141. Kapitel – Flüchtlinge willkommen!

Es ist 13 Uhr 30 – ich erwarte meine Saurier in Kürze zum Mittagessen. Im Treppenhaus höre ich Stimmen: das müssen die beiden sein.

Aber halt: anstelle von fröhlichem Schwatzen und Lachen scheint mir, als hörte ich ein leises Weinen – und es wird lauter. Ich öffne die Etagentür und sehe ein Häuflein Elend am Treppenabsatz im dritten Stock.

Es ist Elie – daneben Anatol, der ihn streichelt und verzweifelt zu mir hochschaut.

Schnell laufe ich die Treppe in den dritten Stock hinunter und hebe Elie hoch. Auf meine Frage, ob Angelo ihn wohl wieder geärgert habe, schüttelt er energisch den Kopf. „Nein es war nicht Angelo… Es ist ganz allein meine Schuld!“ Ein weiterer Erklärungsversuch geht in einem Weinkrampf unter – Elie kann nicht weitersprechen.

Ich bringe den verzweifelten Saurier in unsere Wohnung und setze ihn in sein Körbchen. Anatol trägt Elies Schulranzen – halbgeöffnet und etwas schludrig gepackt lässt dieser ein bedrucktes Papier, offenbar einen Aufruf zu irgendeiner Aktion, halb hervorgucken. Ich ziehe den Zettel heraus, überfliege ihn und bin sprachlos.

Keine Zwangsbelegung unserer Turnhalle!“ steht dort in großen, unfreundlichen Lettern. Dann folgt ein Text, der darlegt, man habe zwar nichts gegen Flüchtlinge aus den Krisengebieten – es sei jedoch undenkbar, diese in der schuleigenen Turnhalle unterzubringen. Der Turnunterricht müsse dort weiterhin ungestört abgehalten werden können.

Unterzeichnet ist die Brandschrift von einer nicht namentlich bezeichneten Lehrergruppe und mehreren Schulklassen, darunter auch die 5b – Elies Schulklasse.

Bestürzt sehe ich die Saurier an. „Habt Ihr das wirklich unterschrieben? Dazu habe ich kein Einverständnis gegeben – dass man Euch in der Schule so einen Mist unterzeichnen lässt!“ Ich nehme mir insgeheim vor, ein sehr ernstes Wort mit der Klassenlehrerin zu sprechen.

Anatol schüttelt den Kopf. „Als das bei uns in der Klasse rumging, habe ich nicht unterschrieben. Ein paar andere Schüler übrigens auch nicht – deshalb ist die 8b auch nicht bei den unterzeichnenden Klassen genannt.“

Elie heult laut auf. „Ich Idiot habe es unterschrieben! Aber nicht, weil ich dafür bin! Also – ich bin dagegen, dass man dafür ist! Nein, ich bin dafür, dass man dafür … ach – ich weiss nicht!!“ Seine Stimme erstickt fast im Schluchzen.

Dann fasst er sich und gibt leise und reumütig zu: „Ich hab nicht aufgepasst, als Frau Berger dieses blöde Schreiben erklärt hat. Ich habe immerzu nur an Anna gedacht … sie hat sich gestern mit Angelo getroffen, und heute hat sie mir noch keine einzige Nachricht über Dinotalk geschickt! Ich war so traurig und hab immer mein Handy gecheckt … und da hab ich nur was von „Petition für unsere Turnhalle“ mitgekriegt, und die habe ich wie alle einfach unterschrieben. Irgendwie hab ich gedacht, die soll wohl renoviert werden – was weiss ich …“

Dann fügt er hinzu: „Wenn Anna das erfährt, spricht sie nie wieder mit mir. Sie ist doch in der Amnesty Gruppe, die die Flüchtlinge berät …“ Dann beginnt er wieder zu weinen.

Ich schüttle den Kopf. „Elie, deine Unterschrift hat überhaupt keine Bedeutung. Gleich nach dem Mittagessen rufe ich in der Schule an und lasse sie entfernen. Wie kann Eure Lehrerin Euch so etwas unterzeichnen lassen – ohne mich vorher zu fragen! Das Handy wird ab jetzt morgens konfisziert; das nimmst Du nicht mehr in die Schule mit. Und wie bist Du überhaupt darauf gekommen, was Du da unterschrieben hast? Gelesen hast Du die Petition hinterher sicher nicht – wie ich Dich kenne…“ Elie ist leider manchmal etwas nachlässig mit Schulpapieren.

Anatol berichtet, was nach der Schule vorgefallen war. Auf dem Schulhof sei nach der letzten Stunde nur noch über die Turnhallenpetition gesprochen worden. Schnell hätten sich Lager gebildet – einige Schüler seien sogar handgreiflich geworden.

Zwar sei niemand offen gegen eine Aufnahme der Flüchtlinge gewesen – aber die eigene Turnhalle zur Verfügung zu stellen, dazu sei nur eine Minderheit der Schüler bereit gewesen. Elie habe sich lauthals dafür ausgesprochen, die Turnhalle für die Flüchtlinge einzurichten – schließlich könne man auch draußen im Park oder auf dem Schulhof turnen!

Hier seien Stimmen laut geworden, die Elie darauf hingewiesen hätten, er habe doch soeben die Petition gegen Flüchtlinge in der Halle unterzeichnet – woraufhin Elie verstummt sei. Nun erst sei ihm offenbar aufgegangen, worunter er da seine Unterschrift gesetzt hatte, was die Anwesenden an den ihm entgleitenden Gesichtszügen auch sofort bemerkt hätten. Unter dem hämischen Gelächter der größeren Schüler sei er weinend weggelaufen. So sei ihm auch nicht aufgefallen, dass noch ein paar andere unaufmerksame Klassenkameraden unauffällig das Weite gesucht hätten …

Elie richtet sich schluchzend in seinem Bettchen auf. „Anna hat gesagt, die Leute, die keine Flüchtlinge aufnehmen wollen, seien Nazis! Ich will kein Nazi sein! Was genau machen Nazis ? Passen die alle beim Unterschreiben nicht auf…? Oder was?“ Anatol runzelt die Stirn. „Seit vorhin versuche ich, ihm das auszureden. Es hilft nichts!“

Ich beruhige Elie, er sei ganz sicher kein Nazi. Was es damit auf sich hat, werde ich zu einem geeigneteren Zeitpunkt erläutern.

Dann serviere ich das Mittagessen und überlasse es vorerst Anatol, Elie über die Flüchtlingskrise in Syrien aufzuklären:

„Also in Syrien gibt es ein bösen Diktator. Gegen den kämpfen viele Syrer. Leider sind dann noch Bösere dazugekommen. Woher, weiss ich nicht – sie waren plötzlich da, also in den Nachrichten. Sie heissen IS. Die kämpfen auch dort und versuchen, den Menschen in Syrien und in den umliegenden Ländern eine religiöse Diktatur aufzuzwingen. Weshalb, weiss ich nicht. Ich glaube, keiner weiss das. Man erkennt sie daran, dass sie immer schwarz angezogen sind.“

Elie schnieft. „Die kenne ich. Das ist der schwarze Block! Aber was ist eine ‚religiöse Diktatur‘?“

„Nein“, sagt Anatol. „Der schwarze Block, das sind andere. Glaub ich jedenfalls. Und was eine religiöse Diktatur ist, weiss ich nicht so genau. Jedenfalls ist es Mist. Bring mich nicht durcheinander! Also, diese IS-Leute sind sehr brutal. Sie schlagen den Journalisten und anderen Leuten den Kopf ab. Das hat Mirko erzählt, er weiss es aus dem Internet!“

Elie hält sich die Ohren zu und verkriecht sich tief unter der Bettdecke. „Nein!“ schreit er. „Ich will das nicht hören! Das macht mir Angst!“

„Na ja, Du musst ja verstehen, warum die Leute aus Syrien hier herkommen. Stell dir mal vor, hier würden so schwarz gekleidete Typen kommen und uns umbringen wollen. Vor denen würden wir doch auch fliehen, oder?“ Elie nickt. „So wie vor dem schwarzen Dino. Vor dem habe ich nachts immer Angst, falls meine Beine unter der Bettdecke rausgucken. Die packt ja der schwarze Dino sonst – deshalb passe ich immer auf, dass alles unter der Bettdecke ist!“

„Glaub mir, den schwarzen Dino  kannst Du vergessen, verglichen mit IS“ meint Anatol grimmig. „Das hat Mirko jedenfalls gesagt.“ Mirko scheint gut informiert.

Elie schluckt. „Aber wie fliehen die Leute denn? Haben sie ein Auto? Ich weiss gar nicht, wie wir fliehen sollten … wir haben doch nicht einmal ein Auto… mit dem Fahrrad vielleicht? Und was ist, wenn die Leute auch kein Fahrrad haben? Wie transportieren sie ihre Sachen? Mit der Eisenbahn? Sie können doch nicht alles tragen!“

„Sie können nichts mitnehmen“ sagt Anatol. „Sie müssen alles zurücklassen. Viele habe auch Babies… oder Tiere… die müssen sie ja auch mitnehmen – da kann nicht noch Sachen schleppen.“ Sprachlos und entsetzt sieht Elie uns an. „Was ist mit den Teddybären?“

Anatol und ich beruhigen Elie. „Die Teddybären werden alle gerettet. Ganz bestimmt.“

Elie weint dennoch immer lauter. „Was würde denn aus uns, wenn das hier passieren würde? Wer würde uns helfen? Würde man uns auch in einer Turnhalle unterbringen? Wieso überhaupt in einer Turnhalle – da kann man doch gar nicht wohnen… ich würde lieber in eine richtige Wohnung mit einem Bett! Das ist alles schrecklich! Warum geschieht so etwas überhaupt? Gibt es da keine Polizei, die aufpasst?“

Anatol und ich sehen uns hilflos an. Wir haben keine Antwort darauf.

Ich nehme den Telephonhörer zur Hand und wähle die Nummer der Schule. Dort bitte ich um die Entfernung von Elies Unterschrift von der „Petition“ – und erfahre, dass ich nicht die einzige bin, die deswegen anruft. Der gesamte Aufruf sei im Übrigen von der Schulleitung annulliert worden: dies gibt ein wenig Hoffnung.

Elie ist erleichtert. Nachher wird er Anna berichten können, dass er für die Aufnahme von Menschen ist, die vor der Diktatur und dem IS fliehen und bei uns Zuflucht suchen. Nun kennt er ja auch die Hintergründe.

„Warum nehmen wir bei uns eigentlich keine Flüchtlingsfamilie auf?“ fragt Elie.

Das ist eine gute Frage. Warum nicht? Wenn wir ein Gästezimmer hätten, wäre es möglich. Aber wir haben keines. Die Unterbringungsinitiativen, bei denen man sich melden kann, weisen unsere Wohnung als ungeeignet zur Aufnahme von Schutzsuchenden aus.

Elie und Anatol sind enttäuscht. „Können wir denn nichts tun?“ „Doch“, meine ich. „Ihr könnt Euer Taschengeld für die Flüchtlinge spenden. Ich gebe auch etwas dazu.“

Entsetzen spricht aus den Augen der Saurier. „Unser Taschengeld?!“ flüstern sie.

Dann fasst Anatol sich und läuft zum Sparschwein, das gut gefüttert im Spielzeugregal steht. „Ich finde das eine gute Idee!“ ruft er. „Wir haben doch schon alles, was wir brauchen – da können wir ruhig etwas abgeben.“ Elie nickt – auch wenn das heisst, dass er sich das neue Skateboard nicht wird kaufen können. „Das alte fährt ja noch ganz gut!“ versucht er, sich selbst zu überzeugen. Eine kleine Träne läuft ihm dennoch über die Wange, aber die trocknet schnell, als wir die Überweisung für die Flüchtlingshilfe vorbereiten.

Diese Links wollten Anatol und Elie unbedingt auch veröffentlichen:

http://www.aktion-deutschland-hilft.de/de/wir-ueber-uns/

http://www.fluechtlinge-willkommen.de/

http://www.welt.de/politik/deutschland/article143884918/CDU-Politiker-teilt-sein-Zuhause-mit-Fluechtlingen.html

http://www.proasyl.de/de/ueber-uns/foerderverein/mitmachen/

http://www.proasyl.de/fileadmin/fm-dam/q_PUBLIKATIONEN/2014/Infopapier-Fluechtlinge_privat_aufnehmen-PROASYL-Nov-2014.pdf

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