138. Kapitel – Der Gasthof am Edersee V

Eine Reiseerzählung – Teil 5: Der Plan

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Die Tapetentür stand nun weit offen. Beklommen ließen wir unsere Blicke durch den dahinter liegenden Raum schweifen. Enttäuschung bemächtigte sich unserer: in dem Zimmer waren ausschließlich Bücher untergebracht: Folianten und Schriftstücke der letzten Jahrhunderte lagerten hier. Wir mussten uns in der Bibliothek des „Alten Schlosses“ befinden.
Elie stöhnte. „Bücher! Nur Bücher … ich hatte gehofft, hier vielleicht das Verlies zu finden, in dem Susanne eingesperrt ist – denn das ist sie doch sicher: eingekerkert! Sonst würde sie doch zu uns zurück kommen – oder will sie vielleicht gar nicht mehr zu uns …?“ Ein ersticktes Schluchzen folgte.

Die Tigerkatze sprang grazil wie eine Ballett-Tänzerin in eines der oberen Regalfächer und rieb sich an den Einbänden der dort stehenden Bücher. Ich warf einen näheren Blick auf die Werke: es handelte sich um die Chroniken der Region Edersee – sie umfassten die Jahre 1908 bis 1914.

Unschlüssig ergriff ich einen der Bände und schlug ihn auf. Die Katze begann zu schnurren – offensichtlich hatte ich etwas gefunden, von dem sie wollte, dass ich es sah.

Die Chronik – sie war zu umfangreich, als dass ich sie hier in Gänze wiedergeben könnte – referierte den Bau der Edeltalsperre, beginnend mit den Planungen, der Errichtung der Staumauer, den ersten Stauungen und der Flutung von mehreren Ortschaften der Ederseeregion.

Hier unterbricht Elie mich. „Die alten Dörfer wurden überflutet? Aber was geschah denn mit den Menschen, die dort wohnten? Und mit den Tieren…?“ Ich blättere in der Chronik und finde den folgenden, nüchternen Satz:

Die Dörfer Asel, Bringhausen und Berich wurden abgetragen und versanken in den Fluten. Die Bewohner wurden teilweise in Gebiete oberhalb ihrer Dörfer und nach Neu-Berich bei Bad Arolsen umgesiedelt.

Dann lese ich mit Schaudern:

Bei Niedrigwasser kommen die überfluteten Reste der alten Dörfer wieder zum Vorschein: Mauerreste der alten Bericher Klosterkirche sowie die Ederbrücke von Asel, die sonst unter dem Wasserspiegel liegt. Bei besonders niedrigem Wasserstand kann man die Überreste der alten Bericher Hütte und die mit Betondecken versehenen Gräber des alten Friedhofs erkennen.

Elie flüstert: „Die alten Häuser sind also dort unten auf dem Seegrund …? Und wenn dort doch noch die Leute von damals in ihren Häusern – oder Gräbern – sind …?“ Vom Grauen geschüttelt verstummte Elie. Das Buch entglitt mir: mit einem schweren Poltern fiel es zu Boden. Ich wagte nicht, es aufzuheben – so als könnten dem Buch tatsächlich grausige Geistererscheinungen entspringen.

Ein Knarren ertönte, dann vernahmen wir ein leises Klicken. Die Tapetentür war hinter uns zugefallen! Mit einem Satz war ich an der Tür und versuchte, sie zu öffnen: es gelang mir nicht! Die Tür besaß auch auf der Innenseite keine Klinke, und der Schlüssel steckte aussen – dort steckte er doch noch? Zitternd spähte ich durch das Schlüsselloch, in dem kein Schlüssel mehr zu erkennen war… Durch die Öffnung sah ich indessen unseren Wirt, Herrn von Hollow, sich langsam entfernen, den langen, altmodisch verschnörkelten Schlüssel in der Hand.

Es gab keinen Zweifel: unser Gastgeber hatte uns absichtlich in der Bibliothek eingeschlossen. Wir waren gefangen.

Elie ließ sich auf den Steinboden der Bibliothek gleiten. Weinend flüsterte er „Das ist das Ende. Wir werden hier sterben!“ Die Katze rieb ihren Kopf an Elies Bein. Dann sprang sie auf das hinter uns befindliche Bücherbrett und begann, ihre Krallen an einem besonders ansprechend-rauhen Bucheinband zu schärfen. Dabei verhakte sie sich mit der einen Pfote in den Stoffeinband, zog das Buch wie zufällig aus der Reihe heraus und warf es uns geradewegs vor die Füße. Das Buch klappte in der Mitte auf und blieb offen liegen.

Elie und ich lasen nun voller Entsetzen, was dort stand:

Es war einmal ein reicher Müller, der besaß ein Mühlwerk am Fluss. Tagaus, tagein arbeitete er in seiner Mühle, ließ das Mühlrad sich fröhlich drehen und mahlte das Getreide, das die Bauern ihm brachten, zu feinstem Mehl.

So verging Jahr um Jahr. Der Müller mahlte, die Bauern bauten ihren Roggen und Weizen an und die Tochter des Müllers, die Edmée hiess, wuchs in der Mühle zu einer liebreizenden jungen Frau heran.

Eines Tages aber erließ der Kaiser ein Gesetz, nach welchem der Fluss zu einem Stausee aufgestaut werden sollte, um die nahe gelegenen Städte und Dörfer mit Wasser zu versorgen. Die Mühle, das Mühlrad und alle Besitztümer des Müllers sollten unter den Wassermassen begraben werden. Der Kaiser bot dem Müller eine hohe Entschädigung, nämlich 1000 Goldtaler, für den Verlust seiner Mühle an. Aber der Müller hing sehr an seinem Gehöft und weigerte sich, die Goldtaler anzunehmen. Er wollte seine Mühle behalten.

Die Müllerstochter sah, wie alle Nachbarn das Geld des Kaisers annahmen, ihr Hab und Gut packten und sich weiter entfernt wieder ansiedelten. Sie schalt ihren Vater, die Entschädigung ausgeschlagen zu haben. „Vater, wie sollen wir leben, wenn die Staumauer gebaut ist? Unser Haus, die Mühle – alles was wir haben – wird überflutet werden!“
Der Müller blieb unbeugsam bei seinem Entschluss, die Mühle zu behalten.

Indessen wurde die Staumauer gebaut und mehrere Jahre zogen ins Land. Der Müller war verbittert, da keiner seiner alten Nachbarn mehr mit ihm sprach. Sie wohnten nun weit weg und kamen nie mehr zur Mühle. Nur selten verirrte sich einer der Bauern in die alte Mühle.

Berich vor der Flutung

Berich vor der Flutung

Der Tag kam, an dem die Staumauer fertiggestellt wurde. Unnachgiebig und eisenhart setzte sich der Müller an sein Mühlwerk und wartete. Wenn die Fluten kamen, würde er mit seiner Mühle untergehen – die Mühle war ihm mehr wert als sein eigenes Leben.

Keiner der Nachbarn wagte es, den Müller von seiner Entscheidung abzubringen, denn der Müller war ein harter Mann, der keinen Widerspruch duldete.

Als die Flut kam, war die Müllerstochter die einzige, die versuchte, ihren Vater aus dem Wasser zu retten.

Weder sie noch ihr Vater wurde je lebend wiedergesehen.

Seither gibt es jedoch die Legende eines Wiedergängers, welcher bei Niedrigwasser aus den Fluten zurückkehre und die Gesellschaft von Menschen suche. Da er auf dem Grunde des Sees sehr einsam ist, nimmt er junge Frauen, deren Gesellschaft ihm angenehm ist, mit sich in die Fluten. Auch Ertrunkene, deren Leiche verschwunden bleibt, sollen bei ihm ein neues Zuhause finden… Es gibt nur eine Möglichkeit, die Menschen, die er als Spielgefährten erwählt hat, aus seinen Fängen zurückzuholen:

Wiedergänger am Seengrund
verzaubern magst Du manch Maiden Mund –
In Fluten muss sie untergehn
nimmermehr an Lande stehn
Wenn nicht des Buchenwaldes Meisters
verblühte Blumenpracht sie streifet.

Nur wenn man dies genau befolgt, kann man den Fluch, der über dem Opfer des Wiedergängers liegt, brechen. Ansonsten fällt man selbst dem Wiedergänger anheim. Es wird auch erzählt, dass die schöne Tochter des Müllers seither versucht, die Unseligen, die in die Fänge des Wiedergänger geraten sind, zu befreien…

Und da sie schon gestorben sind, so geistern sie noch heute.

Ich blickte auf und sah Elie an. Wir mussten aus der Bibliothek, in der wir gefangen waren, herauskommen und dann den Vers befolgen, der das Gegenmittel für den Zauber beschrieb. Sonst war Susanne – und auch wir – verloren.

zur Fortsetzung

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