134. Kapitel – Der Gasthof am Edersee I

Eine Reiseerzählung – Teil 1: Die Abfahrt

Edersee_Panorama_Waldeck

Photo Axel Hindemith

Anatol hat meinen Vorschlag, einen Wochenendausflug zu unternehmen, nicht vergessen. Mit Feuereifer sind er und Elie dabei, im Internet ein Reiseziel auszuwählen. Ich habe den beiden Sauriern dafür freie Hand gelassen. Sie sollen sowohl unseren Aufenthaltsort als auch die Unterkunft aussuchen – so kann ich sicher sein, dass später keine Beschwerden auf mich niederprasseln werden.

Bald ist unser Feriendomizil gefunden – ein verwunschener kleiner Gasthof am Edersee, an den ich nach langen Jahren zurückkehren möchte. Mit meinen Eltern und meiner Schwester sowie Hund Trolli (damals nicht einmal ein Jahr alt) war ich 1974 schon einmal am Edersee gewesen. Einen ganzen Nachmittag lang waren wir in einer winzigen Jolle über den See gerudert, waren geschwommen und hatten den Hund Stöckchen aus dem Wasser apportieren lassen.

Verträumt und etwas melancholisch entsinne ich mich der lang vergangenen Momente. Ich freue mich, den Ort der schönen Kindheitserinnerung bald wiederzusehen.

Anatol klappt das Laptop zu. „Ich habe eben die Reservierung aufgegeben. Unser Gasthof heisst „Zum alten Schloß“ und hatte noch einige Zimmer frei – mit Vollpension! So müssen wir uns um nichts kümmern und vor allem nicht kochen. Der Preis ist durchaus annehmbar – 20 Euro pro Nacht für eine Person. Ich habe nur für eine Person reserviert. ‚Tiere’ ….“ – hier räuspert Anatol sich – „…sogenannte ‚Tiere‘ sind im Übrigen ausdrücklich zugelassen.“

Ich ziehe die Augenbrauen hoch und frage misstrauisch: „20 Euro pro Nacht mit Vollpension? Das kann doch nur eine üble Absteige sein, Anatol!“

Anatol verteidigt seine Wahl mit dem Hinweis darauf, dass alle anderen Pensionen ausgebucht seien. Ein Doppelzimmer mit Vollpension koste ansonsten in der Ederseeregion um die 40 Euro pro Nacht – wenn es verkehrsmäßig gut angebunden sei.

Der Gasthof „Zum alten Schloß“ sei jedoch mit dem Auto gar nicht zu erreichen. So erkläre sich der günstige Preis. Von Waldeck aus müsse man mit dem Fahrrad über Feld- und Waldwege in Richtung „Katzenstein – Sechs Buchen“ fahren; an einem der Waldwege fände sich der Gasthof – nicht weit vom See entfernt.

Elie hüpft aufgeregt hin und her. „Das klingt nach einem richtigen Abenteuer!“

Ich bin skeptisch. „Anatol, wie kommen wir da hin? Mit dem Fahrrad werden wir es wohl kaum bis zum Edersee schaffen…! Ich möchte nun auch die Webseite des Gasthofs sehen, auf der Du die Vollpension gebucht hast.“

Stolz erklärt Anatol, unsere Reise würde uns mit einer speziellen Buslinie, die auch das Fahrrad mitnähme, bis nach Giflitz führen. Von dort aus müssten wir allerdings mit dem Fahrrad bis nach Waldeck und dann zu unserem Gasthof fahren. Dies seien aber nur knapp12 km.

Seufzend willige ich ein. Zu diesem Zeitpunkt weiss ich noch nicht, dass unsere Busreise um 6 Uhr 30 beginnen und ganze 8 Stunden dauern wird, während derer wir fünf mal werden umsteigen dürfen.

Verwundert durchsucht Anatol den Cache des Laptops. „Ich verstehe das nicht … ich finde die Webseite, auf der ich eben gebucht habe, nicht mehr … aber die Adresse habe ich notiert. Gasthof „Zum alten Schloß“, am Katzenstein unter den sechs Buchen, bei Schloß Waldeck, Hessen. Überwiesen habe ich das Geld ja auch schon.“

Die Überweisung in Höhe von 60 Euro – drei Übernachtungen – geht an die „Dark Eder GmbH, Geschäftsführer Heinrich v. Hollow“. Zumindest ein Konto scheint also zu existieren.

Unser Rucksack ist schnell gepackt. Im letzten Moment fällt mir ein, dass ich noch eine alte Landkarte der Gegend um den Edersee besitze. Diese packe ich in die kleine vordere Tasche meines Rucksacks. Abschätzig sieht Anatol auf die Karte. „Die ist doch total veraltet!“ meint er verächtlich.

Ich schüttle den Kopf. „Die Waldwege werden wohl dort eingezeichnet sein. So etwas ändert sich nicht.“

IMG_3947Am nächsten Morgen verlassen wir um halb sechs Uhr das Haus – den Rucksack auf dem Gepäckträger, die Saurier verschlafen, aber aufgeregt vorn im Fahrradkorb.  Unsere Reise beginnt.

Die Katzen bleiben für die kommenden Tage in der Obhut einer Freundin.

Unsere Busfahrt führt uns bei schönstem Sommerwetter über Offenburg, Karlsruhe, Mannheim, Frankfurt und Marburg bis nach Giflitz. Als wir den Bus in Giflitz – nach fünfmaligem Umsteigen – mit unserem Fahrrad verlassen und weitere 12 km über Waldwege bis zum Gasthof vor uns haben, verfluche ich Anatol, der die Reise geplant hat. Mein Rücken schmerzt, die Beine sind von der langen Fahrt eingeschlafen. Schimpfend setze ich mich aufs Rad. Die beiden Butler schlummern derweil friedlich im Fahrradkorb.

IMG_3948Von Giflitz aus nehme ich die Wildunger Straße und folge dann den Schildern, die mich nach Waldeck führen. Eine Dreiviertelstunde später treffe ich entkräftet dort ein, und beschließe, einzukehren – auch wenn es bis zu unserem Gasthof nun nicht mehr weit ist. Das Gasthaus „Seeblick“ lädt mit seiner beschatteten Terrasse und dem Ausblick über den See noch jetzt am frühen Nachmittag zu einem „gutbürgerlichen Mittagessen“. Glücklich setze ich mich an einen  der Tische.

Nun erwachen die Saurier. Nichtsahnend streckt Elie den Kopf aus dem Korb, gerade als der freundliche Kellner mich fragt, was ich bestellen möchte. Schockiert ob des unerwarteten Anblicks stößt der Kellner einen spitzen Schrei aus – und fragt dann mit zitternder Stimme, was das denn für eine Echse sei? Elie ist indessen erschrocken im Korb untergetaucht.

Etwas entnervt kläre ich den unseligen Servierer auf – die „Echse“ sei eine Kreuzung zwischen einer südamerikanischen Agame und einem Hapalops. Es handele sich dabei um ein kleines, pelziges und völlig harmloses Tier, dem man ähnlich einem Papageien sogar einige Worte beibringen könne. Ich besäße gleich zwei dieser niedlichen Geschöpfe – diese hielten gerade im Korb ihren Mittagsschlaf und gehorchten aufs Wort. Diese Version über Anatols und Elie „Abstammung“ hatten wir uns nach längerer Beratung während der Busfahrt zurechtgelegt.

Dem Kellner steht der Mund offen. Ungläubig sieht er mich an. „Und diese Tiere bleiben  ganz bestimmt in dem Korb…? Sind die denn gar nicht angeleint?“ fragt er unsicher. Ich bejahe dies und werfe einen drohenden Blick in Richtung Korb. „Beissen die nicht…?“

Ich schwindle etwas, als ich dem Kellner versichere, dass die Agamenkreuzung ausschließlich Salatblätter zu sich nehme und noch nie gebissen habe.

Um den braven Servierer auf andere Gedanken zu bringen, bestelle ich flugs Bratkartoffeln mit Salat und frage ihn dann nach dem Weg zum Gasthof „Zum alten Schloß“, da ich dort ein Zimmer reserviert habe.

Eilig verspricht der Servierer, die Bratkartoffeln sofort zu bringen – auf meine Frage nach dem Weg zum „Alten Schloß“ geht er indessen nicht ein. Ich nehme mir vor, ihn später darauf anzusprechen. Vom Restaurant „Seeblick“ gehen verschiedene Wege in unterschiedlichste Richtungen ab – und ich möchte mich nicht verfahren.

…zur Fortsetzung

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