42. Kapitel – Lieblingslehrer

Photo: Ben Thies800px-Max-Planck-Gymnasium_Göttingen_Hauptgebäude

Anatol kann gar nicht mehr aufhören, von seiner neuen Klassenlehrerin zu erzählen. Sie heisst Frau Berger und gibt Englischunterricht. Anatol findet, sie könne nicht nur ganz toll Englisch, nein – sie sei auch noch unglaublich hübsch, und so freundlich zu den Schülern!

„Ich glaube, Frau Berger ist meine Lieblingslehrerin!“ erklärt er heute beim Abendessen. „Im nächsten Zeugnis will ich in Englisch eine Eins bekommen – damit sie merkt, wie gern ich sie mag!“

Diese sehr löbliche Einstellung kann ich nur unterstützen.

„Hattest Du auch eine Lieblingslehrerin?“ fragt Elie.

„Ja, das hatte ich. Meine Französischlehrerin, Frau Klein. Aber ich hatte auch zwei Lieblingslehrer.“

„Wie kann man denn gleich zwei Lieblingslehrer haben? Das geht doch nicht!“ meint Anatol.

„Doch, das geht.“ antworte ich. „Die beiden waren sehr unterschiedlich, aber ich mochte sie beide unglaublich gern. Wir hatten viele nette Lehrer, aber diese beiden waren etwas Besonderes. Der eine war unser Lateinlehrer, und der andere unterrichtete Geschichte.“

„Geschichte finde ich so spannend!“ sagt Elie. „Erzähl uns von Deinem Geschichtslehrer! Wieso war er besonders?“ Elie rutscht aufgeregt auf seinem Stuhl herum.

Ich willige ein und beginne, zu erzählen.

Es muss das Jahr 1983 sein …  gelangweilt sitzen wir – die 9b – an unseren Tischen. Gleich beginnt die Geschichtsstunde. Draußen scheint die Sonne wunderbar warm: der Sommer ist nicht mehr fern. Viel lieber würden wir jetzt auf dem Schulhof spielen – oder im Schatten unter der Linde ein gutes Buch lesen.

Unserer Geschichtslehrer betritt den Klassenraum. Es ist ein älterer Herr mit Glatze, die er vergeblich versucht, unter ein paar verbleibenden Haaren zu verstecken. Heimlich machen wir darüber Späße – achten aber darauf, dass er es nicht merkt, denn Herr von Wedemeyer ist sehr streng.

Heute ist er nicht allein – ein großer Schüler, scheinbar kaum älter als wir, begleitet ihn. Ob der bei uns in die Klasse gehen soll? Dazu sieht doch etwas zu erwachsen aus.

„Kinder, ich stelle Euch Herrn Reinecke vor. Er ist Referendar und wird Euch von jetzt an mit mir gemeinsam unterrichten. Heute wird er den Geschichtsunterricht geben – bitte seid aufmerksam und brav.“

Mit diesen Worten verlässt Herr von Wedemeyer das Klassenzimmer und lässt den Neuen mit uns allein.

Ein Referendar … normalerweise bedeutet das, dass man weder aufpasst noch irgendetwas von dem tut, was der Referendar anordnet. Ein Referendar ist Freiwild. Schließlich ist er kein „echter“ Lehrer – so denken wir zumindest. Der Klassenkasper hat bereits ein gut mit Spucke eingeweichtes Papierkügelchen in seiner Zwille – zack! fliegt es auf Herrn Reinecke zu.

Herr Reinecke reagiert allerdings nicht wie ein normaler Referendar, der versuchen würde, dem Geschoß auszuweichen. Er fängt die Kugel blitzschnell mit der linken Hand ab, bevor sie ihn treffen kann, und wirft sie mit einer spielerischen Handbewegung zielsicher in den mehrere Meter entfernten Papierkorb.

Der Klassenkasper blickt seiner Papierpatrone ungläubig nach, während Herr Reinecke trocken bemerkt „Nun können wir wohl mit dem Unterricht anfangen. Bitte holt Eure Bücher heraus. Wir werden die deutsche Revolution von 1848 durchnehmen. Könnt Ihr mir dazu etwas sagen? Wir wollen als erstes all das sammeln und aufschreiben, was Ihr über dieses Thema schon wisst. Wer ist denn die junge Dame hier gleich vorn? Susanne – bitte fange doch an, uns ein paar Stichworte zu sagen. Ich schreibe sie an die Tafel. Es wird jeder drankommen, keine Angst.“

Wir sind sprachlos. Einen solchen Referendar haben wir noch nie gehabt. Er weiss genau, was er tut – so als hätte er schon viele Jahre unterrichtet. Plötzlich sind wir alle – selbst die eingefleischten Leistungsverweigerer – motiviert, in Geschichte mitzuarbeiten. Geschichte wird unser Lieblingsfach.

Kurze Zeit später wird Herr Reinecke auch unser Sportlehrer. Dies zwingt mich dazu, meine Mutter so lange zu bearbeiten, bis sie mir endlich die hübschen Sportklamotten kauft, mit denen ich – wie alle anderen Mädchen der Klasse – gedenke, unseren smarten neuen Sportlehrer zu beeindrucken. Letzteres misslingt zwar vollständig, aber meine Leistungen in Geschichte und Sport verwandelen sich plötzlich von „mittelmäßig“ in „sehr gut“.

Herr Reinecke absolviert seine Referendarstation in unserer Klasse mit Bravur. Als er uns verlässt, um sein Examen vorzubereiten, wünschen wir ihm viel Glück und Erfolg – und erklären unumwunden, dass wir ihn danach als Geschichts- und Sportlehrer wiederhaben wollen. Etwas anderes akzeptierten wir nicht.

Es ist außerordentlich ungewöhnlich, dass ein Lehrer nach bestandenem Examen ausgerechnet in der Schule eine Stelle findet, in der er seine Referendarstation abgeleistet hat.

Wir haben dieses Glück: als wir in die 11. Klasse kommen, erwartet Herr Reinecke uns im Klassenzimmer – wir sind nun keine „Kleinen“ mehr, sondern gehen in die Oberstufe. Herr Reinecke verlangt uns hohe Leistungen ab – aber wir freuen uns auf jede Stunde bei ihm.

Herr Reinecke fehlt plötzlich. Die Geschichtsstunden fallen erst aus, dann vertritt ein anderer Lehrer. Wir erfahren, dass Herr Reinecke sehr krank ist, und dass er eine Dialyse braucht. Es ist das erste Mal, dass ich dieses Wort höre.

Ein paar Monate später ist Herr Reinecke wieder da – verändert. Er ist müde und man sieht ihm an, dass er krank gewesen ist. Dennoch gibt er uns weiter Sportunterricht und gönnt sich kaum Ruhe. Wir trauen uns nicht, ihn auf die Krankheit anzusprechen. Sie macht uns Angst, und wir wollen ihn nicht mit Fragen belasten.

Im Sommer gehen wir für eine Woche auf Klassenfahrt nach Heidelberg. Wir wünschen uns Herrn Reinecke als Begleiter. Eine Klassenkameradin spricht das aus, was wir alle denken: „Er ist ja so süß!“

Im Schwimmbad spielen wir Wasserball. Wir tollen so herum, dass ein älterer Herr sich etwas beschwert. Herr Reinecke – der so aussieht, als wäre er unser großer Bruder – sorgt schnell für Ordnung: einzig mit seiner freundlichen, bestimmten Art.

Geschichte wird mein mündliches Prüfungsfach im Abitur. Von der 9. Klasse an bis zum Abitur werde ich keinen anderen Geschichtslehrer mehr haben als Herrn Reinecke.

Am Tag der mündlichen Prüfung bin ich sehr aufgeregt. Herr Reinecke teilt die Prüfungsaufgabe aus: es geht um die Frankfurter Nationalversammlung – das habe ich ja bei ihm gelernt. Bevor er mich für die Vorbereitung der Prüfung alleinlässt, fragt er mich, ob alles ok ist – er sieht mir die Aufregung an. Ich nicke. Es kann nichts schiefgehen!

Eine Stunde später holt er mich zur Prüfung ab und sieht, dass ich mich beruhigt habe. Er klopft mir auf die Schulter und sagt: „Frisch, fromm, fröhlich, frei:  das schaffen wir jetzt, ok?“

Ich bestehe die Prüfung mit einer guten Note. Um nichts in der Welt hätte ich meinen Lehrer enttäuschen wollen.

1988 machen wir Abitur. Wir sind der erste Jahrgang, den Herr Reinecke zum Abitur bringt.

Ich gehe zum Studium in eine andere Stadt – und ins Ausland. Nach Hause komme ich nur selten, und in unsere alte Schule kehre ich gar nicht mehr zurück.

2008 feiern wir unser 20jähriges Abitur. Wie konnte die Zeit so schnell vergehen? Eben waren wir noch in der 9. Klasse …  Herr Reinecke ist natürlich auch auf unserer Feier – wie könnte er fehlen. Ich habe nur ein paar Minuten, um mich mit ihm zu unterhalten – zu viele Schulkameraden sind da, es gibt so viel zu erzählen. Dennoch bemerke ich, dass es Herrn Reinecke nicht gut geht. Er sieht sehr müde aus – ich hoffe, dass es nur vorübergehend ist.

Als ich von der Feier nach Hause fahre, nehme ich mir fest vor, beim nächsten Abiturtreffen Herrn Reinecke alles das zu sagen, was er uns Gutes getan hat – als Lehrer in seinem Unterricht, und als Mensch, der uns gezeigt hat, wie man erwachsen wird.

Ich werde ihn jedoch nie wiedersehen. Herr Reinecke stirbt im Mai 2013 mit nur 59 Jahren.

Elie laufen Tränen aus den Augen.

Anatol fragt ungläubig: „Und Du konntest ihm niemals sagen, wie gern Du ihn gehabt hast, und was er Dir als Lehrer bedeutet hat? Meinst Du nicht, er muss das gewusst haben?“

„Ich hoffe es, Anatol. Ich hätte damals mit ihm sprechen sollen. Warum habe ich das nur nicht getan.“

Anatol sagt entschlossen: „Morgen gehe ich als erstes zu Frau Berger und umarme sie ganz fest. Und dann sage ich ihr, dass ich und alle meine Klassenkameraden sie total lieb haben.“

Ich lächle.

„Das ist eine gute Idee, Anatol. Frau Berger freut sich ganz sicher darüber. Achte vielleicht nur darauf, dass Angelo Dich dabei nicht sieht.“

OLYMPUS DIGITAL CAMERAPhoto: Elke Rumpel

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