1. Kapitel – Mein Butler Anatol

Anatol und Elie sitzen in ihrem Nestchen. Sie haben gerade überhaupt nichts zu tun, und den beiden ist langweilig! Elie fragt schon zum dritten Mal „Nun erzähl uns endlich noch einmal, wie Anatol zu Dir kam! Bitte!!“

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Nicht, dass die beiden die Geschichte nicht schon auswendig kennen – so oft habe ich sie erzählt … aber offenbar ist sie ihnen immer noch nicht langweilig geworden.

Ich fange also an. „Anatol kam im letzten Sommer zu mir. Das wisst Ihr doch schon.“ Anatol brummt „Na klar weiss ich das! Ich war ja dabei.“ Elie quengelt „Aber ich war noch nicht hier! Ich möchte es so gern noch einmal hören.“

„Im letzten Sommer waren Tonio, Noah und ihre ganze Katzenfamilie schwer krank und mussten gepflegt werden. Weisst Du noch, Anatol? Ich hatte hier eine richtige Tierklinik aufgemacht. Alle Katzen lagen krank in ihren Bettchen und Körbchen und brauchten Medikamente… soviele Patienten konnte ich ja unmöglich allein versorgen. Deshalb brauchte ich dringend Unterstützung! Ich wusste nur nicht, woher die Hilfe kommen sollte.“

An einem Nachmittag war ich in der Stadt unterwegs, und da sah ich plötzlich ein Ladenlokal, das ich noch nicht kannte. „Dinosaurier-Stellenvermittlung“ stand in großen bunten Buchstaben über der Tür. Ich war neugierig geworden! Ich drückte die Tür auf, die sich mit einem melodischen Glockenklang öffnete, und trat ein. Gleich sah ich mich von kleinen samtigen Wesen umgeben, die alle aufgeregt durcheinanderredeten.

Schnell war klar, dass es sich um Stoffdinosaurier auf Arbeitssuche handelte. Das kam mir recht – denn ich brauchte ja Hilfe. Die Dinosaurierdame, die den Laden offensichtlich leitete, fragte mich, was für einen Saurier ich denn suchte? Ich meinte, ich suche eigentlich gar keinen Dinosaurier (das sei mir jedenfalls bisher nicht in den Sinn gekommen), sondern einen Butler. Eine vielseitige Haushaltshilfe, die verantwortungsbewusst und in Eigeninitiative für all das sorge, worum ich mich nicht kümmern könne, und die immer dann da sei, wenn sie gebraucht werde. Eigentlich dachte ich, dass die Dame mich direkt aus dem Laden hinauskomplimentieren würde – schließlich war meine Anfrage ja fast schon frech. Aber nein – sie zückte eine Art mobiles Dino-Pad, öffnete eine Datei und gab ein paar Suchworte ein. Dann sagte sie bedauernd: „Schade. Der für Sie geeignete Kandidat hat soeben eine neue Stelle angetreten. Er ist nicht mehr verfügbar. Allerdings denke ich, dass seine Leistungen Ihre finanziellen Mittel wohl bei weitem überschritten hätten.“ Diese Äußerung fand ich ein wenig unverschämt und wollte gerade etwas anmerken – da fuhr sie fort „Nun, leider haben wir keinen anderen Bewerber, der für Sie in Frage käme. Es tut mir leid. Auf Wiedersehen!“

Ich war enttäuscht. Gerade hatte ich mich mit dem Gedanken angefreundet, einen kleinen Hausdinosaurier einzustellen. So schnell wollte ich nicht aufgeben! „Sie werden mir doch nicht sagen wollen, dass hier unter all den Bewerbern niemand sein soll, der bei mir den Haushalt führen kann! Das kann ich mir nicht vorstellen.“

Sie druckste etwas herum – irgendetwas wollte sie offenbar lieber für sich behalten – aber da sie sah, dass ich nicht locker ließ, sagte sie schließlich „Nun ja, wir hätten da noch den einen Butler-Anwärter. Allerdings …“

„Was allerdings? Sie haben da also noch einen Butler, der eine Stelle sucht! Das ist doch wunderbar!“

Sie wollte nicht recht mit der Sprache heraus, entschied sich aber doch, mir reinen Wein einzuschenken. „Der Bewerber ist ein wenig …. originell. Wir konnten ihn bisher nicht erfolgreich vermitteln. Wenn Sie Überraschungen mögen, könnte es aber sein, dass er für Sie möglicherweise doch geeignet wäre.“

Nun war mein Interesse geweckt. „Was meinen Sie mit Überraschungen?“ fragte ich.

„Unser Bewerber ist, sagen wir mal … etwas eigenwillig. Er ist leider bisher nie länger als zwei Wochen in einem Dienstverhältnis geblieben. Wir glauben, dass er die passende Arbeit einfach noch nicht gefunden hat.“

Das hätte mir eigentlich zu denken geben sollen. Stattdessen hörte ich mich sagen „Ich nehme ihn. Also – ich stelle ihn ein. Was kostet die Vermittlung?“ Die Dame sah mich mit großen Augen an und beeilte sich zu sagen „Die Vermittlung ist in diesem Fall natürlich vollkommen kostenlos! Sie können Ihren neuen Dienst-Saurier auch sofort mitnehmen. ANATOL!!!!!“ rief sie dann laut.

Ein kleines, flaumiges, ganz grünes Wesen krabbelte aus einer Nische hervor, wo es offenbar bisher in einem Körbchen gedöst hatte, und rieb sich die Augen. Verdutzt sah es mich an. „Sie wollen MICH einstellen?“ fragte es. Und dann: „Sie haben gerade die beste Entscheidung Ihres Lebens getroffen. Ich bringe exzellente Zeugnisse und Empfehlungen mit und bin seit Jahrhunderten in den besten Familien angestellt.“  Es guckte freundlich, aber auch ein bisschen spitzbübisch. „Ich heisse Anatol. Zu Ihren Diensten!“

Da eine Gebühr nicht anfiel, und die Vermittlungsdame angeblich noch viel zu tun hatte, wurden wir schnell aus dem Laden entlassen (etwas sehr schnell, hatte ich das Gefühl), und ich stand mit meinem neuen Haus-Dinosaurier auf der Straße. Er hüpfte mit einem Satz direkt in meine Tasche und meinte „Lass uns bloss hier abhauen! Bin ich froh, da raus zu sein!“

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So kam Anatol zu mir. Und er ist nicht nur zwei Wochen geblieben.

Hier geht es weiter zu Kapitel 2

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Comments

  1. Andrea says

    Liebe Susanne
    ich finde es so toll, wie du die Geschichte von Anatol erzählst. Ich freue mich auf weitere Geschichten.
    Liebe Grüße
    Andrea

    • majorneryz says

      Liebe Andrea, vielen lieben Dank! Ich freu mich sehr, dass die Geschichten Dir gefallen!
      Es kommen auch noch neue 🙂
      Liebe Grüße!
      Susanne

  2. Jinghu says

    Hi meine Liebe, das ist ja süß! Bravo und hoffentlich bald eine neue Folge 🙂
    Möge die Muse dich weiterhin so effizient küssen :-)))

    • majorneryz says

      Danke Dir 🙂 Das freut mich sehr!

      Ja, es kommen noch viele Folgen, hier ist ja andauernd was los 😉

  3. says

    Ich fühle mich jetzt schon verzaubert. Es ist, als hätte ich das nächste Gutenachtgeschichtenbuch gefunden, mit dem Bonus, dass es kein Ende hat. Zumindest keines in Sicht ist.
    Danke!

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