10. Kapitel – Flug in die Freiheit

Es gibt nur eine Möglichkeit: Der kleine Diplodocus muss hier weg, so schnell es nur geht.  Nur wohin? Hier und im Park ist er in großer Gefahr. Wir brauchen dringend eine sichere Unterkunft, denn der Amtstierarzt kommt spätestens morgen früh, um den „Leguan“ abzuholen.

15. Oktober 2013, 14 Uhr 20

Anatol sagt gerade, er sei schon einmal mit Dino-Voyages geflogen – um eine im Göttinger Hainberg sehr malerisch gelegene Tierklinik für unterschiedlichste Tierarten zu besuchen. Dorthin will Anatol den Diplodocus bringen – zumindest provisorisch.

Ob die Tierklinik den Saurier wohl aufnehmen kann? Anatol ruft an. Er muss nicht lange verhandeln: der Diplodocus darf kommen!

Indessen spitzt sich die Lage zu: Mein Telephon klingelt – es ist der Amtstierarzt. Er will den „Leguan“, egal in welchem Zustand, noch heute beschlagnahmen! Er habe den Transfer für 17 Uhr vorgesehen, ich solle dann zu Hause sein und den Leguan der Transportcrew aushändigen. So seltene Arten dürften auf keinen Fall bei Privatpersonen untergebracht bleiben, zumal die Gefahr bestehe, dass die Schmuggler, die den Leguan hier eingeführt hätten, ihn bei mir fänden und entführten.

Die letzte Bemerkung des Tierarztes lässt mich auf eine Idee kommen. Schlagartig weiss ich, wie wir den Diplodocus retten!

Wir müssen nun sehr schnell handeln.

Anatol ordert Tickets für die Dino-Flights. Er sagt, es gebe einen Flug um 16 Uhr – den will er mit dem kranken Kumpel nehmen. Nur ist der Diplodocus immer noch nicht wach! Und ich kann mich kaum bewegen mit meinem kaputten Rücken…

Anatol ist verzweifelt! Er tätschelt dem Diplodocus die Wangen und spricht leise auf ihn ein, um ihn aufzuwecken. Es gelingt! Der kleine Dino kommt kurz zu Bewusstsein. Anatol sagt nur: „Wir bringen Dich in Sicherheit. Ich bleibe bei Dir, Du musst keine Angst haben. Kannst Du aufstehen?“

Der Diplodocus versucht, zu nicken, schafft es aber nicht … ein tapferer kleiner Kerl! Er kann natürlich nicht aufstehen … aber ich hebe ihn aus dem Bettchen, wickle ihn in eine warme Decke ein und setze ihn in meine Tasche. Anatol hüpft sofort dazu. „Ich bin Anatol. Wie heisst Du?“ Der kleine Dino flüstert „Ich kann mich an nichts erinnern … ich glaube, ich heisse Ismael …“ Anatol beruhigt den Kleinen: „Du kannst später versuchen, Dich zu erinnern. Ich nenne Dich jetzt Elie, denn es ist besser, Deinen echten Namen geheimzuhalten!“

Elie Anatol Tasche

Schon sind wir auf dem Weg zum Drachenflugdienst – den Dino-Flights. Die beiden Saurier haben sich nun ganz tief in meiner Tasche verkrochen, damit man sie auf keinen Fall bemerkt.

Der Drachenflieger geht um 16 Uhr, aber wir sind etwas früher da. Ich muss ja auch bald wieder zurück zu Hause sein, wenn die Transportcrew des Amtstierarztes kommt… denn sonst mache ich mich verdächtig.

Zum Glück ist der Drachenflugplatz nicht weit entfernt. Ich kann also mit dem Fahrrad dort hinfahren. Wenn es nur nicht so regnen würde…!

Der Drachenflieger von Dino-Flights steht schon auf dem Rollfeld bereit. Unter „Rollfeld“ ist in diesem Fall eine Wiese zu verstehen, die sich in der Nähe des Autobahnzubringers befindet. So ist man dort zum Glück ganz ungestört: Spaziergänger verirren sich nur selten hierher. Der Drachenflieger geht sogar täglich mehrmals – in alle Welt!

Anatol holt am Schalter (der mitten auf der Wiese steht, als eine Art Kiosk getarnt) die beiden Flugtickets ab, während ich den kleinen Elie bis zum Drachenflieger trage. Ein freundlicher Dino-Steward nimmt ihn mir ab und bringt ihn an seinen Platz, wo er in sich zusammensinkt. Er ist sehr schwach, und ich frage mich, ob wir hier wirklich das Richtige tun.

Anato reisst mich aus diesen Gedanken heraus. „Wir sind startklar!“ ruft er. „Ich melde mich später. Wenn alles wie geplant läuft, bin ich heute abend gegen Mitternacht wieder da.“

Ich kann nur noch gegen den Motorenlärm anschreien „Guten Flug! Passt auf Euch auf!“ – und schon hebt der Drachenflieger, der von einer verwegenen Dino-Pilotin gesteuert wird, ab.

Kurze Zeit später ist er in den Wolken verschwunden.

15. Oktober 2013, 16 Uhr 05

Es wird nun höchste Zeit für mich, nach Hause zu fahren und dort alles für die Leute vorzubereiten, die ihren Leguan abholen wollen …

15. Oktober 2013, 16 Uhr 45

Es klingelt. Ich habe einen dicken Kloß im Hals, denn nun muss ich etwas tun, was ich nicht mag und was ich nur im absoluten Notfall mache: lügen.

Ein Herr im weissen Kittel steht vor der Tür, dahinter zwei Gorillas mit einem kleinen Käfig. Er wolle „den Fund-Leguan“ mitnehmen. Ich gucke verdutzt. „Aber es waren doch eben schon Leute da, die den Leguan geholt haben! Sie sagten, der Amtstierarzt schicke sie. Haben Sie denn zwei Transportteams beauftragt?“

Der Herr im weissen Kittel wird ungeduldig. „Wir sind die einzigen befugten Personen, denen der Leguan ausgehändigt werden darf. Bitte geben Sie ihn mir, sonst muss ich eine Hausdurchsuchung anordnen.“

„Ich habe den Leguan den Herren übergeben, die vor ca. 15 Minuten hier waren. Sie haben mir sogar einen Ausweis gezeigt, auf dem „Veterinäramt“ stand. Sie dürfen aber auch gern hereinkommen und sich selbst davon überzeugen, dass hier kein Leguan mehr ist. Ich bin ja froh, dass er weg ist. Vor diesen Tieren habe ich nämlich Angst!“

Der Herr will es wirklich ganz genau wissen. Er betritt die Wohnung und inspiziert sie minutiös. Ich zeige ihm das leere Bettchen des Leguans. Er will auch in alle Schränke und Schubladen sehen – nun gut. Ich sage ganz unschuldig „Sie sollten einfach das andere Transportteam anrufen. Die haben den Leguan doch jetzt. Wieso fragen Sie denn dort nicht nach?“

Der Herr im weissen Arztkittel reagiert nun zusehends gereizter: „Ja verstehen Sie denn nicht, was passiert ist? Sie haben den Leguan an die Schmuggler oder an was weiss ich für Leute herausgegeben! „

Ich gucke sehr betreten. „Das tut mir leid! Aber das konnte ich doch nicht wissen. Diese Leute sagten mir, sie seien Amtspersonen!“

Verärgert verlässt der Herr mitsamt den beiden Gorillas und dem Käfig meine Wohnung. Ganz besonders scheint er zu bedauern, dass er den seltenen Leguan nicht werde sezieren können! Ich bin schockiert. „Aber der Leguan überlebt seine Verletzungen doch sicher!“ „Ja, vielleicht. Das ist aber unwahrscheinlich! Und wenn er überlebt hätte, hätten wir ihn in eine Kolonie zu anderen Leguanen gebracht, damit sie ausgewildert werden. Das wäre für ihn sicher das Beste gewesen!“

Mit letzterem hat der Herr vielleicht sogar recht – wenn es sich denn bei dem Tier wirklich um einen Leguan gehandelt hätte! Die Vorstellung hingegen, dass der kleine Elie – ein hochintelligenter, sprechender Diplodocus! – sich in einer Gruppe von auszuwildernden, möglicherweise aggressiven Leguanen wiedergefunden hätte, ist geradezu beängstigend!

Noch erschreckender ist allerdings der Gedanke, dass Elie auch auf einem Seziertisch der Pathologie des Herrn im weissen Kittel hätte enden können.

Ich bin daher froh, zur Notlüge gegriffen zu haben.

15. Oktober 2013, 18 Uhr 30

Der Herr im weissen Kittel und seine Gorillas sind weg. Ich habe etwas aufgeräumt und merke erst jetzt, dass über die ganze Aufregung und Sorge mein Rücken ganz schmerzfrei ist. Der Tag hat zumindest eine positive Wendung genommen.

Leider erreiche ich Anatol nicht und er ruft auch nicht an. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als zu warten.

hier kommt die Fortsetzung: Kapitel 11

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Comments

  1. melcoupar says

    Ein schöner Tipp von Marga. Tolle Geschichte, bis hierher habe ich es geschafft … Ich werde weiter lesen und vielleicht freut sich mein Kind auch daran. Lieben Gruss. Melanie

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