusammengelegt – beherbergt. Offenbar habe man letztere nämlich nicht in die Kleidersammlung gegeben, sondern in der Kiste verwahrt.

Ich muss mich setzen.

„Heisst das, dass ich nicht nur neue Klamotten in einen dem Minimalismus verpflichteten Haushalt gebracht habe, sondern dass die gesamten Altlasten immer noch da sind?“ frage ich entsetzt.

„Ja, genau das heisst es“ gibt Anatol beschämt zu.

„Tja.“ sage ich nur. „Daran kann man wohl nun nichts mehr ändern.“

Überglücklich, dass mein geliebtes, altes, grünes Top, dass so perfekt zu meinem Lieblingsanzug passt, wieder da ist, beginne ich, die neu erstandenen Oberteile auszupacken.

Minimalismus ist toll. Aber manchmal darf er auch etwas warten.

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55. Kapitel – Intendanzprobleme I

Fassungslos durchwühle ich meine T-Shirt-Schublade.

„Anatol!“ rufe,  nein: schreie ich. „Wo sind meine Trägertops!?“ Ich bin außer mir.

Verschlafen reibt Anatol sich die Augen. Der Faulpelz hatte noch geschlafen – obwohl es schon 7 Uhr 30 durch ist!

„Deine Trägertops…? Wo die sind? Ja keine Ahnung! Woher soll ich das denn wissen. DU trägst die doch.“

„Sieh Dir meine Schublade an! Sie ist leer!! Hier sollten alle meine Tops drin sein – die grünen, die in rosa und die weissen. Aber jetzt liegen hier nur noch 3 weisse Tops drin! Wo sind die anderen?!“

Anatol zuckt die Schultern.

„Oh Du Spitzbube, Du weisst es doch ganz sicher!“ rufe ich und will den Butler packen. In Windeseile ist er da aber schon aufs Regal geklettert – und befindet sich außerhalb meiner Reichweite. Er weiss, dass ich sehr ungemütlich werde, wenn es um meine Klamotten geht.

Elie lugt aus der Küche hervor. Zumindest er hat sich schon am Kühlschrank zu schaffen gemacht – ich denke, um das Frühstück vorzubereiten.

„Ist heute dicke Luft?“ fragt er schüchtern.

Anatol gibt – vom sicheren Regal aus – ein Schnauben von sich. „Sie hat ihre Sachen nicht aufgeräumt, findet nichts mehr und ICH soll Schuld sein.“

Elie druckst herum. Irgendetwas will er uns nicht sagen. „Elie!“ sage ich mit drohendem Unterton. „Wo sind meine Sachen!?“

„Aber die haben wir doch alle aussortiert. Für die Kleidersammlung. Weisst Du noch – als wir entrümpelt haben. Im März. Du hast noch einen ganzen Blogeintrag dazu geschrieben, und sogar eine Kategorie „Entrümpeln“ in den Blog eingefügt.“

Siedend heiss fällt es mir ein. Ja, da war etwas gewesen. Kann es sein, dass ich selbst meine guten alten Trägertops aussortiert habe??

Anatol krabbelt vom Regal herunter. „Ich bin dann ja wohl entlastet. Gibt es mal einen Kaffee für mich, bitte? So ein böses Erwachen an einem Samstag Morgen hatte ich lange nicht.“ Er wirft mir einen scharfen Blick aus dem Augenwinkel zu.

So geht es nun nicht. „Wieso hast Du mich nicht davon abgehalten, all die schönen Sachen wegzugeben, Anatol! Das gehört klar zu Deinen Aufgaben!“ Ich bin außerordentlich aufgebracht.

Anatol schüttelt den Kopf. „Wenn DU etwas weggeben willst, dann ist das Deine Entscheidung. Und jetzt will ich nichts mehr davon hören. Die alten Klamotten waren sowieso zu klein geworden – und ich kann nichts dafür, dass Du Dir dieses Jahr keine neuen kaufen willst. Nun musst Du den Sommer eben mit 3 Trägertops überstehen.“

Ich würde am liebsten in Tränen ausbrechen. Mein schönes grünes Top, das ich mir 2001 gekauft hatte, und das so gut zu dem einen Anzug passte – das konnte ich doch unmöglich weggegeben haben…

Elie gießt mir einen Tee ein. Er meint, es sei doch gut, in der Schublade wieder soviel Platz zu haben. Ich sollte mich nicht so grämen wegen der alten Klamotten. Er selbst trage außer seinem Chèche oder meinem Kapuzenschal eigentlich nie Kleider. Sowas sei ganz überflüssig.

Letzterem kann ich mich nicht anschließen. Mir fällt aber ein, dass ich gerade erst einen Gutschein für meinen Lieblingsladen Somewhere bekommen habe… aber da gibt es ja noch meine Kleider“diät“ … was soll ich tun?

Elie flüstert mir zu: „Fridolin hat mir gesagt, dass sie bei Somewhere eine wunderschöne Sommerkollektion haben. Du kannst doch heimlich da mal gucken …? Vielleicht haben sie das eine oder andere kleine Trägertop für Dich.“

Elie ist ein Schatz. Ich weiss allerdings noch nicht, ob ich seinen Rat befolgen werde.

Nun gibt es Frühstück – ohne dicke Luft.

Hier geht es zur Fortsetzung: Intendanzprobleme II

 

54. Kapitel – Am Starnberger See

Seit mehreren Monaten liegt sie mir auf der Seele – die unerbittlich näherrückende Dienstreise zum Starnberger See. Zwei ganze Tage und eine Nacht werde ich verreist sein – Katzen und Dinosaurier sind allein zu Haus !

Heute ist es so weit: Meine Reisetasche ist gepackt. Anatol hat mehrmals kontrolliert, ob ich auch alles habe. Schlafanzug, Seife, Shampoo … etwas Wäsche zum Wechseln und eine warme Jacke : alles hat er erst in einer Liste zusammengestellt und dann in Windeseile in die Tasche gepackt.

Ich hoffe, dass er nichts vergessen hat.

Für die Katzen ist gesorgt : eine liebe Freundin kommt zum Catsitten. Aber wird Tonio sein Medikament nehmen ? Werden Loup und Riri sich nicht hauen ? Und wird Noah die armen Katzenmädchen, die er so gern durch die Zimmer jagt, in Frieden lassen ?

All dies geht mir durch den Kopf – aber ich weiss ja, dass immer noch die beiden Butler da sind und notfalls eingreifen können.

Mein Zug geht um kurz vor 14 Uhr. Ich habe genügend Zeit, um vor der Abfahrt noch einmal nach Hause zu gehen, die Katzen zu füttern und mein glücklicherweise leichtes Reisegepäck abzuholen. Zum Bahnhof kann ich sogar mit dem Fahrrad fahren.

Von den Butlern keine Spur, als ich aus dem Haus gehe. Ich vermute, sie haben sich in den Park verdrückt, um meiner Reisenervosität zu entrinnen. Seit gestern schimpft Anatol, ich sei so aufgeregt, als ginge es auf eine Weltreise! Dabei würde ich nur für anderthalb Tage an den Starnberger See fahren – dies sei nun wirklich nichts, weshalb man sich so beunruhigen müsse.

Sicher hat er Recht. Aber derlei Reisen bringen mich einfach aus dem Konzept – immer befürchte ich, irgend etwas Wichtiges vergessen zu haben. Nun bin ich aber unterwegs – und üblicherweise legt sich die Aufregung, sobald ich losfahre.

IMG_2265Mein Fahrrad schließe ich am Bahnhof im überwachten Fahrradparkplatz an, und begebe mich dann aufs Gleis. Kurze Zeit später kommt der Zug. Ich steige ein – die Reise hat begonnen !

Meine freundliche Kollegin aus dem Büro hat mir einen komfortablen Fensterplatz reserviert, den ich schnell finde.

Meine Nervosität ist einem ordentlichen Hunger gewichen. Anatol hatte das vorhergesehen und mir deshalb schon heute morgen ein reichlich bemessenes Lunchpaket mit Butterbroten und etwas Salat eingepackt. Auf diesen Proviant freue ich mich nun sehr.

IMG_2277Ich öffne meine Tasche – und sehe entsetzt, dass ich nicht allein auf Reisen gegangen bin.

Gleich obenauf, in meinen Pulli eingemummelt, befinden sich zwei blinde Passagiere, für die ich keinerlei Reisegepäck geschweige denn eine Fahrkarte habe: Anatol und Elie haben sich in die Reisetasche hineingeschmuggelt und sind mitgekommen!

Anatol guckt mich spitzbübisch an. « Glaubst Du wirklich, wir hätten Dich allein zum Starnberger See fahren lassen ? Wir wollen schließlich auch etwas sehen von der Welt, und am Starnberger See soll es wunderschön sein ! » Elie fügt fröhlich hinzu :  « Wir wollen mit auf die Abenteuerreise! »

Mir verschlägt es die Sprache. Mit den beiden Burschen kann ich auf dieser Reise überhaupt nichts anfangen ! Wie soll ich den anderen Teilnehmern der juristischen Konferenz erklären, dass ich mit zwei Stoffdinosauriern anreise ?

« Anatol, was hast Du Dir dabei gedacht ! Ihr fahrt gerade schwarz in der Bahn! Und das hier ist keine „Abenteuerreise“ – ich bin dienstlich unterwegs! Morgen findet eine Markenrechtskonferenz statt, an der ich teilnehme! Da könnt Ihr unmöglich auftauchen. Zudem werde ich den heutigen Abend und den ganzen Tag morgen mit meinen Kollegen verbringen – was wollt Ihr denn in der Zeit machen ? Allein am See lasse ich Euch auf keinen Fall ! Und wer passt jetzt auf die Katzen auf ? »

Ich bin außer mir.

Elie findet, dass ich wieder einmal überreagiere. « Wir sind absolut brav während Deiner Konferenz. Notfalls schlafen wir einfach in Deiner Tasche. Aber heute abend und morgen früh können wir doch an den See ! Warum soll das nicht möglich sein ? »

« Und die Fahrkarte, die Ihr beiden nicht gelöst habt ? Was machen wir, wenn Ihr kontrolliert werdet ? » flüstere ich – denn wer weiss, wer hier gerade mithört!

IMG_2272Anatol behauptet schlichtweg, die Beförderung von Dinosauriern mit der Bahn sei kostenlos. Er habe die allgemeinen Beförderungsbedingungen der Deutschen Bahn genauestens studiert – und nirgendwo stünde, dass Dinosaurier einen Fahrschein zu lösen hätten.

Ich bin mir nicht sicher, ob diese Argumentation frei von Denkfehlern ist, vermute aber, dass es wohl das Beste sein wird, wenn wir dem Schaffner nicht sagen, dass noch zwei Dinos mitreisen. Auch wenn mir nicht sehr wohl dabei ist, denke ich aber doch, dass wir so einigen Problemen aus dem Weg gehen werden.

Der Zug kommt in Stuttgart an ; die Butler haben sich nun wieder brav im Koffer versteckt. Wir müssen hier nach München umsteigen – aber die Bahn macht uns einen Strich durch die Rechnung : der Anschlusszug ist über eine halbe Stunde verspätet. Wo er abfahren wird und wann genau – es kann uns niemand sagen. Ziellos irren wir durch den Bahnhof, der einer Großbaustelle gleicht – es muss doch hier eine Auskunft geben… !

Ein freundlicher junger Mann versichert mir, dass der Zug nach München ganz bestimmt auf Gleis 15 abfährt – allerdings erst in etwa einer halben Stunde.

IMG_2267Wir setzen uns auf eine Bank und warten. Der Wind pfeift über die Gleise – es ist kalt geworden. Ich bin froh, dass Anatol heute morgen darauf bestanden hat, dass ich doch die warme Jacke mitnehme. Die Butler sitzen in der Reisetasche, weich und warm in meinen Pulli eingekuschelt. Mittlerweile freue ich mich, dass sie mitgekommen sind. Bald werden wir zu dritt den Starnberger See unsicher machen !

Endlich fährt unser Zug ein – und wenige Stunden später sind wir an unserem Ziel angekommen. Ich befehle den Butlern, sich in meiner Reisetasche zu verstecken und dort mucksmäuschenstill zu sein. Ich werde nämlich am Bahnhof von einer Kollegin abgeholt, die mich nicht in Begleitung von zwei Stoffdinosauriern in Empfang nehmen soll.

Unsere erste Fahrt geht in die Kanzlei meiner Kollegin. Dort sind bereits alle anderen Teilnehmer der Konferenz versammelt.

Da es in der Tasche fiept und rumort, tippe ich leicht mit dem Fuß daran. Nun muss absolute Ruhe herrschen ! Ich kann mich hier nicht zum Spott aller Kollegen machen. Schließlich habe ich einen Ruf zu verlieren.

Die Tasche bleibt nun still – in einem unbeobachteten Moment kann ich aber doch einen Blick hineinwerfen, mich überzeugen, dass dort alles ok ist, und eine weitere eindringliche Ermahnung an die Saurier aussprechen !

Das Abendprogramm der Konferenz beginnt.

Zunächst steht ein Besuch im weltberühmten Buchheim-Museum an. Das Museum, welches unter anderem eine beeindruckende Sammlung expressionistischer Gemälde beherbert, liegt direkt am Starnberger See. Um es zu erreichen, müssen wir durch einen Park spazieren – da ich allerdings nicht allein, sondern mit meinen Juristenkollegen unterwegs bin, können die Butler hier nicht mit.

Oder doch? Ich habe eine Idee. Unter dem Vorwand, etwas im Auto vergessen zu haben, laufe ich noch einmal zurück zum Parkplatz. Dort lasse ich die beiden Saurier aus der Reisetasche heraus und schärfe ihnen ein, der Gruppe – und vor allem mir! – in gebührendem Abstand zu folgen und dann vorsichtig mit ins Museum zu kommen, immer gut versteckt. Schließlich möchte ich ihnen den Besuch dieses außergewöhnlichen Ortes mit so unterschiedlichen Kunstsammlungen nicht vorenthalten. Außerdem befürchte ich, dass die beiden Butler, wenn sie zu lange in der Tasche eingeschlossen sind, doch irgendwann anfangen, zu randalieren – eine Situation, deren Peinlichkeit ich mir gar nicht vorstellen möchte.

IMG_2283Der Parkweg führt uns durch einen Wald vorbei an einem chinesischen Pavillon herunter zum See und zum Museum. Unsere Konferenzleiterin macht ein Photo von mir.

Die Reise beginnt, mir Spaß zu machen. Ich denke, man sieht es auf dem Photo.

Etwa 50 Meter hinter uns sehe ich die Saurier durchs tiefe Gras schleichen. Sie sind außerordentlich vorsichtig und diskret – niemand bemerkt die beiden, nicht einmal, als sie hinter einem Museumstransporter versteckt durch eine Nebentür heimlich ins Museum schlüpfen.

Das Museum hat für gewöhnliche Besucher bereits geschlossen. Wir bekommen eine eigens für uns bestellte Privatführung – außer uns befindet sich niemand im Museum! Die Räume sind hoch und sehr hell, die Architektur erinnert an das berühmte Bauhaus. Wenn man das Museum vom See aus betrachtet, stellt man fest, dass es die Form eines Schiffes hat. Die streng moderne, vollkommen schnörkellose Bauweise lässt für unsere Saurier fast keine Verstecke.

Ich beginne, mir Sorgen zu machen: und wenn meine Idee, die beiden mit ins Museum zu lassen, uns nun auffliegen lässt?

Mit einem mulmigen Gefühl sehe ich, wie die beiden Spitzbuben sich zunächst in der völkerkundlichen Sammlung afrikanischer Stammesmasken verbergen. Regungslos verharren sie hinter und neben den Masken – sie fügen sich so gut in die Sammlung ein, dass niemand sie bemerkt. Ich atme etwas auf.

Wir erfahren, dass Lothar-Günther Buchheim der Autor des Romans „Das Boot“ ist. Den gleichnamigen Film von Wolfgang Petersen kennt wohl jeder – ein weiterer meiner Lieblingsfilme. Das Museum hat ein nachgebautes U-Boot ausgestellt, welches die beklemmende Atmosphäre des Films sehr eindrucksvoll wiedergibt. Besucher dürfen den Nachbau allerdings nicht betreten – dies beruhigt mich, denn Anatol und Elie haben sich in einer der U-Boot-Kojen versteckt – keck schielen sie aus ihrem Schlupfwinkel hervor. Ich merke, dass es bald Zeit für eine Ermahnung ist! Die beiden werden mir etwas zu übermütig

Die Museumsführerin, die mitreissend Lebenslauf und künstlerischen Werdegang Lothar-Günther Buchheims erzählt, zeigt uns nun die spektakuläre Expressionisten-Sammlung, die das Museum ausstellt. Diese zieht meine Kollegen und mich so in ihren Bann, dass wir keine Augen mehr für anderes haben. Die Butler nutzen dies aus und stromern ganz unbehelligt durch das Museum, hier und da ein expressionistisches Werk bewundernd. Besonders Elie bleibt bei manchen Bildern der Mund offenstehen. Er wird mich später fragen, ob er auch Maler werden dürfe – so wie Emil Nolde und Ernst Ludwig Kirchner, deren Bilder es ihm besonders angetan haben.

Viel zu schnell ist die Führung vorbei. In einem unbeobachteten Moment sammle ich meine Butler auf, wickle sie in meinen Pulli ein und stopfe sie – „Keine Widerrede!“ – in meine Handtasche. Wir können jetzt kein Risiko eingehen.

IMG_2285Kurze Zeit später sind wir im Restaurant, direkt am Seeufer. Anatol und Elie bleiben brav in meiner Handtasche versteckt; schließlich sitzen sie jetzt inmitten einer größeren Juristenrunde – das macht ihnen ausreichend Angst, um sie ruhig zu halten. Von Zeit zu Zeit stecke ich ihnen einen Leckerbissen zu, was glücklicherweise unbemerkt bleibt.

Der Abend ist sehr gesellig und geht erst gegen Mitternacht zuende.

Müde stolpere ich in mein Hotelzimmer – unser Hotelzimmer, um genau zu sein.

Dort stelle ich mit Entsetzen fest, dass die Heizung auf Hochtouren läuft und sich weder durch Drehen am Thermostat noch durch gutes Zureden davon abbringen lässt, weiter zu heizen.

Ich kann allerdings nur ohne Heizung schlafen – wenn es nicht sehr kühl in meinem Zimmer ist, brauche ich an Nachtruhe nicht zu denken.

Anatol werkelt noch eine Weile an der Heizung herum, gibt dann aber zu, dass er hier nichts ausrichten kann. Es ist halb ein Uhr Nachts. Die Heizung glüht.

In meiner Verzweiflung begebe ich mich zurück ins Restaurant, das zum Hotel gehört. Ein freundlicher Herr sagt zu, die Heizung sofort zu reparieren – also abzustellen.

Eine halbe Stunde später scheint der Thermostat-Schaden behoben, und ich falle beruhigt ins Bett.

Früh werde ich durch eindringliches Zureden geweckt. Die Butler sind schon länger wach und möchten nun zum See.

IMG_2311Am liebsten möchte ich mich auf die andere Seite drehen und weiterschlafen, aber um 10 Uhr wird die Konferenz beginnen, und vorher will auch ich unbedingt an den See. Ich springe auf, mache mich fertig, und schon sind wir auf dem Weg ans Seeufer:

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Anatol und Elie können gar nicht genug vom See bekommen. Aber um 10 Uhr beginnt meine Konferenz, und wir haben noch nicht gepackt.

Den Rest des Tages werde ich nur eingeschränkt mitbekommen. Kurze Zeit, nach dem die Konferenz angefangen hat, setzt unvermittelt eine Migräne ein, wie ich sie in dieser Intensität selten erlebe. Von Medikamenten zeigt sie sich vollkommen unbeeindruckt, vermittelt mir aber bald, dass alles bisher Eingenommene schnellstens und auf dem gleichen Weg, wie es in meinen Magen gekommen ist, wieder heraus muss.

Ich schaffe es noch, mich bei meinen Kollegen zu entschuldigen und verbringe die Mittagspause abwechselnd auf einer Bank liegend hinter ein paar Tischen versteckt und in den sonstigen in solchen Fällen einschlägigen Örtlichkeiten.

Anatol und Elie sind außer sich vor Sorge, und sie sind damit nicht allein, denn meine liebe Kollegin, die die Konferenz leitet, möchte einen Arzt rufen, so verheerend sehe ich aus. Zum Glück kann ich das verhindern.

An Peinlichkeit ist die Situation dennoch nicht mehr zu überbieten.

Zum Glück geht es mir am späteren Nachmittag zumindest so weit besser, dass ich den Rest der Konferenz am Tisch sitzend mitverfolgen kann.

Erst im Zug, als wir in München Pasing einfahren, sagt eine Kollegin „Sie fangen gerade an, wieder ein wenig Farbe ins Gesicht zu bekommen. Geht es Ihnen besser?“ Ich kann dies bejahen; wirklich gut geht es mir allerdings erst in Stuttgart.

Im Nachhinein möchte ich vor Scham in den Boden versinken, aber die Kollegen sagen einhellig, für Migräne könne niemand etwas, und sie hofften, mich beim nächsten Treffen bei besserer Gesundheit begrüßen zu können.

Anatol schimpft allerdings, ich hätte den Termin beim Neurologen schon vor Monaten ausmachen sollen. Ich weiss, dass er wieder einmal Recht hat, und bin zum ersten Mal froh darüber, dass der Termin nun endlich näher rückt.

Um eine Geschichte der Kategorie „Dein peinlichstes Erlebnis mit der Migräne“ reicher, gedenke ich, Violetta in ihrem Migräne-Blog recht bald von der blamablen Begebenheit zu erzählen: Wenn man schon Migräne hat, muss man zumindest ab und zu mal darüber lachen können.

Um 21 Uhr treffen wir in Strasbourg ein; die Katzen sind wohlauf und haben sich mit meiner Freundin sichtlich wohl gefühlt.

Wir können also demnächst wieder auf Reisen gehen – nur bitte ohne Migräne.

 

53. Kapitel – „Die schwarze Katze“

10. Mai, 23 Uhr 15. Mein Geburtstag ist fast vorbei – und eine lange, aufreibende Nacht liegt vor uns.

Elie ist, nachdem er mit seinem Freund Mirko „Eyes wide shut“ gesehen hat – ein Film, den er laut FSK frühestens in 10 Jahren zu Gesicht bekommen dürfte – davongelaufen, um im Strasbourger Nachtleben seinen Liebeskummer zu betäuben.

Anatol und ich sind in höchster Sorge. Wie sollen wir Elie wiederfinden? Er kann im Grunde überall sein – wir müssen die einschlägigen Lokale eines nach dem anderen abklappern.

Die Polizei will ich nicht einschalten – mit dem Auge des Gesetzes haben wir, was Dinosaurierfragen angeht, keine allzuguten Erfahrungen gemacht. Wir müssen mit Bordmitteln arbeiten.

Welches Etablissement suchen wir zuerst auf? Anatol schlägt das Café des Anges vor. Dort werde Salsa getanzt – vielleicht habe Elie den Tanz lernen wollen, um Anna später damit zu beeindrucken? Wer seinerseits perfekt Salsa tanzt, brauchen wir nicht näher zu erwähnen: Angelo – Elies Erzrivale.

Innerhalb von 5 Minuten sind wir beim Café des Anges. Der Türsteher mustert mich abschätzig. Sieht man mir an, dass ich überhaupt nicht tanzen kann?

Nein, er habe keinen kleinen Plüschdinosaurier hereingelassen. Ja, da sei er sich ganz sicher. Auf weitere Nachfrage beginnt der Videur, wie man hier sagt, an seinem Handy herumzufingern. Ich halte dies für kein gutes Zeichen und ziehe es vor, mich zu verabschieden – bevor der gute Mann Verstärkung holt, um die sichtlich etwas derangierte, nicht mehr ganz so junge Dame aus dem Eingangsbereich des exquisiten Clubs zu entfernen.

Auf der Straße frage ich Anatol, ob er einen anderen Club kenne, der es Elie vielleicht angetan haben könne? Finde gar heute Nacht möglicherweise ein Kostümball in Strasbourg statt …? Das wäre sicher eine Adresse, die man aufsuchen müsse.

Anatol ist nichts dergleichen bekannt. „Lass uns noch mal im Salamandre gucken. Das ist ein Club, in den Studenten gehen. Angelo kann durchaus mal dagewesen sein – vielleicht hat er das in der Schule erzählt?“

Mir ist jeder Vorschlag recht. Auch vor diesem Etablissement steht ein Videur und kontrolliert, ob die Kleidervorschriften eingehalten werden. Allein dies deutet bereits darauf hin, dass Elie – soweit er sich nicht ganz neu eingekleidet hat! – hier im Grunde keinen Einlass gefunden haben kann. Dennoch befrage ich den Türsteher.

„So so. Sie suchen also einen Stoffdinosaurier, der Ihnen ausgebüxt ist. Warum lassen Sie ihn sich nicht mal ordentlich amüsieren?“ Der Muskelprotz bricht in ein hämisches, heiseres Lachen aus. Frostig stelle ich klar, dass mein Stoffdinosaurier heute bereits genügend Gelegenheit hatte, sich zu „amüsieren“ – und dass ich dem gnädigen Herrn außerordentlich verbunden wäre, wenn er mir die gewünschte Auskunft nun bitte erteilen würde. Der Videur durchbohrt mich mit einem stahlharten Blick, der mir Angst machen soll. Nein, da sei kein Stoffdinosaurier im Club. So etwas hätte er im Übrigen gar nicht erst hereingelassen. Bevor ich mich mit dem Gorilla darüber anlegen kann, was das „so etwas“ zu bedeuten habe, zerrt Anatol mich weg. Er flüstert wütend: „Merkst Du nicht, dass der Kerl es auf Dich abgesehen hat? Mit derlei Typen ist nicht zu spaßen!“

Verzweifelt konsultiere ich mein iPhone nach weiteren Bars und Nachtclubs. Wir können unmöglich all diese Örtlichkeiten nach Elie durchkämmen! Da hat Anatol eine Idee: Fridolin arbeite nachts in einem Club als Kellner. Den sollten wir sofort aufsuchen und fragen, ob er über seine Verbindungen Elie lokalisieren könne.

Kurze Zeit später betreten wir das berühmte „Le Trou „. Interessanterweise scheint Anatol hier nicht unbekannt zu sein – ich nehme mir vor, ihn danach später genauer zu befragen – zumindest werden wir sofort eingelassen und sehr zuvorkommend behandelt. Augenblicklich sitzen wir an einem Tisch – zwei Cocktails, deren Genuß ich Anatol sofort verbiete, vor uns. Der Servierer teilt uns mit, Fridolin sei gerade in der Pause, er werde ihn aber rufen.

Die Cocktails duften verführerisch, aber gefährlich hochprozentig. Ich lasse sie zurückgehen und bestelle Anatol einen Apfelsaft und mir ein alkoholfreies Bier. Wir müssen einen klaren Kopf bewahren.

Da setzt sich Fridolin auch schon an unseren Tisch. „Was für ein seltenes Vergnügen, Euch hier zu sehen!“ Fridolin freut sich sichtlich, zwei bekannte Gesichter begrüßen zu können. „Ihr könnt die Cocktails auch ohne Alkohol bekommen – ich bestelle sie Euch sofort. Ihr seid natürlich eingeladen – noch dazu an Deinem Geburtstag!“ Fridolin macht dem Kellner ein Zeichen.

„Fridolin, wir sind nicht zum Feiern da. Elie ist getürmt, und wir vermuten, dass er sich in einem Nachtclub herumtreibt.“ Anatol sieht Fridolin besorgt an.

Fridolin versteht sofort. „Es gibt da eine oder zwei Personen, die ich kontaktieren könnte. Allerdings nicht offiziell. Namen kann ich keine nennen. Vielleicht finden wir so etwas heraus … ja könnte klappen. Komme gleich wieder. Ihr trinkt jetzt Eure Cocktails – so etwas Verkrampftes wie Euch beide habe ich hier lange nicht bewirtet. Nein, keine Angst: kein Alkohol, keine Drogen.“

Er verschwindet hinter dem Tresen und flüstert dem zweiten Kellner etwas zu. Dieser nimmt den Hörer eines altertümlichen, fest an der Wand installierten Telephons mit Wählscheibe ab und wählt eine Nummer. Dann spricht er eindringlich in den Hörer. Was er sagt, hören wir nicht. Anatol leert seinen alkoholfreien Cocktail in einem Zug – ich lasse mir etwas mehr Zeit. Unter anderen Umständen hätte ich den Cocktail genossen. Heute Nacht überwiegt die Angst um Elie.

Leutselig kehrt Fridolin an unseren Tisch zurück. Er reibt sich die Hände: „Elie ist tatsächlich gesehen worden. Fragt mich bitte nicht nach meinen Quellen – die kann ich Euch nicht offenlegen. Elie muss versucht haben, zu verschiedenen Clubs Zutritt zu bekommen – im Aviateurs haben sie ihn nicht hereingelassen, im Seven ebenfalls nicht. Einen weiteren Kontakt ruft mein Kollege gerade an – allerdings hoffe ich, dass Elie dort nicht hingegangen ist.“

Der Schreck fährt mir in die Glieder. „Was wäre denn dabei so schlimm, an diesem „Lokal“…?“ frage ich besorgt.

„Es handelt sich um Die Schwarze Katze„, sagt Fridolin. „Das ist ein Club, in dem junge Leute wie Elie überhaupt nichts zu suchen haben – wenn Ihr versteht, was ich meine.“

Ich verstehe – und hoffe inständig, dass wir Elie in einem harmlosen Café bei einem Kakao oder meinetwegen auch einem alkoholfreien Cocktail auffinden mögen …

Fridolin wird nun ans Telephon gerufen. Er nimmt den Hörer, erstarrt kurz – und gestikuliert dann wild: offensichtlich wurde Elie gesichtet! Anatol und ich stürzen zu Fridolin ans Telephon.

Der Geschäftsführer der Schwarzen Katze ist am Apparat: vor etwa 10 Minuten sei ein mit einem dunklen Kapuzenschal bekleideter beigefarbener Plüschdinosaurier am Eingang erschienen, habe ein dem Türsteher gänzlich unbekanntes „Passwort“ geflüstert und um Einlass gebeten. Da dem Türsteher die Angelegenheit nicht geheuer gewesen sei, habe er das Stofftier nicht hereinlassen wollen. Da dieses aber auf Zutritt bestanden habe, habe sich der Aufpasser den Dinosaurier kurzerhand geschnappt und ihn in den Gewahrsam der Barkeeperin gegeben – um genauer zu sein, in deren Kanarienvogelkäfig gesperrt. Darin sitze er auch jetzt noch und könne abgeholt werden.

Anatol und ich umarmen Fridolin – unser Dank lässt sich nicht in Worte fassen. Im Handumdrehen sitze ich auf dem Fahrrad, Anatol in meiner Tasche, und fliege förmlich in Richtung „Schwarze Katze „.

Der dortige Türsteher ist freundlicher als seine Kollegen, die wir heute im Laufe der Nacht kennenlernen durften. Er führt uns an die Bar des in der Tat für Jugendliche nicht geeigneten Etablissements, wo ein altmodischer, gusseiserner Vogelkäfig von der Decke herabhängt – einen Stoffkanarienvogel und Elie mitsamt meinem Kapuzenschal beherbergend. Anatol wollte das unglaubliche Bild, das sich uns hier bot, photographieren – aber Photos sind in der Schwarzen Katze streng verboten.

Die Barkeeperin bietet uns sehr liebenswürdig einen Tisch an – auch Getränke stehen schon bereit. Ich will jedoch diesen – obwohl tatsächlich sehr gastfreundlichen – Ort schleunigst verlassen.

Es ist mittlerweile 3 Uhr morgens. Elie hat sich in meinen Kapuzenschal gekuschelt und war offenbar direkt nach seiner Arretierung in der Volière eingeschlafen. Von dem fröhlichen Treiben in der Schwarzen Katze hat er sichtlich nichts mitbekommen. Ich werde ihm morgen gehörig den Kopf waschen.

Auch ein ernstes Gespräch mit Mirko nehme ich mir vor.

Endlich sind wir zu Hause – Anatol schlummert nun auch in meiner Tasche.

Ich setze die Butler in ihr Nest und decke sie zu. Dann lege ich mich auf mein Bett und schlafe augenblicklich ein.

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52. Kapitel – Geburtstag mit Überraschungen

Nach einem etwas holprigen Start in meinen Geburtstag beginne ich, mich auf das heutige Programm zu freuen. Als erstes gehe ich zur Bäckerei und bestelle für Montag einen Himbeerkuchen, den ich meinen Freunden bei der Arbeit mitbringen möchte. Anatol backt zur Zeit nicht – er ist in sein Physikreferat vertieft und wird daran wohl auch die nächsten Tage arbeiten. Zum Glück ist auf meinen Bäcker an der Ecke Verlaß.

IMG_2249Bei der Akupunktur treffe ich Fridolin. Er gratuliert mir herzlich zum Geburtstag – anders als meine Butler hat er mich nicht vergessen! Fridolin bemüht sich, professionell und gutgelaunt wie immer aufzutreten. Dennoch bemerke ich, dass ihn etwas bedrückt. Leider bleibt bis zu meinem Termin nicht ausreichend Zeit, um nachzufragen – auch sind andere Patienten anwesend, und ich möchte Fridolin in dieser Umgebung nicht mit möglicherweise privaten Dingen belästigen. Ich nehme mir aber vor, Anatol heute abend zu bitten, sich um Fridolin zu kümmern – wenn sein leidiges Referat endlich abgeschlossen ist.

Nach der Akupunktur bekomme ich einen Geburtstagstee bei einer lieben Freundin, und dann gibt es Spaghetti a l´arrabiata – meine Lieblingsnudeln.

IMG_2258Das Highlight des Tage steht mir jedoch noch bevor: der Geburtstagsnachmittag bei meiner besten Freundin. Hier werde ich mit Kuchen, Erdbeeren und Schlagsahne verwöhnt – und bekomme eine herrlich rosa-weiss blühende Phalaenopsis geschenkt.

Der Nachmittag vergeht viel zu schnell – nach einem Spaziergang ist es 18 Uhr 30 und ich muss schleunigst nach Hause zurück, mich um die Katzen kümmern. So wie es aussieht, werden meine Saurier wohl nichts weiter erledigt haben. Die sich anbahnende unumgängliche Aussprache gedenke ich, morgen zu führen – heute will ich nichts Unangenehmes mehr in Angriff nehmen.

Um 19 Uhr betrete ich die Wohnung. Wie ich schon erwartet habe, ist nichts aufgeräumt. Die Küche präsentiert sich so, wie sie auch heute nachmittag schon ausgesehen hatte. Immerhin ist Marmelade gekauft worden – ansonsten ist im Haushalt überhaupt nichts geschehen.IMG_2251

Als ich die beiden Übeltäter zur Rede stellen will, bemerke ich, dass weder Elie noch Anatol zu Hause sind. Am Kühlschrank klebt ein Zettel:

„Bin bei Edouard, das Referat besprechen. Elie ist zu Mirko, einen Film gucken. Bin nicht vor 20 Uhr zurück. Anatol“

Diese Nonchalance geht mir nun doch zu weit. Kurzerhand rufe ich Anatol auf dem Handy an und beordere ihn unverzüglich nach Hause. Elie hat noch kein eigenes Handy. Also wähle ich die Nummer von Mirkos Eltern (zum Glück finde ich sie in den Schulunterlagen) – aber es geht dort niemand ans Telephon.

Ich beruhige mich, indem ich mir einrede, dass Mirkos Eltern Elie vermutlich gerade nach Hause bringen.

Es klingelt. „Das muss Elie sein“ denke ich – aber es ist Anatol, der allein die Treppe hochspringt – etwas bockig ob der Unterbrechung seines Abends bei Edouard. Wütend herrsche ich den Butler an: „Wo ist Elie? Wieso seid Ihr nicht schon längst zu Hause? Ihr wisst ganz genau, dass Ihr um 18 Uhr 30 nichts mehr draußen zu suchen habt – und nun ist es schon fast 20 Uhr!“

Anatol verteidigt sich. „Elie ist um drei zu Mirko gegangen – ich weiss nicht, warum er noch nicht wieder da ist! Die beiden wollten einen Film gucken und dann spielen gehen. Über das Referat habe ich die Zeit vollkommen vergessen.“ Anatol ist zerknirscht.

„Es ist schon gut,“ beruhige ich Anatol, da er sichtlich nichts falsch gemacht hat. „Ich war ja auch nicht zu Hause. Ich verstehe nur nicht, warum bei Mirko niemand ans Telephon geht – ich mache mir Sorgen!“

Anatol meint, vielleicht seien Elie und Mirko zu Anna gegangen? Anna wohne im selben Haus wie Mirko – möglicherweise seien sie dort zum Abendessen eingeladen worden?

Ich halte das für höchst unwahrscheinlich – schließlich ist Anna der Grund für Elies Liebeskummer – aber ich rufe dennoch Annas Eltern an. Diese sind ausgegangen: Anna ist am Telephon. „Nein, Elie und Mirko sind nicht hier. Mirkos Eltern sind heute Abend gar nicht da: sie sind bei der selben Feier eingeladen wie meine Eltern. Mirko ist vorhin zu seiner Großmutter gegangen – aber Elie ist nicht dabeigewesen, das habe ich gesehen.“

Ich bedanke mich bei Anna für die Auskunft. Meine Sorgen werden von Minute zu Minute größer.

„Anatol, Elie ist verschwunden. Er ist nicht bei Mirko, und bei Anna auch nicht. Gibt es etwas, was Du mir verschwiegen hast? Das solltest Du mir nun allerschnellstens sagen!“

Anatol beteuert, Elie habe ihm nur gesagt, er wolle zu Mirko – einen Film gucken. Da Elie sowieso fast jeden Nachmittag bei Mirko verbringe, habe er sich nichts dabei gedacht! Anatols Stimme zittert.

Mir kommt ein Verdacht. „Was wollten die beiden denn eigentlich für einen Film gucken, Anatol? Hat Elie Dir etwas gesagt?“

„So genau nicht … es war ein englischer Titel … den Regisseur kannte ich nicht – kann also nichts so Besonderes gewesen sein. Irgendwas mit „K“ … Kubus oder so.“

Mir schwindelt. „Kubrick …?“ frage ich – und hoffe, dass Anatol das verneint. Die Hoffnung wird enttäuscht. „Ja, das muss der Name gewesen sein. An den Titel des Films kann ich mich nicht mehr erinnern – irgendwas auf englisch; wenn ich es richtig verstanden habe, ging es um geschlossene Augen … für einen Film ja ein total blöder Titel!“

Ich muss mich setzen. Elie hat mit seinem außerordentlich frühreifen Freund Mirko „Eyes wide shut“ gesehen – um danach spurlos zu verschwinden.

„Anatol, wir müssen Elie sofort suchen gehen. Und ich glaube, ich weiss, wo wir suchen müssen.“ Anatol springt mit einem Satz in meine Tasche – ich werfe meine Jacke über und verlasse eilig das Haus.

Es ist kurz nach 23 Uhr. Mit etwas Glück können wir Elie abfangen, bevor die in Frage kommenden Etablissements ihre Pforten öffnen.

Ein nächtlicher Gewaltmarsch durch die einschlägigen Bars und Nachtclubs beginnt. Um seinen Liebeskummer zu betäuben, muss Elie in die Rolle des Bill Harford aus Eyes wide Shut geschlüpft sein.

Diese Rolle sollte er nicht zu lange spielen.

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51. Kapitel – Der 10. Mai

Heute ist mein Geburtstag! Schon ganz früh bin ich auf – an meinem Geburtstag habe ich immer sehr viel zu tun.

Eigentlich hatte ich mich auf ein schönes Frühstück mit den Butlern gefreut. Aber was muss ich sehen, als ich verschlafen in die Küche komme?

Nichts ist vorbereitet. Gar nichts. Die Katzen sind nicht gefüttert, die Klos nicht gemacht, der Boden nicht gewischt. Mein Geburtstagsfrühstück werde ich mir selbst zubereiten müssen.

Was ist los mit den Butlern?

Elie sitzt bekümmert im Nestchen. Er ist seit mehreren Tagen nicht ansprechbar. Anna, die verwegene Piratin von nebenan, geht mit Angelo, dem Rivalen aus Elies Klasse (zumindest vermutet Elie das) – und Elie versinkt im Liebeskummer.

Anatol sitzt schon seit 6 Uhr wieder an seiner Physik-Schulaufgabe. Er ist in Physik keine besondere Leuchte, aber der Ehrgeiz hat ihn gepackt. In einer Woche soll er ein wichtiges Referat halten, und unter den Zuhörern wird auch – ja wer wohl – Angelo sein. Anatol will sich auf keinen Fall blamieren und fürchtet nichts mehr als die bohrenden Nachfragen des Überfliegers.

Nachdem ich die Küche, den Flur und das Bad geputzt habe (die Katzen haben die Örtlichkeiten recht extensiv genutzt), setze ich mich auf die Trittleiter an der Küchenablage und will zumindest einen schönen Jasmintee und die leckeren Vollkornbrötchen von Dreher genießen… Und da sehe ich das gesamte Ausmaß der heutigen Morgenkatastrophe: die Marmelade ist alle. Nicht mal darum haben sich die Butler gekümmert!Nun gibt es also trockene Brötchen, und danach muss ich bügeln, bevor ich mich ins Getümmel des Samstagseinkaufs stürze.

Zurück bleiben ein geknickter Elie und der in seine Physik-Unterlagen vertiefte Anatol. Nicht einmal gratuliert haben sie mir.

Ich werde mit den Guten heute abend ein ernstes Wort reden müssen!

50. Kapitel – Frau Holle in der Waschmaschine

Letzte Woche hätte ich meine Butler am liebsten auf den Mond geschossen. Ich hatte Anatol morgens gebeten, sich um die Bettwäsche und die Bettdecken zu kümmern. Die Bettsachen brauchten eine ordentliche Wäsche, und das sollten die Butler an diesem Tag erledigen.

Ich muss zugeben, dass ich mich schon mittags darauf gefreut hatte, an diesem Abend in ein komplett frischgewaschenes und flauschig weich-getrocknetes Bett fallen zu können. Wir haben nämlich seit kurzem eine Waschmaschine, die auch trocknen kann – Anatol hat mich zu diesem Kauf genötigt. Jahrelang hatte ich mich gegen einen Trockner gewehrt. Warum Energie verschwenden, wenn die Wäsche auch ganz kostenlos und umweltfreundlich an der Luft trocknen kann?

Hier hatte Anatol Argumente vorgebracht. An regnerischen Tagen, wenn er die Wäsche nicht auf den Balkon stellen könne, sei es ihm ganz unmöglich, große Wäscheteile wie gerade die Bettsachen trocken zu bekommen. Tagelang stünden die Wäscheständer in der Wohnung – und die Katzen trieben ihr Schindluder mit der herunterhängenden Wäsche! Er sei dann hauptsächlich damit beschäftigt, die Katzen von der Wäsche fernzuhalten – und könne sich nicht um den restlichen Haushalt kümmern. Das habe er endgültig satt!

Zudem sei die Energiebilanz der heutigen Waschtrockner nicht mehr ganz so verheerend wie das früher der Fall gewesen sei. Auch könne man die Trockenfunktion sparsam und immer nur dann einsetzen, wenn Lufttrocknung nicht möglich sei. So würde man die Wäsche durchaus verantwortungs- und umweltbewusst trocknen.

Als die alte Waschmaschine endgültig ihren Geist aufgab, wurde der heißersehnte Waschtrockner angeschafft.

Dieser – so hatte Anatol mir versprochen – sollte nun an diesem großen Waschtag eingesetzt werden.

Als ich aus dem Haus ging, war Anatol schon damit beschäftigt, die Bettdecken abzuziehen und die Wäsche zu sortieren – Anatol ist sehr darauf bedacht, dass alles mit der richtigen Temperatur und nach Farben getrennt gewaschen wird. Nichts hasst er mehr als ungepflegte, verfärbte Wäsche.

Am Abend hatte ich ausnahmsweise schon etwas früher von der Arbeit gehen können. Ich freute mich auf einen schönen Abend mit den Butlern und den Katzen, der heute wegen der gewonnenen Zeit hoffentlich etwas entspannter würde ablaufen können als normalerweise.

Gerade stehe ich vor der Wohnungstür und will aufschließen – da dringen seltsame Geräusche aus der Wohnung! Ich vernehme ein metallisches Klappern und durcheinandersprechende, hallende Stimmen, die sich so anhören, als kämen sie aus einem riesigen Klangkörper. Schnell betrete ich die Wohnung, um nach dem Rechten zu sehen – und entdecke schockiert diese Szene:

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Was muss ich sehen:

Anatol auf einem Kopfkissenbezug, offensichtlich damit beschäftigt, die Füllung meines armen Kopfkissens aus der Waschmaschine in den Bezug zu schaufeln; Elie in der Waschmaschinentrommel, einen kleinen Handfeger in der Hand – Polyesterbällchen aus der Trommel fegend, und die winzige Mina, die weisse Polyesterfetzchen aus der Gummidichtung der Waschmaschinentrommel herausprokelt!

IMG_2231Ich bin entsetzt! Was war nur passiert? Elie nimmt kein Blatt vor den Mund: „Frau Holle hat vorhin versucht, sich in der Waschmaschine umzubringen. Wir konnten sie gerade noch retten und sammeln nun die Reste Deines Kopfkissens hier raus. Wir sind fast fertig!“

Mir stockt der Atem. „Anatol, was hat das zu bedeuten? Habt Ihr etwa mein wunderbares, einzigartiges, fast neues Kopfkissen geschreddert? Wie konnte das passieren!?“

Anatol antwortet recht zerknirscht. „Ich hatte die ganze Bettwäsche sortiert. Das Weisse mit dem Weissen, das Farbige zum Farbigen. Die bunte Bettwäsche habe ich mit dem Colorwaschpulver gewaschen. Sie ist sogar schon trocken. Aber die Bettdecken und das Kissen – die sind weiss. Sie müssen mit Vollwaschmittel gewaschen werden – bei 60°. Und da habe ich also den farbigen Bezug von dem Kopfkissen abgenommen, denn ich wollte das ganze Kissen mit Vollwaschpulver waschen. Am liebsten hätte ich es gekocht – das hätte es jedenfalls dringend nötig gehabt!“

Langsam aber sicher redet sich Anatol in Rage. „Man darf nur ganz stark geschleuderte Wäsche in den Trockner stecken. Sonst verbraucht er zuviel Energie! Du hast mir selbst gesagt, dass alles, was in den Trockner soll, vorher mit 1400 Umdrehungen zu schleudern ist! Wegen der Umwelt! Und daran habe ich mich nur gehalten. Dass Dein altes Kissen das nicht überleben würde, das kann ich ja nicht wissen! Es ist im Schleudergang von der Waschmaschine aufgerissen und zerfetzt worden. Die ganze Trommel war voll mit dem Zeug! Seit einer Stunde sind wir jetzt mit Mina dabei, die Waschmaschine wieder klarzukriegen von dieser Polyesterfüllung. Mina ist sogar hinter die Trommel gekrochen, um dort Polyesterbällchen zu entfernen! “ Vorwurfsvoll – ja geradezu kampflustig sieht mich der Butler an. In seinen Augen funkelt Wut.

Ich widerspreche: „Das Kissen ist nicht alt! Es ist sogar fast noch neu – Mama hat es mir erst 1992 geschenkt!“

Anatol schnaubt. „Dein Kissen ist 22 Jahre alt! Denk doch mal nach, wie alt Kissen normalerweise werden!“

Ich bin pikiert, aber auch etwas verzweifelt. Mehrfach schon habe ich versucht, das Kissen gegen ein neueres auszutauschen. Jedoch konnte ich auf keinem noch so teuren Kissen schlafen. Nackenschmerzen und Verspannungen trieben mich jedesmal zurück in die Arme meines guten alten Kissens von 1992.

IMG_2233Anatol weiss das. „Wir haben uns eine Notlösung überlegt. Eigentlich dachten wir, wir können die ganze Misere vor Dir verstecken. Ja, ich weiss, dass das nicht ok ist. Aber wir wollten Dir keine Sorgen bereiten.“

Mina habe die zündende Idee gehabt. Sie habe vorgeschlagen, das Innenleben des zerfetzten Kissens einfach in einen der Reissverschlußbezüge einzufüllen – ohne das aufgerissene Kisseninlet. So würde ich nicht einmal einen Unterschied bemerken. Von außen würde das Kissen so aussehen wie immer – frisch gewaschen und weich.

Ich gebe zu, dass es sich zumindest nicht schlecht anhöre – füge aber hinzu, dass das auf keinen Fall eine Dauerlösung sein könne. Wie wolle man schließlich den Kissenbezug wechseln, wenn sich darin Millionen von winzigen, losen Polyesterbällchen tummelten.

Ein neues Kopfkissen muss angeschafft werden, das ist unumgänglich.

Ich begebe mich also am Sonnabend früh zu Betten Leitermann in Kehl, und schildere die missliche Lage. Der freundliche Herr bescheinigt meinem Kopfkissen ein „biblisches Alter“ – und bezeichnet es als ein Wunder, dass es überhaupt so lange gehalten habe.

Leider hat er kein für meinen schwierigen Nacken geeignetes Kissen auf Lager. Allen neuartigen Kissen, die er mir mit der Begeisterung des Fachmanns zeigt, stehe ich mehr als misstrauisch gegenüber.

Mina, die mich begleitet, hat auch hier die rettende Idee. Sie schlägt vor, einfach nur einen weissen, dünnen Bezug mit Reissverschluss zu kaufen, diesen zum Kisseninlet umzufunktionieren und mit den Polyesterballresten meines alten Kissens zu befüllen.

Der zuvorkommende Herr von Betten Leitermann ist ob der unorthodoxen Methode schockiert, sucht mir aber doch den für diesen Zweck am besten geeigneten Bezug aus – einen herrlich glatten, feinen Baumwollsatin. Er schlägt mir sogar vor, noch zusätzliches Füllmaterial, was man dort in 100g Packungen erstehen kann, hinzuzufügen. Die fachmännische Beratung gefällt mir. Ich mag Betten Leitermann. Leider kann ich mir die wunderschönen Bettsachen, die es dort gibt, nicht leisten – zumal sowieso alles den Krallen der bepelzten Massenvernichtungswaffen zum Opfer fallen würde.

Den neuen Kissenbezug in der Tasche verlasse ich das schöne Geschäft. Mina und ich haben eine absolut minimalistische Lösung gefunden – ich bin stolz auf uns. Wir mussten nur einen Bezug kaufen, und nicht gleich ein ganz neues Kissen.

Nun muss ich nur noch eine Schlafprobe auf dem „neuen“ Kissen machen. Die wird mir nicht schwerfallen!

 

 

48. Kapitel – Kreativer Prozess mit Pausen?

IMG_1671Anatol und Elie sind schon seine Weile indisponiert. Nichts kann ich ihnen recht machen, alles nervt und nichts will so laufen, wie sie es mögen.

Ja, die Butler langweilen sich. Es regnet seit Tagen, in den Park kann man nicht gehen und auch ansonsten ist irgendwie alles „doof“. Die Schulferien haben begonnen, die Schulkameraden sind in die Ferien gefahren … „nur wir sind noch da!“ – heisst es vorwurfsvoll.

Schlimmer: zu allem Überfluss streikt auch noch der Blog. Die beiden Saurier hatten sich auf viele neue Abenteuergeschichten gefreut, in denen sie als Helden auftreten.

Und … nichts. Gar nichts wird geschrieben.

Was ist los?

Ich habe eine Blockade. Im Moment kommen mir keine guten Ideen. Und anstatt dann einfach irgend etwas zu schreiben, schreibe ich lieber nichts – das habe ich eben den Butlern erklärt. Leider stieß ich auf taube Ohren:

„Das erklär mal den Leuten, die den Blog lesen!“ schnaubte Anatol nur. „Bedanken werden die sich!“

Kleinlaut wende ich ein, dass ich kein Schreibautomat bin… und dass ich manchmal kreative Pausen brauche.

Elie findet diese Entschuldigung völlig unzulänglich – schließlich habe sie ihm bei der Mathematiklehrerin Frau Goycke nichts geholfen, als er die Hausaufgaben nicht gemacht hatte. Eine „kreative Pause“ habe Frau Goycke nicht einmal ansatzweise gelten lassen.

Dennoch ist es so.

Ich muss ein wenig verschnaufen – aber nicht lang! Es kommen bald wieder neue Sauriergeschichten.

47. Kapitel – Carrie

Ein langer, anstrengender Arbeitstag ist zuende. Müde steige ich die Treppe hoch und freue mich, gleich von meinen Butlern in Empfang genommen zu werden. Hoffentlich wartet ein schönes warmes Essen auf mich – das wäre jetzt einfach das Beste, was ich mir vorstellen kann.

Ich schließe die Tür auf. Noah, Tonio und Riri sitzen mit großen Augen da, und signalisieren mir, dass sie noch nicht gefüttert worden sind. Das ist seltsam. Normalerweise ist das nämlich die Aufgabe der Butler, wenn ich so spät nach Hause komme.

Ein Schreck durchfährt mich. Eben gucke ich ins Dino-Nestchen, wo die Schlawiner normalerweise um diese Uhrzeit sitzen und schmökern – das Essen bereits fertig auf dem Feuer, während sie auf mich warten.

IMG_2207Das Nestchen ist leer – und die Wohnung dunkel.

Im Wohnzimmer ist niemand, ebensowenig wie in der Küche. Es steht auch kein Essen auf dem Herd. Es ist überhaupt nichts für das Abendessen vorbereitet!

Normalerweise wäre ich jetzt verärgert. Die Butler haben schließlich ihre Aufgaben, die sie wahrnehmen sollen. Und dazu gehört eben, dass das Essen pünktlich auf dem Tisch zu stehen hat.

Heute bin ich aber nicht ärgerlich, sondern außerordentlich besorgt. Wenn meine Saurier abends ausgehen wollen, sagen sie mir das vorher. Wenn sie ausnahmsweise kein Essen kochen wollen, reservieren sie mir einen Tisch im Restaurant und geben mir bescheid.

Aber heute haben sie nichts dergleichen angekündigt und hätten also zu Hause sein müssen! Was ist passiert?

Ich betrete das Wohnzimmer. Etwas kommt mir seltsam vor – ja richtig: da steht das Laptop. Ich räume es immer weg, bevor ich das Haus verlasse – zu groß ist die Gefahr, dass die Katzen damit Schindluder treiben. Warum steht es dann auf dem Wohnzimmertisch? Ich nähere mich dem Tisch – und sehe mit Entsetzen, dass neben dem Laptop eine DVD liegt:

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Es ist die DVD von „Carrie“. Brian de Palma, 1976. Ein Horrorschocker – und einer meiner Lieblingsfilme.

Mit Rücksicht auf die Butler war er hinter Büchern, CDs und unter diversen anderen DVDs versteckt gewesen. Die beiden Gangster müssen das Bücherregal durchwühlt haben und dort die DVD mit dem ausdrucksstarken Cover entdeckt haben. Der groß aufgedruckte Schriftzug „Freigegeben ab 16 Jahren gemäß §7 JÖSchG FSK“ muss sein Übriges getan haben.

Es ist jetzt nur noch eine Frage der Zeit, bis ich die Übeltäter aufspüre.

Da – ein Wimmern lässt mich aufhorchen. Es scheint aus dem Schlafzimmer zu kommen. Ohne mich zu sehr zu beeilen, begebe ich mich nach nebenan. Das Wimmern wird stärker – es dringt unter der Bettdecke hervor:

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Die mutigen Horrorfilmfans haben sich nach der Sichtung von „Carrie“ schnurstracks ins Bett zu den Katzen geflüchtet, und weigern sich nun, diesen sicheren Ort zu verlassen.

Als ich näher komme, verkriechen sie sich sogar noch tiefer unter die Decke:

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Es dauert etwas, bis ich ihnen klarmachen kann, dass ich nicht Sissy Spacek bin, die gleich nach ihnen die Hand ausstrecken wird – und schließlich gelingt es: die Butler krabbeln eilig unter der Decke hervor, um sich ganz eng an mich anzukuscheln – nein an mir festzukrallen.

Ich verstehe, dass es nun so bald kein Essen geben wird – jedenfalls nicht, wenn ich es nicht selber koche.

Resigniert gehe ich mit den zitternden Sauriern auf dem Arm in die Küche.

„Wisst Ihr, dass ich überhaupt kein Mitleid mit Euch habe?“ sage ich streng. „Wie konntet Ihr einfach ans Bücherregal gehen, die CDs und Bücher wegräumen, und hinter all dem die Carrie-DVD herauskramen? Solche Filme verstecke ich nicht ohne Grund!“

„Wir konnten doch nicht wissen, dass Du sowas Grauenvolles in Deiner DVD-Sammlung hast!“ heult Elie.

Anatol fügt sehr kleinlaut hinzu „Das ist ein Film von 1976. Ich dachte, der muss harmlos sein… Angelo hat behauptet, er hat ihn schon 3 mal gesehen, und der sei total lahm!“

Ich merke an, dass Angelo hier wohl sicher etwas durcheinander gebracht haben muss – denn „lahm“ sei der Film nun ganz gewiss nicht. Vermutlich habe er den Film von Brian de Palma mit der Comedy-Serie um „Carrie Bradshaw“ verwechselt.

Anatol und Elie nicken – nicht ohne sich genau umgesehen zu haben, ob irgendwo verdächtige Gegenstände im Raum schweben.

„Nein, er war überhaupt nicht lahm“, weint Elie. „Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so Angst gehabt!“

Anatol, sonst eher hartgesotten, fügt hinzu: „Ich auch nicht. Und das will was heissen. Aber Elie – Du musst zugeben, dass der Film ansonsten saugut ist. Obwohl der von 1976 ist!“

Elie will von „saugut“ nichts wissen. Er ist so aufgewühlt, dass er immer noch nicht aufhören kann, zu weinen. Das ist allerdings nur eine nervöse Reaktion. Die muss nun „raus“.

„Ich will nie wieder an diesen Film denken!“ schluchzt er. „Das ist alles so furchtbar. Wieso wurde die arme Carrie so böse behandelt? Wieso hatte sie so eine schreckliche Mutter? Ich habe immer noch solche Angst, wenn ich an die gruselige Kammer denke, in der sie eingesperrt war…“

„Elie, es ist gut, dass Du über den Film sprechen kannst. Das wird Dir helfen, die Angst zu überwinden. Als erstes musst Du Dir klarmachen, dass es nur ein Film ist. Eine ausgedachte Geschichte – damit Leute sich gruseln. Es ist nie in Wirklichkeit passiert. So etwas gibt es nämlich nicht.“

Elie guckt ungläublig. „Gibt es nicht …? Echt…?“ Anatol fasst es nicht. „Elie, Du weisst doch, dass solche Sachen nicht in Wirklichkeit existieren! Oder glaubst Du etwa noch an Gespenster?“

„Was weiss ich, ob es Gespenster gibt! Ich habe jedenfalls Angst vor ihnen! Und solange ich Angst davor habe, passe ich auf, dass ich keinem begegne!“ Elie steckt den Kopf in meine Armbeuge, um auf keinen Fall von eventuell anwesenden Geistern gesehen zu werden. Er denkt nämlich, dass ein Gespenst, das er nicht sehen kann, ihn auch nicht bemerken wird. Eine vernünftige, unkomplizierte Einstellung.

Ich merke, dass es meinem jüngeren Butler immer noch schwerfällt, Realität und Fiktion auseinanderzuhalten. Er hat wirklich Angst, Carrie – oder wohl eher ihre böse Mutter – könne uns heimsuchen. Anatol hat sich einfach nur gegruselt, aber er kann den Film als nicht-real einstufen.

Es hat einen guten Grund, weshalb die FSK manche Filme nicht für 6-jährige freigibt.

Anatol bekommt daher eine ordentliche Strafarbeit aufgebrummt – er hätte den Film vielleicht heimlich allein gucken dürfen, aber niemals dem kleinen Elie zeigen dürfen. Allein hätte er sich allerdings gar nicht getraut, den Horrorschocker anzusehen.

„Anatol, ich will das Bücherregal mit den versteckten DVDs und den CDs morgen perfekt aufgeräumt, abgestaubt und ausgewischt vorfinden. Den Laptop und den DVD-Player schließe ich weg – es werden morgen keine Filme geguckt!“

Betreten willigt Anatol ein.

„Und Du versprichst mir, dass Du niemals wieder eine DVD mit Elie anguckst, ohne vorher mit mir darüber gesprochen zu haben!“

Auch hier nickt Anatol. Er ist bemerkenswert kleinlaut heute abend.

Später, als die Butler sicher im Dino-Nestchen untergebracht sind, in dem sie vor jeglichen gespensterhaften Übergriffen geschützt sind (das Dino-Nest hat mit dem magischen Kapuzenschal die Wirkung einer Tarnkappe, so dass Geister es gar nicht sehen können), sagt Elie, er finde es ungerecht, dass Carrie angeblich die Böse in dem Film sei. Die anderen Kinder und ihre Mutter seien die eigentlichen Bösen! Fast fängt er wieder an zu weinen.

„Elie, Du hast Recht“, sage ich. „Carrie ist „anders“. Sie wird gehänselt, weil sie nicht so ist wie die anderen. Dabei wäre sie so gern wie ihre Klassenkameraden. Aber es ist nicht möglich.“

„Carrie“ ist nur vordergründig ein Horrorfilm über eine Jugendliche mit telekinetischen Fähigkeiten. Es ist ein Film über das Anderssein. Über Menschen, die nicht der Norm entsprechen und die deshalb ausgestoßen, ja verteufelt werden.

Wir stoßen diese Menschen aber nicht aus, weil sie nur anders sind als wir. Wir stoßen sie aus, weil wir Angst vor ihnen haben – Angst vor dem Anderen, Fremden. Wir wollen in der Schule nicht neben ihnen sitzen und auf dem Schulhof nicht mit ihnen zusammen gesehen werden. Der „Andere“ könnte auf uns abfärben, uns in seinen Bann ziehen. Und am Ende könnten wir genauso ausgeschlossen werden wie er.

Ob es irgendwann eine Welt gibt, in der Anderssein nicht mehr mit „aussätzig sein“ gleichbedeutend ist?

 

46. Kapitel – Muß es sein? Es muß sein!

muss es sein

Die beiden Butler sitzen am Wohnzimmertisch und haben mich heute – Ostermontag – zu einem „Familienrat“, wie sie das nennen, einbestellt.

Beide sehen mich mit ersten Gesichtern an, als ich mich dazusetze. Mir wird mulmig. „Nun macht aber halblang! Es geht hier doch nicht um ein Begräbnis?“

„Doch“ sagt Anatol. „Es geht um DEIN Begräbnis – das sehe ich nämlich mit hundertprozentiger Sicherheit auf uns zukommen. Tagtäglich sehen wir Dich Deine Migränemedikamente schlucken wie Smarties. Man darf sie nicht so überdosieren! Wenn man sie zu oft nimmt, lösen sie noch zusätzlich Kopfschmerzen aus. Wir haben das alles recherchiert. Du hast chronische Migräne und Du musst etwas dagegen tun.“

Elie nickt beipflichtend. Er sieht sehr besorgt aus.

Ich fühle mich in die Enge getrieben. Diese Butler sind etwas zu fürsorglich. Ich weiss selbst recht gut, wie ich mich zu verhalten habe!

Anatol lässt sich nicht abwimmeln. „Du weisst das alles. Nur willst Du nicht bei der Arbeit fehlen, und immer in Form sein. Wenn Du am Wochenende oder in den Ferien Migräne hast, versteckst Du Dich tagelang in Deinem Bett und sagst es keinem. So merkt niemand, wie schlimm es ist! Nur wir merken es! Es kann so nicht weitergehen.“

Ich schlucke. Leider hat Anatol recht. Wie so oft.

„Seit Wochen sehen wir es mit an. Nein – seit Monaten! Und wir haben das gesamte Internet abgesucht, um ein Heilmittel zu finden.“

Nun bin ich gespannt.

„Es gibt kein Heilmittel gegen Migräne. Migräne ist eine genetische, neurologische Krankheit, und die ist unheilbar. Aber es gibt Medikamente, die die Anfälle zurückdrängen. Es soll bei vielen Menschen sehr gut helfen!“

All das weiss ich. Über Migräne weiss ich mehr als die meisten Ärzte, die ich deswegen aufgesucht habe. Oft wird man ja nur mit einem „dann machen Sie eben etwas mehr Sport und Entspannungsübungen!“ abgetan. Was wirklich bei Migräne los ist, wissen nur wenige Ärzte.

„Also soll ich jetzt wieder diese Prophylaxe nehmen, die nicht geholfen hat?“ frage ich absichtlich provokant.

„Nein, die Prophylaxe, die man Dir vor 10 Jahren verschrieben hat, wird heute gar nicht mehr gegeben. Sie hat sich als unwirksam erwiesen. Heute gibt man andere Medikamente.“

„Ja – Betablocker und Antiepileptika! Wollt Ihr mich vergiften? Das Zeug will ich meinem Körper nicht antun!“

„Aber Schmerzmittel und Triptane in Überdosierung – die willst Du Dir antun?“ Anatol sieht mich böse an.

Ich schweige. Ich kann es nicht leugnen – mein Schmerzmittelverbrauch ist gigantisch. In den letzten Monaten habe ich aufgehört, die Mengen zu notieren. Es wäre einfach zu schockierend.

„Wer soll für die Katzen und für uns sorgen, wenn Du ganz zusammenklappst? Wenn Du nicht mehr arbeiten kannst? Hast Du eigentlich an uns gedacht? Ich muss dann putzen gehen! Elie wird mit der Schule aufhören und sich als Zeitungsdino oder Steineklopfer verdingen müssen! Stell Dir das doch nur mal vor!“

Elie wirft etwas verängstigt ein „Bevor ich diese Steine klopfen muss … also ich könnte auch versuchen, Nachhilfe in Malen oder Singen zu geben …“

Ich hebe abwehrend die Hand. Es stimmt ja, was Anatol sagt. Aber es ist sehr belastend.

„Was schlägst Du denn vor? Was soll ich tun!? Ich habe schon oft nach einer Lösung gesucht – aber keine gefunden!“

„Wir haben das alles schon geplant. Als erstes rufst Du morgen die Neurologin an und machst einen Termin aus. Die Nummer hat Dir Dein Arzt ja gegeben – Fridolin sagte uns, dass Du sie seit Monaten mit Dir rumträgst, aber noch nie angerufen hast! Du brauchst eine Migräneprophylaxe, unbedingt. Heute haben wir im Katzenforum mit Lunamaus gesprochen. Sie hat uns alles so lieb erklärt! Sie hatte genau so schlimme Migräne wie Du. Und sie nimmt jetzt dieses Antiepileptikum, vor dem Du solche Angst hast: sie hat überhaupt keine Nebenwirkungen, und es geht ihr gut damit! Danach solltest Du die Ärztin fragen. Außerdem musst Du Deine Migränediät auch wieder machen. Die hatte gut geholfen!“

„Die Neurologin wird mich nur in die furchtbare Röhre schieben wollen! Da geh ich nicht rein – nie wieder!“ Fast habe ich das Gefühl, mich meiner Plüsch-Butler erwehren zu müssen: möglicherweise haben sie sogar schon einen Termin für mich ausgemacht!

Elie nimmt allen seinen Mut zusammen und sagt leise, aber mit fester Stimme: „Ich habe auch ganz große Angst vor der Röhre. Aber wenn Du da reinmusst, und Dich nicht traust, würde ich mit da reinkommen, um Dich zu beschützen!“

Ich weiss vor Rührung nicht mehr, wo ich hinsehen soll. Elie ist sehr klaustrophobisch veranlagt – dass er sich anbietet, mich in die Röhre zu begleiten, ist ein großes Opfer für ihn.

„Elie, das ist so lieb von Dir. Aber vielleicht ist es ja doch nicht nötig, dass ich nochmal in dieser Röhre untersucht werde. Mir machen einfach all diese Untersuchungen Angst. Wer weiss, was die da alles herausfinden.“

Anatol schnaubt. „Allenfalls finden sie heraus, dass in Deinem Kopf eine große Leere herrscht. Oder hast Du das Gefühl, dass da ein Gehirn drin ist, Elie? Im Moment scheint es mir nicht so!“

Ich drohe mit dem Entzug des Nachtischs, wenn die verbalen Entgleisungen nicht sofort eingestellt werden. Das fruchtet.

„Wenn Du nicht in die Röhre gehen willst, kann Dich kein Arzt dazu zwingen. Es kann dich auch kein Arzt zwingen, die Prophylaxe zu nehmen, wenn sie Dir nicht bekommt. Wenn es Dir davon zu schlecht geht, setzt Du die Dosis herunter oder stellst das Medikament um. Aber dazu brauchst Du einen guten Arzt. Und deshab rufst Du morgen da an! Das ist ein Befehl. Was hast Du zu verlieren?“

Ich verspreche, morgen die Neurologin anzurufen.

Anatol hat Recht. Ich habe nichts zu verlieren. Aber vielleicht finde ich Linderung für die andauernden, unerträglichen Migräneattacken.

Es muss sein.

PS: ich habe, wie von Anatol und Elie befohlen, heute bei der Neurologin angerufen. Der nächste freie Termin ist Anfang Juli. Mit etwas Glück wird vorher etwas frei.

Die  Butler werden berichten.

45. Kapitel – Ostern im Park

Es ist 6 Uhr 30 – Ostersonntag. Ich habe eine ganze Stunde verschlafen. Die Katzen sitzen mit versteinerten Mienen um mich herum auf dem Bett – das Frühstück hätte bereits um 5 Uhr 30 serviert werden sollen.

Entsetzt springe ich auf und laufe in die Küche, wo mich diese Überraschung erwartet:

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Anatol und Elie sind heimlich ganz früh aufgestanden und haben ein Osterfrühstück vorbereitet. Natürlich haben sie auch die Katzen gefüttert, ihnen aber eingeschärft, ja so zu tun, als hätten sie noch nichts bekommen. So sei die Überraschung noch größer. Die Gangster haben perfekt mitgespielt!

IMG_2168Ich freue mich, dass ich nun nichts weiter tun muss, als mich an den gedeckten Osterfrühstückstisch zu setzen.

Schöner kann das Osterfest nicht beginnen!

Anatol will gleich ein Schoko-Ei, während Elie lieber die kleinen Zucker-Eichen lutscht. Ich hingegen genehmige mir ein saftiges Marmeladen-Vollkornbrot. Dabei fällt mir ein, dass Anatol diesen Sommer Marmelade kochen will. Das sind herrliche Aussichten!

Indessen ist die Sonne hinter den Wolken hervorgekommen. Die Butler quengeln. „Wann gehen wir endlich Ostereier suchen? Im Park sollen massenweise Eier versteckt sein, hat Fridolin gesagt!“

Ja, die Ostereier im Park. Wer die dort wohl versteckt? Jeder Dino weiss heutzutage, dass es den Osterhasen gar nicht gibt. Daran glauben ja nur Babies. Nein – es ist ganz sicher der Osterdino, der die Eier da versteckt. Schließlich legen Hasen keine Eier – Dinosaurier hingegen schon.

Um diese Erkenntnis weiser verschwinde ich zunächst in der Dusche, nicht ohne vorher das feste Versprechen abgegeben zu haben, dass wir gleich danach in den Park gehen, um Eier zu suchen.

IMG_2171Es ist soweit. Anatol und Elie sind mit Skateboard und Roller im Park unterwegs – Eier, nehmt Euch in Acht, dieses Team wird Euch finden, egal wo Ihr versteckt seid!

Zuerst wird der Musikpavillon abgesucht.

Hier findet sich allerdings nichts.

Elie schlägt vor, beim Stegosaurusbaum zu suchen. Anatol kann sich nicht vorstellen, dass ausgerechnet an so einer einschlägigen Stelle etwas versteckt sein soll – aber es wird jeder Spur nachgegangen.

IMG_2172Also auf zum Stegobaum.

Aber am geliebten Kletterbaum der Dinos liegt kein einziges Ei versteckt.

Ratlosigkeit breitet sich aus.

„Vielleicht hat der Osterdino dieses Jahr gar keine Eier versteckt …?“ rätselt Anatol.

Elie ist kurz davor, in Tränen auszubrechen.

Nun muss ich doch eingreifen. „Wieso guckt Ihr nicht mal da drüben, an dem riesigen alten Baum. Der mit dem Efeu. Selbst wenn dort vielleicht keine Eier versteckt sind – der Baum sieht wunderschön aus. Ich sehe ihn mir jetzt jedenfalls mal an.“

Anatol und Elie zockeln los – Anatol voller Tatendrang, Elie ganz leise weinend, denn der Osterdino scheint gestreikt zu haben – so jedenfalls Elies Befürchtung.

Wir kommen am Efeubaum an:

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Da! Am Fuße des Baums, direkt unter dem Efeu, sieht man etwas Blaues und Goldenes aufblitzen! Anatol und Elie laufen aufgeregt darauf zu:

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Der Osterdino hat nicht gestreikt. Osterdinos streiken im Übrigen nie – niemand ist so zuverlässig wie der Osterdino:

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Elie und Anatol  sind selig. Schnell werden die Eier eingepackt und aufs Fahrrad geladen – schließlich sollen sie umgehend in Sicherheit in unsere Wohnung gebracht werden:

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Wir sind wieder zuhause – leider haben die Eier den Rückweg nicht überstanden und sind ratzekahl aufgefuttert worden.

Zum Glück habe ich vorgesorgt und auch in der Wohnung noch ein paar Verstecke mit Eiern bestückt – Pardon: den Osterdino darum gebeten, dies zu tun.

Aber bevor ich vorschlage, auch die Wohnung einmal nach Eiern abzusuchen, lasse ich mir beim Gärtnern auf dem Balkon helfen:

 

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Wir wünschen Euch einen wunderschönen, sonnigen Ostersonntag!

 

44. Kapitel – Feministinnen Frankreichs, wo seid Ihr?

Gerade will ich das luxuriöse Grand Magazin du Printemps verlassen. Ich habe dort wie üblich meinen fond de teint erstanden, meine letzte Bastion der Nicht-Biokosmetik. Nach und nach habe ich alle meine Kosmetikartikel durch Naturkosmetik ersetzt – einzig der der herkömmlichen Kosmetik entstammende fond de teint hat sich bisher als unumgänglich erwiesen. Er ist nach langjährigen Selbstversuchen der einzige, den ich vertrage, der ein hübsches Finish gibt und dabei einigermaßen bezahlbar bleibt, da er mit meiner carte printemps von Zeit zu Zeit 20% heruntergesetzt wird – so auch heute.

Den kostbaren Erwerb im eleganten Einkaufstütchen gehe ich auf den Ausgang zu – da fängt mich ein junger Mann im Anzug ab und möchte wissen, ob ich freundlicherweise für eine Kundenbefragung zur Verfügung stünde. Sie würde nur wenige Minuten in Anspruch nehmen.

Etwas entnervt willige ich ein. Es kann nicht ewig dauern, und irgendwie muss der junge Mann nun auch sein Geld verdienen, sage ich mir. Geduldig lasse ich mir Fragen über mein allgemeines Kaufverhalten und meinen heutigen Einkauf stellen und gebe bereitwillig Auskunft. Die Befragung sei fast zuende, sagt der junge Mann. Er müsse jetzt nur noch wissen, welchen Beruf mein Familienchef ausübe.

Ich glaube, mich verhört haben zu müssen – und bitte den jungen Herrn, die Frage zu wiederholen.

„Welchen Beruf übt Ihr Familienchef aus, s’il vous plaît?“

Ich räuspere mich. „Wenn Sie mir bitte erklären würden, was ein „Familienchef“ ist?“

„Aber gern. Wir brauchen diese Einordnung für unsere Umfragen. Der Familienchef ist in Frankreich der in der Familie lebende Mann. Das männliche Geschlecht ist hier ausschlaggebend. In Deutschland würde man nach dem Hauptverdiener fragen, also nach der Person, die am meisten Geld für die Familie verdient. Aber hier in Frankreich ist es immer der Mann, egal was er verdient.“

Das Blut weicht mir für einen Moment aus dem Gesicht. Ich kneife mich – ja: wir schreiben das Jahr 2014, ich befinde mich im Printemps von Strasbourg, der Haupstadt Europas – die Frauenbewegung ist 50 Jahre alt, Frauen besitzen das Wahlrecht und dürfen ohne Erlaubnis ihres Mannes einen Beruf ausüben und ein Konto eröffnen. Aber eine Kundenbefragung über den Kauf eines von ihrem eigenen Geld erstandenen fond de teints muss eine Frau mit der Angabe „Mein – männlicher – Familienchef ist von Beruf xyz“ abschließen.

Ich bin außer mir und verleihe dem auch deutlich Ausdruck. Ob dem jungen Herrn die Absurdität, ja die Idiotie seiner Frage nicht bewusst sei? Ich zitiere die Suffragettenbewegung des späten 19. Jahrhunderts, bemühe tausende verbrannter BHs der 60er Jahre, erwähne das MLF von Antoinette Fouque und die Frauenbewegung Alice Schwarzers – ja, sogar Olympe de Gouges führe ich an. Ob er allen Ernstes vor diesem Hintergrund noch in der Lage sei, eine so irrwitzige Frage zu stellen wie die nach einem „männlichen Familienchef“? Mittlerweile steht mir die Zornesröte im Gesicht.

Der junge Mann wirkt verunsichert. „Die Frage steht hier aber im Fragebogen. Ich habe Anweisung, sie so zu stellen. Es tut mir sehr leid, wenn ich Sie dadurch verärgert habe. Vielleicht können wir die Frage so umformulieren: ‚Welchen Beruf übt der in Ihrer Familie lebende Mann aus‘?“

Ich explodiere. Gerade will ich dem jungen Mann wutentbrannt entgegenschleudern „In meiner Familie bin einzig und allein ICH die Chefin!“, da kommt mir eine Idee.

„Es ist also nur ausschlaggebend, was ein männliches Wesen in meiner Familie beruflich tut?“

„Ja, genau!“ seufzt der junge Mann erleichtert und zückt seinen Bleistift, um meine Antwort in seinen Fragebogen einzutragen und dann schnell die unbequeme Kundin, die ich offenkundig bin, aus dem Einkaufstempel zu entlassen.

„Dann schreiben Sie bitte: Der Familienchef ist Haushalts-Stoffdinosaurier und heisst Anatol. Das entspricht auch der Wahrheit – ausreichend eingebildet ist er jedenfalls dafür. Sie können das nicht in Ihren Fragebogen aufnehmen? Nun gut, da gibt es auch einen stellvertretenden Chef: dieser ist von Beruf Hauskater. Allerdings ist er kastriert. Gilt das trotzdem als „männlich“? Da müssten Sie sich erkundigen? Dann tun Sie das doch bitte. Auf Wiedersehen!“

Wutschnaubend verlasse ich den Printemps, nicht ohne mir vorgenommen zu haben, der Direktion einen bitterbösen Brief zu schreiben. Über die nun in den Fragebogen aufgenommene Berufsbezeichnung des vermeintlichen Familienchefs als „Haushaltsdinosaurier“ bzw. „kastrierter Hauskater“ freue ich mich allerdings diebisch. Ob den französischen Meinungsforschungsinstituten wohl noch in diesem Jahrhundert klar wird, wie rückständig sie sind? Es bliebe zu hoffen.

Zuhause stellt Anatol mir unverfroren die Frage, wozu man als Feministin denn eigentlich einen fond de teint benötige? Für diese respektlose Äußerung drohe ich dem Butler mit dem Entzug des Skateboards, woraufhin er sich tatsächlich für die Frage entschuldigt.

Elie sagt schüchtern, er finde, auch Feministinnen dürften sich hübsch machen. Oder sollten nur unemanzipierte Frauen Schminke benutzen? Das wäre doch wirklich nicht zu wünschen – wie würde das denn aussehen.

In puncto Rollenverständnis ist wohl bei beiden Butlern noch einiges aufzuarbeiten.

43. Kapitel – Frohe Ostern

Heute ist der 19. April – der Samstag vor Ostern. Während wir Anfang April schon so warme Tage hatten, dass man im kurzärmligen T-Shirt in den Park gehen konnte, ist nun der Winter zurückgekommen. Draußen ist es bitterkalt, und Anatol musste die Heizung wieder anwerfen, da die Katzen gemeutert hatten – es war ihnen zu kalt.

Nun bullert die Heizung gemütlich vor sich hin, Tonio liegt obenauf und Noah in seinem Körbchen direkt davor.

Ich komme bibbernd vom Markt wieder – die beiden Butler schlummerten noch in ihrem Dino-Nestchen, als ich losgegangen bin.

Anatol schimpft. „Du bist in diesem dünnen Fähnchen raus in die Kälte gegangen? Den Tod wirst Du Dir holen!“

Es stimmt. Ich hatte nur meine obercoole, schicke rote Kunstlederjacke an, die ich am liebsten jeden Tag tragen würde, weil ich sie so mag. Anatol konfisziert das sommerliche Kleidungsstück.

„Da! Hier hatte ich Dir gestern Abend den Wintermantel schon rausgehängt, und den dicken Winterpulli dazugelegt – aber Du musstest ja Deine geliebte dünne rote Jacke anziehen. Wenn das mal nicht eine böse Erkältung gibt!“ zetert er. Anatol kann es nicht leiden, wenn ich krank bin – dann muss er ständig Suppe kochen, Medikamente bereithalten und mein Gejammere ertragen.

Leider war ich schon die letzten Tage und Nächte krank – die Migräne war so stark, dass ich gar nicht aufstehen konnte. Auch deshalb schimpft Anatol.

„Du hast Deine Migräne-Diät nicht eingehalten, und davon ist die Migräne wieder so bös geworden. Ab jetzt achte ich wieder penibel darauf, dass Du jedenfalls zuhause nichts isst, was die Migräne schlimmer macht! Alles, was nicht in die Diät gehört, wird weggeschlossen! Aber was Du außerhalb isst, darauf habe ich ja keinen Einfluss – leider! Reiss Dich zusammen und iss nicht wieder so einen migränetriggernden Mist!“

Auch hier hat Anatol recht. Ich habe meine Migränediät sträflich vernachlässigt. Zu gut schmecken die verbotenen Dinge … Parmesan, Camembert … nicht mal vegan sind die … und Erdbeeren, Rhabarber … die soll ich nun auch nicht mehr essen.

Aber ich muss die Zähne zusammenbeissen und in den nächsten Wochen darauf verzichten. Ich hoffe, dass ich die Migräne so wieder in den Griff bekomme. Es hatte ja schon einmal sehr gut geholfen.

Nun ziehe ich brav den Winterpulli und den Wintermantel an, streife die Wollhandschuhe über, die Anatol mir auch bereitgelegt hat, und fahre in die Stadt – den Sonnabendeinkauf erledigen. Vielleicht finde ich ja auch ein paar Ostereier, die ich für die beiden Butler verstecken kann. Schließlich ist morgen Ostern!

Anatol, Elie, die Katzenbande und ich wünschen Euch allen frohe Ostern!

 

 

40. Kapitel – Schranken des Minimalismus

IMG_2121Verstohlen öffne ich die Wohnungstür. Ich versuche, dabei so wenig Lärm zu machen wie nur möglich. Den Schlüsselbund in der einen Hand, eine große Tüte in der anderen betrete ich die Wohnung. Auf Zehenspitzen versuche ich, das Schlafzimmer zu erreichen, um dort die verdächtige Tüte im Schrank verschwinden zu lassen.

„Du brauchst gar nicht zu schleichen!“ tönt es da aus dem Wohnzimmer. Anatol und Elie sitzen mit versteinerten Mienen am Tisch. „Wir wissen alles. Fridolin hat Dich in der Stadt gesehen – bei Somewhere. Er hat heute dort im Lager gearbeitet – sie haben die neue Kollektion eingeräumt. Ja – wir wissen, was Du getan hast. Was hast Du dazu zu sagen?“

Ich lasse die Tüte zu Boden gleiten und stelle mich dem improvisierten Sauriertribunal. Was habe ich zu sagen? Nicht viel … ich habe mein Gelübde, in diesem Jahr überhaupt keine neuen Klamotten zu kaufen, schändlich gebrochen. Ich habe meine mir selbst auferlegten Minimalismus-Anforderungen nicht eingehalten. Das ist schwach und inkonsequent. Mehr noch: es ist schlecht.

„Anatol, Elie. Ich weiss ja, dass ich das nicht mehr tun wollte. Aber nun wird es Sommer. Ich wollte so gern dieses Leinen-T-Shirt, das ich letztes Jahr nicht mehr gefunden habe, weil meine Größe ausgegangen war. Nun ist es wieder in der neuen Kollektion dabeigewesen. Deshalb habe ich es gekauft.“

„Ach so! Und weil Du ein T-Shirt haben wolltest, hast Du also zwei gekauft. Interessant!“ Anatol klingt messerscharf.

Nun muss ich mich wehren. „Ich habe ein dunkelgraues und ein hellgraues T-Shirt gekauft. Und sie waren nicht teuer! Darf ich daran erinnern, dass ICH hier das Geld verdiene und mir damit immer noch das kaufen darf, was ich möchte?“ Letzteres sage ich mit Nachdruck, um möglichen Weiterungen einen Riegel vorzuschieben.

„Und deshalb darfst Du T-Shirts bekommen – aber ich muss auf ein Tablet verzichten! Das ist so unfair!“ zetert Elie.

„Elie, bitte. Du weisst genau, dass ein T-Shirt bei weitem nicht dasselbe kostet wie ein Tablet!“

„Mit den ganzen T-Shirts, die Du Dir schon gekauft hast, könnte ich mindestens 3 Tablets bezahlen!“ erwidert Elie pikiert.

Ich setze mich zu den Butlern an den Tisch. „Es stimmt. Ich habe mein Versprechen nicht eingehalten. Ich wollte das ganze Jahr kein einziges neues Kleidungsstück kaufen, und nun hab ich es nicht geschafft. Es ärgert mich selbst! Aber ich hab mich im letzten Sommer so gegrämt, weil das schöne graue T-Shirt nicht mehr zu haben war … und deshalb wollte ich es jetzt unbedingt kaufen. Ok, dass ich dann noch den wunderschönen rosa-abricot-farbenen Foulard gekauft habe … das war nicht wirklich nötig. Aber Ihr werdet sehen – er ist phantastisch.“

IMG_2127Die beste Überzeugungsarbeit leistet immer noch die Sache selbst. Ich packe die T-Shirts also aus – und auch den Schal. Nun ändert sich die Tonlage! Anatol murmelt etwas wie „Sieht wirklich nicht schlecht aus“, während Elie sich den Schal schnappt. „Ist der schön!“ ruft er. „Und so weich! Das sind genau meine Farben – darf ich den morgen in den Park mitnehmen? Bitte!“

„Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist, Elie. Der Schal ist ganz leicht und fein, mit dem bleibst Du an jedem Busch hängen, und würdest ihn zerreissen. Es wäre sehr schade um den schönen Schal. Aber Du darfst ihn gerne heute Abend umnehmen, wenn Du magst.“

Damit ist Elie einverstanden.

IMG_2130Ich bin erleichtert. Die Butler haben sich schneller einsichtig gezeigt, als ich es gedacht hätte. Nun muss ich nur noch mit meinem eigenen Gewissen klarkommen – wegen des Bruchs meines Minimalismus-Gelöbnisses.

Muss man, wenn man minimalistisch leben möchte, wirklich auf jedes T-Shirt verzichten? Vermutlich schon. Es ist schlecht für die Umwelt, neue Klamotten zu kaufen – und oft ist der Kleiderschrank ja sowieso schon übervoll. Wozu so viel Kleidung …?

Es baut einfach auf, ab und zu mal etwas Neues zu erstehen. Vielleicht ist es mit einem gemäßigten Minimalismus zu vereinbaren, wenn man nur das Nötigste kauft – und sich nur sehr selten eine neue Klamotte gönnt. Ich hoffe das.

IMG_2131Denn über meine beiden T-Shirts und den wundervollen Schal freue ich mich. Minimalismus hin oder her – sie tun mir einfach gut.

Ob ich den Rest des Jahres nun kauffrei überstehe? Wir werden sehen.

 

 

 

39. Kapitel – Das Tablet

IMG_2101Elie kommt aufgeregt aus der Schule zurück. Frau Goyke – die strenge Mathematiklehrerin – hatte gestern angekündigt, dass sie ihre heutige Mathe-Doppelstunde für eine Einführung in die Internettechnik zur Verfügung stellen werde. Diese Veranstaltung hat heute stattgefunden.

Frau Goyke ist – obschon eine ältere Dame – sehr zukunftsorientiert. Sie meint, man müsse die Schüler so früh wie möglich mit dem Internet vertraut machen, denn das sei die Technik der Zukunft. Jeder Saurierjunge und jedes Sauriermädchen müsse damit umgehen können.

„Mädchenkompetenz“ nenne sie das, sagt Elie. Das Wort „Medien“ kennt Elie noch nicht.

Heute hatte Elies Klasse also die „Einführung in die Technik des Internets“. Ein freundlicher Lehrer aus einer anderen Schule sei gekommen und habe mehrere Stunden lang alles über das Internet erklärt. Wie man eine Webseite erstelle, in Form bringe und wie man mit Programmiersprachen umgehe. Auch was soziale Netzwerke seien und wie man sich als junger Dino dort am besten verhalte, habe er ganz toll erklärt, findet Elie.

Angelo, der Klassenbeste, habe das allerdings alles schon gewusst und sich bei der Veranstaltung ziemlich gelangweilt. „Sowas weiss doch heute jedes Kind“ habe er gestöhnt. Elie habe dann so getan, als ob er das selbstverständlich auch alles schon wisse. Insgeheim befürchtet er aber, Angelo habe längst gemerkt, dass er – Elie – in Wirklichkeit gar keine Ahnung habe.

„Wieso kann Angelo das alles, und ich nicht!?“ fragt Elie vorwurfsvoll. „Elie, das weiss ich nicht“ sage ich. „Vielleicht hat Angelo Eltern, die das studiert haben, und die es ihm besonders gut beibringen können?“

„Quatsch“ meint Anatol. „Als Angelos Eltern studiert haben, gab es noch gar kein Internet. Die haben es ihm ganz sicher nicht erklärt. Wenn, dann war das eher seine kleine Schwester – die ist nämlich ein Informatik-Freak!“

Ich versuche nun unauffällig, mich aus dieser Diskussion zurückzuziehen, denn ich selbst bin in diesen Dingen keine Expertin.

Unsanft werde ich wieder in das Gespräch zurückgeholt. „Weisst Du, was der Lehrer dann getan hat? Um uns das Internet richtig gut zu erklären?“ „Nein, das weiss ich nicht, Elie. Warum erzählst Du es nicht?“

Dies beeilt Elie sich, zu tun – und ich habe das Gefühl, dass er nun zum springenden Punkt kommt: Der Lehrer habe nämlich an alle Saurierschüler ganz tolle Tablets ausgeteilt, an denen sie arbeiten durften – um das Internet kennenzulernen.

„Elie, das Surfen im Internet ist kein „Arbeiten“. Das ist einfach nur Vergnügen.“

„Das stimmt nicht! Der Lehrer hat uns gesagt, dass heute fast alle Leute im Internet arbeiten und dass es sehr wahrscheinlich sei, dass wir das später auch tun werden!“

Anatol gibt ein verächtliches Knurren von sich. „Arbeite ich vielleicht im Internet? Bisher habe ich immer noch echte Kartoffeln gekocht – keine virtuellen.“

Hierauf weiss Elie nichts zu erwidern. Er entscheidet sich, trotzdem das loszuwerden, worum es ihm von Anfang an ging:

„Ich will auch ein Tablet haben! Lilian hat eins zum Geburtstag bekommen, und Anna darf das von ihren Eltern haben! Angelo hat sogar ein Tablet, das es eigentlich noch gar nicht gibt, so neu ist es. Er nennt es einen Prototypen! Nur ich habe keins!!“

Ich entscheide mich nun für die Radikalmethode. „Elie, ich hab den Computer grad an – nun sieh hier mal die Preise von solchen Tablets. Da: sie kosten mehrere 100 Euro! Wir haben dafür kein Geld übrig. So etwas können wir uns nicht leisten.“

Die zu erwartende Antwort ist lautes Geheul. Aber so gern ich meinen Sauriern ein Tablet gegönnt hätte: es ist einfach zu teuer.

Elie verkriecht sich weinend ins Dino-Nestchen. Er tut mir leid, denn ich weiss, wie hoch der Druck auf die kleinen Saurier ist – von Mitschülern, die besser ausgestattet sind. Aber wir alle mussten das zum einen oder anderen Zeitpunkt erleben, und haben es auch überlebt.

Mit dieser Pseudoweisheit beruhige ich mein Gewissen leidlich und setze mich an meine Arbeit, die mich an diesem Nachmittag allerdings gar nicht inspiriert. Es kommen mir keine Ideen für meine Novelle – ich habe eine Schreibblockade. Nach einer Stunde, in der ich nichts Brauchbares zu Papier bringe, entscheide ich mich, in die Stadt zu gehen und am Kiosk einen Crêpe mit Zucker und Zimt zu essen.

Anatol und Elie sollen natürlich mit – aber ich bemerke, dass sich die beiden Schlawiner ganz allein auf den Weg in den Park gemacht haben. Immerhin hat Anatol einen Zettel an die Tür geklebt: „Sind im Park. Bis später, Anatol“

Ich muss also meinen Crêpe allein essen. Das kommt mir gut zupass, denn ich habe heute keine Nerven für zankende kleine Saurier, die dem anderen den Crêpe neiden, nur weil sie selbst einen anderen ausgesucht haben.

Der kleine Stadtbummel und der Crêpe tun mir gut. Ich meine sogar, eine neue Wendung für die Novelle gefunden zu haben und beeile mich, nach Hause zu fahren, um die Idee sofort aufzuschreiben. Mein Weg führt durch den Park – dort hoffe ich, die beiden Butler anzutreffen, um ihnen zu sagen, erst gegen 19 Uhr nach Hause zu kommen, da ich für die Novelle noch ein ruhiges Stündchen brauche. Dabei will ich ihnen auch etwas Geld für ein Eis dalassen.

Als ich am Musikpavillon ankomme, sehe ich links eine Ansammlung von kleinen Sauriern. Und es handelt sich nicht um eine friedliche Gruppe! Ich höre Geschrei und sehe, wie ein kleines helles Wesen einem kleinen grünen Etwas mit einem flachen Gegenstand auf den Kopf schlägt! Darum herum stehen die beiden anfeuernde Saurierjungen, während ein kleiner Pirat versucht, die beiden Kontrahenten zu trennen.

Ich nähere mich dem Geschehen – und muss mit Entsetzen feststellen, dass die beiden Streithähne Anatol und Elie sind. Elie schlägt zwar auf Anatol ein – dieser scheint sich aber gar nicht zu wehren. Anna – die mutige Piratin – versucht vergeblich, Elie davon abzuhalten, Anatol weiter zu hauen.

Als ich die Bande zur Ordnung rufe, stiebt das Grüppchen auseinander. Elie wirft den Gegenstand weg, den er bisher gegen Anatol eingesetzt hatte und springt mir weinend auf den Arm. „Anatol ist SO GEMEIN!“ heult er und versteckt seinen Kopf in meiner Armbeuge.

Anatol schaut betreten zu Boden. „Das ist alles nur ein Missverständnis! Es sollte doch nur ein harmloser Spaß sein,“ brummt er. „Nein ich glaub das nicht!“ schluchzt Elie.

Was war geschehen? Anna im Piratenanzug erzählt es mir. Elie habe seit der Schulveranstaltung über das Internet unbedingt ein Tablet haben wollen. Und da habe Anatol vorgeschlagen, ihm einfach eines zu basteln – wenn ich Elie schon keines kaufen könne.
Anatol habe dann eine kleine weisse Schiefertafel gebaut, einen schönen glänzenden Rahmen und einen angebissenen Apfel daraufgemalt, ein paar Apps auf die Schiefer gezeichnet und Elie dann gesagt, so ein einzigartiges Tablet habe keiner. Dabei habe er noch nicht einmal die Unwahrheit gesagt.
IMG_2099Problematisch sei die Sache geworden, als Elie das Täfelchen freudestrahlend den Dinokumpels gezeigt habe. Lilian habe es sogar richtig „cool“  gefunden – nur wo sei denn bloß der An-Knopf? Angelo habe verächtlich gefragt, wie Elie denn damit gedenke, Online zu gehen – worauf Elie geantwortet habe, er könne mit dem Täfelchen in der Hand ja überall hingehen, sicher auch nach Online. Angelo habe mit den Augen gerollt und gemeint, er sei dann mal weg zu seinen Informatikkumpels – er wünsche noch viel Spaß mit dem Steinzeitgerät.

Hier habe Elie gedämmert, dass er einem verspäteten Aprilscherz aufgesessen sein musste. Voller Wut sei er mit dem Täfelchen in der Hand zu Anatol gelaufen, der am Stegobaum saß, und habe angefangen, ihn mit der Schiefertafel zu verhauen. Anatol sei so verdattert gewesen, dass er sich gar nicht gewehrt habe. Da das Täfelchen in Wirklichkeit nicht einmal aus Schiefer, sondern aus bemalter Pappe war, brauchte er allerdings auch keine besondere Gegenwehr zu leisten.

Nun hängt der Haussegen schief. So schief wie noch nie.

Ich sage Anatol, er solle nach Hause gehen. „Anatol, ich weiss nicht, was Du Dir dabei gedacht hast. Sieh, was Du angerichtet hast! Bitte geh schon mal vor, ich versuche jetzt, Elie zu beruhigen.“

Nun sehe ich, wie Anatol Tränen übers Gesicht laufen. Er hatte Elie nicht verkohlen wollen. Aber er hatte mit der ihm manchmal eigenen Hybris einfach nicht bedacht, dass man manche Dinge noch schlimmer machen kann als sie sowieso schon sind, wenn man sich einmischt.

„Willst Du mich jetzt rauswerfen?“ weint er.

Wir sind im ganz großen Drama angelangt. Ich muss mir etwas ausdenken, um das Unheil einzudämmen.

Als erstes schicke ich die zahlreichen Schaulustigen weg. „Kinder, es ist spät. Bitte geht nach Hause.“ Zum Glück wird dies befolgt. Nur Anna bleibt, denn sie hat den gleichen Weg wie wir.

Ich bitte Anna, Elie an die Hand zu nehmen. Anatol knüpfe ich mir vor. „Anatol, Du hast Elie vor seinen ganzen Freunden lächerlich gemacht mit dieser Schiefertafel.“ Ich hebe das Täfelchen auf und stecke es ein. „Was können wir jetzt nur tun, um das wieder auszubügeln?“

Anatol weint. Er habe nicht bedacht, dass Angelo gleich merken würde, dass das Tablet nicht echt war. Die anderen Freunde hätten gar nicht gesehen, dass es eine Schiefertafel war. „Eine Papp-Schiefertafel,“ korrigiere ich.

Zuhause angekommen verkriechen sich beide Saurier in je eine andere Ecke. Sprechen will keiner. So geht es nicht, das ist klar.

Ich packe die beiden, setze sie zwangsweise zusammen in ihr Nestchen und halte eine Standpauke.

„Elie, wenn Du nicht so sehr nach einem Tablet geheult hättest, von dem Du ganz genau weisst, dass es zu teuer ist – dann wäre das alles nicht passiert. Du trägst an der Sache auch einen kleinen Anteil – denke bitte darüber nach! Und Anatol, Dir empfehle ich, zukünftige Bastelaktionen nur noch nach Absprache mit mir durchzuführen. Du hättest Elie niemals sagen dürfen, die Papp-Attrappe, die Du gebaut hast, sei ein echtes Tablet. Dafür entschuldigst Du Dich bitte bei Elie.“

Anatol sagt, dass es ihm wirklich leid tut. Elie umarmt ihn nun einfach. Meine beiden Butler haben sich viel zu lieb, um lange aufeinander böse zu sein.

Das Papp-Tablet verschwindet indessen in meiner Schreibtischschublade.

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37. Kapitel – Gender Studies II

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Verschlafen sitzen Anatol, Elie und ich am Frühstückstisch. Es ist Sonntag, der 30. März 2014 und heute ist die Uhr auf die Sommerzeit umgestellt worden. Das bedeutet, dass wir eine Stunde weniger geschlafen haben, um uns an das frühere Aufstehen in den nächsten Tagen zu gewöhnen.

Ich mag die Sommerzeit. Nur das Umstellen der Uhr finde ich lästig, da es meinen Schlafrhythmus durcheinanderbringt. Könnte man nicht bei einer einzigen Zeit bleiben?

Das Telephon klingelt. Es ist 8 Uhr 30 – wer ruft denn so früh schon an? Es können eigentlich nur schlechte Nachrichten sein.

Bedrückt hebe ich ab.

Am Telephon ist der Urzeitsaurier Herr Hase: Elianes Vater. Er heisst wirklich „Herr Hase“ – so etwas kann man nicht erfinden: ein Saurier mit Namen „Hase“. Es gibt nichts, was es nicht gibt.

Herr Hase hat sich leider seit gestern Nachmittag nicht beruhigt. Im Gegenteil: er scheint sich in seine Wut noch weiter hineingesteigert zu haben, denn mit zorniger, heiserer Stimme fragt er, ob mir „ein gewisser Anatol gehöre“. Ich antworte, dass Anatol in erster Linie sich selbst gehöre, und dass ich die beiden Saurier nicht als mein Eigentum ansehe. Dass Anatol aber in der Tat hier bei mir wohne. Zur Zeit frühstücke er gerade – ob denn Herr Hase nicht auch lieber gemütlich mit seiner Familie einen Morgenkaffee und ein Croissant zu sich nehmen wolle, und sich erst dann den ernsteren Dingen des Lebens zuwenden wolle…?

Herr Hase will das ganz sicher nicht. Er ist außer sich vor Zorn über meinen aufsässigen Saurier, der ihm gestern in renitenter, ja geradezu impertinenter Art und Weise Paroli geboten habe, was er als empörenden Affront empfinde und worüber er sich nun mit Nachdruck bei mir beschweren wolle.

Ich gebe Herrn Hase zu verstehen, dass Anatol und Elie mir den gestrigen Vorfall geschildert hätten. Ob Herr Hase nicht das Gefühl habe, hier doch über das Ziel hinausgeschossen zu sein, und eine Geburtstagsfeier von minderjährigen Sauriern etwas überzubewerten?

Er bewerte nichts über, ereifert sich Herr Hase. Er erwarte von meinem Stegosaurus eine Entschuldigung, sonst werde er geeignete Schritte ergreifen. Dann hängt er ein, noch bevor ich antworten kann.

Ich seufze. „Anatol, ich glaube, das ist kein Fan. Herr Hase war am Telephon. Und er will, dass Du Dich für Dein Verhalten von gestern entschuldigst.“

„Den Teufel werde ich tun.“ knurrt Anatol. „Ich stehe zu jedem einzelnen Wort, das ich gestern gesagt habe.“

Elie jubelt. „Anatol ist ein Held!“

Ich bitte um Mäßigung.

„Kinder, ich bin auf Eurer und Annas Seite. Aber wir haben nun einen ausgewachsenen Nachbarschaftsstreit, und das ist kein Spaß. Wir haben hier im Viertel immer friedlich zusammengelebt, und nun wird es Ärger geben. Davon können wir ausgehen. Wir müssen eine Lösung finden, sonst werden wir und Annas Familie hier nicht mehr froh werden, fürchte ich. Vielleicht wäre eine rein formale Entschuldigung – möglicherweise per Brief – doch das Beste?“ Manchmal nenne ich die Saurier und die Katzen „Kinder“ – obwohl sie gar keine Kinder mehr sind, bis auf Elie. Anatol ärgert das, aber heute bemerkt er es nicht einmal.

Entgeistert sieht er mich an. „Du willst doch nicht etwa, dass dieser Urzeitsaurier Recht bekommt?!“

Ich gebe zu bedenken, dass es nicht um das „Recht“ ginge – sondern um ein zukünftiges friedliches Zusammenleben der Nachbarn. Herr Hase werde möglicherweise nach einem freundlichen Brief wieder Ruhe geben?

Anatol gibt ein verächtliches Schnauben von sich. „Die Staatsräson. Ja ja. Dafür tut man ja so einiges. Aber nicht ich. Wenn ich etwas gelernt habe in den letzten Jahrmillionen, dann das: man sollte zu seinen Auffassungen stehen. Auch, wenn es Gegenwind gibt. Und damit ist das Thema für mich beendet. Es wird keine Entschuldigung geben.“

Ich bin beeindruckt. Mein Butler hat wirklich Stehvermögen. Elie jubiliert: „Der Macho-Saurier soll sich in seine Steinzeit verziehen!“

Derlei Äußerungen unterbinde ich, denn man soll über Andersdenkende nicht so sprechen – auch wenn man mit ihren Thesen überhaupt nicht einverstanden ist. Wir haben das nicht nötig, sage ich zu Elie.

Anatol hat den ganzen Vormittag lang recherchiert. Dies hat er gefunden:

  • Im Februar 2014 versammelte die „Manif pour tous“ nach eigenen Angaben allein in Paris mehr als eine halbe Million Demonstranten, um gegen das sogenannte „Mariage pour tous„, die Ehe zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern zu protestieren. Die Demonstrationen wendeten sich dabei nicht nur gegen die Homo-Ehe, sondern auch gegen die sogenannte „Gender-Theorie“, bzw. gegen das, was die Demonstranten darunter verstanden. Die Protestaktionen griffen gezielt eine Kindererziehung an, die Kindern keine vorgegebenen Geschlechterrollen zuweist. Mädchen hätten sich als Prinzessinnen zu verkleiden, Jungen als Piraten. Nur so sei gewährleistet, dass sie als Erwachsene auch die ihnen vorbestimmten Rollen als Mann und Frau übernähmen.
  • Der Film „Tomboy„, in dem ein kleines Mädchen sich als Junge verkleidet, Fußball spielt und sich in ein anderes kleines Mädchen verliebt, wurde im Februar 2014 auf ARTE ausgestrahlt. Die extremistisch-katholische Organisation „Civitas“ hatte im Vorfeld versucht, Druck auf den Sender auszuüben, um die Absetzung des ihrer Ansicht nach schwer jugendgefährdenden Films zu erreichen – ohne Erfolg. Der Film hat mehrere internationale Preise gewonnen und ist von der FSK ab 6 freigegeben – auch für Feiertage.
  • Im März 2014 musste Sunnie, ein kleines Mädchen aus Timberlake in den USA seine Schule verlassen, da es mit seinen kurzen Haaren zu sehr wie ein Junge aussah, so die Schulleitung. Dies entspräche nicht den christlichen Werten der Schule. Im Blog der amerikanischen Pastorin Emily C. Heath schreibt diese einen offenen Unterstützungsbrief an Sunnie, in dem sie das Verhalten der Schule verurteilt und Sunnie darin bestärkt, ihre Haare weiter so zu tragen, wie es ihr am besten gefalle. Neben vielen positiv gestimmten Kommentaren erhält die Pastorin jedoch aus offenbar religiös-extremistischen Kreisen aggressive Zuschriften.
  • In Saudi-Arabien dürfen Frauen nicht einmal Fahrradfahren. Sie dürfen auch sonst fast nichts. Eine sehr mutige junge Frau aus Saudi-Arabien, Haifa al-Mansur, hat nun einen Film gedreht (obwohl Frauen auch das verboten ist), in dem ein kleines Mädchen in Arabien heimlich Fahrrad fahren lernt.  Der Film heisst „Das Mädchen Wadjda“ und Anatol kann eins nur raten: unbedingt angucken, ebenso wie Tomboy!
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  • Spielsachen werden – marketinggerecht – in immer „sexualisierterer“ Form angeboten. Für Mädchen gibt es pinke, bonbonfarbene Puppen – Jungen sollen mit pseudo-männlichem Spielzeug aufwachsen. Es gibt plötzlich Lego für Mädchen und Lego für Jungen. Warum ist das so? Es geht nicht nur um das Hineinpressen in bestimmte Rollen – es geht um den Kommerz. Das Geldverdienen damit, dass kleine Kinder sich nach vorgegebenen Geschlechterrollen entwickeln sollen. Anatol hat dazu diesen Blogartikel von Talinee gefunden. Wir empfehlen ihn ganz ausdrücklich, ebenso wie diesen Beitrag von The Belle Jar über Men´s rights movements.

Anatol warnt davor, anzunehmen, dass das Prinzip „Gleichberechtigung“ eine unverrückbare, feststehende Errungenschaft sei. Gegenläufige Tendenzen und Ansichten wie die des Urzeitsauriers Herrn Hase existierten zu Hauf. Er rät zu größter Vorsicht.

Von Herrn Hase werden erstaunlicherweise aber keine weiteren Beschwerden kommen.

Im Herbst werden Annas Eltern uns mitteilen, dass Frau Hase sich von Herrn Hase getrennt hat und ohne ihn mit Eliane hier im Viertel lebt.

Der Presse werden wir Jahre später entnehmen, dass Herr Hase einer rechtsextremis-tischen Partei beigetreten ist und für diese kandidiert.

Letzteres wird uns weniger verwundern.

 

 

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