128. Kapitel – Kommunion mit Hindernissen

Ein sonniger, warmer Maimorgen bricht an. Nicht irgendein Morgen – nein: heute, am 10. Mai, ist mein Geburtstag. Auch wenn dieser Tag mich daran erinnert, dass ich älter werde, liebe ich meinen Geburtstag. Oft ist es der erste schöne Tag des Jahres. Selbst wenn es regnet: ich habe gern Geburtstag.

Heute ist aber auch aus anderen Gründen ein wichtiges Datum. Jakob, dem dieser Blog gewidmet ist, feiert heute seine Erstkommunion. Dass wir heute nicht bei ihm sind, macht mich traurig. Die Fahrt bis zu Jakob dauert 8 Stunden. Wer soll in meiner Abwesenheit für die Katzen sorgen – Tonio sein Medikament geben, die Kloppereien zwischen Loup und Riri unterbinden und nächtlichen Streit zwischen Noah und Capucine schlichten…? Anatol hatte trotzdem gestern noch böse mit mir geschimpft – es sei eine Schande, dass ich bei der Erstkommunion meines eigenen Neffen nicht zugegen sei. Eine Rabentante sei ich – mehr sei dazu nicht zu sagen.

Kleinlaut hatte ich mich daraufhin in mein Schlafzimmer verkrochen und vergebens nach einer Möglichkeit gesucht, meine Abwesenheit wieder gut zu machen. Dann war ich traurig eingeschlafen.

Als ich aufwache, klappert es bereits in der Küche. Die Saurier sind leise aufgestanden und bereiten ein Geburtstagsfrühstück vor! Ich bin gerührt.

Eben will ich aufstehen und einen Blick in die Küche werfen – schließlich bin ich neugierig darauf, ob die Butler wohl auch Geschenke für mich haben – da klingelt das Telephon. Dies ist am Sonntag – um nicht einmal 8 Uhr – ungewöhnlich.

Bang hebe ich ab. Die Anruferin ist unsere Nachbarin, Annas Mutter. Sie entschuldigt sich vielmals für die Störung am frühen Morgen und schildert ihr Problem, bei dem sie mich um meine Hilfe bittet … heute sei Annas Erstkommunion, und sie erwarte Besuch von Freunden und Verwandten. Richtig – nun fällt es mir wieder ein: Elie hatte gestern, als wir von Jakobs Kommunion gesprochen hatten, erzählt, dass auch Anna heute ihre erste Kommunion feiern würde.

Eine befreundete Familie komme aus Deutschland, und spreche überhaupt kein Französisch. Der als Dolmetscher vorgesehene Student habe eben abgesagt – er liege mit einer Grippe darnieder. Ob ich wohl so freundlich sein wolle, während des Kommunionsgottesdienstes als Übersetzerin zu fungieren? Selbstverständlich sei auch ich zum nachmittäglichen Kaffee und Kuchen mit der ganzen Familie herzlich eingeladen.

Ohne weiter nachzudenken, sage ich zu. Wie will man eine solche Bitte ablehnen? Annas Eltern haben uns mehr als einmal mit Rat und Tat zur Seite gestanden – nun ist es Zeit, sich zumindest ein wenig erkenntlich zu zeigen.

Um halb 10 soll ich mich also vor der Kirche einfinden und dann während des Kommunionsgottesdienst den deutschen Freunden als Simultandolmetscherin zur Verfügung stehen. Hierbei kann ich die Saurier im Grunde gar nicht gebrauchen –  als ich indessen um kurz nach 9 im Sonntagsgewand aus dem Haus schleichen will, krakeelt es laut „Wir kommen mit!“

Ich stöhne. Anna muss Elie per SMS über die bevorstehende Dolmetscheraktion unterrichtet haben; nun sind die beiden Butler nicht mehr zu Hause zu halten. Entnervt stecke ich die beiden Untiere in meine Handtasche, nicht ohne den augenblicklichen Rausschmiß in Aussicht gestellt haben, sollte man während des Gottesdienstes randalieren oder anderweitig stören. Dann begebe ich mich zur Kirche.

Den beiden älteren Herrschaften, die gar kein Französisch sprechen – Heidrun und Friedhelm aus Buxtehude – ist es überflüssigerweise sichtlich peinlich, dass sie meine Dienste in Anspruch nehmen müssen. Zum Glück lenkt uns Anna hier ab: im wunderschönen weissen Kleidchen sieht sie aus wie eine Prinzessin und erklärt den beiden alten Leuten, wo sie sich hinsetzen müssen, um möglichst viel von der Zeremonie sehen zu können. Danach läuft sie zur Gruppe der anderen Erstkommunikanten, winkt uns noch einmal zu – und ist in der Kirche verschwunden.

Kurze Zeit später sitzen wir im Seitenschiff und haben dort tatsächlich einen schönen Blick auf den Altarraum. Langsam füllt sich die Kirche – um 10 Uhr wird der Kommunionsgottesdienst beginnen.

Da – lautes Fluchen ertönt aus meiner Handtasche. Ich zucke zusammen – und versetze der Tasche einen Schlag. Jetzt ist nicht der Zeitpunkt für derlei Respektlosigkeiten! In der Tasche rumort es weiter, ich zische den Sauriern daher eine böse Ermahnung zu. Nun habe augenblicklich Ruhe einzukehren!

„Anatol hat die Kochplatte nicht ausgemacht!“ flüstert Elie. Ich erstarre. Heiser fügt Anatol hinzu „Und ich glaube, auf der Platte steht auch das Plastiktablett noch drauf …“

Panik bemächtigt sich meiner. Während wir hier bei Annas Erstkommunion sitzen, brennt möglicherweise gerade unsere Wohnung ab … blitzschnell fälle ich eine Entscheidung. Ich fische Elie aus der Tasche und drücke ihn Heidrun in die Hand. „Das ist Elie, er ist ebenfalls Übersetzer. Er wird Ihnen alles perfekt auf Deutsch erklären. Ja, er ist ein Stoffdinosaurier, aber als Dolmetscher dennoch recht gut brauchbar. Bei mir brennt es gerade. Ich komme wieder, sobald alles gelöscht ist!“

Hiermit springe ich auf und haste aus der Kirche. Anatol nehme ich mit, um ihn notfalls als Boten einzusetzen, denn per Handy kann ich während des Gottesdienstes nicht mit Heidrun und Friedhelm kommunizieren.

5 Minuten später erreichen wir keuchend unsere Wohnung. Ein beissender Geruch empfängt uns – die Wohnung ist voller Rauch. Die Katzen sitzen verdrossen auf dem Balkon – zum Glück völlig unverletzt.

Der einzige Schaden, der bisher eingetreten ist, ist ein bis zur Unkenntlichkeit verschmortes Tablett. Ich reisse das Stromkabel der Kochplatten aus der Steckdose, entferne die verkokelten Plastikreste notdürftig und öffne alle Fenster zum Durchlüften.

In der Erkenntnis, dass wir hier mehr Glück als Verstand gehabt haben, überprüfe ich alle weiteren Stromkabel und schalte danach im Sicherungskasten die gesamte Stromzufuhr – bis auf die für den Kühlschrank – ab.

Danach setze ich mich – nervlich am Ende – auf den Küchenhocker. Ist wirklich nirgends mehr ein Brandherd? Voller Angst überprüfe ich alles ein weiteres Mal, dann bin ich mir relativ sicher, dass keine Gefahr mehr droht.

Siedendheiss fallen mit Heidrun, Friedhelm und der Gottesdienst ein. Im Schweinsgalopp – anders ist es nicht zu bezeichnen – hetze ich zur Kirche zurück. Das Sonntagskleid ist für derlei Aktionen nicht gemacht. Rußspuren zieren das Oberteil, und ein deutlicher Qualmgeruch ist ebenfalls nicht zu überriechen… Ich habe die vage Hoffnung, dass zumindest mein Rauchgeruch vom Weihrauch in der Kirche überdeckt werden möge. Die Rußflecken versuche ich mit meinem foulard zu kaschieren, was zum Glück teilweise gelingt.

Zurück an der Kirche stellen wir indessen ein größeres Problem fest als es der Rauchgeruch meiner Kleider darstellt: Die Kirchentür ist zu und lässt sich nicht mehr öffnen.

Verzweifelt rüttle ich an der Klinke – die Tür bleibt verschlossen. Ist es möglich, dass man sie von innen abgeschlossen hat, um Störungen vorzubeugen? Ich kann mir dies eigentlich nicht vorstellen. Wahrscheinlicher ist es, dass die schwere Tür klemmt.

Was auch immer der Grund sein mag – wir verzichten darauf, dem weiter nachzugehen und laufen, den Angstschweiss auf der Stirn, um die Kirche herum. Der Eingang zum Seitenschiff lässt sich ebenfalls nicht öffnen; Anatol erklärt mir jedoch, dass dieser sowieso immer verschlossen sei. Da – etwas weiter sehe ich einen dritten Eingang, deutlich kleiner als die beiden großen Kirchentüren.

„Da geht´s zur Sakristei“ erklärt Anatol. Ich drücke die Klinke herunter – und sende ein Stoßgebet zum Himmel: die Tür öffnet sich – Anatol und ich sind in der Sakristei. Hier muss es einen Zugang zum Kirchenschiff geben! Ob wir diesen wohl unbemerkt nutzen können …?

Hinter uns klappt die Tür zu: wir stehen im Dunklen. Wo ist nur der Lichtschalter? Vorsichtig tappe ich zurück zur Tür, finde dort aber keinen Schalter.

Anatol ist aus meiner Handtasche gesprungen und raunt mir zu „Hier muss es irgendwo Kerzen geben!“ Nun stoße ich einen Wutschrei aus: „DU hast für heute genug gezündelt! Auf keinen Fall rührst Du heute nochmal Streichhölzer oder elektrische Geräte an!“

Ich versuche, das Untier zu packen und zurück in meine Tasche zu befördern, wo es hoffentlich kein weiteres Unheil anrichten kann, stolpere aber in der Dunkelheit über einen vor mir liegenden Gegenstand. Der Länge nach falle ich hin, werde allerdings in meinem Fall durch ein offenbar im Weg stehendes Regal zunächst gebremst – dann kracht das ganze Regal mit ohrenbetäubendem Lärm zu Boden.

In diesem Moment setzt donnernd die Orgel ein.

Vorsichtig rapple ich mich hoch. „Anatol!“ flüstere ich. „Anatol, ist alles ok mit Dir?“

„Ich bin unter irgendetwas Schwerem drunter!“ wimmert der Saurier. Ich versuche, in der Dunkelheit einen Weg zu meinem Butler zu finden, und fühle schließlich eine seiner Tatzen. Der Saurier ist unter mehreren Kartons Hostien begraben.

Glücklicherweise ist er ansonsten unverletzt. Ich räume die Kartons zur Seite und befreie den Butler. Dann versuche ich, mich an der Wand hochzuziehen … ich ertaste ein Stromkabel! Dieses verfolge ich – und finde endlich den Lichtschalter.

Nun offenbart sich das Ausmaß der von uns angerichteten Katastrophe. In der Dunkelheit war ich über eine winzige Trittleiter gestolpert und hatte dann das Regal mit den liturgischen Geräten, Büchern, Gewändern sowie den Hostien und Kelchen umgerissen. Vom Orgeleinsatz übertönt war der Lärm des umfallenden Regals in der Kirche glücklicherweise unbemerkt geblieben.

Es gelingt mir, das Regal wieder aufzustellen. Dann räume ich so ordentlich wie nur möglich alle Gegenstände wieder ein. Am liebsten wäre ich vor Scham in den Boden versunken. Es hilft indessen nichts: wir müssen den angerichteten Schaden ausbügeln. Bald ist alles wieder am Platz – eine Flasche Messwein ist jedoch am Boden zerschellt. Notdürftig wische ich den Fleck auf und sammle die Scherben ein – und stelle fest, dass Anatol und ich voller Rotweinspritzer sind.

Ich möchte nun nur noch von der Erdoberfläche verschwinden. Nachdem wir aufgewischt und das Chaos beseitigt haben, ist mein erster Impuls, nach Hause zu laufen und mich dort unter der Bettdecke zu verstecken.

Nun öffnet sich allerdings die zur Kirche führende Tür und Herr Langenbruch, der Diakon, betrifft den Raum. Anatol und ich erstarren.

„Frau C.! Was machen Sie denn hier? Ich hatte mir gedacht, dass es nicht mit rechten Dingen zugeht, als ich die seltsamen Geräusche aus der Sakristei hörte. Wenn ich Sie nicht so gut kennen würde, würde ich sagen, der Leibhaftige ist geradewegs aus der Hölle aufgestiegen und steht nun vor mir!“ Seufzend zeigt er auf Anatol: „Und Ihren Basilisken haben Sie auch noch dabei. Tsssss …“ Kopfschüttelnd setzt sich der Diakon auf die kleine Trittleiter.

Ich sehe an Anatol und mir herunter. Ruß, Rotweinflecken, dazu ein nicht zu verbergender Qualmduft – wir sehen furchtbar aus. Tränen schießen mir in die Augen. Schluchzend erkläre ich Herrn Langenbruch die Sachlage.

Dieser hat glücklicherweise die Lösung für die Misere. „Sie laufen jetzt nach Hause und ziehen sich etwas Neues an. Den Basilisken verstecken Sie bitte in Ihrer Tasche. Ja, ich weiss, das er gutartig ist. Ich räume nun die Sakristei auf – außer einer Flasche ungeweihten Messweins ist ja nichts kaputtgegangen. In einer Viertelstunde erwarte ich Sie am Haupteingang und öffne die Tür. Sie klemmt wirklich schrecklich. Aber Sie wissen ja – unsere Mittel …“

Heimlich nehme ich mir vor, nachher eine großzügige Spende im Klingelbeutel zu lassen. Ich drücke dem guten Diakon die Hand und renne nach Hause – zum wiederholten Mal.

Kurze Zeit später stehe ich – nun präsentabel – am Eingang der Kirche. Herr Langenbruch zwinkert mir zu. „Das Wichtigste bekommen Sie sogar noch mit! Die Kleinen gehen gerade zu ihrer ersten Kommunion.“

In der Tat sehe ich Anna mit ihren Freunden durch den Mittelgang zum Altar gehen. Leise schleiche ich mich ins Seitenschiff zu Heidrun und Friedhelm, die andächtig Elies Übersetzungskünsten lauschen.

Hier wohnen wir gerührt der Kommunion von Anna und ihren Freunden bei. Ohne die Hilfe des lieben Diakons wäre dies wohl nicht möglich gewesen.

Am Ausgang stecke ich verstohlen einen großen Schein in den Klingelbeutel, an dem ich eine kleine Notiz angebracht habe: „Für eine nicht mehr klemmende Kirchentür!“

Der Rest des Tages verläuft wunderbar ereignislos – bei einem himmlischen Nachmittagskaffee im Garten. Übersetzen muss ich nichts mehr: Heidrun und Friedhelm bestehen darauf, dass Elie weiter dolmetscht. „Er übersetzt das alles so charmant – wir sind begeistert!“ Wenn das so weitergeht, werden die Saurier mich bald ganz überflüssig machen.

Anatol, Elie und ich wünschen Jakob alles Liebe zur Erstkommunion!

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